1Startnummer 2013Startnummer2013CHF 16.00Von der Kunst des langen LebensVon der Kunst des langen LebensLanglebigkeit istke...
2 Startnummer 2013Dr. Carla del Ponte, 66 Julia Onken, 71Prof. Dr. Peter Gross, 72Prof. Dr. Gerald Hüther, 62Brigitte Hier...
3Startnummer 2013und wie sie mit geistiger Zugriffigkeit,mit Freude und Dankbarkeit täglich ihrLeben leben. Sie erzählen v...
4 Startnummer 20135	 TitelthemaLanglebigkeit ist keine KrankheitJulia Onken8 	 Interview		 Emil Steinberger: ich lebe in d...
5Startnummer 2013Nachdem ich meinen 60. Geburtstag hintermich gebracht hatte, dachte ich, nun hät-te ich den Schritt ins A...
6 Startnummer 2013Unter keinen Umständen. Mein Ent-schluss stand fest: Ich will zu unsererFreundin Pia nach Frankreich, in...
7Startnummer 201365 und so weiter Titelthemaaussagen, die Frau da sei ohne Licht un-terwegs gewesen, hat die Aussage einer...
8 Startnummer 2013Emil Steinberger, was ist Ihnen an Ihrem Geburtstag beim Er-wachen in den Sinn gekommen?Ich dachte „Hall...
9Startnummer 2013Als frei schaffender Künstler unterliegen Sie keinem Pensio-nierungszwang und Ihre Arbeit gibt Ihnen stän...
10 Startnummer 2013„Jaaa, dann werde ich jassen und einWeinlein trinken.“ Ist das nicht Ver-schwendung von Lebenszeit, wen...
11Startnummer 2013à pointWelches Buch beschäftigt Sie derzeit?Das Buch „Die Nimmersatten“. DieWahrheit über das System ARD...
12 Startnummer 2013Als die Wechseljahre näherrückten, wur-de mir von allen Seiten her eingeredet,ich hätte mich auf viel U...
13Startnummer 2013Vom Glück der SchlaflosigkeitEin Kopfkissenbuch für wache NächteOrell Füssli (€ 19,90).alt für den Arbeit...
14 Startnummer 2013Freud und Leid sind in jeder Lebenspha-se gleich verteilt. Glücksfall meint imZusammenhang mit der Zuna...
15Startnummer 2013Peter Gross,wurde 1941 in St. Gallenkappel geboren. Er besuchte die Schulen im Toggenburg.Nach dem Studi...
16 Startnummer 2013Glücksfall SchweizEin Glücksfall ist schliesslich auch dieDrei Säulen- Altersversicherung in derSchweiz...
17Startnummer 201365 und so weiter PorträtCarla Del Ponte: Eine Frau, die nie aufgibtVon Meta ZweifelWird ihr Name genannt...
18 Startnummer 2013Porträt 65 und so weitersich hinter der Maske des Biedermannesversteckt. Oder auch die blanke Men-schen...
19Startnummer 201365 und so weiter PorträtCarla Del Ponte,Im Namen der Anklage.Meine Jagd auf Kriegsverbrecher unddie Such...
20 Startnummer 2013Philosophie 65 und so weiterDas Leben ist eine Reise, so heisst es. Wirsind unterwegs. Es sind untersch...
21Startnummer 2013Die persönliche Weltsicht reflektierenPsychologische Untersuchungen zumProzess der Sinnfindung haben gez...
22 Startnummer 2013Neurowissenschaft 65 und so weiterVon der Kunst älter zu werden, ohne dabei imGehirn einzurostenVon Ger...
23Startnummer 2013Abnutzungserscheinungen und Defektenkommen. Diese im normalen Betriebs-modus des Körpers unvermeidbaren,...
24 Startnummer 2013So glauben die meisten Menschen nochheute, dass es ganz natürlichen Abnut-zungs- und Degenerationsproze...
25Startnummer 2013was er übersieht, worum er sich kümmertund was ihm kalt lässt.Die im Laufe des bisherigen Lebens voneine...
26 Startnummer 2013Neurowissenschaft 65 und so weitersie das in Büchern und von Ratgebern soempfohlen bekommen, sondern we...
27Startnummer 2013Gerald Hüther, geb. 1951 in Em-leben/Thüringen, Dr. rer. nat. Dr. med.habil. ist Professor für Neurobiol...
28 Startnummer 2013Die Psychotherapeutin und AnalytikerinIngrid Riedel kommt am Anfang ihres Bu-ches „Die innere Freiheit ...
29Startnummer 201365 und so weiter BücherVelma Wallis, die Autorin der Erzählung„Zwei alte Frauen“, wurde1960 in eineFamil...
30 Startnummer 2013Angstmacher AlzheimerIch habe einen wiederkehrenden Albtraum. Ich stehe ineiner Telefonzelle. Ich rufe ...
31Startnummer 201365 und so weiter Mathias Jung liest geradein Anzugtaschen, ja sogar zwischen Fontanes Werkausgabe ver-st...
32 Startnummer 2013Mathias Jung liest gerade 65 und so weiterCornelia StolzeVergiss AlzheimerDie Wahrheit über eine Krankh...
33Startnummer 2013DER AUGUST Erich KästnerNun hebt das Jahr die Sense hochund mäht die Sommertage wie ein Bauer.Wer sät, m...
34 Startnummer 2013Schon die Vermutung, ein 70-jährigerMensch sei mit grosser Wahrscheinlich-keit nicht mehr oder nicht me...
35Startnummer 201365 und so weiter AltersdiskriminierungUnerträglicher Wechsel der PerspektiveDas nachfolgende Beispiel is...
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  1. 1. 1Startnummer 2013Startnummer2013CHF 16.00Von der Kunst des langen LebensVon der Kunst des langen LebensLanglebigkeit istkeine Krankheitemil steinbergerIch lebe in der Gegenwartcarla del PonteEine Frau, die nie aufgibt65 und so weiter
  2. 2. 2 Startnummer 2013Dr. Carla del Ponte, 66 Julia Onken, 71Prof. Dr. Peter Gross, 72Prof. Dr. Gerald Hüther, 62Brigitte Hieronimus, 62Emil Steinberger, 80Prof. Dr. Anton E. Brunner 67Dr. Eckart Ruschmann, 71 Dr. Mathias Jung, 72Autoren 65 und so weiterUnsere Autorinnen und Autorenin dieser AusgabeMenschen, die etwas zu sagen haben:623Jahre Erfahrungskapital
  3. 3. 3Startnummer 2013und wie sie mit geistiger Zugriffigkeit,mit Freude und Dankbarkeit täglich ihrLeben leben. Sie erzählen von privatenErlebnissen und Erfahrungen, von ihrenberuflichen oder künstlerischen Fachbe-reichen, von ihren Beziehungen, von öf-fentlichen Engagements, von Liebe undSexualität. Der Irrtum, die Alterskeulestrecke einen Menschen gnadenlos zuBoden und mache ihn zum gesellschaft-lichen Auslaufmodell, wird gründlichwiderlegt. Und ist es nicht so, dass lang-lebige Menschen als einzige legitimiertsind, über diese Lebensphase wirklichGültiges auszusagen?Lassen Sie sich von GENERATION SU-PERIOR inspirieren. Wir freuen uns aufIhre Reaktionen.HerzlichJulia OnkenDas Alter wird flächendeckend in düs-teren Farben illustriert. Da spricht manvom bedrohlichen demographischenWandel, von der Gefahr der Überalte-rung der Gesellschaft, vom Ausblutender Sozialwerke, die von den Rentnernunbekümmert geplündert würden, vonden explodierenden Kosten im Gesund-heitswesen – und alles verursacht vonden Alten.Überdies spriessen die angeblich durchdas Älterwerden bedingten Krankheitenförmlich aus dem Boden. Der Eindruckentsteht, ab Alter 60 gingen die meistenMenschen an Krücken, seien vergesslichund hätten völlig die Orientierung verlo-ren. So wird eine Zielgruppe entwickelt,die als genereller Krankheitsstand lukra-tiv bewirtschaftet werden kann. Wer mit70 Jahren mit Leidenschaft einer berufli-chen Tätigkeit nachgeht und genau daszur Geltung bringt, was er oder sie schonseit Jahrzehnten mit Hingabe ausgeübthat, sieht sich einem Fragenkatalog aus-gesetzt, den er selbst nicht beantwortenkann: Was, Sie sind in Ihrem Alter immernoch aktiv? Was, Sie sind immer noch be-rufstätig? Wie, Sie sind immer noch fit? Sooder ähnlich klingt es. Man könnte nunHerzlich willkommen,liebe Leserinnen und Leser!Julia OnkenHerausgeberineinfach zurückfragen: “Weshalb eigent-lich nicht?“ Aber solche Fragen nervenauch – denn sie enthalten meist die omi-nöse Floskel „immer noch.“Das Magazin GENERATION SUPERIORwill nicht in diesen trübseligen Schwa-nengesang auf das Älterwerden einstim-men, sondern im Gegenteil einen ande-ren Ton anschlagen und zeigen, dass dieRealität anders und vor allem vielfältigerist. Langlebigkeit ist grundsätzlich keineKrankheit. Für einen grossen Teil der Ge-sellschaft gehören die späten Jahren zuden glücklichsten des Lebens. Die vielengelebten Jahre werden als Zugewinn anLebensqualität empfunden, das Erfah-rungskapital erschliesst Lebensgesetz-mässigkeiten und ermöglicht Übersichtund Gelassenheit. Menschen, die aufein langes Leben zurückblicken können,sind mit einem Baum zu vergleichen,dessen prächtiger Stamm fest und tief inder Erde verwurzelt und dessen Baum-krone voll entfaltet ist.Im Magazin GENERATION SUPERIOR,das ich Ihnen hier vorstellen möchte,kommen Menschen mit reicher Lebens-erfahrung zu Worte. Sie berichten, wiesie die Erntezeit ihres Lebens gestalten65 und so weiter Editorial
  4. 4. 4 Startnummer 20135 TitelthemaLanglebigkeit ist keine KrankheitJulia Onken8 Interview Emil Steinberger: ich lebe in der Gegenwart Meta Zweifel12 Kolumne Vom leisen Glück der Schlaflosigkeit Brigitte Hironimus14 Essay Alter – Glücksfall oder Katastrophe? Peter Gross17 Porträt Carla Del Ponte: eine Frau, die nie aufgibt Meta Zweifel 20 Philosophie Unterwegs zur Weisheit? Eckart Ruschmann22 Neurowissenschaft Von der Kunst älter zu werden, ohne dabei im Gehirn einzurosten Gerald Hüther28 Bücherseite Wer liest, weiss mehr Meta Zweifel30 Mathias Jung liest gerade Vergiss Alzheimer Mathias Jung33 Poesie Erich Kästner: Der August Meta Zweifel34 Altersdiskriminierung Ganz klar Altersdiskriminierung A. E. Brunner38 Generationensprung Reflexionen übers Älterwerden Julia Onken / Christine Maier40 Projekt Alter Alter als Entwicklungsfeld Meta Zweifel 44 Rund um Alltagsfragen Beratung und Begleitung Julia Onken 47 Vorschau · Im Garten der Freundschaft · Pensioniert. Was nun? · Liebe. Sinnlichkeit. Sexualität · Die liebe FamilieInhalt 65 und so weiter
  5. 5. 5Startnummer 2013Nachdem ich meinen 60. Geburtstag hintermich gebracht hatte, dachte ich, nun hät-te ich den Schritt ins Alter geschafft. Nichtnur würdevoll, sondern gleichsam mit Pau-ken und Trompeten. Mein Verlag C.H. Becksponserte ein grosses Geburtstagsfest auf ei-nem Bodensee-Schiff. Und so wurde ich aufden Wellen des Sees bei strahlendem Son-nenschein und bester Laune von weiblichenHundertschaften in einen neuen Lebensab-schnitt begleitet: In mein Alter. Gleichzeitigerschien mein neuestes Buch mit dem Titel„Altweibersommer“.Es wäre glatt gelogen, würde ich sagen,diese Altersschwelle Marke 60 habemich stark beschäftigt. Vielleicht gele-gentlich, nachts, da beschlich mich dasunangenehme Gefühl, nun doch zumso genannten alten Eisen zu gehören.Doch bis zum Morgengrauen war alleswieder vergessen, und ich genoss dasfrühmorgendliche Katzenwohlgefühl,sich reckend, streckend und wohligschnurrend dem neuen Tag entgegen zugehen und sich schaffensfroh vielfältigenAufgaben widmen zu dürfen.Überdies stellte ich beglückt fest, dassmein Denken eine neue Qualität ge-wonnen hatte. Ich hatte das Gefühl, denEindruck, gesellschaftspolitische undpsychologische Lebenszusammenhängein einer neuen und grösseren Dimensionüberblicken und verstehen zu können.Auch meine Leistungsfähigkeit im Sinneder intellektuellen Produktivität nahmzu. Was sollte ich mir mehr wünschenwollen?So verbrachte ich denn äusserst ange-nehme Jahre, zumal ich beruflich selb-ständig war und mich nicht mit der Frageeiner Altersgrenze befassen musste. Eskam auch keineswegs zu einer Reduk-tion des Arbeitspensums, im Gegenteil:Die Anfragen für Vorträge, Textbeiträge,TV-Talks und anderes mehr nahmen zu.Sorgfältig konnte ich das auswählen, wasmich thematisch am meisten interessier-te. Das Alter war für mich kein Thema– und wenn doch, dann empfand ich eseher als erstklassigen Logenplatz.Dann stand unversehens der siebzigsteGeburtstag vor der Tür. „Schatz“, frag-te mich mein Lebenspartner, 59, „wiemöchtest Du diesen runden Geburtstagfeiern?“ Und meine Töchter wollten wis-sen, ob sie ein grosses Zelt ordern soll-ten, um möglichst viele Gäste darin un-terbringen zu können. Die Vorstellung,als 70-Jährige gefeiert zu werden, löstebei mir Panik und Entsetzen aus. 70, die-se Zahl bedeutete den definitiven Eintrittin die Eiszeit. In ein graues Abseits, wohinter jeder Ecke Krankheiten lauern,wo künstliche Hüftgelenke und Kniepro-thesen wie Kaminfeuer-Holz aufgesta-pelt auf chirurgischen Spitalabteilungenauf ihren baldigen Einsatz warten, undwo sich Demenz wie düstere Nebel-schwaden allmählich auf mentalen grü-nen Wiesen ablagert. Und all das sollteAnlass sein für eine Feier?65 und so weiter TitelthemaLanglebigkeit ist keine KrankheitVon Julia Onken
