Beutewelt IBürger 1-564398B-278843                          1
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Alexander Merow  Beutewelt IBürger 1-564398B-278843            Roman      Engelsdorfer Verlag             2010            ...
ISBN eBook: 978-3-86901-997-0                          Printausgabe:Bibliografische Information durch die Deutsche Nationa...
InhaltBürger 1-564398B-278843 ..................................7Automatisiertes Gerichtsverfahren ....................26B...
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„Wir sind die Finsternis der Welt,                                            wer uns nachfolgt,                          ...
irgendwie bulligen und erstaunlich kraftvollen Körper ausseinem billig produzierten Bett wuchtete.  „Hmmmhaaa!“ stieß Fran...
hatte sich irgendwann irgendwie erledigt aus Gründen, dieFrank meistens für sich behielt. Blöd war er eigentlichnicht, abe...
zäher Brei durch sie hindurch. Die meisten hatten esallerdings nicht eilig, mit ihrer Arbeit zu beginnen, aber esmusste ja...
Nächster Tag….  „Guten Morgen, Frank!“ brummelte Dirk Weber, einerder Vorarbeiter hinter ihm. „Guten Morgen, Dirk!“ mur-me...
sich zu einer lustlos wirkenden Reihe, um nach dem Singendes Liedes die kurze Pause genießen zu können: „Wir sind die Kind...
„Ich bin der letzte Depp für Sie, was A-341?“ zischte derMann.  „Äh…nein! Natürlich nicht, Herr…äh…Sasse!“ stotterteFrank....
bracht hatten. Kohlhaas fühlt sich derweil wie ein getrete-ner Köter, den man vor allen umherscheuchte, was derRealität au...
Wir werden in den nächsten Tagen die Videobänder IhrerArbeitstage durch den Computer jagen und dann per„Voice-Analysis-Sys...
sen zu werden bedeutete, keinen Globe, so nannte man dieinternationale Währung seit dem Jahre 2018, mehr in derTasche zu h...
„Dieser Bastard! Wenn ich jetzt wegen dem vor die Hun-de gehe, dann mache ich ihn vorher kalt!“ fauchte erzornig. Dann hob...
„Ja, ich dachte, ich besuche dich mal. Läuft der Schrott-handel noch, Stefan?“ fragte Frank. „Du hast hierja…äh…einiges an...
„Und nur für zwei Monate?“ presste er aus sich heraus.  „Ich brauche hier keinen und kann mir auch keinen zwei-ten Mann le...
abzuschalten und ihm die wohlverdiente Ruhe zu schen-ken.  So vergingen mehrere Stunden, in denen Frank die dunk-le Decke ...
„Störung des Betriebsfriedens“ in seinem Scanchip-Register hatte.  „Die Idee mit der Schrotflinte ist vielleicht gar nicht...
„Biep! Biep! Biep!“ dröhnte es montags um 6.30 Uhrmorgens aus der Küche, wo Frank im vernebelten Kopfseinen Scanchip hatte...
„Was zum Teufel ist das jetzt, verdammt?“ brachte er nurheraus. Offizielle Vorladung:Bürger 1-564398B-278843,Sie werden im...
zung“?“ Und es war wahr: Frank Kohlhaas, der aushelfen-de Bürger mit dem amtlichen Kennzeichen 1-564398B-278843 hatte noch...
war. Darunter vorstellen konnte er sich nichts, aber warumsollte er das auch: Er war niemals straffällig geworden undhatte...
Automatisiertes Gerichtsverfahren  Obwohl es erst August war, kam dieser Morgen FrankKohlhaas ausgesprochen kalt und dunke...
einmal gesehen zu haben, die Stufen hinab. Er brabbelteirgendetwas, dass sich wie „Morgen!“ anhörte, aber Frankwar sich ni...
Scanchip aus der Hand, ohne ihn auch nur anzusehen undsagte nach einem kurzen „Biep“ seines Codelesers: „Ge-richtszelle 4/...
Franks Hände waren auf einmal verschwitzt, er atmetelauter. Vor ihm tat sich ein schwach beleuchtetes metalli-sches Loch a...
Die ehemaligen Kollegen Schmidt, Adigüzel und Nyanghatten bestätigt, dass der Angeklagte mehrfach das Mitsin-gen des „One-...
künftig wahrscheinlichem Verhalten vom 02.10.2020,Aktencode: V-LUN-36777192934457656-Z, (89)“).  Frank glotzte wie ein ver...
Der Anklagte hämmerte erregt auf die Tasten vor sichund wählte NEIN.  Es dauerte etwa eine halbe Minute. Der Computer arbe...
schrecklich, um von seinem Gehirn anständig verarbeitetwerden zu können. Der biologische Computer unter seinerSchädeldecke...
staben auch vor seinem Auge. Beide Sinne konnten sichleider nicht irren. Er war verurteilt. Es stimmte.  Noch in Schocksta...
Als sich zwei Polizisten der Gerichtszelle 4/211 etwa eineStunde später näherten, hörten sie Frank schon vonweitem lamenti...
Big Eye  Der Transport nach „Big Eye“, einem der größten undmodernsten Hochsicherheitsgefängnisse im gesamtenVerwaltungsse...
Kaffeepulverglases aufgefallen war: eine Pyramide miteinem Auge in der Mitte. Das Zeichen sah zwar etwasanders aus als das...
niskomplexes. Innerlich gebrochen stierte er die meisteZeit auf den Boden, doch selbst in seiner lethargischenSchockstarre...
Nach einer unbestimmten Zeit wachte Frank wieder auf.Aufgeweckt durch gleißend helles Neonlicht, das sichdurch seine Augen...
World“, deren glücklicher Bürger Sie wieder werden sollen,Patient 111-F-47! Vertrauen Sie uns und unseren neuestenTherapie...
oberen Ecke des Raumes. „Die erste Umerziehungsstundebeginnt in 30 Minuten, Patient 111-F-47! Machen Sie sichbereit!“  Fra...
Wenn Frank hier einen Gott hatte, dann war es er oder sieoder es, das Wesen hinter dem Lautsprecher.  Nachts um 22.00 Uhr ...
jeder Patient hier hat das Glück, in eine Holozelle zukommen. Sie sind einer der Prototypen. Strengen Sie sichan und unter...
besucht, wenn er ehrlich war. Aber Rainer Kohlhaas warein gefühlsarmer Klotz, jedes Gespräch mit ihm warmühsam, so wortkar...
sich das Gesicht sein Vaters vorstellen, wenn er dieseNachricht bekam.  „Ich hatte immer die Befürchtung, dass der Junge s...
keit zu befolgen, alles zu glauben und alles zu tun, was manvon ihm verlangte. Doch niemand antwortete ihm.  Als zwei Mona...
dann laut grölend durch die Augen ins Innere der Schädel-festung vorstürmt – alles abschlachtend und nicht aufzu-halten. U...
Ab dem vierten Monat seiner Gefangenschaft in derHolozelle verbrachte Frank Kohlhaas die meisten Tagedamit, stundenlang un...
hung aus dem Lautsprecher ihm erklärte, warum die alteOrdnung der Welt falsch war und die neue Ordnung ohneAusnahme richti...
Die Notwendigkeit der Registrierung der Erdbevölke-rung, die Pflicht des Gehorchens, die Selbstregulierung derÖkonomie, di...
geachtet, dass er seine Holozelle auch für den Zweck derNahrungsaufnahme niemals verlassen musste.  Nach weiteren zwei Mon...
Am 21.03.2028 wurde das Licht wieder einmal um 22.00Uhr abends von der computergesteuerten Anlage von „BigEye“ abgeschalte...
„Aufgepasst, Patient 111-F-47! Ihre Holozelle wird abmorgen aufgrund von Räumlichkeitsumstrukturierungendurch die computer...
„Heee…Steh auf, wir haben nicht ewig Zeit, Mann“,brummte ein weiterer und versetzte Frank einen leichtenTritt in den Rücke...
von „Steroin“, einem hochkonzentrierten Aufputschmittel,und einigen Schlägen auf den Kopf bis zum Transport-Van befördert....
Gefangene zu Frank hinüber: „He,…Pssst! Ich bin Alf!Wer bist du?“  Frank ignorierte die Frage des Mannes. Es interessierte...
haben. Seine blauen Augen blickten die Polizeibeamtenfinster und feindselig an. Er fletschte die Zähne und starrtebald wie...
Die Veränderung  In einem kleinen Waldstück nahe der Landstrasse BAS-74 standen vier Männer im verregneten Unterholz undsp...
Es verging noch eine lange und zähe Minute voller Zwei-fel und Unsicherheit in den Herzen der vier Gestalten, diedort im U...
Eine Salve aus zwei Sturmgewehren schickte ihn jedoch zuBoden.  Mittlerweile waren die vier Männer dem Fahrzeug sonahe gek...
der Polizisten feuerte blitzartig aus dem Van heraus undtraf einen Maskierten mitten im Gesicht, als dieser ver-suchte, in...
eher an einen rachsüchtigen Metzger als an einen Häftling.Jetzt schien er wieder wegzutreten und setzte sich er-schöpft au...
Frank Kohlhaas hatte in den letzten Monaten niemandemvertrauen können und der geistige Aderlass, den dieHolozelle von ihm ...
„Schon gut, ich glaub, der war in einer Holozelle. Deswe-gen ist der auch so durch den Wind“, erklärte Alf denanderen.  „J...
auch die Künste dieses Mannes hatten ihre Grenzen undeines Tages würde die sich ständig verbessernde Überwa-chung wohl auc...
Zeit das Übel seine erste wirklich starke Bastion geschaf-fen, von wo aus es über die Völker der Erde kam.  Hier wurden in...
Ausgelagert  „Outsourcing“ oder auch „Auslagerung“ war einer derLieblingsbegriffe der Globalisierung, die zu Beginn des 21...
„Ja, leg dich bei mir erst mal hin“, antwortete Alf und zogden jungen Mann mit sich in das Gebäude. „Wir habenetwas zu bes...
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"Beutewelt" ist ähnlich wie Orwells "1984", nur mit aktuellerem Bezug. Muss man gelesen haben!

Die Welt im Jahr 2028: Die Menschheit befindet sich im Würgegriff einer alles überwachenden Weltregierung. Frank Kohlhaas, ein unbedeutender Bürger, fristet sein trostloses Leben als Leiharbeiter in einem Stahlwerk, bis er eines Tages durch ein unglückliches Ereignis mit dem tyrannischen Überwachungsstaat in Konflikt gerät. Er wird im Zuge eines automatisierten Gerichtsverfahrens zu fünf Jahren Haft verurteilt und verschwindet in einer Haftanstalt, wo er einem grausamen System der Gehirnwäsche ausgesetzt wird. Mental und körperlich am Ende, wird er nach acht Monaten in ein anderes Gefängnis verlegt. Auf dem Weg dorthin geschieht das Unerwartete. Plötzlich verändert sich alles und Frank befindet sich zwischen den Fronten.

