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  1. 1. SwarmMindCapturing insights on collective intelligence Ausgabe 1/2012 Schutzgebühr 7,40 Euro Ers ausgat- be Sie befinden sich hier … Führung 2.0 Demokratie 2.0 Globalisierung 2.0 Führung 1.0 Demokratie 1.0 Globalisierung 1.0
  2. 2. 2/3 Inhalt SwarmMind 1/2012Editorial Eric Bonabeau, Experte für Schwarmintelligenz und deren News 26 Heuristiken des Entscheidens Anwendung auf komplexe 4 Schwarm drüber Ökologische Rationalität und StrategienNeue Ansätze brauchen der Mensch,unser Land, die Welt. Das wissen und 16 Probleme, über neue Formen des kollektiven Entscheidens. Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und Anwendungen von Schwarmintelligenz. im Umgang mit Unsicherheit.sagen viele. Aber woher nehmen?A 30 Hintergrund lbert Einstein soll einmal erklärt haben: „Die Betsy Myers, Ex- Definition von Wahnsinn ist, immer wieder Wahlkampfchefin von das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Welcher Weg führt aus dieserSackgasse hinaus? Anregungen liefern Natur und Evo- Obama, reflektiert den Erfolg der Kampagne 2007/08 und die 6Sinn stiften –lution. Sie helfen gerade beim Umgang mit komplexenSystemen, an denen wir Menschen noch allzu oft kläg-lich scheitern. Mit unserem Magazin „SwarmMind“ Bedeutung von Einbin- dung in der Führung. Identifikation schaffen Klaus Pampuch und Heiner Koppermann im Interview: Über diewollen wir das Feld der kollektiven Intelligenz beleuch-ten. Den interessierten Lesern die rasante Entwicklung dringende Notwendigkeit neuer Unternehmenskulturen. Heiner Koppermann (l.), Klaus Pampuch (r.)und die vielen Chancen bei der konkreten Anwendungnahezubringen – das ist unsere Motivation. 13 Die Masse macht’s 30 Menschen wollen eine Stimme 26 Wir sind froh und stolz, dass wir für die Erstausgabeeinige der erfahrensten Forscher, Pioniere und „Über- Über 200 Designer aus aller Welt entwickeln Dem Volk und den Menschen eine Stimme geben:zeugungstäter“ auf diesem Gebiet als Autoren gewin- in Rekordzeit ein neues Firmenlogo. Erkenntnisse zu Anforderungen an zeitgemäße Führung.nen konnten. Darunter Eric Bonabeau, der Guru derinternationalen Schwarmintelligenz-Forschung; GerdGigerenzer, der weltweit renommierte Experte für Intelligenz Expertisemenschliches Entscheiden unter unsicheren Bedingun-gen; Betsy Myers, die ehemalige Wahlkampfchefin vonBarack Obama. Und vieles mehr: News, praktische Er- Gerd Gigerenzer und Hansjörg Neth vom Max-Planck- Institut für Bildungsforschung in Berlin über Strategien 14 Gemeinsam blöd? 36 Lebendige Führungfahrungen, Trends und, last but not least, ein Seitenhieb im Umgang mit Unsicherheit. Einmaleins kollektiver Intelligenz: Wer die Weisheit Impressionen von einer Konferenz der anderen Art.des – zapp – WELT-bekannten Kolumnisten Hans Zip- der Vielen anzapfen will, sollte einige Regeln beachten.pert. Zwei Mal im Jahr wird Fotos: Nathalie Dampmann, Eric Bonabeau, Musterbrecher, Betsy Myers, Max-Planck-Institut Berlin 40 40 Befreiung aus„SwarmMind“ über aktuelle Ent-wicklungen berichten. Machen Siemit! Denken Sie einmal nach über 16 Die Macht der dem HamsterradFragen wie diese: „Was wäre,wenn … man kollektiv intelligent Die „Musterbrecher“ über kollektiven Intelligenz Nachdenken darüber, wenn Effizienz zur Fesselan Probleme wie ‚Stuttgart 21‘ he- Ansätze, sich aus Entscheidung 2.0: Wenn Kollektive entscheiden. wird – und konkrete Alternativen.ranginge? Was wäre, wenn … festgefahrenen Führungs-Führung wirklich konsequent die mustern zu befreien.Menschen in den Mittelpunkt Strategie Buchtippsstellen würde?“ Menschen sindunter bestimmten Bedingungenim Kollektiv intelligenter, als es 20 Wir können auch anders 44 LesenswertesIndividuen jemals sein können. ING-DiBa: Vom Antrieb, Neues zu bieten, und der Buchempfehlungen der SwarmMind-Redaktion. 20Und der Veränderungsdruck wächst. So viel steht fest. Leidenschaft, Silos im Unternehmen aufzubrechen.In diesem Sinne wünschen wir eine spannende Lektüre. SchlussworteIhre SwarmMind-Redaktion Zeitgeist feedback@swarm-mind.com 46 Schwarmalarm Eliza Manolagas, Leiterin Interne Kommunikation der ING-DiBa, über 24 Sie befinden sich hier … Hans Zipperts Kolumne & mehr. schwarminspirierte Unternehmens- … und so geht es nicht weiter! Über S-Kurven der kommunikation. Leistungsfähigkeit und den Übergang zu „2.0“. Besuchen Sie uns auch im Internet: www.swarm-mind.com
