TITELTHEMA 32          Ausgabe 2/11, 14. Jahrgang
Mehr Qualität                                       fürs Geld                                Mit der jüngsten             ...
das Honorar für jeden einzelnen Facharzt von 2007 auf 2008                               Facharzthonorare sind weiter gest...
Leistungen seltener nachgefragt werden                                                      Die Versichertenbefragung 2010...
bei kontinuierlich teilnehmenden Patienten eine Stabilisierung                      Bisher zu wenig Kooperation. Auch die ...
heitliche Probleme und Wiedereinwei-                                                         Impfungen, Mammografien und K...
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  1. 1. TITELTHEMA 32 Ausgabe 2/11, 14. Jahrgang
  2. 2. Mehr Qualität fürs Geld Mit der jüngsten Z weibettzimmer für Kassenpati- Lange Wartezeit trotz Facharztschwemme. enten, kürzere Wartezeiten auf Gesundheitsreform Gesetzlich Krankenversicherte müssen immer Facharzttermine, mobile Arzt- öfter wochenlang auf einen Termin beim stationen für dünn besiedelte hat die Politik die Facharzt warten. Laut einer Studie der Kas- Regionen – die Forderungen von senärztlichen Bundesvereinigung erhielten CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn fan- Versicherten wieder noch im Jahr 2006 mehr als zwei Drittel der den in der Weihnachtspause großes medi- Patienten einen Termin innerhalb einer Wo- ales Interesse. Hinter solch öffentlichkeits- einmal zur Kasse che (siehe Grafik „Patienten warten länger auf wirksamen Botschaften steckt ein wichtiges Facharzttermine“ auf Seite 34). Nur vier Jahre Anliegen: Nach einer Gesundheitsreform, gebeten. Ärzte und später musste sich nahezu jeder zweite länger die für die Versicherten vor allem mit höhe- als eine Woche gedulden, bis er den Facharzt ren Kosten verbunden ist, soll es nun offen- Kliniken dürfen sich aufsuchen konnte. 2010 betrug die Wartezeit bar um bessere Leistungen für die Patienten bei 20 Prozent aller Befragten sogar mehr als gehen. Union und FDP wollen mit einem dagegen über höhere drei Wochen – damit hat sich dieser Anteil in weiteren Reformgesetz die Rahmenbedin- den vergangenen vier Jahren verdoppelt. gungen für die ambulante und stationäre Vergütungen freuen. Und nun wird es scheinbar paradox: Die Gesundheitsversorgung in Deutschland Wartezeiten auf einen Facharzt-Termin stei- verbessern. Bis Ende April sollen Eckpunk- Nun ist es Zeit gen, obwohl es nicht zu wenige Fachärzte und te dazu vorliegen, die Verabschiedung eines Einrichtungen fachärztlicher Versorgung gibt, Versorgungsgesetzes im Bundestag ist für für Gegenleistungen, sondern zu viele. In nahezu allen Regionen in Ende 2011 geplant. Deutschland besteht eine deutliche Überver- meint Jan Carels. sorgung. Dies trifft vor allem auf Städte und Nicht erneut beim Versicherten abkassieren. Landkreise in strukturell ­ ttraktiven Gegen- a Bei der AOK rennt die Politik damit offene Er skizziert, was in den zu. So hat beispielsweise München die Türen ein. Unser Gesundheitssystem ist höchste Arztdichte der Welt. Dort gibt es gut. Aber wir können noch besser werden. einem Versorgungs­ mehr Herzkathetermessplätze als in ganz Das dafür notwendige Geld fließt bereits: Schweden und mehr Computer­ omographen t Seit 1. Januar müssen die Beitragszahler gesetz stehen als in ganz