  6. 6. 6 Startnummer 2013Unter keinen Umständen. Mein Ent-schluss stand fest: Ich will zu unsererFreundin Pia nach Frankreich, ins Land-hausparadies, weitab von allem. Ich willnicht gefeiert werden, sondern will michin eine Region zurückziehen, wo dieelektrischen Leitungen in den Dörfernan krummen Pfählen herunterbaumeln.Dorthin, wo die Natur wild durcheinan-der wuchert, plötzlich mitten an einemWegstück ein kleiner Bach vor sich hinplätschert und ebenso jäh wieder ir-gendwohin unterirdisch verschwindet.Wo die Häuser nicht sauber verputztsind, sondern eher verschlafen vor sichhindösen. Wo die Vögel morgens umvier Uhr vergnügt zwitschern, der Uhusehnsuchtsträchtig ruft und Märchenwäl-der von alten Zeiten erzählen. Hier willich im kleinen Freundeskreis mit Rober-to und Jean-Pierre feiern. Mit Menschen,die mir ein Leben lang Weggenossenwaren. Meine Wünsche gingen in Er-füllung. Schöne, besinnliche Tage, guteGespräche, ein kleines festliches Essen.Rundum gut.Aber kaum zurück in der Schweiz, wurdeich vom Strassenverkehrsamt schriftlichaufgefordert, mich einem ärztlichen Ge-sundheitstestzuunterziehen.Obwohlichschon im Bekanntenkreis von dieser Ver-fügung erfahren hatte, erwischte es michkalt. Das hiess nun also, dass die medizi-nische Überprüfung ermitteln sollte, obbei mir noch alle Tassen im Schrank unddas Gehör und das Sehvermögen nochausreichend intakt seien und ich alsoden verkehrstechnischen Anforderungennoch genügen könne. Weiss man doch,dass Hochbetagte gelegentlich schwereVerkehrsunfälle verursachen.Dennoch war es ein beklemmendes Ge-fühl, die mentale Leistungsfähigkeit unterBeweis stellen zu müssen. Dass schonwenige Tage nach diesem amtlichenAufruf eine unangenehme Erfahrung aufmich wartete, konnte ich nicht ahnen.Nach einem Vortrag fuhr ich nachtsheimwärts. Auf der Hauptstrasse, weni-ge Meter nach der Grenze Österreich-Schweiz, rammte mich ein Auto, dasaus einer Einfahrt Richtung Strasse ge-lenkt wurde. Ach, dachte ich, so ist dasalso, wenn es ordentlich kracht. Bisherwar ich während 50 Jahren überall undquer durch Europa völlig unfallfrei ge-fahren – ich hatte mir einzig beim Par-kieren ein paar Dellen eingehandelt. Inmeinem Jaguar fühlte ich mich immer sogeschützt wie in einem Panzer – und tat-sächlich konnte ich völlig unversehrt ausmeinem Wagen steigen, obwohl dieserderart lädiert war, dass an eineWeiterfahrt nicht zu denkenwar. Dem anderen Autoentstiegen vier junge Männer, alle etwa20 Jahre alt. Keiner von ihnen hatte auchnur einen Kratzer abbekommen.Das Ganze hatte sich direkt vor denAugen eines Polizisten abgespielt, ernahm sich denn auch sofort der Sachean. Für mich war die Lage in Bezug aufdie Schuldfrage eindeutig. Zum Glückwar niemand verletzt worden, es gabalso keinen Grund zur Aufregung. Ichsetzte mich am Strassenrand auf einenStein, der von der Sommerhitze nochangenehm erwärmt war und wartete ab.Erstaunt beobachte ich jedoch, wie dievier jungen Männer aufgeregt miteinan-der diskutieren, einige hatten ihre Han-dys am Ohr. Der Grund für diese Hektikwurde bald deutlich: Der Mann, der amLenkrad gesessen hatte, kam zu mir hinund teilte mir mit, dass ich Schuld habeam Zusammenstoss. Ich sei ohne Lichtgefahren, seine drei Kumpels könntendies bezeugen.Die Taktik der jungen Leute wurde mirsofort klar: Wenn vier ZwanzigjährigeTitelthema 65 und so weiter
  7. 7. 7Startnummer 201365 und so weiter Titelthemaaussagen, die Frau da sei ohne Licht un-terwegs gewesen, hat die Aussage einerSiebzigjährigen geringe Chancen. Nichtwahr, in diesem Alter kann es schon vor-kommen, dass man vergisst, das Lichteinzuschalten. In diesem Alter nimmtder Grad der Zurechnungsfähigkeit ebenmerklich ab. Ich realisierte, dass sich daeine Katastrophe anbahnte – zum Glückkam mir der Polizist zu Hilfe. Er kündig-te an, die paar Meter zur Zollstelle zu-rück zu gehen und die Foto beschaffenzu wollen, die beim Grenzübergang au-tomatisch von der Video-Überwachunggemacht worden sei. Nach wenigenMinuten lag das Beweisstück vor: MeinWagen war vorschriftsgemäss beleuch-tet gewesen, mich traf keine Schuld.Ich war erleichtert, aber voll Schreckenverstand ich, wie rasch ein Mensch dis-qualifiziert und diskriminiert werdenkann – auf Grund seines äusseren Er-scheinungsbildes, seiner ethnischen Zu-gehörigkeit – oder eben auch auf Grundseines höheren Lebensalters.Dieses Erleben hat mein Denken verän-dert. In den folgenden Wochen las ichmich quer durch die Altersliteratur, vorallem aber recherchierte ich in meinemUmfeld. Immer wieder stiess ich auf Bei-spiele, die zeigten, wie ältere Menschenmit offensichtlicher oder versteckter Ab-wertung entwürdigt werden. Besonderskränkend sind die Beispiele aus demBerufsalltag. Weshalb sollte das Erfah-rungskapital eines Menschen von ei-nem Tag auf den andern auf null sinken,wenn er das 65. Altersjahr erreicht hat?Ich begriff, dass Bilder unser Denkenbeeinflussen und wie eine Hirnwäschewirken: Mit 65 ist, salopp gesagt, derOfen aus.Dieses Denkschema erinnerte mich anein ähnliches Muster. Vor 30 Jahren be-griff man die Wechseljahre einer Frau alsJahre der Abdankung und des Rückzugs.Die Sachbuchliteratur äusserte sich ge-nau in dieser Richtung. Als damals 42-Jährige war ich jedoch nicht bereit, die-se Thesen einfach so hinzunehmen – ichroch den Braten, ich nahm den Geruchder Diskriminierung wahr. So begannich denn, das Feld der Wechseljahr-Vor-urteile durchzupflügen und deutlich zumachen, dass die Frau keine Fehlkons-truktion ist. Ich darf sagen, dass es mirgelungen ist, vielen Frauen die Sinn-haftigkeit der Wechseljahre und ihrerVeränderungen verständlich zu machenund ihnen eine neue Lebensperspekti-ve zu zeigen: Wechseljahre sind keineKrankheit, sondern Auftakt zu einer neu-en, anderen Phase der Fruchtbarkeit.Mit diesem widerständigen Denkansatzhabe ich gute Erfahrungen gemacht undviele Menschen zum Umdenken ange-regt. Jetzt geht es mir darum, den Prozessdes Alterns in ein neues Licht zu stel-len, auf neue Weise zu analysieren unddeutlich zu machen, dass Langlebigkeitkeine Krankheit ist, sondern Auftakt fürneue Herausforderungen und neue Ein-sichten.
  8. 8. 8 Startnummer 2013Emil Steinberger, was ist Ihnen an Ihrem Geburtstag beim Er-wachen in den Sinn gekommen?Ich dachte „Hallo, heute ist doch etwas Bestimmtes los. MeineGüte, ich werde ja 80. Aber was hat diese Zahl denn mit mirzu tun?“Sie konnten die Zahl 80 mit Ihrem Lebensgefühl nicht wirklichin Einklang bringen?Ja, so kann man das sagen. Kürzlich bin ich von einer Zeitunggebeten worden, mich zu einer Umfrage zu äussern, bei der esum das Thema „70 ist heute 50“ ging. Ich sollte sagen, welcheVorzüge mir das Alter im Vergleich zu früheren Lebensjahrenbringe und was ich „schöner“ fände als noch vor Jahrzehnten.Und überdies sollte ich erklären, was alles ich unternehme, umjung zu bleiben. Ich habe der Redaktion mitgeteilt, dass ichmich an der Umfrage nicht beteiligen wolle, weil mich derarti-ge Fragen überhaupt nicht beschäftigen. Ich lebe in der Gegen-wart und bin der, der ich gerade jetzt bin.Sie lassen sich nicht von Zukunftsängsten belasten?So ist es, weder halte ich mich mit Vorwärts- oder Rückwärts-gedanken auf, noch verschwende ich Zeit für Anstrengungen,mich jung zu halten. Ich möchte gesund bleiben und arbeitenkönnen, selbstverständlich – aber dieses krampfhafte Bemühenums Jungbleiben, das ist doch schrecklich. Viele Leute küm-mern sich eifrig um ihre körperliche Fitness, und allzu wenigedenken darüber nach, wie sie ihr Leben gestalten wollen, wennsie nicht mehr im Berufsleben stehen. Sie nehmen nicht wahr,dass sie auf ein tiefes Loch zusteuern, in das sie unweigerlichfallen werden, wenn sie sich nicht vorsehen. Mein Hausarzt hatmir erzählt, dass er schon bei vielen Lebensverläufen von Pati-enten feststellen konnte, dass sie bald nach dem Übertritt in diePensionsphase an körperlichen Beschwerden oder depressivenVerstimmungen zu leiden begannen.Der Gewinn an frei verfügbarer Zeit wird häufig nicht als Ge-schenk empfunden?Selbstverständlich möchte ich nicht verallgemeinern. Ichkann jedoch beobachten, dass viele ältere Menschen aufInteressen oder Aktivitäten verzichten, weil sie den Eindruckhaben „dafür bin ich zu alt, da passe ich doch nicht mehrhin.“ Es handelt sich hier um einen schweren Denkfehler,der vertieft diskutiert werden müsste. Ein einfaches Beispielfür diesen Denkfehler und seine Folgen: Ein älterer Mann er-zählte mir, dass er sich eigentlich sehr für Filme interessiere.Aber er gehe dennoch nicht ins Kino. Weshalb nicht? „Weilim Kino so viele junge Leute sind.“ Viele Ältere ärgern sichüber gewisse Herabsetzungen und Diskriminierungen, diesie erleben müssen – und übersehen völlig, dass sie sich oftselbst diskriminieren.ICH LEBE IN DER GEGENWARTEmil Steinberger, als Kabarettist und Autor seit Jahrzehntenschon eine viel geliebte Schweizer Institution, konnte imJanuar 2013 seinen 80. Geburtstag feiern. Hat Steinbergerdiesen Tag als wichtige Wegmarke empfunden? Was gehtin ihm vor, wenn über Themen wie Älterwerden, Alter undAbschied gesprochen wird? Generation Superior war mitdem „Lachtzigjährigen“ im Gespräch.Interview 65 und so weiter
  9. 9. 9Startnummer 2013Als frei schaffender Künstler unterliegen Sie keinem Pensio-nierungszwang und Ihre Arbeit gibt Ihnen ständigen An- undAuftrieb. Wie würden Sie sich wohl fühlen, wenn Sie seinerzeitAngestellter der Post geblieben und heute als Leiter einer Post-filiale im Ruhestand leben würden?Schon als ich 27 Jahre alt war, sah ich den mögli-chen Verlauf meines Berufslebens voraus: Ichwürde jeden Abend Geld zählen, Bilanz-blätter ausfüllen, alles kontrollieren, denKassenschrank schliessen, meinen Kittelvom Haken nehmen und nach Hausegehen. Vor diesem Gleichmass hat-te ich Angst. Ich war mir sicher:Das konnte nicht mein Lebensein. Neulich sagte mir einBankfachmann: „Emil, jetztmuss ich nur noch acht Jahremachen, dann werde ich pensioniert – nur noch acht Jahre.“ Ichfragte ihn, was er denn danach zu machen gedenke. Nach Spa-nien werde er gehen, dort habe er sich schon lange eine Woh-nung gekauft. „Und was machstDu dann in Spanien?“,fragte ich weiter..65 und so weiter InterviewZVG.