  3. 3. 4/5 NewsSchnitzeljagd im News Aktion Fukushima Die ersten Spenden wurden über das Von Kindern und Schimpansen Kollektive Hilfsbereitschaft SwarmMind 1/2012 A Crowdfunding-Portal „Kickstarter“ ge-World Wide Web sammelt. Rund 150 Freiwillige messen heute die Radioaktivität vor allem im Umkreis des Reaktors von Fukushima. Nach einem halben Jahr stehen mehr als eine Million Daten zum freien Download M enschen und Schimpansen ha- ben vieles miteinander gemein, aber Unterschiede gibt es doch. Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie entdeckten m besten, man lässt die Menschen selbst entschei- den – das raten Ökono- men des Massachusetts Institute of Technology zur Verfügung. Damit zeichnet die Initia- mit niederländischen Kollegen, dass klei- (MIT) in Cambridge den Entwicklungs- tive „Safecast“ ein weitaus differenzierte- ne Kinder bei der Lösung von Problemen ländern, die Geld an die Ärmsten vertei- res Bild von der Situation, als sie sich in eher miteinander kooperieren, als dies die len wollen und nicht wissen, wer die den amtlichen Messreihen widerspiegelt. Affen tun. Ging es zum Beispiel darum, Ärmsten unter den Armen eigentlich an den Enden eines Seils zu ziehen, um sind. Bei einer Feldstudie in 640 indone- sich eine Belohnung in Form von Ess­ sischen Dörfern, die in Zusammenarbeit barem zu sichern, entschieden sich die mit der Weltbank durchgeführt wurde, zeigte sich, dass die Bewohner die Le- „La Ola“ im dreijährigen Kinder öfter für die koopera- tive Variante. bensumstände ihrer Nachbarn sehr präzise einschätzen können. Durften sie unter Leitung ihrer Ortsvorsteher selbst bestimmen, wer die Unterstützung Vogelschwarm erhalten sollte, waren sie am Ende mit der Lösung zufriedener als in denjeni- gen Fällen, in denen man versucht hatte, die Hilfsbedürftigkeit anhand von objektiven Daten, sogenannten „Proxy Means Tests“ (PMT), zu ermitteln. Zehn knallrote Wetterballons aufzuspüren, die sich G emeinsam sind sie stärker: Wer- den einzelne Stare in einem Schwarm von einem Falken an- gegriffen, reagiert darauf das gesamte Kollektiv. Mit Hilfe von Videos und „Es scheint leichter zu sein, als wir dachten, den gesamten Prozess den Ge- meinden selber zu überlassen“, meint Abhijit Banerjee, einer der Autoren der Studie, die in der „American Economic Review” veröffentlicht wird. Die Re- gierung könne damit ihre Glaubwürdigkeit über die gesamte Computersimu­ationen analysierten Phy- l erhöhen. Indonesien hatte 2005 eines der Fläche der USA siker und Biologen aus Italien und den größten „Direct Cash“-Programme der Schwarm verteilen: Das kann ein Niederlanden die wellenförmigen Bewe- Dritten Welt aufgelegt, um der Bevöl- gungen, die sich bei einer solchen kerung in wirtschaftlichen Krisen Einzelner eigentlich gar Attacke innerhalb von Sekunden in unter die Arme zu greifen. nicht schaffen. drüber Schwärmen aus Zehntausenden von Vö- Oder doch? geln ausbreiten. Die Forscher vermuten, dass die blitzartigen Veränderungen in V ier Forscher des Massachusetts Institute of Technolo- weniger effizient als die konventio- gy (MIT) lösten die Aufgabe in nur acht Stunden nellen Windräder mit ihren riesigen und 32 Minuten. Bei einem mit 40.000 Dollar Rotoren. Aber im Ver­ und könnten b dotierten Wettbewerb der Forschungsagentur des sie auf der glei­ hen Fläche eine bis zu c US-Verteidigungsministeriums (DARPA) konnten sie über das zehn Mal höhe­ e Energie-Aus­ eute erzie- r b World Wide Web innerhalb von knapp zwei Tagen 4.400 Mit- streiter mobilisieren, die den Appell in einem Schneeballsystem Fischen abgeschaut: len. Und Dabiri denkt schon einen Schritt wei- ter: „Dieses Prinzip der Energiegewinnung ließe an Freunde und Bekannte weiterreichten. Im US-Magazin „Science“ (Bd. 334, S. 509) veröffentlichten die Sieger Details Neues Design für Windparks sich auch auf Unterwasserturbinen anwenden.“ U ihrer Strategie. Der Trick: ein gestaffelter Finderlohn. Die Hälfte der Prämie von 4.000 Dollar pro Wetterballon war dem Finder m die Effizienz bei der Nutzung von Windenergie zu stei- Video unter: versprochen, 1.000 Dollar sollte derjenige erhalten, der ihn „ins gern, ließen sich Ingenieure des „California Institute of www.youtube.com/ Boot“ geholt hatte, 500 Dollar gab es für die Finder der Finder Technology“ (Caltech) in Pasadena von Fischschwärmen watch?v=cZu-4Plk_5A der Finder und immer so weiter, sodass auch für die letzten Glie- inspirieren. Ihre neuen Windräder haben vertikale Dreh- der der Kette noch einige Dollars übrig blieben. Dieses Modell achsen. Sie stehen paarweise nebeneinander und rotieren – ähnlich wie einer „zeitkritischen“ Mobilisierung mittels Social Media ließe der Dichte des Schwarms die Falken in die Quirle eines Küchenmixers – in entgegenge­ etz­ er Rich­ ung. Da- s t t sich auch auf echte Notsituationen übertragen, glaubt Alex ihrer visuellen Wahrnehmung irritieren, durch können sie die Turbulen­ en, die vom Nachbarn erzeugt werden z Fotos: Michael Göken, Shutterstock Pentland vom Medienlabor des MIT: „Menschen sind soziale womit sich auch für den einzelnen Star und in herkömmlichen Windparks als Störfaktoren gelten, als An- Lebewesen. Will man sie dazu bewegen, ihr die Chance erhöht, dem Angriff zu ent­ triebsenergie nutzen – ungefähr so wie sich Fische von den Wirbeln Verhalten zu koordinieren, muss man sich kom­ en (Animal Beha­ iour Bd. 82, m v vorwärtsziehen lassen, die ihre Artgenossen beim Schwim­ en erzeu­ m zuallererst mit dem Netz ihrer sozialen S. 759). Ein ähnlich komplexes Verhalten gen. Sich beim Design von Windparks an Fischschwärmen zu orien­ Beziehungen auseinandersetzen, statt sie mit synchronisierten Verteidigungs- tieren, sei für ihn „eine logische Folge der Strömungsphysik“, meint nur als isolierte Individuen zu behandeln.