Italien. Oder nehmen wir den wiederum tiefer ins Portemonnaie greifen. Bedarf an Chirurgen: Die höchste Versor- Allein für die ambulante und stationäre muss, damit gungsdichte weist der Vogelsbergkreis, zwi- ärztliche Behandlung zahlt jedes Mitglied schen Frankfurt und Kassel gelegen, auf. Dort einer gesetzlichen Krankenkasse in diesem Patienten profitieren. arbeiten sechsmal mehr Chirurgen als nötig. Jahr durchschnittlich etwa 250 Euro mehr Diese „Facharztschwemme“ ist auch in den als noch 2008. Insgesamt stehen somit den neuen Bundesländern zu finden. So prakti- Ärzten und Krankenhäusern im Jahr 2011 weit über zehn Mil- zieren im Landkreis Halberstadt sechsmal mehr fachärztlich liarden Euro mehr zur Verfügung als noch vor drei Jahren. tätige Internisten als erforderlich. Dafür müssen die Versicherten nun auch eine spürbar höhere Qualität und mehr Service erhalten. Den von Ärzteseite vorge- Der Kuchen wächst, die Stücke schrumpfen. Es mangelt auch brachten, reflexartigen Forderungen nach noch mehr Geld erteilt nicht am Geld. So sind die Honorare für die fachärztliche Ver- die AOK eine Absage. Die Versicherten dürfen nicht erneut sorgung von 2007 bis 2009 um zehn Prozent gewachsen (sieheIllustration: Oliver Weiss abkassiert werden. Nun muss erst die Gegenleistung kommen, Tabelle „Facharzthonorare sind weiter gestiegen“ auf Seite 34). Für für die sie bereits bezahlen. Wo dabei anzusetzen ist und wie die das Jahr 2010 ist ein erneuter Anstieg auf rund 15,7 Milliarden Verbesserungen konkret aussehen können, soll hier anhand Euro zu erwarten. Doch obwohl die Gesamthonorare für die e ­ iniger Beispiele erläutert werden. fachärztliche Versorgung deutlich zunahmen, verringerte sich Ausgabe 2/11, 14. Jahrgang 33
  3. 3. das Honorar für jeden einzelnen Facharzt von 2007 auf 2008 Facharzthonorare sind weiter gestiegensogar ganz leicht. Auch im Zeitraum 2008 auf 2009 ist ein solcherTrend zu erkennen. Lag die Steigerung bei den Gesamthonora- Honorar (GKV)/Arzt/Jahr Gesamthonorar (GKV)ren für Fachärzte bei rund sieben Prozent, so erhöhte sich das in Euro in Milliarden EuroHonorar je Facharzt lediglich um knapp fünf Prozent. Das Problem ist also, dass es zu viele Fachärzte gibt – und die- 2007 225.151 13,7se sind auch noch regional falsch verteilt. Der Honorar-­ uchen, Kder in seiner Gesamtheit groß genug ist, wird in zu viele Einzel- 2008 224.845 Veränderung 14,1 Veränderungstücke geteilt – das einzelne Stück hat sich relativ verkleinert. Ist 2007–2009 2007–2009dieses Geld dann im Laufe des Behandlungsquartals aufgebraucht, 2009 235.763 +4,7% 15,1 +10,2%fährt der Arzt seine Leistungen so lange zurück, bis für das folgen- Deutschlands Fachärzte dürfen sich über steigende vertragsärztlichede Quartal wieder Geld vorhanden ist und/oder ­ ehandelt bevor- b Vergütungen freuen: Während sie von den gesetzlichen Krankenkassenzugt zunächst Privatpatienten. Es kommt zum „Patientenstau“. 