  10. 10. 10 Startnummer 2013„Jaaa, dann werde ich jassen und einWeinlein trinken.“ Ist das nicht Ver-schwendung von Lebenszeit, wenn manJahr für Jahr auf die Pensionierung undein vielleicht freundliches, aber gleich-förmiges Rentnerleben wartet?Ebenso tragisch ist es, wenn leistungs-fähige und erfahrene Berufsleute aus-gemustert werden, weil sie das Alter 50überschritten haben.Der Spruch, jede Krise sei auch eineChance, trifft zwar nicht in jedem Fallzu. Aber mir ist jüngst in Deutschlandeine interessante Geschichte erzähltworden. Ein im oberen Kader beschäf-tigter Angestellter eines grossen ame-rikanischen Konzerns wurde zu einerBesprechung eingeladen. Nach fünfMinuten wurde ihm gesagt, dass manseine Dienste nicht mehr benötige undihm noch 15 Minuten gewährt würden,um sich von seinen Mitarbeitern zu ver-abschieden. Der Mann verliess also dasGebäude, ging nach Hause, legte sichschlafen. Am andern Tag stand er wiegewohnt auf und kleidete sich mit Hemdund Krawatte genau so wie für den Be-rufsalltag. Dann richtete er sich ein klei-nes Zimmer so ein, dass es als Büro die-nen konnte – und begann unverzüglich,sich als Unternehmensberater zu etab-lieren. Dass er heute ein erfolgreicher,selbständiger Berufsmann ist, mag einbisschen wie ein Märchen klingen. Be-merkenswert ist immerhin die Botschaft:Keine Zeit mit Selbstmitleid verschwen-den, sich nicht fallen lassen, sondernsich auf die eigenen Stärken besinnen.Bei solch einem Entscheid wie auchbei der Tages- und Wochenplanung istaber immer auch ein grosses Mass anSelbstdisziplin nötig. Besonders allein-stehende Menschen laufen Gefahr, sichmehr und mehr zu vernachlässigen undin mehrfacher Weise in einen Zustandder Unordnung zu geraten. Was ich sa-gen will: Als älterer Mensch, der nichtmehr voll im Arbeitsprozess ist, mussman sich schon im Griff haben.Immer wieder wird gesagt, mit zuneh-mendem Alter müsse man lernen, „los-zulassen.“ Gibt es Dinge,die Sie bewusstund gerne loslassen?Nun ja, manchmal erlaube ich mir, dieaktuelle Zeitung beiseite zu legen underst tags darauf zu lesen. Oder ich sageda oder dort nein zu einer Einladung,einem Anliegen oder zur Aufforderung,ein Referat zu halten - und darf wissen,dass ich mir mit dieser Absage nichtschade. Und wenn dann jemand vonmir enttäuscht ist, kann ich damit leben.Übrigens reagiere ich auch immer dannablehnend, wenn man mich bittet, vonmeinen Lebenserfahrungen zu berich-ten. Ich mag das nicht, denn da werdenmoralische Leitsätze erwartet – ich willdoch keine Emil Steinberger-Richtlinienanbieten!Die kluge Frau Marie von Ebner-Eschen-bach hat gesagt, das Alter verkläre oderversteinere den Menschen.Beide Tenden-Keine Zeit mit Selbstmitleidverschwenden, sich nichtfallen lassen, sondern sichauf die eigenen Stärkenbesinnenzen sind bei Ihnen nicht festzustellen.Der Alltag gibt mir täglich Aufgaben,die gelöst werden wollen. Neue Aufga-ben, neue Themen und Ideen hindernmich daran, zu verklären oder zu ver-steinern.Ich überlege mir übrigens oft, wie sichdas Zusammenleben bei Paaren gestaltet,wenn der Mann voll in der Computerweltaufgeht und die Frau ganz andere Inter-essen hat, sodass sich die Partner über-haupt nicht austauschen können. Es sagtsich so leicht, in einer Paargemeinschaftmüsse man immer wieder miteinanderreden. Aber wenn der Funke fehlt......Manchmal fehlt es allerdings beim Ge-spräch auch an einem inneren beteiligtSein. Da will der eine etwas erzählen,und der andere unterbricht ihn sofort,etwa mit den Worten „fängst du schonwieder damit an“ oder „du erzählst auchimmer wieder das Gleiche.“Dass ich derart aktiv sein darf, hat ganzwesentlich damit zu tun, dass ich mitmeiner Frau Niccel in einem ständigenDialog stehe und meine Gedanken beiihr auf ein lebhaftes Echo stossen.<http://www.emil.ch/> Hier auch Anga-ben zu Emil und Niccel Steinbergers Buch-programm, zur CD-Reihe und zu Auftritten.Neu: Emil Steinberger, „Lachtzig“, erschie-nen im Knapp Verlag und Niccel Steinber-ger „Mein Humorbuch“ (Edition E).Interview 65 und so weiter
  11. 11. 11Startnummer 2013à pointWelches Buch beschäftigt Sie derzeit?Das Buch „Die Nimmersatten“. DieWahrheit über das System ARD undZDF“ aus demVerlag eichborn. Der Au-tor Hans-Peter Siebenharr beschreibt,wie die beiden Fernsehanstalten finan-ziell „wursteln“.Was halten Sie von Sport?Nichts gegen Sport. Aber Ich kennenicht wenige Leute, die immer Sportgetrieben und sogar am New York-Marathon mitgemacht haben. Sie lebenheute mit Ersatzgelenken. Wenn dasein erstrebenswertes Ziel sein soll...alsoich weiss nicht.Während sechs Jahren haben Sie in denUSA gelebt. Welches amerikanischeGericht vermissen Sie am meisten?Als ich mit meinem Sohn Philipp zweiWochen lang auch in ländlichen Ge-genden in Amerika unterwegs war, stell-te ich fest: Die Speisekarte ist überalldie gleiche, immer wieder Hamburger,immer wieder Caesar’s salad. In Aspenentdeckten wir dann ein Schweizer Lo-kal. Das war ein Gefühl, als seien wir inder Wüste nach langem endlich wiederauf Wasser gestossen.Haben Sie eineReise-Wunschdestination?Nein, ich bin weder strandmässig ver-anlagt noch wild auf Exotik. Reizenwürde mich allenfalls eine ausgedehn-te Reise durch Amerika. Die Routensind klar angelegt, man findet überallUnterkunft, die Bekleidung spielt kei-ne Rolle. Diese Unkompliziertheit istschon sehr angenehm.Wie entspannen Sie sich am besten?Mir genügt schon die Zeitungslektüremit der Fülle von Informationen aus al-ler Welt. Die Teilnahme am Welttheaterbietet mir ausreichend Ablenkung.65 und so weiter InterviewZu Emil Steinberger Auf Emil Steinbergers Lebensbühne ereignet sich mitinteressanten Szenenwechseln immer wieder Spannendes. Neues. Aus dem 1933geborenen Emil wurde zunächst ein Postbeamter, der allerdings früh schon mitKabarett-Programmen wie „Emil’s Neid-Club“ oder „Onkel Emil’s Hütte“ auf sichaufmerksam machte. Rundum gab es Kopfschütteln, als Steinberger seine sichereBeamtenstelle aufkündigte und sich an der Schule für Gestaltung in Luzern zumGrafiker ausbilden liess. Grafikatelier, 1967 Gründung eines Kleintheaters, 1970wurde aus Emil Steinberger „der“ EMIL, Tournee mit dem Circus KNIE, Haupt-rolle im erfolgreichen Schweizer Film „Die Schweizermacher“ – was immer EmilSteinberger anpackte, wurde zum Erfolg und erntete über die Landesgrenzenhinaus grossen Applaus. 1993 entschloss sich Steinberger, die Schweizer Zel-te hinter sich abzubrechen und in den USA als Mr. Nobody ein Sabbatjahr zuverbringen. Schon bald war er jedoch wieder in interessante Projekte verwickelt– zum lebensentscheidendsten Projekt und zum Glücksfall wurde die Heiratmit seiner Frau Niccel, der Lachforscherin und Autorin. Mit dieser Frau, die Emilliebevoll als Kostbarkeit bezeichnet, gründete er im Jahr 2000 die Edition E, „denVerlag für gute Unterhaltung“. Sein aktuelles Bühnenprogramm „Drei Engel“wurde zum anhaltenden Erfolg.Zum Geheimnis dieses sich ständig multiplizierenden Steinberger-Erfolges gehörtwohl, dass immer spürbar wird: Da gebärdet sich einer nicht als Wichtigtuer, erverfällt nicht in Masslosigkeit. Er ist kein intellektueller Fertigmacher, sondern hateinen gut entwickelten Sinn für Mitmenschlichkeit. Weil er gross ist, muss EmilSteinberger nicht „der Grösste“ sein.ZVG.
  12. 12. 12 Startnummer 2013Als die Wechseljahre näherrückten, wur-de mir von allen Seiten her eingeredet,ich hätte mich auf viel Ungutes gefasstzu machen: Ich sei im Begriff, zu einemlaunischen und lustlosen Neutrum zumutieren, bachnass verschwitzt und al-les andere als erotisch. Will ich Medien-berichten und den Prognosen mancherAltersforscher Glauben schenken, steheich mit zunehmendem Alter vor einemzweiten Abgrund. Schreckensszenarienwie Demenz, Altersarmut, Alzheimerund Aufbewahrungsanstalten, die sichAlters- und Pflegeheime nennen, lassennicht ein einziges positives Bild in miraufsteigen.Viele langlebige Menschen tragen zumbestürzend negativen Bild des Alters bei.Sie berichten in aller Ausführlichkeit vonihren Gebrechen, als da sind Gicht, Os-teoporose, Diabetes und Bluthochdruckbis hin zu Krebs und Herzleiden. Befasstman sich näher mit der Lebensgeschichtedieser Menschen, ist oft von Kriegszeiten,von Entbehrungen und Existenzkämpfendie Rede - zumal in jenen Ländern, indenen der 2. Weltkrieg ganz unmittelbargewütet hat. In vielen Seelen hat er Ver-letzungen hinterlassen, die nie ganz ver-heilt sind und sich nun im hohen Alterals Krankheiten bemerkbar machen.Zum Glück beginnt man nun doch, daund dort differenzierter zu denken undzum Beispiel von den „jungen Alten“ zusprechen. Von den Menschen, die sichim Vorruhestand oder auch schon imRentenalter befinden, deren Fähigkei-ten aber noch gebraucht werden. Noch?Was ist damit gemeint? Noch nicht zuKolumne 65 und so weiterVom leisen Glück der SchlaflosigkeitVon Brigitte Hieronimus
  13. 13. 13Startnummer 2013Vom Glück der SchlaflosigkeitEin Kopfkissenbuch für wache NächteOrell Füssli (€ 19,90).alt für den Arbeitsmarkt? Vor allem dann nicht, wenn Wissenund Können ehrenamtlich zur Verfügung gestellt werden, wennder Senior sich bei einem Entwicklungshilfe-Projekt engagiertoder eine Seniorin in Kindergärten die Rolle einer Vorlese-Omaübernimmt? Noch nicht zu alt für den Kauf von Aktien, für Lu-xus-Kreuzfahrten oder fürs Mitmachen bei einer Ü 60 Party?Noch nicht zu alt für eine Hüftoperation oder ein Lifting?Gut denn, noch sind wir nicht pflegebedürftig, noch fallen wirunseren Kindern nicht zur Last. Noch leben wir. Aber da sindjene Nächte, in denen wir lange nicht einschlafen können oderaufwachen und uns vermeintlich endlos lange schlaflos im Betthin und her drehen.Schlaflosigkeit als GeschenkSchlaflosigkeit wird als Belastung empfunden, ist aber wie Lang-lebigkeit keine Krankheit, sondern ein ganz natürlicher Prozess.Ab Alter 50 nimmt die Schlaftiefe ab, der Schlaf wird fragiler.Was am Tag beschäftigt, taucht in der Stille der Nacht wiederauf und will durchdacht werden. Ist das Alter 60 erreicht, neh-men die Pflichten des Alltags meist ab – und ungeahnte Kapa-zitäten werden frei. Zwar mag man nicht mehr wie ein jungerHüpfer die Treppe hochjagen, das Hirn dagegen ist lebendigund wendig. Schlaflosigkeit macht Sinn, schenkt sie uns dochZeit zum Nachdenken, Überlegen und Planen. Wachsein in derNacht macht wach für Fragen, die im Tagesverlauf zu kurz kom-men. Wie alt möchte ich werden? Mit wem möchte ich meinespäten Jahre verbringen? Wie steht es um meine geistige Schaf-fenskraft? Nutze ich sie? Was sollte ich aufgreifen und was eherloslassen? Welche familiären „Gallensteine“ liegen auf meinemWeg? Wie sieht die Bilanz meines derzeitigen Lebens aus?In einer schlaflosen Nachtstunde können wir uns auch eine Fra-ge stellen, die manchmal promininenten Gesprächspartnernreiferen Alters am Ende eines Interviews gestellt wird: Wel-cher Satz auf dem Grabstein würde mein Wesen am ehestencharakterisieren? „Sie hat viel geliebt und viel gelacht“? Oder„Geschuftet bis zum Umfallen?“ Wie auch immer: SchlafloseStunden machen uns bewusst, dass es lohnend ist, die eigeneBiographie näher anzuschauen. Plötzlich entdeckt man Pas-sagen, die noch längst nicht verdaut und verarbeitet sind undman überlegt sich, wie Verhärtungen aufgelöst werden können.Die gut genutzte schlaflose Stunde kann deutlich machen, dassmanche Irrtümer notwendig waren, weil sie uns zu unsereminnersten Wesenkern geführt haben. Oder wir erkennen, dassdiese oder jene leidvolle Enttäuschung die Folge einer Selbst-täuschung war.Die Dunkelheit der Nacht, die schlaflose Stunde kann zu mehrLicht und Klarheit verhelfen und uns erkennen lassen, dass dieErnte unseres Lebens uns dazu aufruft, geistiges Saatgut neuauszusäen. Wir sind unterwegs, um uns mit uns selbst zu be-freunden, zu leben und zu lieben.Brigitte Hieronimus:Mi. 05.03.14, 14 UhrVortrag – Sein Leben im Rückblick verstehenVom Gewinn der individuellen LebensernteFrauenseminar Bodensee, RomanshornDi. 26.11.13, 9.45 – 17 15.UhrSeminar – Miteinander im Gespräch bleibenFrauenseminar Bodensee, Romanshorn65 und so weiter Kolumne
  14. 14. 14 Startnummer 2013Freud und Leid sind in jeder Lebenspha-se gleich verteilt. Glücksfall meint imZusammenhang mit der Zunahme vonalten Menschen in unserer Gesellschafteinige Errungenschaften, die gerne über-sehen werden.Bemerkenswert ist zunächst, dass so vie-le Menschen so gut alt werden können.Zu verdanken ist dies besseren Lebens-umständen, einer gesünderen Ernäh-rung und einer im Vergleich zu früherenEpochen geradezu imposanten medizi-nischen Versorgung. Ein Büblein, das.heute bei uns zur Welt kommt, hat eineLebenserwartung von fast 80 Jahren, einMädchen hat Aussicht auf bald 90 Le-bensjahre.Die gestiegene Lebenserwartung bringtes mit sich, dass noch nie so viele Kin-der ihre Grosseltern oder sogar ihre Ur-grosseltern gekannt haben wie heute.Die Anzahl der gleichzeitig lebenden,einander überlagernden Generationensteigt, die Zahl der Mitglieder der Fami-lie pro Generation sinkt aufgrund kleine-rer Geschwisterzahlen.Von dieser Konstellation können auchdie jungen Menschen profitieren. Siesollten bedenken, dass die Pensionier-ten weiterhin Steuern zahlen und immermehr Erwerbstätige und -willige überihr AHV-Alter hinaus beruflich tätig unddamit ab einem bestimmen EinkommenAHV-pflichtig sind. Allerdings wird mitder hohen Lebenserwartung der Erbgang- in der Schweiz werden jährlich gegendreissig Milliarden Franken vererbt – zueiner Verlagerung von Geldmitteln vonHochbetagten zu ebenfalls schon betag-ten Menschen. Das Geld, das die Jungenfür die Lebenshaltung, die Ausbildungder Kinder oder auch den Erwerb einesHauses gebrauchen könnten, wechseltdie Taschen erst dann, wenn Erblasserund Erben beide schon alt sind. Dieslässt sich allerdings korrigieren, wennEltern ihren Kindern dann Geld zukom-men lassen, wenn sie dies auch wirklichnötig haben.Es ist nicht abzustreiten, dass nicht allealten Menschen vermögend sind, son-dern dass es auch Altersarmut gibt. DasArmutsrisiko trifft jedoch heute mitWucht vor allem viele junge Familien.Eine Hilfe können ihnen gebensfrohealte Menschen sein, die weder mit Zeitnoch mit Geld geizen und sie grosszügigbegleiten.Dann ist der «Glücksfall Alter» auch einGlücksfall für die Jungen. Und vielleichtweist ihnen das Beispiel der Alten danneinmal den Weg, wenn sie selbst älterund alt werden.Neue HerausforderungenDass sich mit einer alternden Bevölke-rung neue Herausforderungen stellen,versteht sich.In der Tat: Die gewonnenen Jahre sindmit Fragezeichen versehene leere Seiten.Und leere Seiten machen Angst. AberTränen über vergangene Zeiten helfennicht weiter. Man muss lernen, Neu-es zu entdecken. Literatur, Musik. DieSchönheiten der Natur! Das Nachlassender Körperkräfte hat auch seine Vorteile.Altern - Katastrophe oder Glücksfall?Von Peter GrossDas Idealbild des Menschen ist, obwohl wir immer älter werden, nachwie vor der junge Mensch. Das Alter hingegen wird in ein apokalypti-sches Licht getaucht. Neulich hat in einer grossen Tageszeitung einekroatische Literatin beklagt, dass die allgemeine Verlängerung des Le-bens weltweite Verwerfungen zur Folge habe, die schlimmer seien alsdie Erderwärmung. Was soll am Alter positiv sein? Was gar Glücksfall?Essay 65 und so weiter
  15. 15. 15Startnummer 2013Peter Gross,wurde 1941 in St. Gallenkappel geboren. Er besuchte die Schulen im Toggenburg.Nach dem Studium an den Universitäten Zürich und Bern und der Promotion zumDr.rer.pol. arbeitete er zwanzig Jahre in Deutschland, zuletzt als Professor an derUniversität Bamberg.Von 1989 bis 2006 hatte er den Lehrstuhl für Soziologie an der Universität St.Galleninne. Seit seiner Emeritierung ist er als Autor und Publizist tätig. Er ist Mitglied vonPEN-International.Weithin bekannt geworden ist Peter Gross durch seine Bücher. „Die Multioptionsge-sellschaft“ ist sein bekanntestes, „Jenseits der Erlösung. Die Wiederkehr der Religionund die Zukunft des Christentums“ sein umstrittenstes Buch. Mit dem Alter, seinempersönlichen „neuen Lebensabschnittspartner“, befasst er sich zusammen mit KarinFagetti im Buch „Glücksfall Alter“. Es ist beim Herder-Verlag soeben in einer Ta-schenbuchausgabe im 18. Tsd. erschienen.65 und so weiter EssayLangsamkeit lässt sich entdecken, Liebeneu sehen. Die Besänftigung der Leiden-schaften ist auch eine Befreiung.Philia und Agape, die freundschaftlicheund die karitative Liebe, bereichern dasAlter - gerade in einer Welt, in der Lie-be häufig auf nackte Sexualität reduziertwird.Die private Lebensführung ist überhauptein gewaltiges neues Experimentierfeld.Die für moderne Gesellschaften typischeIndividualisierung erhält mit der Pensio-nierung noch einmal einen Schub. Dieerwerbswirtschaftlichen Regulierungendes Lebens und des Miteinanders fal-len weg, der alternde Mensch ist in eineneue Freiheit entlassen. Nicht wenigefallen allerdings in ein Loch. Einer Um-frage zufolge würden übrigens mehr alsdie Hälfte der Pensionierten gerne weiterarbeiten, wenn sie einen adäquaten Ar-beitsplatz hätten. Andere wiederum sindfroh, aus dem Arbeitsprozess aussteigenzu können erfreuen sich der gewonne-nen Freiheiten.
