1ZeitdokumenteBand 71926-1950KARLRICHTER
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3Karl Richter1926 - 1981ZeitdokumenteBand 71926-1950HerausgegebenvonJohannes MartinundCornelia Klink
4VorwortAls Karl Richter kurz vor seinem 25. Geburtstag im Oktober 1951 dasOrganistenamt an der Markuskirche antrat und gl...
5lers stand bei der Recherche stets im Vordergrund und war doch nicht zu tren-nen von Einflüssen, die aus der jeweiligen z...
153InhaltVorwort ..................................................................................................Karl Ri...
6Karl Richter wurde am 15. Oktober 1926 in Plauen im Vogtland in einen Ge-schwisterkreis von drei Schwestern hineingeboren...
7Am 29.11.1926, zum 1. Advent und Beginn des neuen Kirchenjahres, wurdeKarl Felix Johannes Richter zu Hause im Familienkre...
8Name, Stand, Konfession und Wohnort des Vaters: Richter Christian JohannesPfarrer zu St. Johannis ev.-luth. getraut 22. A...
9Sieben Jahre wuchs Karl Richter in Marienberg auf, dann, nach der ersten schwe-ren Erschütterung der Familie infolge des ...
10Karl Richter als Kruzianer in der ChorprobeArchiviert unter: Fotosammlung Chorproben, Knabenchor, Stadtarchiv Dresden,Au...
11nach Freiberg/ Sa. einen vergleichsweise kurzen Heimweg hatte, der auch da-mals schon mit einer guten Eisenbahnverbindun...
12Karl Richters erster solistischer Auftritt77. Fastnachtskonzert des KreuzchorsArchiviert unter: Programmsammlung 1939, S...
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1677. Fastnachtskonzert des Kreuzchors, Programm-Nummer 4. a):„Ein kleiner Kruzianer spielt zuerst die Bachinvention auf d...
17Kreuzkirche wirkten damals die Pfarrer Gotthold Ludwig Seidel, Martin Johan-nes Krömer und Wilhelm Otto Schumann. Diese ...
181937 mit dem Notbundpfarrer Friedrich Winter (emeritiert 1955) besetzt wer-den.9Marienberg/ Sa. galt als Hochburg der be...
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21organist von 1935 bis 1982. Herbert Collum war ein vielseitiger Musiker: Orga-nist, Cembalist, Komponist und Chorleiter ...
22Archiviert unter: Fotosammlung Chorproben, Probe mit Präfekt,Stadtarchiv Dresden, Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.7-F 1...
23“Jede Kammer umfasste drei Räume, die eigentliche Kammer, in der an denWänden die 17 Schränke standen, ein großer Tisch ...
24Nun sagte der jüngste Kruzianer die Weihnachtsgeschichte (Lk 2, 1-20) auf,Alumneninspektor und Hauspräfekt sprachen eini...
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27denVersuch, in der Großstadt Dresden eine solche Christmette mit Christgeburts-spiel aufzuführen. Mittels bewusster Beto...
28Vesper am 6. März 1943 – Karl Richter dirigiert Bach
29Archiviert unter: Programmsammlung 1943, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv 20.4-18, Fiche 80(Rückvergröße...
30Wie schon am 5. Dezember 1942 leitete auch am 6. März 1943 ChorpräfektKarl Richter die Vesper des Kreuzchores. Auf dem P...
31Konzert des Kreuzchors am 27.3.1943im Hygienemuseum Dresden
32Archiviert unter: Programmsammlung 1943, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-27, Fiche 80(Rückvergröß...
33Es war üblich, dass der Kreuzchor nicht nur in Kirchen, sondern auch in Konzertsä-len oder an anderen geeigneten Orten a...
34Ostermette in der Kreuzkirche am 25. April 1943,an der Orgel Karl Richter
35Archiviert unter: Programmsammlung 1943, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-39, Fiche 80(Rückvergröß...
36Die Ostermette des Kreuzchors am Ostermorgen wurde von Rudolf Mauers-berger im Jahre 1941 eingeführt. Der im Kopfteil de...
37Musikalische Abendfeier in Dom zu Freiberg am 24. Juni 1943Archiviert unter: Personalia Sammlung, Stadtarchiv Dresden,Au...
38Silbermann-Orgel im Freiberger Dom
39eingeweihte Orgel der Johanniskirche (Hospitalkirche). Schließlich erhielt dieSt. Petrikirche zu Freiberg 1735 eine Silb...
40Kirchenkonzert des Dresdner Kreuzchors am 27.6.1943in der Christuskirche zu Bischofswerda
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42Archiviert unter: Programmsammlung 1943, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-54, Fiche 81(Rückvergröß...
43tasie mit ihrem schönen fünfstimmigen Satz und das Präludium und die Fuge inC-Dur, bei deren Vortrag der junge Organist ...
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47Obwohl sich einzelne ehemalige Kruzianer der Nachkriegszeit erinnerten, KarlRichter habe in den Jahren von etwa 1946 bis...
48lich der Bach-Tage 1948 in Leipzig statt. Er trug in diesem Konzert zwei größe-re Orgelwerke von J. S. Bach vor. Der Kre...
49Kreuzchorvesper, Freitag, den 2. Juli 1948, 19 Uhrin der Heilig-Geist-Kirche Dresden Blasewitz,an der Orgel: Karl Richter
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51Archiviert unter: Programmsammlung 1948, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-115, Fiche 96(Rückvergrö...
52und Arbeitsbedingungen und neben einem Probensaal auch ein Dienstzimmerfür den Kreuzkantor gab, hat Karl Richter bei sei...
53Kopie eines Briefes: Karl Richter an Domkantor Arthur Eger, 15.10.1948Zwei lose Blätter in: Personalia, Stadtarchiv Dres...
54Arthur Eger schrieb; seit seiner Kindheit durfte er ihn „Onkel Arthur“ nennen.In der fünften Zeile des Briefes fällt auf...
55Karl Richter am Cembalo(Fotonegativ: Bacharchiv Leipzig)Das Bild am Cembalo ist im Jahr 1949 im privaten Bereich entstan...
56Karl Richter an der Sauer-Orgel in der ThomaskircheArchiviert unter: Bacharchiv Leipzig, „Sammlung Heyde“,Foto 969, A 8 ...
57Neben dem Internationalen Bachfest 1950, das vielfältige Aufgaben für denThomasorganisten mit sich brachte, begleitete K...
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62Karl Richter im Jahr 1949Foto: Aus dem Nachlass von Karl Richters Schwester Gabriele Sieg
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78Deutsche Bach-Feier Leipzig 1950, ProgrammheftArchiviert unter: Programmsammlung 1950, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle K...
79zert und am 28. Juli trat er viermal auf: um 9 Uhr in einer Gedenkstunde amSarkophag Bachs spielte er den Orgelchoral „V...
80Noch hielt Landesbischof Hugo Hahn, ein führender Kopf der BekennendenKirche in Sachsen, am 28. Juli dieAnsprache am Bac...
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127Das Ausscheiden als Thomasorganistund der Neubeginn Karl Richters in MünchenAm 1. März 1951 wandte sich Staatsrat Dr. M...
128Abenden des 29. und 30. Dezember 1950 die sechs Sonaten für Orgel von J. S.Bach.50Auch am Silvestertag, der 1950 auf ei...
129Ministerpräsidenten der DDR, Otto Nuschke, vom 15.1.1951 an den Präsiden-ten des Ev.-Luth. Landeskirchenamtes Sachsen b...
130zuständig. Immerhin wirkt es bis heute irritierend, dass der Kirchenvorstand derThomas-Matthäi-Gemeinde im Beschluss vo...
131Straße. Dass unser Anliegen keine günstige Aufnahme fand, wissen Sie bereits. Derzuständige Oberkirchenrat Noth (später...
132ten. Näheres weiß ich Ihnen nicht darüber zu sagen…“ 59Günther Ramin war es auch, der sichAnfang 1951, noch vor dem Vor...
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135Konzert des Dresdner Kreuzchors am 24.9.1953in der Markuskirche, MünchenArchiviert unter: Programmsammlung 1953, Stadta...
136Auch die mitgereiste E. H. Hofmann erinnerte sich an Richters Orgelspiel:„Als spätere Mitreisende einer Kreuzchor-Tourn...
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141Kopie eines Briefes von Karl Richter an Herbert Kunath,datiert mit 7.3.1979Archiviert unter: Personalia Sammlung, Stadt...
142Freund, so nennt Richter seinen Briefpartner Kunath, Zeichen seiner Verbun-denheit und gute Wünsche über den „Eisernen ...
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To mark the completion of the edition Karl Richter - Contemporary documents, we offer all friends of Karl Richter's Musik, supporters and sponsors a free preview on the new release of

Karl Richter - contemporary documents
Volume 7: The Years 1926 - 1950 | Childhood and Youth
Johannes Martin, Cornelia Klink
156 Seiten, ISBN 978-3-00-042094-8
Conventus Musicus Verlag, Dettelbach, Germany

Please do understand, that we disabled download and printing, as the Karl Richter project needs all income from sales and sponsorship to finance this documentary and the remaining work of the Karl Richter Archive.

You can order all Karl Richter books (Print + eBook-PDF) and DVDs in selected specialized bookstores and /or directly from Conventus-Musicus (shipping worldwide).

http://www.facebook.com/Karl.Richter.Munich
http://karlrichtermunich.blogspot.com

Zum Inhalt:
Der letzte Band der „Zeitdokumente“ ist Karl Richters Jugendjahren gewidmet, seiner Schülerzeit im Dresdner Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger und seinen Studien in Leipzig bei seinen Meistern Karl Straube und Günther Ramin. Als er 1949, sofort nach Abschluss seines Studiums, Thomasorganist in Leipzig wurde, ruhten Hoffnungen auf ihm.

Der siebte Band der „Zeitdokumente“ basiert vornehmlich auf neu aufgefundenen Quellen. Es war nicht immer einfach, den Spuren zu folgen und die noch vorhandenen Quellen in den Archiven von Freiberg in Sachsen, Dresden und Leipzig zu sichten. Einiges galt als zunächst nicht auffindbar – und fand sich dann doch, anderes war leichter zugänglich. Manche Dokumente zu Begebenheiten aus der Kindheit und Jugendzeit, zu frühen Erschütterungen und frühen Erfolgen, lassen etwas von den immer deutlicher hervortretenden Kräften der erwachsenen Persönlichkeit Karl Richters erahnen.

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  1. 1. 1ZeitdokumenteBand 71926-1950KARLRICHTER
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  3. 3. 3Karl Richter1926 - 1981ZeitdokumenteBand 71926-1950HerausgegebenvonJohannes MartinundCornelia Klink
  4. 4. 4VorwortAls Karl Richter kurz vor seinem 25. Geburtstag im Oktober 1951 dasOrganistenamt an der Markuskirche antrat und gleichzeitig die Verpflichtun-gen eines Lehrers für Orgelspiel an der Staatlichen Hochschule für Musik inMünchen übernahm, hatte er nach Monaten der Neuorientierung einen Aus-gangspunkt für seine spätere internationale Karriere gefunden. Was er in kur-zer Zeit zunächst in München, dann weit über die Stadtgrenzen hinaus, schließ-lich über Erdteile hinweg musikalisch schuf und bewirkte, erstaunte und er-griff viele Zeitgenossen. Wie war es möglich, dass die geistigen, musikali-schen und menschlichen Fähigkeiten für dieses besondere Wirken bei einemjungen Musiker bereits in einem solch hohen Maße vorhanden waren? Wokam dieser mitreißend wirkende junge Organist, Cembalist und Dirigent KarlRichter her?Nach seinem Werdegang befragt, hat Karl Richter selbst immer wieder an sei-ne Herkunft aus einem sächsischen evangelisch-lutherischen Superintendenten-haus erinnert, an seine Verbundenheit mit den Orgeln Gottfried Silbermannsund dessen Orgelbauschule, an seine Schülerzeit im Dresdner Kreuzchor un-ter Rudolf Mauersberger und an seine Studien in Leipzig bei seinen MeisternKarl Straube und Günther Ramin. Als er 1949, sofort nach Abschluss einesStudiums, Thomasorganist in Leipzig wurde, ruhten Hoffnungen auf ihm. Seinebeiden wichtigsten Lehrer, Straube und Ramin, waren selbst Thomasorganistengewesen, bevor sie nacheinander Thomaskantoren wurden. Diesen Weg aufden Kantorenstuhl der Thomaskirche konnte Karl Richter nicht gehen, ob-wohl er ihm 1956 angeboten wurde. Der „Eiserne Vorhang“ lag zwischen ihmund Leipzig. Er wurde nicht der Thomaskantor in der Nachfolge J. S. Bachs inLeipzig, wie es seine verehrten Lehrer gewesen waren, sein „Thomaskantorat“galt gleichsam der Welt und hatte einen Angelpunkt in der Markuskirche vonMünchen. Für diesen besonderen Weg war er vorbereitet.Neben Dokumenten, die im privaten Karl-Richter-Archiv von Johannes Mar-tin bereits vorhanden waren, basiert der vorliegende Band vornehmlich aufneu aufgefundenen Quellen. Es war nicht immer einfach, den Spuren zu fol-gen und die noch vorhandenen Quellen in den Archiven zu sichten. Einigesgalt als zunächst nicht auffindbar – und fand sich dann doch, anderes warleichter zugänglich. Die Beharrlichkeit des Suchens hat sich gelohnt, dennKarl Richter als eine sehr früh reifende Künstlerpersönlichkeit gewann wäh-rend derArbeit immer deutlicher an Gestalt. Die Entwicklung des jungen Künst-
  5. 5. 5lers stand bei der Recherche stets im Vordergrund und war doch nicht zu tren-nen von Einflüssen, die aus der jeweiligen zeitgeschichtlichen Situation undaus Richters Umgang mit verschiedenen Persönlichkeiten herrührten. EinigeDokumente zu Begebenheiten aus der Kindheit und Jugendzeit, zu frühen Er-schütterungen und frühen Erfolgen, lassen etwas von den immer deutlicherhervortretenden Kräften der erwachsenen Persönlichkeit Karl Richters ahnen.Zu den schon vorhandenen umfangreichen Publikationen über Karl Richterversteht sich diese Dokumentation als Ergänzung. In den Anmerkungen zumText wird deshalb an mehreren Stellen auf die schon erschienenen Arbeitenhingewiesen.Den in den benutzten Archiven wirkendenArchivarinnen undArchivaren wirdherzlich für Ihre Unterstützung gedankt. Einige Zeitzeugen konnten Erinne-rungen beitragen; besonderer Dank gebührt hier Herrn Pfarrer Christoph Rau,Braunschweig.