2007 noch insgesamt 13,7 Milliarden Euro bezogen, erhielten sie 2009 von den Kassen bereits 15,1 Milliarden Euro Gesamthonorar. Das durch-Die Bedarfsplanung ist zu starr. Der Grund für lange Wartezeiten schnittliche jährliche Honorar je Facharzt nahm zwischen 2007 bis 2009trotz fachärztlicher Überversorgung liegt vor allem im zu starren um etwas mehr als 10.000 Euro zu. Quelle: Bundestagsdrucksache 17/4000System der ärztlichen Bedarfsplanung. Das derzeit angewandteVerfahren basiert nicht auf dem tatsächlich vorhandenen Ver-sorgungsbedarf der Patienten in der jeweiligen Region entspre- Fehlanreize durch Honorarverteilung. Zudem führen Fehlanrei-chend der jeweiligen Morbidität, Erreichbarkeit und anderer ze bei der Verteilung des Geldes innerhalb der Ärzteschaft sowieregionaler Kriterien. Es basiert vielmehr auf einer zentralistischen zwischen den Sektoren (ambulant und stationär) zu einer ekla-Fortschreibung längst überholter Kennziffern zur Ermittlung tanten Fehl- und Überversorgung. Wieso verdienen beispiels-des Bedarfes an Fachärzten je Einwohner, die vor annähernd weise Kinderärzte nur die Hälfte von Radiologen? Wer schonzwei Jahrzehnten auf dem Reißbrett festgelegt wurden. einmal an einem Montagmorgen in einer Kinderarzt-Praxis in Zusätzlich verhindert die sektoral abgeschottete Bedarfspla- Berlin-Neukölln war, weiß, was diese Ärzte unter hoher physi-nung eine Koordination zwischen den für die ambulante bezie- scher und psychischer Belastung leisten. Deren Arbeit angemes-hungsweise stationäre Bedarfsplanung zuständigen Gremien. sener zu bezahlen, wäre eine lohnende Investition – es würdenDies hat zur Folge, dass zum Beispiel ambulante Kapazitäten in sich dann auch in weniger beliebten Stadtvierteln wieder mehrKrankenhäusern bei der vertragsärztlichen Bedarfsplanung nicht Kinderärzte ansiedeln. Doch darauf haben die Krankenkassenberücksichtigt werden. Die bestehenden Doppelstrukturen mit bisher einen zu geringen Einfluss. Zwar sehen die rechtlichendivergierenden Planungs-, Vergütungs- und Qualitätssicherungs- Rahmenbedingungen zum Beispiel für Fachärzte selektivver-standards sind inakzeptabel. tragliche Möglichkeiten vor. Doch ihre Umsetzung wird bis heute dadurch behindert, dass die Systematik zur Bereinigung Umfrage: Patienten warten heute länger auf Facharzttermine der Kollektivvertragshonorare unzureichend ist: Die Kassen müssen deshalb derzeit bestimmte Leistungen doppelt bezahlen. 39 % Festzuhalten bleibt also, dass Krankenkassen bisher kaum keine Wartezeit 20 % Möglichkeiten haben, über direkte Verträge mit Ärzten, Kran- 4% kenhäusern und anderen Leistungserbringern Qualität und ein Tag 4% Preise der Versorgung zu beeinflussen. Sie müssen bezahlen, was 2 bis 3 Tage 12 % Ärzte anbieten. Und wenn unter den aktuellen Bedingungen in 9% einer Region kein Arzt mehr praktizieren will, dann treten hier bis eine Woche 14 % Versorgungsengpässe auf. Das kann nicht sein. 15 % bis 3 Wochen 13 % Tatsächlicher Bedarf als Planungsgrundlage. Um die bestehende 21 % Über- und Fehlversorgung abzubauen, muss die starre und über 3 Wochen 11 % zentralistische Planung der Versorgungsstruktur aufgegeben 20 % werden. Planungsgrundlage sollte stattdessen der regional unter ohne Termin/ 6% Termin unnötig 6% Beteiligung des Landes, der Kommunen, Krankenkassen und Leistungserbringer ermittelte, tatsächlich bestehende Versor- Praxis macht 1% 2006 ■ keine Termine 1% 2010 ■ gungsbedarf sein. Wichtig ist dabei die sektorübergreifende Perspektive. Die Versorgungsstrukturen zur Sicherstellung des patientenorientierten Bedarfs sind so festzulegen, dass Qualität In den vergangenen vier Jahren haben sich die Wartezeiten auf einen Fach- arzttermin deutlich verlängert. Während 2006 noch elf Prozent der von der und Erreichbarkeit der Leistungen gewährleistet sind. Dabei Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) befragten Patienten angaben, kann grob unterschieden werden zwischen Versorgungsstufen, dass sie sich mehr als drei Wochen gedulden mussten, bis sie den Facharzt in denen Leistungen häufig und direkt durch Patienten in An- konsultieren konnten, waren es 2010 schon 20 Prozent. Quelle: KBV spruch genommen werden (beispielsweise Allgemeinärzte, Kinderärzte, Augenärzte) und Versorgungsstufen in denen 34 Ausgabe 2/11, 14. Jahrgang