“ „Wellen“ wird auch bei Schwärmen von Caltech-Professor John O. Dabiri, der die Ergebnisse eines Feldver­ Insekten oder Fischen und großen Her- suchs präsentierte (Jour­ al of Rene­ able and Sustainable Energy 3, n w Video unter: http://youtu.be/6Ga_EJWLzHA den von Säugetieren vermutet. 043104, 2011). Der Clou: Jede einzelne Turbine ist zwar kleiner und
  4. 4. 6/7 Hintergrund SwarmMind 1/2012 Sinn stiften – Identifikation schaffen SwarmMind traf die beiden Heiner Koppermann und Klaus Pampuch, Geschäftsführer von SwarmWorks, Geschäftsführer von SwarmWorks, erläutern die Heiner Koppermann (links) und Klaus Pampuch (rechts), in schwärmerischer dringende Notwendigkeit neuer Unternehmens- Umgebung. Als Kulisse für das Foto- Shooting diente der Ornithoport des kulturen. Ohne die Kreativität mündiger Schweizer Konzeptkünstlers Res Ingold (Ingold Airlines) und des Mitarbeiter laufen die Pipelines leer. Leiters des Forums der Bundeskunst- Von Jürgen Ponath halle in Bonn, Stephan Andreae. Für Fotos: Nathalie Dampmann die Realisierung der ungewöhnlichen Infrastruktur der Schwarmwesen aufS dem begrünten Dach der Kunst- und warmMind: Was verstehen Sie Ausstellungshalle der Bundesrepublik unter „Schwarmintelligenz“? Deutschland in Bonn führten die Heiner Koppermann: Der Begriff lei- Künstler ihr Konzept der Vogelflug tet sich von Schwärmen aus dem Tier- häfen fort. Es nahm zunächst aufreich her. Im Prinzip geht es immer um das Hasenbüchel im Bergischen Landgleiche Verhalten. Bei Fischen, Vögeln, Fleder- seinen Ursprung und in Hamm beimäusen oder auch Ameisen, die am Boden der Firma „Jäckering Nährmittel-Kolonien bilden, erzeugt eine große Menge werke“ im August 2010 prominentevon Individuen eine Bewegung oder auch eine Gestalt an. Dort kann die InstallationOrganisationsform, die sehr geordnet ist, ohne besichtigt werden.dass es eine übergeordnete Kontrollinstanzgibt. Es gibt kein Leittier, die Tiere machendas selbst organisiert.Was ist daran intelligent?Klaus Pampuch: Die Intelligenz besteht darin,dass die Komplexität der Lösung die kogniti-ven Fähigkeiten des Individuums übersteigt.
  5. 5. 8/9 Hintergrund SwarmMind 1/2012 Im Schwarm entsteht eine übergeordnete Intelligenz, die aufgrund der individuellen Fähigkeiten des Einzel- nen nicht vorhanden wäre. Aber das Individuum profitiert davon? ben, es sind andere Wesen. Aber wenn ich eine größere Erfolg des Gruppe von Menschen, gewissermaßen den Schwarm, Koppermann: Ja, der Schwarm kann Feinde verwirren in eine Entscheidung einbinde und ihr Gelegenheit Bienenschwarms: Für oder Nahrung besser finden, obwohl das ein- gebe, sich dazu zu äußern, dann spüren die Leute: Ich bin gefragt, mein Wissen wird geschätzt. Ich bin hier ein handelsübliches GlasDas Mysterium der Schwarm- zelne Tier keine Vorstel- lung vom Ganzen hat mehr als ein Soldat, der nur Befehle von oben ausführt. Honig fliegen Bienen zirkaintelligenz: Um einfache 130.000 Kilometer weit. und sich nur an wenige, Die Realität sieht anders aus?Handlungen von Individuen einfache Regeln hält. Koppermann: Die gängige Herangehensweise ist dochzum komplexen Verhalten Das ist ja das Faszinie- so: Probleme werden vom Management – meist ge- Der Biss in ein Honigbrot ist Eine Evolutionsstufe des Vogel- rende: Aus der Interak- meinsam mit einigen Beratern – analysiert und kogni- demnach eine Reise, die keine flughafens der Bundeskunsthal-einer Gruppe zu bündeln, tion der Wesen mit der tiv gelöst. Danach wird die Lösung in die Organisation le manifestiert das sogenanntebraucht es keinen Anführer. Umwelt entstehen trag- zur Umsetzung heruntergegeben. Mit der Folge, dass andere Fluggesellschaft zu Apidrom. Es befindet sich fähige Lösungen. Ohne die Mitarbeiter sie oft nicht mittragen, weil sie nicht be- annähernd konkurrenzfähigen ebenfalls auf dem Dach der Planung. teiligt waren. Warum lassen wir Organisationen nicht Preisen anbieten kann. Bundeskunsthalle, beheimatet experimentieren? zwölf Bienenvölker mit rund Und diese Prinzipien lassen sich auf Menschen übertragen? 600.000 Bewohnern und diente Koppermann: Natürlich sind Menschen keine Vögel, „Was dem Schwarm als Kulisse für das Interview. Der Fische oder Ameisen. Insofern lässt sich das nicht eins innerstädtische Wohnsitz der zu eins übertragen. Aber „Bonner Bundesbienen“ folgt nehmen Sie die „Unter- nicht nützt, nützt auch einem internationalen Trend: nehmenskultur“. Sie ist Im Park des Weißen Hauses in nichts anderes als ein ge- fühltes Netz von Regeln. der Biene nicht.