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Beutewelt - Bürger 1-564398B-278843 (Roman, Deutsch)

  1. 1. Beutewelt IBürger 1-564398B-278843 1
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  3. 3. Alexander Merow Beutewelt IBürger 1-564398B-278843 Roman Engelsdorfer Verlag 2010 3
  4. 4. ISBN eBook: 978-3-86901-997-0 Printausgabe:Bibliografische Information durch die Deutsche National-bibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar. ISBN 978-3-86901-839-3 Copyright (2010) Engelsdorfer Verlag Alle Rechte beim Autor Hergestellt in Leipzig, Germany (EU) www.engelsdorfer-verlag.de 12,90 Euro (D)4
  5. 5. InhaltBürger 1-564398B-278843 ..................................7Automatisiertes Gerichtsverfahren ....................26Big Eye...............................................................36Die Veränderung ................................................58Ausgelagert ........................................................67Weltfrieden in Ivas? .........................................100Rebellion und Neuschnee ................................120Was du heute kannst besorgen… .....................143Aux Champs-Élysées .......................................173Vor dem Sturm.................................................192Bombenstimmung ............................................212Blutmond..........................................................220 5
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  7. 7. „Wir sind die Finsternis der Welt, wer uns nachfolgt, wird nie mehr wandeln im Licht...“Bürger 1-564398B-278843 Frank Kohlhaas, der im alltäglichen Leben auf die Be-zeichnung „Bürger 1-564398B-278843“ hören musste, weildas sein amtlicher Verwaltungscode war, träumte in denletzten Tagen sogar schon von dem unangenehmen,irgendwie an faule Eier erinnernden Geruch im Hausflurseiner Etage. Zwar befand er sich im Geiste um kurz vor5.00 Uhr morgens – gleich sollte sein Wecker den Traumbeenden – auf einem Spaziergang durch ein sonniges Tal,doch war auch an diesem schönen Ort jener modrige Duft,so dass sich Frank selbst im Traum darüber wunderte, wieein so schönes Tal so wenig einladend riechen konnte. Als der Wecker klingelte, wurde ihm klar, dass das sonni-ge Tal Fiktion und der Geruch real war. Das Geräusch warschrill und Frank erwachte mit einem Fluchen. Jetzt hießes aufstehen, anziehen, hastig frühstücken und den Wegzum Produktionskomplex 42-B antreten. „Ach, verflucht!“ zischte der unrasierte Mann, als erseinen nicht übermäßig hochgewachsenen, aber dafür 7
  8. 8. irgendwie bulligen und erstaunlich kraftvollen Körper ausseinem billig produzierten Bett wuchtete. „Hmmmhaaa!“ stieß Frank aus und trottete durch seinenoch dunkle Wohnung in das Nachbarzimmer, wo auf ihneine dreckige Küche wartete. Der Bürger riss die Kühl-schranktür auf und würgte schmatzend ein Käsebrothinunter, das er am Abend vorher noch geschmiert hatte,da er morgens dafür meist keine Zeit mehr hatte. Der Wasserkocher wurde unter lautem Brausen angewor-fen und lieferte nach nur wenigen Minuten das nötigeheiße Wasser für einen auflösbaren Kaffee. „Nnnhhaa!“sagte der junge Mann, was zu dieser frühen Stunde einerelativ frei zu interpretierende Aussage war und sich aufseine Lebenssituation, sozusagen im Allgemeinen, bezie-hen konnte. Um 5.27 Uhr zog Frank die leicht ramponierte Woh-nungstür hinter sich zu und schlurfte lustlos durch dendunklen Flur, um anschließend das noch dunklere Trep-penhaus hinabzusteigen. Irgendwo war hier die Quelle deseierfauligen Gestanks, der Frank seit Tagen nervte. Viel-leicht hatte irgendein anderer Mieter, irgend so ein „ver-dammter Assi“, seinen Müll im Flur abgestellt. „Ach, was weiß ich…“ brummelte er. Jeden Morgen war es die gleiche Leier: „Aufstehen, fres-sen, laufen, schuften“, so wie es Herr Kohlhaas immerformulierte. In den letzten Jahren hatte er jedenfalls seinLeben ganz schön hassen gelernt. Er war jetzt 25 Jahre altgeworden, wohnte in einem mehr als schäbigen Wohn-block am Rande der ehemaligen BRD-Hauptstadt Berlinund arbeitete für einen bescheidenen Lohn als Aushilfe ineinem Stahlwerk. Früher hatte er studieren wollen, aber das8
  9. 9. hatte sich irgendwann irgendwie erledigt aus Gründen, dieFrank meistens für sich behielt. Blöd war er eigentlichnicht, aber so richtig hatte er, nach seiner eigenen Ein-schätzung, die Kurve bisher nicht gekriegt. Allerdings warder Arbeitsplatz im Stahlwerk besser als nichts – zumin-dest war er doch geeignet, um das Überleben zu sichern.Eine Tatsache, die für Millionen Menschen im Jahre 2027überhaupt nicht selbstverständlich war. Jedenfalls tastete er sich an diesem Morgen mal wiederSchritt für Schritt in Richtung seiner Arbeitsstelle vorwärts,vorbei an verfallenen Häusern im Halbdunkel und meistnoch dösenden Obdachlosen, die in wachsender Zahl hierherumlagen. „Was wäre, wenn ich einfach auf die Konse-quenzen pfeife und wieder nach Hause gehe, mich in meinBett lege und bis morgen durchschlafe?“ dachte er sichmanchmal. „Was wäre, wenn ich einfach meine wenigenSachen packe und aus dieser verrotteten Stadt, diesemvergammelten Land, verschwinde?“ sagte er gelegentlichzu sich selbst. Aber wo war es schon anders? Man sollte sich an demerfreuen, was man hatte – man besaß einen Job undverhungerte nicht. Das war nicht nichts, gab sich derBürger selbst zu denken. Nachdem der Produktionshelfer eine sehr lange unddunkle Unterführung durchquert und einem angetrunke-nen Obdachlosen, der ihn anbettelte, keinen Globe gege-ben hatte, war der Produktionskomplex um 5.53 Uhr inSichtweite gelangt. Hier standen die Arbeiter der Früh-schicht, rauchend, quatschend, wartend…. Als sich um 6.00 Uhr die Werkstore schließlich öffneten,drängten sich etwa 200 Leiharbeiter und Aushilfen wie ein 9
  10. 10. zäher Brei durch sie hindurch. Die meisten hatten esallerdings nicht eilig, mit ihrer Arbeit zu beginnen, aber esmusste ja sein, es ging nicht anders. So dachte es sich auchFrank Kohlhaas jeden verdammten Morgen. Nach zehn Stunden ging es dann wieder zurück nachHause. Man war dreckig und müde, aber glücklich, dasszumindest die Arbeit vorbei war. Frank schlich durch denHausflur seiner Etage, der selbst am Tage noch halbdunkelwar und schloss die Wohnungstür auf. Auf dem Scanchip waren keine neuen Nachrichten unddas war gut so, denn es waren ohnehin meist nur Rech-nungen: Strom, Wasser und das ganze andere Zeug. DenFernseher hatte Frank vor ein paar Tagen ins Schlafzim-mer gestellt. Wenn er nicht einschlafen konnte, machte erihn an. Nicht dass das Programm ihn allzu sehr fesselte,aber wenn irgendeiner redete, fühlte man sich wenigstensnicht so allein in diesem finsteren Wohnblock. SeineNachbarn kannte Kohlhaas nur flüchtig. Viele verließenihre Wohnungen nur zum Arbeiten und einige waren inden letzten Jahren üble Säufer geworden. Manchmal grölteeiner auf seinem Balkon oder pöbelte Leute an, die an„seinem“ Block vorbeigingen – irgendwann schliefen sieaber alle. Bürger 1-564398B-278843 schaute bis um 22.37 UhrFernsehen: Nachrichten („Krieg der globalen Streitkräftegegen gefährliche Terroristen im Iran“), Talkshows, leichteUnterhaltung an allen Fronten, Warnungen vor der zwei-ten Hundegrippe und die Notwendigkeit der baldigenZwangsimpfung. Dann schlief er ein, obwohl sich derfaulige Geruch von draußen mittlerweile in seinem Kisseneingenistet zu haben schien.10
  11. 11. Nächster Tag…. „Guten Morgen, Frank!“ brummelte Dirk Weber, einerder Vorarbeiter hinter ihm. „Guten Morgen, Dirk!“ mur-melte Frank zurück. Es war 6.03 Uhr, die Frühschichtkonnte beginnen. A-341, so war die Bezeichnung des jungen Mannes alsArbeitskraft und Aushilfe hier im Betrieb, lieh seine hel-fenden Hände bei vielen Arbeitsgängen dem einen oderanderen Kollegen bis die Uhr 10.30 anzeigte. Nun war esZeit für eine kurze Mittagspause und als Frank sein inFolie eingewickeltes einziges Brötchen, welches mit einerSalamischeibe belegt war, auspackte, ahnte er noch nicht,dass in den folgenden Minuten ein unangenehmer Schick-salsschlag auf ihn wartete. Seit etwa einem halben Jahr hatte die Produktionskom-plexverwaltung aufgrund einer neuen internationalenVorschrift das Singen des „One-World-Songs“ vor jedervorschriftsmäßigen Mittagspause in einem vorschriftsmä-ßigen Produktionskomplex angeordnet – zur Steigerungder Arbeitsmoral und zur Festigung der internationalenDoktrin für „Frieden, Freiheit, Wohlstand und Einheit“,die seit 2018 von der Weltregierung propagiert wurde. Der in diesem Betrieb stationierte Beamte des „Ministeri-ums für Produktionsüberwachung“, Gert Sasse, der sichmeistens in den Büroräumen oberhalb der Fabrikhalleaufhielt, war in dieser Mittagspause erneut pflichtbewusstzu den Arbeitern hinabgestiegen, um mit ihnen den „One-World-Song“ anzustimmen. „Arbeiter, jetzt ist gleich Mittagspause! Aber zuerst wirdgesungen!“ rief er durch den Raum und alle formierten 11
  12. 12. sich zu einer lustlos wirkenden Reihe, um nach dem Singendes Liedes die kurze Pause genießen zu können: „Wir sind die Kinder einer Welt und alle sind wir gleich! Wir lieben diese eine Welt, das große Friedensreich! Wir kennen keine Rassen, wir kennen keine Klassen …“ Frank hörte in den letzten Wochen immer seltener aufden Text, bewegte die Lippen nicht und schaute an dieDecke der Produktionshalle. „Macht fertig!“ dachte er und schabte gelangweilt mitseinem linken Fuß über den staubigen Boden. Und dannwar der Gesang irgendwann verstummt. „Endlich! DiesenSchwachsinn können sie sich langsam mal sparen!“ sagteder Produktionshelfer sehr leise zu sich selbst. „Gut! Das ging ja halbwegs! Jetzt ist Pause!“ rief derBeamte des „Ministeriums für Produktionsüberwachung“und A-341 freute sich auf einen hungrigen Biss in seinaufgeweichtes Brötchen. Doch während seine Zähne eifrig das salzige Salamistückund den vorderen Teil des Brötchens zermalmten, flogihm ein giftiger Blick des Herrn Gert Sasse entgegen. DerÜberwacher kniff seine Augen zusammen und wirkte dabeiwie eine böse gewordene Bulldogge. „A-341! Ja, Sie! Kommen Sie mal zu mir! Beeilung!“brüllte er aus voller Kehle. Frank Kohlhaas schoss das Adrenalin in die Venen. Är-ger auf der Arbeit konnte er nicht gebrauchen. „KommenSie her, A-341!“ schmetterte Herr Sasse, den Helfer erregtzu sich winkend. Kohlhaas folgte der Aufforderung sofort.12
  13. 13. „Ich bin der letzte Depp für Sie, was A-341?“ zischte derMann. „Äh…nein! Natürlich nicht, Herr…äh…Sasse!“ stotterteFrank. „Wie meinen Sie das jetzt?“ fügte er stammelndhinzu. „Wie ich das meine, du Schwachkopf?“ grollte der Beam-te mit einem Blick, der dem jungen Mann das größtmögli-che Unbehagen schenkte. Mehrere bedrückende Sekunden lang herrschte ein bösar-tiges Schweigen, während sich die Augen des Vorgesetztenbedrohlich verkleinerten und sich buschige, schwarzeAugenbrauen darüber schoben. Als nächstes sah Frank eine mit breiten und speckigenFingern versehene Faust auf sein Gesicht zufliegen. Esschmerzte und mit einem leisen Knacken reagierte seinNasenbein auf den heftigen Schlag ins Gesicht. Währendeinige Blutfäden aus seiner Nase flossen, vernahm A-341ein Knurren: „Wie ich das meine, du kleiner Pisser?“ „Wenn ich befehle, dass der „One-World-Song“ gesun-gen wird, dann hast auch du mit zu singen und nicht blödin der Gegend herum zu glotzen, klar?“ ergänzte HerrSasse sein schlagkräftiges Argument. Sein Tonfallschwankte nun zwischen leichter Genugtuung und wu-chernder Gemeinheit. Frank Kohlhaas war inzwischen indie Knie gegangen, der Schlag hatte wirklich gesessen, undSasse versetzte ihm noch einen kräftigen Tritt in denUnterleib. „Ob du das verstanden hast, du Idiot? Dudenkst wohl, dass du hier einen Sonderstatus hast, was?“brüllte er. Die anderen Arbeiter glotzen verdutzt und vergrubenihre Gesichter hinter den Pausenbroten, die sie mitge- 13
  14. 14. bracht hatten. Kohlhaas fühlt sich derweil wie ein getrete-ner Köter, den man vor allen umherscheuchte, was derRealität auch sehr nahe kam. Ohne seine Handlung zu überdenken, sprang er auf undrichtete sich vor dem Beamten des „Ministeriums fürProduktionsüberwachung“ auf. „Sei froh, dass du mein Vorgesetzter bist, sonst würdeich dir deine Fresse polieren!“ schrie er mit aufkochenderWut. Gert Sasse war verdutzt. A-341 wischte sich das Bluttrotzig von der Oberlippe. Etwa eine Stunde später wartete der Arbeiter noch immervor der Tür des Produktionskomplexleiters. Sasse war inseinem Büro und Frank hörte ihn fluchen und wettern.Das verhieß wahrlich nichts Gutes. „A-341, reinkommen!“ tönte die Stimme des oberstenChefs dieser Arbeitsanlage durch den hell erleuchtetenGang. Der junge Mann setzte sich in Bewegung und ließ sichauf einem Stuhl in der Mitte des Büroraums nieder. Esfolgte eine kurze Stille, dann begann es: „Ich habe mir mal Ihren Scanchip angesehen, A-341!“berichtete Herr Reimers, der Produktionskomplexleiter.„Sie sind in den zehn Jahren ihrer Tätigkeit hier dreimal zuspät gekommen. Zudem fallen Sie mir hier ehrlich gesagtauch nicht das erste Mal negativ auf. Sie sind bereits wegensubversiver Aussagen am Arbeitsplatz, was sicher aucheinige Ihrer Kollegen bestätigen können, vorgemerkt –sogar mit einem Blaucode 67-Beta, falls Sie es noch nichtwussten, A-341?14
