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Broschüre Benediktbeurer Gespräche 2011
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  1. 1. Benediktbeurer Gesprächeder Allianz Umweltstiftung 2011„Die Stadt von morgenwird durch den gebaut, der sieneu zu denken wagt.“
  2. 2. I N H A L T 1D I E B E N E DI K T B E U R E R G E S P R ÄC H E D E R AL L I AN ZU M W E LT S T I F T U NGam 06. Mai 2011 hatten zum Thema: „Die Stadt von morgenwird durch den gebaut, der sie neu zu denken wagt.“ 5 Pater Karl Geißinger, 43 Prof. Dr. Harald Welzer, Rektor des Zentrums für Umwelt Direktor des Center for Interdisciplinary und Kultur im Kloster Benediktbeuern, Memory Research am Kulturwissen- Benediktbeuern schaftlichen Institut Essen und Professor für Sozialpsychologie 9 Prof. Dr. h.c. Dieter Stolte, an der Universität St. Gallen, Vorsitzender des Kuratoriums der Essen Allianz Umweltstiftung, München 51 Diskussion des Tagungsthemas 15 Dr. Lutz Spandau, 73 Impressum Vorstand der Allianz Umweltstiftung, München 23 Prof. Albert Speer, Architekt, Albert Speer & Partner, Frankfurt 31 Dr. Dieter Salomon, Oberbürgermeister der Stadt Freiburg im Breisgau, Freiburg
  3. 3. D I E A L L I A N Z U M W E L T S T I F T U N G 3D I E AL L IA N Z U MW E LT ST I F TU NG : Die Benediktbeurer Gespräche. Alljährlich treffen sich auf Einladung derAktiv für Mensch und Umwelt. Allianz Umweltstiftung streitbare und neu- gierige Geister im Kloster Benediktbeuern. Die Benediktbeurer Gespräche sollen den Blick weiten für die Fragestellungen „Mitwirken an einem lebenswerten Dasein von morgen. in der Zukunft.“ Diese Maxime für Schutz, Pflege und Entwicklung von Natur und Leitmotiv der Benediktbeurer Gespräche ist, Umwelt hat die Allianz Umweltstiftung in die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu ihrer Satzung verankert. Anlässlich ihres fördern, starre Konfrontationen aufzulösen 100-jährigen Jubiläums im Jahr 1990 über- und die umweltpolitischen Diskussionen zu nahm die Allianz mit Gründung der Um welt- versachlichen. stiftung in einem neuen Bereich gesell - schaftliche Verantwortung. Mit ihrer Streitkultur haben sich die Be ne- diktbeurer Gespräche zu einem Forum des Bei allen Projekten bindet die Allianz kontinuierlichen Neu-, Anders- und Weiter- Umweltstiftung den wirtschaftenden denkens entwickelt. Damit tragen sie dazu Menschen ein. Dabei ist das wesentliche bei, den Boden für eine nachhaltige Zu kunft Ziel aller Förderprojekte der Schutz des zu bereiten, denn die kann „in Zeiten, in Naturhaus haltes unter Berücksichtigung denen es keine linearen Handlungsanweisun- der wirtschaftlichen Entwicklung. gen mehr gibt, nur im kontinu ierlichen gesellschaftlichen Lernprozess entstehen“, Ökologisch und ökonomisch, sozial und so Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz kulturell – jedes Projekt leistet auf seine Art Umweltstiftung. einen Beitrag zur praktischen Umsetzung eines aktuellen Zukunftsthemas. Denn immer „Die Stadt von morgen wird durch den gebaut, geht es um die Idee des „Sustainable De - der sie neu zu denken wagt.“ war das Thema vel opment“, die beispielhafte Realisierung der fünfzehnten Benediktbeurer Gespräche nachhaltigen Wirtschaftens – also um die am 06. Mai 2011. Förderung einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung, die auch künftigen Generatio- Die Referate und aus ihnen resultierende nen ein lebenswertes Dasein ermöglichen Schlussfolgerungen werden mit diesem soll. Band der Schriftenreihe „Benediktbeurer Gespräche der Allianz Umweltstiftung“ Ausgehend von der Überzeugung, dass publiziert. grundlegende Umweltfragen nur im gesell- schaftlichen Konsens zu lösen sind, hat die Allianz Umweltstiftung ein unabhängiges Diskussionsforum geschaffen.
  4. 4. B E G r ü S S U N G P A T E r K A r L G E I S S I N G E r 5„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“Begrüßung durch Pater Karl Geißinger, Rektor des Zentrumsfür Umwelt und Kultur im Kloster Benediktbeuern. Meine sehr verehrten Damen und Herren, in meiner Eigenschaft als Leiter des Zent- rums für Umwelt und Kultur danke ich Ihnen allen, dass Sie heute hierher gekommen sind, und heiße Sie ganz herzlich willkom- men zu den traditionell von der Allianz Umweltstiftung ausgerichteten Benediktbeurer Gesprächen. Sie sind ein Zeichen unserer denn es gibt gewaltige Probleme zu lösen. engen Verbundenheit und Partnerschaft, die Dabei geht es um Fragen der Infrastruktur, sich im Laufe der letzten 15 Jahre bei vielen der Wasser- und Energieversorgung, des gemeinsamen Aktivitäten bewährt hat. Verkehrs, der Sicherheit, des Katastrophen- schutzes, der Versorgung der Menschen auch „Die Stadt von morgen wird durch den in Krisensituationen, des Umweltschutzes gebaut, der sie neu zu denken wagt“, lautet und vieles mehr. Ich meine, dass die Planer das Motto der diesjährigen Tagung. Es weist solcher Megastädte gut daran täten, nicht darauf hin, dass unsere moderne Welt nur nach technischen Lösungen zu suchen, einem besonders raschen Wandel unterwor- sondern stets zugleich auch an die nicht fen zu sein scheint. Zum ersten Mal in der rein materiellen Bedürfnisse der Menschen Geschichte der Menschheit leben mehr zu denken, also an das, was eine Stadt im Menschen in Städten als auf dem Land. Grunde erst lebens- und liebenswert macht. Dieser Trend wird sich fortsetzen – vor allem in China, Indien und den Ländern Afrikas. Das Leben von immer mehr Menschen Ganz neue Metropolen und Megastädte wird heute bestimmt von den Folgen der werden entstehen. So wird das Leben in der Globalisierung, der zunehmenden Mobili- Stadt immer stärker das Leben der Menschen tät, des Konsums und der sich rasant prägen. entwickelnden Kommunikationsmittel. Letztere führen dazu, dass wir uns zuneh- Es ist nicht nur wichtig, sondern auch mend in einer virtuellen Welt bewegen. ungemein spannend, sich vorzustellen und Wir sind ständig von Menschen umgeben darüber zu diskutieren, wie diese Städte und begegnen einander doch nicht denn aussehen könnten, ja wie sie aussehen wirklich. sollten. Hier sind neue Ideen, kreative Entwürfe und mutige Impulse gefragt,
  5. 5. 6 B E G r ü S S U N G P A T E r K A r L G E I S S I N G E r Die menschlichen Grundbedürfnisse – wird? Wie lässt sich ein gesunder Orga- zum Beispiel nach einem Zuhause, nach nismus schaffen, der wachsen kann, ohne Geborgenheit, nach Heimat, nach Beziehun- zu wuchern und sich selbst zu zerstören? gen mit anderen Menschen, nach Gemein- Wie kann man neue Städte denken, wo schaft, nach einem Lebensumfeld, das wir Menschen unterschiedlicher Kulturen und selbst gestalten und mit bestimmen können – Religionen willkommen sind und Arme und all diese Bedürfnisse sind bei der Planung Reiche miteinander leben können? Ist es der neuen Städte zu berücksichtigen. möglich, Gemeinwesen zu entwickeln, die zur Heimat werden können auch für Werfen wir einen Blick auf das, was die entwurzelte Menschen, die offen sind für Großstädte unserer Welt heute für viele Flüchtlinge, Vertriebene oder Gestrandete, Menschen – für die, die in ihnen leben, und Orte, in denen Menschen nicht ausgegrenzt für die, die sie als Touristen besuchen – werden und nicht in Gettos leben müssen, attraktiv macht. Viele dieser Großstädte, Städte mit Herz also? sogar wenn sie nur allzu oft auch furchtbare Elendsviertel haben oder von trostlosen Müssen solche Städte Utopien bleiben? Ich Trabantenstädten umgeben sind, vor allem bin sehr gespannt, welche Entwürfe, welche aber, wenn es sich um gewachsene, nicht Impulse, welche Ideen und Fragen heute einfach auf dem Reißbrett entworfene im Laufe dieser Benediktbeurer Gespräche und aus dem Boden gestampfte Städte vorgestellt und diskutiert werden. handelt, haben ein Zentrum, eine Mitte, ein Herz. Was sie so anziehend macht, können Nochmals herzlichen Dank Ihnen, die Sie prachtvolle Bauwerke sein – sei es ein hierher gekommen sind, und der Allianz Schloss, eine Burg oder ein Dom – vielleicht Umweltstiftung für die Wahl dieses Themas. auch besondere Grünanlagen wie Gärten oder Parks: In jedem Falle sind es Orte, die Ich wünsche Ihnen allen fruchtbare Diskus- Geschichte atmen, die einen besonderen sionen und einen spannenden Tag. Charme, eine bezaubernde Ästhetik oder eine Atmosphäre haben, die einen gefangen nimmt. Solche Städte besitzen ihre eigene Identität oder vermitteln die des Landes, in dem sie liegen. Kurz, es sind Städte mit einem Herz, die mehr bieten als bloß Wohnungen, Arbeitsplätze und Einkaufs- zentren. Für die Planer der Megastädte der Zukunft stellen daher gerade solche Fragen die größte Herausforderung dar: Wo wird das lebendige Herz der neuen Stadt sein? Wie kann man diese so gestalten, dass sie zum Biotop, zum Lebensraum für Menschen
  6. 6. B E G r ü S S U N G P r o F . D r . H . c . D I E T E r S T o L T E 9„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“Begrüßung durch Prof. Dr. h. c. Dieter Stolte, Vorsitzender desKuratoriums der Allianz Umweltstiftung. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich zu den diesjährigen Benediktbeurer Gesprächen der Allianz Umweltstiftung. Sie erinnern sich vielleicht: Im letzten Jahr haben wir an dieser Stelle den 20. Geburtstag der Allianz Umweltstiftung gefeiert. Aber auch in diesem Jahr gibt es ein Jubiläum: Die Benediktbeurer Gespräche Mit diesen Schwerpunkten ihrer Förder- der Allianz Umweltstiftung finden nun tätigkeit sieht sich die Stiftung auf einem bereits zum 15. Mal statt! guten Weg, auch in Zukunft wichtige Beiträge zur Lösung gesellschaftlich relevanter Pro- Anlässlich ihres 20. Geburtstages hat die bleme leisten zu können. Schließlich fühlt Allianz Umweltstiftung eine Weiterentwick- sie sich nach wie vor gleichermaßen verant- lung ihrer bisherigen Förderkonzeption wortlich für Natur und Umwelt in ihrer diskutiert. Ein Expertengremium erörterte in Vielfalt wie für Mensch und Gesellschaft in diesem Zusammenhang vor allem die Mög- unserer zunehmend globalisierten Welt. lichkeit der Einbeziehung aktueller Probleme und gesellschaftlich relevanter Fragen aus Ein zentrales Zukunftsthema ist die fort- dem Umweltbereich. schreitende Verstädterung, die enorme Zunahme sogenannter Megacities an Zahl Ergebnis dieser Strategiegespräche war und Größe. Nicht zuletzt aus diesem Grund sowohl die Aktualisierung bisheriger als auch wurde der Förderbereich „Leben in der die Festlegung neuer Förderschwerpunkte der Stadt“ in das Programm der Stiftung aufge- Allianz Umweltstiftung in den Bereichen nommen. Die Wahl des Themas der dies- jährigen Benediktbeurer Gespräche – „Die Umwelt- und Klimaschutz, Stadt von morgen wird durch den gebaut, Leben in der Stadt, der sie neu zu denken wagt“ – ist Ausdruck nachhaltige Regionalentwicklung, dieser neuen Konzeption. Biodiversität und Umweltkommunikation.
