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  1. 1. Alexander RabinowitchDIE SOWJETMACHTDAS ERSTE JAHR
  2. 2. Alexander Rabinowitch Die Sowjetmacht Das erste JahrAus dem Amerikanischen von Andrea Rietmann und Peter Sondershausen Mehring Verlag
  3. 3. Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. The Bolsheviks in Power: The first Year of Soviet Rule in Petrograd, by Alexander Rabinowitch © 2007 by Alexander Rabinowitch German language translation rights licensed from the English-language publisher, Indiana University Press 1. Auflage Juni 2010 © MEHRING Verlag GmbH, Essen, 2010 www.mehring-verlag.de Alle Rechte vorbehalten Fotomechanische Wiedergabe und Einspeicherung in elektronische Systeme nur mit Genehmigung des Verlags Titelbild: Trotzki, Lenin und Kamenew (5. Mai 1920, Swerdlow-Platz, Moskau) Satz und Gestaltung: Klartext Medienwerkstatt GmbH, Essen Druck und Bindung: Beltz Druckpartner GmbH Co. KG, Hemsbach ISBN 978-3-88634-090-3
  4. 4. Meinem Zwillingsbruder Victor,dem Weltbürger, Humanisten und Freund
  5. 5. InhaltVorwort und Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . ixProlog – Die Bolschewikiund die Oktoberrevolution in Petrograd . . . . . . . . 1Teil I: Die Niederlage der Gemäßigten 1. Die Regierungsbildung . . . . . . . . . . . . . . . . 21 2. Von der Rebellion zur Staatsmacht . . . . . . . . . . 73 3. Das Kräftemessen wird vorbereitet . . . . . . . . . . 109 4. Das Schicksal der Konstituierenden Versammlung. . . 143Teil II: Krieg oder Frieden? 5. Die Front gegen Lenin . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 6. »Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr« . . . . . . 209 7. Der Schandfrieden . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243Teil III: Die Sowjetmacht am Rand des Abgrunds 8. Ein stürmischer Frühling . . . . . . . . . . . . . . . 285 9. Kein Ende der Krisen . . . . . . . . . . . . . . . . . 31710. Die Nordkommune und das Bündnis zwischen Bolschewiki und Linken Sozialrevolutionären . . . . . 34911. Der Selbstmord der Linken Sozialrevolutionäre . . . . 379Teil IV: Revolutionsfeiern im Zeichen des Terrors12. Wie es zum »Roten Terror« kam. . . . . . . . . . . . 41913. Der Rote Terror in Petrograd . . . . . . . . . . . . . 44314. Die Feiern zum »größten Ereignis der Weltgeschichte« 48115. Der Preis des Überlebens . . . . . . . . . . . . . . . 525Zeittafel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 553Auswahl-Bibliografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 615Sach- und Personen-Register . . . . . . . . . . . . . . 637
  6. 6. Vorwort und DanksagungIm Oktober 1917 ergriffen die Bolschewiki in Russland die Macht.Das Regime, das sie errichteten und das sich den weltweiten Siegdes Kommunismus auf die Fahnen geschrieben hatte, drückteder russischen Politik und Gesellschaft mehr als 75 Jahre seinenStempel auf. Mit gutem Grund lässt sich behaupten, dass diesdie Weltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nachhaltigergeprägt hat als irgendein anderes Ereignis. Meine Aufmerksamkeit als Forscher und Publizist galt bislangvor allem der Oktoberrevolution von 1917 und deren unmittel-baren Folgen in Petrograd, der Stadt, die heute St.  Petersburgheißt und damals die Hauptstadt erst des zaristischen und danndes revolutionären Russland war. In meinem ersten Buch, Pre­lude to Revolution: The Petrograd Bolsheviks and the July Uprising(Indiana University Press, 1968), ging ich den Ursachen, der Ent-wicklung und den Ergebnissen des gescheiterten Juli-Aufstandsin Petrograd auf den Grund. Zum einen wollte ich so die tiefe-ren Ursachen der allgemeinen Unzufriedenheit mit der liberal-gemäßigten sozialistischen Provisorischen Regierung aufdecken.Zum anderen ging es mir darum, das Programm, die Struktur,den Modus Operandi sowie die Stärken und Schwächen der bol-schewistischen Partei (im Vergleich zu anderen politischen Par-teien dieser Zeit) deutlich herauszuarbeiten. In meinem nächstenBuch, The Bolsheviks come to Power (1976) stützte ich mich auf dieErkenntnisse aus Prelude to Revolution, um ein tieferes Verständ-nis dafür zu entwickeln, was den Charakter der Oktoberrevolu-tion von 1917 ausmachte, weshalb keine Demokratie nach westli-chem Vorbild zustandekam und aus welchen Gründen Lenin und
  7. 7. x  |  Vorwort und Danksagungdie Bolschewiki den Sieg davontrugen. Bei beiden Büchern ginges mir vor allem darum, die Ereignisse in Petrograd eingehenderzu beleuchten, um wichtige, bis dahin wenig untersuchte Fragenzu den Bolschewiki und zum Verlauf der Oktoberrevolution zuerörtern. The Bolsheviks come to Power und Prelude to Revolution wider-sprachen gängigen Vorstellungen von der Oktoberrevolution, sahman doch im Westen die Oktoberrevolution gemeinhin als eineArt Militärputsch, den eine kleine, verschworene Bande revoluti-onärer Fanatiker unter der genialen Führung Lenins angezettelthatte. Demgegenüber ergaben meine Nachforschungen, dass diebolschewistische Partei in Petrograd 1917 zu einer Massenparteiherangewachsen war und keineswegs eine monolithische Bewe-gung darstellte, die sich im Gleichschritt hinter Lenin eingereihthätte. Ihre Führung bestand vielmehr aus einem linken, einemzentristischen und einem gemäßigten Flügel, die alle dazu bei-trugen, eine revolutionäre Strategie und Taktik zu entwickeln.Weiter zeigte sich, dass der Erfolg, der der Partei nach dem Sturzdes Zaren im Februar 1917 im Kampf um die Macht beschiedenwar, folgenden ausschlaggebenden Faktoren zuzuschreiben war:der organisatorischen Flexibilität der Partei, ihrer Offenheit undAufgeschlossenheit für die Anliegen der Bevölkerung sowie ihrenengen und sorgsam gepflegten Verbindungen zu Fabrikarbeitern,Soldaten der Petrograder Garnison und den Matrosen der Balti-schen Flotte. Ich kam zu dem Ergebnis, dass die Oktoberrevolu-tion in Petrograd weniger eine militärische Operation war, son-dern eher ein allmählicher Prozess auf dem Boden einer in derBevölkerung tief verwurzelten politischen Kultur sowie einer weitverbreiteten Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der Februarre-volution, kombiniert mit der unwiderstehlichen Anziehungskraftder Versprechen der Bolschewiki – sofortiger Friede, Brot, Landfür die Bauern und Basisdemokratie durch Mehrparteiensowjets. Diese Interpretation warf allerdings ebenso viele Fragen auf,wie sie beantwortete. Wenn der Erfolg der bolschewistischenPartei 1917, soviel schien klar, wenigstens zum Teil ihrem offe-nen, relativ demokratischen und dezentralisierten Charakter undHandeln zu verdanken war, wie war dann zu erklären, dass sichdiese Partei so schnell in eine der am stärksten zentralisierten
  8. 8. Vorwort und Danksagung  |  xiund autoritärsten politischen Organisationen der Neuzeit ver-wandelte? Und weiter, wenn die Sowjets 1917 zutiefst demo-kratische Organisationen waren, Organe der Volksherrschaft inembryonaler Form, wie es die Ergebnisse meiner Untersuchungennahelegen, welche Faktoren führten dann dazu, dass ihre Unab-hängigkeit wie auch die anderer Massenorganisationen in sokurzer Zeit zerstört wurde? Die vielleicht entscheidendste Fragelautete: Wenn ein großer Teil der unzufriedenen UnterschichtPetrograds, die den Sturz der Provisorischen Regierung anführteund den Bolschewiki die Machtergreifung leicht machte, eineegalitäre Gesellschaft und ein demokratisch-sozialistisches politi-sches System anstrebte, das Platz für viele Parteien bieten sollte,und wenn  – auch das belegen meine Studien  – viele bekannteBolschewiki dieses Ziel ebenfalls verfolgten, wie lässt sich dannerklären, dass diese Ideale in so kurzer Zeit ausgehöhlt wurdenund die autoritäre bolschewistische Herrschaft sich derart verfes-tigen konnte? Um diese Kernfragen geht es im vorliegenden Buch. Die-sen Band fertigzustellen kostete sehr viel Zeit, ironischerweisegerade durch die Liberalisierung, die Gorbatschow auf kulturel-lem Gebiet eingeleitet hatte. Anfang der 1980er Jahre hatte ichumfassende Recherchen vor Ort in Leningrader und MoskauerBibliotheken abgeschlossen. Lange vor Gorbatschows Amtsantrittund dem Ende der Sowjetunion 1991 hatte ich damit begonnen,die wichtigsten Kapitel in einer Rohfassung niederzuschreiben.Allerdings ließen die Ergebnisse in meinen Augen zu wünschenübrig; dies galt insbesondere für die Phase, in deren Gefolge imersten Halbjahr 1918 ein großer Teil der nicht-bolschewistischenPresse eingestellt wurde, womit ich eine der wichtigsten Quellenmeiner Forschungstätigkeit verlor. Selbst die nur bedingt auf-schlussreichen veröffentlichten Dokumente zu Ereignissen, Insti-tutionen, gesellschaftlichen Gruppen und politischen Persönlich-keiten und Parteien, insbesondere zur bolschewistischen Parteiin Petrograd, die für meine Untersuchungen zum Jahr 1917 vongrößter Wichtigkeit waren, fehlten für 1918 völlig. Um diesesBuch zu vollenden, brauchte ich daher Zugang zu den Archivender sowjetischen Regierung und der Kommunistischen Partei, diezur damaligen Zeit noch strengster Geheimhaltung unterlagen.