  15. 15. Wir werden in den nächsten Tagen die Videobänder IhrerArbeitstage durch den Computer jagen und dann per„Voice-Analysis-System“ sicherlich noch das eine oderandere finden. Was Sie hier getan haben, gab es bisher noch nie! Bedro-hung eines Mitarbeiters der obersten Behörde für Produk-tionsüberwachung. Haben Sie denn nur Luft im Kopf,Junge? Wenn ich in einem solchen Fall nicht durchgreife,dann droht mir der dickste Ärger und darauf habe ichkeine Lust. Ich muss Sie entlassen, A-341! Weiterhin binich vorschriftsmäßig dazu verpflichtet, auf einen solchunglaublichen Vorfall mit einer Meldung an die zuständigeBezirksverwaltung zu reagieren. Verschwinden Sie jetzt ausdiesem Produktionskomplex und packen Sie Ihre Sachen,A-341!“ Frank Kohlhaas, der soeben entlassene Arbeiter, wusstesich vor Entsetzen kaum zu halten. Seine Stimmbänderschienen eingerostet, seine Kehle war verschnürt, seinirgendwo auf Eis gelegter Mut hatte sich verflüchtigt. Er ging, ging einfach hinaus, leichenblass und mit dröh-nendem Schädel, ohne zu antworten. Gerade hatte er dieQuelle für seinen Lebensunterhalt verloren und das war indieser Zeit kein Spaß. Wie in Trance ging der junge Mann in den Umkleideraumdes Produktionskomplexes und öffnete geistesabwesenddie verbeulte Blechtür seines Spints. „Entlassen“ – diesesWort klang in jener Zeit wie der Schnitt eines Rasiermes-sers in das Bewusstsein eines jeden Hörers. Es war mit dem Wort „Liquidierung“ verwandt, denn eskam einer Vernichtung im sozialen Bereich gleich. Entlas- 15
  16. 16. sen zu werden bedeutete, keinen Globe, so nannte man dieinternationale Währung seit dem Jahre 2018, mehr in derTasche zu haben. Wenn man nicht schnellstens eine neueAnstellung fand, konnte man Wohnung, Nahrung undletztendlich auch sein Leben verlieren. Jegliche soziale Absicherung durch den Staat war seitdem kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft imWinter 2012/13 vollständig abgeschafft worden. UndArbeit zu finden war in einer Zeit, in der die industrielleProduktion im alten Mittel- und Westeuropa zum größtenTeil in die Dritte Welt ausgelagert worden war, mehr alsschwierig. So kämpften sich Millionen in jener dunklenGegenwart mit extrem schlecht bezahlten Jobs durch,hangelten sich von einem Hungerlohn zum anderen oderfielen einfach durch das soziale Netz und endeten alsBettler und Obdachlose, die langsam vor sich hin siechten. Am nächsten Tag wachte Frank nach einer sorgenvollenund unruhigen Nacht nicht vom schrillen Geheul seinesWeckers auf, sondern durch den fauligen Geruch aus demTreppenhaus, der entgegen des Zeitgeistes, noch vonkeinem liquidiert worden war. Erst in den frühen Morgenstunden hatte er es geschaffteinzuschlafen, schreckte jedoch immer wieder auf, weilihm das Grübeln und die unschönen Gedanken lange denSchlaf verwehrten. Als erster Gedanke des neuen grauen Tages schoss ihmdas Gesicht des Herrn Sasse in den Kopf und die Mienevon Bürger 1-564398B-278843 verzog sich zu einer hasser-füllten Fratze, als er sich vorstellte, wie er den Beamten wieeinen räudigen Hund mit einer Eisenstange erschlug.16
  17. 17. „Dieser Bastard! Wenn ich jetzt wegen dem vor die Hun-de gehe, dann mache ich ihn vorher kalt!“ fauchte erzornig. Dann hob er sich aus dem Bett und starrte aus demschmutzigen Fenster seiner Wohnung im 23. Stock. „Ver-dammt, was mache ich denn jetzt?“ dachte er sich. „Ichmuss irgendwie Geld verdienen, sonst sperren sie mir nochdiesen Monat das Konto auf meinem Scanchip, weil ich dieverfluchten Rechnungen nicht mehr bezahlen kann.“ Nach einer weiteren Stunde nutzloser Grübelei verließ erseine Wohnung, atmete im Hausflur nicht allzu tief ein undstieg die dunklen Treppen hinab ins Erdgeschoss. DerAufzug war seit Monaten defekt und niemand schien auchnur einen Gedanken daran zu verschwenden, ihn zureparieren. Der einzige, der Frank als potentieller Arbeitgeber in derNot einfiel, war Stefan Meise, der Schrotthändler, ein alterSchulfreund. Sein Schrottplatz war etwa eine halbe StundeFußmarsch von seinem Wohnblock entfernt. So machte er sich auf den Weg durch die mit Müll über-säte Strasse seines Viertels und erreichte einige Zeit spätermüde und frustriert sein schlammiges, mit rostigen Autosund allerlei Eisenschutt bedecktes Ziel. Stefan Meise war indiesem Berg von Rostteilen allerdings nicht schwer zufinden. Er war dick, vollbärtig und sehr groß geraten.Eigentlich unterschied er sich optisch kaum von dem, waser sammelte und verkaufte. „Hallo Stefan! Ich dachte, ich schaue mal vorbei!“ be-grüßte ihn Frank etwas halbherzig. „Ach, der Frank Kohlhaas, was? Wie ist die Lage?“ ant-wortete der dicke Schrotthändler. „Von dir habe ich jaewig nichts mehr gehört…“ 17
  18. 18. „Ja, ich dachte, ich besuche dich mal. Läuft der Schrott-handel noch, Stefan?“ fragte Frank. „Du hast hierja…äh…einiges an Zeug rumliegen. Woher bekommst dudas denn immer her?“ „Naja, ich sammele ein, was ich finden kann. Wie mandas als Schrotthändler halt so macht. Was soll die komi-sche Frage, hä? Was gibt es denn, Kohlhaas?“ erwiderteMeise. „Ich bin gestern aus meiner Arbeitsstelle rausgeworfenworden“ sagte Frank. Sein rundliches Gegenüber schauteetwas verwundert und rieb sich seine öligen, breiten Fingeran seinem schwarzblauen Overall ab. „Das ist ja ein Mist, Frank! Und nun?“ fragte Stefan leichtratlos. „Ja, nun suche ich etwas Neues. Notfalls auch nur alsAushilfe. Vielleicht kannst du ja noch eine helfende Handgebrauchen?“ murmelte der junge Mann. Für eine halbe Minute glotzte Meise den Arbeitslosen ausseinen gelblich wirkenden Glupschaugen an. Dann blickteer zu Boden und versuchte seine unangenehme Antwortmöglichst schonend zu verpacken. „Also bei mir arbeiten oder wie?“ fragte er nach. „Also,Frank, es ist zur Zeit bei mir so…so, dass ich also selbstgerade mal über die Runden komme. Es sind schlechteZeiten, das brauche ich dir ja nicht zu sagen. Ich machehier fast alles selbst und nur der Ralf hilft mir ab und zu.Das reicht eigentlich auch. Eine Aushilfe oder so braucheich an sich nicht.“ Frank Kohlhaas war nie ein Meister im Verstellen gewe-sen und wer ihn jetzt sah, merkte ihm die Verzweiflungdeutlich an.18
  19. 19. „Und nur für zwei Monate?“ presste er aus sich heraus. „Ich brauche hier keinen und kann mir auch keinen zwei-ten Mann leisten, Frank!“ entgegnete der dicke, ölver-schmierte Mann und wandte sich ab. „Tut mir leid, aberich habe jetzt noch zu tun. Sei nicht böse, aber es gehtnicht.“ Wieder zu Hause angelangt, stieß Frank einen seinerschlimmsten Flüche aus und trat gegen seinen Küchen-tisch. Er durchsuchte sein Hirn verzweifelt nach anderenMöglichkeiten einer Anstellung und hakte im Geistesämtliche Produktionskomplexe ab, die es noch im Groß-raum von Berlin gab. Allerdings war hier das Problem, dasser vermutlich durch den Zusammenstoß mit dem Beamtendes „Ministeriums für Produktionsüberwachung“ vonseinem Chef einen negativen Eintrag in seinem Scanchip-Register verpasst bekommen hatte, was eine zukünftigeEinstellung in einem anderen Industriebetrieb so gut wieunmöglich machte. Er hatte für diesen Monat noch 246 Globes auf seinemelektronischen Konto. Über 400 Globes kostete allein dieMiete für seine schäbige Wohnung in diesem verrottetenBlock. Die Zeit drängte mit jedem Tag mehr und derdunkle Schatten der Verzweiflung wuchs mit den verstrei-chenden Stunden. Er überwucherte Franks Geist wie einbösartiges Geschwür. Nachdem sich der junge Mann eine äußerst billig produ-zierte Sitcom angesehen hatte, schaltete er den Fernseheraus und versuchte zu schlafen. Doch es war erst 23.00 Uhrund die Erschöpfung hatte bedauerlicherweise noch nichtden nötigen Grad erreicht, um ein sorgenvolles Gehirn 19
  20. 20. abzuschalten und ihm die wohlverdiente Ruhe zu schen-ken. So vergingen mehrere Stunden, in denen Frank die dunk-le Decke anstarrte und den Produktionskomplex 42b mitall seinen Vorgesetzten, Überwachern und Arbeitern imGeiste verfluchte. Dann fiel ihm wieder der Gestank aus dem Hausflur aufund kurzzeitig schwoll der Nebel der Verzweiflung inseinem Kopf so stark an, dass er überlegte, sich eine Kugelhindurch zu jagen. Die bösen Gedanken und Sorgen hätteer am liebsten mit einer großkalibrigen Schrotflinte, diesein Hirn sauber über die vergilbte Tapete hinter seinemBettgestell verteilte, wegoperiert. Frank Kohlhaas dachte im Laufe der Nacht noch überviele Dinge nach. Über sein bisher so nutzloses Leben, dieEinsamkeit, die Eintönigkeit und den klaffenden Abgrund,der jetzt auf ihn wartete. Er kam in dieser Nacht zu keinerLösung und nicht ein kleinstes Fünkchen Hoffnungleuchtete irgendwo. Nichts. Draußen war es dunkel, vordem Haus konnte Frank ein paar zerfetzte Müllsäckeerkennen, die schon mehrere Wochen dort herumlagen.Dann war er endlich so müde, dass er mit dem Kopf aufder Fensterbank einschlief. Bis zum Ende der Woche war die Suche nach einemneuen Broterwerb erwartungsgemäß erfolglos geblieben.Es schien im Umkreis von mehreren Kilometern über-haupt keine Arbeit mehr zu geben. Eine Nachfrage bei derörtlichen Verwaltung hatte zudem zu Tage gefördert, dassFrank mittlerweile tatsächlich einen Negativeintrag wegen20
  21. 21. „Störung des Betriebsfriedens“ in seinem Scanchip-Register hatte. „Die Idee mit der Schrotflinte ist vielleicht gar nicht soübel. Aber vorher besuche ich noch diesen Sasse“ zischteFrank in sich hinein, als am Freitag für seine ehemaligenKollegen des Produktionskomplexes 42b das kurze Wo-chenende begann. Samstag und Sonntag investierte er dann einige seinerletzten Globes in den billigen Schnaps vom Kiosk an derEcke. Allein in seiner kleinen, lieblos eingerichteten Woh-nung, im dunklen Wohnblock, in einer dunkler werdendenZeit. Sein Schicksal und seinen Schmerz nahm niemandwahr. Genau so wie Frank Kohlhaas niemals den Schmerzder anderen, die sich in ihren Wohnwaben hinter derverwitterten, grauen Fassade des Hochhauses verkrochen,wahrgenommen hatte. Wenn er sich jetzt den Schädel wegschießen oder sich totsaufen würde, dann würde er vermutlich bald genau soriechen wie der Flur auf seiner Etage und es würde wohlnoch nicht einmal jemandem auffallen. Irgendwie war derGedanke so krank, dass er Frank ein gequältes Lächelnentlockte. Man musste hartem Alkohol trotz seines schlechtenRufes wirklich eines lassen: Er hatte bereits Millionenbesorgte Menschen sanft in den Schlaf gesungen. KeineSorge konnte so groß sein, dass man sie nicht mit einerWoge des guten und vor allem billigen Fusels vom nahege-legenen Kiosk wegspülen konnte. Das hatte Frank in denletzten zwei Tagen eindrucksvoll bewiesen, sozusagen imSelbstversuch. 21
  22. 22. „Biep! Biep! Biep!“ dröhnte es montags um 6.30 Uhrmorgens aus der Küche, wo Frank im vernebelten Kopfseinen Scanchip hatte liegen lassen. „Biep! Biep! Biep!“ „Guten Morgen, Bürger 1-564398B-278843! Sie haben eineMessage der Prioritätsstufe Alpha auf Ihrem Scanchip!“ „Guten Morgen, Bürger 1-564398B-278843! Sie haben eineMessage der Prioritätsstufe Alpha auf Ihrem Scanchip!“ „Guten Morgen, Bürger 1-564398B-278843! Sie haben eineMessage der Prioritätsstufe Alpha auf Ihrem Scanchip!“ sagte eine elektronische Frauenstimme immer wieder. „Hmmm...“ brummte Frank, dem man den starken Rest-alkohol noch mehr als anmerken konnte. „Ver-flucht…was?“ stammelte er und rollte sich aus seiner nachSchnaps riechenden Bettwäsche. „Was soll der Scheiß? Verdammt! Halt die Schnauze, duDrecksteil!“ knurrte er und schlurfte mit einem üblenBrummschädel zum Küchentisch. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis Frank der Pincodeeingefallen war und er sich bis ins Scanchip-Menü zumAbrufen seiner Nachrichten vorgekämpft hatte. Dann trafihn fast der Schlag. „Wie? Vorladung? Was? Hä?“ stotterte Bürger 1-564398B-278843 verstört. Er musste es erst zweimal lesen, um es zu glauben. Dasmusste ein schlechter Scherz sein.22
  23. 23. „Was zum Teufel ist das jetzt, verdammt?“ brachte er nurheraus. Offizielle Vorladung:Bürger 1-564398B-278843,Sie werden im Zuge eines automatisierten Gerichtsverfahrens offiziellam 14.08.2027 um 8.00 Uhr morgens vorgeladen.Tatvorwürfe:- Massive Störung des Betriebsfriedens- Theoretische schwere KörperverletzungFinden Sie sich zum besagten Zeitpunkt in Gerichtszelle 4/211 beiIhrem örtlichen Justizkomplex ein.Bei Nichterscheinen droht Ihnen unter anderem die Löschung IhresScanchips und die Inhaftierung!*(*vgl. §127b, „Bürgerpflichten und theoretische Sanktionen“)Amtlicher Aktencode: 257789000-0100567-2345441113-EGN-59900-4/211Angeklagtennummer: 319444-556.77Wir danken für Ihre Kooperation! Franks alkoholvernebeltes Katergehirn begann zuschmerzen und zu rotieren: „Vorladung? Wie bitte?“ Er war etwas verwirrt und konnte sich an keine schlimmeStraftat in seinem bisherigen Leben erinnern. „Weil ich diesen verfluchten Sasse mal kurz angeschnauzthabe oder was?“ dachte er. „Das kann doch nicht sein. Ichhabe ihm schließlich kein Haar gekrümmt. War doch nurkurzzeitig wütend, ein sehr schnell vorübergehenderAusraster. Ich verstehe das nicht. Und was zur Höllemeinen die mit „theoretischer schwerer Körperverlet- 23