  7. 7. 10 B E G r ü S S U N G P r o F . D r . H . c . D I E T E r S T o L T E Die Menschheit wächst und damit auch der Gebäude. Im Wüstensand vor den Toren Hunger nach Bildungs- und Aufstiegschancen. Abu Dhabis entsteht unter Federführung Immer mehr Menschen zieht es in die des Büros des britischen Stararchitekten Städte. Megacities wirken wie gesellschaft- Norman Foster die ökologische Musterstadt liche Magneten. Von ihnen erwarten die Masdar, die ganz ohne die Verwendung Menschen Lösungen für ihre Probleme – oft fossiler Brennstoffe auskommen soll. „Die nicht ahnend, dass sie die alten nur gegen Stadt“, schreibt Hanno Reuterberg in seinem neue eintauschen. bemerkenswerten Artikel „Die andere Revolution“ in der ZEIT vom 24.02.2011, Seit 2007 leben auf unserem Globus mehr „will die Welt nicht allein durch Forschung Menschen in Städten als in ländlichen und Technik retten, sie möchte den Men- Gebieten. UN-Prognosen zufolge wird sich schen auch neue Gewohnheiten nahe- die Verstädterung fortsetzen. Gleichzeitig bringen. […] verschieben sich die demographischen Gewichte: Während die Bevölkerung in fast Während in Deutschland Moderne und allen Industriestaaten schrumpft, wächst sie Tradition gern gegeneinander ausgespielt in Schwellen- und Entwicklungsländern. werden, finden sie hier mit erstaunlicher Dieser Trend bedeutet weltweit eine große Selbstverständlichkeit zusammen. […] Herausforderung für Politiker und Städte- Die Zukunft ist nicht futuristisch. Sie lernt planer. Kofi Annan, der ehemalige UN-Gene- aus der Geschichte.“ ralsekretär, hat sogar von einem „Jahrtausend der Städte“ gesprochen. Zunehmend ent- Anders in Südkorea. In der Nähe von scheiden sich die Menschen gegen ein Leben Seoul wird mit einem Mammutprojekt die auf dem Land und für ein Leben in der Stadt: „Stadt der Städte“ gebaut, ein modernes Sie ziehen dorthin, wo sie sich Wohlstand Utopia auf dem Wattenmeer durch Auf- und eine bessere Zukunft erhoffen. schüttung von Erdreich abgerungenem Land: New Songdo City. Aber auch in China setzt Unter welchen Voraussetzungen sind man noch auf städtebauliche Gigantomanie, diese Hoffnungen berechtigt? Wie müssen wie die Millionenstadt Chongqing zeigt, die neuen Städte aussehen, damit sie sich in der Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden erfüllen? schießen und Zehntausende von Wander- arbeitern ihr Glück suchen. Die Ballungszentren – schon heute gibt es mehr als 130 Städte mit über drei Es fällt allerdings schwer zu glauben, Millionen Einwohnern – verbrauchen etwa dass die Zukunft der Menschheit von einem 80 Prozent der weltweit verfügbaren Ressour- Leben in Städten geprägt sein soll, die cen. Städte wie New York, London, Oslo, komplett auf dem Reißbrett entstanden Vancouver oder München arbeiten bereits sind. an Plänen zum Bau kombinierter Wohn- und Arbeitsviertel, zur Reduzierung des Verkehrs und zur Errichtung energieoptimierter
  8. 8. 12 B E G r ü S S U N G P r o F . D r . H . c . D I E T E r S T o L T E Was eine Stadt im eigentlichen Sinne Wie der chinesische Politiker Deng Xiaoping ausmacht, ist schließlich ihr ureigener, einmal gesagt hat, kommt es stets darauf mindestens über Jahrzehnte, meist sogar an, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen. über Jahrhunderte gewachsener Charakter Dies sollten auch wir tun bei der Beschäfti- und ihre Geschichte, die nicht nur im gung mit den Fragen, die sich uns stellen, Stadtbild, sondern auch in der Vielfalt ihrer wenn wir über das Thema unserer heutigen Bewohner zum Ausdruck kommt. Veranstaltung diskutieren: Vielen Großstädten droht heute eine Wie werden wir in den „Städten der soziale Spaltung. Und das gilt nicht nur für Zukunft“ wohnen, leben und arbeiten? die Megacities Afrikas, Asiens und Süd- amerikas mit ihren unkontrolliert wuchern- Welche ökonomischen, ökologischen und den Slums. Auch in Europa gilt es zu sozialen Gesichtspunkte werden bei der verhindern, dass die Städte zunehmend in Entwicklung und Gestaltung der Städte ein lebendiges Zentrum und eine trostlose eine Rolle spielen? Peripherie zerfallen. Es ist eine wichtige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich die Wie lässt sich die zunehmende Verstädte- Infrastruktur einer Stadt entsprechend den rung steuern, damit die „Stadt der Zukunft“ Bedürfnissen ihrer Bewohner entwickelt. gestaltbar bleibt? Dafür aber bedarf es neuer Mobilitäts- konzepte, bei denen es nicht nur darum Welche Folgen hat der demographische gehen darf, möglichst viel Mobilität zu Wandel für die Städte? ermöglichen, sondern auch um die Frage gehen muss, wieviel Mobilität mit welchen Wie kann man Städte vor Katastrophen Verkehrsmitteln eine moderne Stadt über- schützen? haupt braucht. Auf diese und viele andere essentielle Städte verursachen massive Umwelt- Fragen gilt es Antworten zu finden. Allerdings probleme: Sie breiten sich immer weiter aus, wird wohl keine Antwort umfassend oder verbrauchen enorme Mengen an Wasser und gar endgültig sein können. Aber wir können – Nahrungsmitteln, verpesten die Luft und gleichsam Mosaiksteine aneinanderfügend – produzieren Unmengen Müll. Städte produ- allmählich ein Bild von der Stadt der Zukunft zieren einen sehr großen Teil der weltweiten entstehen lassen. Und wenn uns das heute Gesamtemission von Treibhausgasen und noch nicht gelingt, dann vielleicht morgen … sind damit wesentlich mitverantwortlich für oder übermorgen. den Klimawandel. Ich freue mich, in unserem Kreis hervor- ragende Fachleute begrüßen zu können, die uns die vielfältigen Aspekte unseres neuen, hochaktuellen Themas erläutern werden:
  9. 9. 13 Herr Professor Albert Speer, international diese stetig weiterentwickeln. In diesem renommierter Architekt und Stadtplaner Sinne möchte ich den Salesianern Don mit Projekten u.a. in Dschidda, Shanghai Boscos für die langjährige Zusammenarbeit und Moskau, danken und gleichzeitig zusichern, dass wir sie auch in Zukunft tatkräftig unterstüt- Herr Dr. Dieter Salomon, Oberbürger- zen werden. meister von Freiburg im Breisgau, Bündnis 90/Die Grünen, Meine Damen und Herren, ich wünsche uns allen ergiebige und interessante Prof. Dr. Harald Welzer vom Kulturwissen- Benediktbeurer Gespräche 2011 mit leben- schaftlichen Institut Essen, digen Diskussionen. Herr Gerhard Matzig, im Feuilleton Ich darf jetzt den Vorstand unserer der Süddeutschen Zeitung zuständig für Umweltstiftung, Herrn Dr. Spandau, bitten, Architektur und Stadtplanung, hat gestern in seiner bewährten Art die Leitung aus gesundheitlichen Gründen leider der Benediktbeurer Gespräche 2011 zu absagen müssen. Herr Dr. Spandau hat übernehmen. jedoch buchstäblich in letzter Minute eine interessante Lösung gefunden, die er Ihnen später vorstellen wird.Meine Damen und Herren, an einem Ortwie diesem, wo manch einer wohl ehererwarten würde, in sich gekehrten Mönchenin dunklen Kutten zu begegnen, haben dieSalesianer Don Boscos mit dem Zentrum fürUmwelt und Kultur eine weltoffene Institutiongeschaffen. Hier wird in der geistigen Aus-einandersetzung mit Fragen der Regionalität,Umweltbildung und Nachhaltigkeit sowieKunst und Kultur die Einsicht in die unauf-lösliche Vernetzung des Menschen mit derSchöpfung vermittelt – und dies nicht aufbelehrende Weise, sondern stets getreu demMotto des Klosters mit „Freude am Leben“.Mit den 15. Benediktbeurer Gesprächenzeigen die Allianz Umweltstiftung und dasZentrum für Umwelt und Kultur, dass siekontinuierlich an ihren Zielen arbeiten und