  4. 4. Leistungen seltener nachgefragt werden Die Versichertenbefragung 2010 derund meist durch vorangegangene Ver- Kassenärztlichen Bundesvereinigungsorgungsstufen veranlasst werden (zum ergab, dass die führende Ursache fürBeispiel Radiologen, Neurologen, spezi- Beschwerden von Patienten die – nachalisierte fachärztliche Versorgung). eigener Einschätzung – falsche Behand- Diese Versorgungsstufen können je- lung, Fehldiagnose beziehungsweiseweils mit Kriterien hinterlegt werden, die fachliche Inkompetenz des Arztes ist.sicherstellen, dass die Patienten die not- Allein im Krankenhausbereich kommtwendige Qualität und den notwendigen es nach Angaben des Sachverständigen-Zugang zu den Leistungen erhalten. Für rates zur Begutachtung der Entwicklungdie erste Versorgungsstufe können einer- im Gesundheitswesen jährlich zuseits Kriterien der räumlichen Nähe sowie 340.000 bis 720.000 Schäden bei Pati-Erreichbarkeit gelten und anderseits enten und rund 17.000 Todesfällendemografisch adjustierte Verhältniszah- (Gutachten 2007).len von Einwohnern zu Ärzten. Für die Die bereits vorhandenen Methodenzweite Versorgungsstufe, die sich durch zur Qualitätsmessung und -kommuni-die Komplexität (Einsatz von Ärzteteams kation werden nicht oder nur unzurei-und Großgeräten) auszeichnet, geht die Hinsichtlich der Qualität chend gefördert und ausgebaut. Trans-Qualität der medizinischen Leistung vor parenz ist zumindest von vielen ärztli-gewünschter Wohnortnähe. Vor diesem des medizinischen chen Standesvertretern nicht erwünscht.Hintergrund ist hier auf sektorübergrei- Angebotes tappen Ebenso verhält es sich mit dem Risiko-fende, morbiditätsorientierte Parameter management in vielen Krankenhäusern.abzustellen. Diagnose- und Ergebnisqua- Patienten im Dunkeln: Aktuellen Studien zufolge treten bei bislität stehen im Vordergrund. zu zehn Prozent der Patienten in deut- Transparenz ist noch schen Krankenhäusern unerwünschteWettbewerbsinstrumente einsetzen. Ist Ereignisse auf. Zwischen 30 und 50 Pro-der Bedarf auf diese Weise ermittelt, bei zu vielen Ärztefunk- zent der Pannen in Kliniken wären ver-bleibt die Frage, wie die dafür notwen- meidbar. Dabei geht es selten um grobdigen Versorgungsstrukturen am effizi- tionären unerwünscht. fahrlässiges Verhalten eines Arztes oderentesten geschaffen werden können. einer Pflegekraft. In vielen Fällen entste-Effizient bedeutet in diesem Zusammen- hen Patientenschäden am Ende von Feh-hang, dass Ärzte und Kliniken die vor- lerketten, die durch Organisations- undgegebenen Qualitätsstandards bei größt- Kommunikationsmängel begünstigtmöglicher Wirtschaftlichkeit erfüllen. Dies ist durch den Einsatz werden. Eine vom AOK-Bundesverband 2010 in Auftrag gege-von Wettbewerbsinstrumenten erreichbar. Durch den Such- und bene Befragung durch das Institut für Patientensicherheit ergab,Innovationswettbewerb der