  16. 16. 16 Startnummer 2013Glücksfall SchweizEin Glücksfall ist schliesslich auch dieDrei Säulen- Altersversicherung in derSchweiz. Zu häufig wird, was ihre Zu-kunft betrifft, die Rechnung ohne denWirt gemacht: Nämlich ohne die kom-menden Generationen, die ebenfalls altwerden wollen und die ihre Antwortenauf die finanziellen Herausforderungengeben werden. Zum Beispiel durch dieÖffnung der Lebensarbeitszeit nach obenund die Harmonisierung der Altersstruk-turen in Wirtschaft und Gesellschaft.Das massenhafte Altern in modernenGesellschaften hat indes noch einenprinzipiellen, einen modernitätsgemäs-sen Sinn. Der Planet Erde trägt derzeitsieben, bis zum Ende des 21. Jahrhun-derts zehn Milliarden Menschen. Er istübergewichtig. Dieser Zustand erfordert,um die Hungernden zu ernähren, eineWeltmässigung. Europas demographi-sche Entwicklung verhilft dazu. Überallin der modernen Gesellschaft werdenRufe zur Askese und zum Verzicht laut.Du musst Dein Leben ändern – dieserBuchtitel von Peter Sloterdijk bringt dasUnbehagen an einer sich beschleuni-genden und irgendwie richtungslos aus-einanderlaufenden Gesellschaft, die alseinzigem Gott dem Wachstum huldigt,auf den Punkt.Zeit für GelassenheitWer altert, wird skeptisch gegen überzo-gene Heilserwartungen. Die Resistenzgegenüber Perfektions- und Vollendungs-vorstellungen dämpft die Hoffnungen aufeine irdische Seligkeit. So lange im vor-wärtsdrängenden Leben mitgeeifert undmitgekämpft wird, fehlt jene Musse, die imAlter in so reichem Masse vorhanden ist.Jeweils in den Ferien in den südlichenGegenden Europas sieht man auf denDorfplätzen Gruppen von älteren Män-nern sitzen, die gelassen das geschäftigeTreiben ihrer Landsleute und der Touris-ten betrachten. Das Leben auf dem Dorf-platz bekommt einen Schutzschirm ver-passt, den die älteren Dörfler bilden. Dasblosse Dasein älterer Menschen formtOrte der Stille. In modernen Gesellschaf-ten bilden sich mit ihrem Älterwerdenzunehmend solche Oasen der Ruhe aus.Es geht nicht um Grabesruhe, sondernum Zeiten der Nachdenklichkeit und derReflexion.Di. 15.10.13, 14 Uhr,Vortrag – Wir werden älter.Vielen Dank. Aber wozu?Frauenseminar Bodensee, Uster Prof. Peter GrossNeurowissenschaft 65 und so weiter
  17. 17. 17Startnummer 201365 und so weiter PorträtCarla Del Ponte: Eine Frau, die nie aufgibtVon Meta ZweifelWird ihr Name genannt, wird fast gleichzeitig ihre Funktionals ehemalige Chefanklägerin für Ex-Jugoslawien beim UN-Tribunal in Den Haag erwähnt. Nachdem Carla Del Ponte2008 zur Schweizer Botschafterin in Argentinien berufenund im Frühjahr 2011 in den Ruhestand getreten war, mein-te die in aller Welt bekannte Juristin, nun finde sie wohlausreichend Zeit, um sich aufs Golfspielen zu konzentrieren.Weit gefehlt: Von der UNO wurde sie im September 2012in die Kommission berufen, welche die Kriegsverbrechenund die Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelnsollen, die in Syrien begangen werden.Die Redewendung „ich bin ganz Ohr“nimmt in Carla Del Ponte gleichsam Ge-stalt an: Die Frau blickt ihrem Gegenüberfest in die Augen und hört ihm dann mithöchster Intensität zu, sie ist ganz Ohr.Die Pressefotos, welche die weltweit be-kannte Frau oft mit zusammengekniffe-nen Augen, gerunzelter Stirn oder einemübellaunigen Gesichtsausdruck zeigen,werden ihr nicht gerecht: Dieses Gesichtkann liebenswürdig lächeln, seine leb-hafte Mimik macht es zu einer interes-santen und ausdrucksstarken Landschaft.Und Carla Del Pontes kehlige Stimme,die ist unverwechselbar – von der Schär-fe eines exzellenten Gewürzes, das dieQualität einer Speise hervorhebt.Wir sitzen uns in einem Solothurner Re-staurant gegenüber. Am Abend zuvor hatCarla Del Ponte vor der Akademie derGenerationen in einem Vortrag von ih-rer Tätigkeit am Internationalen Strafge-richtshof in Den Haag berichtet, von denKriegsverbrechern, die damals propergekleidet vor ihr sassen und durchauswie Durchschnittsmenschen aussahen,„mit Krawatte und so.“ Das Grauen, das
  18. 18. 18 Startnummer 2013Porträt 65 und so weitersich hinter der Maske des Biedermannesversteckt. Oder auch die blanke Men-schenverachtung in der Robe des Vertei-digers, der bei der Zeugeneinvernahmeeiner sechzehnmal vergewaltigten Frauvorwirft, die genaue Zahl der Vergewal-tigungen sei nicht präzise nachweisbar,weil sich die Frau ja nicht nach jedemAkt habe waschen können. Gräuel allerArten, Gruben voll von verwesenden Lei-chen: Wie kann man da standhalten, wiegeht man in der Erinnerung mit solchenSchreckensbildern um? Wie gut, dassCarla Del Ponte sich weder in die Poseder emotionalen Heroin noch in jeneeines unter der Last der Verantwortungächzenden weiblichen Sisyphos begibt.Ganz schlicht sagt sie: „Mein Bestrebengeht dahin, möglichst vielen Opfern zuGerechtigkeit zu verhelfen. Wir könnenwohl nicht ermessen, wie wichtig diesauch für die Hinterbliebenen ist, derenAngehörige ermordet worden sind.“Jägerin auf der Suche nach GerechtigkeitDie 66-jährige Carla Del Ponte, dieschon bedroht, bespuckt und verhöhntworden ist, verfügt über ein erstaunlichesMass an Unerschrockenheit. Dass dieseEigenschaft bereits in Kinderjahren mani-fest wurde, wird in Del Pontes Buch „ImNamen der Anklage“ deutlich. „Schonals Kind jagte ich zusammen mit meinenBrüdern Schlangen: Vipern und anderegiftige Arten, die in den Wäldern und anden felsigen Kalksteinhängen nahe desOrtes lebten, in dem wir aufwuchsen“.Der Ort im Tessiner Maggia-Tal heisst Bi-gnasca, die Eltern Del Ponte führten dortein kleines Hotel. Die Schlangenfängerinund ihre Brüder spürten mit dem vierbei-nigen Hunde-Experten Cliff die Schlan-gen auf. Diese wurden dann in mit Luft-löchern versehenen Schuhschachtelnnach Locarno in ein medizinisches La-bor gebracht, das Schlangenserum her-stellte. Der Schlangendeal und die Bahn-fahrten nach Locarno flogen schliesslichauf - und mit den satten Prämien von 50Franken pro Giftschlange war es aus.Mit liebevollem Respekt erzählt Car-la Del Ponte von ihrer Mutter Ange-la: „Ohne ihre Unterstützung wäre ichwohl nie über die Grenzen meines Hei-matkantons Tessin hinausgekommen.“Mamma Angela versicherte der kleinenCarla, dass sie immer dann mit mütter-licher Unterstützung würde rechnenkönnen, wenn sie sich selbst treu bleibeund sich nach ehrlicher Selbstbefragungim Recht fühle. Carla wurde Anwältin,Staatsanwältin, Bundesanwältin, UN-Chefanklägerin. Die Frau, die in einemVortrag auch durchaus die eine oder an-dere unterhaltsame Anekdote einfliessenlassen und von den eleganten Handküs-sen des einstigen französischen Staats-präsidenten Jacques Chiracs erzählenkann, wurde wegen ihres Kampfes gegenGeldwäsche, organisierte Kriminalität,Waffenschmuggel und Wirtschaftskrimi-nalität als „Carla la Pesta“ beschimpftoder später als Hure bezeichnet. CarlaDel Ponte kann standhalten, auch dann,wenn Kollegen oder andere Fachperso-nen vom sicheren Büroschreibtisch ausVorhaltungen machen oder ihr einenHang zur Selbstdarstellung nachsagen.„Immer, wenn ich unter Druck stand,Gefahr auf mich zukommen sah odermich durch Kritik verletzt fühlte, habeich mich gefragt, ob ich wirklich glaubte,im Recht und der Wahrheit treu zu sein.Und wenn ich dies mit Ja beantworten
  19. 19. 19Startnummer 201365 und so weiter PorträtCarla Del Ponte,Im Namen der Anklage.Meine Jagd auf Kriegsverbrecher unddie Suche nach Gerechtigkeit(Fischer Taschenbuch)konnte, spürte ich den Rückhalt meinerMutter, und das gab mir Kraft“, schreibtDel Ponte in ihrem Buch.der nicht enden wollende KampfSyrien, ein im Wortsinn schrecklichesThema. Verbrechen auf Seiten des Re-gimes, aber auch auf Seiten der regie-rungsfeindlichen Gruppen, Morde, Fol-ter, Vergewaltigungen, Plünderungen,Flüchtlingselend: Man hört davon in denNachrichten, sieht grässliche Bilder inder Tagesschau – und reagiert wie dieSchnecke, die erschreckt ihre Fühler ein-fährt und sich ins sichere Schneckenhauszurückzieht. Carla Del Ponte und das Er-mittler-Team haben Zeugenaussagen ge-sammelt, sie selbst hat mit Deserteurengesprochen, deren Aussagen mithelfenkönnen, hohe politische und militärischeVerantwortliche zu identifizieren. „Wirhaben in unseren Büros in Genf sehr vielBeweismaterial beisammen. Nun wartenwir ab, bis der Sicherheitsrat oder dieinternationale Gemeinschaft den Ent-scheid trifft, dass sich in Den Haag einTribunal damit beschäftigt.“ Die Juristinund Gerechtigkeitssucherin Del Ponte istwieder einmal an einem Punkt ange-langt, an dem sie warten muss, bis diezuständigen Stellen reagieren und dasihre dazu beitragen, dass Unrecht alsUnrecht deklariert wird. Ist diese Ver-zögerung nicht ungemein belastend?„Ja, es ist frustrierend, dass unsere Ar-beit bis jetzt keine gerichtlichen Folgenhatte. Ich hoffe wirklich, dass es bald zueiner gerichtlichen Lösung kommt, seidies ein ad hoc Tribunal oder der Inter-nationale Gerichtshof. Es eilt, denn derKrieg in Syrien dauert nun schon seitzwei Jahren, und jedenTag werden neueVerbrechen begangen.“Carla Del Ponte strahlt Stärke und Ener-gie aus und wirkt – der Ausdruck seierlaubt – erstaunlich unversehrt. Aller-dings hat auch sie schon die Selbstbe-herrschung verloren. Dann, als sie, dieehemalige UN-Chefanklägerin, ausrief“Wo ist er, der gerechte Gott?“ Milose-vic, der grausame Despot aus Ex-Jugosla-wien, der Menschen zu Tausenden hatteabschlachten lassen, wurde als Häftlingmedizinisch einwandfrei betreut undkonnte in seinem Bett sterben. Wo ist er,der gerechte Gott? – eine uralte Mensch-heitsfrage.Was macht, dass diese starke Frau nichtin Resignation versinkt? „Wissen Sie, ichhabe mich immer in Bescheidenheit ge-übt. Ich weiss, dass ich die Welt nichtretten kann. Mit meinem Streben nachGerechtigkeit werde ich auch nie in derLage sein, der Welt zu Frieden zu ver-helfen – immerhin ist es uns seinerzeitgelungen, 161 hohe politische und mi-litärische Verantwortlich aus Ex-Jugosla-wien zu verhaften, ihnen den Prozess zumachen und sie zu verurteilen. Wichtigist, dass man sich bemüht, dass man ver-sucht, Schritt für Schritt auf dem rich-tigen Weg voranzukommen. Jeder vonuns muss an der Stelle, an der er sich be-findet, für mehr Gerechtigkeit kämpfen.“Carla del Pontes dunkle Augen blitzen:„Man darf nie nachlassen, nie aufgeben.Man muss immer weitermachen!“