  10. 10. E I N F ü H r U N G D r . L U T Z S P A N D A U 15„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“Einführung von Dr. Lutz Spandau, Vorstand der AllianzUmweltstiftung, München. Meine sehr geehrten Damen und Herren, „Wir sollten uns alle Gedanken über die Zukunft machen, weil wir den Rest unseres Lebens in ihr werden verbringen müssen“, hat der amerikanische Erfinder und Philosoph Charles F. Kettering einmal gesagt. Wer gäbe ihm nicht recht? Wer besäße Lebens vielleicht 200 bis 300 Leute nicht gerne eine Kristallkugel, die schon getroffen. Heute dagegen lebt und arbeitet früh zeigt, was auf einen zukommt? zum Beispiel jeder Bewohner von New Zum Beispiel wie unsere Städte in 15 oder York City in einem Umkreis von weniger 20 Jahren aussehen. Schließlich werden als einem Kilometer mit 20.000 Menschen die meisten von uns einmal in ihnen leben zusammen. Wir haben uns zum Homo müssen. urbanus entwickelt. Das Jahr 2007 war ein Wendepunkt in Inzwischen gibt es auf der Welt 400 Städte der Geschichte der Menschheit: Einem mit mehr als einer Million Einwohnern und Bericht von UN-HABITAT, dem Programm 20 Städte mit über zehn Millionen. Die der Vereinten Nationen für menschliche Zahl der Menschen, die in Städten leben, hat Siedlungen zufolge, lebten vor vier Jahren sich seit 1950 vervierfacht. Im Jahr 2030 zum ersten Mal mehr Menschen in Städten werden voraussichtlich mehr als 60 Prozent als auf dem Land. In Zukunft, so die Prog- der Erdbevölkerung in Städten leben. Bis nose, wird der größte Teil der Weltbevölke- zum Jahr 2050 könnten es 75 Prozent sein. rung in riesigen Stadtgebieten wohnen, Die Städte sind verantwortlich für 75 Prozent die meisten davon zusammengepfercht und des weltweiten Energieverbrauchs und für übereinandergestapelt in Megastädten, die 80 Prozent der CO 2-Emissionen. zusammen mit ihren wild wuchernden Vorstädten oft mehr als zehn Millionen Ein- Die am schnellsten wachsenden Städte wohner zählen. Dies ist ein neues Phäno- liegen in Indien, China und im südlichen men. Noch vor 200 Jahren hat der durch- Afrika. schnittliche Erdenbürger im Laufe seines
  11. 11. 16 E I N F ü H r U N G D r . L U T Z S P A N D A U Schätzungsweise einer von drei Stadt- sowie Freizeit- und Einkaufszentren auf bewohnern, insgesamt also rund eine Mil- der grünen Wiese wucherten die Städte an liarde Menschen, lebt in Slums aus schlecht ihren Rändern ins Umland. Die bereits 1933 gebauten Hütten oder Häusern mit unzu- verabschiedete „Charta von Athen“ des reichender Trinkwasserversorgung und pre- einflussreichen schweizerisch-französischen kärer Sicherheitslage. Architekten Le Corbusier, mit der dieser die Schaffung lebenswerter Wohn- und Gleichzeitig herrscht in vielen Städten – Arbeitsgebiete durch Trennung der verschie- oder Stadtteilen – nie dagewesener Wohl- denen städtischen Funktionsbereiche pro- stand mit scheinbar grenzenlosem Konsum pagierte, hatte diese Entwicklung begünstigt, einer vom Individualismus geprägten die in den 70er Jahren des vergangenen Gesellschaft. Niemand wird ernsthaft glau- Jahrhunderts mit dem Ideal der autogerech- ben, dass sich der Trend zur Verstädterung ten Stadt ihren Höhepunkt erreichte. Wohnen aufhalten oder gar umkehren ließe. Es im Grünen außerhalb der Stadt war so zum kann daher nur darum gehen, die Urbani- Trend geworden. sierung nachhaltig zu gestalten. Die Folgen dieser sogenannten Suburbani- Es versteht sich von selbst, dass die Städte sierung sind unübersehbar: hoher Flächen- der reichen, technologisch hochentwickelten verbrauch, ständig steigendes Verkehrs- Regionen der Welt dabei eine Vorreiterrolle aufkommen, zunehmende Umweltbelastung übernehmen sollten. Wenn eine ökologisch und sterbende Innenstädte. Heute versucht verträgliche, nachhaltige Urbanisierung über- man diesen Fehlentwicklungen mit den haupt möglich ist, dann sind sie es, die neuen Leitbildern Ökologie und Nachhaltig- zeigen könnten, wie es konkret funktionie- keit zu begegnen, wie sie sich in den 80er ren kann. Die Städte Mitteleuropas mit ihren und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts heraus- komplexen, manchmal auch chaotischen gebildet haben. Wieder sind die Städteplaner Strukturen müssten als eine Art „Labor“ gefordert. dienen, um durch beispielhafte Architektur und eine weitsichtige Verkehrspolitik ein- Bislang ist von wirklichen Verbesserungen schließlich neuer Mobilitätskonzepte auch nur wenig zu spüren. Noch immer sprechen anderswo die Entwicklung der Städte positiv Experten von der aufgelösten Stadt und zu beeinflussen. vermelden ein zunehmendes Wachstum der Städte. Längst ist sogar von Stadt- und Dabei scheint es mir wichtig, dass wir Metropolregionen die Rede. uns vom traditionellen Bild der Stadt verab- schieden. Die „richtige“ Stadt, wie wir Wird sich diese Entwicklung umkehren sie uns noch immer vorstellen, ist ein bau- lassen? Oder werden wir die Definition des lich verdichteter Raum innerhalb eindeutiger Begriffes Stadt neu überdenken müssen? Wie Grenzen. Einen solchen klar abgegrenzten sieht in Zeiten weiter wuchernder Städte Raum, der einmal als eindeutiges Kriterium und zunehmender Ressourcenknappheit die für Urbanität gegolten hat, gibt es heute nur Stadt der Zukunft aus? noch selten, denn mit Gewerbegebieten
  12. 12. 18 E I N F ü H r U N G D r . L U T Z S P A N D A U In einer sich ständig verändernden Welt In der Süddeutschen Zeitung vom 9. Dezem- ist es notwendig, das „Modell Stadt“ ber 2010 schrieb Gerhard Matzig unter der fortzuentwickeln. Dabei gilt es, die Balance Überschrift „Kathedralen für das Übermor- zu finden zwischen Wirtschaftswachstum genland“ über Prof. Speer: „Albert Speer und und Nachhaltigkeit, zwischen baulicher seine Partner sind so etwas wie das grüne Expansion und Bewahrung des historischen Gewissen der Branche. Erst vor kurzem Erbes, zwischen einem sprunghaften haben sie ein Manifest für nachhaltige Stadt- Anstieg des Flächenverbrauchs und neuen planung in Buchform veröffentlicht.“ Weiter Formen des Zusammenlebens, zwischen heißt es: „Der deutschen Ingenieurskunst, gestiegenen Ansprüchen in Bezug auf die der man hierzulande eher misstraut, bietet individuelle Mobilität und den Kapazitäts- man anderswo gerade dort Baugrund an, wo grenzen der Verkehrswege, zwischen den es um anspruchvolle und zukunftsweisende Generationen und zwischen den sich immer Architektur geht. Wenn sich die Konzepte stärker spaltenden sozialen Gruppen. von Albert Speer und Partner z.B. in Katar als tragfähig erweisen sollten, wird man dies Die Zukunft der Stadt wird also vor allem vielleicht sogar in Stuttgart zur Kenntnis davon abhängen, ob es gelingt, zu einem nehmen.“ tragfähigen Ausgleich zu kommen zwischen diesen und vielen anderen unterschiedlichen Für Professor Speer rührt ein Hauptproblem ökonomischen und ökologischen Interessen der europäischen Städte – besonders der und Bedürfnissen immer komplexer werden- im zweiten Weltkrieg stark zerstörten – von der Gesellschaften. den von Le Corbusier geprägten Planungs- prinzipien der „funktionalen Stadt“. Sie Ob und – wenn ja – wie dies gehen kann, hatten dazu geführt, dass in den 50er und wollen wir mit unseren Experten disku- 60er Jahren an den Stadträndern und somit tieren. weit entfernt von den Innenstädten, wo die Menschen arbeiteten und einkauften, Wir begrüßen Herrn Prof. Albert Speer, Hoch- und Reihenhaussiedlungen errichtet ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Stadt- wurden. Das Entstehen solcher Schlafstädte und Regionalplanung in Kaiserslautern und in den Außenbezirken war eng verbunden Gastprofessor an der ETH Zürich. mit damaligen gesellschaftlichen Idealen, die längst ihre Gültigkeit verloren haben, da Das Büro Albert Speer & Partner in Frank- inzwischen auch auf dem Gebiet der Städte- furt am Main beschäftigt mehr als 120 planung ein Paradigmenwechsel stattgefunden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an hat. Wie sich nämlich zeigte, hat das Pendeln Projekten in Ägypten, Aserbaidschan, China, zwischen Wohnstätte und Arbeitsplatz öko- Katar, Russland, der Türkei und auch in nomisch wie ökologisch erhebliche negative Deutschland arbeiten. Folgen. So kostet die individuelle Mobilität jeden Haushalt im Durchschnitt mehr als Prof. Speer hat zahlreiche internationale zwölf Prozent seines Nettoeinkommens – von Auszeichnungen erhalten und Preise den Umweltschäden infolge des hohen gewonnen. Spritverbrauchs und des damit verbundenen CO 2-Ausstoßes ganz zu schweigen.