  9. 9. xii  |  Vorwort und Danksagung Ein erster bedeutsamer Hinweis auf die einschneidende Ver-änderung, die die Liberalisierung unter Gorbatschow für meineArbeit als westlicher Historiker der russischen Revolution und derAnfänge der Sowjetherrschaft bedeuten würde, war die Publika-tion meines Buches The Bolsheviks come to Power im Jahr 1989.Damit wurde erstmals eine westliche Studie der Revolution in derSowjetunion veröffentlicht. Ich erinnere mich an die Buchvorstel-lung im Verlagshaus Progress Publishing in Moskau; es war einerder Höhepunkte meines Lebens. Doch selbst nach der Veröffentli-chung des Buches in der Sowjetunion schien die Möglichkeit, dassein »bürgerlicher Fälscher« wie ich schon bald sowjetische histo-rische Archive würde auswerten können, noch in weiter Fernezu liegen. Dies änderte sich schlagartig, als ich im Juni 1991 Russlandbesuchte, um in Moskauer und Leningrader Bibliotheken weitereNachforschungen anzustellen. Mit der Unterstützung sowjetischerKollegen ersuchte ich um Zugang zu staatlichen Archiven und zuArchiven der Kommunistischen Partei in Moskau und Leningrad –und zu meiner großen Überraschung wurde mir dieser Zuganggewährt. Natürlich war klar, dass manches, was für mich vongrößtem Interesse war, weiterhin der Geheimhaltung unterlie-gen würde; doch mir stand nun Quellenmaterial zur Verfügung,das um ein Vielfaches umfangreicher war als zuvor. Als ich dann1993 zum ersten Mal in den Archiven des ehemaligen KGB arbei-ten durfte, kam noch viel Material hinzu, und in den verbleiben-den Jahren bis 2000, als immer mehr Dokumente freigegebenwurden, standen mir schließlich weitaus reichhaltigere Quellenzur Verfügung als zuvor. Soviel zur positiven Seite der Medaille.Die negative war, dass ich mit meinen Recherchen praktisch vonvorne anfangen musste. Ein Verzeichnis der Quellen, auf die sich diese Arbeit stützt,findet sich in der Bibliografie am Ende dieses Buches. Zu denwichtigen, unveröffentlichten Quellen über das erste Jahr derSowjetmacht in Petrograd, zu denen ich Zugang hatte, zählenSitzungsprotokolle des bolschewistischen Petersburger Komiteesaus dem Jahr 1918 und Protokolle anderer Petrograder Partei-foren, Sitzungsprotokolle von Bezirkskomitees der Bolschewiki,Sitzungsprotokolle des Rats der Volkskommissare (Sownarkom),
  10. 10. Vorwort und Danksagung  |  xiiistenografische Aufzeichnungen wichtiger Sitzungen des Petro-grader Sowjets und seiner Führungsgremien, Sitzungsprotokollevon Petrograder Bezirkssowjets, interne Vermerke, Korrespon-denz, unveröffentlichte Memoiren, ausführliche Aufzeichnungenfür andere Parteien und Regierungs-, Verwaltungs- und städti-sche Gremien sowie die Personalakten von wichtigen bolsche-wistischen Führern dieser Periode. Außerdem konnte ich einige(natürlich bei Weitem nicht alle) aussagekräftige Fallakten derAllrussischen Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolu-tion, Spekulation und Sabotage (Tscheka) sowie Fallakten dama-liger lokaler Ermittlungsbehörden auswerten. Ähnlich wertvollfür mich waren umfangreiche, mit ausführlichen Anmerkungenversehene Sammlungen ehedem als geheim eingestufter Aktenüber die Geschichte anderer politischer Organisationen als derbolschewistischen Partei während der revolutionären und derunmittelbar nachrevolutionären Phase, die in Russland in denletzten anderthalb Jahrzehnten für die Öffentlichkeit freigegebenwurden. Dieses erstmals zugängliche Quellenmaterial in seiner Gesamt-heit hat es zum ersten Mal ermöglicht, die Debatten und dieEntscheidungsfindung innerhalb der bolschewistischen Parteivon der Parteispitze bis hinunter zur Parteibasis in Petrograd zuuntersuchen und die Entwicklung der Partei- und Regierungsin-stitutionen und ihr Verhältnis zueinander auf allen Ebenen ebensozu erforschen wie die Herausbildung der politischen Anschau-ungen der breiten Bevölkerung während des ersten Jahres derSowjetmacht. Anhand dieser Analyse habe ich dann versucht, dieDynamik in der Anfangsphase der Entwicklung des repressiven,ultraautoritären sowjetischen politischen Systems zu rekonstruie-ren – vor dem Hintergrund der gravierenden politischen, ökono-mischen, sozialen und militärischen Krise, mit der sich Petrogradnach der Oktoberrevolution konfrontiert sah. Ich hoffe, dass dieseRekonstruktion, die gewiss noch unvollständig ist, neue Einsich-ten zu einer der wichtigsten geschichtswissenschaftlichen Frage-stellungen in Bezug auf die frühe sowjetische Geschichte liefernwird: Wie entscheidend war der Einfluss der aktuellen Ereignisseund Entwicklungen sowie der Reaktionen darauf für die Heraus-bildung des hoch zentralisierten, autoritären politischen Systems
  11. 11. xiv  |  Vorwort und DanksagungRusslands im Verhältnis zum Einfluss der vorgefassten revoluti-onären Ideologie beziehungsweise der strikten und diktatorischgeprägten Verhaltensmuster der Bolschewiki? Die Sowjetmacht. Das erste Jahr gliedert sich in vier Teile. Teil 1behandelt die Phase von der Oktoberrevolution bis zur Auflösungder Konstituierenden Versammlung im Januar 1918. In diesemZeitraum festigten die Bolschewiki ihre Herrschaft in Petrograd,und Lenin gelang es, gemäßigte Bolschewiki im Schach zu hal-ten, die die Aussicht auf baldige sozialistische Revolutionen imAusland skeptisch beurteilten und ihre Hoffnungen stattdessen ineine den Sozialisten wohlgesinnte Konstituierende Versammlungsetzten, welche die Revolution in Russland vorantreiben sollte.Im Brennpunkt des zweiten Teils stehen Verlauf und Folgen dererbitterten Auseinandersetzungen um den Brester Friedensver-trag. Die Kontroverse um diesen Separatfrieden mit Deutschlandentzündete sich im Januar 1918 zwischen einer Mehrheit führen-der Petrograder Bolschewiki und Lenin. Sie endete im März, als diedeutschen Truppen bis Petrograd vorstießen, mit der panischenFlucht der Sowjetregierung nach Moskau und der Ratifizierungdes Vertrags. Im dritten Teil widme ich mich den verheerendeninnenpolitischen und militärischen Krisen Petrograds im Frühjahrund Frühsommer 1918 sowie den Reaktionen der Arbeiter darauf.Außerdem gehe ich der Frage nach, wie diese Krisen die Haltungder Bolschewiki zum Regieren in der mittlerweile »zweitwich-tigsten Stadt« Russlands prägten. Abschließend beleuchte ich dasScheitern des Bündnisses zwischen Bolschewiki und Linken Sozi-alrevolutionären in der Nördlichen Oblast und die Wende zurEinparteienherrschaft Anfang Juli. Teil 4 schließlich befasst sichhauptsächlich mit den Petrograder Bolschewiki und den politi-schen Entwicklungen im Juli und August 1918, die im Herbst indie Ausrufung des »Roten Terrors« mündeten, außerdem behan-delt es die Dynamik und die Folgen des Terrors in Petrograd.Das dritte Kapitel des vierten Teils beschreibt die Organisationund Durchführung der Mammutfeiern zum ersten Jahrestag derOktoberrevolution in Petrograd. Mein Ziel ist es, anhand der Fest-lichkeiten den Zustand, die revolutionären Hoffnungen und dasSelbstbild der Petrograder Bolschewiki zu beurteilen, und auchdie veränderte Struktur der Petrograder Regierung nach zwölf