“ Washington, den Gärten des Vatikans oder auf dem Dach der Sind sie tragfähig, richten Marc Aurel, römischer Kaiser und Philosoph, Pariser Oper finden Bienen- die Beschäftigten sich da- 121–180 n. Chr., Selbstbetrachtungen VI, 54 völker seit längerer Zeit eine ran aus. Das ist der urbane Heimat. Schwarmintelligenz ganz ähnlich. Menschen arbei- Und was passiert, wenn man nicht experimentiert? ten besser und zuverlässi- Koppermann: Irgendwann stirbt die Kreativität. Das ger, wenn sie einen Sinn ist das Erschreckende – die Ideen sterben. Die Pflänz- in ihrer Arbeit sehen. chen gehen im frühen Stadium ein. In solchen Unter- Ameisen, Fische oder Vö- nehmen laufen die Pipelines leer. Sie machen „more of gel suchen keinen Sinn. the same“. Vielleicht noch billiger, aber es können ja Sie sind instinktgetrie- nicht alle immer nur die „Billigheimer“ sein. Wie erklärt sich dann der Erfolg von Google scheidung, die einen Wert von 100 Euro überschritt, Dienst nach Laut Gallup ist aber gerade die emotionale Mitarbeiterbindung ein wichtiger strategi- bekommen die Unternehmen deutlich zu spüren: um 27,8 % erhöhte Fehlzeiten bei oder Apple, wo es doch extrem hierarchisch zugeht? vom Vorstand genehmigt werden musste. Effektiver Voschrift scher Wettbewerbsfaktor: „Je höher die Bindung, desto größer ist die Wahrschein- lichkeit, dass sich ein Mitarbeiter im Sinne den gering Identifizierten und insgesamt stark reduzierte Schlagkraft des Unterneh- mens in Schlüsselbereichen wie Innovation, Koppermann: Richtig. Daran dürfte sich auch nach dem Tod von Steve Jobs nichts ändern. Apple bietet kann man Beschäftigte gar nicht entmündigen als da- durch, dass man das Signal aussendet: Du kannst keine Die Gallup-Studie „Engagement Index seines Arbeitgebers verhält. Und je größer Kundenorientierung, Umsetzung, Flexibilität. aber auch viele kreative Freiräume. Bei uns ist die Rea- 100 Euro verantwortlich ausgeben. Mit gesundem Men- 2010“ zeigt es deutlich: Deutschland ist in die Anzahl der emotional gebundenen Als zentrale Ursache für den anhaltenden lität meist geprägt von Prozessanweisungen, undurch- schenverstand merkt man sofort: Das kann nicht gut Sachen emotionaler Mitarbeiterbindung Personen, desto leistungsfähiger ist das Missstand verweist Gallup auf das Verhalten sichtigen Regeln, Systemvorgaben oder Corporate gehen und demotiviert enorm. Eine hohe Stabilität ist Entwicklungsland. Nur 13 % der Beschäf- Unternehmen.“ Die volkswirtschaftlichen der Führungskräfte, die ihren Führungsstil Governance … unter normalen Bedingungen nützlich, bei raschen Ver- tigten verfügen über eine hohe emotio- Kosten Deutschlands aufgrund mangeln- stärker am Menschen orientieren sollten, änderungen wirkt sie zu starr, lässt nicht genug Kreati- nale Bindung, arbeiten motiviert und sind der Motivation liegen bei jährlich zirka 125 um den Erwartungen und Bedürfnissen ihrer bereit, sich freiwillig für ihren Arbeitgeber Milliarden Euro. Das fehlende Engagement Mitarbeiter gerecht zu werden. Lässt das System in Deutschland Macher vität zu. und dessen Ziele einzusetzen. Jeder fünfte wie Gates oder Jobs nicht zu? Arbeitnehmer (21 %) hat „innerlich gekün- Koppermann: Generell ist es so, dass Anstöße, die Mus- Mit Ihren schwarmintelligenten Events binden digt“ und verhält sich im Grunde destruktiv. Gallup 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 ter brechen oder die Welt verändern, nicht aus unserer Sie die Menschen also ein? Die große Mehrheit von 66 % weist nur eine geringe emotionale Bindung auf und schiebt Engagement Index 16% 15% 12% 13% 13% 13% 12% 13% 11% 13% Kultur kommen. Man muss aber auch ehrlich sein, um Pampuch: Wir bieten sinnstiftende Elemente und schaf- Dienst nach Vorschrift. In Weltklasse-Unter- in Deutschland 2001–2010 nicht missverstanden zu werden. Natürlich brauchen fen so Identifikation. Das kann inhaltlich oder auch nehmen liegt das Verhältnis engagierter zu Basis: Arbeitnehmerinnen und 69% 69% 70% 69% 69% 68% 68% 67% 66% 66% wir Führung. Wir glauben nur, die Entwicklung ist zu spielerisch sein. Ganz so, wie die Kunden das möchten. aktiv unengagierten Mitarbeitern bei 9,57:1 Arbeitnehmer ab 18 Jahre weit gegangen. In der Finanzkrise wurden selbst in gro- In puncto Identifikation liegt ein gigantisches Potenzial (67 % hoch engagierte, 7 % aktiv unenga- ßen Unternehmen Beschlüsse gefasst, wonach jede Ent- brach. Nur 13 Prozent der Mitarbeiter in Deutschland gierte). Durchschnittliche Unternehmen Hohe Geringe Keine kommen auf 1,83:1. Und Deutschland liegt emotionale Bindung 15% 16% 18% 18% 18% 19% 20% 20% 23% 21% mit 0,6:1 nicht einmal mehr im Mittelfeld.