  13. 13. 19Heute, so Prof. Speer, soll die Stadt der Stadtentwicklungspläne,Zukunft dem Wunsch der Menschen gerechtwerden, am selben Ort zu wohnen und Leitpläne einschließlich Verkehrspläne,zu arbeiten. Ihrem Bedürfnis, mit dem Nach- Lärmminderungspläne, Pläne zurbarn auf dem Markt einen Schwatz halten Entwicklung der Wirtschaft und deszu können, anstatt auf mehrspurigen Straßen Wohnungsbaus, Jugendhilfepläne,aneinander vorbeizurauschen, soll wieder Kulturentwicklungspläne und Klima-stärker entsprochen werden. schutzprogramme,Wir wollen die vier K’s – Kultur, Konsum, Flächennutzungspläne,Kita und Kontakte – wieder mitten in derStadt. Bebauungspläne, Projekt- und Erschlie- ßungspläne sowieLieber Herr Prof. Speer, ist die Stadt derZukunft ein Dorf? Wir freuen uns über Ihre städtebauliche Rahmenpläne,Teilnahme an den Benediktbeurer Gesprä-chen und begrüßen Sie herzlich. um nur einige wenige zu nennen.Machen wir uns nun auf den Weg in die Herr Oberbürgermeister Dr. Salomon,wundersame Öko-Stadt Freiburg im Breisgau: vermag eine Stadtverwaltung angesichtsHier regieren die Grünen, Häuser drehen einer solchen Flut von Regulierungs-sich schon seit Jahren zur Sonne und die vorgaben den Bedürfnissen ihrer BürgerMenschen sind volkstümlich grün. In Freiburg überhaupt noch gerecht zu werden? Isterreichten die Grünen bei der Landtagswahl es angesichts dieser Lage nicht unausweich-am 27. März dieses Jahres 43 Prozent. Regiert lich, dass die Bürger selbst aktiv Leitvor-wird die Stadt seit 2002 von dem grünen stellungen für die Entwicklung ihrer StädteOberbürgermeister Dr. Dieter Salomon. diskutieren und entwerfen nach dem Motto „Lebst du nur oder machst du schonVor seiner Wahl zum Oberbürgermeister mit?“ Ist es vor diesem Hintergrund nichtwar Dr. Salomon Abgeordneter im Landtag alles andere als ermutigend, dass „Wut-von Baden-Württemberg und Vorsitzender bürger“ zum Wort des Jahres ernanntder Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. wurde? Wie lässt sich eine Stadt unterDr. Salomon ist Pragmatiker. Manche sehen solchen Bedingungen in und mit unsererin ihm gar einen grünen Technokraten. heutigen Gesellschaft noch entwickeln?Vielleicht muss man Technokrat sein, Kurz: Haben unsere Städte überhauptum überhaupt noch den Überblick behalten noch eine Zukunft? Wir freuen uns,zu können über die zahlreichen, bei der von Ihnen mehr über diese Probleme zuEntwicklung unserer Städte zu berücksich- hören – und hoffentlich auch von dentigenden behördlichen Vorgaben und ver- Möglichkeiten, sie zu lösen – und begrüßenwaltungstechnischen Instrumente als Sie herzlich hier in Benediktbeuern.da sind:
  14. 14. 20 E I N F ü H r U N G D r . L U T Z S P A N D A U Unsere Volksvertreter seien überfordert Er fordert ein Ende der aus seiner Sicht und zu sehr mit ihrem Kampf ums politische unsäglichen Kombination aus Expertokratie Überleben beschäftigt. Da die Kaste der und Politik. Expertokratie bedeutet für Politiker für Idealisten und Visionäre keinen ihn, dass technokratische Planer festlegen, Platz mehr habe, müsse der Anstoß von was notwendig ist, dies dann an die Politiker außen kommen, von einer neuen außerparla- weitergeben, welche es nun ihrerseits auf mentarischen Opposition – einer Art netz- gesetzgeberischem Wege durchdrücken und unterstützten APO 2.0, meinte der Soziologe dann staunen, dass die Leute nicht wollen, und Sozialpsychologe Prof. Dr. Harald was ihnen da vor die Nase gesetzt wird. Welzer auf der Utopia-Konferenz im Sep- tember 2010. Dies provoziert natürlich die Frage, wie heute überhaupt noch Projekte realisierbar Prof. Welzer lehrt Sozialpsychologie an sein sollen. Können Bürgerinnen und Bürger der Universität Witten/Herdecke und leitet wirklich die Experten ersetzen? Lässt sich am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen unter solchen Bedingungen die Stadt von das Zentrum für interdisziplinäre Gedächtnis- morgen überhaupt entwickeln? Wie könnte forschung. Prof. Welzer forscht, um Fragen die Planung und Entwicklung unserer Städte zu beantworten – brisante und aktuelle durch ein Zusammenspiel von Experten, Fragen. Letztendlich, sagt er, betreibe er ein Verwaltung und Bürgern gelingen? Laboratorium der Gegenwart und der Zukunft. Wir freuen uns, mit Ihnen darüber diskutieren zu können und begrüßen Sie, Herr Prof. Prof. Welzer sieht, dass die Bürger unserer Welzer, herzlich hier bei den Benediktbeurer Republik in verschiedenen Bereichen Gesprächen. dagegen zu protestieren beginnen, dass ihnen Entscheidungen aufoktroyiert werden, die Wie Herr Prof. Stolte bereits erwähnte, mitzutragen sie nicht bereit ist. Zu der bei hat Herr Matzig seine Teilnahme an unserer Planungsprozessen üblichen Moderation, die Veranstaltung kurzfristig abgesagt: Einer oft zum Ziel hat „den Bürger mitzunehmen“, Kehlkopfentzündung wegen kann er heute bemerkte er in einem Interview über die leider nicht kommen. Ich habe also die Auseinandersetzung um das Projekt „Stutt- Aufgabe, Ihnen – nach dem Vorbild Hannibals, gart 21“ in der taz vom 23. Oktober 2010 der bei der Überquerung der Alpen gesagt kritisch: „Ich zum Beispiel will von niemanden haben soll: „Entweder wir finden einen Weg mitgenommen werden. Bürger wollen Dinge oder wir bauen einen“ – spätestens bis zum beurteilen und Folgen von Entscheidungen Beginn der Diskussion eine Lösung zu für ihre eigene Gegenwart und Zukunft präsentieren. Und ich verspreche Ihnen: Ich abschätzen, das ist mehr als legitim. Die werde eine finden. Schlussfolgerung daraus ist, dass man sie von Anfang an partizipieren lassen muss.“ Sinngemäß vertritt Herr Matzig in verschie- denen Beiträgen in der Süddeutschen Zeitung folgende Thesen: „Wenn wir heute über die Stadt von morgen diskutieren, geht es
  15. 15. 21nicht nur um München, Garmisch undOlympia, es geht nicht nur um den StuttgarterBahnhof, den Wiederaufbau des BerlinerStadtschlosses, die Hamburger Elbphilhar-monie oder die Dresdener Waldschlösschen-Brücke, und es geht auch nicht nur umHochhäuser und Windkraftanlagen.Es geht um weit mehr: Es geht um Revolte,Bürgerbegehren und die Renaissance desAußerparlamentarischen – und damit umeinen allmählich fast gespenstisch anmutendenmodernen Widerspruchsgeist, der einerneuen Verdrossenheit entspringt.Was hat sich geändert? Warum stoßenInnovationen und Visionen heute auf sovielAblehnung? Warum misstraut man demMachbaren, dem Wandel, dem Neuen?Es ist kaum zu bezweifeln, dass Fragender Nachhaltigkeit inzwischen nahezu alleanderen Themen verdrängen. Wenn wirwegen dieser grundsätzlichen Bedenken aberjeglicher Euphorie für andere Dinge verlustiggehen, werden wir kaum in der Lage sein,Lösungen für die Probleme der Zukunft zufinden – nicht einmal für die, die wir selbstim Glauben an die Zukunft verursachthaben.“Ich denke, wir dürfen uns auf ebensospannende wie kontroverse Diskussions-beiträge freuen. Lassen Sie uns keineZeit verlieren, lassen Sie uns einsteigen indie Benediktbeurer Gespräche der AllianzUmweltstiftung zum Thema „Die Stadtvon morgen wird durch den gebaut, dersie neu zu denken wagt“.