  20. 20. 20 Startnummer 2013Philosophie 65 und so weiterDas Leben ist eine Reise, so heisst es. Wirsind unterwegs. Es sind unterschiedlicheZiele, die uns auf unserem Lebenswegmotivieren, und sie verändern sich imLaufe unseres Lebens, erhalten verschie-dene Prioritäten, ihr Stellenwert wirdanders. So ist das Erreichen einer gutenberuflichen Position für viele Menschenein wichtiges Lebensziel, und der Berufkann einen bedeutsamen Beitrag zur Le-benszufriedenheit leisten. Nicht umsonstwird deshalb die Beendigung der beruf-lichen Tätigkeit oft als ein schwierigerÜbergang geschildert. Gibt es dann neueZiele, die sinnvoll erscheinen?In meiner langjährigen Tätigkeit im Be-reich des Seniorenstudiums habe ich im-mer wieder erlebt, wie befriedigend essein kann, sich mit neuen Themen zu be-schäftigen bzw. solche, die früher einmalwichtig waren, wieder aufzunehmen,ohne dass dies einem äußeren Zweckdient, ganz nur den eigenen, persönli-chen Interessen folgend. Diese könnensich z.B. auf die Philosophie richten, diePsychologie, Religionswissenschaft oderSpiritualität, Literatur, Kunst usw.Es gibt ein relativ neues psychologischesForschungsgebiet, die empirische Weis-heitsforschung, die gerade zum Themader Lebensziele wichtige und interes-sante Beiträge geliefert hat. So wurdeMenschen eine Frage gestellt, die ichhiermit auch an Sie richte: Kennen SiePersonen, die Sie als weise bezeichnenwürden?Fast jeder kann diese Frage mit ‚Ja’ be-antworten. Oft sind bzw. waren es ältereMenschen aus dem Kreis der Verwand-ten oder näheren Bekannten – und siezeigten Merkmale, Fähigkeiten und Cha-raktereigenschaften, die als besonderswertvoll eingeschätzt werden. ‚Weisheit’unterscheidet sich deutlich von blo-ßem Faktenwissen - so ist ein zentralesKennzeichen prozessuales Wissen, einWissen in Bezug auf grundlegende Fra-gen des Lebens (nach der Definition dessogenannten Berliner Weisheitsparadig-mas, entwickelt von der Gruppe um deninzwischen verstorbenen AltersforscherPaul Baltes).Weisheit ist gesammelte LebenserfahrungZur Weisheit gehört weiterhin ein ho-hes Maß an Wissen über die Bedeutungvon Lebenskontexten, unterschiedlicheLebensphasen mit ihren spezifischenGewichtungen bestimmter Erfahrungs-bereiche.Auch Wissen um die generelle existenti-elle Unsicherheit des menschlichen Le-bens und ein gutes, angemessenes Um-gehen damit kennzeichnet Menschen,die als weise eingeschätzt werden.Und ein weiteres, von der Berliner For-schergruppe formuliertes Merkmal be-trifft die Werte: Weise Personen wissen,dass Menschen unterschiedliche Werteund Ziele haben, und gerade deshalbschätzen sie die orientierende Wirkungvon Werten sehr hoch ein. Sie stehen zuihren eigenen Werten und ermutigen an-dere zu einer werteorientierten Lebens-führung, ohne dabei moralisierend oderbelehrend zu wirken. Solche Menschenwerden auch gerne aufgesucht, wennman einmal Rat braucht, aber nicht ineine bestimmte Richtung ‚geschoben‘werden möchte.So ist verständlich, dass diese Weis-heitsqualitäten als ein besonderes undhohes Lebensziel bezeichnet werden,das seine Bedeutung über die gesamteLebensspanne behält. „Unterwegs zurWeisheit“ zu sein bedeutet, den Prozessdes lebenslangen Lernens und Reifensimmer wieder als Freude und Befriedi-gung zu empfinden, nicht als auferlegtePflicht.Wenn wir uns in dieser Weise in einemständigen Prozess befinden, könnenauch unsere Beziehungen lebendig underfüllend bleiben, und wir erhalten unsdie Möglichkeit, auch in höherem Alterneue Kontakte anzuknüpfen. Gerade inZusammenhängen gemeinsamen Ler-nens und Forschens, wie im Senioren-studium oder sonstigen Fortbildungen,konnte ich miterleben, wie sich Kontakteund Freundschaften entwickelten.So werden die Möglichkeiten, ein ‚gelin-gendes Leben’ zu führen, nicht weniger,sondern eher mehr. Empirische Studienhaben gezeigt, dass Menschen im bes-ten Fall mit steigendem Alter eine immerhöher ansteigende Lebenszufriedenheiterfahren.Unterwegs zur WeisheitEckart Ruschmann
  21. 21. 21Startnummer 2013Die persönliche Weltsicht reflektierenPsychologische Untersuchungen zumProzess der Sinnfindung haben gezeigt,dass es gut ist, verschiedene „Sinn-Res-sourcen“ zur Verfügung zu haben. Be-sonders wichtig sind dabei Erfahrungen,in denen wir uns in einen Kontext stel-len, in denen wir Verbundenheit spüren.Man kann sie als ‚Transzendierungser-fahrungen’ beschreiben, wir überschrei-ten die engen Grenzen des eigenen Ich,des Ego.Die ‚Richtung’ dieser Erweiterung undVertiefung des inneren Raumes kanndabei unterschiedlich sein. Eine soge-nannte horizontale Transzendierungs-erfahrung, hin zu anderen Menschenund zur Natur, kann ergänzt und ver-tieft werden durch die Öffnung zu einertranszendenten (spirituellen, religiösen)Dimension, bildhaft als vertikale Rich-tung beschreibbar.In Seminaren zur eigenen Lebensphilo-sophie, die ich durchführe, geht es vorallem um die Reflexion der ganz persön-lichen Weltsicht. Nicht immer sind unse-re Konzepte den Erfahrungen angemes-sen - dann ist es möglich, sie zu prüfen,um sie zu vertiefen bzw. zu verändern.Das kann wichtige Lern- und Reifungs-prozesse ermöglichen.Es zeigt sich immer wieder, welch trans-formierende Wirkung die Beschäftigungmit der eigenen Weltsicht haben kann.Aussagen in diesem Kontext haben fürmich philosophische Qualitäten.Vor kur-zem habe ich ein Buch veröffentlicht, indem ich die Erfahrungen aus den philo-sophischen Seminaren der letzten Jahrezusammengestellt habe, mit vielen Bei-spielen von „Laienphilosophen“, wie ichdie Teilnehmer(innen) bezeichne1. Weit-gespannte Konzepte vom Sein und demSeienden gehen dabei Hand in Hand mitGefühlen, die tiefere Aspekte des Seinserschliessen: Achtung, Ehrfurcht, Demut,- und vor allem Liebe.Eckart Ruschmann:Mi. 23.10.13, 9.45 – 17.17 UhrSeminar– Unterwegs zur WeisheitFrauenseminar Bodensee, RomanshornMi. 22.01.14, 9.45 – 17 15.UhrSeminar – Überlegungen zu Geburt und TodFrauenseminar Bodensee, RomanshornWeltanschauungen und Gottesbilder.Reflexionen für (und von) Laienphilosophen.Bielefeld: tao.de 2012 (€ 20,--)www.bodensee-kolleg.chWeltanschauungen und Gottesbilder.www.friedwald.chTelefon 052-741 42 12
  22. 22. 22 Startnummer 2013Neurowissenschaft 65 und so weiterVon der Kunst älter zu werden, ohne dabei imGehirn einzurostenVon Gerald HütherNach landläufiger Meinung ist der menschliche Organismusund mit ihm das Gehirn mit zunehmendem Lebensalterdes Menschen zwangsläufig Verschleisserscheinungenunterworfen. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologiean der Universität Göttingen, folgt dieser mechanistischenSichtweise nicht, sondern öffnet den Blick für ganz neueZusammenhänge.In den hochentwickelten Industriestaatensteigt die Anzahl derjenigen Menschen,die ein hohes Alter erreichen, ohne da-bei dement zu werden. Diese Entwick-lung ist allein mit der Verbesserung derLebensbedingungen und der medizini-schen Versorgung nicht so ohne weitereszu begründen. Denn jene Personen, dieein sehr hohes Lebensalter erreichen,zeichnen sich gegenüber dem Durch-schnitt der Bevölkerung nicht dadurchaus, dass sie ein besonders bequemesLeben in Wohlstand geführt, noch be-sonders intensive medizinische Versor-gungsleistungen in Anspruch genommenhaben. Wer sehr alt wird, verdankt diesalso weder der allgemeinen Verbesse-rung der Lebensbedingungen, noch demmedizinischen Fortschritt. Damit stelltsich die Frage, weshalb es heute bei unsinzwischen so viel mehr hochbetagteMenschen gibt als noch vor 50 Jahren.Im Kontext unserer gegenwärtigen Denk-muster ist diese Frage nur schwer zu be-antworten. Diese Denkmuster sind nochimmer stark geprägt von der in dem letz-ten Jahrhundert entstandenen und in denGehirnen der meisten Menschen nochimmer tief verankerten Vorstellung, dermenschliche Organismus funktioniereso ähnlich wie eine besonders komplexaufgebaute Maschine. Dazu gehört derGlaube, unsere genetischen Anlagenseien – ähnlich wie die Baupläne fürdie Konstruktion von Autos, Waschma-schinen und Flugzeugen – dafür verant-wortlich, dass sich die verschiedenenOrgane und Organsysteme in exakt vor-bestimmter Weise herausbilden. Selbst-verständlich müsste es dann auch opti-malere und weniger optimale Bauplänefür die Entwicklung eines gesunden,leistungsfähigen Organismus geben, undim Verlauf der Nutzung der verschiede-nen Organe und Organsysteme sollte esdann – wie man das bei Maschinen jazur Genüge kannte – zu entsprechenden
  23. 23. 23Startnummer 2013Abnutzungserscheinungen und Defektenkommen. Diese im normalen Betriebs-modus des Körpers unvermeidbaren, beimanchen Personen frü-her, bei manchen späterzutage tretenden Defek-te sollten sich – wie dasauch bei Maschinen derFall war – durch entspre-chende Reparaturen be-heben lassen.So entstand ein medizi-nisches System, das sei-ne vorrangige Aufgabe in der Behebungvon Störungen einzelner Organe undOrganfunktionen sah, die im Laufe desLebens und mit zunehmendem Alter im-mer häufiger auftraten. Dieses von denDenkmustern des Maschinenzeitaltersgeprägte Reparaturdenken beherrschtnoch heute weite Teile unserer medizini-schenVersorgungssysteme. Es war enormerfolgreich und hat dazu geführt, dass diemeisten Menschen nochheute daran glauben,dass alles, was in ihremKörper aus irgendeinemGrund nicht richtig funk-tioniert, irgendwie – wieja auch die meisten Ma-schinen – wieder repa-riert werden könne. Die-se Vorstellung gilt auchfür das kompliziertesteund deshalb wohl auch störanfälligsteOrgan, das wir besitzen: unser Gehirn.65 und so weiter NeurowissenschaftUnsere Denkmuster sind noch immer stark geprägtvon der in dem letzten Jahrhundert entstandenenund in den Gehirnen der meisten Menschen nochimmer tief verankerten Vorstellung, der menschlicheOrganismus funktioniere so ähnlich wie einebesonders komplex aufgebaute Maschine
  24. 24. 24 Startnummer 2013So glauben die meisten Menschen nochheute, dass es ganz natürlichen Abnut-zungs- und Degenerationsprozessen zu-zuschreiben ist, wenn ihr Gehirn im Al-ter zunehmend seine Leistungsfähigkeitverliert. Und sie erhoffen sich von dermedizinischen Forschung, insbesonderevon der Neurobiologie, dass sie Mittelund Wege findet, um diese Leistungsein-bussen zu reparieren.Es gibt freilich auch Erkenntnisse überMöglichkeiten zur Aufrechterhaltunggeistiger Fitness im Alter, die nichts mitReparaturmassnahmen zu tun habenund nicht von wirtschaftlichen Interes-sen geleitet sind. Die Verbreitung sol-cher Befunde ist allerdings nicht ein-fach. Sie passen nämlich nicht so rechtzu den vorherrschenden Denkmusterneiner breiten Öffentlichkeit, und nochfehlen die massgeblichen Multiplikato-ren, die eine weit gestreute Informationermöglichen würden. Aus den erwähn-ten Erkenntnissen lassen sich auch kei-ne Gewinne erzielen, und meist erntetman dafür auch keine besondere Aner-kennung. Oft bestätigen sie das, was diemeisten Menschen bisher ohnehin schongeahnt, wenn nicht gar befürchtet hatten:dass es für die Aufrechterhaltung geisti-ger Leistungsfähigkeit bis ins hohe Altergünstigere und ungünstigere Lebensbe-dingungen, günstigere und ungünstigereLebensstile und Verhaltensweisen, güns-tigere und ungünstigere innere Einstel-lungen und Haltungen gibt.Innere Haltungen,Einstellungen und AusformungenDie äusseren Lebensbedingungen, dieMenschen eines bestimmten Kultur-kreises auf einer bestimmten Stufe ihrerkulturellen, sozialen und ökonomischenEntwicklung vorfinden, sind historischentstanden, und diese „Umwelt“ ist vomEinzelnen kaum beeinflussbar. AberMenschen bewerten bestehende Ver-hältnisse, also die „Umwelt“ in der sieleben, individuell sehr unterschiedlich.Ausschlaggebend für diese subjektivenBewertungen sind die von einer Personim Lauf ihres Lebens unter den jeweilsherrschenden Verhältnissen gemachtenErfahrungen. Es gibt Personen, die imLauf ihres Lebens und unter Umständenschon sehr früh die Erfahrung gemachthaben oder machen mussten, dass sievon anderen abgelehnt oder gar abge-wertet wurden. Ihre Fähigkeiten und ihreLeistungen wurden nicht gewürdigt, imSchulunterricht oder im Beruf erlebten siewenig Freude und in der Arbeit wie auchin ihren Beziehungen konnten sie