  24. 24. zung“?“ Und es war wahr: Frank Kohlhaas, der aushelfen-de Bürger mit dem amtlichen Kennzeichen 1-564398B-278843 hatte noch niemals jemandem etwas getan. Außerdamals im Kindergarten, als er diesem nervigen Dirk eineOhrfeige gegeben hatte und seine Eltern bei der Hortlei-tung erscheinen mussten. Die örtliche Erziehungsbehördezeigte sich damals kurzzeitig besorgt und redete davon,dass Frank „unterschwellige Aggressionen“ hätte, ein„bedenklich frühmaskulines Verhalten“ zeige und vielleichteine Therapie mit Beruhigungsmitteln sinnvoll wäre. Aber das war viele Jahre her. Die Therapie konnte ja auchabgewendet werden, da das Kind seinen Fehler vor einemGremium von Psychologen und Sozialpädagogen bereuteund seine Eltern versicherten, dass sie Frank sofort meldenwürden, wenn er noch einmal diesbezüglich auffiele. Er fiel aber nicht mehr auf. Nicht einmal eine Ohrfeigeoder einen kleinen Schubser verpasste er seit seinemfünften Lebensjahr irgendeinem anderen Mitmenschen aufdieser Welt mehr. Nein, er fiel überhaupt nicht mehr auf.Und schon gar nicht als Mensch mit „unterschwelligenAggressionen“. In Gedanken oder im Traum schlug er manchmal deneinen oder anderen Vorgesetzten oder Verwaltungsmitar-beiter zusammen, aber das war geheim und brauchte daherauch nicht therapiert zu werden. Weiterhin war es auch das erste Mal, dass der sonst voll-kommen unauffällige Wohnblockbewohner Frank Kohl-haas mit einem „automatisierten Gerichtsverfahren“ inBerührung kam. Der Bürger hatte allerdings schon einmalin den Abendnachrichten davon gehört, da es vor etwadrei Jahren neu von der Weltregierung eingeführt worden24
  25. 25. war. Darunter vorstellen konnte er sich nichts, aber warumsollte er das auch: Er war niemals straffällig geworden undhatte mit so etwas nichts zu tun. So hatte er weder einen blassen Schimmer davon, wasjetzt auf ihn wartete, noch machte er sich allzu schlimmeGedanken bezüglich dieser Vorladung. Vermutlich war eseine reine Formalität, ein Sachverhalt, der sich klären ließ.Er hatte niemanden verletzt und deswegen war er auchnicht zu verurteilen. Und seine Arbeitsstelle hatte er jabereits wegen der „Störung des Betriebsfriedens“ verloren.Was konnte also sonst noch passieren? Der Arbeitslosedrückte geistesabwesend auf „Voice Presentation“, so dassdie Nachricht noch einmal langsam von der computerani-mierten Frauenstimme vorgelesen wurde. Das war eben-falls eine Neuheit. Die Verwaltung hatte die „Voice Pre-sentation“ vor einigen Jahren eingeführt, da viele Bürgermittlerweile Analphabeten waren, vor allem die jüngereGeneration, und wichtige amtliche Nachrichten daher auchin vorgelesener Form verfügbar sein mussten. Der Rest jenes Tages verging ohne weitere spektakuläreEreignisse. Der 14.08.2027 war bereits morgen. „Dannhabe ich wenigstens einen Grund aufzustehen“ dachte sichFrank und grinste mit leidender Miene. Er versuchte noch, seinen Vater anzurufen, um ihn umein wenig Geld anzubetteln, aber der ging den gesamtenTag über nicht ans Telefon. Aber es war noch etwasSchnaps da. Frank betrank sich bis es dunkel wurde undschlief dann irgendwann ein. Beinahe hätte er vergessen,seinen Wecker zu stellen ... 25
  26. 26. Automatisiertes Gerichtsverfahren Obwohl es erst August war, kam dieser Morgen FrankKohlhaas ausgesprochen kalt und dunkel vor. Sein Halsschmerzte und er hatte leichte Kopfschmerzen vomSchnaps des gestrigen Abends. Der örtliche Justizkomplexwar über eine Stunde Fußmarsch von seinem Wohnblockentfernt, aber der Bürger dachte sich, dass es eigentlichnicht verkehrt sein könnte, ein paar Meter an der mehroder weniger frischen Luft zu laufen. So konnte er wenigs-tens die Auswirkungen seines Katers bekämpfen. Hastig schlang er ein paar Scheiben Toastbrot hinunter,schluckte den auflösbaren Kaffee hinunter und betrachtetedas Etikett auf dem Plastikbehälter des Kaffeepulvers.„Globe Food“ stand darauf und eine Weltkugel war zusehen. Darüber war eine Pyramide abgebildet, in derenMitte ein großes Auge prangte. Über allem stand dieLosung: „Food for the people!“. „Komisches Symbol!“ murmelte Frank in seinen Stop-pelbart hinein. Es war ihm bisher noch nie aufgefallen, obwohl er seitJahren nur noch in den billigen „Globe Food“ Supermärk-ten, die ganz Berlin dominierten, einkaufte. Dann flog derGedanke wieder so schnell weg, wie er ihm in den Kopfgekommen war… Die ungewöhnliche Kälte ließ Frank erschauern. Einkühler Luftzug zog durch das noch dunkle Treppenhaus,was sogar den Geruch fauliger Eier kurzzeitig hinwegfegte.Vor ihm ging ein Nachbar, den Frank meinte, schon26
  27. 27. einmal gesehen zu haben, die Stufen hinab. Er brabbelteirgendetwas, dass sich wie „Morgen!“ anhörte, aber Frankwar sich nicht sicher. Der Angeklagte lief langsam undschwankte leicht, als er seinen Wohnblock hinter sich ließ.Er blickte kurz auf den Spielplatz im Hof und betrachteteeinige Kinder, die in einer ihm unverständlichen Sprachemit schrillen Stimmen schrien. War es türkisch? Oderarabisch? Als die Uhr 7.43 anzeigte, konnte er bereits die Konturendes für ihn zuständigen Justizkomplexes von weitemerkennen. Es war ein großes rotes Gebäude mit Hundertenvon Fenstern und über 30 Etagen. Davor befanden sichDutzende von Gerichtszellen, eine davon war für ihnbestimmt. Die Kammern, in denen man seinem automatisiertenGerichtsverfahren beiwohnen konnte, waren aus einemgräulich schimmernden Metall angefertigt und etwa viermal vier Meter groß. So schätzte es Frank zumindest ausder Ferne ein. Drei oder vier weitere Bürger wartetenbereits davor, dazwischen einige Polizeibeamte. Er wurdelangsam unruhig. Vielleicht war diese Anhörung dochunangenehmer, als er sich anfangs gedacht hatte. Nun galt es, zuerst ein elektrisches Gatter zu passieren,das von einem ergrauten Pförtner in einem kleinen Wach-häuschen behütet wurde. Dieser winkte Frank sofortheran, als er ihn sah. „Herkommen!“ rief er. Der junge Mann hastete vorwärts und stellte sich vor denEingang der Wachstube. „Scanchip!“ sagte der Pförtner und hielt ein lasergesteuer-tes Ablesegerät in der Hand. Wortlos zog er Frank den 27
  28. 28. Scanchip aus der Hand, ohne ihn auch nur anzusehen undsagte nach einem kurzen „Biep“ seines Codelesers: „Ge-richtszelle 4/211! Beeilen Sie sich! Wir haben gleich 8.00Uhr! Wenn Sie zu spät kommen, wird es nur teurer fürSie!“ Franks Herz fing an, schneller zu pochen. Ängstlichbegann er, die Gerichtszellen abzusuchen, um dort seineNummer zu finden. Andere Angeklagte, die ebenfalls nichtgerade fröhlich wirkten, musterten ihn mit einigen kurzenBlicken. „Reihe 4! Scheiße! Ich muss mich beei-len...211…Mist“ jammerte Frank, den sein Blick auf dieUhr immer nervöser machte. Es waren nur noch zwei Minuten bis zum Beginn seinerAnhörung. Er fing an zu rennen und mit rasendem Herzenund stärker werdenden Kopfschmerzen erreichte erschließlich seine Gerichtszelle gerade noch vorschriftsmä-ßig. Noch außer Atem empfing ihn schon eine elektronischeFrauenstimme: „Willkommen Bürger 1-564398B-278843bei Ihrem automatisierten Gerichtsverfahren! Bitte gebenSie jetzt Ihre Angeklagtennummer in das Display ein unddrücken Sie auf „OK“!“ Frank zog seinen Scanchip aus der Hosentasche, tipptesich gehetzt durch sein Message-Menü und versuchte, dieAngeklagtennummer korrekt wiederzugeben. Mittlerweileüberfiel ihn fast eine selten gekannte Panik. Er schaute sichum. „Eigentlich muss ich nicht in diesen Blechkasten, da ichnichts getan habe.“ dachte er sich, doch schon öffnete sichdie Tür.28
  29. 29. Franks Hände waren auf einmal verschwitzt, er atmetelauter. Vor ihm tat sich ein schwach beleuchtetes metalli-sches Loch auf, welches ihn zum Vortreten aufforderte. „Treten Sie ein, Bürger 1-564398B-278843! Ihr Verfahrenläuft bereits!“ tönte es aus einem Lautsprecher an derDecke der halbdunklen Kammer. Frank Kohlhaas wusste,dass er jetzt in die Zelle hinein musste und sich nichtweigern konnte. Immerhin war es eine offizielle behördli-che Anweisung und da gab es niemals und in keinem Falleine Diskussion oder gar eine Ausnahme. Er machte einenSchritt vorwärts und seine Knie fühlten sich mit jederverstreichenden Sekunde weicher an. Ein Bildschirmblitzte auf, das automatisierte Gerichtsverfahren gegen dentheoretischen Täter Frank Kohlhaas nahm seinen Lauf. In großen und leuchtenden Lettern waren auf dem Bild-schirm die Tatvorwürfe zu lesen: - Massive Störung des Betriebsfriedens - Theoretische schwere Körperverletzung Frank schluckte und stieß einen heftigen Schwall Luftaus. Die unheimlich wirkende Frauenstimme, so freundlichwie ein unbemerkter Virus, begann mit den Ausführungen.Es folgten eine ausführliche Schilderung des Tathergangs,die Auflistung von Zeugen, zusätzliche Sub-Anklagepunktewie „subversive Aussagen am Arbeitsplatz“ und einigesmehr. Der junge Mann sagte mehrere Minuten nichts, aber manhatte ihn ja auch nicht gefragt, lediglich die Computer-stimme redete, führte aus und klagte an. 29
  30. 30. Die ehemaligen Kollegen Schmidt, Adigüzel und Nyanghatten bestätigt, dass der Angeklagte mehrfach das Mitsin-gen des „One-World-Songs“ verweigert hatte und denText am 02.04.2027 sogar als „Schwachsinn“ bezeichnethatte. Produktionsüberwacher Sasse hatte zu Protokoll gege-ben, dass die aggressive Mimik und der Gebrauch von sehrstarkem Vokabular bei der Auseinandersetzung in derFabrik auf eine „ausgeprägte Aggressionsstörung undeinen Hang zum unnötigen Hinterfragen unbedingt ge-rechtfertigter Anweisungen“ hindeuteten. Der Leiter desProduktionskomplexes hatte dies bestätigt. Es folgtenweitere Details, Gesetzesvorschriften und Vorschriften fürerweiterte und tiefergehende Anweisungen im Bezug aufdie Aufstellung und Neudefinition von Vorgaben – undderen mehr. „Sei froh, dass du mein Vorgesetzter bist, sonst würde ich dir deineFresse polieren!“ Die Absicht, den Vorgesetzten zu schlagen, war hier inden Augen des automatisierten Gerichts mehr als eindeutigbewiesen. Der Unterschied zwischen einer so formuliertenAbsicht und einer tatsächlich ausgeführten Tat war laut dermodernen Gesetzesauffassung, die sich stark an Psycholo-gie und Statistik orientierte, relativ gering. Weiterhin wardamit die Wahrscheinlichkeit, diese Tat eines Tages auchreal zu begehen, da ja die Absicht klar formuliert wordenwar, gewaltig angestiegen (vgl. „Gesetzesentwurf zurAbgleichung von tatsächlichem, theoretischem und zu-30
  31. 31. künftig wahrscheinlichem Verhalten vom 02.10.2020,Aktencode: V-LUN-36777192934457656-Z, (89)“). Frank glotzte wie ein verdutztes Rind, das gegen einenelektrischen Zaun gelaufen war, auf den Bildschirm. Soschnell konnte er gar nicht mitdenken, wie ihn diesesComputerprogramm zu einem potentiellen Störfaktor, jazu einer regelrechten Gefahr für die auf Freiheit undMenschlichkeit basierende Ordnung des weltweiten Sys-tems machte. Nach einer ganzen Stunde waren die Ausführungenschließlich zu Ende. Es erschien ein neuer Menüpunkt aufdem Bildschirm. Die Frauenstimme mit dem elektroni-schen Beigeschmack las die Sätze freundlicherweise zusätz-lich noch einmal laut und frostig-freundlich vor: „Wenn Sie die Anklagevorwürfe abstreiten, klicken Sie aufNEIN!“ „Wenn Sie die Anklagevorwürfe zugeben, klicken Sie auf JA!“ Bürger 1-564398B-278843 zögerte, kniff die Augen zu-sammen und versuchte, seine Gedanken halbwegs zuordnen. „Was soll dieser Scheiß? Ich habe nichts, überhauptnichts Schlimmes getan. Dieser ganze Mist hier ist einschlechter Witz!“ fauchte Frank durch die Gerichtszelle. Am liebsten hätte er diesen widerlichen Bildschirm einge-treten. „Ich stimme mit NEIN! Ich habe niemandenverletzt oder so….Nein! Ich klicke verdammt noch mal aufNEIN!“ schrie er plötzlich. 31
  32. 32. Der Anklagte hämmerte erregt auf die Tasten vor sichund wählte NEIN. Es dauerte etwa eine halbe Minute. Der Computer arbei-tete. „Loading…“ stand in leuchtenden Buchstaben aufdem Bildschirm. Frank fühlte sich für eine Sekunde ir-gendwie erleichtert. „Jetzt weiß das Scheißding, dass ich unschuldig bin. Ichhabe mich klar ausgedrückt: NEIN! schoss es ihm blitzar-tig durch den Kopf. Er lächelte, ein wenig erleichtert, die Anspannungschwoll für die Zeit eines Wimpernschlages ab. Dannbekam er die Antwort des automatisierten Gerichtscompu-ters mit metallischem Klang und grausam kombiniertenBuchstaben auf dem leuchtenden Bildschirm entgegengeschleudert: „Angeklagter, Sie haben NEIN gewählt! Damit streiten Sie denAnklagevorwurf ab und unterstellen in diesem Kontext unserem vonhumanistischen Prinzipien geleiteten Rechtssystem, diese nicht zubeachten! Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Auswahl desMenüpunktes NEIN grundsätzlich zu einem erhöhten Strafmaßführt, da es die Uneinsichtigkeit des Angeklagten verdeutlicht...“ IHR URTEIL WIRD GELADEN ... LOADING ... Der junge Mann stockte, seine breiten, dunklen Augen-brauen schoben sich nach oben und seine Augen öffnetensich immer weiter. Sein Mund wurde zu einem staunendenund schockierten Loch, aus dem ein Tropfen herausfiel. Frank Kohlhaas` Verstand schien blockiert, kurzzeitig auf„Standby“ gestellt. Die Daten waren zu groß und zu32