  6. 6. 10/11 Hintergrund SwarmMind 1/2012 haben eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeits- eigene verkauft. Als Folge erntet man bestenfalls Dienst platz. So lautet das Ergebnis einer aktuellen Gallup- nach Vorschrift. Studie (siehe Kasten S. 8). Der Rest verfügt über eine geringe bis gar keine emotionale Bindung. Da setzen Das müssten die Personalabteilungen doch wissen. wir an. Koppermann: Es wird toleriert oder akzeptiert, solange das Geschäft noch gut läuft. Aber man sollte sich nicht Wie sieht die Bilanz denn anderswo aus? täuschen. Die Signale stehen auf Rot, egal mit wem man Koppermann: In den USA liegt der Anteil der hoch spricht, alle sagen: So hohe Raten von Burnout oder psy- Identifizierten bei 28 Prozent. Erfolgreiche Benchmark- chischen Erkrankungen in den Firmen hat es noch nie Unternehmen erreichen 60 bis 70 Prozent. Dass man gegeben. Selbst in der Nachkriegszeit waren die Men- mit einer solchen Belegschaft schneller, flexibler und ef- schen mental gesünder, weil sie Herausforderungen und fektiver arbeiten kann, liegt auf der Hand. In Deutsch- klare Ziele hatten. Gleichzeitig stehen die Leute unter ei- land leisten wir uns einen Apparat, der vielfach mitge- nem enormen Druck, weil der Gesamtpersonalstand ge- schleppt werden muss. Wenn es darauf ankommt, ist er sunken ist. Wir sind überzeugt, dass man das Dilemma nicht zur Höchstleistung fähig, weil die Mitarbeiter lösen kann, wenn man den Leuten wieder Sinn gibt – nicht bereit sind, die letzte Extra-Meile zu gehen. und sie nicht latent entmündigt. Pampuch: Die Systeme funktionieren auf dem Rücken der Mitarbeiter. Ändern sich die Märkte, dann zeigtHeute funktionieren sich, wie flexibel das System ist, neue Chancen zu ent- decken und auszunutzen. die Systeme auf Wie kommt denn der Prozess eines Change Management in Gang? Koppermann: Man kann erst einmal andere Signale dem Rücken der Dipl.-Ing. Klaus Pampuch (l.) und Heiner Koppermann (r.), Klaus Pampuch (l.) verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im setzen. Banales Beispiel: Führungskräftekonferenzen. Dipl. Phys., MBA (INSEAD), sind Gründer und Bereich der Informationstechnologien. Die Arbeitsschwerpunkte Das klassische Format sieht vor, dass die Führungskräf- Geschäftsführer der SwarmWorks Ltd. und Geschäftsführer des diplomierten Ingenieurs sind die Nahtstellen zwischen te sich hinsetzen und die Top-Leute auf der Bühne ihre Mitarbeiter. der ChangeWorks GmbH & Co. KG. Mensch, Maschine und Methode. Er ist Pionier auf dem Gebiet Power-Point-Vorträge präsentieren. Alles durch und der Nutzung kollektiver Intelligenz und Energie von großen durch gescriptet, damit ja nichts schief läuft. Wenn Gruppen in der Live-Kommunikation. man das stundenlang so macht, steigen die Leute aus. Ein Ansatz ist, solche Präsentationsmarathons zu wollen. Dort verkünden Führungskräfte nicht mehr Lö- Heiner Koppermanns (r.) Arbeitsschwerpunkte liegen in durchbrechen und zum Beispiel spielerische Elemente sungen, sondern stellen geeignete Fragen. Und dann der Veränderungsberatung – und dabei besonders bei Soll das heißen: Die Mitarbeiter sind zu faul? einzuschieben. Das hat etwas von Pausenclown, doch merken sie in so einer Veranstaltung: Das geht ja. Da modernen Führungs- und Organisationsansätzen, die sich Koppermann: Nein. Man kann nicht sagen, dass es an es ist deutlich besser als ohne Pausenclown. passiert nichts Schlimmes, die Beiträge sind durch die Mitarbeitereinbindung und kollektive Intelligenz zunutze den Mitarbeitern liegt. Es gibt individuelle Gründe für Bank konstruktiv. machen. Beruflichen Stationen waren Forschung an der Stanford die mangelnde Bindung. Die Menschen wurden von der Sie binden die Leute aber auch mit interaktiven Plattformen ein? Universität (USA), Unternehmensberatung bei McKinsey & Führung enttäuscht, ihr Engagement wurde nicht ho- Koppermann: Ja, das ist schon viel spannender. Wir Dringt diese Erkenntnis bis in die Unternehmensspitzen vor? Co., Inc. (Deutschland) sowie Business Development in der noriert oder der Vorgesetzte hat eine gute Idee als seine haben natürlich auch Kunden, die einen Kulturwechsel Koppermann: Das hängt stark vom Top-Führungsteam Telekommunikation (Großbritannien). Er hat Physik und Business ab. Manchmal auch nur vom CEO. Ist das Menschen- Administration studiert. bild dort nicht auf Einbindung ausgelegt, wird das Thema nicht lange betrieben. Pampuch: Ist die Sichtweise so, dass jeder Mensch exzel- lent sein kann, dann sehen die Verantwortlichen die hen noch weiter und sagen: Wenn ihr schon mal alle Chance sofort. da seid, wollen wir euch auch bestimmte Dinge fragen. Dazu gehört Mut, man weiß ja nicht, was he- Kann man denn bei jeder Entscheidung den rauskommt. Ich hatte vor einigen Jahren eine Konfe- ganzen Schwarm einbeziehen? renz mit einigen hundert Teilnehmern. Da wurde Pampuch: Nein, sicher nicht. Bei akuten Problemen gefragt: Wie sieht bei uns die Work-Life-Balance aus? wird man sich der Sache auf Führungsebene in Zusam- Das Ergebnis war verheerend. In der Mittagspause menarbeit mit Experten nähern wollen. Geht es darum, hat die Führung entschieden: Wenn 85 Prozent der eine Strategie zu entwickeln oder Trends zu analysieren, Führungskräfte sagen, die Work-Life-Balance sei aus funktionieren die Methoden auch schon bei 30 Teilneh- dem Ruder, sie vernachlässigten ihre Familien, Der Dachgarten der rund zehn mern. Nach oben hin ist das offen. Unsere bislang größ- hingen zu viel in der Arbeit und seien gleichzeitigInteressante Links: Meter hohen Kunst- und Ausstel- te Veranstaltung hatte 6.500 Teilnehmer, die interaktiv unzufrieden, weil die abgesessenen Stunden nichtwww.bundesbienen.info lungshalle besitzt eine Grundfläche ins Geschehen eingegriffen haben. effektiv sind – dann müssen wir da ran. In der Folgewww.kah-bonn.de von 9.216 Quadratmetern. Die drei Koppermann: Im Endeffekt sind dann die Leute stolz, wurden Projekte aufgesetzt, um daran zu arbeiten.www.vogelflughafen-hamm.de türkisfarbenen Lichttürme ragen bei einer Firma zu sein, die solche „anderen“ Events auf- Das Feedback war total positiv. Es war die offenste, (von der Rohdecke aus gemessen) legt. Manche Firmen spielen das sehr konsequent und produktivste, glaubwürdigste und damit beste 16, 20 und 25 Meter empor. elegant durch, um ihre Leute zu motivieren. Andere ge- Führungskonferenz der letzten Jahre.