  6. 6. 153InhaltVorwort ..................................................................................................Karl Richters Elternhaus ........................................................................Karl Richter als Kruzianer ......................................................................Karl Richters erster solistischer Auftritt .................................................Karl Richter als Konfirmand ..................................................................Vesper zum 2. Advent 1942 ....................................................................Karl Richter als Chorpräfekt in der Weihnachtszeit ...............................Christmette der Alumnen am Christtag-Morgen 1942 ...........................Vesper am 6. März 1943 .........................................................................Konzert des Kreuzchors am 27. März 1943 ...........................................Ostermette am 25. April 1943 ................................................................Musikalische Abendfeier im Dom zu Freiberg am 24. Juni 1943 ..........Kirchenkonzert am 27. Juni 1943 in Bischofswerda ..............................Bach-Tage 1948 in Leipzig .....................................................................Kreuzchorvesper am 2. Juli 1948 ...........................................................Ein Brief Karl Richters ...........................................................................Karl Richter am Cembalo 1949 ..............................................................Karl Richter an der Sauer-Orgel in der Thomaskirche 1949 ..................Motetten in der Thomaskirche 1949 ......................................................Motetten in der Thomaskirche 1950 ......................................................Deutsche Bach-Feier Leipzig 1950 ........................................................Motetten in der Thomaskirche ...............................................................Weihnachts-Oratorium 1950 im Gewandhaus Leipzig ..........................Letztes Orgelkonzert Karl Richters in der Thomaskirche ......................Ausscheiden Karl Richters als Thomasorganist .....................................Cembalokonzert am 12. Februar 1951 ...................................................Konzert des Dresdner Kreuzchors 1953 in München ............................Ein Brief Karl Richters 1979 an Herbert Kunath ...................................Quellennachweise ...................................................................................Karl Richter in Buch und Film ...............................................................4610121618212428313437404349535556586478114121125127133135141144152
  7. 7. 6Karl Richter wurde am 15. Oktober 1926 in Plauen im Vogtland in einen Ge-schwisterkreis von drei Schwestern hineingeboren. Später sollte ihm noch einejüngere Schwester folgen. SeinVater, Dr. Johannes Christian Richter (1876-1935),war 2. Pfarrer an der St. Johannis-Kirche in Plauen. Er stammte aus Freiberg,wo der Großvater, Karl Julius Richter, Superintendent gewesen war. Die Mut-ter, Klara Hedwig Richter (1893-1944), geborene Facilides, stammte aus Plau-en. Ihr Vater war Arzt.Karl RichtersElternhausKarl Richters Geburtshaus, Schloßbergstraße 1a in Plauen im Vogtland,aufgenommen am 28.2.2013
  8. 8. 7Am 29.11.1926, zum 1. Advent und Beginn des neuen Kirchenjahres, wurdeKarl Felix Johannes Richter zu Hause im Familienkreis getauft. Es ist in derJohannis-Gemeinde Plauen nicht üblich, den Taufspruch im Taufbuch einzutra-gen. So kann er hier nicht genannt werden.Der vollständige Eintrag im Taufbuch lautet im Jahrgang 1926 unter der Nr. 319:Tag, Stunde, Ort der Geburt: 15. Oktob. nachm. ¾ 8 h Schlossberg 10aTauftag: 29. November im HauseTaufnamen der Kinder: Karl Felix Johannes 4. Kind 1. SohnGroßvater Karl Julius Richtergeb. 1842 in Neusalzagest. 1890 in FreibergDie ElternDr. Johannes Christian und Klara Hedwig Richter
  9. 9. 8Name, Stand, Konfession und Wohnort des Vaters: Richter Christian JohannesPfarrer zu St. Johannis ev.-luth. getraut 22. Aug. 1921 in Plauen St. Joh.Name, Konfession und Geburtsort der Mutter: Klara Hedwig geb. Facilidesaus Plauen ev.-luth.Name, Stand Konfession und Aufenthalt der Paten:Marg. Schreck, Rechtsanw.-Ehefrau, RoßweinCharlotte Schreyer, Kaufm.-Ehefrau, hierChristiane Goldberg, Assessor-Ehefrau, hierPaul Neckner, Landger.-Direktor, BautzenErich Voigt, Pfarrer, Leipzig-ReudnitzDr. Wilh. Kell, Reg.-Medizinalrat, Untergöltz. Ellermann [der Geistliche,Anm. d. Verf.]Als Karl Richter zwei Jahre alt war, wurde der Vater an die St. Marienkirche inMarienberg im Erzgebirge als Superintendent berufen. Damit verließ die Fami-lie das Vogtland, die Heimat der Mutter, und zog ins Erzgebirge um.Ein Superintendentenhaushalt mit fünf Kindern in der kleinen, aber belebtenehemaligen Silberbergbau-Stadt Marienberg, im westlichen Teil des „frommenErzgebirges“, war ohne Zweifel ein lebhaftes und offenes Haus.Auf dem erhöh-ten Platz der Stadt lag die sehenswerte spätgotische Pfarrkirche. Ganz aus derNähe, aus Mauersberg, stammte Kreuzkantor Rudolf Mauersberger (1889-1971),der ab 1930 in Dresden amtierte. Mauersberg gehörte zur Ephorie von JohannesRichter. Wahrscheinlich kannten er und der Kreuzkantor sich persönlich.Der sechsjährige Karl Richter inmit-ten seiner Schwestern
  10. 10. 9Sieben Jahre wuchs Karl Richter in Marienberg auf, dann, nach der ersten schwe-ren Erschütterung der Familie infolge des frühen Todes von Johannes Richteram 3. Advent 1935, zog die Mutter mit den Kindern nach Freiberg, ebenfallseine erzgebirgische Bergbaustadt mit ihrer bekannten Bergakademie, derOrgelbautradition Gottfried Silbermanns, dem Dom mit den eindrucksvollenSchnitzereien:Auf dem spätromanischen Lettner des Domes steht eine Triumph-kreuzgruppe aus dem frühen 13. Jahrhundert, an den Säulen im Kirchenschiffdie Figuren der klugen und törichten Jungfrauen und Christus als Bräutigam,darstellend das Gleichnis aus Matth. 25, 1-13. Karl Richter erzählte später selbstüber diese ersten Jahre:„In Plauen im Vogtland bin ich geboren…in einem Pfarrhaus wurde sehr vielMusik gemacht; ich hab auch viel’ Geschwister, es wurde viel gesungen, die Verbin-dung mit der Kirche, Orgel und Kirchenchor hat mich frühzeitig zum Singen und zurMusik überhaupt gebracht. Ich habe über Freiberg im Erzgebirge meinen Weg ge-macht als Kind und habe dort das große Erlebnis der berühmten und schönsten exi-stierenden Silbermannorgel gehabt, bis ich den Kreuzchor kam und dort als Kind ge-sungen habe…“1Eine weitere schwere Erschütterung der Familie ereignete sich mit dem frühen TodderMutter,HedwigRichter,dieam6.Februar1944inFreibergeinemHerzversagenerlag. Sie fand ihre letzte Ruhe auf dem Freiberger Donat-Friedhof neben ihremMann,derebenfallsdortbestattetwurde.KarlRichterwardamalssiebzehnJahrealtund bereits zum Militärdienst eingezogenworden.EinvonRichtersSchwesterGabrie-leSieg,geb.Richter,überliefertesFotozeigtihn im Jahr 1943 mit der Mutter in gelöster,froherStimmung.KleidungundBelaubungder Bäume auf dem Foto sprechen dafür,dass es im Herbst 1943 aufgenommen wur-de, vielleicht in der Nähe zu Richters 17.Geburtstag.Der zwölfjährigeKarl Richter übtan der Orgel derTrinitatiskirchein Dresden(Foto vom September 1938)
  11. 11. 10Karl Richter als Kruzianer in der ChorprobeArchiviert unter: Fotosammlung Chorproben, Knabenchor, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.7-F 168(Scan und Speicherung auf Datenträger durch Fotolabor des Stadtarchivs Dresden)Das Foto zeigt Mitglieder des Knabenchores und des Männerchores bei einerChorprobe, Karl Richter steht in der zweiten Reihe als Fünfter von links. Erträgt eine Brille.Das Foto ist undatiert, aber vermutlich wurde es frühestens Ende 1938 und spä-testens Anfang 1940 aufgenommen. Die Probe fand im Gesangssaal des dama-ligen Kreuzschulgebäudes am Georgplatz statt. Dieses nicht mehr bestehendeGebäude in der Dresdner Innenstadt war vom 1.5.1866 bis zur Zerstörung am13.2.1945 die Heimat der Kreuzschule (Gymnasium), des Kreuzchores und desAlumnats.Die aufgrund der räumlichen Entfernung vom Elternhaus imAlumnat wohnendenJungen wurden als Alumnen bezeichnet, die zwischen Elternhaus und Schule/Chor täglich pendelnden Jungen als Kurrendaner. Karl Richter warAlumne, d. h.,er wohnte und lebte mit etwa 34 anderen Jungen und jungen Männern im Schul-gebäude, fuhr jedoch in den Ferien und an den so genannten „Heimfahr-wochenenden“ nach Hause. In den Ferien war das Alumnat geschlossen. Da er
  12. 12. 11nach Freiberg/ Sa. einen vergleichsweise kurzen Heimweg hatte, der auch da-mals schon mit einer guten Eisenbahnverbindung zu erreichen war, blieb einregelmäßiger und relativ enger Kontakt zur Mutter, den vier Schwestern undden Freiberger Bekannten erhalten.In den Chorlisten wurde Karl Richter erstmals am 27.4.1938 genannt2. Demnachtrat er um Ostern 1938, mit Beginn des Schuljahres, in den Kreuzchor ein.3DerAufnahme in den Chor wurden eine Vorbereitungszeit und die Eignungsprüfungvorangestellt; außerdem mussten die schulischen Leistungen dem gymnasialenNiveau entsprechen. In Freiberg/ Sa., dem Wohnort der Familie Richter seit demfrühen Tod des Vaters, Dr. Johannes Richter, im Jahr 1935, erhielt der damalszehn- bis elfjährige Karl bereits Orgelunterricht bei Arthur Eger (1900 – 1968).Eger war Schüler Karl Straubes (1873-1950) und ab 1926 Organist am FreibergerDom mit seiner wunderbaren Silbermannorgel. Vermutlich bereitete DomkantorArthur Eger den Jungen, der bereits in der Domkurrende mitsang, für die Auf-nahme in den Kreuzchor vor. In Dresden fand KarlRichterAufnahme in der Schulklasse 1b des Kreuz-gymnasiums und sang zunächst im Sopran.Von diesem Zeitpunkt an erschien sein Name regel-mäßig in den Chorlisten. Offensichtlich durchlief ersowohl die Schulklassen als auch den Weg des Chor-sängers ohne Unterbrechungen oder größere Pro-bleme. Im Schuljahr 1942/1943 sang er im Tenorund wurde Chorpräfekt. Der Chorpräfekt hatte dieAufgabe, den Kreuzkantor, damals Rudolf Mauers-berger (1889 – 1971), bei der Chorarbeit zu unter-stützen. Zu seinen alltäglichenAufgaben gehörte es,in den Proben zu korrepetieren, selbständig Register-proben abzuhalten und den Chor vor Gottesdienstenund Auftritten zu ordnen.Am 19.7.1943 wurde Karl Richter zum Reichs-arbeitsdienst (RAD) eingezogen4. Zu diesem Zeit-punkt war er 16 Jahre und neun Monate alt.