  16. 16. V o r T r A G P r o F . A L B E r T S P E E r 23„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“Vortrag von Prof. Albert Speer, Architekt, Albert Speer & Partner,Frankfurt. Meine sehr verehrten Damen und Herren, zunächst möchte ich mich herzlich für die heutige Einladung bedanken. Ich bedanke mich bei Pater Geißinger, der in seiner Begrüßungsansprache bereits ganz Wesent- liches zum Thema gesagt hat, bei meinem Freund und Weggenossen Dieter Stolte und bei Herrn Dr. Spandau, der das Thema nologien abgelesen werden kann, ist weit geöffnet hat, so dass es für mich nicht ein wesentliches Thema. Eben zu diesen leicht werden wird, diese Bandbreite von Umbrüchen gehört auch das Thema des Aspekten in den mir zur Verfügung stehen- heutigen Tages: neu denken. Genauso gehört den 20 Minuten aufzugreifen. Es kann mir aber auch die Geschichte, die Vergangenheit nicht umfassend gelingen, weil „die Stadt“ dazu, also das, was die Menschen früher als Thema einfach zu groß und zu vielschich- gedacht haben. Eine der großen Herausforde- tig ist. Wie Sie bereits wissen, sind mein rungen der heutigen Epoche ist, dass man Büro und ich in vielen Ländern dieser Erde diese beiden Teile, Vergangenheit und sich tätig und wir konnten dabei viele unter- rasant wandelnde Gegenwart, zusammen schiedliche Erfahrungen sammeln. Wegen „denken“ muss. der begrenzten Vortragszeit kann ich leider nur einzelne Stücke dieses über Jahrzehnte Beginnen möchte ich mit einem Zitat aus angehäuften Schatzes erörtern und nicht einem Aufsatz des bekannten deutschen über die vielfältigen Entwicklungen reden, Hirnforschers Prof. Dr. Wolf Singer mit dem die aktuell in der ganzen Welt stattfinden. Titel „Die Architektur des Gehirns als Modell Ich werde mich daher auf einige wenige, für komplexe Stadtstrukturen?“ Ich habe wesentliche Bereiche konzentrieren. mich des Öfteren mit Prof. Singer, der in Frankfurt forscht, über dieses Thema unter- Bei dem bisher Gesagten wurde eines halten. Er sagt, dass beide Systeme, das bereits ganz klar: Die Menschheit befindet Gehirn und die Stadt, aus einer Vielzahl eng sich in einer Phase rasanten Umbruchs. miteinander verknüpfter Komponenten Die Geschwindigkeit selber, mit der sich bestehen, die in hoch dynamischer Weise die Welt heute verändert und die beispiels- miteinander interagieren. weise an der rasanten Entwicklung der Kommunikations- und Informationstech-
  17. 17. 24 V o r T r A G P r o F . A L B E r T S P E E r Beide Systeme seien das Ergebnis eines Ich habe einmal den Begriff der „intel- Entwicklungsprozesses, der im Wesentlichen ligenten Stadt“ geprägt. Damit meine ich, auf Prinzipien der Selbstorganisation beruht. dass wir in unseren Siedlungen mit allen Weder Stadt noch Gehirn entstünden nach zur Verfügung stehenden Ressourcen intelli- einem bis in die Einzelheiten ausgearbeiteten gent und den sich verändernden Situationen Plan. Beide Systeme wachsen und ihr Wachs- angepasst, also flexibel umgehen. Dabei tum werde im Wesentlichen von lokalen müssen wir sowohl Chancen und Möglich- Interaktionen koordiniert. Es scheine, als ob keiten als auch die Probleme, die in den sich komplexe Systeme – wenn ihre konstitu- nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen, ierenden Elemente eine kritische Zahl wegen der langen Reaktionszeiten bei der überschreiten – nach immer gleichen Prinzi- Veränderung gebauter Strukturen früh- pien selbst organisierten und damit Stabilität zeitig erkennen. Ich denke, dass wir dies erlangten. bislang bei weitem nicht intelligent genug tun. Dies gilt für die Städte überall auf Dieses Doppelbild liefert auf die Stadt der Welt. bezogen eine wunderschöne und treffende Zusammenfassung unserer Problematik: Ich bin der Überzeugung, dass wir alle Die Stadt ist ein lebendiger, sich ständig ver- beim Umgang mit den Themen „Klimawandel“ ändernder Organismus, der nicht bis in alle und „nachhaltiges Wirtschaften“ nicht konse- Einzelheiten planbar ist. Die Rolle der quent genug sind, und das nicht, weil wir Stadtplaner ist daher auch nur ein Faktor es nicht könnten, sondern weil unsere unter vielen anderen. Ich habe schon immer Organisationsstrukturen es nicht hinreichend behauptet, dass die Bedeutung von Planung fordern oder womöglich gar nicht zulassen. und Architektur in unserer Gesellschaft Die Veränderung unserer Lebensbedingungen, und in den Medien im Vergleich zu ihrem die Anpassung unserer Lebensweise an die tatsächlichen Einfluss auf die Entwicklung Rahmenbedingungen der heutigen Welt durch unserer Lebensumstände maßlos über- effizientere Nutzung von Energiereserven schätzt wird. und Ressourcen beginnt mit der Städtepla- nung und wirkt sich von dort ausgehend auf Planung und Architektur haben – wenn alle anderen Bereiche aus. Hier könnte sehr man sie in der Gesamtheit der Faktoren ein- viel mehr getan werden, als wir heute tun. ordnet, die im Entwicklungsprozess der Dafür, dass dies nicht geschieht, gibt es viele Stadt eine Rolle spielen – vielleicht einen Gründe. Anteil von fünf Prozent. Planung ist eben nur die Beratung zu Prozessen und Um mehr tun zu können, brauchen wir Entscheidungen, die dann unter dem Einfluss ein neues Denken in Gesellschafts- und Wirt- von Wirtschaft, Politik und anderen gesell- schaftspolitik. Die Entwicklungsdynamik in schaftlichen Kräften umgesetzt werden. Wirtschaft und Wissenschaft dank weltweiter Insofern sind Planer als Dienstleister aber Kooperation, ermöglicht durch den Einsatz durchaus auch wichtig, und das nicht immer schnellerer, den ganzen Globus nur für die bauliche Zukunft unserer Städte. umspannender Kommunikationsmittel, eröff- Sie beeinflussen im Erfolgsfall auch die net ungeheure Chancen. Wenn ich mich Lebensweise der Bewohner.
  18. 18. 25beispielsweise mit unseren Kollegen in China keit und Flexibilität er mit Hilfe diesesüber eine wichtige Detailfrage im Zusam- Werkzeugs ein Problem lösen kann. Das hatmenhang mit einem Projekt in Shanghai aus- große Vorteile, aber eben auch einen unge-tausche, ist dies in Sekundenschnelle getan. heueren Nachteil: Die hohe GeschwindigkeitDie Technologien, die dies ermöglichen, sind und die Beliebigkeit der Planänderungenalso gewiss ein großer Segen – aber sie zwingen nicht mehr zum fundierten Nach-haben auch einen entscheidenden Nachteil: denken. Alles wird austauschbar. Es funktio-Sie lassen uns nicht mehr genügend Zeit, um niert sehr einfach, aber die Resultateüber die wesentlichen Dinge nachzudenken. erscheinen oft viel weniger durchdacht. MehrEigentlich geht alles zu einfach. Wir werden Technik bedeutet bei allen Möglichkeitennicht schnell, sondern hastig. also nicht in jedem Fall „neues Denken“.Ich selbst kann mit diesen Techniken Ganz ähnlich verhält es sich mit derkaum umgehen. Ich habe nicht einmal ein erhofften Energie- und RessourceneinsparungHandy – und komme so hervorragend durch neue Technik: Die oft als Lösung derzurecht. Allerdings nur deshalb, weil es Umweltprobleme angeführte Entkoppelunghinter mir genug Menschen gibt, die von Verbrauch und Produktion durchmit diesen Medien umgehen können. Mir technologischen Fortschritt findet tatsächlichaber schafft die Abstinenz eine gewisse statt. Die Einsparungen werden allerdingsFreiheit. durch steigenden Konsum aufgefressen und oft sogar überkompensiert. Und selbst wennVor vielen Jahren, als es noch keine wir nur unsere liebgewonnenen StandardsComputer gab, hatte ich mir angewöhnt, halten, wird das Wohlstandsstreben von baldan den Wochenenden durch das Büro zu neun Milliarden Erdbewohnern auch trotzgehen und zu einzelnen Projekten für deren noch so großem technischen Fortschritt dasjeweilige Bearbeiter schriftliche Anmer- System an den Anschlag bringen. Wirklichkungen zu hinterlassen. Diese wurden von nachhaltig kann deshalb nur ein Lebensstilmeinen Mitarbeitern „Liebesbriefe“ genannt. ohne Konsumzuwachs sein, bei dem das Wohl-Wer am Montag auf seinem Schreibtisch ergehen des Einzelnen auf anderen alskeine Notiz vorfand war traurig, weil ich materiellen Werten fußt.mich offenbar um sein Projekt nicht geküm-mert hatte. Auf diese Weise entstand eine Zu den modernen FehlentwicklungenZusammenarbeit, die auch optisch nachvoll- gehört auch, dass wir viel zu schnell – undziehbar war. das kennzeichnet zu einem Gutteil die Archi- tekturgeschichte der Neuzeit – der MeinungHeute gehe ich am Wochenende nicht waren, wir müssten uns um die Historiemehr ins Büro, denn ich finde dort die Arbeits- und den Charakter einer Stadt überhauptstände nicht mehr physisch vor. Die Schreib- keine Gedanken mehr machen. Die Architek-tische sind leer, die gesamte Arbeit versteckt tur präge einen neuen Menschen und dersich im Computer. Wenn ich heute zu neue Mensch lebe in einer anderen, technik-einem Mitarbeiter gehe und mit ihm am Bild- orientierten Welt ohne Geschichte.schirm ein Thema diskutiere, bin ich immerwieder erstaunt, mit welcher Geschwindig-