  7. 7. 12/13 Hintergrund SwarmMind 1/2012 Die Masse Welchen Ängsten oder Vorurteilen begegnen Sie? Pampuch: Das wird natürlich nicht laut gesagt. Aber ich denke, es ist Angst vor macht’s Kontrollverlust, Angst davor, dass alles ins Chaos läuft. Koppermann: Das beginnt mit dem oft Rund soll das neue unausgesprochenen Vorurteil, die Masse Logo sein, nicht mehr sei blöd. Und natürlich in Deutschland die Erfahrung mit dem Nationalsozialismus, eckig. Das zumindest der die Masse so manipuliert hat, dass sie völlig unethisches Verhalten mitgetragen stand fest. Viel mehr hat und dem Dik- aber auch nicht. Von Jürgen Ponath tator ins Verderben hinterherge- Und wie schätzen Sie die Zukunft ein? W laufen ist. Das schwingt Koppermann: Wir glauben ganz fest daran, dass wir in mitunter mit. Und es einer Welt angekommen sind, die so schnelllebig, so wird dann nicht diffe- hoch getaktet und gleichzeitig so komplex geworden Crowdsourcing – er schon einmal ein Logo hat entwi- renziert, dass es sich ist, dass diese alten, teilweise ja noch militärischen Mo- mitunter auch als ckeln lassen, kennt das Problem“, dabei eher um Herden- delle – der Befehl kommt von ganz oben und unten Schwarmauslagerung sagt Heiner Koppermann, einer der verhalten handelte, bei wird er ausgeführt – an ihrem Grenznutzen angekom- bezeichnet – basiert beiden Geschäftsführer von Swarm- dem alle einem Führer men sind. Wir brauchen andere Modelle. Bis Probleme auf dem Prinzip, die Intelli- Works: „Man kann anhand von Entwürfen hinterherliefen. Ein nach oben durchkommuniziert worden sind, dort viel- genz, Kreativität und Arbeits- sehr wohl sagen, was einem gefällt und was Schwarm besteht aus leicht gelöst und dann die Lösungen wieder hinunter- kraft einer externen Schar von nicht. Aber dem Designer genauer zu be- unabhängigen Individuen. Den Unterschied machen kommuniziert werden – das dauert einfach zu lange. In Zuarbeitern für die Lösung schreiben, was man sucht, das ist schon die verwendeten Kommunikationsstrukturen – Mani- der Zwischenzeit sind die Wettbewerber links und von Problemen heranzuzie- schwieriger. Darum kann der Prozess, der von pulation versus unabhängige Information. Oder es rechts vorbeigezogen. hen. Häufig dient das Internet der ersten vagen Idee bis zum fertigen Logo herrscht die Angst vor der Anarchie. Es gipfelt in dem als Kommunikationsplattform. führt, ganz schön langwierig und auch frust- Satz: Wir sind doch kein basisdemokratisches Unter- Vielen Dank für das Gespräch. Eine Vielzahl von Beitra- rierend sein.“ Auf der Suche nach seinem neu- nehmen. genden generiert Inhalte, en Firmenlogo setzte SwarmWorks daher auf löst Aufgaben oder wird an eine besondere Variante der kollektiven Intel- Die Ängste lassen Entwicklungen beteiligt. ligenz: Crowdsourcing. sich aber entkräften? Koppermann: Ganz klar. Der Sprung ins Die alten Modelle sind Bei den Internetportalen crowdspring.com und designenlassen.de wurde ein Auftrag ein- gestellt und eine Prämie von 2.500 US-Dollar kalte Wasser ist immer mit einer Portion Mut verbunden. Da beißt an ihrem Grenznutzen für den besten Entwurf ausgeschrieben. Krea- tive aus aller Welt nahmen sich der Herausfor- derung an. Nach nur zwei Wochen lagen rund die Maus keinen Faden ab. Wir haben es aber – Indianerehrenwort – angekommen. 600 Entwürfe auf dem Tisch. Es folgte eine grobe Vorauswahl, dann wurden alle Mitar- beiter in die Abstimmung eingebunden. „Uns noch nie erlebt, dass war wichtig, dass sich möglichst alle im Unter- diese Offenheit nach hinten losgegangen wäre. Und wir nehmen mit dem neuen Logo identifizieren glauben ganz, ganz stark daran: Erwachsene Menschen Interessanter Link: können“, erklärt Klaus Pampuch, der zweite könnten auch mit schlechten Nachrichten umgehen. www.swarmworks.com Geschäftsführer. „Wir wollten da keine Ab- lich ein Designer das finale Logo gestaltet. Gerade wenn sie wissen, wofür sie z.B. den Gürtel en- striche machen. Das Logo soll uns ja ein paar „Wir sind mit einer Vielzahl kreativer Sicht- ger schnallen sollen, dann geht das auch. Jahre begleiten.“ Zwölf Entwürfe kamen in weisen konfrontiert worden“, sagt Pampuch. den Recall, drei schafften es in die Endrunde. Und: „Der demokratische Prozess ist nicht un- Einen eindeutigen Sieger gab es zwar nicht, bedingt einfacher, aber er lohnt sich in jeder aber aus verschiedenen Elementen hat schließ- Hinsicht.“