  13. 13. 12Karl Richters erster solistischer Auftritt77. Fastnachtskonzert des KreuzchorsArchiviert unter: Programmsammlung 1939, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-25f, Fiche 71(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)
  14. 14. 13
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  17. 17. 1677. Fastnachtskonzert des Kreuzchors, Programm-Nummer 4. a):„Ein kleiner Kruzianer spielt zuerst die Bachinvention auf dem Klavier vor“Das ist der erste öffentliche, solistischeAuftritt Karl Richters als Kruzianer. DieFastnachtskonzerte fanden in der Regel in jedem Jahr statt und waren ein Höhe-punkt im Schul- und Chorleben. Sie waren öffentlich, d. h. neben Lehrern, El-tern und Sympathisanten des Kreuzchors wurden sie auch von den DresdnerBürgern gern besucht. Solange es die Fastnachtskonzerte gab (sie wurden in denKriegsjahren eingestellt), lag die Leitung in den Händen des Chorpräfekten.Es gibt im Zusammenhang mit diesem ersten solistischen Auftritt Karl Richterseine interessante Erinnerung eines Mitkruzianers, des späteren Professors fürMaschinenbau an der Technischen Universität Dresden, Franz Holzweißig:„Der Instrumentalübungsplan verteilte die Möpse5auf die drei Klaviere, die inden beiden Spielzimmern und im Speisesaal standen, sie waren zwar gestimmt, abersonst jämmerliche Kästen. Da der Plan aushing, mußte immer mit einer Kontrolle ge-rechnet werden. Vor allem in den Spielzimmern, die neben dem Gesangssaal lagen,guckte öfters Mauersberger rein. Mindestens einmal im Jahr war Vorspiel vor demganzen Chor. Es war sehr unangenehm, wenn Mauersberger dabei feststellte, dass seitdem vorigen Mal keine Fortschritte gemacht wurden.Als Karl Richter noch Mops war,spielte er eine dreistimmige Invention von Bach vor. Mauersberger war voll des Lobesund sagte, als er wieder vor den Flügel ging, zum Knabenchor: ‚Ihr wisst ja gar nicht,wie schwer das ist.’“6Dieses Vorspiel muss Ende 1938 oder Anfang 1939 stattgefunden haben, dennim Februar 1939 folgte dann der erste solistische Auftritt, wahrscheinlich miteben der Bachinvention, an die sich Franz Holzweißig im Zusammenhang mitdem Vorspiel in der Schule erinnerte.Der am unteren Rand des Programm-Titelblattes angebrachte Hinweis, dass dieKreuzschule Trauer hatte und deshalb Operette und Tanz entfielen, bezog sichauf das Ableben des Rektors Hans Helck (Rektor von 1921 bis 1939).Karl Richter als KonfirmandKarl Richter wurde am 6. April 1941 im Dom zu Freiberg konfirmiert. DenKonfirmandenunterricht hat er sehr wahrscheinlich in Dresden bei einem derdrei Kreuzkirchenpfarrer erhalten, während die Konfirmation in der Heimatge-meinde stattfand. Dieses Vorgehen war bei den Kruzianern das übliche. An der
  18. 18. 17Kreuzkirche wirkten damals die Pfarrer Gotthold Ludwig Seidel, Martin Johan-nes Krömer und Wilhelm Otto Schumann. Diese drei Pfarrer gehörten demPfarrernotbund in Sachsen an, der ab 1933 begonnen hatte, bekenntnistreue Pfar-rer und Vikare zu sammeln.Alle drei Pfarrer der Kreuzkirche fanden am 13./14.Februar beim Luftangriff auf Dresden den Tod. Bei welchem der Kreuzkirch-Pfarrer Karl Richter unterrichtet wurde, wissen wir nicht; die Unterlagen fielenden Kriegsflammen zum Opfer.Der Eintrag im Konfirmandenbuch der Domkirchgemeinde zu Freiberg lautet:39. Richter, Karl Felix Johannes, geboren 15. Oktober 1926, getauft 29. No-vember 1926, ev.-luth., konfirmiert am 6.4.1941.Als Konfirmationsspruch ist das alttestamentliche Wort aus Psalm 143, 10 ver-merkt. In der Übersetzung der Luther-Bibel lautet dieser Spruch:„Lehre mich zu tun nach deinem Wohlgefallen, denn du bist mein Gott;dein guter Geist führe mich auf ebner Bahn.“Der Konfirmator Karl Richters war Pfarrer Johannes Sachsenweger, der die 2.Pfarrstelle am Dom seit 1928 innehatte. Der Freiberger Dom war, ähnlich derFrauenkirche in Dresden, ein besonderer Ort des Kirchenkampfes. Ab 1.1.1943wurde Sachsenweger mit der Hauptvertretung auch der 1. Pfarrstelle am Dombetraut, die mit dem zeitweilig beurlaubten Superintendenten Arndt vonKirchbach besetzt war. Arndt von Kirchbach war 1936 Superintendent in Frei-berg geworden, gehörte zu den führenden Köpfen des Pfarrernotbundes in Sach-sen und leistete aktiven kirchlichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus.7Pfarrer Sachsenweger gehörte nicht dem Pfarrernotbund an, er war aber auchkein NSDAP-Mitglied und kein Deutscher Christ.Der kirchenmusikalische Einsatz des Domkantors Arthur Eger, dem es wenigeTage vor Kriegsbeginn 1939 noch gelungen war, die regelmäßigenAbendmusi-ken im Dom einzuführen, wurde als deutliches Signal für die Notwendigkeiteiner verstärkten geistlichen Besinnung in dieser dunklen Zeit verstanden.8Esdarf angenommen werden, dass Eger auch zum Konfirmationsgottesdienst 1941die Silbermannorgel im Dom spielte. Arthur Eger nahm an der musikalischenEntwicklung Karl Richters über viele folgende Jahre hinweg Anteil.Es ist nicht bekannt, wie viel von den inneren und äußeren Kämpfen seinerKirche dem damals vierzehnjährigen Konfirmanden Karl Richter bewusst war.Sicher hätte ihm gerade in dieser Zeit die Begleitung durch den Vater viel be-deuten können. Die Superintendentenstelle in Marienberg/ Sa., die sein Vater Jo-hannes Richter bis zu seinem Tod am 3. Advent 1935 inne gehabt hatte, konnte
  19. 19. 181937 mit dem Notbundpfarrer Friedrich Winter (emeritiert 1955) besetzt wer-den.9Marienberg/ Sa. galt als Hochburg der bekenntnistreuen Gemeindeglieder.Es ist bekannt, dass Karl Richter und seine Familie noch gute Kontakte nachMarienberg hatten, auch dann, als die Familie nach Freiberg umgezogen war.Vesper zum 2. Advent (5.12.1942) in der Kreuzkirche –geleitet von Karl RichterArchiviert unter: Programmsammlung 1942, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-53, Fiche 80(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)Es war üblich, dass der Chorpräfekt nach der Pfingstvesper ein Kurrendesingenmit volkstümlichen Chorsätzen vor dem Südportal der Kreuzkirche, dem so ge-nannten Trauportal, leitete. Außerdem dirigierte er eine Motette in der Vesperam Schuljahresende. Diese Aufgaben fallen dem Chorpräfekten (praefectusprimus) auch heute noch zu. Rudolf Mauersberger übertrug in einzelnen Fällenseinen Chorpräfekten weitere dirigentische Aufgaben. Das tat er eigentlich nur,wenn er selbst ernstlich verhindert war, was in späteren Jahren, z. B. Ende der60er Jahre, aufgrund von Krankheitszeiten vorkam.Ansonsten gab Mauersbergerden Chor nur sehr selten aus der Hand. In der Präfektenzeit Karl Richters ge-schah es mehrmals, wie die erhaltenen Programme zeigen. Warum Mauersbergeram 5. Dezember 1942 die gesamte Leitung der Vesper in Karl Richters Händelegte, war nicht mehr zu ermitteln.Die Vesper in der Kreuzkirche am 5. Dezember 1942 fand im Kirchengebäudeder Reformierten Kirche in Dresden (Ringstraße) statt. Die große Kreuzkirchewar nicht mehr heizbar. Wie die Kreuzkirche wurde auch die Reformierte Kir-che beim Bombenangriff auf Dresden am 13. 2.1945 zerstört.Die Verzierung am Kopf des Vesperprogramms vom 5.12.1942 bezieht sich aufden Sandsteinfries an der Orgel- und Chorempore der Kreuzkirche, wie er biszur Zerstörung 1945 bestand.Aufgrund der Kriegsbeschädigungen sind nur Restedes unteren Engelfrieses erhalten geblieben. Die Innengestalt der Kreuzkirchehat sich nach demWiederaufbau stark verändert. Erhalten geblieben ist die hallen-artige barocke Grundstruktur des riesigen Kirchenraumes.Die Orgel spielte in derVesper am 5.12.1942 Herbert Collum (1914-1982), Kreuz-
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  22. 22. 21organist von 1935 bis 1982. Herbert Collum war ein vielseitiger Musiker: Orga-nist, Cembalist, Komponist und Chorleiter (er gründete den als gemischten ChorErwachsener auftretenden Collum-Chor). Er organisierte große Bachzyklen mitOrgel-, Kammer- und Orchesterabenden. Begabten Kruzianern erteilte er Orgel-unterricht, so auch Karl Richter. Beim Wiederaufbau der Kreuzkirche nach demKrieg setzte er sich intensiv für die Errichtung der völlig neu zu erbauendenOrgel (Jehmlich-Orgel) ein.10Durch Herbert Collum erklang in der Vesper am 5.12.1942 die bekannte Choral-fantasie von Dietrich Buxtehude (1637-1707) über „Wie schön leuchtet derMorgenstern“. Diese Fantasie hat Karl Richter später oft selbst gespielt und siein München immer wieder in die Programme für die Weihnachtsliederabendedes Münchener Bach-Chores aufgenommen.11Die beiden Stücke von Gustav Brand und Robert Volkmann hat Mauersbergerab und zu in der Advents- und Weihnachtszeit singen lassen. Von den drei an-spruchsvollen weihnachtlichen Motetten Max Regers, die Karl Richter am5.12.1942 dirigierte, war die wohl bekannteste „Unser lieben Frauen Traum“,die beiden anderen dürften nur selten aufgeführt worden sein.Karl Richter als Chorpräfekt in der Weihnachtszeit
  23. 23. 22Archiviert unter: Fotosammlung Chorproben, Probe mit Präfekt,Stadtarchiv Dresden, Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.7-F 168(als Scan bezeichnet mit F 168a und Speicherung auf Datenträgerdurch Fotolabor des Stadtarchivs Dresden)Das Foto zeigt eine Chorprobe im Gesangssaal der Kruzianer, der sich bis 1945im dritten Obergeschoss der Kreuzschule am Georgplatz in Dresden befand.Dieses Gebäude vereinigte die Räume der Kreuzschule und des Alumnats untereinem Dach. Es wurde beim Bombardement am 13. Februar 1945 vollständigzerstört. Franz Holzweißig, Kruzianer ab 1938 und später Professor für Maschi-nenwesen an der TU Dresden, erinnerte sich an den Gesangssaal:„Vorn am Fenster stand auf einem Podest der Flügel und im rechten Winkel zurTastatur die Bankreihen für den Chor. Damit war die eine Hälfte des Raumes gefüllt,die andere war frei, um auch Proben in Choraufstellung halten zu können. An Vorder-und Hinterwand standen Notenschränke und in der hinteren Fensterecke war der Schreib-sekretär des Kantors.“12Auf dem Foto sitzt der Chorpräfekt Karl Richter in der Weihnachtszeit 1942 amFlügel. Neben ihm steht Rudolf Mauersberger, der Kreuzkantor. Über dem Flü-gel hängt ein HerrnhuterAdventsstern, in Sachsen ein beliebter und verbreiteterweihnachtlicher Schmuck.13Außerdem ist am rechten oberen Bildrand der Ad-ventskranz zu erkennen, Mauersberger achtete darauf, dass der Gesangssaal einegewisse Wohnlichkeit ausstrahlte.„Während der Chor 1938 in Amerika war, wurde der Gesangssaal prächtigrenoviert.An den hell gestrichenen Notenschränken und den Säulen prangten die Wap-pen der Städte, in denen der Chor gesungen hatte, und Stadtansichten der Hauptstädte.Über den Notenschränken waren Porträtgemälde von Luther, Schütz und Bach aufge-hängt und darüber stand der Spruch: ‚Das edelste, echteste und schönste Organ derMusik, das Organ, dem unsere Musik allein ihr Dasein verdankt, ist die menschlicheStimme’ von Richard Wagner. Vor dem großen Mittelfenster hing ein Transparent mitLichtkasten und auswechselbaren Bildfeldern.Auf diesen waren zur jeweiligen Jahres-zeit passende Liedanfänge umrahmt von bildlichen Darstellungen ausgesägt und mitTransparentpapier hinterklebt. Die Gestaltung stammte von meinem Zeichenlehrer,…DieDeckenbalken ruhten auf Holzsäulen. Auch sie waren mit Sprüchen verziert.“14Der Gesangssaal und dieAula, die unter dem Gesangssaal lag, waren die schön-sten Räume des Hauses. Ansonsten dominierte die Zweckmäßigkeit. Die 34Alumnen (also 2 x 17 Jungen), darunter auch Karl Richter, bewohnten zwei sogenannte „Kammern“:
  24. 24. 23“Jede Kammer umfasste drei Räume, die eigentliche Kammer, in der an denWänden die 17 Schränke standen, ein großer Tisch in der Mitte des Zimmers und unterden mit Eisenstäben gesicherten Fenstern ein Kofferschrank. Stühle gab es keine, undmeine Mutter musste sich, wenn sie mich besuchte und wir noch Probe hatten, wie alleAlumnen, auf den Tisch setzen. Von der Kammer aus kam man in den Waschsaal. Inihm gab es an den Wänden für jedenAlumnus ein Waschbecken…Von da aus ging es inden Schlafsaal, der in vier Reihen 17 Betten, sowie einen großen Schrank mit denKonzertanzügen enthielt. Die letzte Reihe hatte fünf Betten.“15Daneben standen den Jungen noch der Speisesaal im Erdgeschoss, der nur zu denMahlzeiten und zum Klavierüben benutzt wurde, zwei kleinere Spielzimmer mitje einem Klavier und der Arbeitssaal, in dem gelernt und die Hausaufgaben erle-digt wurden, zu Verfügung. Im Arbeitssaal hatte jeder ein Pult mit Fach für dieSchulsachen, außerdem standen Regale mit Handbibliothek und Wörterbüchernbereit. Der Arbeitssaal stieß an die Wohnung des Alumneninspektors, des eigent-lichen Erziehers für dieAlumnen. Zur Zeit Karl Richters war dasArthur Gebauer(gest. 1956), gleichzeitig Mathematiklehrer an der Kreuzschule. Im Arbeitssaalführten die Präfekten, der Chorpräfekt und der Hauspräfekt, die Aufsicht in denArbeitsstunden. Im Keller befanden sich ein Dusch- und ein Wannenraum, dereinmal pro Woche genutzt werden konnte. Für Kranke gab es zwei Krankenzim-mer, die sich neben derWohnung des Hausinspektors befanden. EinAlumnatsarzt,selbst ehemaliger Kruzianer, betreute die Alumnen im Krankheitsfalle. Der Ta-gesablauf war von 5.45 Uh (Wecken) bis 20.50 Uhr (Schlafenszeit) geregelt.Täglich gab es von 15.00 Uhr bis 16.30 Uhr eine „Freizeit“, in der aber auch dieKlavierstunde und mindestens zwei Übungsstunden am Instrument pro Wochesowie kleine häusliche Aufgaben erledigt werden mussten.Die Advents- und Weihnachtszeit war aufgrund der hohen Dichte von kirchli-chen Aufgaben und Konzerten anstrengend, aber sie wurde – so gut es möglichwar – auch festlich begangen.„Am Heiligen Abend wurde im Arbeitssaal beschert. Es war ein anstrengenderTag. Früh Probe für das Krippenspiel und dann die drei Christvespern. Nach der erstengab es Kaffee und Stollen im Gemeindesaal, und nach der zweiten rannten einigeÄltere herüber ins „Woolworth“, wo erst um 18 Uhr geschlossen wurde, und machtenWeihnachtseinkäufe.Als es sie noch gab, waren die Schokoladenweihnachtsmänner daschon preisgesenkt. Die Bescherung begann mit dem Einzug. Wir stellten uns amGesangssaal auf und zogen, jeder mit einer brennenden Kerze in der Hand, den Gangentlang in den Arbeitssaal. Dabei wurde ‚Lobt Gott ihr Christen…’gesungen. Die Flü-geltüren waren geöffnet und wir sahen schon den schön geschmückten Christbaumwährend des Einzugs.“16
  25. 25. 24Nun sagte der jüngste Kruzianer die Weihnachtsgeschichte (Lk 2, 1-20) auf,Alumneninspektor und Hauspräfekt sprachen einige Worte. Schließlich folgtedie Bescherung:„Das Licht wurde ausgemacht, und wir suchten jeder unseren Platz mit Ge-schenken in der langen Reihe der zusammengestellten Arbeitstische. Jeder bekam ei-nen Teller mit Weihnachtsgebäck, einen Klavierauszug und ein Buch, das man sichvorher in der Buchhandlung Holze und Pahl in der Waisenhausstraße aussuchenkonnte…Dann gab es noch Kleinigkeiten…Nach der Bescherung aßen wir Kartoffel-salat mit Würstchen, machten noch ein paar Spiele, und relativ bald schickte Gebauerdie Möpse (die jüngsten Kruzianer, Anmerk. d. Verfass.) ins Bett, wir hatten einenschweren Tag hinter uns und am 1. Weihnachtsfeiertag ging es schon halb fünf Uhrwieder los, um das Christmettenspiel in der Kreuzkirche aufzuführen… Nach der Met-te bekamen wir Stollen, und nachdem die Kirchenmusik zum Hauptgottesdienst gesun-gen war, durften die Alumnen nach Hause fahren, die Kurrendaner sangen dieSchlussliturgie. Es gab wohl keinen Alumnus, der die verspätete Heimfahrt bedauerthätte, erwartete uns doch zu Hause eine erneute Bescherung.“17Diese Erinnerungen geben einen Eindruck davon, was auch Karl Richter alsKruzianer im Alumnat erlebt hat, als kleiner „Mops“, als „Mittlerer“ in der Pu-bertätszeit und als „Oberer“ in seinem Präfekten-Jahr. DasAmt des Chorpäfektenbedeutete auch damals in erster Linie, dafür bereit zu sein, bereits ein gewissesMaß an Verantwortung für den Ablauf und das Gelingen der Chorarbeit mit zutragen.Christmette der Alumnen am Christtag-Morgen 1942,Karl Richter an der OrgelArchiviert unter: Stadtarchiv Dresden, Außenstelle Kreuzschularchiv,Programmsammlung 1942, 20.4-53, Fiche 80(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)Die „Christmette der Alumnen“ wurde von Rudolf Mauersberger musikalischgestaltet und ab 1936 in Dresden eingeführt. Mauersberger stammte aus demErzgebirge, aus Mauersberg bei Marienberg/ Sa. In den evangelischen Kirchendes Erzgebirges war es üblich, sich am 1. Christtag morgens zeitig zu einemfestlichen Gottesdienst zu versammeln - der Christmette. Diese Mette war litur-gisch und musikalisch ausgestaltet, teilweise mit einem so genannten Metten-spiel, die Christgeburt darstellend. Die Spiele gingen meist auf alte Vorlagenzurück und führten die Traditionen der mittelalterlichen Mysterienspiele weiter.Mauersberger war der Liturgie stark zugetan. Er wagte deshalb erstmals 1936
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  28. 28. 27denVersuch, in der Großstadt Dresden eine solche Christmette mit Christgeburts-spiel aufzuführen. Mittels bewusster Betonung altkirchlicher liturgischer For-men wollte er den deutsch-christlichen Bestrebungen nationalsozialistischerKräfte geistig und musikalisch etwas entgegensetzen.Das im Kopfteil des Programms ausgesprochene Gedenken an einen Studienas-sessor der Kreuzschule gibt wieder, was im Leben der Kruzianer damals be-drückende Gegenwart war: Die Lehrer der Kreuzschule wechselten häufig, dasie zum Militär eingezogen wurden, die älteren Kruzianer erhielten den Gestel-lungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst und von dort, oder auch direkt von derSchulbank, kamen sie zum Kriegseinsatz. Todesmeldungen trafen ein. Die Na-men der bekannt gewordenen Toten erschienen auf Programmzetteln. In dieserZeit, die eine „ständige Ausnahmesituation“ darstellte, absolvierte Karl Richtereinen großen Teil seiner Schulzeit und durchschritt die Entwicklung vom Kindzum jungen Mann.Karl Richter begleitete die liturgischen Teile und die Gemeindelieder in derChristmette der Alumnen 1942 auf der Orgel; die „Hirtenmusik“ für Orgel undOboe von Hermann Behr (*1915) musizierte er mit Heinz Butowski, der (nachnicht ganz sicheren Recherchen) damals Oboist der Dresdner Philharmonie war.Neben Reaktionsfähigkeit und Einfühlung in die vielfältigen ProgrammpunkteimAblauf der Mette musste Karl Richter hier als Orgelspieler auch Erfahrungenin der Begleitung des Gemeindegesangs unter Beweis stellen.In der Christmette vertrat Karl Richter den schon genannten KreuzorganistenHerbert Collum, der einer seiner Orgellehrer war. Soviel bekannt ist, übte KarlRichter als Schüler auf verschiedenen Orgeln in Dresden, häufig auf der Orgelder Trinitatiskirche in Dresden-Johannstadt. Diese Kirche und ihre Orgel wurdedurch Bomben zerstört. Die Kirchenruine steht noch; in ihr wurden Räume fürdie Gemeinde wieder ausgebaut. Weitere Innenstadtkirchen mit größeren Or-geln waren die Annenkirche, die Matthäuskirche, die Johanniskirche, dieJakobikirche, die Frauenkirche (damals auch als Dom bezeichnet) sowie dieSophienkirche. Die beiden letzteren besaßen Silbermannorgeln, die Karl Rich-ter kannte.18Alle genannten Kirchen und ihre Orgeln wurden kriegszerstört; dieAnnenkirche, die Matthäuskirche und, als spätes Projekt, die Frauenkirche wur-den als Bauwerke wieder hergestellt.
  29. 29. 28Vesper am 6. März 1943 – Karl Richter dirigiert Bach
  30. 30. 29Archiviert unter: Programmsammlung 1943, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv 20.4-18, Fiche 80(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)
  31. 31. 30Wie schon am 5. Dezember 1942 leitete auch am 6. März 1943 ChorpräfektKarl Richter die Vesper des Kreuzchores. Auf dem Programm standen zweiChorwerke von Johann Sebastian Bach (1685-1750): die doppelchörige Motet-te „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ und zumAusklang der Vesper „Ichhalte treulich still“ für vierstimmigen Chor aus dem Schemellischen Gesang-buch von 1731. „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ ist eine der beidenautographen Motetten Bachs. Der Text für die Motette stammt aus Röm. 8, 26-27, der Choral ist eine Luther-Dichtung.19Auch das Lied „Ich halte treulichstill“ gilt als Bach-Komposition; bekanntlich stammen nicht alle Lieder im Ge-sangbuch Schemellis aus Bachs Feder.Interessant ist, dass in der Vesper das Glaubenslied (Credo) „Wir glauben all aneinen Gott“, Text von Tobias Clausnitzer (1618-1684), gesungen wurde20. Imevangelischen Sonntagsgottesdienst kann dieses Lied anstelle desApostolischenGlaubensbekenntnisses erklingen. DieVesper ist zwar eine gottesdienstliche Fei-er, jedoch war und ist in ihr ein Credo nicht üblich.21Allerdings: Die Texte derMotette, des Glaubensliedes und des Schemelli-Liedes stehen im engen theologi-schen Zusammenhang und sprechen den Hörern Trost und Glaubensgewissheitzu. Vom Osterfest 1943 zurückgerechnet, war der 6.3.1943 im liturgischen Ka-lender der Vorabend des Sonntags Estomihi („Sei mir ein starker Gott“). Auchin dieser Hinsicht passte das Glaubenslied. Ob Karl Richter das Lied vorschla-gen durfte, ließ sich nicht mehr ermitteln.Der junge, aus Dresden stammende Eberhard Bonitz (1921-1980)22spielte inVertretung für den (eingezogenen?) Kreuzorganisten Herbert Collum in der Ves-per die Orgel.Das für einen so jugendlichen Dirigenten anspruchsvolle Programm hat KarlRichter vor dem Vortrag sicher selbst mit den Kruzianern geprobt. Zwar warendie Bachmotetten Bestandteil des festen Repertoires, aber dennoch mussten sievon Jahr zu Jahr grundsätzlich neu einstudiert werden. Ein Knabenchor ist jaununterbrochen in der Veränderung aufgrund der Zu- und Abgänge von Chori-sten und infolge der Stimmentwicklung jedes einzelnen Kindes. Das DresdnerVesper-Publikum war zwar treu, aber auch kritisch und „verwöhnt“. Eine Bach-motette, gesungen vom Kreuzchor, durfte nicht „daneben gehen“. Es musstedamit gerechnet werden, dass die Presse die Vespern beobachtete. RudolfMauersbergers Ansprüche an die musikalische Qualität waren hoch, ein Risikowollte er sicher nicht eingehen. Karl Richter musste diesen hohen Ansprüchenentsprechen, wenn er die Leitung der Vesper innehatte.
  32. 32. 31Konzert des Kreuzchors am 27.3.1943im Hygienemuseum Dresden
  33. 33. 32Archiviert unter: Programmsammlung 1943, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-27, Fiche 80(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)
  34. 34. 33Es war üblich, dass der Kreuzchor nicht nur in Kirchen, sondern auch in Konzertsä-len oder an anderen geeigneten Orten auftrat, z. B. in der Semperoper, im DresdnerZwinger oder im Schlossgarten Pillnitz. Die Programme wurden dann entsprechendangepasst. Es gab (und gibt) also auch „weltliche“ Konzerte des Kreuzchors, dievon Konzertagenturen, den Kommunen oder Kulturverantwortlichen angefordertund organisiert wurden. Auch im Hygienemuseum Dresden befand sich ein großerSaal, der für Konzertaufführungen genutzt wurde.Am 27. März 1943 setzte Rudolf Mauersberger seinen Chorpräfekten Karl Richterein, um ein weltliches Konzert zu leiten. Neben Madrigalen aus der Renaissanceenthielt die Programmfolge einen „Durchgang“ durch die Chorliteratur bis hin zuVolksliedern und einigen Stücken der recht schwierig zu bewältigenden modernenChormusikErnstPeppings(1901-1981)23. Peppings Chorzyklus „Der Wagen“ wardurch Rudolf Mauersberger erst 1942 mit den Kruzianern im Dresdner Gewerbe-haus zur Uraufführung gekommen. Das Konzert ist überschrieben mit „Verpflich-tung der Jugend“. Es enthält außer der Chormusik keine weiteren Programmteile,auchkeineVerpflichtung,AnsprachenoderandereWortteile.DasDatum(27.3.1943)liegt zwar gegen Ende des Schuljahres hin, aber Ostern, der damalige Termin desSchuljahresabschlusses, lag 1943 erst auf dem 25. April. Auch war der 27. Märzkein staatlicher Feiertag.Nachdem die nationalsozialistischen Machthaber die meisten freidenkenden undfreireligiösenGemeinschaftenverbotenunddamitderenJugendweihefeiernzurück-gedrängt hatten, wollten sie nun die evangelische Konfirmation und die katholischeFirmung weitgehend ausschalten. Sie führten im Zusammenhang mit den festlichenSchulentlassungen eigene Jugendfeiern ein. Es muss angenommen werden, dass essich bei dem vorliegenden Programm um ein gesondert stattfindendes Konzert han-delte, dem eine Feier zu einem anderen Zeitpunkt vorausgegangen war. Die erhalte-nenArchivdokumente erlauben keine klare Einsicht in etwaige Zusammenhänge.Rudolf Mauersberger war grundsätzlich bemüht, den kirchlichen Charakter desKreuzchores soweit wie möglich zu wahren, entzog sich jedoch staatlich verordne-ten Konzerten nicht völlig – was er sicher auch nicht konnte. Es ist zu vermuten,dass er an dem weltlichen Konzert vom 27.3.1943 kein Interesse hatte, was er durchdie Nicht-Übernahme des Dirigates zeigen wollte.24Ein ähnliches VerhaltenMauersbergers trat auch auf einer staatlicherseits angeordneten Chorreise im Früh-jahr 1943 auf. Es war selbstverständlich für einen Chorpräfekten, auf AnordnungdesKreuzkantorsmusikalischeAufgabenzuübernehmen. Für den sechzehnjährigenPräfekten Karl Richter hat es sicher eine nicht unerhebliche physische und psy-chische Anstrengung bedeutet, das abendfüllende Konzert zu leiten.