  33. 33. schrecklich, um von seinem Gehirn anständig verarbeitetwerden zu können. Der biologische Computer unter seinerSchädeldecke schien erst einmal abzustürzen, er hängtesich einfach auf. Dann schlug ihm der hämisch leuchtende Bildschirm inZelle 4/211 mit noch größerer Dreistigkeit ins Gesicht.Das Urteil wurde verkündet: „Bürger 1-564398B-278843! Sie werden hiermit zu 5 JahrenHaft in einem Zentrum für Umerziehung und Resozialisierungverurteilt! Zur Begründung: Die statistische Wahrscheinlichkeit für theoreti-sche schwere Körperverletzung beträgt in Ihrem Fall 78,11 %! Die statistische Wahrscheinlichkeit für zukünftiges subversivesVerhalten beträgt bei Ihnen 53,59 %! Weiterhin hat sich dieAuswahl des Menüpunktes NEIN strafverschärfend auf Ihr Urteilausgewirkt. Doch seien Sie unbesorgt. Es gibt mittlerweile zahlreichestaatliche Einrichtungen, in denen Menschen wie Sie bestens thera-piert werden können, um wieder ein glückliches und angepasstesLeben in unserer humanistischen Gesellschaft führen zu können! Wirdanken für Ihr Verständnis!“ Franks Glotzaugen bohrten sich in den Bildschirm undseine Ohren dröhnten. Die elektronische Frauenstimmehallte in seinem Kopf nach wie das Echo einer Atombom-benexplosion. Sie wurde zu einem schleimigen Wurm, dersich durch die Ohrmuschel bis ins sein Gehirn vorwärtsfraß. „5 Jahre Haft?!“ stammelte der Mann. Frank versuchte, sich selbst zu erklären, dass ihn seinGehör getäuscht hatte, aber es stand in grinsenden Buch- 33
  34. 34. staben auch vor seinem Auge. Beide Sinne konnten sichleider nicht irren. Er war verurteilt. Es stimmte. Noch in Schockstarre befindlich nahm der Angeklagtekaum wahr, als das elektronische Schloss hinter ihmeinrastete und sich die Gerichtszelle automatisch versperr-te. Die Verdammnis war verkündet worden und der Sackwurde zugeschnürt. In den ersten Minuten war Frank vielzu perplex, um ausrasten zu können. Die Verzweiflung indiesem frühen Moment war noch viel zu übermächtig, alsdass sie Gefühlen wie Hass und Wut Raum geben konnte. Für diesen Vorgang wurden Frank 411,66 Globes Ver-waltungsgebühr von seinem Scanchip-Konto abgebucht,worauf ihn die Stimme noch hinwies. Er sollte sich jetztweiterhin ruhig verhalten und warten, bis ihn die Polizei-beamten in seiner Gerichtszelle abholten und zu einemTransportfahrzeug begleiteten, verkündete der Computer.Bürger 1-564398B-278843 nahm diese weiteren Anweisun-gen nur noch emotionslos zu Kenntnis. Zu schwerwiegendwar der Zustand der Betäubung. Erst eine halbe Stundespäter raffte er sich kurz auf, um in seiner Verzweiflung zuweinen und zu schreien. Doch ihm fehlte die Kraft und sosank er schnell wieder zu Boden, kroch in eine dunkleEcke und wartete. „Vielleicht ist es auch nur ein Missverständnis? Es wirdsich sicherlich aufklären lassen.“ flackerte es zeitweilig inseinem Verstand auf. „Ja, ich muss es den Beamten sagen.Sie sollen es noch einmal überprüfen. Der Computer musssich geirrt haben“.34
  35. 35. Als sich zwei Polizisten der Gerichtszelle 4/211 etwa eineStunde später näherten, hörten sie Frank schon vonweitem lamentieren. „Das ist mit Abstand der lauteste Typ heute morgen.“sagte der eine hämisch. „Ja, der hat ein beachtliches Organ!“ antwortete derandere. Die stählerne Tür der dunklen Gerichtskammer öffnetesich und den zwei Polizisten bot sich ein trauriger Anblick.Aber es war kein Bild, das ihnen fremd war. DerartigeAusbrüche von Angeklagten nach automatisierten Ge-richtsverfahren waren vollkommen normal und alltäglich.Sie holten sie den verurteilten Bürger ab... 35
  36. 36. Big Eye Der Transport nach „Big Eye“, einem der größten undmodernsten Hochsicherheitsgefängnisse im gesamtenVerwaltungssektor „Europa-Mitte“, dauerte nicht allzulange, doch Frank kam er wie eine halbe Ewigkeit vor.Geistig abwesend, wie von einem Betäubungspfeil getrof-fen, ließ er die eigentlich schöne ländliche Gegend auf demWeg nach Bernau an sich vorbei ziehen. Die Polizeibeamten schwiegen die meiste Zeit über odersprachen über die neue Fernsehshow „Der kleine Flüste-rer“, bei der Kinder Preise gewinnen konnten, wenn siesubversives Verhalten bei ihren Eltern oder Verwandtenaufdeckten. Eigentlich hatte sich der junge Mann vorgenommen, diePolizeibeamten anzusprechen, ihnen zu sagen, dass allesnur ein Justizirrtum sei, aber er tat es nicht. Und sie wirk-ten auch nicht so, als hätten sie übermäßigen Gesprächs-bedarf gehabt. Nach einer Weile wurden die Umrisse eines riesigenGefängniskomplexes am Horizont sichtbar. Das war „BigEye“. Frank hatte einmal eine Reportage im Fernsehenüber diese Anstalt gesehen, wo den Zuschauern nurglückliche und geheilte „Patienten“ (so war die offizielleBezeichnung) gezeigt wurden. Jetzt war er selbst auf demWeg dorthin. Das Gebäude war von hohen Betonmauern,die mit Stacheldraht und Wachtürmen versehen waren,umringt. Es besaß mehrere Stockwerke und an einerAußenmauer erkannte der Häftling dieses seltsame Sym-bol, dass ihm heute morgen schon auf dem Etikett seines36
  37. 37. Kaffeepulverglases aufgefallen war: eine Pyramide miteinem Auge in der Mitte. Das Zeichen sah zwar etwasanders aus als das Firmensymbol der „Globe Food“Ladenkette, aber die Ähnlichkeit war trotzdem eindeutig.„Big Eye – das große Auge. Niemand entkommt seinemBlick!“, dachte Frank von Furcht ergriffen. Er sollte Rechtbehalten... Der „Patient“ wurde aus dem Transporter geführt unddie Beamten mussten diesmal nicht grob werden. Er folgteihnen, schwieg und nahm wie in Trance alle Anweisungenund Befehle zur Kenntnis. Kleiderordnung, Essensausga-be, Schlafenszeit. Er hörte kaum hin, versunken in einefinstere Grübelei. Aber das spielte auch keine Rolle. Er sollte laut Gerichts-urteil fünf Jahre hier bleiben und hatte demnach Zeitgenug, den Tagesablauf bis ins kleinste Detail zu verinner-lichen. Nachdem Frank seine Straßenkleidung abgegebenhatte, musste er ein weißes Hemd und eine weiße Hoseanziehen, ebenso weiße Turnschuhe. „Sie bekommen jede Woche eine neue Garnitur“, erklärteihm einer der Wärter. „Folgen Sie mir jetzt, Bürger 1-564398B-278843! Ab heute heißen Sie in dieser Anstaltübrigens 111-F-47...Patient 111-F-47! Haben Sie dasverstanden?“ Frank brachte ein „Ja“ heraus und nickte. „Gut“, fuhr der Wärter fort. „Dann folgen sie jetzt denVollzugsbeamten, die Sie in Ihre Zelle im Block F bringen.Machen Sie keine Schwierigkeiten!“ Der neue Gefangene wurde viele Treppenstufen hinaufgeführt bis in eines der obersten Stockwerke des Gefäng- 37
  38. 38. niskomplexes. Innerlich gebrochen stierte er die meisteZeit auf den Boden, doch selbst in seiner lethargischenSchockstarre fiel ihm auf, dass von den anderen Gefange-nen fast nichts zu hören war. Keine Gespräche, keinSchreien oder sonst ein Laut. Es war beklemmend. Dietiefen Gänge von „Big Eye“ waren unheimlich still und alleZellentüren mit extrem dicken Stahltüren verschlossen aufdenen Nummern standen. Die Zelle mit der Nummer 47 im Block F war für Frankbestimmt. Er versuchte sich vorzustellen, dass alles nur einböser Traum sei. Es konnte einfach nicht real sein undgleich würde er aufwachen, um sich als erstes an demfauligen Eiergeruch aus seinem Hausflur zu erfreuen. Erwürde aus seiner Wohnung hinauslaufen und laut über denFlur schreien: „Schön, dass du da bist, Gestank!“ Ja, das würde er machen, denn gleich würde er sicherlichfort sein und dieser schreckliche Ort würde zerplatzen wieein böser Gedanke. Doch es war nicht so. „111-F-47! Wir sind da! Das ist ihre Zelle!“ sagte plötz-lich einer der Vollzugsbeamten. Der stämmige Mann mit dem braunen Schnauzbart undden kantigen Wangenknochen gab den Access Code einund die Zelle öffnete sich. „Rein da, 111-F-47!“ knurrte er. In diesem Moment schien die Klarheit wieder in FranksGeist zurückzukehren. Plötzlich wurde ihm mit unange-nehmer Schärfe bewusst, dass er fünf ganze Jahre in soeinem Loch verbringen sollte. Das ließ seinen Verstandwie Glas zersplittern. Er brach zusammen und verlor dasBewusstsein.38
  39. 39. Nach einer unbestimmten Zeit wachte Frank wieder auf.Aufgeweckt durch gleißend helles Neonlicht, das sichdurch seine Augenlider fraß. Zwar war er noch rechtbenommen und ihm war schlecht, doch war das Licht sopenetrant, dass es ihm regelrecht in den Schädel stach. „Wachen Sie auf, Patient 111-F-47!“ dröhnte eine Stim-me in irgendeiner Ecke des Raumes, in welchen man denHeilungsbedürftigen gesperrt hatte. „Wachen Sie auf,Patient 111-F-47!“ schallte es erneut. Frank lag mit demRücken auf einer weißen Kunstlederpritsche und seineKopfschmerzen kehrten mit aller Macht zurück. „WachenSie auf, Patient 111-F-47!“ Immer wieder und wieder. Der Schädel des jungen Mannes fühlte sich an, als hätteman ihn in einen Schraubstock gespannt, er hatte Hungerund war zugleich vollkommen müde und schlapp. „Lasst mich in Ruhe!“ stammelte er und versuchte, sichvom grellen Licht weg zu drehen, doch es war kaummöglich. „Patient 111-F-47! Hören Sie zu!“ hallte es von der De-cke der Zelle. Frank setzte sich auf die Kante der Pritsche und hielt sichdie Hände vor die Augen. „Was soll das?“ schnaufte er. „Herzlich willkommen in Ihrer Holozelle, Patient 111-F-47! Haben Sie keine Angst. Sie befinden sich in einerHeilanstalt und wir wollen Ihnen helfen!“ erläuterte diemetallische Frauenstimme aus einem Lautsprecher. „Diese neuartige Holozelle ist ein Teil Ihrer Therapie,Patient 111-F-47! Wir nutzen diese Einrichtungen hier in„Big Eye“, um Ihnen zu helfen, den Pfad des angepasstenBürgers wiederzufinden. In dieser Holozelle verschwim-men alle Konturen; sie ist unbegrenzt, wie die „One- 39
  40. 40. World“, deren glücklicher Bürger Sie wieder werden sollen,Patient 111-F-47! Vertrauen Sie uns und unseren neuestenTherapiemöglichkeiten. Von Menschenfreunden entwi-ckelt, um den Menschen zu helfen. Diese Zelle beinhaltetdie Freiheit, weil sie keine Grenzen kennt. Es ist IhreFreiheit, die Freiheit Ihres Geistes, der unter unsererLeitung lernen wird, sich selbst zu heilen.“ Frank Kohlhaas hielt sich immer noch seinen schmer-zenden Schädel. Dieses Licht war unerträglich und es solltenoch Wochen dauern, bis er sich halbwegs an den grellenSchein gewöhnt hatte. Er musterte seine neue Heimat. DerRaum war vielleicht zehn mal zehn Meter groß, unterUmständen auch kleiner. Man sah aufgrund des extremhellen, weißen Lichtes kaum die Konturen der Wände oderdie Zellentür. Der Lichtschein war grauenhaft und er drang bis in dieletzten Winkel seines Gehirns vor. Auch wenn man dieAugen zukniff, so belagerte diese unnatürliche Helligkeitden verbarrikadierten Kopf beharrlich wie eine Armee.Franks Kopfschmerzen waren unerträglich. Er übergabsich auf seine Pritsche und kroch in eine Ecke. „Patient 111-F-47! Hören Sie? Sie sind in einer Holozelle!Haben Sie das verstanden? Wenn ja, dann heben Sie dieHand!“ forderte der Lautsprecher energisch. Der kranke Mensch signalisierte, dass er verstanden hatteund kauerte sich weiter in seine Ecke. In der Zelle warenkeine Gegenstände, lediglich die Pritsche und eine Toilettean der gegenüberliegenden Wand. Ansonsten war hier nurdas beißende Licht. „Sie werden zweimal am Tag eine Stunde Umerziehungbekommen!“ erklärte die unnatürliche Stimme aus der40
  41. 41. oberen Ecke des Raumes. „Die erste Umerziehungsstundebeginnt in 30 Minuten, Patient 111-F-47! Machen Sie sichbereit!“ Frank war mit der Situation vollkommen überfordert undvergrub sein Gesicht, nach wie vor in der Ecke zusam-mengesunken, hinter seinen Knien. Er versuchte an nichtszu denken und hätte alles dafür getan, dieses verfluchteLicht abzuschalten. Doch das stand nicht in seiner Macht.So wie nichts in „Big Eye“ in seiner Macht stand. Er warhier nur die weiße Maus, die kleine Laborratte im Käfig,die alles erdulden musste, was sich die kranken Erfinderdieser sogenannten „Heilanstalt“ ausgedacht hatten. Dannbegann die Umerziehungsstunde, wobei der Lautsprecher111-F-47 noch einmal intensiv die Gründe seiner „Thera-pie“ erläuterte. Er sagte, dass man hier einen „gutenMenschen“ aus Frank machen wolle. „Einen Menschen,der menschlich ist, indem er seine Menschlichkeit über-windet“. So ging es eine ganze Stunde lang und das Licht brannteund schmerzte immer schlimmer. Zeitweise verlor derGefangene die Orientierung, da ihm der grelle Schein oftwie ein weißer Nebelschwaden vorkam. Sein Kopf dröhn-te. Und dann noch dieses metallisch klingende Gerede,diese stählerne Computerfrau, die ihn quälte. „Ich halte diesen Wahnsinn keine zwei Wochen aus!“sagte Frank zu sich selbst und rollte sich in der Eckeimmer kleiner zusammen. „Ich will, dass es aufhört…BitteGott…“ jammerte er. Doch Gott hörte ihn nicht. Zu perfekt war die Schalliso-lierung der Holozelle im Gefängniskomplex „Big Eye“. 41