  12. 12. Vorwort und Danksagung  |  xvMonaten verzweifelten Kampfes, bis zum Ausbruch der sehnsüch-tig erwarteten, entscheidenden sozialistischen Revolutionen imWesten an der Macht zu bleiben. Im gesamten Buch nehme ichbestimmte Ereignisse und Situationen ins Visier, die besonderswertvolle Einsichten zur Beantwortung zentraler Fragen liefern,die heute noch Rätsel aufgeben, beispielsweise die Frage, wie sichder Charakter der bolschewistischen Partei und der Sowjets imAnschluss an die Oktoberrevolution veränderte, und die Frage,wie die Kluft zwischen den ursprünglichen Zielen der Revolutionund ihren frühen Ergebnissen zu erklären ist. * * *Die russischen Namen sind in der deutschen Übersetzung im Inte-resse der Lesefreundlichkeit nach der aussprachenahen Transkrip-tion des Duden wiedergegeben. Eine Ausnahme bilden Namen,deren Schreibweise im Deutschen durch Gewohnheit bereitsderart verankert ist, dass eine andere Wiedergabe den Leser nurirritieren würde. Für die Bibliografie und die Quellennachweisein den Anmerkungen wurde die wissenschaftliche Transliterationgewählt. Der herausgebende Verlag hält diesen formalen Bruchinsofern für angemessen und vertretbar, als der akademisch inte-ressierte Leser auf diese Weise die Quellen besser auffinden kann,ohne dass die Lektüre ansonsten unnötig erschwert wird. DieseLösung versucht sowohl dem einschlägig vorgebildeten Fachpub-likum als auch interessierten Laien gerecht zu werden. * * *Am 1. Februar 1918 wechselte Russland vom Julianischen zumwestlichen Gregorianischen Kalender, der dem Julianischen um13 Tage vordatiert war. Soweit nicht anders angegeben, stimmenalle Datumsangaben im Text mit dem zu diesem Datum geltendenKalender überein. Bei der langjährigen Arbeit an diesem Buch hat mich eineimmense Zahl von Personen und Institutionen unterstützt, sodass
  13. 13. xvi  |  Vorwort und Danksagunges beim besten Willen nicht möglich ist, ihnen allen namentlichmeinen Dank auszusprechen. Ohne die großzügige Unterstützungder im Folgenden aufgeführten Einrichtungen und Institutionenwäre dieses Buch nie vollendet worden: John Simon Guggen-heim Memorial Foundation; John D. and Catherine T. MacArthurFoundation; International Research and Exchanges Board; Nati-onal Council for Eurasian and East European Research; Ameri-can Council of Learned Societies; Harriman Institute (ColumbiaUniversity); Hoover Institution (Stanford University); Office ofInternational Programs; Russian and East European Institute undOffice of the Vice President for Research (Indiana University). Mein tief empfundener Dank gilt auch den Mitarbeitern fol-gender Einrichtungen und Institutionen: Hoover Institution; NewYork Public Library; Library of Congress; Indiana University Lib-rary; National Library, London; Bibliothèque de documentationinternationale contemporaine (BDIC), Nanterre; Russische Staats-bibliothek Moskau und Russische Nationalbibliothek St. Peters-burg; Staatliche Öffentliche Historische Bibliothek Russlandsin Moskau; Informationsinstitut für Gesellschaftswissenschaf-ten an der Russischen Akademie der Wissenschaften in Mos-kau, Bibliothek der Russischen Akademie der Wissenschaften,St. Petersburg; Staatliches Museum für die politische GeschichteRusslands, St. Petersburg; National Archives of the United King-dom (TNA), Public Records Office (PRO); Staatliches Archiv derRussischen Föderation, Moskau (GARF); Russisches Staatsarchivfür sozio-politische Geschichte (RGASPI); Zentrales Staatsarchivvon St.  Petersburg (TsGA  SPb); Zentrales Staatsarchiv für his-torisch-politische Dokumente, St. Petersburg (TsGAIPD); Archivder Oblast Leningrad in Wyborg (LOGAV); Zentrales Staatsar-chiv der Marine, St.  Petersburg (TsGAVMF); Archivverwaltungdes Inlandsgeheimdienstes der Russischen Föderation, Moskau(AU  FSB  RF); Archivverwaltung des Inlandsgeheimdienstes fürSt. Petersburg und die Leningrader Oblast (AU FSB SPb i LO). Seit Beginn der 1980er Jahre haben meine Untersuchungenund Veröffentlichungen besonders vom Austausch mit Histori-kern in Moskau und St. Petersburg profitiert, insbesondere mitGenrich Joffe, Michail Iroschnikow, Viktor Miller, Albert Nen-anorkow, Genadi Sobolew, Vitali Starzew, Pawel Wolobuew
  14. 14. Vorwort und Danksagung  |  xviiund Oleg Snamenski. Seit der Auflösung der Sowjetunion habensich die Beziehungen zwischen westlichen und russischen Wis-senschaftlern normalisiert; diese begrüßenswerte Entwicklungkam mir und vielen anderen zugute. Seit dem ersten Tag mei-ner Forschungsarbeiten im Leningrader Archiv der [Kommunis-tischen] Partei (heute TSGAIPD) hat Irina Ilmarowna Sasonowa,Forschungsgruppenleiterin und Archivarin, mir geholfen, wo sienur konnte; sie ließ mich an ihrem enormen Wissen teilhaben undunterstützte meine Forschungsarbeit in vielerlei Weise. Ebensodie Historikerin und leitende Archivexpertin Taisija Pawlowna,deren wissenschaftliche Hauptinteressen sich mit den meinendecken. Sie ist heute noch so hilfsbereit wie am ersten Tag. Die St. Petersburger Abteilung des Instituts für Geschichte derRussischen Akademie der Wissenschaften kann sich glücklichschätzen, eine Gruppe von herausragenden Wissenschaftlern zuhaben, deren Interessensgebiete sich ebenfalls mit dem meini-gen überschneiden. Von den Mitarbeitern des Instituts danke ichim Besonderen Boris Ananitsch, Tamara Abrosimowa, WladimirTschernjajew, Rafael Ganelin, Boris Kolonizki, Sergei Potolowund Nikolai Smirnow. Sie haben mir Mut zugesprochen undmich mit ihrem Fachwissen ebenso unterstützt wie durch ihreFreundschaft. Für ihren Rat und ihre Unterstützung danke ichaußerdem besonders Barbara Allen, Stanislaw Bernew, RichardBidlack, Nadeschda Tscherepinina, Sergej Tschernow, BarbaraEvans Clements, Pete Glatter, Leopold Haimson, Wladlen Ismo-sik, Alexander Kalmykow, Swetlana Korenewa, Anatoli Krajusch-kin, Carol Leadenham, Sergei Leonow, Jaroslaw Leontjew, MosheLewin, Alexei Litwin, Nikita Lomagin, Wladlen Loginow, And-rea Lynn, Michael Melancon, Larissa Malaschenko, WladimirNaumow, Oleg Naumow, Michaela Pohl, Toivo Raun, AnatoliRasgon, Larissa Rogowaja, Jonathan Sanders, Richard Spence,Michail Schkarowski, Stanislaw Tjutjukin, Phil Tomaseli und RexWade. Meine Studenten am Seminar für Geschichte der IndianaUniversity waren mir in den vielen Jahren immer eine Quelleder Inspiration. Auch ihnen bin ich zu großem Dank verpflichtet.Nicht vergessen möchte ich, dass mir Mary McAuleys bahnbre-chende Studie, Bread and Justice: State and Society in Petrograd,1917–1922, zu einem besseren Verständnis der größeren Zusam-
  15. 15. menhänge verholfen hat, in die meine Arbeit eingebettet ist. Das-selbe gilt auch für die Bücher von Donald J. Raleigh, ExperiencingRussia’s Civil War: Politics, Society, and Revolutionary Culture inSaratow, 1917–1922; Peter Holquists Making War, Forging Revolu­tion: Russia’s Continuum of Crisis, 1914–1921 und Richard SakwasSoviet Communists in Power: A Study of Moscow during the CivilWar, 1918–1921. Eine umfassende Sammlung von Essays ausder Zeit nach der Sowjetunion, herausgegeben von V. A. Šiškin,Petrograd na perelome epoch: gorod i ego žiteli v godu revoljucii igraždanskoj vojny, lieferten mir anregende Erkenntnisse heutigerPetersburger Historiker, die von besonders großem Interesse fürmich sind. Mein Dank gebührt den Mitarbeitern des Verlags Indiana Uni-versity Press für ihre Sorgfalt und ihr Engagement bei der Redak-tion und Herstellung meines Buches. Und last not least wäre die-ses Buch nie erschienen ohne die kontinuierliche Unterstützung,Ermutigung und die stets klugen Ratschläge meiner Frau Janet.Sie las das gesamte Manuskript und machte Verbesserungsvor-schläge für mehrere Entwürfe der jeweiligen Kapitel, die mir beider Überarbeitung unschätzbare Dienste geleistet haben. Für ver-bleibende Mängel trage selbstverständlich ich allein die Verant-wortung.