  35. 35. 34Ostermette in der Kreuzkirche am 25. April 1943,an der Orgel Karl Richter
  36. 36. 35Archiviert unter: Programmsammlung 1943, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-39, Fiche 80(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)
  37. 37. 36Die Ostermette des Kreuzchors am Ostermorgen wurde von Rudolf Mauers-berger im Jahre 1941 eingeführt. Der im Kopfteil des Programmblattes genann-te Rudolf Decker (1912-1991), Theologe, Pfarrer und in späteren Jahren Kir-chenmusik-Sachverständiger der Landeskirche, war mit Rudolf Mauersbergerbefreundet. Er schrieb das Textbuch für das Ostermettenspiel, in dem - analogzum Christgeburtsspiel - das Ostergeschehen von den Kruzianern szenisch dar-gestellt wurde. Musikalisch wurden Sätze aus der „Auferstehungshistorie“ vonHeinrich Schütz, Chöre von Johannes Eccard, Johann Hermann Schein und Jo-hann Schop in die Darstellung einbezogen, also Musik aus dem 16. und 17.Jahrhundert. Die eingefügten Choräle wurden von der ganzen Gemeinde mitge-sungen und von Bläsern und Orgel begleitet. Die Ostermette ist auch heute nochfester Bestandteil im Jahresprogramm des Dresdner Kreuzchors.Während die „drei Frauen“ von Knabensolisten übernommen wurden, musstenjunge Männerstimmen die Wächter- und Jüngerrollen sowie „Die zween Män-ner am Grabe“ übernehmen. Eine dieser jungen Männerstimmen in der Mette1943 gehörte TheodorAdam, dem später sehr bekannten Bass-Bariton, mit demKarl Richter in seiner Münchener Zeit zahlreicheAufführungen und Plattenein-spielungen gestaltete.Karl Richter musste während der Mette variabel und einfühlsam an der Orgelagieren, außerdem in der riesigen Kirche (mit entsprechendem Nachhall) denGemeindegesang so begleiten, dass Bläser, Orgel und Liedgesang zusammen-klangen. Ob er nach der Mette ein Orgelnachspiel geboten hat, ist nicht belegt,aber doch wahrscheinlich.Natürlich war die Ostermette nur ein Punkt im Osterprogramm des Kreuzchores.Am Gründonnerstag und Karfreitag wurde jeweils die Matthäuspassion musi-ziert, am Karfreitagvormittag ein Gottesdienst (da die Orgel am Karfreitagschwieg, a cappella), am Samstag die Vesper und am Ostersonntag neben derMette der Gottesdienst mit festlicher Kirchenmusik, ebenso am Ostermontageine Festmusik im Gottesdienst. Welche Dienste Karl Richter als Chorpräfekt inden Gottesdiensten übernahm, konnte nicht ermittelt werden, weil für die Got-tesdienste keine Programme gedruckt wurden. Da nicht nur in der Kreuzkirche,sondern an den Hochfesten gastweise auch in der Frauenkirche (Dom) zu musi-zieren war, waren gerade die Feiertage für die Kruzianer von vielfältigen musi-kalischen Einsätzen geprägt.
  38. 38. 37Musikalische Abendfeier in Dom zu Freiberg am 24. Juni 1943Archiviert unter: Personalia Sammlung, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Dresdner Kreuzchor, 20.06-1671.92(Fotokopie des Programmzettels)Am 24. Juni, dem Fest Johannes des Täufers, gestalteten Karl Richter und zehnKruzianer ein abendfüllendes Programm mit Vokalwerken und Orgelmusik imFreiberger Dom. Domkantor Arthur Eger hatte im Jahr 1939 die Abendmusikeneingeführt; das Programm am 24.6.1943 war die 38. Abendmusik. Die Abend-musiken fanden etwa einmal im Monat statt.Die große Silbermannorgel im Dom ist das erste große Instrument, das Gott-fried Silbermann (1683-1753) baute; sie wurde 1714 fertig gestellt. Es folgtenweitere Orgeln in Freiberg, so 1717 die Orgel in der Jakobikirche und die 1719
  39. 39. 38Silbermann-Orgel im Freiberger Dom
  40. 40. 39eingeweihte Orgel der Johanniskirche (Hospitalkirche). Schließlich erhielt dieSt. Petrikirche zu Freiberg 1735 eine Silbermannorgel, die fast zeitgleich imBau war mit der Orgel für die Dresdner Frauenkirche.Die Orgel der Johanniskirche war in den dreißiger Jahren stark gefährdet, da dasKirchengebäude sehr schadhaft geworden war. Domkantor Eger erwirkte dieUmsetzung der Orgel auf den Lettner des Freiberger Doms und die Restaurationdurch die Firma Eule (Bautzen). Am 1. Februar 1939 konnte sie wieder erklin-gen und wurde die kleine Silbermannorgel genannt.Selbstverständlich hatte Karl Richter das Programm für die Abendmusik mitArthur Eger besprochen. Aber auch Karl Straube (1873-1950), der Karl Richterseit 1940 einmal pro Woche in Leipzig an der Orgel unterrichtete, interessiertesich sicher für das musikalischeVorhaben seines Schülers. Karl Straube,Thomas-organist von 1903-1918 und Thomaskantor von 1918-1939, gleichzeitig Profes-sor für Orgel am damaligen Leipziger Konservatorium, war mit Jahresende 1939pensioniert worden. Straubes Mutter war Engländerin; Straube war äußerst be-lesen in englischer Literatur25. Für die Nationalsozialisten war der internationalanerkannte Orgel- und Bachspezialist nach Kriegsausbruch als Thomaskantornicht mehr tragbar.Dass der damals 66jährige Straube trotz seiner Pensionierung Karl Richter alsSchüler annahm, geschah nach der Erinnerung zeitnah lebender Zeugen auf eineAnfrage Mauersbergers hin, der selbst (1912-1914 und 1918/1919) Straube-Schü-ler gewesen war26. Karl Richter erhielt den Unterricht als Privatschüler diens-tags im Leipziger Konservatorium, in dem Straube auch nach der Pensionierungunterrichtete. Dazu musste Karl Richter nach dem Dresdner Schulunterricht nachLeipzig fahren – und natürlich auch zurück. Straube unterrichtete ihn kostenlos.Karl Richter verehrte Straube als seinen Lehrer mit Dankbarkeit. Als jungerThomasorganist spielte er nach Straubes Tod am 27.4.1950 nicht nur in der Trau-erfeier die Orgel, sondern ließ auch in der festlichen Motette am 29.7.1950,innerhalb der Deutschen Bachfeier 1950, Karl Straube zum Gedenken Präludi-um und Fuge h-moll von J. S. Bach erklingen.Das Programm für die MusikalischeAbendfeier vom 24.6.1943 in Freiberg ent-hielt bis auf ein Abendlied ausschließlich Werke von J. S. Bach und H. Schütz.Je zweimal waren die kleine und große Silbermannorgel mit Bachwerken zuhören. Schon die Werkauswahl spiegelte den beachtlichenAusbildungsstand desjungen Karl Richter wider. Auch die Vokalwerke leitete er und hat dafür sichermit den Kruzianern geprobt.
  41. 41. 40Kirchenkonzert des Dresdner Kreuzchors am 27.6.1943in der Christuskirche zu Bischofswerda
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  43. 43. 42Archiviert unter: Programmsammlung 1943, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-54, Fiche 81(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)Nur drei Tage nach der Abendmusik vom 24.6.1943 im Freiberger Dom spielteKarl Richter erneut zwei größere Orgelwerke von J. S. Bach, diesmal im Rah-men eines Kreuzchorkonzerts, dessen Kollekte dem Deutschen Roten Kreuzzugute kommen sollte.Das Musizieren in den gottesdienstlichen Feiern war bis zur Zerstörung Dres-dens noch möglich; die letzte Kreuzchorvesper fand am 10. Februar 1945 in derDresdner Sophienkirche statt. Konzerte in Kirchen wurden jedoch erschwert.Hatte der Kreuzchor noch 1941 innerhalb von fünf Monaten sechs oratorischeAufführungen herausgebracht,27so waren nach dem Herbst 1944 große Auffüh-rungen nicht mehr möglich. Erna Hedwig Hofmann, ab 1947 Sekretärin RudolfMauersbergers und Autorin mehrerer Veröffentlichungen über den Kreuzchor,schrieb über die zunehmenden Einschränkungen:„Im übrigen ist es das Bestreben der ‚kulturellen Lenkung’, die wenigen ‚künst-lerischen Einsätze’, die dem Kreuzchor noch verbleiben, auf Saalkonzerte zu beschrän-ken. Kirchenkonzerte werden wegen angeblicher Heizungsschwierigkeiten nicht ge-stattet. Der Kreuzchor läßt sich durch Wehrmachtskommandos und Garnisonen, diegleichzeitig über genügend Kohlen verfügen, in Kirchgemeinden einladen, singt nachwie vor seine musica sacra und bringt damit Hunderten, ja Tausenden die vielleichtletzte innere Stärkung. So bleibt der Kreuzchor Kirchenchor bis zum Ende – trotz allerBemühungen staatlicher Stellen, die andere Ziele verfolgen. Im Schreibtisch des stell-vertretenden Bürgermeisters liegt die Akte, die durch einen Federstrich der siebenhun-ertjährigen ‚capella sanctae crucis’ einen neuen Charakter geben soll. Sie wird nichtunterschrieben.Im Herbst 1944 beschließt der Kreuzchor mit einerAufführung der HohenMesse von Johann Sebastian Bach auf dem Altarplatz seine Konzerttätigkeit.“28Ein Kirchenkonzert, auf den von E. H. Hofmann beschriebenen Wegen zustan-de gekommen, fand am 27.6.1943 in der Christuskirche (Haupt- und Garnison-kirche) zu Bischofswerda statt. Heizungsfragen werden im Juni keine Rolle ge-spielt haben, wohl aber die generelle Einschränkung der Konzerttätigkeit desKreuzchors.Im Programm erklangen einige der bekanntesten Chorwerke von Anton Bruck-ner, Heinrich Schütz und J. S. Bach, die auch damals zum festen Repertoire desKreuzchors zählten. Karl Richter spielte, wie bereits am 24.6.1943 in Freiberg,zwei größere Orgelwerke aus dem Band IV der Peters-Ausgabe, die G-Dur Fan-
  44. 44. 43tasie mit ihrem schönen fünfstimmigen Satz und das Präludium und die Fuge inC-Dur, bei deren Vortrag der junge Organist seine bis dahin erreichte Virtuositätzeigen konnte.In diesem Konzert hatte Karl Richter seinen letzten nachweisbaren öffentlichenEinsatz als Chorpräfekt, bevor er im Juli 1943 zum Reichsarbeitsdienst einberu-fen wurde. Gelegenheiten gottesdienstlichen Musizierens gab es sicher noch biszum Einberufungstag.Bach -Tage 1948 in LeipzigKonzert des Dresdner Kreuzchors am 11. April 1948An der Orgel: Karl RichterArchiviert unter: Programmsammlung 1948, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-39 und 40, Fiche 95(gedrucktes Programm-Deckblatt und Vortrags-Folge;Rückvergrößerungen durch Stadtarchiv Dresden)Orgelunterrichtbei Karl Straube
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  48. 48. 47Obwohl sich einzelne ehemalige Kruzianer der Nachkriegszeit erinnerten, KarlRichter habe in den Jahren von etwa 1946 bis 1949 in mehren Fällen Konzerteund Reisen des Dresdner Kreuzchors begleitet,29konnten Archivdokumente nurspärlich als Belege für diese Aussagen aufgefunden werden. Ein auswärtigesKreuzchorkonzert, an dem Karl Richter nachweislich beteiligt war, fand anläss-
  49. 49. 48lich der Bach-Tage 1948 in Leipzig statt. Er trug in diesem Konzert zwei größe-re Orgelwerke von J. S. Bach vor. Der Kreuzchor sang unter Rudolf Mauersberger.Karl Richter war damals Student an der Staatlichen Hochschule für Musik inLeipzig, ein reichliches Jahr vor seinem Abschlussexamen.Dass Karl Richter in seiner Studienzeit relativ engen Kontakt zu RudolfMauersberger und den Kruzianern hielt, bezeugte auch die bereits mehrfacherwähnte Erna Hedwig Hofmann, ab 1947 Sekretärin des Kreuzkantors. In ih-ren „Erinnerungen an Karl Richter“ schrieb sie:„Mauersberger hat sich oft und gern der gemeinsamen Arbeit mit dem jungenKarl Richter erinnert. Er hob hervor, daß sich sein einstiger Präfekt als glänzender,dabei unerbittlicher Chorerzieher erwiesen habe, dem absolute Perfektion und strengeDisziplin selbstverständlich waren. Er habe es verstanden, gleichzeitig den damaligen‚Oberen’ ein äußerst beliebter ‚Kumpel’ zu sein und dabei trotzdem den in seiner Stel-lung gebotenen Abstand zu halten. Die ‚Möpse’ freilich, also die Jüngsten des Chores,hatten ihm stets eine an Ehrfurcht grenzende Hochachtung entgegengebracht.“30Weiter erinnerte sich E. H. Hofmann, dass Karl Richter zwischen 1946 und1948 Mauersberger mitunter gegen Abend besucht habe. Und da Mauersbergervon ihrer entfernten Verwandtschaft mit Karl Richter wusste, wurde sie eingela-den, an diesen abendlichen Gesprächen teilzunehmen. Natürlich stand die Mu-sik im Mittelpunkt des geistigen Austauschs. Vielleicht ist anlässlich eines sol-chen Gesprächs auch der Plan entstanden, dass Karl Richter für das Kreuzchor-konzert zu den Bach-Tagen 1948 in Leipzig zwei Orgelwerke beitragen sollte.Zur Eröffnung des Konzerts in der Thomaskirche am 11.4.1948 bot Karl Rich-ter Präludium und Fuge in h-moll, außerdem begleitete er das Knabenduett „DieFurcht des Herrn“ von Heinrich Schütz auf der Orgel. Vor der großen Bach-motette „Jesu, meine Freude“ erklang die Orgelsonate in c-moll, ein konzertan-tes Werk, das den Hörer mit besinnlicher Freude erfüllen kann. Die Wilhelm-Sauer-Orgel der Thomaskirche, erbaut 1889, hatte Karl Straube als Thomas-organist schon gespielt. Straube hatte das Instrument 1908 mithilfe selbst ein-geworbener Spenden und mit Mitteln aus eigener Tasche von 63 auf 88 Registererweitern lassen31- ein nicht alltäglicher Einsatz eines Organisten. Die Orgelwar danach für die Wiedergabe von Werken Max Regers besonders geeignet,was ein Anliegen Straubes gewesen war – Straube war mit Reger befreundet.Nur fünfzehn Monate nach dem Konzert vom April 1948 sollte Karl Richterdann selbst die Orgelbank der Thomaskirche als Thomasorganist besetzen.