  42. 42. Wenn Frank hier einen Gott hatte, dann war es er oder sieoder es, das Wesen hinter dem Lautsprecher. Nachts um 22.00 Uhr wurde das grelle Licht abgeschaltet.Der Raum wurde dann schlagartig stockfinster. So finster,dass nicht die kleinste Lichtquelle übrig blieb. Frank sahdie Hand vor Augen nicht mehr und in seinem Kopfhüpften noch die Nachwirkungen des gleißenden Licht-scheins als bunte Farben umher. Es gab hier nur extrem hell oder extrem dunkel. Werauch immer das Konzept der Holozelle entwickelt hatte,wusste genau, dass diese grausame Form der Konditionie-rung selbst den widerspenstigsten Mann innerhalb von nurkurzer Zeit in einen willigen Sklaven verwandelte. Und sovergingen die ersten Tage in „Big Eye“ langsam undhinterließen viele tiefe Narben im Verstand des nochjungen Menschen. Doch es gab kein Entkommen. KeineMöglichkeit zu fliehen, keine Rettung durch Gott. Nur derTeufel schien sich für „Big Eye“ zu interessieren – vermut-lich hatte er diese Hölle auf Erden sogar konstruiert. „Stehen Sie gerade, Patient 111-F-47!“ Hier in „Big Eye“gibt es keine Gewalt unter Patienten, keine Aufstände undkeinen Ärger – denn jeder bleibt die gesamte Haftzeit fürsich allein. Sie, 111-F-47, sind einer der ersten heilungsbe-dürftigen Menschen, der das Glück hat, in einer Holozelleseine Therapie zu erhalten. Wir freuen uns für Sie, dass dascomputergestützte Auswahlverfahren Sie für diesen Raumvorgesehen hat. Verhalten Sie sich willig, seien Sie anpassungsfähig undlernen Sie die Regeln des Systems zu respektieren. Nicht42
  43. 43. jeder Patient hier hat das Glück, in eine Holozelle zukommen. Sie sind einer der Prototypen. Strengen Sie sichan und unterstützen Sie die Entwickler der Holozellen,indem Sie dieser Therapie zum Erfolg verhelfen!“ tönte eseines morgens durch den Raum. An anderen Tagen wurde Patient 111-F-47 erklärt, wiewichtig es ist, alles zu glauben, was die Medien sagen. Wienötig es ist, den Menschen von seinen Instinkten zubefreien, seinen noch zu sehr an die Natur gebundenenVerstand neu zu formatieren und psychisch richtig zuprogrammieren. Wie unausweichlich die Sedierung desMenschen ist, damit er glücklich werden kann. Wie wichtigKonsum und Gewinnmaximierung für eine funktionieren-de Gesellschaft sind. In diesen langen Wochen der Isolation, der grellen künst-lichen Tage und der schwarzen unnatürlichen Nächte wares Franks größte Sorge, nicht den Verstand zu verlieren.Die Einsamkeit, die Langeweile und vor allem das bohren-de Licht hatten ihn nach einem Monat in eine traurigeGestalt verwandelt. Sehr oft dachte er jetzt an seinen Vaterund seine Schwester, die einzigen Mitglieder seiner Familie,die noch da waren. Franks Mutter war vor drei Jahrengestorben, er hatte sie sehr geliebt und mit ihrem Todverlor er nicht nur seine biologische Mutter, sondern auchseinen besten Freund, seine engste Bezugsperson aufdieser Welt. Die Zeit danach war hart. Jetzt hatte er meistkeinen mehr zum Reden. Zu seinem Vater, Rainer Kohlhaas, der im östlichen TeilBerlins wohnte, hatte Frank immer nur unregelmäßigenKontakt gehabt. Selten, zu selten, hatte er ihn bisher 43
  44. 44. besucht, wenn er ehrlich war. Aber Rainer Kohlhaas warein gefühlsarmer Klotz, jedes Gespräch mit ihm warmühsam, so wortkarg war er immer. Gestritten hatten siefrüher häufig. Oft zeigte der Vater offen seinen Unmutüber Franks Lebensweg und hielt als positives Beispielimmer Franks Schwester Martina hoch. Das hasste seinSohn, doch jetzt waren diese Dinge ohnehin nicht mehrvon Bedeutung. Ab und zu telefonierte er mit seiner älteren Schwester,der Erfolgreicheren der beiden Kinder. Martina Kohlhaaswar Lehrerin geworden, hatte geheiratet und Frank benei-dete sie oftmals um ihre gute Bezahlung. Sie beichtete ihmallerdings eines Tages, wie sehr sie der Lehrerberuf belaste-te und wie viel Nerven er sie kostete. Sie unterrichtete die Fächer „Biologie“ und „Englisch“ aneinem Einheitsschulkomplex in Wuppertal im UnterbezirkWestfalen-Rheinland. Die Situation an den Schulen be-schrieb sie als immer unerträglicher und Frank hatte denVerdacht, dass sie mittlerweile schon Beruhigungsmittelschluckte oder trank. Aber sie hielt durch, ihrem Mannund ihrem Sohn, dem kleinen Nico, zuliebe. Bürger 1-564398B-278843 hatte seinen Neffen erst zweimal gese-hen, war aber immer stolz gewesen, Onkel zu sein. In diesen schrecklichen Tagen dachte er sehr oft an denRest seiner Familie, der vielleicht gar nicht wusste, dass erhier eingesperrt war. Sie wunderten sich vermutlich ledig-lich, dass Frank seit Wochen nicht mehr ans Telefon ging. Vielleicht hatten sie seine Familienmitglieder aber auchinformiert, dass er straffällig geworden, jetzt unter dieVerbrecher gekommen war, und erst einmal seine gerechteStrafe absitzen musste. Er wusste es nicht, aber er konnte44
  45. 45. sich das Gesicht sein Vaters vorstellen, wenn er dieseNachricht bekam. „Ich hatte immer die Befürchtung, dass der Junge seinLeben vergeudet. Jetzt hat er alles endgültig versaut“, hatteer vielleicht gemurmelt. Der Häftling mochte lieber nichtan so etwas denken. „Was ist wohl aus meiner Wohnung geworden?“ grübelteer vor sich hin. „Mit Sicherheit ist sie bereits neu vermietetworden. Das geht schnell, wenn die Miete nicht mehr vomScanchip abgebucht werden kann.“ Frank konnte hier nur mit sich selbst sprechen undmachte seiner Verzweiflung und Hilflosigkeit manchmalmit schreien oder weinen Luft. Doch es änderte nichts. Eswar erst ein einziger Monat verstrichen und Frank kam esvor, als wäre er bereits vom einen Ende der Hölle zumanderen gelaufen. Leicht war es nicht, hier durchzuhalten. Und da die tägli-chen zwei Umerziehungsstunden eigentlich sogar dasInteressanteste waren, was an einem Tag in der Holozellegeschah, freute sich Frank nach einer Weile gelegentlichsogar darauf. Manchmal versuchte er jedoch auch den Lautsprecher,der viel zu hoch hing, um ihn zerstören zu können, herun-ter zu reißen. Er steigerte sich dann in so eine Wut hinein,dass er gegen die Wände trat oder sich selbst so stark inden Arm biss, dass es blutete. Franks einsamer Kampfgegen die Windmühlen ging so einige Zeit weiter. Immererfolglos und immer näher am Verlust seines gesundenMenschenverstandes. Manchmal schrie er vor dem Laut-sprecher laut herum, bettelte um Gnade und Vergebungund gelobte jede Regel und jede Vorschrift für alle Ewig- 45
  46. 46. keit zu befolgen, alles zu glauben und alles zu tun, was manvon ihm verlangte. Doch niemand antwortete ihm. Als zwei Monate herum waren, brach Frank immer öfterin Tränen aus oder verkroch sich wimmernd und zappelndunter seiner weißen Kunstlederpritsche. Er bildete sich ein,bereits wahnsinnig oder auf dem besten Wege dorthin zusein. Patient 111-F-47 traute seinem eigenen Urteil nichtmehr und von anderen Menschen war er wie durch einengewaltigen Ozean getrennt. Im zweiten Monat seiner Haftzeit machte er den Wahn-sinn zu seinem Begleiter. Er stellte ihn sich manchmal alsZellengenossen vor. Groß, hager, mit ganz blasser Hautund tiefen Furchen im Gesicht. Auch in der vorschrifts-mäßigen weißen Zellenkleidung von „Big Eye“ gekleidet.Wenn der Wahnsinn neben ihm auf der Pritsche saß,antwortete er jedoch leider nie. Er grinste nur seltsam kühlund entblößte dabei seine gelblich-braunen Zähne. Abertrotzdem erzählte Frank ihm viele Dinge. Manchmalbildete sich der Patient auch ein, dass der „Herr Irrsinn“,wie er ihn nach einiger Zeit nannte, in der komplettenFinsternis der Nacht in der Ecke lag und schnarchte. Dannkroch er über den Boden und versuchte ihn zu finden, umihm zu sagen, dass er gerne in Ruhe schlafen wollte. Frank dachte über viel wirres Zeug nach und es warkaum nachzuvollziehen, ob er sich darüber im Klaren war,dass es wirres Zeug war. Es war ein Trip über die Grenzendes menschlichen Verstandes hinaus und jeden Morgenweckte ihn das quälende Licht. „Das ist die Armee der Lichtteilchen, die mit ihrenRammböcken die Augenlider Stück für Stück einreißt und46
  47. 47. dann laut grölend durch die Augen ins Innere der Schädel-festung vorstürmt – alles abschlachtend und nicht aufzu-halten. Und ja, diese grausame Horde richtet ein Massakerunter meinen grauen Zellen an“, dachte sich der jungeInsasse, wenn er es kaum noch ertragen konnte. Dann hatte er Phasen, in denen er seinen Körper stun-denlang auf Krankheiten hin absuchte. Er fand überallbösartige Knoten und Parasiten. Degenerierte Pickel undseltsame Hubbel unter der Haut, die ihn mit Sorge erfüll-ten. Am Ende des dritten Monats entdeckte er, als er wiederauf dem Boden kauerte, um sich vor dem aggressivenLicht zu schützen, einige rote Punkte neben der Toilette.Frank war sich sicher, dass es Blutspritzer waren, die nurnotdürftig mit weißer Farbe vom Gefängnispersonalüberstrichen worden waren. Herr Irrsinn hatte dazu keineMeinung, obwohl er die ganze Zeit über in der Ecke saßund Frank traurig ansah. Oft dachte der Mann daran, ob es tatsächlich möglich sei,seinen eigenen Kopf an der Wand oder der keramischenToilettenschüssel so kaputt zu schlagen, dass er diesenHöllentrip hinter sich hatte. Was würde passieren? Würdendie Wärter ihn retten und ihn in dieser Kammer weiterverrotten lassen? Eine andere Möglichkeit war, da es hier weder Bettwä-sche noch andere Gegenstände gab, die einen Selbstmordmöglich gemacht hätten, sich die Pulsadern aufzubeißen.Aber jedes Mal, wenn Frank diese Gedanken hatte, verlorer den Mut, es dann wirklich zu tun. Außerdem schauteHerr Irrsinn dann immer sehr besorgt aus seiner Ecke. DasLicht ging wieder aus, es war 22.00 Uhr. 47
  48. 48. Ab dem vierten Monat seiner Gefangenschaft in derHolozelle verbrachte Frank Kohlhaas die meisten Tagedamit, stundenlang und regungslos auf dem Bauch zuliegen – unter seiner Pritsche. „Soll Herr Irrsinn doch auf der Pritsche liegen, ich liegedarunter. Soll er sich doch dieses verdammte Licht antun.Mich erreicht es hier nicht mehr“, dachte er und setzte einirres Grinsen auf. An seine Familie dachte er jetzt seltener. Und was solltees ihm auch nützen? Hier war er von allen getrennt. VomRest dieser dahinsiechenden Menschheit, wozu auch Vater,Schwester und sein kleiner Neffe gehörten. Und wie hatte ihm die computergesteuerte Frauenstimmein einer Umerziehungsstunde erklärt: „Die Bindungen anFamilie und Sippe sind Fehlleistungen der Natur und derBürger der Neuen Weltordnung kommt ohne sie aus! Siemüssen durch moderne Regeln korrigiert werden. DieFamilie schadet der neuen Ordnung und behindert dieökonomische Entwicklung. Der Mensch muss lernen, sie zu überwinden. Die Familieist nicht fortschrittlich, sie hemmt jede Weiterentwicklung.Vergessen Sie Ihre Familie, denn Ihre neue Gemeinschaftist die Gemeinschaft der Einen-Welt. Sie sind Teil desGanzen, Patient 111-F-47 und das Ganze ist ein Teil vonIhnen!“ Seine einzige Unterhaltung war es in dieser verwirrendenZeit, die Staubkörner auf dem Zellenboden zu begutachtenund festzustellen, dass es mehr interessante Formen undFarben bei ihnen gab, als man gemeinhin dachte. So etwaswar für Frank manchmal regelrecht faszinierend und sohörte er kaum hin, wenn die sanfte Stimme der Umerzie-48
  49. 49. hung aus dem Lautsprecher ihm erklärte, warum die alteOrdnung der Welt falsch war und die neue Ordnung ohneAusnahme richtig. Als der fünfte Monat anbrach, wurde Frank auf einmalgesprächig. Er erzählte Herrn Irrsinn bisweilen fünf odersogar sieben Stunden am Stück alle möglichen Dinge. Erhielt Reden, die den Anweisungen der Umerziehungsstun-den sehr ähnlich waren. Er hatte sich vorgenommen,Herrn Irrsinn, immerhin eine bedeutende Persönlichkeit,die auch bei vielen anderen Menschen häufig zu Gast war,umzuerziehen. Er predigte ihm die wichtigsten Aspekte jeder aktuellenUmerziehungsstunde, rezitierte sie, brüllte sie und schlugund trat manchmal auf Herrn Irrsinn ein, wenn dieser ihnnicht interessiert genug ansah. Und obwohl er diesenHerrn in der Ecke, der auch manchmal auf seiner Pritschesaß, eigentlich als seinen Zellengenossen und Freundansah, musste er ihm auch gelegentlich einmal weh tun,damit er lernte. So hatte Patient 111-F-47 in Herrn IrrsinnsEcke nach dem fünften Monat ein beachtlich tiefes Lochin die Wand getreten – diesen aber leider nie getroffen. Als noch ein weiterer Monat verstrichen war, hatte Frankes aufgegeben, Herrn Irrsinn zu überzeugen, auch einbraver Bürger des neuen Weltstaates zu werden. Jetztversuchte er, sich vor allem jedes einzelne Wort der Umer-ziehungsstunden zu merken und oft konnte er die erstenzwei oder drei Minuten komplett auswendig nachplappern.Er schrie, sang und heulte die Phrasen aus dem Lautspre-cher nach wie ein Papagei. 49