  16. 16. 1 Ne wk 2 a Sampso nijewsk B e z i r k i-Prosp P e t r o g r a d 3 4 ekt 5 6 7 Kle ine 9 Finnischer 11 Bahnhof Ne 13 wa Liteini- Dreifaltigkeits- Brücke brücke 14 Bezirk Liteini Börsenbrücke 21 Liteini-Prospekt 19 20 17 Schloss- 18 brücke B e z i r k 23W a s i l i - I n s e l 22 25 26 24 44 Nikolajewski- Brücke 31 33 30 34 35 29 36 Newsk Admiralitätsbezirk al i-Pros 32 an jka-K Mo Bezirk 40 28 Kasan Bezirk Erster Spasski Stadtbezirk 39 Bezirk Zweiter Kolomenski 38 Stadtbezirk Bahnhof eKronstadt traß Zarskoselski a-S ka waj tan 43 Sad o Fon wa 42 41 Ne 47 49 48 51 Obwodny-Kanal Baltischer Warschauer Bahnhof Bahnhof 50 Bezirk Narwa Bezirk Peterhof 52 53
  17. 17. Petrograd 1918 1 Russki-Reno-Werke 2 Neue Lessner-Fabrik 3 Grenadier-Brücke 4 Erickson-Werke B e z i r k 5 Bezirkskomitee (Bolschewistische Partei) des Bezirks Wyborg W y b o r g 6 Bezirkskomitee (Bolschewistische Partei) des Bezirks Petrograd 7 Nobel-Werke 8 Metalist-Werke 9 Sampsonijewski-Brücke 10 Arsenal-Fabrik 11 Militärakademie Michailowski 12 Kresty-Gefängnis 8 13 Patronenfabrik 14 Peter-Pauls-Festung 15 Taurisches Palais 10 16 Smolny 11 17 Börse 18 Winterpalast 12 19 Britische Botschaft ni- 20 Marsfeldcke 21 Bezirkskomitee (Bolschewistische Partei) Schpalernaja-Straße des Bezirks Liteini 15 16 22 Bezirkskomitee (Bolschewistische Partei) des Bezirks Wasili-Insel Bezirk k t pe Roschdestwenski 23 Universität Petersburg s ro 27 24 Admiralität i-P sk 25 Palastplatz ow Ochtinski- or Brücke 26 Hauptsitz des Generalstabs w Su und des Petrograder Militärbezirks 27 Preobraschenski-Regiment 28 Zweite Abteilung der Baltischen Flotte 29 Palast der Arbeitki-Pro 46 30 Hotel Astoria spekt 37 31 Hauptquartier der PTscheka Bahnhof in der Gorochowaja-Straße 2 Nikolajewski B e z i r k 32 Zentrales Telegrafenamtzirk O c h t i n s k i 33 Kasaner Kathedrale 34 Stadtduma 35 Gostiny Dwor N 45 ew 36 Öffentliche Bibliothek a 37 Snamenski-Platz 38 Baltiski-Werke 39 Mariinski-Theater 40 Pagenschule 41 Bezirkskomitee (Bolschewistische Partei) des Zweiten Stadtbezirks 51 42 Regiment Petrogradski Bezirk Newski 43 Regiment Semjonowski 44 Petersburger Komitee (Bolschewistische Partei) Die Nordkommune 45 San-Gali-Fabrik 46 Bezirkskomitee (Bolschewistische Partei) Weißes des Bezirks Roschdestwenski Meer 47 Staatsdruckerei Murmansk 48 Regiment Ismailowski 49 Freie Ökonomische Gesellschaft/ Archangelsk Bund zur Verteidigung der Konstituierenden Versammlung 50 Bezirkskomitee (Bolschewistische Partei) Archangelsk des Bezirks Narwa 51 Bezirkskomitee (Bolschewistische Partei) 54 des Ersten Stadtbezirks Ladoga- See Olonez Wologda 52 Putilow-Werke Petrograd Wologda 55 53 Waggonfabrik Retschkina Petrograd Nowgorod 54 Newski-Werft Nowgorod 55 Bezirkskomitee (Bolschewistische Partei) Pskow des Bezirks Newski Pskow 56 56 Obuchow-Werke
  18. 18. Prolog Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution in PetrogradDie Ursachen für die Entwicklung der Bolschewistischen Parteiwährend des ersten Jahrs der Sowjetmacht in Petrograd und dieFaktoren für die Herausbildung eines autoritären Einparteiensys-tems sind einerseits in den Umständen zu suchen, die durch dieFebruarrevolution und den Sturz von Zar Nikolaus II. geschaffenworden waren, liegen andererseits aber auch im Charakter undin der Zusammensetzung der Bolschewistischen Partei von 1917und in der Dynamik der Oktoberrevolution, die sie an die Machtgetragen hatte. Aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hatte die russischeGesellschaft politische und wirtschaftliche Instabilität, technolo-gische Rückständigkeit und eine tiefe soziale Spaltung geerbt. Vordiesem Hintergrund wirkten eine verheerende Kriegsführung,eine Kette militärischer Niederlagen, volkswirtschaftliche Ver-werfungen und die allgemeine Empörung über die Ausschweifun-gen der Monarchie als Auslöser der Februarrevolution, die zweiAnwärter auf die Staatsmacht hervorbrachte: Da war zum einendie offizielle Provisorische Regierung, in der zunächst bekannteLiberale den Ton angaben und die später, von April an, aus einerbrüchigen Koalition zwischen Liberalen (vorwiegend Konstituti-onellen Demokraten bzw. Kadetten) und gemäßigten Sozialistenbestand. (Letztere gehörten vorwiegend den gemäßigten Sozi-aldemokraten bzw. Menschewiki und den Sozialrevolutionärenals Vertretern der Bauernschaft an.) Der zweite Anwärter auf dieMacht war der Sowjet  – zunächst der Petrograder Sowjet, derwährend der Februarrevolution entstanden war, und von Mittedes Sommers an auch die nationalen Exekutivkomitees weiterer
  19. 19. 2  |  PrologSowjets: das Gesamtrussische Zentrale Exekutivkomitee der Sow-jets der Arbeiter- und Soldatendeputierten und das Gesamtrussi-sche Exekutivkomitee der Sowjets der Bauerndeputierten. Diesenationalen Ausschüsse wurden auf Kongressen gewählt, zu denenVertreter der Stadt- und Bauernsowjets aus dem ganzen Landentsandt wurden, und verfügten daher aufgrund ihrer weitausgrößeren und überdies ständig zunehmenden Unterstützung vonArbeitern, Bauern, Soldaten und Matrosen über mehr politischesGewicht als die Provisorische Regierung. Solange die Exekutivorgane der Sowjets von den gemäßigtenSozialisten dominiert wurden, erkannten sie die ProvisorischeRegierung an und unterstützten im Interesse einer fortgesetztenPartnerschaft mit den Liberalen deren Politik, durchgreifendepolitische, wirtschaftliche und soziale Reformen sowie die Ein-berufung einer Konstituierenden Versammlung hinauszuzögern.In ihren Augen war die Regierungsbeteiligung der Liberalen eineunabdingbare Voraussetzung für die militärische Sicherheit undnationale Wiedergeburt Russlands. Doch je mehr vom Frühjahrund Sommer 1917 an in der Bevölkerung Enttäuschung über dieErgebnisse der Februarrevolution um sich griff, desto stärker setz-ten die aufständischen Massen Petrograds die – von den gemäßig-ten Sozialisten beherrschten  – nationalen Sowjetgremien unterDruck, die Macht in die eigenen Hände zu nehmen. Wie die wei-teren Ereignisse zeigten, konnten die elementaren gesellschaft-lichen Kräfte, die in der Februarrevolution freigesetzt wordenwaren, nicht wieder zurückgedrängt oder in vollem Lauf aufge-halten werden. Die Sowjets galten der Bevölkerung als Vorbotenund Werkzeuge des gesellschaftlichen Fortschritts. Wladimir Iljitsch Lenin, Gründer und Kopf der Bolschewisti-schen Partei, war praktisch der einzige führende Politiker Russ-lands, der diese Zusammenhänge instinktiv erfasste. Schon beiKriegsausbruch war er davon überzeugt, dass der Weltkriegunweigerlich in allen beteiligten Ländern zu sozialistischenRevolutionen führen werde. Als das alte Regime gestürzt wurde,befand sich Lenin in der Schweiz. Bei seiner Rückkehr nach Pet-rograd Anfang April 1917 rief er zu einer sofortigen zweiten,»sozialistischen« Revolution in Russland auf. Nachdem er sich mitden Umständen genauer vertraut gemacht hatte (wobei er unter
  20. 20. Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution in Petrograd  |  3anderem feststellte, dass viele seiner engsten Mitarbeiter wenigVerständnis für eine schroffe, radikale revolutionäre Aktion auf-brachten), ließ er diesen Plan zwar als unmittelbares Ziel fallen,bereitete jedoch die Bolschewistische Partei darauf vor, die Pro-visorische Regierung bei nächster Gelegenheit durch eine linke»Sowjetregierung« zu ersetzen. Eben darin lag seine brillante his-torische Leistung zu jener Zeit. Allerdings darf bei der Beurteilung der Rolle Lenins nichtaußer Acht gelassen werden, dass er sich von Februar bis Okto-ber 1917 vorwiegend im Ausland oder in Verstecken aufhielt undsich daher nicht regelmäßig mit seinen Mitstreitern in Russlandaustauschen konnte. Die bolschewistische Führungsspitze zerfieldamals in drei Gruppen. Zur Gruppe der Linken zählten unteranderem Lenin und Leo Trotzki. Für sie war die Errichtung einerrevolutionären Sowjetregierung in Russland kein eigenständigesZiel, sondern der Auftakt zur unmittelbar bevorstehenden sozia-listischen Weltrevolution. Die Mitte setzte sich aus einer Gruppeoftmals recht eigenwilliger Köpfe zusammen, deren Ansichtenüber die Zukunft der russischen Revolution mit ihrer Auslegungder aktuellen Lage wechselten. Die Rechte schließlich bestand ausder sehr einflussreichen Gruppe nationaler Parteiführer um LewKamenew, die eine weitaus gemäßigtere Einstellung vertrat. Zuihr zählten Grigori Sinowjew, Wladimir Miljutin, Alexei Rykowund Viktor Nogin (Mitglieder des bolschewistischen Zentralko-mitees) sowie Anatoli Lunatscharski. Der Beitritt einflussreicherlinker Menschewiki, unter ihnen Juri Larin, Solomon Losowskiund der selbstständige Denker, Gewerkschaftsführer, Marxist undHumanist David Rjasanow, auf dem Sechsten GesamtrussischenParteitag der Bolschewistischen Partei Ende Juli bescherte denRechten einen deutlichen Zuwachs an Anhängern und Einfluss.Diese Gruppe bezweifelte, dass im Westen in Kürze größere sozi-alistische Revolutionen zu erwarten waren. In ihren Augen solltedie Übergabe der Macht an die Sowjets in der zweiten Hälfte desJahres 1917 die linken sozialistischen Parteien und Fraktionen zueinem festen Bündnis zusammenschmieden. Dieses sollte für eineÜbergangszeit eine rein sozialistische Koalitionsregierung bilden,Friedensverhandlungen einleiten und durch die Einberufung derKonstituierenden Versammlung eine grundlegende Reform der