  19. 19. 26 V o r T r A G P r o F . A L B E r T S P E E r Heute haben wir gelernt, dass in einer Kühlung mittels Durchlüftung der Straßen Welt, in der die Anforderungen an die Archi- und Beschattung von Gebäuden wieder- tektur immer ähnlicher werden – eine Küche zubeleben, um deren Aufheizen unter der in China hat die gleiche Größenordnung Wüstensonne zu verhindern. Diese Prinzipien und Ausstattung wie eine Küche in Europa haben wir vor 35 Jahren in unserer Diplo- oder den USA – Charakter und Flair einer matenstadt von Riad in Saudi Arabien auch Stadt für das urbane Leben künftig eine schon erfolgreich angewandt, obgleich schon viel größere Rolle spielen werden als die damals und noch bis heute aufwändig klima- Architektur. Ich versuche bei unseren Pro- tisierte Glaspaläste in die Wüste gebaut jekten stets, die Besonderheit und Einmalig- wurden. keit einer Stadt, die sich aus Kultur, Land- schaft und Klima sowie den unterschiedlichen Ich möchte betonen, dass „neues Denken“ gesellschaftlichen, religiösen und wirtschaft- auch beinhalten muss, dass wir die Bevölke- lichen Faktoren ergibt, in den Mittelpunkt rung an der Entwicklung unserer Städte unserer Planungen zu stellen. beteiligen. Wir müssen die Dinge mit den Menschen gemeinsam erarbeiten und sie Wir sind in China nicht zuletzt deshalb nicht erst nachträglich über Entscheidungen erfolgreich, weil wir als eines der ersten aus- informieren, die über ihre Köpfe hinweg ländischen Architekturbüros die chinesische getroffenen wurden. Bei zwei unserer Pro- Stadtgeschichte studiert haben. Dabei jekte in Köln und in München haben wir mit entdeckten wir Prinzipien, die so modern ernst genommener Partizipation viel erreicht. und nachhaltig sind, dass wir sie zur Grund- Das Projekt „Stuttgart 21“ hingegen ist aus lage neuer Entwürfe machten. Auch die meiner Sicht das erschreckendste Misslingen für ihre enorme Lernfähigkeit bekannten einer Planung in den letzten Jahren. Es Chinesen berücksichtigen sie bei ihren darf einfach nicht sein, dass man trotz eigenen Arbeiten heute wieder viel stärker Einhaltung aller vorgeschriebener formeller als dies noch vor wenigen Jahren der Fall Beteiligungsverfahren erst nach 15 Jahren war. Ich bin fest davon überzeugt, dass Planung anfängt, ernsthaft mit der Bevölke- wir unsere Denkfaulheit und unser blindes rung über Sinn und Nutzen eines solchen Vertrauen in die modernen Technologien Vorhabens ins Gespräch zu kommen. überwinden und zum Nachdenken zurück- kehren sollten. Ich habe einmal den – zugegeben – wohl etwas utopischen und rein rechtlich leider In unser neues Nachdenken müssen kaum praktikablen Vorschlag gemacht, auch die aus dem Studium der Geschichte dass man in Deutschland bei großen städte- gewonnenen Erfahrungen einfließen. baulich relevanten Maßnahmen die Suche Von Prof. Stolte wurde bereits die Modell- nach einem Konsens über ein Projekt stadt Masdar in Abu Dhabi erwähnt. Dort gesetzlich auf höchstens fünf Jahre begren- wird nicht nur versucht, eine hypermoderne, zen sollte. Reicht dieser Zeitraum nicht aus, mustergültige neue Stadt ohne CO 2-Emis- ist das Projekt abzubrechen. Alles andere sionen zu bauen. Es wird auch versucht, ist den Menschen nicht zumutbar. uralte arabische Methoden der natürlichen
  20. 20. V o r T r A G P r o F . A L B E r T S P E E r 29In diesem Zusammenhang hört man – Stadt München und den Münchner Vereinenauch von Politikern – immer wieder, dass FC Bayern und TSV 1860 ein auf ein Drei-die Bürger daran schuld seien, dass Pro- vierteljahr angesetztes Verfahren entwickeltjekte lange verschleppt werden. Ich bin da und dabei 28 Standorte untersucht. Amvollkommen anderer Meinung: Schuld Ende blieben zunächst zwei Standorte übrigsind unsere komplexen, die Bevölkerung und wir erreichten einen fast einstimmigennur minimal einbeziehenden Beteiligungs- Beschluss des Stadtrates für Freimann, woverfahren. Man müsste sie ganz anders das Stadion dann auch gebaut wurde. Wiraufziehen. Bürgerentscheide aber – das haben der Stadt München geraten, nicht zuvorweg – sind dabei alleine auch nicht aus- warten, bis kritische Bürgerinitiativen –reichend, obwohl uns das einige gesell- die es bei jedem Großvorhaben gibt – einenschaftliche Kräfte glauben machen wollen. Bürgerentscheid fordern, sondern selber eineStadtentwicklung ist in der Regel zu kom- Abstimmung durchzuführen. Dazu gehörteplex, um auf eine Ja/Nein-Entscheidung selbstverständlich auch eine Art Wahlkampf,reduziert zu werden. an dessen Organisation wir beteiligt waren. Zum allgemeinen Erstaunen waren dabeiBei unserem Masterplan für Köln haben über 65 Prozent aller abgegebenen Stimmenwir das Prinzip der Partizipation beispiel- für den Standort – bei einer Rekord-Wahl-haft und sehr ernsthaft angewendet. Bei der beteiligung von fast 40 Prozent. Damit warPlanung für die gesamte Innenstadt wurden die Diskussion beendet.sämtliche relevanten gesellschaftlichenGruppen über ein Jahr in den Arbeitsprozess Wie dieses Beispiel zeigt, muss der Baueingebunden. Am Ende hatten wir einen eines Stadions – und dabei geht es ja nichtstabilen Konsens für unsere Vision zur allein um die Arena, sondern auch um neue„Kölner Innenstadt“ für die nächsten 20 bis Autobahn- und U-Bahn-Anschlüsse, die30 Jahre erreicht, die nun allmählich umge- Verlegung von Industriearealen und vielessetzt wird. Die Länge unserer Genehmigungs- andere mehr – nach allen demokratischenverfahren liegt also nicht an der Beteili- Regeln der administrativen Kunst gesteuertgung der Bürger, sondern an der mangelnden werden, um alle Verfahrens-Hürden zuEffizienz unserer Verwaltungen und politi- nehmen. Und das ist uns bei der Allianzschen Strukturen begründet. Wenn die Arena innerhalb von nur zwei Jahren gelun-Verfahren von Anfang an besser organisiert gen – unter Einhaltung sämtlicher juristischerund strukturiert werden, funktioniert und gesellschaftlicher Regeln. Nach geradees auch. einmal vier Jahren Bauzeit war das Stadion fertig. Warum ist das gelungen? Weil Deutsch-Ein weiteres positives Beispiel ist die land im Jahr darauf die Fußball-Weltmeister-Allianz Arena in München. Der Bau eines schaft ausgerichtet hat. Dies beweist,neuen Fußballstadions für München war dass es sehr wohl möglich ist, ein derartzunächst heiß umstritten. Der Oberbürger- großes Projekt unter Einbeziehung allermeister und die Stadtverwaltung waren relevanten Gruppen in so kurzer Zeit zu rea-überzeugt, außer dem Olympiastadion gäbe lisieren. An den notwendigen Fähigkeitenes überhaupt keinen geeigneten Standort. dafür fehlt es nicht. Wir setzen sie nur meistWir haben dann für die Suche nach alter- nicht ein.nativen Möglichkeiten gemeinsam mit der
  21. 21. V o r T r A G D r . D I E T E r S A L o M o N 31„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“Vortrag von Dr. Dieter Salomon, Oberbürgermeister der StadtFreiburg im Breisgau. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich, dass ich Ihnen heute eini- ges über die Stadt Freiburg erzählen und dies dann in den Kontext des Tagungsthemas stellen kann. Vor einigen Wochen habe ich Herrn Dr. Spandau gefragt, worüber ich denn in Benediktbeuern referieren solle. Dr. Spandau meinte daraufhin, ich solle ein- Unsere Demokratie ist im Vergleich mit fach erzählen, wie ich mir das Freiburg der dem chinesischen System sicherlich sehr Zukunft vorstelle. langsam. Wenn wir unseren bisherigen Umgang mit der Atomkraft jetzt im gesell- Und jetzt spricht Dr. Spandau hier von schaftlichen Konsens korrigieren, ist Megacities in Asien und Afrika, von globalen unser System sogar ein – ich sage das mit Entwicklungen im Städtebau. Was hat das aller Vorsicht – fehlerfreundliches System. alles mit dem kleinen Freiburg zu tun? Zumindest wird demokratisch entschie- Prof. Speer habe ich im letzten Herbst in den, in welche Richtung es gehen soll. Shanghai getroffen, wo wir mit chinesischen Städteplanern über deren Vorstellung von Zurück zu Freiburg. Die Stadt hat den Städten der Zukunft diskutieren durften. 220.000 Einwohner. Shanghai hingegen Der Unterschied zwischen China und hat so viele Einwohner wie ganz Nord- Freiburg – oder Deutschland – ist groß. rhein-Westfalen. Es drängt sich die Frage auf, was die beiden Städte eigentlich Dort gibt es vielleicht auch Wutbürger, miteinander gemein haben. Kann man sie aber diese dürfen sich nicht artikulieren. überhaupt miteinander vergleichen? Dort gibt es keine Zivilgesellschaft. Bürgerbeteiligung sieht dort – überspitzt Dennoch gibt es etwas, das alle Städte formuliert – folgendermaßen aus: Morgens der Welt gemeinsam haben: den hohen klopft jemand an die Tür und teilt mit, CO 2 -Ausstoß. Zusammen produzieren dass man bis zum Abend ausziehen muss, sie 80 Prozent aller CO 2 -Emissionen. weil ein neues Stadtviertel errichtet Will man für dieses Problem eine Lösung wird. finden, dann muss sie aus den Städten kommen.