nurwenig Erfüllung finden. Diese ungünsti-gen Erfahrungen werden zusammen mitden dabei aufgetretenen unangenehmenGefühlen in ihrem Frontalhirn in Formsogenannter erfahrungsabhängig heraus-geformter neuronaler Verschaltungsmus-ter strukturell verankert.Immer wieder in ähnlichen Kontextengemachte Erfahrungen bzw. die da-durch im Frontalhirn stabilisierten Ver-schaltungsmuster verdichten sich dabeizu einer Meta-Erfahrung. Diese nennenwir im Deutschen „Innere Einstellung“oder „Innere Überzeugung“ oder „Hal-tung“. Im Englischen spricht man von„Mindset“.Diese einmal entstandenen und struktu-rell im Frontalhirn verankerten Haltungenund Einstellungen bestimmen anschlies-send darüber, wie die betreffende Personbestimmte, in ihrer jeweiligen Lebensweltvorgefundene äussere Bedingungen künf-tig bewertet - was ihr also gefällt, was sieablehnt, wofür sie sich interessiert undwas ihr wichtig ist, um was sie sich küm-mert und was sie nicht weiter beachtet.Es gibt somit in Wirklichkeit gar keineobjektive „Umwelt“, die das Leben einesMenschen bestimmt. Was wir „Umwelt“nennen, ist immer abhängig von unserersubjektiven Bewertung. Deshalb kanndurch diese „Umwelt“ im Gehirn auchkein „Schalter“ umgelegt werden, derdazu führt, dass ein Mensch seine ange-borene Lust am Lernen und am eigenenDenken verliert. Immer sind es die bisherin einer bestimmten Lebenswelt gemach-ten subjektiven Erfahrungen und die da-raus abgeleiteten subjektiven Bewertun-gen, die darüber entscheiden, was einemMenschen in seiner jeweiligen Lebens-welt bedeutsam und wichtig ist, wofür ersich interessiert, was er wahrnimmt undViele Untersuchungen belegen, dass jeder Mensch eininneres Wissen besitzt. Dieses Wissen umzusetzen fälltvielen Menschen deshalb so unendlich schwer, weil ihreErfahrungen und die daraus entstandenen Haltungen sieblockieren.Neurowissenschaft 65 und so weiter
  25. 25. 25Startnummer 2013was er übersieht, worum er sich kümmertund was ihm kalt lässt.Die im Laufe des bisherigen Lebens voneinem Menschen gemachten Erfahrun-gen und die daraus entstandenen Hal-tungen bestimmen aber nicht nur seineBewertungen all dessen, was in seiner„Umwelt“ geschieht. Sie bestimmenauch sein Denken und sein Verhalten.Es gibt Menschen, die die Erfahrung ma-chen konnten, das sie einen Körper ha-ben, der ihnen wichtig ist, um den siesich kümmern, den sie pflegen und mitdem sie achtsam umgehen können. Sol-che Menschen haben Freude an ihremeigenen Körper und all dem, was sie mitihm machen, was sie von ihm empfan-gen können. Sie lieben es, sich selbst zuspüren und sind empfänglich für die Sig-nale, die aus ihrem Körper kommen. Sielenken ihrVerhalten so, dass sie ein gutesKörpergefühl haben. Das ist das Ergebniseiner Haltung, nicht eines krampfhaf-ten Bemühens. Solche Menschen essennicht mehr, als ihnen gut tut, sie ernäh-ren sich so, dass sie sich in ihrem Körperwohl fühlen. Solche Menschen liebenes, sich bis ins hohe Alter zu bewegenund körperlich fit zu bleiben – nicht weilImmer dann, wenn man sichfür etwas begeistern kann, wirdim Hirn eine Art Giesskanne inGang gesetzt, die einen Düngerfreisetzt, der die im Zustand derBegeisterung besonders intensivgenutzten neuronalen Netzwerkezum Wachsen bringt.65 und so weiter Neurowissenschaft
  26. 26. 26 Startnummer 2013Neurowissenschaft 65 und so weitersie das in Büchern und von Ratgebern soempfohlen bekommen, sondern weil esAusdruck ihrer inneren Haltung ist.Ebenso gibt es Menschen, die die Erfah-rung gemacht haben, dass es ihnen nichtnur gut tut, wenn sie auf ihren Körperachten, sondern dass es auch ein sehrangenehmes und erfüllendes Gefühl ist,wenn sie ihre Beziehungen zu anderenMenschen so gestalten, dass es ihnen –und diesen anderen Menschen – gut tut.Sie suchen nicht ständig an anderen Per-sonen nach etwas, was ihnen widerstrebtund was sie ablehnen. Sie versuchen beidiesen anderen Personen immer wie-der irgendetwas zu entdecken, was siemögen und was ihnen gefällt. In dieserBereitschaft fällt es ihnen leicht, Kon-takte zu knüpfen und gute Beziehungenaufzubauen. Ihre Freundlichkeit und Of-fenheit gegenüber anderen Menschen istkeine krampfhaft eingeübte Verhaltens-weise, sondern Ausdruck einer innerenHaltung, die ihr Verhalten zu diesen an-deren Menschen bestimmt. Diese Hal-tung ist ihnen nicht angeboren, sonderndurch Erfahrungen entstanden.Schliesslich gibt es Menschen, die imLauf ihres Lebens die Erfahrung machenkonnten, dass es ihnen immer wiedergelungen ist, zu verstehen, was inihnen und in der Welt, inder sie leben, geschieht.Meist haben dieseMenschen es auchin schwierigenSituationen ge-schafft, ihreGestaltungs-kraft nichtzu verlieren. Sie sind zu der Überzeu-gung gelangt, dass sie etwas bewirkenkönnen. Und nicht zuletzt haben vieledieser Menschen auch die Erfahrung ma-chen können, dass ihr Leben einen Sinnhat und dass sie einen Beitrag leistenkönnen zu etwas, das grösser und be-deutender ist als sie selbst und dass sieinnerhalb dieses Grossen und Ganzenirgendwie auch gehalten, dass sie davongetragen werden. So ist bei ihnen dieÜberzeugung gewachsen, dass es in die-ser Welt etwas gibt, was sie hält und trägtund ihrem Leben Sinn verleiht. Auch diesist Ausdruck einer Haltung und lässt sichnicht dadurch herbeiführen, dass mankrampfhaft zu meditieren oder zu betenversucht oder sich von spirituellen Leh-rern empfohlene Verhaltensweisen zueigen macht.Was das Einrosten des Gehirns verhindertBemerkenswert an diesen im Lauf desLebens aufgrund der individuell von je-dem Menschen gemachten und im Fron-talhirn verankerten Erfahrungen und derdaraus entstandenen inneren Einstellun-gen, Haltungen und Überzeugungen istder Umstand, dass man sie weder sehennoch messen kann. Sie äussern sich ein-zig in der Art und Weise, wie eine Per-son all das, was ihr im Leben begegnet,bewertet und wie sie sich in bestimmtenSituationen oder im alltäglichen Lebenverhält.Viele Untersuchungen belegen, dass je-der Mensch ein inneres Wissen besitzt.Dieses Wissen umzusetzen fällt vielenMenschen deshalb so unendlich schwer,weil ihre Erfahrungen und die darausentstandenen Haltungen sie blockieren.Es geht um folgendes Grundwissen:Weniger essen und sich sorgfältigüberlegen, was man isst.Sich mehr bewegen und die Mög-lichkeiten zur Steuerung des eigenenKörpers und ebenso der eigenen Be-weglichkeit erkunden.Sich an der Vielfalt und Schönheit derWelt begeistern.Sich die Freude am eigenen Nach-denken, am eigenen Entdecken undGestalten, am Lernen und an der ei-genen Weiterentwicklung nicht durchandere verderben lassen.Sich nicht an dem orientieren, wasandere für wichtig halten, sonderndas zu tun, was man selbst für wichtigerachtet, was einem selbst wirklichgut tut.Sich nicht davon abbringen lassen,nach dem Sinn seines Lebens zu su-chen und ein Leben zu führen, dassdieser Sinngebung entspricht.Beziehungen zu anderen Menschenso zu gestalten, dass man mit die-sen Anderen gemeinsam über sichhinauswachsen kann, statt diese zurStärkung der eigenen Bedürftigkeitauszunutzen.Für all das braucht man keine Medi-kamente, all das geht von ganz allein,wenn man sich öffnet und frei macht, umdas wieder zu finden, was wir im Laufunseres Lebens unter dem gegenwärtig
  27. 27. 27Startnummer 2013Gerald Hüther, geb. 1951 in Em-leben/Thüringen, Dr. rer. nat. Dr. med.habil. ist Professor für Neurobiologiean der Universität Göttingen. In seinerwissenschaftlichen Arbeit befasst ersich mit dem Einfluss früher Erfahrun-gen auf die Hirnentwicklung, mit denAuswirkungen von Angst und Stressund der Bedeutung emotionaler Reak-tionen. In seiner Öffentlichkeitsarbeitgeht es ihm um die Verbreitung undUmsetzung von Erkenntnissen aus dermodernen Hirnforschung. Er verstehtsich als Brückenbauer zwischenwissenschaftlichen Erkenntnissen undgesellschaftlicher bzw. individuellerLebenspraxis. Ziel seiner Aktivitätenist die Schaffung günstigerer Voraus-setzungen für die Entfaltung mensch-licher Potenziale, speziell im BereichErziehung und Bildung sowie auf derEbene der politischen und wirtschaft-lichen Führung.Er ist Autor zahlreicher wissenschaft-licher Publikationen und populärwis-senschaftlicher Darstellungen (Sach-buchautor), Beirat in verschiedenenwissenschaftlicher Gremien undGründer von relevanten Netzwerken.Mehr erfahren Sie unterwww.gerald-huether.deZwei Bücher aus der Publikationsreihe von Gerald Hüther:- Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn- Die Macht der inneren Bilder (beide Verlag Vandenhoeck & Ruprecht,Göttingen).65 und so weiter Neurowissenschaftherrschenden Verhältnissen leider allzuleicht verlieren: die Freude am eigenenEntdecken und Gestalten, die wir alleschon bei unserer Geburt mit auf dieWelt gebracht haben.Es ist nie zu spät für eine neue ErfahrungDie wohl in jeder Hinsicht interessan-te und in seiner Tragweite bisher kaumverstandene Erkenntnis, die die Hirnfor-scher in den letzten Jahren zutage ge-fördert haben, lässt sich in einem Satzzusammenfassen: Unser Gehirn – alsodas komplexe Gefüge von neuronalenVerschaltungsmustern und synaptischenNetzwerken in unserem Gehirn – passtsich immer wieder neu an die Art undWeise an, in welcher Weise und wofürwir es mit Freude und Begeisterung be-nutzen. Immer dann, wenn wir etwaswahrnehmen, erleben, denken oder tun,was uns erfreut oder beglückt, kommtes zu einer Aktivierung der emotionalenZentren in den tieferen Bereichen desGehirns. Dort befinden sich Nervenzell-gruppen mit langen Fortsätzen, die inalle anderen Bereich des Gehirns hinein-greifen und an deren Enden immer dann,wenn diese Nervenzellgruppen aktiviertwerden – wenn wir uns also über etwasfreuen oder von etwas begeistert sind– ein Schwall sogenannter neuroplasti-scher Botenstoffe freigesetzt wird. Dieseneuroplastischen Botenstoffe führen innachgeschalteten Neuronenverbändenzur Aktivierung einer rezeptorvermit-telten intrazellulären Signaltranssoluk-tionskaskade, die bis in den Zellkernhineinreicht und dort die Abschreibungvon DNA-Sequenzen in Gang setzt, ausdenen anschließend Eiweisse gebildetwerden. Diese werden für das Auswach-sen von Fortsätzen, für das Knüpfen unddie Verstärkung synaptischer Kontaktegebraucht.Mit anderen Worten heisst das: immerdann, wenn man sich für etwas begeis-tern kann, wird im Hirn eine Art Giess-kanne in Gang gesetzt, die einen Düngerfreisetzt, der die im Zustand der Begeis-terung besonders intensiv genutztenneuronalen Netzwerke zum Wachsenbringt. Begeisterung ist also Dünger fürsHirn, und wenn der nicht mehr freige-setzt wird, weil man sich für nichts mehrinteressiert, sich an nichts mehr erfreutund sich für nichts mehr begeistert, dannändert sich auch nichts mehr im Hirn.Kleine Kinder begeistern sich noch fünf-zig Mal am Tag. Deshalb können sieauch so viel lernen.Leider bietet die Welt, in der wir leben,für die meisten Menschen bei zuneh-mendem Alter immer weniger Gelegen-heiten für Freude und Begeisterung. Nurwenigen gelingt es, ihre angeborene Ent-deckerfreude und Gestaltungslust bis inshohe Alter zu bewahren. Sie bilden dieAusnahmen. An ihnen müssten wir unsorientieren, von ihnen müssten wir ler-nen, sie müssten wir fragen, wie es ihnengelungen ist, so alt zu werden, ohne imGehirn einzurosten.