  21. 21. 4  |  PrologGesellschaft vorbereiten. In Lenins Abwesenheit war die Orien-tierung dieser Gruppe maßgeblich für das politische Programm,das die Bolschewiki in der Öffentlichkeit vertraten. Zudem nahmen die Ereignisse oftmals einen so raschen Ver-lauf, dass das Zentralkomitee der Bolschewiki gar nicht dazu kam,seine Politik mit Lenin abzustimmen. Darüber hinaus musstenuntergeordnete Parteigremien unter den damaligen Umständenhäufig ohne Anweisungen von oben oder sogar im Widerspruchdazu auf neue Gegebenheiten reagieren. Hinzu kommt, dass dieBolschewiki infolge deutlich gelockerter Mitgliedschaftsbedin-gungen 1917 zu einer Massenpartei anwuchsen. Auch waren ihrProgramm und ihre Politik 1917 von dem starken, direkten Ein-fluss der einfachen Mitglieder geprägt und spiegelten daher dieBestrebungen der Bevölkerung unmittelbar wider. Gleichzeitig entwickelte die Revolution unter Fabrikarbeitern,Soldaten und Bauern eine so starke Eigendynamik, dass die Bol-schewiki bisweilen ihrer Basis folgen mussten, statt umgekehrt.Am 1.  Juli beispielsweise wies das Zentralkomitee unter demEinfluss seines gemäßigten Flügels die Regionalkomitees an,mit aller Kraft auf einen möglichst baldigen Kongress der lin-ken Sozialisten hinzuarbeiten, der alle demokratischen Kräftezusammenführen sollte, einschließlich der Gewerkschaftsführerund der Vertreter der internationalistischen Flügel jener Parteien,die noch nicht mit den Vaterlandsverteidigern gebrochen hatten(beispielsweise die Linken Sozialrevolutionäre und die Mensche-wiki-Internationalisten).1 Gleichzeitig wurden die Regionalkomi-tees aufgefordert, Wahlen für die Konstituierende Versammlungvorzubereiten.2 Doch auf Druck ihrer überaus militanten Basisbeteiligten sich radikale Mitglieder des Petersburger Komiteesund der Militärischen Organisation nur zwei Tage später gegenden Willen der Gemäßigten und Lenins sowie seiner engsten Mit-arbeiter maßgeblich an dem erfolglosen Juli-Aufstand. * * *Oberflächlich betrachtet endete der Juli-Aufstand für die Bol-schewiki mit einer verheerenden Niederlage. Selbst die meisten
  22. 22. Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution in Petrograd  |  5gemäßigten Sozialisten wandten sich gegen sie. Lenin musste sichverstecken, viele bolschewistische Führer wurden inhaftiert, dasWachstum der Partei kam vorübergehend zum Stillstand, unddie Vorbereitungen auf einen Kongress der sozialistischen Linkenwurden eingestellt. Doch die wütende Verfolgung der Bolsche-wiki hatte auch andere, unbeabsichtigte Folgen: Sie bewirkte eineweitere Radikalisierung und Stärkung linker Gruppen innerhalbdes gemäßigten sozialistischen Lagers, beispielsweise der Men-schewiki-Internationalisten und der Linken Sozialrevolutionäre.Dies wiederum veranlasste die Mehrheit des bolschewistischenZentralkomitees (wenn auch nicht Lenin) dazu, das Projekt eineslinken sozialistischen Blocks neu zu beleben. Mitte Juli ergingeine Einladung an die »Internationalisten« der anderen Parteien,mit beratender Stimme am bevorstehenden nationalen Parteitagder Bolschewiki teilzunehmen. Auf lokaler Ebene arbeiteten Bol-schewiki, Menschewiki-Internationalisten und Linke Sozialrevo-lutionäre in Basisorganisationen wie den Bezirkssowjets ohnehinbereits erfolgreich zusammen. Der bemerkenswerteste Aspekt desJuli-Aufstands, betrachtet man ihn im Lichte der erfolgreichenTaktik der Bolschewiki in der Oktoberrevolution, dürfte allerdingsdarin bestehen, dass er die große Anziehungskraft ihres revoluti-onären Programms auf die Bevölkerung zum Ausdruck brachte. Worin bestand dieses Programm? Im Gegensatz zu weit ver-breiteten Vorstellungen traten die Bolschewiki 1917 nicht fürdie Diktatur einer einzelnen Partei ein. Vielmehr forderten sieeine demokratische »Volksmacht«, die vorbehaltlich der baldi-gen Einberufung der Konstituierenden Versammlung von einerMehrparteienregierung ausgeübt werden und ausschließlich ausSozialisten und Vertretern der Sowjets bestehen sollte. Außerdemforderten sie mehr Land für Einzelbauern, mehr Mitspracherechtder Arbeiter bei der Leitung der Betriebe (»Arbeiterkontrolle«),eine sofortige Verbesserung der Lebensmittelversorgung und, vorallem, ein rasches Ende des Kriegs. Alle diese Ziele wurden inprägnante Parolen gefasst: »Brot, Land, Frieden!«, »Alle Machtden Sowjets!« und »Sofortige Einberufung der KonstituierendenVersammlung!« Die kombinierte Wirkung und das politische Gewicht dieserbeiden Schlüsselfaktoren – der Anziehungskraft des politischen
  23. 23. 6  |  PrologProgramms der Bolschewiki und ihrer sorgsam gepflegten Ver-bindungen zu revolutionären Arbeitern, Soldaten und Matro-sen – zeigten sich im Herbst 1917, als die Linke einen Putsch desOberbefehlshabers der russischen Armee, General Lawr Kornilow,binnen Kurzem niederschlug. Der Marsch der Kornilow-Truppenauf Petrograd wurde von allen in den Sowjets zusammengeschlos-senen sozialistischen Gruppen gemeinsam zurückgeschlagen. DieBolschewiki spielten dabei allerdings eine besonders entschei-dende Rolle, weil sie in der Lage waren, kurzfristig Fabrikarbei-ter, kasernierte Soldaten und Matrosen der Baltischen Flotte zurVerteidigung der Revolution zu mobilisieren. Die rasche Nieder-lage Kornilows steigerte daher das Ansehen der Bolschewiki inder Bevölkerung und wurde zugleich als eindeutige Bestätigungihres gemäßigten Flügels aufgefasst, der den Zusammenschlussaller sozialistischen Gruppen im Interesse der revolutionärenZiele des bolschewistischen Parteiprogramms anstrebte. Am 1. September verabschiedete der Petrograder Sowjet einevon Kamenew eingebrachte Resolution, die den Ausschluss derBourgeoisie von der Staatsmacht und die Bildung einer neuen,ausschließlich sozialistischen Regierung forderte. Diese Resolu-tion wurde von vielen als Aufruf zur Übertragung der politischenMacht an die Sowjets interpretiert, obwohl Kamenew selbst nichtauf dieser Auslegung bestand. Die gemäßigten Bolschewiki, dieseinen Standpunkt teilten, hätten sich zunächst auch mit einersozialistischen Koalitionsregierung zufriedengegeben, in dersämtliche sozialistischen Parteien und, neben den Sowjets, auch»demokratische« Einrichtungen wie Gewerkschaften, Semstwos,Stadtdumas und Genossenschaften vertreten gewesen wären. Die Verabschiedung der Resolution Kamenews verschaffte denBolschewiki de facto die Kontrolle über den Petrograder Sowjet,was ihnen die Machteroberung im Oktober wesentlich erleich-terte. Von den nationalen Exekutivkomitees der Sowjets wurdesie jedoch zunächst verworfen. Auch die »Demokratische Beratung«, auf der »demokratische«Organisationen aus ganz Russland vom 14. bis 22. September inPetrograd die Regierungsfrage erörterten, sprach sich gegen dieSchaffung einer rein sozialistischen, auf die Sowjets gestütztenRegierung aus. Dennoch zeigte die Beratung, dass die linken Men-