Leistungsanbieter und Kranken- dass nur knapp 60 Prozent der teilnehmenden Krankenhäuserkassen um die besten Vertrags­ odelle werden sich effektive wenigstens in Teilen eine schriftlich festgelegte Strategie für das mStrukturen herausbilden. So lässt sich mittelfristig Überversor- klinische Risikomanagement hat. Das verwundert nicht, denngung abbauen und Unterversorgung verhindern. das aktuell bestehende Planungs- und Honorarsystem enthält Krankenkassen und Leistungserbringer entwickeln gemein- keine Anreize zur qualitätsbezogenen Bezahlung.sam marktgerechte ­ ösungen, die vorgegebene Qualitätsstan- Ldards zu erfüllen haben und die Versorgung in allen Regionen Strukturierte Programme ausbauen. Es muss sich für die ÄrzteDeutschlands sicherstellen. Freiwerdende Arztsitze in überver- und Krankenhäuser lohnen, nach evidenzbasierten Leitliniensorgten Regionen würden so nicht wieder besetzt, um mit dem zu therapieren und ein funktionierendes Risikomanagement zusomit freiwerdenden Geld neue Praxen in Regionen aufzubauen, etablieren. Dies fängt bei vermeintlich einfachen Dingen an: Soin denen zukünftig Unterversorgung drohen könnte. sollten Kliniken Risikopatienten beispielsweise standardmäßig auf Problem­ eime (multiresistente Bakterien) testen. Auch die kWelcher Arzt bietet hohe Qualität? Ein weiterer Ansatzpunkt für verpflichtende Teilnahme an der „Aktion saubere Hände“ kannVerbesserungen im Gesundheitswesen ist die Qualitätstranspa- die Zahl der Krankenhaus-Infektionen effektiv senken.renz. Gesetzlich Krankenversicherte wissen häufig nicht, welcher Die für einige Krankheiten schon bestehenden strukturiertenArzt und welche Klinik eine besonders hochwertige Behand- Behandlungsprogramme (DMP) sollten weiterentwickelt werden.lungsqualität bieten. Umgekehrt gilt auch für Ärzte und Klini- Sie sind schon jetzt mit über sechs Millionen Teilnehmern einken, dass sie sich nicht durch bessere Qualität von ihren Kollegen fester Bestandteil der Versorgung chronisch kranker Menschen.absetzen können, da die Patienten und Versicherungen dies nicht Auf Basis evidenzbasierter Medizin verbessern sie durch verbind-erfahren und entsprechend honorieren dürfen. Es findet also zu liche Standards für Diagnose, Therapie, Dokumentation, Qua-wenig Qualitätswettbewerb statt. Ärzte beschreiten noch zu litätssicherung, Überweisung und aktive Beteiligung der Pati-selten evidenzbasierte Behandlungspfade. enten nachweislich die Versorgung. So belegen AuswertungenAusgabe 2/11, 14. Jahrgang 35
  5. 5. bei kontinuierlich teilnehmenden Patienten eine Stabilisierung Bisher zu wenig Kooperation. Auch die mangelnde Zusammen-beziehungsweise Verbesserung der medizinischen Werte sowie arbeit der verschiedenen Sektoren beeinträchtigt die Qualitäteinen Rückgang von Folge- und Begleiterkrankungen. Die der Gesundheitsversorgung. In Deutschland wird die medizini-Menschen fühlen sich besser versorgt und zeigen ein gesund- sche Versorgung immer noch stark in verschiedene Sektorenheitsbewusstes Verhalten (Versorgungs-Report des Wissenschaft- aufgeteilt, was eine kontinuierliche und abgestimmte Behandlunglichen Instituts der AOK, 2011, siehe Lesetipps). des Patienten behindert. Insbesondere gibt es eine starke Tren- Für eine messbar bessere Behandlungsqualität und -sicherheit nung zwischen der Versorgung durch niedergelassene Ärzte undmüssen Ärzte und Kliniken