  28. 28. 28 Startnummer 2013Die Psychotherapeutin und AnalytikerinIngrid Riedel kommt am Anfang ihres Bu-ches „Die innere Freiheit des Alterns“ aufdiese chassidische Legende zu sprechenund trifft damit einen zentralen Punkt. Inder Rückschau auf mehrere vergangeneLebensjahrzehnte fragen sich wohl vie-le ältere Menschen, weshalb dieses oderjenes Ziel nicht erreicht worden ist undwarum dieser oder jener hochfliegendePlan sich nicht hatte realisieren lassen.Die entscheidende Frage heisst jedoch:Ist man genügend „Sussja“ gewesen? Istman irgendwelchen falschen Vor- oderTrugbildern nachgehechelt und hat manim ständigen Bestreben nach Ansehenund Wertschätzung vergessen, was füreinen selbst wirklich wichtig war? Hatman die eigenen Talente genügend er-kannt und genutzt? Und wie weit ist mansich selber treu geblieben?Ingrid Riedel will einen, wie sie sagt„existentiellen Zugang zum Altern“schaffen. Also keine zusätzliche Alters-studie, kein larmoyanter Aufruf zur Be-sinnlichkeit, keine Wehleidigkeiten oderRührseligkeiten. Wenn die Autorin vonder Freiheit des Alters spricht, macht sieeine befreiende Kehrwendung: NichtDefizite, Abbau und Abschied stehenin Vordergrund, sondern im Gegenteileine neue Freiheit, viel Frischluft. Ge-meint sind jedoch weder unbeschränktePlanungs- oder Entscheidungsfreiheit, esgeht um innere Freiheiten.Befreiung von bedrückenden ErinnerungenMit wunderbarem Einfühlungsvermö-gen behandelt die 78-Jährige etwa dasThema Erinnerungen. Belastende Erin-nerungen sollen nicht verdrängt wer-den, so dass sie als unangenehme odergar gefährliche Stolpersteine auf derSeelenlandschaft liegen bleiben. Riedelspricht von einer „Neubewertung“, voneinem „Ausfilterungsprozess“, der dunk-le Ecken aus der Vergangenheit hervor-holt, beleuchtet, überarbeitet und zurErkenntnis führt: Alles, wirklich alles,hatte seine zwei Seiten - ich darf michmit dem Vergangenen und mit mir selbstversöhnen und frei werden für das Hierund Heute.Reisen nach innen„Es ist immer Jetzt“ heisst die Kapitel-überschrift zu einem Text zum ThemaReisen. Mit berührender Intensität schil-dert Riedel ihre Reise im Norden vonKambodscha und wie sie an der Handeines Führers die „schwankend über-einanderliegenden Gesteinsplatten, Säu-len und Quader“ überqueren konnte.Reisen im Alter kann in weite Fernenführen, aber auch ein Wiedersehen mitnahen und vertrauten Orten bedeuten –die Freiheit, zu entscheiden, was richtigund wichtig und denkwürdig ist, liegtganz beim einzelnen Menschen. Gehees nun um Reisen oder Beziehungen,um die äussere Erscheinung oder um dieEntdeckung der eigenen Spiritualität: FürIngrid Riedel steht alles unter dem Zei-chen einer Entwicklung, die zu grösse-rer inneren Freiheit und schliesslich zueiner gelassen-heiteren Selbstannahmeführt. „Sich mit sich selbst verständigen“,„sich mit sich selbst versöhnen“ und sichmit all dem befrieden, was im Leben nurFragment geblieben ist: Ingrid Riedel isteine kenntnisreiche, weise Begleiterinauf dem Weg zum eigenen Wesenskernund zu mehr seelischem Freiraum.Ingrid Riedels Buch macht Mut zumAufbruch. Man fühlt sich an ein Wortvon Martin Buber erinnert: „Ein herrlichDing, wenn man nicht verlernt hat, wasanfangen heisst.“Ingrid Riedel:Die innere Freiheit des Alterns.(Walter Verlag, Mannheim)Bücher 65 und so weiterDas Alter schenkt FreiheitenDer Religionsphilosoph Martin Buber hat sie in Umlauf gebracht, die Legende von RabbiSussja. Im hohen Alter soll der weise Mann gesagt haben: „In der kommenden Welt wirdman mich nicht fragen „warum bist du nicht Mose gewesen?“ Die Frage wird lauten: „War-um bist du nicht Sussja gewesen?“Von Meta Zweifel
  29. 29. 29Startnummer 201365 und so weiter BücherVelma Wallis, die Autorin der Erzählung„Zwei alte Frauen“, wurde1960 in eineFamilie mit dreizehn Kindern geborenund wuchs im Dorf Old Crow bei FortYukon in der Nähe des Polarkreises auf.Sie wurde nach denTraditionen ihrerVor-fahren aus dem Indianerstamm Gwich’inerzogen. Als sie 13 Jahre alt war, starb ihrVater. Velma Wallis verliess die Schule,um ihrer Mutter im Haushalt und bei derBetreuung der fünf jüngeren Geschwisterzu helfen. Die tiefe Bindung zu ihrer Mut-ter, die immer noch die Stammessprachespricht, vermittelte ihr viele Informatio-nen über die Geschichten, die Bräucheund Legenden ihrer indianischen Vorfah-ren. Zum Geschichtenschatz der Muttergehörte auch jene Geschichte, die vonzwei alten Frauen erzählt, die einem No-madenstamm angehörten.Two Old Woman: Die Geschichte derbeiden alten Frauen war als mündlichüberlieferte Legende in der Region umFort Yukon lange schon bekannt. Als ihrVelma Wallis schriftliche Fassung vor-gelegt wurde, entschied die kanadischeVerlegerin Lael Morgan, den Text alsBuch herauszugeben.Eigenständigkeit kann wachsenIn der Polargegend von Alaska lebt einNomadenstamm in einer bedrohlichenNotsituation: Es herrscht grimmige Käl-te, es gibt nur geringe Jagdbeute, die Su-che nach Nahrung wird zum verzwei-felten Kampf gegen den Hungertod.Eines Tages verkündet der Stammes-Häuptling, dass jeder im Stamm etwaszum Überleben beitragen müsse. Zweialte Frauen, die schon immer durch ihrständiges Jammern und Klagen auffie-len und sich mitleidheischend auf ihreStöcke stützten, waren mit diesem Be-scheid durchaus nicht einverstanden.So kam es denn, dass der Stammesratentscheid, man werde weiterziehen –und die beiden alten Frauen werde manzurücklassen. Alle Stammesmitglieder,von ihrer Notlage verängstigt, stimmtenzu. Selbst die Töchter der beiden Frau-en leisteten keinen Widerstand. Einzigder Enkel der einen Frau steckte seinerGrossmutter ganz im Geheimen ein Beilzu.Da sassen denn nun die beiden altenFrauen vor ihrem Feuer. Weshalb hatteman sie zurückgelassen? Hatten sie nichtZeit ihres Lebens für den Stamm Felle ge-gerbt und Kleider genäht? Das war dasEnde, sie waren am Ende.In dieser verzweifelten Situation gab dieeine Frau ihrer Gefährtin zu verstehen,wenn man nun schon sterben müsse,wolle man sich nicht einfach dem Schick-sal ergeben, sondern das Leben gleich-sam in aufrechter, selbstbestimmter Hal-tung beenden. Als es den beiden Frauengelang, ein Eichhörnchen zu erlegen,besannen sie sich auf Tätigkeiten, diesie in ferner Kinderzeit beobachtet undgelernt hatten: Schneeschuhe anfertigen,Fallen stellen, Behältnisse herstellen....Allen Widrigkeiten, aller Kälte und allenBeschwerden zum Trotz entdeckten undentwickelten sie Fähigkeiten, die ihnenein Überleben ermöglichten.Die Essenz der LegendePackend erzählt Velma Wallis, die zeit-weilig in der Trapperhütte ihres Vatersüberwintert und sich als Jägerin, Fal-lenstellerin und Fischerin versucht hat-te, was den alten Frauen alles begegnetund wie sich ihr gemeinsame Leben undÜberleben weiter gestaltet. Die beidenFrauen lernen verstehen, dass ihnennichts geschenkt wird. Seltsam: Allenbeinahe übermenschlichen Anstrengun-gen zum Trotz und ungeachtet ihres Al-ters brechen sie nicht zusammen. Sieüberstehen bedrohliche Tiefpunkte undsind froh und dankbar, wenn sie als Fal-lenstellerinnen Erfolg hatten und etwasVorrat anlegen können.Als Leserin und Leser nimmt man über-rascht wahr: Diese beiden alten Frau-en denken gar nie an ihr Alter. Sie ver-schwenden keine Energie mit Klagen,und sie jammern nicht, dass sie in ihrenalten Tagen noch derart hart arbeitenmüssen. Sie sehen sich vor Aufgabengestellt, die unmittelbar gelöst werdenmüssen. In diesem Bemühen lernt sichjede von ihnen besser kennen und ent-deckt Fähigkeiten, die sie sich nicht zu-getraut hätte. Beide Frauen erleben underfahren, dass ihre Kräfte weiter reichen,als sie je gedacht hätten.Eine weise Legende, ein spannendes undermutigendes Buch.Eine Geschichte von Alter, Wandel und KraftVon Andrea HaslerVelma Wallis:Zwei alte Frauen.Eine Legende von Verrat und Tapferkeit.(Piper)
  30. 30. 30 Startnummer 2013Angstmacher AlzheimerIch habe einen wiederkehrenden Albtraum. Ich stehe ineiner Telefonzelle. Ich rufe meine Frau an. Ich weine. Ichsage: »Hilf mir. Hole mich ab. Ich weiß nicht, in welcherStadt ich bin. Ich habe vergessen, wo ich den Wagengeparkt habe.« Das ist meine Angst vor Alzheimer, dassdieser Morbus Alzheimer meinen Verstand und meine Erin-nerung auslöscht. Dass ich wie der Tübinger Rhetorikpro-fessor Walter Jens, wie Gunter Sachs, wie die Schauspie-ler Rita Hayworth und Peter Falk oder wie die Politiker ErnstAlbrecht, Ronald Reagan und Margaret Thatcher die Reiseins Vergessen antrete.Mathias Jung liest gerade 65 und so weiterUnd nun der aufrüttelnde Report vonCornelia Stolze Vergiss Alzheimer. DieWahrheit über eine Krankheit, die kei-ne ist. Was sagt sie dort: »Alzheimer istkeine Krankheit wie Tuberkulose oderKrebs. Der ›Morbus Alzheimer‹ ist einKonstrukt. Ein nützliches Etikett, mit demsich wirkungsvoll Forschungsmittel mo-bilisieren, Karrieren beschleunigen, Ge-sunde zu Kranken erklären und riesigeMärkte für Medikamente und diagnosti-sche Verfahren schaffen lassen. Bis heuteweiß niemand, was ›Alzheimer‹ wirklichist.« Was unter der Diagnose Alzheimerauftritt und mit einem gewaltigen medi-kamentösen Aufwand bekämpft wird, ist,so entnehme ich der sorgfältigen Studieder Diplombiologin und Wissenschafts-journalistin, in vielen Fällen nicht dasvon dem deutschen Nervenarzt AloisAlzheimer im Fall der Auguste Deter fest-gestellte Krankheitsbild. Als seine Aus-nahmepatientin 1906 starb, entdeckteer in den Gewebeproben des Gehirnszahlreiche Ablagerungen, so genannteAmyloid-Plaques sowie so genannte Tau-Fibrillen, die aus abgestorbenen Nerven-zellen herausragten. Das führte zur De-menz. Sie bedeutete, wie der lateinischeBegriff de mente, weg vom Verstand.Aber trifft das auf alle von mir genanntenAlzheimer Kandidaten zu? Vom dem 78-jährigen Millionenerben, Fotografen undKunstsammler Gunter Sachs wissen wiraus seinen Abschiedsbrief, dass er kei-nen Rückgang seines logischen Denkenskonstatierte, sondern lediglich eine Ver-schlechterung seines Gedächtnisses. Tat-sächlich erinnerten sich seine Freunde,dass er bis in die letzten Tage hellwach,sprachmächtig und erinnerungsfähig war.Und Walter Jens? Cornelia Stolze hat re-cherchiert: »Jens litt nicht nur seit seinerKindheit an Asthma, das er mit oft hohenDosen von Cortison bekämpfte. Immerwieder plagen ihn auch psychische Kri-sen und krankhafte Ängste. Nach einerschweren Depression imAlter von 63 Jah-ren wird er abhängig von Medikamenten.Er schluckt Antidepressiva, Schlafmittel,Benzodiazepine – jahrzehntelang, hochdosiert und zum Teil ohne jegliche Kon-trolle.« Und: »Inge, wo ist das ›Tavor?‹,fleht der 81-Jährige seine Frau vor einemAuftritt an – und sie gibt nach. Überall zuHause, so zeigt sich später, hat er kleineTabletten- Depots, Tavor in Schubladen,Von Mathias Jung
  31. 31. 31Startnummer 201365 und so weiter Mathias Jung liest geradein Anzugtaschen, ja sogar zwischen Fontanes Werkausgabe ver-steckt. Viele der Mittel, die Walter Jens nahm, sind seit Langemfür ihre Gefahren bekannt. Ihre Nebenwirkungen und Entzugs-erscheinungen reichen von Verwirrung, unkoordinierten Bewe-gungen, Artikulationsstörungen und einer erhöhten Gefahr vonStürzen bis hin zu Bewusstseinsausfällen, Angstzuständen, Ent-fremdungserlebnissen und unbeabsichtigten Gewalttaten.Sie alle können noch auftreten, wenn man längst mit dem Schlu-cken der Mittel aufgehört hat. Denn die Wirkstoffe werden imKörper nur langsam abgebaut. Gerade bei älteren Menschenähneln die Nebenwirkungen auf fatale Weise den Symptomeneiner Demenz.« Schließlich: »Vieles spricht . . . dafür, dass sei-ne Demenz sowohl auf Nebenwirkungen und Spätfolgen sei-nes Medikamenten-Missbrauchs als auch einer Vielzahl kleinerSchlaganfälle und Hirnverletzungen durch Stürze beruht.«Und Rita Hayworth? Die einstige »Liebesgöttin« Hollywoodswurde 1981 als Alzheimerpatientin diagnostiziert.Die nordamerikanische Alzheimer’s Association warb mit derberühmten Schauspielerin. Cornelia Stolze: »Vieles spricht auchhier für einen Etikettenschwindel. Denn Rita Hayworth war nichtnur unbeherrscht und launisch. Jahrelang hing die Diva auch ander Flasche. Im Rausch warf sie ihrem Nachbarn leere Gin-Fla-schen über die Hecke und irrte mitunter verwahrlost und selbst-vergessen durch die Straßen von Beverly Hills. Und seit langemweiß man: Alkoholexzesse verursachen schwere Schäden imGehirn und sind eine der häufigsten Ursachen für eine irrever-sible Demenz«.Alzheimer ist, so ahne ich inzwischen, nicht ein unvermeidba-rer Schicksalsschlag in einem mystischen Lotteriespiel, das michohne Vorwarnung eines Tages treffen und in die ewige Nachtdeportieren kann. Die schreckliche Krankheit ist häufig auf derBasis von Alkohol und Nikotinmissbrauch, chronischer Fehler-nährung, Übergewicht, Diabetes, Medikamentenvergiftung undzahlreicher anderer, vermeidbarer Faktoren entstanden.Häufig wird vergessen, so Cornelia Stolze, »dass Demenzenoder demenzähnliche Symptome durch verschiedenste Erkran-kungen oder vermeidbare toxische Schädigungen ausgelöstwerden können. Ärzte und Betroffene sollten deshalb sorgfältig