  24. 24. Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution in Petrograd  |  7schewiki und Sozialrevolutionäre mit ihrer weitgehenden Unter-stützung für das bolschewistische Programm, wie es in der Reso-lution des Petrograder Sowjets vom 1. September verkörpert war,innerhalb des gemäßigten sozialistischen Lagers stark an Einflusshinzugewonnen hatten. Als die Demokratische Beratung demallgemeinen Wunsch nach einem sofortigen Regierungswech-sel nicht nachkam, richteten sich die Erwartungen der Bevölke-rung folglich wieder auf die Sowjets: Sie sollten über die PolitikRusslands entscheiden. Dieser Umschwung kam Ende Septemberdarin zum Ausdruck, dass die Linken Sozialrevolutionäre, derenunmittelbare politische Ziele mittlerweile mit denjenigen derBolschewiki übereinstimmten, auf der Siebten Konferenz ihresPetrograder Verbands eine überwältigende Mehrheit erhielten.Am 21. September forderten die Bolschewiki und die Linken Sozi-alrevolutionäre gemeinsam die vorgezogene Einberufung eineszweiten gesamtrussischen Kongresses der Sowjets der Arbeiter-und Bauerndeputierten, der auf Drängen der Sowjetdelegiertenin der Demokratischen Beratung für den 20. Oktober anberaumt(und später auf den 25. Oktober verschoben) wurde. Das in die-sem Beschluss enthaltene grundlegende Ziel, dass dieser zweitegesamtrussische Sowjetkongress eine homogene sozialistischeRegierung einsetzen sollte, bestimmte die politische Arbeit derBolschewiki sowie der Linken Sozialrevolutionäre und Mensche-wiki-Internationalisten in der zweiten Septemberhälfte und ers-ten Oktoberwoche. * * *Lenin bemühte sich im August und September nach Kräften,von seinem Versteck in Finnland aus Einfluss auf die Politik derBolschewiki zu nehmen. Nach dem kläglich gescheiterten Juli-Aufstand, der den Bolschewiki reichlich Kritik von der gemäßigt-sozialistischen Sowjetführung eingetragen hatte, ließen sich seineParteikollegen nur schwer davon überzeugen, statt der Über-tragung der Macht an die Sowjets einen unabhängigen bewaff-neten Aufstand vorzubereiten. Später war selbst Lenin derartbeeindruckt von der Leichtigkeit, mit der die Bolschewiki, Men-
  25. 25. 8  |  Prologschewiki und Sozialrevolutionäre gemeinsam Kornilow besiegthatten, dass er in einem Essay von Anfang September, »ÜberKompromisse«, die Möglichkeit einräumte, dass die Revolutiondoch noch einen friedlichen Verlauf nehmen könnte, wenn dienationale Sowjetführung ohne weitere Verzögerung die Machtübernehmen würde. Doch seine versöhnliche Stimmung war nicht von Dauer.Schon Mitte September bestand Lenin erneut auf der unabdingba-ren Notwendigkeit eines bewaffneten Aufstands im Interesse derRevolution. Die starke Stellung der extremen Linken in Finnland,die neu gewonnene bolschewistische Mehrheit in den Sowjets vonPetrograd und Moskau, der enorme soziale Aufruhr unter denlandhungrigen Bauern, die zunehmende Auflösung der Armee ander Front und die immer eindringlicheren Forderungen der Sol-daten nach Frieden, die Anzeichen revolutionärer Stimmungenin der deutschen Flotte und weitere Faktoren dieser Art bestärk-ten Lenin in der Hoffnung, die Machteroberung der Bolschewikiwerde in den Städten auf so große Unterstützung stoßen, dass ausder Provinz und von der Front kein Widerstand mehr zu erwartensei. Vor allem hoffte er, ein gewaltsamer Volksaufstand und dieErrichtung einer wahrhaft revolutionären Regierung in Russlandwerde als unmittelbarer Auslöser siegreicher Massenaufstände inanderen europäischen Ländern wirken. Aus diesen und ähnlichenGründen forderte Lenin am 12.  und 14.  September, gerade alsdie Demokratische Beratung zusammentrat, das Zentralkomiteein zwei flammenden Briefen auf, die Beratung zu verlassen und»ohne eine Minute zu verlieren« die Organisation eines bewaffne-ten Aufstands in Angriff zu nehmen.3 Die Parteiführer in Petrograd waren wie vom Donner gerührt.Am 15.  September, wenige Stunden nach Eingang der Briefe,trat das Zentralkomitee der Bolschewiki zu einer außerordent-lichen Sitzung zusammen. An dieser Sitzung nahmen nicht nurdie üblichen Vertreter der Parteiführung aus Petrograd teil, son-dern auch mehrere andere Mitglieder des Zentralkomitees, diesich aus Anlass der Demokratischen Beratung vorübergehend inder Hauptstadt aufhielten. Sie alle reagierten recht zurückhal-tend auf Lenins Appelle. Am meisten beschäftigte sie offenbar dieFrage, wie ihr Inhalt geheim gehalten werden konnte. Unbeirrt
  26. 26. Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution in Petrograd  |  9von Lenins Briefen hielt die bolschewistische Führung gemeinsammit den Linken Sozialrevolutionären und anderen linken Gruppenan ihrem Kurs fest, auf dem bevorstehenden nationalen Sowjet-kongress eine rein sozialistische Regierung zu bilden. Gleichzeitigbeschloss die Parteiführung mit mehrheitlicher Zustimmung derbolschewistischen Delegierten der Demokratischen Beratung, fürden 17. Oktober, kurz vor dem Sowjetkongress, einen außeror-dentlichen Parteitag einzuberufen.4 Dort sollte über die Taktikder Bolschewiki gegenüber dem Sowjetkongress und über diedirekt damit verbundene Frage, welcher Art und Zusammenset-zung die neue Regierung sein solle, entschieden werden. Lenin war über diese Abfuhr hell empört. Zunächst von Finn-land, und ab Ende September von seinem Versteck am nördli-chen Stadtrand Petrograds aus kanzelte er seine Parteikollegenin beißendem Ton ab und forderte in immer schärferen Wortenden sofortigen Sturz der Provisorischen Regierung. Auf einerhistorischen Sitzung des Zentralkomitees am 10.  Oktober warLenin persönlich anwesend, um seinen Standpunkt zu vertreten.Streitpunkt war die Abkehr von der Strategie der friedlichenMachtübergabe an die Mehrparteiensowjets, der die Partei ihrenaußerordentlichen Zugewinn an Einfluss und Ansehen bei denrevolutionären Massen in erster Linie verdankte. Darüber hin-aus galt es die Parteiführung irgendwie davon zu überzeugen,dass diese Entscheidung aufgrund der äußerst prekären Lagenicht auf den nur eine Woche entfernten Parteitag verschobenwerden konnte, da sich dieser, wie aus diesbezüglichen Debattenzwischen den Parteien der Demokratischen Beratung hervorging,einer Machtübernahme vor dem Zweiten Gesamtrussischen Sow-jetkongress energisch widersetzt hätte. Da nur zwölf von 21 Mit-gliedern an der Sitzung des Zentralkomitees teilnahmen, warendie Leninisten in der Diskussion im Vorteil. Am Ende beugten sichzehn der zwölf Teilnehmer (alle bis auf Kamenew und Sinowjew)dem Standpunkt Lenins und erklärten sich damit einverstanden,die Machteroberung »auf die Tagesordnung« zu setzen und somitdem geplanten Parteikongress – der niemals stattfand – zuvorzu-kommen.
  27. 27. 10  |  Prolog * * *Obwohl nun grünes Licht für einen bewaffneten Aufstand erteiltworden war, wurden kaum praktische Vorbereitungen getroffen,um dieses Ziel in rund drei Wochen zu erreichen. Zum einenhielten die gemäßigten Parteiführer unter dem unermüdlichenKamenew ihren heftigen Widerstand gegen Lenins Kurs aufrecht.Die große Achtung, die den Gemäßigten (Kamenew, Sinowjew,Rykow, Nogin, Rjasanow und anderen) 1917 als Sprechern derBolschewiki entgegengebracht wurde, rührte zum Teil daher,dass ihre Ansichten mit denjenigen anderer linker sozialistischerGruppen (mit denen sie in ständigem Kontakt standen) und mitden Hoffnungen der unteren Klassen übereinstimmten. Ein weite-rer Faktor, welcher der Organisation eines sofortigen eigenmäch-tigen Aufstands entgegenwirkte, war die Opposition Trotzkis undanderer Zentralkomiteemitglieder sowie radikal gesinnter Partei-führer aus Petrograd, die zwar eine vorgezogene sozialistischeRevolution in Russland befürworteten, aber Zweifel hegten, obdie Arbeiter und Soldaten dem von Lenin verlangten »sofortigenBajonettangriff« folgen würden. Ungeachtet dieser Vorbehaltebegannen Mitglieder der Bolschewiki in Petrograd auf die Ent-scheidung des Zentralkomitees vom 10. Oktober hin, die Mög-lichkeiten eines sofortigen bewaffneten Aufstands ernsthaft zuerkunden. Nach einigen Tagen sahen sich viele zu der Schlussfol-gerung genötigt, dass die Partei organisatorisch nicht auf einenAufstand vorbereitet war und die meisten Arbeiter, Soldaten undMatrosen einem entsprechenden Aufruf vor dem Sowjetkongressohnehin nicht folgen dürften. Darüber hinaus, so mussten sie sicheingestehen, setzten sie durch einen Vorgriff auf die Entschei-dungen des Sowjetkongresses die zukünftige Zusammenarbeitmit wichtigen Verbündeten wie den Linken Sozialrevolutionärenund den Menschewiki-Internationalisten aufs Spiel. Auch in denGewerkschaften, den Fabrikkomitees, im Petrograder Sowjet undin anderen Massenorganisationen drohte ihnen ein Verlust anUnterstützung. Das größte Risiko bestand allerdings darin, dassTruppen von der nahe gelegenen Nordfront Widerstand leistenwürden.