besser honoriert werden können, Krankenhäuser sowie Rehabilitations- und Pflegeeinrichtungen.beziehungsweise bei Nichterfüllung auch Vergütungsabschläge Statt durchgehender und abgestimmter Behandlungsabläufehinnehmen. stehen häufig lediglich einzelne Behandlungsfragmente neben- einander. Dies hat zur Folge, dass es zu Informationslücken sowieQualitätssprung durch Direktverträge möglich. Der einzelne mangelhafter Kommunikation und Koordination zwischen denVersicherte und Patient kann nicht messen und beurteilen, an der Therapie Beteiligten kommt. Daraus resultieren beispiels-welche Ärzte und Kliniken eine überdurchschnittliche Behand- weise medizinisch nicht begründbare Mehrfachuntersuchungen,lungsqualität ­ rbringen. Die Krankenkassen können dies in e eine unkoordinierte Verordnung von Arzneimitteln mit uner-Zusammenarbeit mit den entsprechenden Institutionen aber wünschten Wechselwirkungen. Das gefährdet die Gesundheitsehr wohl. Vielversprechende Ansätze stellen im ambulanten der Patienten und verursacht vermeidbare Mehrausgaben.Bereich beispielsweise „QISA – Das Qualitätsindikatorensystemfür die ambulante Versorgung“ (von AQUA-Institut und AOK- Integrierte Versorgung mit guten Ergebnissen. Durch Rahmen-Bundesverband) sowie „Qualitätssicherung mit Routinedaten bedingungen, die eine bessere Zusammenarbeit gewährleisten,QSR“ (entwickelt von mehreren Partnern, darunter das Wissen- könnte dem begegnet werden. Die Erfahrungen der Kranken-schaftliche Institut der AOK) für häufige stationäre Operationen kassen mit Verträgen zur Integrierten Versorgung zum Beispieldar. Diese gilt es zu fördern und systematisch auszubauen. von Herzpatienten oder von Patienten mit Gelenkersatz zeigen, Wenn die Krankenkassen dieses Knowhow einsetzen dürften, dass eine bessere Vernetzung aller Therapeuten möglich ist undindem sie Direktverträge mit den überdurchschnittlich guten die Qualität der Versorgung erhöht.Ärzten und Kliniken abschließen, wäre ein deutlicher Qualitäts- Ein weiteres Handlungsfeld ist das Krankenhaus-Entlassungs-sprung in der Versorgung zu erreichen. Die Versicherten der management. Wenn der Patient in einem ausführlichen Entlas-jeweiligen Kasse wüssten, dass die dort unter Vertrag stehenden sungsgespräch mit entsprechender Dokumentation konkreteÄrzte und Kliniken hohe Qualitätsstandards erfüllen. Die Ärz- Hinweise (zum Beispiel zur Arzneitherapie, zur weiteren ambu-te und Krankenhäuser bekämen ihre besonders guten Leistungen lanten Behandlung, zur pflegerischen Betreuung zu Hause) fürbesser honoriert als zuvor. die Zeit nach seiner Entlassung erhält, hilft das, erneute gesund- Interview „ ie Hoffnung auf Strukturreformen wächst“ D Reichelt: Die große Aufgabe einer Neuabgrenzung von ambulanter und sta- Dr. Herbert Reichelt tionärer Versorgung kann nur schrittweise bewältigt werden. Dabei sollte das ist Vorstandvorsitzender des ambulante Operieren als erste Stufe in Angriff genommen werden. Ebenfalls AOK-Bundesverbandes. fortgeführt werden sollte die Überlegung, die Kooperation von niedergelasse- G+G: Die Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat nen Ärzten und Krankenhäusern zu verbessern. Unter der Aufteilung der Vorschläge für ein Versorgungsgesetz vorgelegt. Gute Aussichten? m ­ edizinischen Versorgung in verschiedene Sektoren leidet die kontinuierliche Reichelt: Die Hoffnung auf lange