  50. 50. 49Kreuzchorvesper, Freitag, den 2. Juli 1948, 19 Uhrin der Heilig-Geist-Kirche Dresden Blasewitz,an der Orgel: Karl Richter
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  52. 52. 51Archiviert unter: Programmsammlung 1948, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-115, Fiche 96(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)Erst zwischen 1947 und 1948 konnten die regelmäßigen Kreuzchorvespern, wennauch nicht in der Kreuzkirche, als wichtige Elemente des Chorlebens wiederstattfinden. Das mühsame Zurückkommen zu einigermaßen geregelten Verhält-nissen im Chor- und Schulleben der Kruzianer hat Karl Richter zeitweise miter-lebt. Die Schwierigkeiten des Neuanfangs nach dem Krieg waren groß32.Nachdem die Kreuzschule und das Choralumnat seit dem 13. Februar 1945 nichtmehr existierten und die Kreuzkirche infolge der Zerstörungen nicht benutzbarwar, sammelten sich Überlebende und einige Neulinge ab dem 1. Juli 1945 inder teilzerstörten Oberschule Dresden-Plauen. Das Alumnat war behelfsmäßigin den Kellerräumen des Gebäudes untergebracht. Wie anderswo auch, fehlte eshier an allen Gütern des täglichen Bedarfs. Die Hörer und Besucher erster Kon-zerte wurden nicht selten um Lebensmittelspenden für das Alumnat gebeten.Das war der Zustand, auf den Karl Richter in Dresden traf, als er in den erstenWochen des Jahres 1946 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Sobald alsmöglich wollte er sein als Kreuzschüler 1938 begonnenes Orgelstudium bei KarlStraube in Leipzig fortsetzen33.Nach den Erinnerungen von Erna Hedwig Hofmann wandte Karl Richter sichim Frühling 1946 in Dresden an sie mit der Bitte, ihn „pro forma“ bei sich alsUntermieter aufzunehmen. Er berichtete ihr, dass er wieder im Chor mitgesun-gen und als zusätzlicher Präfekt gearbeitet habe, aber der Verwaltungsleiter desKreuzchors wolle ihn nicht mehr im Alumnat dulden (da er kein Schüler mehrsei). Es ginge hauptsächlich darum, dass er als ihr Untermieter behördlich regi-striert werde und Lebensmittelkarten erhalten könne; sicher musste er sie abge-ben, um im Alumnat mit essen zu können. Frau Hofmann stimmte zu. Ob KarlRichter je vom Quartierrecht bei ihr und ihren Eltern in der Dresdner Niederwald-straße Gebrauch machte, erwähnte sie in ihrem Bericht nicht34. Zum Winterse-mester 1946/ 1947 immatrikulierte sich Karl Richter dann in Leipzig an derStaatlichen Hochschule für Musik und wohnte, gemeinsam mit einer seinerSchwestern, in Leipzig.Der Kreuzchor konnte im Februar 1947 einen Teil des Schulgebäudes auf derEisenacher Straße/ Dornblüthstraße in Dresden-Striesen beziehen. Vor der NS-Zeit war es ein Freimaurer-Institut gewesen. Damit endete das Kellerdasein derAlumnen.Auch dieses neue Domizil des Chores, in dem es nun bessere Lebens-
  53. 53. 52und Arbeitsbedingungen und neben einem Probensaal auch ein Dienstzimmerfür den Kreuzkantor gab, hat Karl Richter bei seinen Besuchen kennen gelernt.Die Kreuzchorvespern wurden in der Heilig-Geist-Kirche Dresden-Blasewitz,nur einige Gehminuten vom Alumnat entfernt, wieder eingerichtet.Am 2. Juli 1948 eröffnete Karl Richter die Vesper musikalisch mit Toccata,Adagio und Fuge in C-dur von J. S. Bach. Von der Toccata und Fuge in C-durschrieb Albert Schweitzer, sie habe „heute noch dieselbe Gewalt über die Ge-müter, wie je zuvor.“35Die Wiedergabe dieses Werkes erfordert hohe Virtuosi-tät und Kraft vom Organisten; Schweitzer sprach vom „wahren Pathos“, wel-ches er gegenüber einem „falschen Pathos“ abgrenzte. Er meinte, dass diejeni-gen, die in der Musik des 19. Jahrhunderts aufgewachsen sind, ein Unterschei-dungsvermögen für wahres und falsches Pathos besitzen. Dem seltenen wahrenPathos, also wie in der Toccata und Fuge C-dur, dürfe sich der Hörer dann,sozusagen ausnahmsweise, mit „doppelten Entzücken“ hingeben.Wir wissen nicht, wie Karl Richter das Werk damals wiedergegeben hat. Zudiesem Zeitpunkt, also etwa ab 1948, studierte er bereits vornehmlich bei Gün-ther Ramin (1898-1956), dem damaligen Thomaskantor; denn etwa ab 1947/48war Straube durch Krankheiten in seinem Befinden beeinträchtigt. Fest steht,dass Ramin damals bereits den spätromantischen Stil verlassen hatte, was sichsicher auch in der Arbeit mit seinen Studenten widerspiegelte. Das Solo fürKnabenalt im Abendlied am Ende der Vesper, eine Komposition RudolfMauersbergers, Textdichtung von Gottfried Kinkel (1815-1882)36, wurde vondem damals knapp dreizehnjährigen Kruzianer Peter Schreier gesungen; KarlRichter begleitete ihn an der Orgel.Rund siebzehn Jahre später, im Jahr 1965, sorgte Karl Richter, inzwischen Pro-fessor für Kirchenmusik und Orgelspiel in München und international tätigerDirigent, für das Debüt des dreißigjährigen Tenors Peter Schreier in Österreich,indem er ihn für die Hohe Messe in h-moll von J. S. Bach nach Wien holte37.Eine intensive und langjährige Zusammenarbeit schloss sich an. Peter Schreierwar einer der wenigen in der DDR lebenden Künstler, denen es gestattet wurde,noch nach der endgültigen Abriegelung der DDR 1961 durch den „EisernenVorhang“ zu reisen. Auch der Bass-Bariton Theo Adam, Karl Richters Schul-und Alterskamerad, gehörte zu ihnen. Zahlreiche Konzerte und Plattenaufnah-men entstanden auf Einladung und unter der Stabführung Karl Richters mit die-sen beiden Sängern. Vielleicht sollte Richters Engagement für das gemeinsameMusizieren, selbst über „eiserne Grenzen“ hinweg, einmal besonders gewürdigtwerden.
  54. 54. 53Kopie eines Briefes: Karl Richter an Domkantor Arthur Eger, 15.10.1948Zwei lose Blätter in: Personalia, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.06-1671.92Im Herbst 1947 (14.9.47-7.10.47) war der Dresdner Kreuzchor erstmals überdie Grenze der Sowjetischen Besatzungszone in den Westen gereist, die Tournee-leitung hatte die Konzertdirektion Kempf in Frankfurt a. M. Im Jahr darauf,1948, wurde wieder eine dreiwöchige Reise nach Süddeutschland geplant, dieam 6.10.1948 beginnen sollte. Karl Richter sollte an dieser Reise teilnehmen. Inihrem Bericht schrieb E. H. Hofmann darüber:„Mauersberger setzte Richter auf die Reiseliste, obwohl Dittrich [Anmerkungder Verfasserin: Dr. Paul Dittrich war der damalige Verwaltungsleiter des DresdnerKreuzchors] ihn gestrichen hatte. ‚Ich kann bei der gegenwärtigen Situation im Chorauf Richter nicht verzichten, er ist mir unentbehrlich’, erklärte Mauersberger.“38Die Reise begann mit einem Konzert in Fulda, am 14.10.1948 sang der Chor imMünster zu Ulm.Am 15.10.1948 starb Mauersbergers sehr geliebte Mutter, 87jäh-rig, in Mauersberg im sächsischen Erzgebirge. Sofort stellte sich Karl Richterfür die Chorleitung zur Verfügung. Aber Mauersberger lehnte ab, blieb der Be-erdigung seiner Mutter fern und führte die Reise selbst zu Ende. Erna Hed-wig Hofmann erinnerte sich im Folgenden:„Wie mir später Mitglieder des damaligen Männerchores erzählten, soll KarlRichter geäußert haben, daß dieser Entschluß des Kantors für ihn niederschmetterndgewesen sei und bei ihm einen schweren Vertrauensbruch bewirkt habe.“39Das enge Verhältnis, das der Kreuzkantor zu seiner Mutter und zu seinem Hei-matort Mauersberg hatte, war im Chor allgemein bekannt. Dennoch fuhr er nichtzur Beisetzung nach Hause. Vermutlich erschien Mauersberger die Verantwor-tung der Chorleitung für den 22jährigen Richter zu groß, die Reise für den Chorund für sich selbst zu bedeutsam – Genaueres ist nicht bekannt. Richter setztedie Reise nach diesem Vorkommnis mit fort.40Nach der Rückkehr konzentrier-te er sich auf den Abschluss seines Studiums in Leipzig.Unbeachtet schien geblieben zu sein, dass Karl Richter an diesem 15. Oktoberseinen 22. Geburtstag hatte.Auch ein ehemaliger Kurzianer, der an dieser Reiseteilnahm, konnte sich im mündlichen Gespräch mit der Verfasserin nicht mehrerinnern, dass damals Richters Geburtstag irgendwie Beachtung gefunden hät-te. Von eben diesem 15. Oktober 1948 datiert der vorliegende Brief, den er an
  55. 55. 54Arthur Eger schrieb; seit seiner Kindheit durfte er ihn „Onkel Arthur“ nennen.In der fünften Zeile des Briefes fällt auf: Richter schrieb, dass die Tournee nochbis zum 28. Januar andauere. Es könnte sich um einen Fehler handeln, denn dieTournee, auf der er sich befand, dauerte einschließlich der Rückreise bis zum28. Oktober. Oder hatte das Datum ‚28. Januar’ eine andere Bedeutung?Inhaltlich ging es um die Gestaltung einer geplantenAbendmusik im FreibergerDom, an der Karl Richter wesentlich mitwirken sollte und zu der Karl Straubeeingeladen war. Weder seinen Geburtstag noch den Trauerfall Mauersbergerserwähnte er. Möglich, dass er den Brief früh am Tage schrieb, noch bevor derTodesfall bekannt wurde. Vielleicht bedeutete der Brief für ihn, unabhängig da-von, zu welcher Tageszeit er ihn verfasste, eine persönliche Freude, die er sichan seinem Geburtstag zuteil werden ließ.An einen vertrauten Menschen zu schrei-ben, kann entlasten und eine innere Nähe zum Adressaten schaffen. Und KarlRichter nahm inhaltlich das in den Blick, was ihm besonders am Herzen lag –die Musik.
  56. 56. 55Karl Richter am Cembalo(Fotonegativ: Bacharchiv Leipzig)Das Bild am Cembalo ist im Jahr 1949 im privaten Bereich entstanden(Wohnzimmertüren, Wohnzimmertapeten, neben dem Cembalo ein Schreibtischmit Tintenfass); wo es aufgenommen wurde, ist nicht eindeutig klar. Es könnte inGünther Ramins Wohnung sein, denn er besaß ein Cembalo privat. Im Bach-archiv war das Foto bisher nicht bekannt, es existierte nur als Fotonegativ(Kleinbildkamera). Es zeigt Richter wahrscheinlich in der zweiten Jahreshälfte1949; er ist sehr schlank, trägt einen umgearbeiteten Anzug und zur Schonungder Ärmelkanten „Klavierspielerstulpen“.Zu diesem Foto machte Dieter Ramin, der Sohn von Günther Ramin, AnfangNovember 2013 folgende Anmerkungen:...Das Cembalo stand bei uns auf der Diele an der Wand. Es hatte schwarzeTasten und die Züge waren weiss. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass dasBild bei uns gemacht wurde. Allerdings stand es normalerweise nicht vor einerTür, obwohl die Intarsien der Tür dem Stile der Wohnung entsprachen. DasCembalo stand auf einem Pedal, das damals gratis geliefert wurde, aber das istja nicht zu sehen...
  57. 57. 56Karl Richter an der Sauer-Orgel in der ThomaskircheArchiviert unter: Bacharchiv Leipzig, „Sammlung Heyde“,Foto 969, A 8 und A 45 (beide nur als Foto-Negative vorhanden),Herstellung der Scans und der Fotoabzüge mit Unterstützung des Bacharchivs LeipzigDie Tätigkeit Karl Richters als Organist an der Thomaskirche in Leipzig dauerteeineinhalb Jahre. In seiner Sitzung vom 3. Mai 1949 verhandelte der Kirchen-vorstand der Thomas-Matthäi-Gemeinde unter Punkt 4. der Tagesordnung überdie künftige Anstellung Karl Richters als Organist – geplant zunächst für einJahr.43Er hatte das Amt vom 1. 7. 1949 bis zum 31.12.1950, also achtzehnMonate, inne. In dieser kurzen Zeit hat er sich, bei Dienstantritt noch keine 23Jahre alt, mit einem unglaublich reichen Repertoire an Orgelliteratur der Öffent-lichkeit vorgestellt. In den wöchentlichen Motetten, jeweils freitags und sams-tags in der Thomaskirche, brachte er von Mal zu Mal andere Werke zu Gehör,darunter auch Stücke, die er später wohl selten gespielt hat, wie z. B. Präludiumund Fuge in e-moll von Nikolaus Bruhns (am 24.3.1950). Auf die Dienste inden Motetten folgten allwöchentlich die sonntäglichen Gottesdienste mit ihremliturgischen Orgelspiel und die Ausgestaltung liturgischer Feiern im Rahmenvon kirchlichen Amtshandlungen.
  58. 58. 57Neben dem Internationalen Bachfest 1950, das vielfältige Aufgaben für denThomasorganisten mit sich brachte, begleitete Karl Richter im Frühjahr 1950 denThomanerchor unter Günther Ramin auf eine Konzertreise in die BundesrepublikDeutschland und in die Schweiz und spielte im August 1950 für den Rundfunk,dann schon alsBachpreisträger,inderThomaskirche Orgelwerke ein.44Und selbst-verständlich spielte er Continuo bei denAufführungen von Kantaten und Oratori-en des Thomanerchores, sowohl an der Orgel als auch am Cembalo. Dazu kameneigene solistischeAuftritte, also Orgelkonzerte und Cembalokonzerte. Leider sindnicht alle Programmzettel aus dieser reichen Schaffensperiode des jungen KarlRichter erhalten; erst ab 1950 wurden im Bach-Archiv Leipzig die Dokumentesystematisch gesammelt. Dennoch zeugen die erhaltenen Programme von einemganz außergewöhnlichen Wirken, das sicher verbunden war mit ebenso außeror-dentlichem Fleiß. Die Presse begann sich mit dem jungen Künstler zu beschäfti-gen. Einige Kritiken sind erhalten und können hier vorgelegt werden.Eine zusätzliche Aufgabe hatte der junge Organist Karl Richter als Lehrkraft imFach Orgel an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater Leipzig über-nommen, welche er von Juli 1949 bis zum März 1951, also bis zum Ende desWintersemesters 1950/51 und bis kurz vor seinem Weggang aus Leipzig ausüb-te.45Zu seinen Schülern gehörten sein späterer Nachfolger im Amt des Thomas-organisten Hannes Kästner und die damaligen Studierenden Gerhard Richter, Bri-gitte Hannibal und Albrecht Haupt.