  28. 28. Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution in Petrograd  |  11 Nach einigem Schwanken, das hauptsächlich durch LeninsDrängen auf kühnere direkte Aktionen bedingt war, verfolgtedie bolschewistische Führung in Petrograd – Lenins und Kame-news Anhänger gemeinsam – eine Strategie, die von folgendenPrämissen ausging: Nicht Parteiorgane, sondern die Sowjets (diebei den Massen großes Ansehen genossen) sollten den Sturz derProvisorischen Regierung bewerkstelligen; jeder Angriff auf dieRegierung sollte im Interesse einer möglichst breiten Unterstüt-zung mit der Verteidigung der Sowjets begründbar sein; dahermusste ein passender Vorwand für den Angriff abgewartet wer-den. Um jeglichem Widerstand zuvorzukommen und die Erfolgs-aussichten zu steigern, sollte jede Möglichkeit genutzt werden,die Autorität der Provisorischen Regierung auf friedlichem Wegezu untergraben. Die offizielle Absetzung der Regierung sollte aufdie Beschlüsse des Zweiten Gesamtrussischen Sowjetkongressesabgestimmt und von diesem legitimiert werden. Lenin hingegenhielt es für »vollendete Idiotie«, den Kongress abzuwarten.5 Vordem Hintergrund der bisherigen Entwicklung der Revolution undder Mehrheitsmeinung der führenden Bolschewiki im ganzenLand erscheint die gewählte Strategie jedoch als angemessene,realistische Antwort auf das bestehende Kräfteverhältnis und dieallgemeine Stimmung in der Bevölkerung. Vom 21. bis zum 24. Oktober widersetzten sich die bolsche-wistischen Führer hartnäckig der von Lenin verlangten soforti-gen revolutionären Offensive und bereiteten stattdessen einenEntscheidungskampf gegen die Provisorische Regierung auf dembevorstehenden Sowjetkongress vor. In der Parteipresse und aufriesigen öffentlichen Versammlungen griffen sie die Politik derProvisorischen Regierung an und festigten die Unterstützung derBevölkerung für deren Absetzung durch den Sowjetkongress.Unter Berufung auf die öffentlich erklärte Absicht der Proviso-rischen Regierung, den größten Teil der Petrograder Garnisonan die Front zu verlegen, rechtfertigte die bolschewistische Füh-rung ihr Vorgehen überdies als Verteidigungsmaßnahme gegendie Konterrevolution. Mit Hilfe des bolschewistisch dominiertenMilitärischen Revolutionskomitees des Petrograder Sowjets, dasam 9. Oktober gegründet worden war, um die von der Regierungangeordneten Truppenbewegungen zu überwachen, brachte sie
  29. 29. 12  |  Prologdie meisten Militäreinheiten in Petrograd unter ihr Kommando.Die Bolschewiki versorgten ihre Anhänger mit Waffen und Muni-tion aus den wichtigsten Arsenalen der Stadt. Obwohl das Militä-rische Revolutionskomitee strikt im Rahmen von Verteidigungs-maßnahmen blieb und alles unterließ, was als Vorgriff auf dieEntscheidungen des Kongresses ausgelegt werden konnte, wurdedie Provisorische Regierung de facto entmachtet, ohne dass eineinziger Schuss gefallen wäre. Am Morgen des 24. Oktober, einen Tag vor der geplanten Eröff-nung des Zweiten Gesamtrussischen Sowjetkongresses, der sichmit Sicherheit mehrheitlich für die Bildung einer rein sozialisti-schen Sowjetregierung aussprechen würde, unternahm Kerenskidaraufhin einen Versuch, die Linke in die Schranken zu weisen.Erneut ergingen Haftbefehle gegen die führenden Bolschewiki,die bereits nach dem Juli-Aufstand ins Gefängnis geworfen undzur Zeit des Kornilow-Zwischenfalls wieder freigelassen wordenwaren. Regierungstreue Kadetten aus der Militärschule und Stoß-trupps aus den Vorstädten wurden am Winterpalais, dem Sitz derRegierung, zusammengezogen. Das Zentralorgan der Bolschewikiwurde verboten. Es dauerte allerdings nicht lange, bis revolu-tionäre Truppen die Druckerei befreiten. Ebenso vereitelten siedas Vorhaben regierungstreuer Kadetten, die strategisch wichti-gen Brücken über den Fluss Newa zu kontrollieren, und besetztendie wichtigsten Einrichtungen des Post-, Telegrafen- und Eisen-bahnwesens. All dies geschah im Namen der Verteidigung. Erstauf direkte und persönliche Intervention Lenins im Smolny, demHauptquartier der Partei, begann der Sturz der ProvisorischenRegierung, den er seit einem Monat gefordert hatte. Dies trug sichzu, noch bevor der Morgen des 25. Oktober anbrach. Von nunan ließ man jeden Anschein fallen, dass das Militärische Revo-lutionskomitee lediglich die Revolution verteidige und bemühtsei, die bestehenden Verhältnisse bis zu einer Willensbekundungdes Kongresses aufrechtzuerhalten. Alles wurde nun offen darangesetzt, den Delegierten den Sturz der Provisorischen Regierungnoch vor Kongressbeginn als vollendete Tatsache zu präsentieren. Am Morgen des 25.  Oktober besetzten vom MilitärischenRevolutionskomitee befehligte militärische Abteilungen alle stra-tegisch wichtigen Brücken, Regierungsgebäude, Bahnhöfe und
  30. 30. Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution in Petrograd  |  13Kraftwerke sowie Post- und Telegrafenämter, die sich noch nichtin ihren Händen befanden. Außerdem belagerten sie das Winter-palais, das nur von wenigen, demoralisierten und stetig dahin-schwindenden Truppen verteidigt wurde. Bevor sich der Ringschloss, gelang Kerenski auf der Suche nach Truppen die Fluchtan die Front. Der »Sturm auf das Winterpalais«, der in Eisen-steins Filmklassiker »Oktober« so eindrucksvoll dargestellt wird,war ein sowjetischer Mythos. Mit Einbruch der Dunkelheit wurdedas historische Gebäude nach kurzem Kanonenbeschuss aus derPeter-Pauls-Festung mühelos eingenommen und die dort verblie-benen Regierungsmitglieder wurden verhaftet. Bereits Stundenzuvor war eine von Lenin verfasste Proklamation über den Sturzder Provisorischen Regierung ins ganze Land telegrafiert worden. Rückblickend liegt auf der Hand, dass Lenin in erster Linie des-halb auf dem gewaltsamen Sturz der Provisorischen Regierungvor Eröffnung des Sowjetkongresses bestand, weil er ausschlie-ßen wollte, dass der Kongress eine sozialistische Koalitionsregie-rung einsetzen würde, in der die gemäßigten Sozialisten großenEinfluss hätten. Diese Strategie bewährte sich. Am Vorabend derKongresseröffnung, noch vor Beginn der offenen Militäropera-tionen, die in der Einnahme des Winterpalais gipfelten, standaufgrund der Parteizugehörigkeit der anreisenden Delegiertenund ihrer Haltung zur Regierungsfrage praktisch fest, dass denVerfechtern einer demokratischen sozialistischen Mehrparteien-regierung, deren Programm Frieden und grundlegende Reformenvorsah, Erfolg beschieden sein würde.6 Dies gilt es zu berücksichtigen, um den Sturz der Provisori-schen Regierung vor Eröffnung des Sowjetkongresses in seinerganzen Bedeutung zu erfassen. Die enorme politische Wirkungdieses Vorgehens wurde deutlich, sobald der Zweite Gesamtrus-sische Sowjetkongress begann. Die Menschewiki und Sozialrevo-lutionäre verweigerten aus Protest ihre Teilnahme am Präsidium.Kaum hatte das mehrheitlich von Bolschewiki besetzte Präsidiumunter der Leitung Kamenews die von der »alten«, gemäßigt-sozi-alistischen Sowjetführung geräumten Plätze eingenommen unddas Thema der Staatsmacht als ersten Tagesordnungspunkt ange-kündigt, da eilte schon Juli Martow als glühender Verfechtereines Regierungswechsel an das Rednerpult, um eine außeror-
  31. 31. 14  |  Prologdentliche Erklärung zu verlesen. Unter dem bedrohlichen Don-nern des nahen Kanonenfeuers, nach Atem ringend wegen derTuberkulose, die ihn wenige Jahre später das Leben kosten sollte,beschwor Martow die Delegierten mit sich vor Aufregung über-schlagender Stimme, den Straßenkämpfen ein Ende zu bereitenund sofort Verhandlungen zwischen allen sozialistischen Parteienin die Wege zu leiten, um eine für alle Seiten annehmbare »demo-kratische« Regierung zu bilden.7 Da die Mehrheit der Kongressdelegierten  – Menschewiki,Linke Sozialrevolutionäre, die meisten Bolschewiki und, obgleichzögernd, auch viele zentristische Menschewiki und Sozialrevolu-tionäre – eine Zusammenarbeit zwischen den Sozialisten sehnlichwünschten, wurde Martows Appell natürlich mit tosendem Beifallaufgenommen. Die Vertreter der Vereinigten Sozialdemokraten –Internationalisten8 und der Linken Sozialrevolutionäre erhobensich, um ihre Unterstützung zu bekunden. Auch Lunatscharskierhob sich als Vertreter der Bolschewiki. Aus Berichten über denKongress geht hervor, dass Martows Vorschlag binnen kurzer Zeiteinstimmig angenommen wurde. Einen Augenblick lang hattees den Anschein, als ob der Kongress doch noch auf einen Wegzurückgebracht werden könnte, der zu einer Regierung aus allensozialistischen Parteien führen würde.9 Doch es kam anders. Bevor überhaupt daran zu denken war,den vom Kongress gebilligten Vorschlag Martows in die Tatumzusetzen, verurteilten mehrere Redner der Menschewiki undSozialrevolutionäre die Bolschewiki als Usurpatoren und kündig-ten an, den Kongress zu verlassen, um gegen sie zu kämpfen. DerGeist der Zusammenarbeit, der am Vorabend des Kongresses einbreites Spektrum der Sozialisten beseelt hatte, verflüchtigte sichin grimmigen Wortgefechten, in deren Verlauf die meisten Men-schewiki und Sozialrevolutionäre den Saal verließen, um sichan der Koordination des Widerstands gegen die bolschewistischgeführten Militäroperationen zu beteiligen.10 Kurz darauf unternahm Martow einen letzten vergeblichenVersuch, die verbliebenen Delegierten zur Verwirklichung seinesVorschlags zu bewegen. Doch mittlerweile war die Stimmungauf dem Kongress derart aufgeheizt, dass seine Worte im Tumultuntergingen. Hatte die Atmosphäre auf früheren Kongressen die