überfällige Sturkturreformen im Gesund- und abgestimmte Behandlung der Patienten. heitswesen wächst. Die in dem 14-Punkte-Papier skizzierten Ansätze gehen in die richtige Richtung. Es ist gut, wenn Gesundheitspolitik nicht mehr um die G+G: Die Union setzt zudem die Gestaltung des Verhältnisses von Interessen starker Lobbys kreist, sondern die Patienten in den Mittelpunkt Kollektiv- und Selektivverträgen auf die Agenda. Inwieweit deckt sich das stellt. Das Ziel muss sein, die Qualität der Versorgung weiter zu erhöhen – ohne mit Forderungen der Gesundheitskasse? die Versicherten zusätzlich zur Kasse zu bitten. Die Unions-Arbeitsgruppe hat Reichelt: Die AOK teilt die Einschätzung, dass das Verhältnis von Kollektiv- und mit ihren Vorschlägen die wesentlichen Baustellen benannt. Dazu gehören Selektivverträgen stringenter geregelt werden muss. Mehr Wettbewerb in den neben der ärztlichen Bedarfsplanung unter anderem die Zusammenarbeit Vertragsbeziehungen zwischen Kassen und Leistungserbringern soll dazu über Sektorengrenzen hinweg und die Gestaltung der Vertragslandschaft. beitragen, Qualität und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung gezielt zu verbessern. Das kann jedoch nur gelingen, wenn Direktverträge auch an G+G: Die Union will gleiche Rahmenbedingungen für die Bereiche schaffen, die Stelle von Kollektivverträgen treten dürfen. Die AOK begrüßt deshalb in denen Vertragsärzte und Krankenhäuser ambulant tätig sind. Wie kann ausdrücklich das Vorhaben, die Bereinigung der Kollektivvergütungen einfach das funktionieren? und zeitnah zu ermöglichen. 36 Ausgabe 2/11, 14. Jahrgang
  6. 6. heitliche Probleme und Wiedereinwei- Impfungen, Mammografien und Ko-sungen zu vermeiden. loskopien, seit Oktober 2010 nicht mehr unter den Selbstbehalt fallen. Was dieAbläufe sind schlecht organisiert. Eine Vereinigten Staaten nun endlich als Ver-weitere Chance, die gesundheitliche Ver- besserung einführen wollen, werden wirsorgung zu verbessern, besteht im Hin- doch wohl nicht ohne Grund aufgeben.blick auf die Wartezeiten in der Arztpra- Weil auch in Deutschland mehr alsxis. Gesetzlich Versicherte sitzen häufig zwei Drittel der GKV-Mitglieder nur einlange im Wartezimmer, bis sie der Arzt monatliches Bruttoeinkommen vonaufruft. Laut einer aktuellen Befragung weniger als 2.000 Euro beziehen unddes Wissenschaftlichen Instituts der daher nicht über die notwendigen finan-AOK (WIdO) empfanden rund ein Drit- ziellen Ressourcen zum Einkauf vontel aller Patienten die Wartezeit in der Gesundheitsleistungen verfügen, ist diePraxis als zu lang. Häufiger Grund für medizinische Versorgung auch weiterhindie Geduldsprobe: Noch immer organi- durch das Sachleistungsprinzip ohnesieren viele Arztpraxen die Abläufe nicht Vorkasse zu gewährleisten. Dieses Ver-effizient und patientenfreundlich, denn fahren hat dazu geführt, dass unabhän-es fehlen entsprechende Anreize. gig von der wirtschaftlichen Leistungs- Es sollte sich für die Ärzte lohnen, ihre fähigkeit des Einzelnen die MenschenSprechstunde vernünftig zu organisieren Wenn Patienten ihre in Deutschland eine diskriminierungs-und so die Wartezeiten zu verkürzen. freie medizinische Versorgung erhalten.Auch hier muss gelten: Wer messbar Therapien zunächst Es ist somit eine wesentliche Säule un-bessere Ergebnisse hat, sollte auch besser seres Krankenversicherungssystems.vergütet werden. Ein gutes Patienten selbst zahlen müssen,management könnte ein weiteres Krite- Innovationen statt Untergangsstimmung.rium für den Abschluss von Direktver- laufen sie Gefahr, auf Die Gesundheitsversorgung ist inträgen zwischen Krankenkassen und Deutschland auf einem hohen Niveau.