  22. 22. 32 V o r T r A G D r . D I E T E r S A L o M o N Ich hatte die Gelegenheit, beim Klima- Nicht nur unsere Staatsform, die Demo- Gipfel in Kopenhagen dabeizusein, denn kratie – ich erinnere an die griechische Polis im Rahmen der Veranstaltung gab es der Antike – hat sich in Städten entwickelt. auch ein Treffen von Bürgermeistern. Auf Später, im Mittelalter, waren vor allem die einer Podiumsveranstaltung habe ich Arnold weitgehend unabhängigen Städte fortschritt- Schwarzenegger erlebt, den ehemaligen lich und wohlhabend. Sie kennen den Gouverneur von Kalifornien. Er sagte – Spruch: Stadtluft macht frei – und zwar noch bevor der Gipfel gescheitert war –, innerhalb der Stadtmauern und nicht außer- er könne sich nicht vorstellen, dass sich halb. Oder denken Sie an die oberitalieni- 194 Nationen auf einen gemeinsamen Plan schen Städte der Renaissance und an die würden einigen können. Darauf könne der Hanse im Norden, die von Landesherren man lange warten. Aber auch wenn es nicht unabhängig Handel trieben. Schon früher ginge, müsse man es zumindest versuchen. waren Probleme, die in Städten entstanden, Dazu müsse man allerdings von unten immer nur durch Anstrengungen der Städte beginnen, in den Städten, in den Regionen. selbst lösbar. Darauf gab es heftigen Beifall – kein Wunder, schließlich saßen viele Bürgermeister im Städte sind sehr unterschiedlich. Auch Publikum. wenn bei Ihren Einführungsworten, lieber Herr Dr. Spandau, ein leicht ironischer Ich bin in verschiedenen Gremien tätig, Unterton nicht zu überhören war: Freiburg darunter auch in weltweiten Städtenetzen ist nicht das kleine gallische Dorf. Dass für Nachhaltigkeit. Unter anderem bin bei der letzten Landtagswahl 43 Prozent ich im Vorstand von ICLEI (International Grün gewählt haben, heißt ja nicht, dass die Council for Local Environmental Initiatives), Stadt deshalb anders ist als andere. Wir sind dem Internationalen Rat für kommunale eine kleine Großstadt. Wir stehen an der Umweltinitiativen. Wir alle haben schon in 34. Stelle der Liste der größten Städte der Schule die Regel gelernt: Du darfst nicht Deutschlands. Als ich 2002 gewählt wurde, abschreiben. Wer es dennoch tut, wird standen wir an der 40. Stelle. Wir sind also bestraft. Bei der Stadtentwicklung gilt sie gewachsen, während andere geschrumpft nicht. Hier darf man sich hemmungslos bei sind. In Westeuropa stehen wir grundsätz- dem bedienen, was andere besser machen lich vor dem Problem, dass die meisten als man selbst. Man muss nur darauf achten, Städte schrumpfen. Im Rest der Welt hin- dass das, was andere vorgedacht und viel- gegen wachsen sie. leicht sogar schon umgesetzt haben, auch auf die eigenen Probleme übertragbar ist. Das Die Bevölkerung Europas schrumpft. ist der Wettbewerb um die besten Lösungen. Die europäischen Städte werden also nicht maßlos wachsen. Die Städte werden wohl Deshalb müssen die Lösungen aus den auch in der Zukunft ähnlich aussehen Städten heraus kommen – auch wenn sie wie heute. Aber sie müssen sich verändern. im einzelnen sehr unterschiedlich sein Wir müssen innerhalb des Bestehenden können. Städte waren immer schon Keim- umbauen. Um dies bewerkstelligen zu zellen für Fortschritt und Umgestaltung. können, brauchen wir Visionen.
  23. 23. V o r T r A G D r . D I E T E r S A L o M o N 35Was aber ist eine Vision? Helmut Schmidt Verwaltungsbereiche Energie, Verkehr,hat einmal gesagt: Wer Visionen hat, soll Bauen und Soziales zusammenführt.zum Arzt gehen. Das würde ich so nicht Wie in vielen anderen Städten ist auch inunterschreiben. Gewiss, viele Ideen haben Freiburg eine Tendenz zur Reurbanisierungmit der Wirklichkeit nichts zu tun und zu beobachten. Immer mehr Menschen,lassen sich auch nicht verwirklichen. Aber die in den 60er und 70er Jahren in diees gibt nicht nur negative, sondern auch Vororte – in die sogenannten Speckgürtel –positive Visionen. gezogen sind, kehren im fortgeschrittenen Alter in die Innenstädte zurück, alsoAlexander Mitscherlich, der große Frank- dorthin, wo es eine urbane Infrastrukturfurter Soziologe, hat in den 60er Jahren des mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Theatern,vorigen Jahrhunderts ein Buch geschrieben Kinos, Ärzten, Krankenhäusern, Volkshoch-über „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“. schulen usw. gibt.Darin ging er davon aus, dass die Architekturdie Menschen prägt, und dass die Städte die Freiburg ist eine Stadt, die in den letztenMenschen krank machen – eine Horrorvision. Jahren ständig gewachsen ist. Zuerst hat sichDem stelle ich eine positive Vision gegen- der Osten der Bundesrepublik stark entvöl-über wie die von Prof. Speer, die auch jeder kert, dann teilweise der Norden. Aber auchOberbürgermeister haben sollte, der seine wir im Süden und Südwesten werden nurStadt voranbringen möchte. Sie geht aus von noch wenige Jahre wachsen. Der demogra-der Erkenntnis, dass es der Mensch selbst phische Wandel wird für uns die nächsteist, der die Städte gestaltet und prägt. Herausforderung sein. Wie werden LösungenAusgangspunkt kann also nicht die Architek- finden müssen für die Probleme, die sichtur sein. Sie darf nicht zum Selbstzweck daraus ergeben, dass die Menschen immerwerden, sondern muss dem Ziel dienen, den älter und der Anteil der Alten an der Bevöl-Menschen ein Stadtleben – Wohnen, Arbeiten, kerung immer größer wird. Zugleich werdenEinkaufen und Freizeitgestaltung – zu ermög- wir einen Umbau unserer Städte bewerk-lichen, das sie eben nicht krank macht. stelligen müssen.Eine – wenn nicht die – Hauptforderung Freiburg ist – auch wenn es 2010 vonfür die Entwicklung aller Städte heißt: Sie der Deutschen Umwelthilfe zur „Bundes-müssen nachhaltig werden. Während der hauptstadt des Klimaschutzes“ gewähltletzten drei Tage fand in Stuttgart die Haupt- wurde – kein Öko-Disneyland. Vielleichtversammlung des Deutschen Städtetages sind wir durch unsere ökologische Ausrich-statt, in deren Rahmen ich ein Forum mit tung in einer etwas besseren Lage alsdem Titel „Die Zukunft der Stadt ist nach- andere Städte, aber auch wir befinden unshaltig“ leiten durfte. in einem Umgestaltungsprozess, der noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird.Dabei ging es um das Thema integrierte Wir haben den großen Vorteil – und dasStadtentwicklung, also darum, dass es allein mag mit den 43 Prozent für die Grünenschon aus Gründen des Klimaschutzes einer zusammenhängen –, dass unserer BürgerPolitik bedarf, welche die unterschiedlichen bereit sind, diesen Wandel mitzugehen.
  24. 24. 36 V o r T r A G D r . D I E T E r S A L o M o N In einer demokratischen Gesellschaft ist ohne ständig in die Fläche zu wachsen. Bürgerbeteiligung schließlich Voraussetzung Darüber wurde mit großer Bürgerbeteiligung für gesellschaftlichen Wandel. Unser Image diskutiert. Als ich ins Amt kam, wurde eine als „Green City“ und die jährlich 25.000 Arbeitsgruppe gebildet, die diese Diskussion Besucher aus aller Welt, welche die beiden so lange moderiert hat, bis von 200 hoch- neuen, integriert gebauten Stadtteile besich- umstrittenen Flächen nur noch drei oder vier tigen, bestätigen uns jedenfalls in unserer strittig waren. Alle anderen wurden ein- Politik. stimmig akzeptiert. Seither gibt es über diesen Flächennutzungsplan keinen Streit mehr, In den 60er Jahren herrschte in Freiburg denn alle Beteiligten haben von Anfang an Wohnungsnot. In der Folge wurden neue mitgesprochen. Stadtviertel aus Hochhäusern auf die grüne Wiese gebaut – ohne jegliche Infrastruktur, Ein solches Vorgehen ist also möglich, Verkehrsanbindung oder öffentlichen aber es ist sehr aufwendig. Andererseits ist Nahverkehr. Es gab keine Kindergärten, es ein gangbarer Weg, um aus Wutbürgern keine Schulen, keine Kirchen, keine Ein- Mutbürger zu machen. kaufsmöglichkeiten. Da durften wir uns nicht wundern, dass wir zehn Jahre später Man muss den Bürgern die Möglichkeit die größten sozialen Probleme hatten. geben, Dinge in die eigene Hand zu nehmen, wobei die Verwaltung diesen Prozess 30 bis 40 Jahre danach haben wir ver- natürlich steuern muss. Christian Ude, der sucht, es besser zu machen, indem wir von alte und neue Präsident des Deutschen Anfang an die Infrastruktur mit aufgebaut Städtetages, hat gesagt: Man muss die Bürger haben. ernst nehmen und ihnen Gelegenheit geben, sich zu äußern und sich einzubringen. Was das Thema Bürgerbeteiligung und Aber man darf auch in unserer repräsenta- Stadtteilentwicklungsplan angeht, so wer- tiven Demokratie das Kind nicht mit dem den wir uns, Herr Prof. Speer, demnächst Bade ausschütten und den demokratisch den Masterplan von Köln ansehen. Dazu gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten, wird unser Baubürgermeister mit dem die sich jahrelang intensiv mit bestimmten Bauausschuss nach Köln fahren. Verwal- Problembereichen beschäftigt haben, die tungsfachleute aus verschiedenen Ämtern Verantwortung nehmen. werden in Workshops gemeinsam mit der Bürgerschaft diskutieren, wie sich der Man muss ihnen sagen: Ihr müsst am betreffende Stadtteil in den nächsten Ende den Bürgern gegenüber verantworten, 10 bis 15 Jahren entwickeln soll. Bürger- was Ihr beschließt. Dafür seid Ihr gewählt beteiligung bedeutet, die Menschen und dafür müsst Ihr geradestehen. mitzunehmen. Die zentrale Frage unseres Flächennutzungsplans als Drehbuch für Vor 20 Jahren, auf der ersten Umwelt- die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte ist, konferenz in Rio, wurden die Themen wie wir unsere Stadt entwickeln können, Klimaschutz und Nachhaltigkeit entdeckt. Der Begriff Nachhaltigkeit – englisch:
  25. 25. 37sustainability – stammt ursprünglich aus weltwirtschaft, sah sich irgendwannder Forstwirtschaft. Er besagt, dass man im zu dem Einwurf veranlasst: „Ich muss hierPrinzip nicht mehr verbrauchen darf als festhalten: Freiburg ist nicht Deutschland.“nachwächst. Jede Generation sollte so Worauf ich erwidert habe: „Sie haben völlighandeln, dass ihre Kinder und Enkel über recht, Frau Müller. Aber ich würde auchihre Lebensbedingungen selbst entscheiden nie behaupten, dass am Freiburger Wesen diekönnen. Ein solches Verhalten hat nicht Welt genesen soll.“nur eine große ökologische, sondern aucheine ökonomische, finanzpolitische und Es kommt nicht auf Freiburg an. Son-soziale Komponente. Auch Städte funktionie- dern es kommt darauf an, dass wir unsren nur, wenn der soziale Zusammenhalt alle gemeinsam über die Zukunft dergewährleistet ist. Wenn eine Stadt sozial Städte unterhalten müssen, denn wir habenauseinander bricht oder in sogenannte Probleme zu lösen, die allen gemeinsam„gated communities“ – eine Art Gettos der sind. So unterschiedlich die Städte und soReichen – zerfällt, wie es in vielen Städten verschieden die Wege zu ihrer Lösung daherSüdamerikas der Fall ist, dann funktioniert auch sein mögen: Am Ende werden diesie nicht. Lösungen wohl doch ganz ähnlich aussehen müssen.Das soziale Miteinander in westeuro-päischen Städten kann ich mir nur mit den„drei T“ vorstellen, den drei Schlüsselbe-griffen Technologie, Talent and Toleranz, diedem amerikanischen Wirtschaftswissenschaft-ler und Stadtsoziologen Richard Floridazufolge die Zukunftschancen eines jedenstädtischen Gemeinwesens kennzeichnen.„Technologie“ steht dabei für die für zukunfts-trächtige Berufe zur Verfügung stehendeTechnik, „Talent“ für eine möglichst großeZahl kreativer Menschen, und „Toleranz“ fürein hohes Maß an ethnischer, kultureller undsozialer Vielfalt und einer offenen und freienAtmosphäre.Vorige Woche war ich zu einer Sitzungder von Klaus Töpfer geleiteten Ethik-kommission eingeladen. Bei dieser Gelegen-heit habe ich von Freiburg und Südbadenerzählt und von den Menschen, die dortmanchmal etwas anders denken als anders-wo. Hildegard Müller, die Vorsitzende desBundesverbandes der Energie- und Um-
  26. 26. 38 D I E B E N E DI KTB E U R E R G E S P R ÄC H E D E R AL L IA N Z U MWE LTS TI F T U NG 2011
  27. 27. 39„ D I E S TA DT V O N M O R G E N W I R DD U R C H D E N G E B AU T , D E R S I E N E UZ U D E N KE N WAG T. “
  28. 28. 40 D I E B E N E DI KTB E U R E R G E S P R ÄC H E D E R AL L IA N Z U MWE LTS TI F T U NG 2011
  29. 29. 41„ D I E S TA DT V O N M O R G E N W I R DD U R C H D E N G E B AU T , D E R S I E N E UZ U D E N KE N WAG T. “
  30. 30. V o r T r A G P r o F . D r . H A r A L D W E L Z E r 43„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“Vortrag von Prof. Dr. Harald Welzer, Direktor des Center forInterdisciplinary Memory Research am KulturwissenschaftlichenInstitut Essen und Professor für Sozialpsychologie an derUniversität St. Gallen. Meine verehrten Damen und Herren, ich kann unmittelbar anknüpfen an das, was Herr Dr. Salomon und Herr Prof. Speer gesagt haben. Herr Prof. Speer sprach von der Problematik der Schnelligkeit. Dazu eine Ich hatte das Welzersche Theorem ent- kleine Anekdote, an der mir diese besonders deckt: Das Gute schrumpft proportional zur deutlich geworden ist: Ausdehnung der Arbeitszeit. Eine Katastrophe: Jeder dieser Leute arbeitet jetzt nicht mehr Bei einem Flug von München nach Düs- acht Stunden am Falschen, sondern 16 Stun- seldorf stieg ich spätabends ins Flugzeug, zu den oder noch mehr. Nicht mehr fünf Tage einer Zeit, zu der man normalerweise ein die Woche, sondern sieben. Diese Kostüm- Buch liest oder Fernsehnachrichten schaut. frauen und Laptopmänner, die Sparpotentiale Die Kabine war wie üblich voll mit Laptop- aufspüren, Optimierungsstrategien entwickeln, männern, und die klappten, sobald die Kommunikation verbessern, haben dafür Anschnallzeichen erloschen waren, eben ihre die doppelte Zeit zur Verfügung! Und die, Bildschirme hoch und fingen an, Excel- die für die Bearbeitung der dabei entstehen- Tabellen auszufüllen, E-Mails zu beantworten, den Kollateralkatastrophen zuständig sind, Angebote zu schreiben, Berechnungen vor- auch! Da die Menge derjenigen, die mit aller zunehmen, Vermerke zu verfassen, Formulare Anstrengung immer alles in die falsche zu entwerfen, also alles das zu tun, was Richtung optimieren, ohnehin um ein viel- sie auch dann machen, wenn sie woanders faches größer ist als die derjenigen, die gern sind als im Flugzeug: im Büro, in Warte- zwischendurch mal innehalten, um nach- lounges, in Cafes, in Meetings und so weiter. zudenken, wird der Überhang an Zeit, die Dieselbe Sorte Leute hat früher ohne Laptops, für Unsinn aufgewendet wird, immer größer, Smart Phones, Meetings usw. bis 17 oder während der Sinn immer kleiner wird: 18 Uhr in ihren hässlichen Büros gesessen und man denkt ja nicht mehr, wenn man länger dann Feierabend gemacht. Damals, so wurde denkt. Dies hängt zusammen mit dem Pro- mir mit einem Mal klar, hatten sie einfach blem des Nicht-Innehaltenkönnens. viel weniger Zeit, die falschen Dinge zu tun.
  31. 31. 44 V o r T r A G P r o F . D r . H A r A L D W E L Z E r In unserer Kultur der Dauerkommunika- Weder bei den Informationen, die wir tion und des Dauerarbeitens gibt es keine über die Medien bekommen, noch bei unserer Momente der Reflexion. Es merkt doch jeder eigenen Beschäftigung mit Zukunftsproblemen an sich selbst, wie sich die eigene Arbeits- gibt es noch einen Moment der Reflexion. weise verändert. Ich ertappe mich manchmal Wir werden ständig mit Informationen über- dabei, dass ich telefoniere und parallel dazu flutet, ohne dass wir uns die Gelegenheit E-Mails lese. Ein fürchterliches soziales gäben, sie zu verarbeiten. Verhalten, absolut unkonzentriert, aber es ist das, was diese Technologien und Schnitt- Damit kommen wir zum Kern der Pro- stellen zwischen Mensch und Maschine bei blematik, die sich – zumindest aus meiner uns bewirken. Hier beginnt einiges aus Sicht – aus der Entwicklung der Städte und dem Ruder zu laufen. – sogar noch weiter gefasst – der modernen Gesellschaften insgesamt ergibt. Beides Wenn man über Lösungen von Problemen ist ja eng miteinander verknüpft. Fukushima nachdenkt, vor denen die Städte stehen, ist zeigt uns – abgesehen von den erwähnten ein Moment des Innehaltens absolut not- die Medien betreffenden Aspekten – noch wendig, um erkennen zu können, dass man etwas, was mich sehr nachdenklich gemacht für viele Probleme noch überhaupt keine hat. Diese Katastrophe hat sich in der dritt- Lösung hat. Wir reagieren gleichsam wie die größten Wirtschaftsmacht der Erde ereignet, Pawlowschen Hunde: Wir sehen ein Problem in einem Land, das kaum über eigene und meinen, sofort eine Lösung finden zu Bodenschätze verfügt. Das zeigt uns, dass müssen – ohne zuvor auch nur vernünftig wir ein System entwickelt haben, in dem es nachgedacht und das Problem verstanden möglich ist, zur drittgrößten Wirtschafts- zu haben. macht aufzusteigen, ohne die dafür notwen- digen natürlichen Ressourcen zu besitzen. Noch ein bedrückender Aspekt des Pro- In Fukushima wurde der Traum der Moderne blems der Schnelligkeit: Fukushima ist die zerstört, der Traum, dass sich die Menschen größte technische Katastrophe, die es je vollständig von der Natur und ihren Ressour- gegeben hat. Wir wissen nicht, welche cen unabhängig machen können. Prozesse dort momentan ablaufen und wie es weitergehen wird. In einem modernen Man hat gesehen, dass die Emanzipation Hochtechnologieland passiert eine derartige von den natürlichen Gegebenheiten nicht Katastrophe – und die mediale wie die gelingt. Auch Menschen sind biologische persönliche Aufmerksamkeit hält gerade Wesen und befinden sich als solche in mal eine Woche an! Bereits nach einer ständigen Austauschprozessen mit der sie Woche rangierten die Nachrichten darüber umgebenden Natur. Unser gesamtes Wirt- an dritter oder vierter Stelle. Nach nur einer schafts-, Gesellschafts- und Lebensmodell Woche erlahmt unser Interesse an diesem trägt dem immer weniger Rechnung und Thema! Journalisten sagen dazu, sie können stößt daher zunehmend an Grenzen. die Spannung nicht aufrechterhalten. Das gilt nicht nur für das Thema Energie, sondern auch für alle anderen Ressourcen

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