  32. 32. Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution in Petrograd  |  15gemäßigten Bolschewiki begünstigt, die eine Einigung mit allensozialistischen Gruppen anstrebten, so war es nun genau umge-kehrt. Diesen Umschwung machte sich Trotzki zunutze, um denBruch mit den gemäßigten Sozialisten zu vertiefen. Wie der linkeMenschewik und unübertroffene Chronist der Revolution NikolasSuchanow schildert, rief Trotzki aus: »Der Aufstand der Volks-massen bedarf nicht der Rechtfertigung … Schert euch hin, wohinihr von nun an gehört: auf den Kehrichthaufen der Geschichte!«,worauf Martow laut Suchanow zurückgab: »Dann gehen wir!«11 Martow wegwinkend brachte Trotzki eine Resolution ein, dieden Aufstand in den Straßen unterstützte und die Menschewikiund Sozialrevolutionäre als Lakaien der Bourgeoisie anklagte.12Viele Jahre später erinnerte sich der renommierte HistorikerBoris Nikolajewski, der damals als Menschewik gemeinsam mitMartow den Saal verließ, dass Martow schweigend hinausging,ohne sich noch einmal umzudrehen. Ein junger bolschewistischerArbeiter in einem schwarzen, umgürteten Hemd wandte sich ihmzu und rief mit unverhüllter Trauer in der Stimme: »Wir rechne-ten untereinander schon damit, dass einige uns im Stich lassenwürden, aber doch nicht Martow.« Bei diesen Worten hielt Mar-tow inne. Er blieb kurz stehen, schüttelte in seiner typischen Artden Kopf und schien etwas antworten zu wollen. Doch dann über-legte er es sich anders und murmelte lediglich, als er hinaustrat:»Eines Tages werdet ihr verstehen, an welchem Verbrechen ihreuch beteiligt.«13 Unterdessen zog sich die Eröffnungssitzung des Kongressesin die Länge, ständig unterbrochen von begeisterten revolutio-nären Siegesmeldungen. Im Namen der Linken Sozialrevolutio-näre beschwor Boris Kamkow die Delegierten, Trotzkis Resolu-tion nicht anzunehmen, da sie zu scharf formuliert sei. SeinerAnsicht nach konnte der Kampf gegen die Konterrevolution nurdann Erfolg haben, wenn er von den gemäßigten Vertretern derDemokratie und insbesondere der Bauernschaft, bei der die Bol-schewiki wenig Einfluss besaßen, unterstützt wurde. »Im Inter-esse einer vereinten revolutionären Front ist eine möglichst breitedemokratische Staatsmacht unverzichtbar«, erklärte Kamkow.14 Etwa um drei Uhr morgens wurde bekannt gegeben, dass dievom Militärischen Revolutionskomitee geführten Truppen das
  33. 33. 16  |  PrologWinterpalais eingenommen und die dort versammelten Ministerder Provisorischen Regierung verhaftet hätten. Zu diesem Zeit-punkt kehrte Naum Kapelinski, ein Vertreter der Menschewiki-Internationalisten, in den Saal zurück und unternahm einenletzten vergeblichen Versuch, die Delegierten zu Bemühungenum eine friedliche Beilegung der Krise zu bewegen. Kamenewkonnte nichts weiter tun, als die Abstimmung über die Resolu-tion Trotzkis, dessen flammende Anklage gegen die Menschewikiund Sozialrevolutionäre den Kongress polarisierte, stillschwei-gend zu vertagen, um die Tür für eine zukünftige Zusammenar-beit offenzuhalten. Kurz darauf befasste sich der Kongress miteinem von Lenin verfassten Manifest, »An alle Arbeiter, Soldatenund Bauern«, das den Aufstand in Petrograd guthieß, den Über-gang der politischen Macht in die Hände des Kongresses und derlokalen Sowjets in ganz Russland verkündete und die Ziele derSowjetmacht bekanntgab: sofortiges Friedensangebot, verein-fachte Übertragung des Bodens an die Bauernschaft, Wahrung derRechte der Soldaten, völlige Demokratisierung der Armee, Arbei-terkontrolle über die Industrie, baldige Einberufung der Konstitu-ierenden Versammlung, Belieferung der Städte mit Getreide unddes Landes mit Industriegütern sowie Gewährung des Selbstbe-stimmungsrechts für alle Nationen. Mit der Verabschiedung die-ses Manifests endete am 26. Oktober um fünf Uhr morgens diehistorische erste Sitzung des Zweiten Gesamtrussischen Sowjet-kongresses. Das Zeitalter der Sowjets in der Geschichte Russlandshatte begonnen. * * *Die Oktoberrevolution in Petrograd wird oft als brillant inszenier-ter Staatsstreich dargestellt, der ohne Unterstützung der Bevölke-rung von einem verschworenen Trupp Berufsrevolutionäre unterder genialen Führung des Fanatikers Lenin durchgeführt undüberdies von den Deutschen großzügig finanziert wurde. DieseInterpretation, von der »revisionistischen« Geschichtsschreibungder 1970er- und 1980er-Jahre in Frage gestellt, wurde nach derAuflösung der Sowjetunion zum Ende der Gorbatschow-Ära wie-
  34. 34. Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution in Petrograd  |  17der aus der Versenkung geholt, obwohl die Fakten, die aus densoeben freigegebenen sowjetischen Archiven hervorgingen, dieErkenntnisse der Revisionisten bestätigten. Am anderen Ende despolitischen Spektrums stellten die sowjetischen Historiker, die aneinen strikten Kanon zur Rechtfertigung des sowjetischen Staatsund seiner Führung gebunden waren, die Oktoberrevolution alseinen breiten Volksaufstand der revolutionären russischen Mas-sen dar. Dieser Lesart zufolge wurzelte der Aufstand in der his-torischen Entwicklung des russischen Zarenreichs und wurde inseinem Verlauf von den universalen Gesetzen der Geschichtebestimmt, die Karl Marx erstmals formuliert hatte und die Leninanwandte. In Wirklichkeit wird man der Oktoberrevolution in Petrogradweder durch den Begriff des Militärputschs noch durch denjenigendes Volksaufstands gerecht. Wie oben aufgezeigt, setzte sie sichin Wirklichkeit aus beiden Elementen zusammen. Ihre Wurzelnliegen in den Besonderheiten der politischen, gesellschaftlichenund ökonomischen Entwicklung des vorrevolutionären Russlandsund in dessen kriegsbedingten Erschütterungen. Man kann siezum einen als Höhepunkt eines langen politischen Kampfs auffas-sen: Auf der einen Seite stand das ständig wachsende Spektrumlinker sozialistischer Gruppen, unterstützt von der überwiegen-den Mehrheit der Petrograder Arbeiter, Soldaten und Matrosen,die sich mit den Ergebnissen der Februarrevolution nicht zufrie-dengaben. Ihnen gegenüber befand sich das zunehmend isolierteBündnis aus Liberalen und gemäßigten Sozialisten, das die Pro-visorische Regierung kontrollierte, sowie zwischen Februar undOktober 1917 die nationalen Führungsgremien der Sowjets. Alsam 25.  Oktober der Zweite Gesamtrussische Sowjetkongresszusammentrat, stand der relativ friedliche Sieg des erstgenanntenLagers so gut wie fest. Man kann die Oktoberrevolution aber auchals eine Auseinandersetzung auffassen, die zunächst vorwiegendinnerhalb der bolschewistischen Führung ausgetragen wurde:Auf der einen Seite standen die Befürworter einer ausschließlichaus Sozialisten gebildeten Mehrparteienregierung, die Russlandeine von den Sozialisten dominierte Konstituierende Versamm-lung verschaffen sollte, und auf der andere Seite die Leninisten,in deren Augen die gewaltsame revolutionäre Aktion das geeig-
  35. 35. 18  |  Prolognetste Mittel darstellte, Russland auf einen ultra-radikalen, unab-hängigen revolutionären Weg zu führen, der im Ausland bahnbre-chende sozialistische Revolutionen auslösen sollte. Dieser Konflikt, der 1917 immer wieder auf- und abflammte,brach im Vorfeld der Oktoberrevolution und unmittelbar danachmit besonderer Heftigkeit aus. Der von den Bolschewiki orga-nisierte Sturz der Provisorischen Regierung vor dem ZweitenGesamtrussischen Sowjetkongress, der Auszug der Menschewikiund Sozialrevolutionäre und, wie noch aufzuzeigen ist, die kom-promisslose Haltung der Bolschewiki in den Verhandlungen überdie Bildung einer breiten sozialistischen Koalitionsregierung nachdem Kongress (die mit ihren ersten militärischen Siegen überregierungstreue Truppen zusammenfiel) verurteilten die Bemü-hungen der gemäßigten Bolschewiki um die Teilung der Staats-macht zum Scheitern und trugen dazu bei, dass sich am Ende dasautoritäre Regierungssystem sowjetischer Prägung durchsetzte.Alles hing davon ab, ob Lenins Wette auf die internationale Revo-lution aufging. Der Ausgang der Ereignisse sollte jedoch nichtdarüber hinwegtäuschen, dass die Oktoberrevolution in Petro-grad in hohem Maße ein authentischer Ausdruck der allgemeinenEnttäuschung über die Ergebnisse der Februarrevolution und derHoffnungen des Volks auf eine bessere, gerechtere Zukunft war.

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