  32. 32. 32 Startnummer 2013Mathias Jung liest gerade 65 und so weiterCornelia StolzeVergiss AlzheimerDie Wahrheit über eine Krankheit, die keine istnach Hinweisen auf Krankheiten oderMedikamente suchen, die als Auslöservon Hirnleistungsstörungen in Betrachtkommen. In vielen Fällen ist eine De-menz – sofern die wahren Ursachenbehoben werden – nämlich reversibel(umkehrbar – M. J.).« Die möglichenUrsachen reichen von einer Schilddrü-senunterfunktion, Unterzuckerung, überMangelernährung (Vitamin-B1- Mangeldurch Fabrikzucker), postoperative Be-wusstseinsstörung, Depression bis zuSchlaganfällen, Hämatomen unter derHirnhaut und geriatrischer Polymedika-tion, der Vielfachmedikation von Alters-patienten. Auch die Hormonersatzthera-pie – denken wir an die millionenfacheKontrazeptiva bei Frauen – scheint dasmenschliche Denkorgan schrumpfen zulassen.Ob Alzheimer »keine Krankheit, sondernein Schreckgespenst« ist, wie die Autorinbehauptet, mag ich in dieser Rigorositätnicht zu beurteilen. Wichtiger scheintmir jedoch, die vorsichtige AbwägungCornelia Stolzes: »Vieles deutet daraufhin, dass hinter der Diagnose ›Alzhei-mer‹ in Wirklichkeit oft eine andere Formvon Demenz steckt, die so genannte vas-kuläre Demenz.« Vaskulär, das heißt zuden Blutgefäßen gehörig. Sie sind durchMini-Infarkte oder »Schlägle«, wie manin meiner Heimat sagt, verursacht. Dasumgebende Hirnareal erhält keinen Sau-erstoff und Nährstoffe mehr.Da liegt das grundsätzliche Problem.Cornelia Stolze: »Solche Mini-Schlag-anfälle kommen in der Regel nicht ausheiterem Himmel. Sie sind meist dieFolge einer jahrelangen Schädigung derBlutgefäße. Und die hat nicht zuletztmit dem eigenen Lebensstil zu tun. Daszumindest lassen zahlreiche Studien ver-muten, in denen der Zusammenhangzwischen Faktoren wie Ernährung, Be-wegung, Rauchen oder Übergewicht aufder einen und Gesundheit auf der ande-ren Seite untersucht worden ist.« Und:»Rauchen setzt auch den Blutgefäßenund damit sowohl dem Herzen als auchunserem Denkorgan zu. Zigarettengifteverengen die kleinsten Schlagaderäste,dieArteriolen. Sie erhöhen den Blutdruckund die Gerinnungsneigung des Blutes.Zudem wird die Innenauskleidung derArterien geschädigt und Arteriosklero-se gefördert.« Finger weg vom Glimm-stängel also. Sich bewegen. Abspecken.Auf Fabrikzucker verzichten. Schluss mitdem Dauerkonsum von Alkohol: »Oftkommen die Schäden, die ein regelmä-ßiger und langjähriger Alkoholkonsumim Gehirn verursacht, erst im Alter zumTragen und zeigen dann die typischenSymptome einer Demenz.« Weg mit derDauermedikation von Beruhigungsmit-teln, Psychopharmaka, Schmerz- undSchlafmitteln. Her mit Frisch- und Voll-wertkost, Sauna und Kneipp’schen Maß-nahmen!Cornelia Stolze zieht das Fazit: »Warumsollte man nicht einfach versuchen, et-was für den eigenen Körper – und damitvielleicht auch etwas für den Erhalt dergeistigen Gesundheit zu tun?«Die glänzend dokumentierende Sach-buchautorin orientiert über viele wei-tere medizinische Einzelheiten und dasAlzheimer-Kartell aus Pharmaindust-rie und geschäftstüchtigen ärztlichen»Alzheimer- Experten«. Das alles wirduns die mutige Aufklärerin und Biolo-gin als Referentin auf der Herbsttagungam 26. – 28. Oktober in der Stadthal-le Lahnstein erläutern. Dr. Jürgen Bir-manns hält zum gleichen Thema einenmedizinischen Fachvortrag. Ich kannalso meine Angst loslassen. Beide Wis-senschaftler sprechen gegen das Ge-schäft mit der Angst und machen Mutzur Vorbeugung.Dieser Text wurde uns freundlicherweisevon der GGB Gesellschaft für Gesund-heitsberatung zur Verfügung gestellt,Dr.-Max-Otto-Bruker-Haus,www.ggb-lahnstein.deKiepenheuer & Witsch,245 S. 18,99 €zu beziehen über emu-Verlag
  33. 33. 33Startnummer 2013DER AUGUST Erich KästnerNun hebt das Jahr die Sense hochund mäht die Sommertage wie ein Bauer.Wer sät, muss mähen.Und wer mäht, muss säen.Nichts bleibt, mein Herz.Und alles ist von Dauer.Stockrosen stehen hinterm ZaunIn ihren alten, brüchigseidnen Trachten.Die Sonnenblumen, üppig, blond und braun, mitSchleiern vorm Gesicht, schaun aus wie Frau’n dieeine Reise in die Hauptstadt machten.Wann reisten sie? Bei Tage kaum,stets leuchteten sie golden am Stakete.Wann reisten sie? Vielleicht im Traum?Nachts, als der Duft vom Lindenbauman ihnen abschiedssüss vorüberwehte?In Büchern liest man gross und breit,selbst das Unendliche sei nicht unendlich.Man dreht und wendet Raum und Zeit.Man ist gescheiter als gescheit -das Unverständliche bleibt unverständlich.Ein Erntewagen schwankt durchs Feld.Im Garten riecht’s nach Minze und Kamille.Man sieht die Hitze. Und man hört dieStille.Wie klein ist heut die ganze Welt!Wie gross und grenzenlos ist die Idylle.Nichts bleibt, mein Herz.Bald sagt der Tag Gutnacht.Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.Dann wünsche Deinen Wunsch,doch gib gut acht!Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.Eine Prise PoesieBei einer Umfrage „Welches ist Ihr Lieblingsge-dicht?“ würden vermutlich die meisten Befrag-ten mehr als einen Titel nennen wollen. WelchesGedicht, welche Verse sind Ihnen besonders lieb,besonders nahe? Mit einer „Prise Poesie“ möchtenwir Sie ermuntern, auch bei sich selbst auf Schatz-suche zu gehen.Erich Kästner – ja, der von „Emil und die Detektive“ und „Das doppelte Lott-chen“: Er wurde vor allem als Kinderbuchautor berühmt, war aber überdiesein leidenschaftlich engagierter Zeitkritiker, ein scharfzüngiger Kabarettistund ein vielseitig begabter Schriftsteller. Und er war, um ein Wort ConradFerdinand Meyers zu zitieren, in seiner Lebensgestaltung geradezu exemp-larisch „ein Mensch mit seinem Widerspruch.“Kästners Gedicht „Der August“ ist befrachtet mit Bildern eines längst ver-schwundenen ländlichen Lebens. Aber so nostalgisch dieses Gedicht auchwirken mag: Seine Verse senden Düfte aus, die der Seele noch immer wär-mend wohl tun. Eine Sommermelodie verbindet sich mit herbstlichen Klän-gen zu einem Lied, das behutsam von Zeit und Vergänglichkeit spricht undan Dichtungen aus der Zeit des Barock gemahnt. Etwa an den Andreas Gry-phius-Vers „Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen. Mein sinddie Jahre nicht, die etwa mögen kommen. Der Augenblick ist mein......“ DerAugenblick, der sich zu einem kleinen Stück Ewigkeit verdichten kann.65 und so weiter Poesie
  34. 34. 34 Startnummer 2013Schon die Vermutung, ein 70-jährigerMensch sei mit grosser Wahrscheinlich-keit nicht mehr oder nicht mehr vollum-fänglich in der Lage, sich als Autolenkersicher im Verkehr zu bewegen, geht inRichtung Diskriminierung – ja kann so-gar als Kränkung empfunden werden.Zweifelsfrei sind viele Seniorinnen undSenioren vital und munter in Fahrt. Obes wohl Erhebungen gibt zur Zahl all je-ner, die seit vielen Jahren unfallfrei undauch im höheren Alter noch unfallfreiunterwegs sind? Gewiss gibt es Ausnah-men. Es fragt sich allerdings, ob dieseAusnahmen weit weniger zahlreich sindals jene jüngeren und jungen Autofahrer,die alkoholisiert oder unter Drogenein-fluss Mitmenschen gefährden.Die meisten älteren Menschen unterzie-hen sich demTest beimArzt. Mit der Faustim Sack. Denn wer weiss, ob man nichtder Gruppe der chronisch uneinsichtigenund renitenten Rentner zugeordnet undwomöglich ausgesondert wird, wennman es wagt, seinem Unmut Luft zu ma-chen? Auch die Hausärzte und Hausärz-tinnen sind in diesem Umfeld nicht in ei-ner komfortablen Lage. Bislang standensich die Beteiligten als Arzt und Patientgegenüber. Dieses Verhältnis wechseltnun zur Beziehungsebene einer kontrol-leurverdächtigen Kontrollperson.Hier liegt einiges im Argen. Und es isthöchste Zeit, dass die aktuellen Ergeb-nisse über die Zusammensetzung derGruppe der Unfallverursacher publiziertwerden. Laut Unfallstatistik sind die 70 –80-jährigen absolut unauffällig und ver-ursachen nicht mehr Unfälle als andereAltersgruppen. Erst ab dem 80. Altersjahrist ein Anstieg der Unfallgefährdung zuverzeichnen, was aber wiederum nichtheisst, dass alle über 80-Jährigen nichtmehr fahrtauglich sind.Ebenso ist es notwendig, dass sich diesozusagen unter Generalverdacht ste-henden älteren Menschen zur Wehr set-zen, wenn man sie in diskriminierenderWeise wie Individuen behandelt, die un-ter Kontrollverlust leiden.Ganz klar AltersdiskriminierungVon Julia Onken / Anton E.BrunnerWer in der Schweiz im Besitzeines Führerscheins und das 70. Altersjahr erreicht hat,muss sich beim Hausarzt einem Fahrtauglichkeitstest unter-ziehen. Der Gesetzgeber geht von der Wahrscheinlichkeitaus, dass Menschen höheren Alters an wie immer gearte-ten Defiziten leiden, die ein korrektes, dem Strassenverkehrangemessenes Verhalten in Frage stellen.Altersdiskriminierung 65 und so weiter
  35. 35. 35Startnummer 201365 und so weiter AltersdiskriminierungUnerträglicher Wechsel der PerspektiveDas nachfolgende Beispiel ist leiderkein Einzelfall, und es ist höchste Zeit,dass derartige Missstände nicht längertoleriert werden. Es erzählt Frau Mari-anne Verfürth, 76:Der Übergang ins Rentenalter verlieffür mich kaum merkbar. Ich lebe mitmeiner Familie, mit den Hunden, küm-mere mich um Haus und Garten wieeh und je. Dazu muss ich sagen, dassich mich sehr gerne körperlich betätige,mal rasch ein paar Blumen pflanzen, ei-nen störenden Ast wegschneiden, flinkeinkaufen gehen, alles mache ich gerneund mühelos. Zudem bin ich stets angesellschaftlichen und politischen Fra-gen interessiert, lese, informiere mich,diskutiere und denke über vieles nach,was das Leben so bringt. Und diese Le-bensart hat sich bis zum heutigen Tagnicht geändert.Mit 70 Jahren kam das erste Aufgebotzum Fahrtauglichkeit-Check. Ich gingdavon aus, dass der Arzt Seh- und Hör-vermögen sowie das Gleichgewichtprüft. Dem war nicht so. Mir wurdeeine Reihe von vorgegebenen Fragenvorgelegt, die ich zu beantworten hat-te: Zeichnen, Rechnen, Schreiben…,aber ich vermisste eine medizinischeUntersuchung.Das gleich Szenario wiederholte sichmit 72 Jahren. Meine Zeichen-, Schreib-und Rechenkünste hatten sich wohl inden zwei Jahren noch verbessert, be-sonders das Subtrahieren oder Multi-plizieren der Streifen am Zebrastreifensind eine gute Testvorbereitung. EineUntersuchung meines Seh- und Hör-vermögens fand wieder nicht statt.Als ich dann mit 74 Jahren wieder auf-geboten wurde, fragte mich der Haus-arzt zunächst: „Wissen Sie, wo Siesind!?“ Er ging wohl davon aus, dassich bereits derart verwirrt wäre undnicht mehr wüsste wo ich bin.Ich war erstaunt und antwortete, “Ichbin gesund!“Der Arzt entgegnete mir etwas un-wirsch “ja, weiss ich das?“Ich erwiderte ungeduldig “Dann unter-suchen Sie mich doch!“Es fand keine Untersuchung statt, son-dern es entwickelte sich eine heftigeDiskussion - und damit war der dia-gnostische Teil meiner Fahrtauglichkeitbeendet.Es war für mich klar, dass ich mir unver-züglich einen neuen Hausarzt suchenwürde.

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