  50. 50. Die Notwendigkeit der Registrierung der Erdbevölke-rung, die Pflicht des Gehorchens, die Selbstregulierung derÖkonomie, die Unabwendbarkeit einer Gesellschaft ohneGeschlechter, Völker und Rassen, die Regel von derAuflösung aller Kulturen und Religionen, das Gebot derUnmenschlichkeit als Grundlage einer neuen Menschlich-keit. Sein Gedächtnis erwies sich, obwohl vom Pilz desWahnsinns schon stark befallen, als erstaunlich gut. Franksah sich als Lernender und mit blutunterlaufenden, ko-chenden Augäpfeln schrie er manchmal „Jawohl, so istes!“, wenn der Lautsprecher zu ihm sprach. Mittlerweile war ein halbes Jahr vergangen und Patient111-F-47 hatte viele Möglichkeiten entwickelt, die Stundenund Tage tot zu schlagen. Sogar einen eigenen Tagesplanhatte er im Geiste aufgestellt: - Essen - Möglichst viele Wörter aus der Umerziehungs- stunde auswendig lernen - Herrn Irrsinn diese erklären (aber nur, wenn er zuhörte) - Die Fasern der weißen Tapete genauer untersu- chen - Das Zimmer nach Staub absuchen - Mittagessen - Sich mit Herrn Irrsinn streiten Franks Essenrationen kamen dreimal täglich durch eineKlappe an der Wand. Man hatte freundlicherweise darauf50
  51. 51. geachtet, dass er seine Holozelle auch für den Zweck derNahrungsaufnahme niemals verlassen musste. Nach weiteren zwei Monaten sahen die Überwachungs-kameras von „Big Eye“, die jede Zelle im gesamten Ge-fängniskomplex fest im Blick hatten und auch den Raum47 im Block F ständig scannten, nur noch einen Menschen,der die meiste Zeit des Tages wie tot mit dem Gesichtnach unten auf seiner Pritsche lag Frank Kohlhaas, der Patient 111-F-47, schien sich in einebeängstigende Lethargie ergeben zu haben und wünschtesich wohl nichts sehnlicher, als das Aussetzen seinesHerzens. So wirkte es jedenfalls. Die Behandlung hatte ihninnerlich zerbrochen und selbst das irrationale Verhaltenund die emotionalen Ausbrüche, die ihn bis dahin, unterder freundlichen Leitung des Herrn Irrsinn, noch irgend-wie auf den Beinen gehalten hatten, waren nicht mehr zusehen. Über acht Monate Holozelle hatten seinen Verstand sostark zerfressen, dass sich auch sein Körper zu weigernschien, die Tortur noch weiter mitzumachen. Das grelle,bösartige Licht, das ihn 14 Stunden am Tag quälte, hatteseinen Henkersdienst fast getan, ebenso die undurchdring-liche Dunkelheit der künstlichen Nächte. Die Holozelle 47im Block F, diese Höllenkammer ohne Fenster, nur mitPritsche, Toilette und Essensklappe in der weißen Wand,hatte den Verurteilten dann doch geschafft. Nicht einmalFranks einziger Freund, der stumm grinsende Herr Irrsinn,hatte es ausgehalten – denn er war weg. 51
  52. 52. Am 21.03.2028 wurde das Licht wieder einmal um 22.00Uhr abends von der computergesteuerten Anlage von „BigEye“ abgeschaltet. Der halb ohnmächtige Frank Kohlhaas,der irgendwo in seiner Zelle mit dem Gesicht nach untenin einer Lache seines Speichels auf dem Boden lag, wurdeerneut von der Dunkelheit verschluckt. Er selbst nahmdies gar nicht mehr wahr. Am folgenden Tag unternahm die Armee der Lichtteil-chen erneut einen Großangriff auf Franks Kopf. Mitlautem Krachen donnerten sie Rammböcken gleich gegenseine Augenlider und schafften es, den halbtoten Patientennoch einmal halbwegs aufzuwecken. Doch Franks Willewar zerschmettert und was sollte ihn jetzt noch ein weite-rer Tag von Hunderten in dieser Holozelle interessieren.Er hoffte, mit dem noch glimmenden Rest seines Verstan-des, dem Tod möglichst bald zu begegnen und er warsicher, dass er den Gevatter wie einen Erlöser feiernwürde, wenn er doch endlich käme. Am 22.03.2028 um 9.45 Uhr morgens dröhnte die elekt-ronische Frauenstimme plötzlich durch die grell erleuchte-te Zelle. Frank lag nach wie vor auf dem Boden wie einsterbendes Tier und vernahm ihren Klang kaum noch. Derkleine Teil seines Hirns, der von der Horde der Lichtteil-chen noch nicht überrannt und geschleift worden war,wunderte sich noch kurz darüber, dass es nach dem Weck-ruf noch eine weitere Ansage gab, dann schaltete er wiederab. Trotzdem war das noch niemals vorgekommen, seit-dem er hier war. Es war ungewöhnlich.52
  53. 53. „Aufgepasst, Patient 111-F-47! Ihre Holozelle wird abmorgen aufgrund von Räumlichkeitsumstrukturierungendurch die computergesteuerte Verwaltung von „Big Eye“einem anderen Patienten zur Verfügung gestellt. Sie selbstwerden in die Heilanstalt „World Peace“ nach Bonnverlegt, wo Ihre Therapie die nächsten vier Jahre und vierMonate fortgesetzt werden wird. Seien Sie unbesorgt, Ihr Heilungsprozess wird nichtunterbrochen. Eine Holozelle gleicher Art steht in „WorldPeace“ für Sie bereit!“ Der junge Mann dachte kaum über den Inhalt derDurchsage nach. Sollten sie ihn doch hinbringen, wohin siewollten. Er würde hoffentlich bald tot und frei sein. Doch bis zum folgenden Morgen lebte er noch. Oderbesser gesagt: Sein Herz weigerte sich, das Schlagen einzu-stellen, obwohl es sich sein Besitzer im wahrsten Sinne desWortes „vom Herzen“ wünschte. Er hatte sich während des ganzen Tages und der Nachtfast überhaupt nicht bewegt und schien es, mit seinemunterbewussten Wunsch zu sterben, wirklich ernst zumeinen. Doch das verstanden die drei Vollzugsbeamten,die pünktlich um 8.00 Uhr seine Holozelle öffneten undden Raum betraten, nicht. Sie waren die ersten Menschenseit über acht Monaten, die Frank hier „besuchten“. Wennauch nur, um ihn von A nach B zu verfrachten, von einerHöllenkammer in die nächste. „Der Kerl atmet noch, aber er sieht verdammt fertigaus“, sagte einer der drei Wächter. 53
  54. 54. „Heee…Steh auf, wir haben nicht ewig Zeit, Mann“,brummte ein weiterer und versetzte Frank einen leichtenTritt in den Rücken. „Hrrrr!“ gab der Gefangene nur von sich und zuckteleicht. „Verdammt, der Typ ist wirklich kaputt. Sieh dir das an,Uwe“, staunte der dritte Vollzugsbeamte. „Hol mal einAufputschmittel, sonst bekommen wir den hier nicht mehrauf die Beine!“ Einer der Beamten entfernte sich und kam eine Viertel-stunde später mit einem Becher Wasser und zwei rotenPillen wieder. „Hey! Hey, 111-F-47! Mach mal den Mund auf. Ja, so is`brav, Junge. Und jetzt runter damit“, befahl er. Frank schluckte die Pillen geistesabwesend hinunter undkonnte wenig später zumindest gestützt laufen. Er verstandnicht, was mit ihm passierte und bemerkte kaum, dass erdie verhasste Holozelle hinter sich ließ. „Los! Reiß dich zusammen, Mann! Du sollst gehen. Ja, soist es gut. Einen Fuß vor den anderen! Vorwärts!“ brumm-te der Wächter und stützte Frank. Patient 111-F-47 wurde aus dem Gebäude des „Big Eye“Gefängnisses nur mit Mühe und Not herausgeschafft. Erwar so schwach und weggetreten, dass ihn die drei Voll-zugsbeamten mehr oder weniger hinter sich her schleifenmussten. „Dass der Kerl nach zwei Pillen „Steroin“ immernoch nicht fit ist?“ bemerkte einer der Gefängnisangestell-ten erstaunt. „Los jetzt, der Transportfahrer wartet schonin Halle B!“ Irgendwann hatte man das Häufchen Elend, das einmalunter dem Namen Frank Kohlhaas bekannt war, mit Hilfe54
  55. 55. von „Steroin“, einem hochkonzentrierten Aufputschmittel,und einigen Schlägen auf den Kopf bis zum Transport-Van befördert. Frank kroch die drei Stufen der Metalltrep-pe hoch und sank auf einen der Sitze nieder. Seine Händewaren mit Handschellen hinter seinem Rücken gesichertworden und er starrte auf den Boden. „Passt auf den Typ auf! Der ist fertig! Nicht, dass er euchwährend der Fahrt noch alles voll kotzt oder sogar ver-reckt“, gab der Vollzugsbeamte seinen Kollegen mit aufden Weg. „Ja, wir passen schon auf!“ antwortete einer derPolizisten im Laderaum des Fahrzeugs. Neben Frank befanden sich noch zwei Beamte und einweiterer Häftling im Rückraum des Transport-Vans. DieStaatsdiener waren mit Schrotflinten bewaffnet und legtenFrank, der vor Schwäche fast auf den Boden rutschte, unddem anderen Gefangenen einen zusätzlichen Sicherheits-gurt an, so dass sie nur noch die Beine bewegen konnten. Der Transport-Van setzte sich gegen 9.00 Uhr in Bewe-gung und verließ das Gelände des Gefängniskomplexes„Big Eye“. Selbst wenn Frank die Gelegenheit gehabthätte, durch ein Fenster einen letzten Blick auf den ver-hassten Ort des Horrors zu werfen, an dem er acht Monatelang geistig zu Grunde gerichtet worden war, so hätte er eswohl nicht getan. Erstens hatte der durch Gitter gesicherteRückraum des Transporters ohnehin kein Fenster undzweitens war es dem Patienten 111-F-47 mittlerweilegleich, ob er in „Big Eye“, „World Peace“ oder sonstirgendwo den Tod fand. Hauptsache es würde schnellgehen – das war seine einzige Sorge. Nachdem sie eineViertelstunde gefahren waren und niemand ein Wortgesprochen hatte, zischte der schräg gegenüber sitzende 55
  56. 56. Gefangene zu Frank hinüber: „He,…Pssst! Ich bin Alf!Wer bist du?“ Frank ignorierte die Frage des Mannes. Es interessierteihn nicht, wer dort noch saß. Er starrte weiter mit glasigenAugen auf den metallenen Boden des Rückraums. Plötz-lich schrie einer der Polizisten dazwischen: „Bäumer, duSpinner! Halt dein verdammtes Maul! Kontakt unterGefangenen ist gegen die Vorschrift!“ „Ich dachte, wir sind Patienten?“, antwortete der Häftlingmit trotzigem Blick und einem leichten Anflug von Ironie. Nun reagierte der Polizist auf seine Weise. Er schlugBäumer strack ins Gesicht und sagte: „Oh, tut mir leid,Mann. Wollte nicht unhöflich sein.“ Der Häftling schluckte einen Schwall aus Blut und Spei-chel herunter und blickte mit einem leicht psychopathi-schen Grinsen zu Frank. Dieser war allerdings nach wievor stumm und ließ sich auch durch diesen Anflug vonMut seitens des anderen Insassen nicht aufmuntern. „Alf Bäumer“ dachte er nur kurz, dann versank seinVerstand wieder in einem verschwommenen Nebel. Alfred Bäumer, Patient 578-H-21, war ein hochgewach-sener Mann. Er hatte einen dunkelbraunen Spitzbart, breiteSchultern und eine Tätowierung am Hals. Die wenigenhastigen Blicke, die ihm Frank schenkte, zeigten das Bildeines kämpferisch wirkenden Mannes, der Anfang oderMitte dreißig war. Vor allem seine hellblauen Augen unddie große Narbe in der rechten Gesichtshälfte warenauffällig. Wie lange die Fahrt jetzt schon gedauert hatte, konnteKohlhaas kaum sagen. Vielleicht eine weitere Viertelstun-de. Alfred Bäumer schien die Sache klarer im Blick zu56
  57. 57. haben. Seine blauen Augen blickten die Polizeibeamtenfinster und feindselig an. Er fletschte die Zähne und starrtebald wieder zu Frank hinüber. Auf irgendetwas schien erzu warten. 57
  58. 58. Die Veränderung In einem kleinen Waldstück nahe der Landstrasse BAS-74 standen vier Männer im verregneten Unterholz undspähten nach Osten. Sie trugen Tarnkleidung, ihre Gesich-ter waren hinter schwarzen Sturmhauben versteckt. Dreivon ihnen fingerten nervös an ihren Sturmgewehrenherum, während einer durch einen Feldstecher starrte undden anderen Anweisungen gab. „Wie lange noch, Sven?“ fragte einer der Männer den mitdem Fernglas. „Ich sage euch schon Bescheid. Sie müssten jeden Mo-ment hier sein. Denkt daran, Jens schießt nur auf dieReifen, wir schießen nur auf die Fahrer“, antwortete jener.„Und durchlöchert nicht aus Versehen den Rückraum,verstanden?“ fügte er hinzu. „Die Sache ist verdammt riskant. Hoffentlich kommenwir hier auch wieder weg“, sagte einer der Männer leise. „Jetzt ist es zu spät. Wir ziehen das durch. Prüft nocheinmal eure Waffen!“ zischte sein Hintermann. Die Minuten vergingen und die vier Männer robbtenweiter vorwärts, bis sie in unmittelbarer Nähe derLandstrasse waren. Sven, der mit dem Feldstecher, hieltplötzlich inne. „Da! Da vorne! Das sind sie! Macht euch fertig!“ rief er. Alle huschten in Deckung und luden ihre Sturmgewehredurch. Der Transport-Van, auf den die vier Männer nun-mehr seit fast zwei Stunden warteten, kam mit mittlererGeschwindigkeit immer näher.58
  59. 59. Es verging noch eine lange und zähe Minute voller Zwei-fel und Unsicherheit in den Herzen der vier Gestalten, diedort im Unterholz lauerten, dann war es soweit. Undwährend sich die drei Polizisten, die vorne in der Fahrer-kabine des Gefangenentransporters saßen, noch darüberaufregten, dass sie wegen der Verlegung von lediglich zweiHäftlingen von Bernau bis nach Bonn fahren mussten undschwer über die Verwaltung schimpften, sahen sie plötz-lich sich schnell bewegende Schatten aus dem Wald auf ihrTransportfahrzeug zurennen. „Jetzt! Feuer!“ brüllte der Späher mit dem Fernglas undalle vier Männer rissen ihre Waffen hoch, legten an underöffneten einen ohrenbetäubenden Kugelhagel auf denTransporter. „Tac-tac-tac-tac-tac!“ dröhnte es durch das Waldstückund die weiter vorwärts stürmenden Vermummten feuer-ten auf die Windschutzscheibe und die Reifen des Fahr-zeugs. Mit einem lauten Klirren zerbarsten die Scheibendes Transport-Vans und er geriet ins Schleudern. Dannhielt er an. „Macht die Schweine kalt!“ schrie einer der Maskiertenund schoss wie von Sinnen weiter auf die Fahrerkabine.Einer der zwei Beamten im vorderen Bereich des Vanshatte einen Kopfschuss abbekommen und ein gewaltigerBlutfleck hatte sich über der Kopfstütze seines Sitzesausgebreitet. Ein anderer der Polizisten schien am Armverletzt und hatte sich hinter dem Motorblock in Deckungbegeben, verwirrt seine Waffe suchend. Der Dritte riss dieBeifahrertür auf und feuerte mit seiner Waffe wild um sich. 59