  8. 8. 14/15 Intelligenz SwarmMind 1/2012 Gemeinsam blöd? Abstimmungen über einfache Fragen lassen sich Wer die Weisheit der Vielen anzapfen leicht über das Intranet realisieren. Google bestimmt möchte, sollte einige Regeln beherzigen oder: auf diese Weise zum Beispiel den Launch-Termin für neue Produkte. Auch bei einer komplexen Fragestel- „Diese Strategie wird viel einfacher nicht umzusetzen sein als die letzte Strategie, vom Einmaleins der kollektiven Intelligenz. lung muss die Gruppe groß genug sein (mindestens die wir nicht umgesetzt haben.“ 30 Personen). Und auch hier müssen die Mitglieder Von Klaus Pampuch eine Ahnung von Thema haben. Außerdem muss V etwa ein Workshop, bei dem kollektive Intelligenz kenntnis: Diskussionen taugen nur sehr bedingt zur genutzt werden soll, folgendes leisten: Vernetzung von Informationen; die Effekte der Pola- risierung verzerren das Ergebnis. ermutlich kennen wir alle zahlreiche Beispie- Damit es bei einfachen Fragen mit der kollektiven Hierarchie außer Kraft setzen le aus Unternehmen, Politik und Gesell- Intelligenz klappt, müssen folgende Bedingungen Die Hierarchie bleibt außen vor. Sie kann zu Grup- Hoher Quervernetzungsgrad schaft, wo in Gremien und Sitzungen viele erfüllt sein: pen-Fehlverhalten führen. Die Wortmeldung des Hierin steckt viel Potenzial. Würde im idealisierten kluge Menschen gemeinsam blöde Entschei- Chefs hat ein höheres Gewicht als die des „einfachen“ Fall jeder Teilnehmer seine Informationen an alle an- dungen treffen. Auf der anderen Seite gibt es das Keine Kommunikation Angestellten. Sie beeinflusst das Abstimmverhalten deren Teilnehmer weitergeben, käme man zum Bei- Phänomen der kollektiven Intelligenz, demzufolge Es darf nur die Paarbeziehung („Dyade“) zwischen der „Untergebenen“. Ein Beispiel für ein folgenschwe- spiel bei 150 Teilnehmern theoretisch auf 22.350 Be- ein soziales Gebilde fähig ist, Zusammenhänge zu er- dem Individuum und der Frage geben. Diskutieren res Gruppen-Fehlverhalten infolge von Hierarchie ist ziehungen. kennen und Lösungen für Probleme zu finden. Die die Menschen miteinander, oder er- die Columbia-Katastrophe im Jahr 2003. Die Chefin Intelligenz der Gruppe kann derjenigen der Indivi- greift ein Meinungsbildner das Wort, Bei Günther des Bodenkontrollteams hatte sich frühzeitig festge- Die richtigen Leute ar- duen weit überlegen sein und exzellente Resultate wird das Ergebnis schlechter. Wenn Jauchs „Wer wird legt, dass die Schäden an den Hitzekacheln harmlos beiten an den richtigen Potenzial der Vernetzung 70000 hervorbringen. Wie geht das zusammen? Unter wel- der Kandidat bei Günther Jauch zu Millionär?“ liegt seien. Die Kritiker wurden nach und nach überzeugt. (Sub-)Themen chen Bedingungen ist das Kollektiv entweder intelli- laut über die seiner Meinung nach das Publikum Die Columbia verglühte beim Wiedereintritt in die Klingt erst mal einfach. gent oder blöd? richtige Antwort nachdenkt oder gar in den meisten Erdatmosphäre. In der Praxis ist ein sol- Die kollektive Intelligenz beschäftigt Forscher aus sagt: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Fällen richtig. ches Matching nur dank verschiedenen Fachrichtungen seit Jahren. Die US- Antwort A richtig ist, weil …“, sollte Keine Bühne für Meinungsbildner modernster Erkenntnis- Soziologin Kate Gordon führte bereits in den 1920er- er den Publikumsjoker für diese Frage nicht mehr In jeder Gruppe gibt es die Charismatischen, Extro- se der numerischen Ma- 22350 Jahren ein einfaches Experiment mit 200 Studenten bemühen. Das Publikum ist schon so beeinflusst, vertierten, Wortgewandten, denen wir unbewusst thematik herzustellen. Beziehungen durch. Die Probanden sollten einige Gegenstände dass es kein unbefangenes Urteil mehr abgeben wird. Kompetenz zuschreiben und deren Wortmeldung die Spezielle Algorithmen nach ihrem Gewicht sortieren. Der Durchschnitt al- Gruppe beeinflusst. berechnen aufgrund in- ler Schätzwerte traf die realen Werte fast auf den Viele Teilnehmer dividueller Präferenzen Punkt genau. Je mehr, desto besser. Ab etwa 200 Teilnehmern Gruppenzwang aushebeln ein optimales Themen- Teilnehmer 150 250 Man muss der Gruppe nur Der Versuch wurde oft wie- wird der Qualitätszuwachs allerdings geringer. Ein von dem Psychologen Solomon Asch in vielen Va- rianten durchgeführtes Experiment illustriert die Teilnehmer-System: Ist nur ein Punkt nicht er- die richtigen Fragen stellen. derholt und Ahnung vom Thema Macht des Gruppenzwangs. Er bat zehn Gruppen füllt, entspricht die Performance der Gruppe maxi- abgewandelt, Beim Gummibärchenschätzen kann sicher jeder mit- mit je zehn Studenten, die längere von zwei gezeich- mal derjenigen ihrer besten Mitglieder. Das Ergebnis immer mit dem Ergebnis: Der Durchschnitt hat machen. Wenn aber die Anzahl gesendeter SMS in neten Linien zu bestimmen. In jeder Gruppe waren ist dadurch nicht zwangsläufig schlecht, aber weit recht. Auch wir haben in vielen Veranstaltungen Deutschland im Jahr 2010 geschätzt werden soll und neun Studenten eingeweiht: Sie sollten ein falsches von dem entfernt, was möglich wäre. Für ein Unter- Hunderte von Teilnehmern live zum Beispiel die An- die Probanden weder wissen, was eine SMS noch was Urteil abgeben. Der „naive“ Proband schloss sich in nehmen kann der Unterschied zwischen einer guten zahl von Gummibärchen in einem Glas schätzen las- Deutschland