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  63. 63. 62Karl Richter im Jahr 1949Foto: Aus dem Nachlass von Karl Richters Schwester Gabriele Sieg
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  79. 79. 78Deutsche Bach-Feier Leipzig 1950, ProgrammheftArchiviert unter: Programmsammlung 1950, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-127ff, Fiche 103(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)Zum Ende des Sommersemesters 1949 schloss Karl Richter sein Studium an derStaatlichen Hochschule für Musik und Theater in Leipzig mit dem Staatsexamenab; die Prüfungen absolvierte er vom 1. bis zum 19. Juli 1949 in folgenden Fä-chern: Liturgisches Orgelspiel (sehr gut),Virtuoses Orgelspiel (mitAuszeichnung),Lehrprobe Methodik des Klavierspiels (gut), Klavierspiel (mit Auszeichnung),Orchester- und Chordirigieren (gut) – als Gesamtprädikat erreichte er „sehr gut“.Im Juli 1949 wurde Karl Richter Thomasorganist in Leipzig. Er hätte mit einigerWahrscheinlichkeit auch die Stelle an der Heilig-Geist-Kirche in Dresden bekom-men können, lehnte aber ab, sich zu bewerben, da ihm das Organistenamt an St.Thomas einen größerenWirkungskreis versprach.41Am 27.April1950 starb 77jäh-rig sein ehemaliger Lehrer Karl Straube, vormals selbst Thomasorganist und Tho-maskantor. In der Trauermottete am 28. April 1950 spielte Karl Richter ihm zumGedenken in der Thomaskirche die Passacaglia von J. S. Bach.Nur knapp ein Vierteljahr darauf fand in Leipzig vom 23. bis 31. Juli 1950 dieDeutsche Bach-Feier anlässlich des 200.Todestages J. S. Bachs statt. Karl Straubehatte für die „Bach-Gedenkschrift 1950“ im Auftrag der Internationalen Bach-Gesellschaft noch einen großenArtikel verfasst.42Nun erlebte er das Bach-Festmit der Beisetzung der Gebeine Bachs in der Thomaskirche, sie waren vomJohannis-Friedhof in Leipzig überführt worden, nicht mehr mit.Für Karl Richter war das Bach-Fest 1950 sozusagen eine Feuerprobe. Er nahmam Internationalen Bach-Wettbewerbteil. Am 26. Juli 1950 wurden die Preis-träger bekannt gegeben: Karl Richtererhielt einen 1. Preis im Fach Orgel.ImRahmenderBach-FeiertraterinLeip-zig zehnmal hervor, sowohl als Cembalistals auch als Organist. Am 24. Juli spielteer das Cembalo in einem Kammerkon-zert-Programm, am 26. Juli das Cemba-lo in der Hohen Messe h-moll, am 27.Juli das Cembalo in einem Kammerkon-
  80. 80. 79zert und am 28. Juli trat er viermal auf: um 9 Uhr in einer Gedenkstunde amSarkophag Bachs spielte er den Orgelchoral „Vor deinen Thron tret ich hier-mit“, der als letzte Komposition Bachs gilt, um 11 Uhr in der Nationalfeierkonzertierte er auf dem Cembalo in zwei Orchesterwerken, um 15 Uhr gab erein eigenes Orgelkonzert in der Thomaskirche und um 18.30 Uhr übernahm erdas Continuospiel am Cembalo in der Johannes-Passion. Am nächsten Tag,dem 29. Juli, eröffnete er die Motette in der Thomaskirche zum Gedenken anKarl Straube mit Präludium und Fuge in h-moll an der Orgel; am 30. Julispielte er im Festgottesdienst um 9 Uhr die Orgel, am gleichen Tag fand um14.30 Uhr das Konzert der Bach-Preisträger statt.Am 31. Juli fuhr er mit nach Rötha, der Herkunftsstätte der von ihm sehr ge-schätzten Silbermannorgel. Sie wurde 1950 im Saal des alten Rathauses Leipzigaufgestellt und konnte erst 1960 nach Rötha zurückkehren.Bei näherer Beschäftigung mit dem Gesamtprogramm für die Bach-Feier 1950begegnen dem Leser Namen von Musikern und Musikerinnen aus ganz Deutsch-land und dem Ausland, die sich – so will es scheinen – noch einmal am histori-schen Ort um Johann Sebastian Bach zum gemeinsamen Musizieren, Lernenund Feiern eingefunden hatten. Mit einigen von ihnen, z. B. mit Diethard Hell-mann, Joseph Keilberth und Gert Lutze blieb für Karl Richter auf viele Jahrenach diesem Bachfest von 1950 die enge musikalische und menschliche Verbin-dung bestehen. Er erlebte, wie einzelne von ihnen früher oder später den glei-chen Weg gingen, den er 1951 nahm – weg aus der DDR. Andere Künstler, dieer teilweise gut kannte und schätzte wie Erhard und Rudolf Mauersberger, Gün-ther Ramin, Ekkehard Tietze oder Amadeus Webersinke hatten pädagogischeoder kirchliche Aufgaben übernommen und fühlten sich verpflichtet, der musi-kalischen Sache wegen zu bleiben. So ließ die Bach-Feier mit der Beisetzungder Gebeine Johann Sebastian Bachs in der Thomaskirche bereits etwas voneinem noch anderen Abschied ahnen.Auch den heutigen Leser lässt das Programm an manchen Stellen aufmerkenund nachdenken darüber, wie die Staatsträger der DDR die Hand auf die Künst-lerinnen und Künstler zu legen begannen. „Kulturschaffende“ nannte der dama-lige Staatspräsident der DDR sie im Vorwort des Programmheftes. Von der „ech-ten Volksverbundenheit“ Bachs war die Rede – die Glaubensverbundenheit derMusik Bachs blieb unerwähnt. So genannte „weltliche Musik“ Bachs wurde fürden Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), einer der DDR-Staatsfüh-rung zugeordneten Organisation, in zwei besonderen Konzerten, in „geschlos-senen Veranstaltungen“, aufgeführt.
  81. 81. 80Noch hielt Landesbischof Hugo Hahn, ein führender Kopf der BekennendenKirche in Sachsen, am 28. Juli dieAnsprache am Bach-Sarkophag, noch konntesein Amtsbruder Landesbischof Hans Lilje aus Hannover am 30. Juli die Pre-digt im Festgottesdienst in der Thomaskirche halten. Wie lange war diese Ge-meinsamkeit noch möglich?Am 30. Juli fand eine der beiden „geschlossenen Veranstaltungen“ für den FDGBim Leipziger Opernhaus statt. Die Leitung des Konzertes „Von Johann Sebasti-an Bach zur Gegenwart“ hatte Hans Sandig, langjähriger Leiter der musikali-schen Vereinigungen des Mitteldeutschen Rundfunks. Er eröffnete das Konzertmit der weltlichen Bachkantate BWV 212, auch als „Bauern-Kantate“ bezeich-net. Für das Programm wurde die ebenfalls übliche Bezeichnung der Kantate„Mer hahn en neue Oberkeet“ gewählt. Der Tenor dieser „geschlossenen Veran-staltung“ war wohl nicht zu überhören.
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  128. 128. 127Das Ausscheiden als Thomasorganistund der Neubeginn Karl Richters in MünchenAm 1. März 1951 wandte sich Staatsrat Dr. Meinzolt im Bayerischen Staatsmi-nisterium für Unterricht und Kultus an den Präsidenten des Ev.-Luth. Landes-kirchenamtes in Sachsen, Herrn Dr. Erich Kotte, und bat umAuskunft, da an derStaatlichen Hochschule für Musik in München die Stelle eines Lehrers für Or-gel und die Organistenstelle an einer evangelischen Kirche in München zu be-setzen sei. Meinzolt schrieb:„Er [gemeint ist Karl Richter] soll ein sehr tüchtiger Musiker sein, muss je-doch aus ‚persönlichen Gründen’ aus dem Kirchendienst in Leipzig ausscheiden. Ichwäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir baldgefälligst mitteilen würden, welche Bewandtnises mit diesen ‚persönlichen Gründen’ hat.“46Was war dieser Anfrage vorausgegangen, wie kam sie zustande?Der Kirchenvorstand der Thomas-Matthäi-Gemeinde Leipzig hatte am 19. De-zember1950, also kurz vor Weihnachten, den Beschluss gefasst, Karl Richternicht länger als Thomas-Organisten zu beschäftigen. Eine Begründung für dieseEntscheidung wurde nicht aktenkundig gemacht und eine solche ist auch ge-danklich heute, nach mehr als sechzig Jahren, kaum nachvollziehbar. Einendienstlichen oder fachlichen Grund gab es jedenfalls nicht. Im Protokoll desKirchenvorstandes heißt es:4. „Die Probezeit des Organisten Karl Richter ist abgelaufen. Der Vorsitzendeberichtet, daß das Landeskirchenamt [Richter als ständigen Thomasorganisten]47auspersönlichen, nicht aus musikalisch-künstlerischen Gründen es ablehnt, Richter als stän-digen Thomasorganisten zu bestätigen. Demzufolge scheidet Richter in beiderseitigemEinvernehmen mit Ende des Jahres aus dem Dienst der Thomas-Matthäi-Gemeindeaus. Mit der Vertretung wird bis auf weiteres Johannes Kästner beauftragt. MonatlicheVergütung 300 DM. Im übrigen wird dem LKA die Erledigung der Organistenstelleberichtet und dabei gebeten werden, von der Ausschreibung der Stelle abzusehen.“48Von den damals amtierenden Geistlichen unterzeichnete neben Laien-Kirchen-vorstehern Pfarrer Rüdiger Alberti dieses Protokoll.49Karl Richter wird diese Entscheidung noch vor Weihnachten mitgeteilt wordensein.Aus den erhaltenen Programmzetteln wissen wir, dass er bis zum Jahresen-de in der Thomaskirche die Orgel gespielt hat, zuletzt in zwei Konzerten an den
  129. 129. 128Abenden des 29. und 30. Dezember 1950 die sechs Sonaten für Orgel von J. S.Bach.50Auch am Silvestertag, der 1950 auf einen Sonntag fiel, hat er den Orgel-dienst in der Thomaskirche versehen, er spielte Fantasie und Fuge g-moll von J.S. Bach in der Silvester-Motette der Thomaner; das erhaltene Programm kannvorgelegt werden.Obwohl er in Leipzig noch Lehrverpflichtungen hatte, musste sich Karl Richternun nach einer geeigneten Stelle umsehen. Aber was war eine geeignete Stellefür einen Internationalen Bachpreisträger, einen Mann, der von der Orgelbankder Thomaskirche Leipzig kam, der ehemaligen Wirkungsstätte Johann Sebasti-an Bachs und der damaligen Bachpflegestätte schlechthin? Er hat sehr viel spä-ter, im Jahr 1979, in einem Interview mit der WELT-Journalistin Kläre Warn-ecke auf diese Zeit zurück geblickt und gesagt:„Ich habe damals, als ich in den Westen kam, in mehreren Städten Probe ge-spielt. Auch in Freiburg. Aber da wurde ich nicht genommen, weil der Genzmer undder Gustav Schreck der Meinung waren, dass ich kein Verhältnis zur zeitgenössischenMusik hätte. Dann habe ich in München Probe gespielt. Und da hat mir der unlängstverstorbene Robert Heger als Präsident der Hochschule geschrieben, das Ministeriumkönne sich nicht entschließen, einen 24jährigen ins Lehrerkollegium aufzunehmen,aber sie würden mir anbieten, die Vertretung als Orgellehrer zu übernehmen für einSemester - in der Zeit könnten sie sich dann um einen Besseren bemühen. Ich habe denVorschlag angenommen und natürlich gehofft, dass sie keinen Besseren finden. Ja, soist es gewesen.“51So ist es gewesen: Nicht nur Dr. Meinzolt von Bayerischen Staatsministeriumfragte nach dem beeindruckenden Vorspiel Karl Richters in München52beimSächsischen Landeskirchenamt in Dresden nach, was es denn mit den „persön-lichen Gründen“ des jungen Organisten auf sich hätte. Auch andere, ähnlicheAnfragen an das Landeskirchenamt in Dresden liegen vor. So wandte sich dasEv.-Luth. Landeskirchenamt Hannover am 2. Juni 1951 an das Landeskirchen-amt in Dresden mit den Worten:„Wie wir erfahren haben, ist Richter die Anstellungsfähigkeit im dortigen Be-reich [gemeint ist Leipzig] entzogen.Wir bitten um vertrauliche Mitteilung, welche Umstände hierzu Veranlassung gegebenhaben…“53Alle Anfragenden erhielten die Antwort, mit welcher der sächsische Landesbi-schof Hugo Hahn bereits dieAnfrage des Hauptabteilungsleiters Grünbaum der„Hauptabteilung Verbindung zu den Kirchen“, anhängig beim Stellvertretenden