Ärzten sein. Versicherte einer Kranken- einem Teil der Kosten Doch wir zahlen auch viel dafür. Undkasse, die vorrangig mit gut organisierten wir können noch besser werden. DeshalbPraxen Versorgungsverträge abschließt, sitzenzubleiben. brauchen wir anstelle einer Mangel- undmüssen sich dann nicht mehr über inak- Untergangsdiskussion vielmehr einezeptable Wartezeiten ärgern. Versorgungs- und Innovationsdiskussi- on. Ziel jeglicher Versorgungsverbesse-Sachleistung statt Vorkasse. Wenig patientenfreundlich ist rung müssen die Patienten sein und nicht statistische, techno-dagegen der Plan, das Sachleistungsprinzip in Zukunft verstärkt kratische und interessengeleitete Aspekte eines in Schubladendurch die Kostenerstattung zu ersetzen. Gesetzlich Kranken- aufgeteilten Gesundheitssystems. Ein Versorgungsgesetz mussversicherte sollen nach dem Willen der Regierungskoalition ihre spürbare Leistungs- und Qualitätsverbesserungen für die Ver-ärztliche Behandlung oder Arzneimittel zunächst selbst in der sicherten bringen. √Praxis oder in der Apotheke voll bezahlen. Mit der Rechnunggehen sie dann zu ihrer Krankenkasse und lassen sich ihre Aus- Jan Carels ist Geschäftsführer Politik und Unternehmensentwicklunglagen erstatten. Jedoch dürfen die Krankenkassen diese Rech- im AOK-Bundesverband. Kontakt: Jan.Carels@bv.aok.denungen nicht im vollen Umfang übernehmen, sondern nur dieKosten in Höhe der Sachleistung. Es droht dadurch die Gefahr,dass die Versicherten finanziell überlastet werden, wie Erfah- Lesetippsrungen aus dem Ausland zeigen. In den USA haben in der • Karl-Heinz-Schönbach: So bleibt Medizin nahe dran. In: G+G 1/2011,Vergangenheit immer mehr Menschen versucht, durch höhere S. 28–35. Download: www.aok-bv.de Mediathek G+GSelbstbeteiligungen ihre Krankenversicherungsprämie zu senken. • G+G-Spezial 11/2010: Rundum besser versorgt.In den letzten vier Jahren hat sich die Zahl der US-Bürger ver- Download: www.aok-bv.de Mediathek G+G-Spezialdreifacht, die eine Krankenversicherung mit einem Selbstbehalt • Jan Carels: Wie lange hält die Reform? In: G+G 10/2010, S. 36–40(„Deductible“) von mindestens 1.000 US-Dollar abgeschlossen • Kassenärztliche Bundesvereinigung: Versichertenbefragung 2010.haben. Da sie für alles, was unter dieser Grenze liegt – Arztbe- Download: www.kbv.de Mediathek Sonderpublikationen Studiensuche, Labortests, Medikamente – selbst aufkommen müssen, • C. Günster, J. Klose, N. Schmacke (Hrsg): Versorgungs-Report 2011,haben viele aus Kostengründen Arztbesuche hinausgezögert Schwerpunkt: Chronische Erkrankungen. Schattauer-Verlag, Stuttgart.oder vermieden. Die US-Regierung hat daraus die Konsequen- • Klaus Jacobs, Sabine Schulze: Bauer sucht Arzt. In: G+G 3/2010, S. 20–25zen gezogen und sowohl den Selbstbehalt begrenzt als auch • G+G-Gespräch: Planung darf nicht an Sektorengrenzen Halt machen.Finanzhilfen für Versicherte mit niedrigem Einkommen be- In: G+G 3/2010, S. 26–32.schlossen. Zudem dürfen bestimmte Vorsorgeleistungen, wieAusgabe 2/11, 14. Jahrgang 37

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