ist, wird das Gruppenergebnis mit an allen Fällen dem Fehlurteil der Gruppe an. Auch die und einer sehr guten Idee oder Problemlösung schnell sen. Wenn dann der Median einen Wert von 3114 Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht bes- hartnäckigsten Zweifler fanden irgendwann einen einige hunderttausend oder, je nach Unternehmens- liefert und sich real 3120 Gummibärchen im Glas ser sein als dasjenige eines einzelnen Telekommuni- Winkel, aus dem sie die Linien so betrachten konn- größe, auch Millionen Euro ausmachen. In der Pra- befinden, ist das wirklich beeindruckend. kationsexperten. Der Publikumsjoker bei „Wer wird ten, dass die kürzere Linie länger aussah. xis, wie zum Beispiel bei der Führungskräftekonfe- Dabei hängt der Erfolg von der Fragestellung ab. Millionär?“ liefert übrigens auch nur deshalb so gute renz des Technologiekonzerns Infineon, hat sich Geht es darum, sich zwischen vorgegebenen Optio- Ergebnisse (93 Prozent richtige Antworten über alle Keine Diskussion auf Plenumsebene gezeigt, wie wertvoll neben den bestmöglichen Er- nen zu entscheiden? Oder handelt es sich um ein Sendungen), weil die Zuschauer im Studio vorher in- Diskussion als Feind der kollektiven Intelligenz? Ja, gebnissen noch ein weiterer Aspekt ist: Der transpa- komplexeres Problem wie etwa die Frage: „Was struiert werden, nur dann an der Abstimmung teil- tatsächlich! Cass R. Sunstein hat in seinem Buch „In- rente Prozess und die Beteiligung vieler erzeugen müssen wir tun, um unsere Wettbewerbsvorteile zu zunehmen, wenn sie glauben, die Antwort tatsäch- fotopia“ (Siehe S. 44) die Ergebnisse von Diskussio- eine hohe Akzeptanz – mit der Folge, dass sich Inno- stärken?“ lich zu kennen. nen in Gruppen untersucht. Die überraschende Er- vationen beschleunigt umsetzen lassen.
  9. 9. 16/17 Intelligenz SwarmMind 1/2012 Eine wachsende Zahl von Anwendungen hat bewiesen, dass eine bunt gemischte Gruppe voneinander unabhängiger Entscheidungen 2.0: Eric Bonabeau, Ph.D. der theoreti- schen Physik, ist einer der führenden Experten auf dem Gebiet komplexer Syste- und halbwegs informierter Men- schen selbst dem fähigsten Individuum überlegen sein Die Macht der kollektiven Intelligenz me und adaptiver Problemlösung. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Artikel und Bücher, kann, wenn es darum darunter des Wissenschaftsbestsellers „Swarm Intelli- geht, etwas zu schät- gence“. Bonabeau hat in der Forschung und Entwicklung für Telekommunikations- und Software-Unternehmen in Europa und zen oder eine den USA gearbeitet, bevor er 2000 „Icosystem“ gründete – eine Beratungs Entscheidung firma, die Instrumente und Software entwickelt, mit deren Hilfe Anwender effektiver entscheiden, Strategien entwickeln und auf Veränderungen reagieren können. zu treffen. Von Eric Bonabeau D ie neuen webbasierten Tools, Wie kann kollektive Intelligenz effektiv eingesetzt wer- die Menschen auf mannigfa- den, wenn es darum geht, unsere Entscheidungsfindung che Weise zusammenführen, zu verbessern? haben es möglich gemacht, Ich unterscheide generell drei Arten der Herangehens- mit etlichen Mechanismen zu weise, die sich mitunter auch miteinander kombinieren experimentieren, um das Beste lassen: aus Kollektiven herauszuholen. Derartige Web- tools - wie soziale Netzwerke, Wikis und Group- Reichweite („Outreach“) ware – bedeuten einen Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie Entscheidungen gefällt Hier geht es darum, den Kreis der Individuen oder Grup- und Probleme pen, die in die Entscheidung einbezogen werden, über gelöst werden. traditionelle Grenzen hinaus (wie die Wände einer Orga- Paradigmenwechsel Als dezidierter nisation oder auch hierarchische oder funktionelle Barri- durch soziale Netz- Anhänger kol- lektiver Intelli- eren innerhalb der Organisation) zu erweitern, um Ideen zu generieren („generation tasks“) oder Sachverhalte zu werke, Wikis und genz, der fest bewerten („evaluation tasks“). Der Mehrwert beim „Out- daran glaubt, reach“ liegt in der schieren Anzahl: Entweder es werden Groupware. dass es nützlich mehr Leute in die Entscheidung oder Lösung eines Prob- ist, sich dieses lems einbezogen, oder man zieht eine größere Anzahl von Instruments in geeigneten Kontexten zu bedie- Alternativen in Betracht. Ein gutes Beispiel ist der Open- nen, der sich jedoch vom aktuellen Hype um ein Source-Ansatz bei der Entwicklung und Verbesserung „neues Zeitalter“ kollektiver Intelligenz etwas von Software. Hier gilt das berühmte Wort: „Schauen überrollt fühlt, will ich meine Gedanken einmal viele Augen auf den Code, bleibt kein Programmfehler ordnen und herausarbeiten, wo und wie die neu- lange verborgen“ (nach Linus Torvalds, dem geistigen Va- en Ideen anwendbar sind. ter von Linux). Europas größtes Heckenlabyrinth in Castlewellan, Nordirland.

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