  60. 60. Eine Salve aus zwei Sturmgewehren schickte ihn jedoch zuBoden. Mittlerweile waren die vier Männer dem Fahrzeug sonahe gekommen, dass sie auch von der Seite durch dieaufgerissene Tür ins Innere des Fahrerraums feuernkonnten und der dort kauernde Polizist seine Deckungverlor. Einer der Männer riss sein Gewehr hoch, durch-siebte den Beamten mit mehreren Kugeln und stieß einentriumphierenden Schrei aus. „Zerstört das Ortungsgerät!“ brüllte einer und der Mann,den die anderen Sven nannten, hechtete vorwärts undzerschoss ein funkgerätartiges Etwas im Vorderteil desTransporters mit seiner Handfeuerwaffe. „Bolzenschneider her! Los! Los! Beeilung!“ rief er und dieVier sprinteten zur Tür des Transportraums. Die Knallerei draußen war den zwei Polizeibeamten, dieFrank Kohlhaas und Alf Bäumer bewachen sollten, natür-lich nicht unbemerkt geblieben. Selbst Patient 111-F-47schien kurzzeitig seine geistige Verwirrung verloren zuhaben und schaute verwundert umher. „Was zur Hölle ist da draußen los?“ fauchte einer derBewacher, lud seine Schrotflinte durch und machte sichdaran, die Tür des Rückraums zu öffnen. Der andere tat esihm gleich und hechtete ebenfalls an Frank und Alfredvorbei. „Holt mich endlich hier raus!“ brüllte Bäumer auf einmalaus voller Kehle und versetzte einem der Beamten einenTritt in den Unterleib. Im gleichen Moment wurde die Tür von außen aufgebro-chen und Licht fiel in das Dunkel des Rückraums. Einer60
  61. 61. der Polizisten feuerte blitzartig aus dem Van heraus undtraf einen Maskierten mitten im Gesicht, als dieser ver-suchte, in den Van einzudringen. Eine Wolke aus Blut undKnochensplittern spritzte auf und der Mann sank mitzerfetztem Schädel zu Boden. Die restlichen drei Angreifer antworteten mit Feuerstö-ßen aus ihren Sturmgewehren und trafen den Beamten, derwie ein blutendes Sieb kopfüber aus dem Laderaum pur-zelte. Derweil fing Frank an wie ein gequältes Kind zuschreien, ja regelrecht zu kreischen und riss in einem Anfallunbändiger Wut so fest an seinem zusätzlichen Sicher-heitsgurt, dass er ihn aus der Verankerung brach. Miteinem hohen Tritt traf er den zweiten Wächter im Gesichtund dieser taumelte. Frank quiekte wie ein angestochenesSchwein und sein Blick verfinsterte sich so sehr, dass seinGesicht einem brodelnden Kessel wahnsinnigen Hassesglich. Seine Augen schienen klar und blutrünstig und ehedie drei anderen Vermummten in den Rückraum gestürmtkamen, hatte er den Beamten mit einer Kopfnuss, die er imSprung ausführte, zu Boden geschickt. Zwar waren seine Hände immer noch auf seinem Rückenbefestigt, doch trat er den Polizisten jetzt so hart insGesicht, dass dieser blutend erneut zusammenbrach. Frankstürzte sich auf ihn und biss ihm wie ein wildes Tier in dieBacke. Es folgte ein Schuss aus einer Handfeuerwaffe, derden verrückt gewordenen Frank beinahe selbst getroffenhätte – dann war auch der letzte Wachhabende tot. Frank heulte auf und trat noch mehrmals auf den ster-benden Mann ein bis ihn die anderen aus dem Van heraus-zogen. Seine weißen Kleider waren blutverschmiert undFrank erinnerte die verdutzt vor ihm stehenden Maskierten 61
  62. 62. eher an einen rachsüchtigen Metzger als an einen Häftling.Jetzt schien er wieder wegzutreten und setzte sich er-schöpft auf die metallene Einstiegstreppe des Transport-fahrzeug. „Na, was ist jetzt, Mann! Komm! Oder willst du wartenbis die nächste Ladung Polizisten hier ist?“ schrie ihn Alfan. Er schleifte Frank mit sich und folgte den anderen dreiMännern in das Waldstück. Jetzt galt es, sich wirklich zubeeilen, denn die Operation hatte viel zu lange gedauertund ein solches Gemetzel war eigentlich nicht eingeplantgewesen. Zudem hatten sie einen Mann verloren und mankonnte nur von Glück sagen, dass kein anderes Auto dieLandstrasse entlang gekommen war, sonst hätte es viel-leicht noch mehr Tote gegeben. Die drei Vermummten und Alfred, der Frank mehr oderweniger hinter sich herziehen musste, rannten hastig in denWald hinein. „Macht schon!“ brüllte einer der drei Maskierten. „ZumTeufel, wir haben nur noch zehn Minuten für das Stück!“ Alf Bäumer packte Kohlhaas am Kragen und keifte ihnan, schneller zu rennen, was der vollkommen verstörteMann allerdings nur widerwillig tat. „Wenn sich dein Kumpel nicht gleich ein bisschen mehrbeeilt, dann knalle ich ihn ab, Alf! Ich meine es ernst!“schmetterte einer der Drei, der schon vorgelaufen war. Alfred richtete sich vor Frank auf, schüttelte ihn undfauchte: „Das ist deine einzige Chance, du Idiot! Wenn siedich jetzt kriegen, bist du so gut wie tot! Komm mit mir,vertraue mir!“62
  63. 63. Frank Kohlhaas hatte in den letzten Monaten niemandemvertrauen können und der geistige Aderlass, den dieHolozelle von ihm gefordert hatte, war enorm gewesen.Aber das Wort „Vertrauen“ klang wie ein sanftes Balsamin seinen Ohren, die so lange nur Gift eingesaugt hattenund die frische, kalte Waldluft, die er jetzt einatmete, ließihn langsam erkennen, dass diese Gelegenheit die Freiheitzu erlangen, nicht weggeworfen werden durfte. Er rannteplötzlich, rannte und rannte, schloss zu den anderen aufund verschwand mit ihnen im Dickicht des Waldes. Die fünf Flüchtigen ereichten nach einer kurzen Weileein großes Feldstück, wo sie ein alt aussehendes und nichtbesonders großes Flugzeug erwartete. Sie sprangen in denLaderaum und schoben die Tür hinter sich zu. Dannrangen sie nach Luft und das Flugzeug hob ab. „Wer ist der Kerl, Alf?“ fragte einer der drei Befreier mitunfreundlichem Unterton und zog sich die Sturmhaubevom Gesicht, worunter neben einer blonden Stoppelfrisurein großer Mund mit leicht schiefen Zähnen zu sehen war. „Keine Ahnung! Er wurde mit mir verlegt!“ erwiderteAlf. „Sag uns deinen Namen, Mann!“ fügte er hinzu undsah Frank mit scharfem Blick an. „Frank Kohlhaas, Bürger 1-564398B-278843….“ hauchteFrank erschöpft. „Deine Bürgernummer interessiert bei uns keinen. Beiuns gibt es diese elende Scheiße nicht!“ grollte der nochrecht junge Mann, den die anderen Sven nannten. „Wirsind freie Männer und keine Sklaven mit Bürgernum-mern.“ 63
  64. 64. „Schon gut, ich glaub, der war in einer Holozelle. Deswe-gen ist der auch so durch den Wind“, erklärte Alf denanderen. „Ja…so eine Zelle…“ stammelte Frank. „Eine Holozelle? Dieses Ding, das jetzt von der GSA insämtlichen Gefängnissen weltweit eingerichtet werden soll?Tatsächlich?“ fragte einer der drei Rebellen erstaunt. „KeinWunder, dass du wirkst, als wärst du auf Drogen. DieseDinger sind die übelsten Gehirnwäscheinstrumente, die esderzeit gibt. Wie lange warst du in so einem Höllenloch?“ „Ich glaube seit August 2027…Lasst mich damit in Ru-he….“ brummte Frank zerknirscht in die Runde undvergrub sein Gesicht wieder hinter seinen Knien, wie er esin den letzten Monaten so oft getan hatte. Dann drehte ersich zur Seite und döste in seinem üblichen Halbschlaf vorsich hin, obwohl das veraltete Flugzeug einen Höllenlärmmachte und unglaublich schwankte. Es war im Jahre 2028 nicht einfach, mit einem Flugzeugeine solche Aktion durchzuführen oder überhaupt nurunbehelligt damit herum zu fliegen. Allerdings war diesesFlugzeug unauffällig, denn es war per Chipkarte als zwarveraltetes, aber dennoch erlaubtes Transportmittel imBaltikum registriert worden. Wenn es vom Computer einerSatelliten- oder Luftüberwachungsstation gescannt wurde,dann lief es als Transportflugzeug eines Matas Litov, eineslitauischen Bauern, durch die Datenbanken der europäi-schen Überwachungsserver. Die Chipkarte der Maschine war von einem begnadetenComputerhacker so umgestellt worden, dass sie vollkom-men unauffällig wirkte und keinen Alarm auslöste. Doch64
  65. 65. auch die Künste dieses Mannes hatten ihre Grenzen undeines Tages würde die sich ständig verbessernde Überwa-chung wohl auch diesen Trick erkennen können. Jedenfalls schienen die Behörden auf einen so entschlos-senen und brutalen Angriff auf einen Gefangenentranspor-ter nicht sonderlich gut vorbereitet gewesen zu sein. Manhatte mit einer derartigen Aktion offenbar schlichtwegnicht gerechnet und eine große Portion Glück war sicher-lich auch dabei gewesen. Frank Kohlhaas, dessen Bürgernummer jetzt nicht mehrvon Bedeutung war, flog mit den anderen über Polen inRichtung des Gebietes der ehemaligen baltischen Staaten,Estland, Lettland und Litauen, die mittlerweile zusammenmit weiteren ehemaligen Nationalstaaten Osteuropas zumVerwaltungs- und Produktionssektor „Europa-Ost“ zu-sammengefasst worden waren. Allerdings war hier die komplette Überwachung derBevölkerung und des gesamten öffentlichen Lebens nochnicht so ausgeklügelt und perfektioniert wie in Nordameri-ka oder in West- und Mitteleuropa. Viele Staaten Osteuro-pas hatten sich lange geweigert, die Befehle der Weltregie-rung, die sich zuerst in den westlichen Regionen etablierthatte, blind zu befolgen und so dauerte es einfach längerbis hier ein so komplexes Überwachungsnetzwerk instal-liert werden konnte wie im Westen. Was allerdings nichtheißen sollte, dass nicht auch hier die Vorbereitung füreine ähnliche High-Tech-Kontrolle der Bevölkerung imvollen Gange war. Aber noch hatte man, wenn man sichnicht zu dumm anstellte, mehr Freiräume. Das am schärfsten überwachte Gebiet der Welt waren imJahre 2028 die britischen Inseln. Hier hatte sich vor langer 65
  66. 66. Zeit das Übel seine erste wirklich starke Bastion geschaf-fen, von wo aus es über die Völker der Erde kam. Hier wurden in den letzten Jahren schon die nächstenSchritte der Weltregierung getestet und eingeführt, so zumBeispiel das Komplettverbot von sexuellen Kontaktenzwischen Mann und Frau, das Verbot jeglicher Familien-struktur, wie auch das Züchten der Bevölkerung durchstaatliche Eingriffe nach den Vorgaben der ökonomischenNotwendigkeit. Wer gegen dieses System kämpfen wollte, der hatte sichwahrlich einiges vorgenommen und sollte vor allem zuseinem Schöpfer ein gutes Verhältnis haben, denn ihmbegegnete man dabei oft schneller als man glaubte. So wie Alf und seine Mitstreiter, die anscheinend wirklichdachten, etwas verändern zu können. Jedenfalls war FrankKohlhaas jetzt bei ihnen und genoss es, erst einmal frischeLuft zu atmen, wieder leben zu können. Er hatte die Höllegesehen und sich den Tod gewünscht, ihn manchmalangebettelt zu kommen. Doch der Gevatter wollte ihnscheinbar noch nicht. Jetzt hatte sich alles geändert…66
  67. 67. Ausgelagert „Outsourcing“ oder auch „Auslagerung“ war einer derLieblingsbegriffe der Globalisierung, die zu Beginn des 21.Jahrhunderts mit aller Macht losbrach. Jetzt war FrankKohlhaas selbst irgendwie ausgelagert worden. Er hatteden Verwaltungs- und Produktionssektor „Europa-Mitte“verlassen und lagerte nun ganz woanders. Das klapperige Flugzeug überflog das Gebiet des frühe-ren Staates Polen, die mittlerweile vollkommen verfallenealte Stadt Kaliningrad, das frühere Königsberg und machtesich schließlich auf den Weg ins südliche Baltikum, um ineinem ländlichen Gebiet nördlich von Vilkija in einemehemals verlassenen Dorf namens Ivas zu landen. Die fünf Männer waren erschöpft und nahmen die vor-beiziehende Landschaft unter ihnen kaum durch dieFenster wahr. Frank wirkte immer noch schwer verstörtund konnte nur zeitweise verstehen, was hier gerade mitihm geschah. Er litt unter seltsamen Muskelkrämpfen undwar trotz seines angeschlagenen Gesundheitszustandesund seiner kaum noch vorhandenen Kraft nicht in derLage, wenigstens für eine halbe Stunde zu schlafen. Immer hatte er die Augen halb offen und fühlte sich, alsob jemand ihm einen vollen Sack Zement auf den Kopfgelegt hatte. Als das Flugzeug gelandet war, half ihm Alfbeim Aussteigen und führte ihn zu einem verfallenenHaus. „Kann ich irgendwo schlafen oder auch nur liegen?“fragte ihn Frank benommen. 67
  68. 68. „Ja, leg dich bei mir erst mal hin“, antwortete Alf und zogden jungen Mann mit sich in das Gebäude. „Wir habenetwas zu besprechen, Frank. Du kannst dich hier ersteinmal ausruhen – bis später“, sagte Alf und zeigte auf einaltes Bett in einem schäbigen und halbdunklen Raum mitdunkelroter, abblätternder Tapete. Frank drehte sich zur Seite und versuchte zu schlafen. Esgelang ihm kaum, und doch hatte er das Gefühl, dass esihm schon besser ging. Nachdem er sich mehrere Stunden in einem seltsamenZustand des Halbschlafs befunden hatte, nickte er letzt-endlich doch ein. Er träumte nichts. Es war schwarz inseinem Kopf. So schwarz wie es in der Holozelle in denacht künstlichen Nachtstunden immer gewesen war. Nächster Tag… „Das war eine knappe Angelegenheit. Schade um RolfWeinert, war ein guter Mann, gerade erst 29 Jahre altgeworden“, sagte Alf in die Runde. „Vielen Dank, dass ihrmich aus der Hölle herausgeholt habt. Ich weiß, ich wirkeimmer sehr hart und kämpferisch, aber ich hätte das auchkein Jahr mehr ausgehalten. Der andere Kerl ist ja voll-kommen kaputt, aber es würde wohl keinem von unsanders ergehen, wenn man ihn acht Monate in eine Holo-zelle gesteckt hätte. Dafür ist er eigentlich noch erstaunlichgut beieinander.“ „Von einem weiteren Mann war niemals die Rede!“herrschte Alf ein rothaariger junger Mann an. „Was hätte ich denn machen sollen? Den armen Kerlzurücklassen? Ihn verrecken lassen? Du glaubst doch68

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