  130. 130. 129Ministerpräsidenten der DDR, Otto Nuschke, vom 15.1.1951 an den Präsiden-ten des Ev.-Luth. Landeskirchenamtes Sachsen beschieden hatte. Offenbar warman bei der Regierungsstelle in Berlin auf die Situation in Leipzig aufmerksamgemacht worden. Allerdings war Richters Ausscheiden aus dem Organistenamtzu diesem Zeitpunkt bereits vollzogen. Die Antwort Bischof Hugo Hahns wur-de im Landeskirchenamt mehrfach benutzt und weiteren Anfragenden, meistmit einem kurzem persönlichenAnschreiben, zugesandt. In ihrer ersten Fassungvom 2. Februar 1951, unterschrieben von Hugo Hahn, lautete sie:„…Herr Präsident Kotte hat mir Ihr Schreiben vom 15. Januar 1951 überge-ben, da die Angelegenheit unseres Organisten Karl Richter eine seelsorgerliche ist undich bisher von unserer Kirchenleitung allein, und zwar mehrfach, mit ihm persönlichgesprochen habe. Der seelsorgerliche Charakter unserer Gespräche bedingt es, dass ichIhnen darüber keine näheren Auskünfte geben kann. Nur soviel kann ich ausdrücklichaufgrund des in dieser Sache gefassten Beschlusses des Kirchenvorstandes der Thomas-kirche mitteilen: Das Ausscheiden unseres Herrn Richter ist nicht aus musikalisch-künstlerischen, sondern aus persönlichen Gründen erfolgt.Es geschah nach Ablauf seiner Probezeit, und zwar in beiderseitigem Einvernehmenzwischen dem Kirchenvorstand und Herrn Richter.“54Das Schreiben schließt mit einem Hinweis, man möge sich, um Näheres zuerfahren, an Herrn Richter selbst wenden.In keinem der erhaltenen Protokolle des Kirchenvorstandes der Thomas-Matthäi-Gemeinde Leipzig finden sich Hinweise auf Aussprachen mit Karl Richter, dieauf ein „beiderseitiges Einvernehmen“ seinesAusscheidens aus demAmt schlie-ßen lassen. Sollten Gespräche stattgefunden haben, wurde darüber nichts doku-mentiert, bzw. die Dokumente sind heute nicht mehr auffindbar.Dass der Landesbischof sich selbst einer solchen Angelegenheit annahm, istzumindest bemerkenswert. Bischof Hugo Hahn55kannte die Leipziger Verhält-nisse aus seiner Zeit als Pfarrer an der Thomaskirche.Auch kannte er Karl Rich-ter vom Bachfest in Leipzig her; bei der Beisetzung der Bachgebeine in derThomaskirche hatten sie liturgisch zusammengewirkt. Der Bischof wollte ver-mutlich Karl Richter als Thomasorganisten nicht verlieren; dafür sprechen sei-ne persönlichen Bemühungen wie das Führen mehrerer seelsorgerlicher Gesprä-che mit ihm. Auch die Bezeichnungen Richters in seiner Antwort als „unseresOrganisten“ und „unseres Herrn Richter“ lassen ahnen, dass er entweder eineNähe zu Richter ausdrücken wollte oder den Empfängern bedeuten lies: das istallein unsere (kirchliche) Angelegenheit. Für die eigentliche Anstellung desThomasorganisten waren die Kirchgemeinde und der Kirchenvorstand selbst
  131. 131. 130zuständig. Immerhin wirkt es bis heute irritierend, dass der Kirchenvorstand derThomas-Matthäi-Gemeinde im Beschluss vom 19.12.1950 sich darauf berief,das Landeskirchenamt (LKA) habe der ständigen Anstellung nicht zugestimmt.Und ebenfalls irritierend wirkt es, zumindest aus heutiger Sicht, dass BischofHahn einem Vertreter der staatlichen Macht in der DDR, eben jenem Hauptab-teilungsleiter Grünbaum, den Hinweis gab, man möge sich, um Näheres zu er-fahren, an Richter selbst wenden. Die Widersprüche lassen sich nicht mehr auf-klären. Aber sie zeigen an, wie kompliziert die Dinge lagen.In Leipzig formierte sich Widerstand gegen das Ausscheiden Richters aus demOrganistenamt, der allerdings angesichts des in der Weihnachtszeit überraschendbekannt werdenden Beschlusses zu spät kam. So wandte sich am 19.2.1951 derInhaber der Konzertdirektion Jost an das Landeskirchenamt:„…Ich schreibe diese Zeilen von mir aus, ohne jede Beeinflussung von andererSeite. Herr Richter ist eines der größten Talente, die ich seit meiner 55jährigenKonzerttätigkeit kennen gelernt habe, und bedaure unendlich, dass dieser gro-ße, bescheidene Künstler und Mensch als Orgelspieler und Cembalist von derKirche entlassen worden ist…Ich und viele tausend andere Menschen bedau-ern den Schritt ungemein…“56Auch Herr Jost erhielt am 22. 2. 1951 eine Antwort, gez. D. Hahn, mit demgleichen Wortlaut wie Herr Grünbaum von der Hauptabteilung „Verbindung zuden Kirchen“.Zahlreiche Studenten in Leipzig, teilweise eifrige Kirchenbesucher und Hörerin Karl Richters Konzerten, teilweise direkt seine Schüler in der Hochschule,formierten sich von sich aus zu einer Gegenaktion. Am 28. März 1951, 10.30Uhr, sprach der Student Christoph Rau in Begleitung eines Kommilitonen imLandeskirchenamt vor. Auch darüber gibt es im Landeskirchenarchiv eine Ak-tennotiz. Christoph Rau, heute Theologe und Pfarrer der Christengemeinschaftin Braunschweig, erinnerte sich in einem Brief an d. Verf. vom 7.11.2012 anseinen damaligen Besuch im Landeskirchenamt in Dresden:„…Als sich herausstellte, dass der Leipziger Superintendent an KRs Suspen-dierung festhielt, beschlossen wir, eine Delegation an das Landeskirchenamt zu sen-den. Da ich in Dresden zuhause war, bot es sich an, dass ich der Delegation angehörenwürde. Auch der von der Idee beseelte A. Haupt (später Kantor und Organist in Ulm)wollte sich für KR einzusetzen (sic!)…Wir beiden fuhren also nach D., dasLandeskirchenamt befand sich damals infolge des Totalschadens in der Münchener
  132. 132. 131Straße. Dass unser Anliegen keine günstige Aufnahme fand, wissen Sie bereits. Derzuständige Oberkirchenrat Noth (später Landesbischof von Sachsen) beschied uns klippund klar, die Angelegenheit sei ausgiebig besprochen und der Beschluss der Kirchen-leitung stehe unumstößlich fest. Darauf kehrten wir zurück, in der festen Absicht, nuneinen anderen Weg zu wählen…“57Dieser andere Weg bestand darin, dass die Studenten nach der Motette in derThomaskirche Unterschriftenlisten für eine Petition an die Kirchenleitung andenAusgängen auslegen wollten. Dieses Unternehmen scheiterte. Christoph Rauerinnerte sich:„…durch irgendjemand uns bis heute unbekannt Gebliebenen erhielt der Superinten-dent Wind von unserem Vorhaben…Als ich KR einige Tage danach auf seine Frage hinvon unserem Plan erzählte, schmunzelte er, erklärte aber, auch seinerseits stehe fest,dass er fortgehen wolle…“Karl Richters eigene Entscheidung war zu jenem Zeitpunkt, also Ende März/Anfang April 1951, bereits gefällt. Zum Grund für das Ausscheiden aus demOrganistenamt an der Thomaskirche äußerte sich der Zeitzeuge Christoph Rau:„Uns war bekannt, dass KR wegen eines illegalen Verhältnisses zu einem Mäd-chen suspendiert worden sei. Ein anderer Grund dürfte nicht vorgelegen haben, jeden-falls ist mir kein anderer bekannt geworden. Wir hielten diese Begründung für über-holt, schon darum mussten wir gegen eine so konventionelle Entscheidung angehen,das stand außer allem Zweifel.“58Ein weiterer noch lebender Zeitzeuge bestätigte gegenüber d. Verf. mündlich,dass eben dieser Grund, ein freundschaftliches Verhältnis des 23jährigen Rich-ter zu einem etwa gleichaltrigen Mädchen den Ärger des kirchlichen Oberhaup-tes in Leipzig erregt hätte, wobei schon einige Zeit vor der Entlassung Richtersdieses Freundschaftsverhältnis in der Lösung gewesen sei. Ein dienstlicher oderkünstlerischer Grund sei ganz und gar auszuschließen.Bischof Hugo Hahn dachte wohl längere Zeit an dieses Ausscheiden Richtersund die Entscheidung der kirchlichen Behörden zurück. So hat er Ende 1951wohl Günther Ramin, den Thomaskantor, umAuskunft über Karl Richter gebe-ten. ImArchiv der Thomaskirch-Gemeinde Leipzig ist ein Brief Günther Raminsvom 20.11.1951 an Landesbischof Hugo Hahn erhalten, indem es u. a. heißt:„…Was Karl Richter anbelangt, so hat er augenblicklich für ein Probejahreine Anstellung in München an der Markuskirche und der dortigen Hochschule erhal-
  133. 133. 132ten. Näheres weiß ich Ihnen nicht darüber zu sagen…“ 59Günther Ramin war es auch, der sichAnfang 1951, noch vor dem Vorspiel Rich-ters in München, gegenüber dem damaligen Stadtdekan, Dr. Theodor Heckel,fürsprechend über Karl Richter geäußert hatte.60Dennoch: Karl Richter konntesich nicht sicher sein, dass er die Organistenstelle in St. Markus, die der nachDetmold berufene Michael Schneider inne gehabt hatte, bekommen würde. Erbewarb sich auch nach dem Vorspiel weiter, die o. g.Anfrage des Landeskirchen-amtes Hannover an das Landeskirchenamt in Dresden noch im Juni 1951 zeigtdas beispielhaft.Auch sein jugendliches Alter wurde als ein gewisses Hindernisfür eine Anstellung angesehen. Schließlich fiel die Entscheidung und Richterkonnte am 1. Oktober 1951 sein neues Organistenamt, verbunden mit der Lehr-tätigkeit in der Staatlichen Hochschule für Musik in München, an der Markus-kirche in München antreten.Vielleicht hatte die Treue, mit der er an diesem Amt bist zu seinem Tod 1981festhielt, auch etwas mit der damaligen Situation zu tun? In München an derMarkuskirche hatte er einen neuen selbständigenAusgangspunkt für sein weite-res Wirken gefunden. Karl Richter brachte nach München viel mit: sein großesRepertoire, seinen Fleiß, seine ungeheure Musikalität und seinenArbeitswillen,seine Liebe zur Musik, seine tiefen musikalischen Kenntnisse besonders derWerke J. S. Bachs, seine Verwurzelung im evangelischen Glauben, verbundenmit einer ökumenischen Offenheit – und eine menschliche Hypothek. Was ihmin Leipzig geschehen war, hatte für Folgen gesorgt.Auch das war einAusgangs-punkt seines weiteren Wirkens.
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  136. 136. 135Konzert des Dresdner Kreuzchors am 24.9.1953in der Markuskirche, MünchenArchiviert unter: Programmsammlung 1953, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.4-72f, Fiche 111(Rückvergrößerung durch Stadtarchiv Dresden)Im April 1951 verließ Karl Richter Leipzig und wandte sich zunächst nach Zü-rich. Für manche, die sich mit ihm verbunden fühlten, wird es eine schmerzlicheTrennung gewesen sein. Es ruhten Hoffnungen auf ihm. Rudolf Mauersbergersah in ihm, er hat es wiederholt geäußert, einen möglichen Nachfolger für dasAmt des Kreuzkantors.61Familienangehörige und Bekannte wie DomkantorArthur Eger, die ihn viele Jahre begleitet hatten, werden ihn vermisst haben.Lehrer wie Günther Ramin, Kollegen wie Amadeus Webersinke62und erste ei-gene Orgelschüler wie Hannes Kästner63blieben in Leipzig zurück.Als er sich um das Organistenamt in St. Markus in München bewarb, war ertrotz seiner Jugend, er war 24 Jahre alt, musikalisch gesehen kein „unbeschrie-benes Blatt“. Er war Internationaler Bach-Preisträger und Gewinner des Orgel-preises „Concours International D’ Exécution Musicale Genf“, außerdem war erbis zum 31.12.1950 Thomasorganist gewesen. Nun machte er eine Zeit der be-ruflichen Neuorientierung und des Suchens durch. In München ging es um dieStelle, die Michael Schneider innehatte, welcher einem Ruf an die Musikakade-mie Detmold folgen wollte.Auch Michael Schneider war von 1930-1932 Straube-Schüler gewesen. Es gab bereits ausgewiesene Bewerber für dieses Kantoren-amt, das mit einer Lehrtätigkeit für evangelische Kirchenmusik und Orgelspielan der Münchner Musikakademie verbunden war. Im Oktober, noch vor seinem25. Geburtstag, wurde Karl Richter berufen und er begann sofort zu arbeiten.Knapp zwei Jahre darauf, im September 1953, gab es ein Wiedersehen mit Ru-dolf Mauersberger und dem Dresdner Kreuzchor. Der Kreuzchor reiste durchSüddeutschland mit einem umfangreichen Chorprogramm, welches hier vorge-legt werden kann. An drei Stellen des Programms war auch Orgelmusik vorge-sehen. Der Organist kam in der Regel aus der jeweiligen gastgebenden Kirche –in der Münchener Markuskirche war es Karl Richter. Dessen Orgelspiel kündig-te Rudolf Mauersberger den Kruzianern mit der Aufforderung an, diesmal gutzuzuhören:„Da spielt einer, der war einmal Kruzianer und heißt Karl Richter. Nur so, wieich euch jetzt kenne, wird das keiner von euch je schaffen.“64
  137. 137. 136Auch die mitgereiste E. H. Hofmann erinnerte sich an Richters Orgelspiel:„Als spätere Mitreisende einer Kreuzchor-Tournee, deren Plan auch ein Kon-zert in der Münchner Markuskirche enthielt, erlebte ich nach Jahren Karli in seinembundesdeutschen Wirkungsbereich. Ich war überwältigt von seinem Orgelspiel, seinerbeseelten, glutvollen Interpretation, welche dieArchitektur des kompositorischen Auf-baus minutiös nachzeichnete.“65Kreuzkantor Rudolf Mauersberger hat mit eigener Hand auf dem Programmvermerkt: 24.9.53 – München, Markuskirche [25./26. Rundfunk –Grammophon=Ges.] Ob die Rundfunkaufnahmen an den beiden auf das Kon-zert folgenden Tagen ebenfalls in der Markuskirche stattfanden und ob KarlRichter auch während dieser Rundfunkaufnahmen Orgelmusik beisteuerte, istbisher nicht bekannt. Im Herbst des Jahres 1954 gastierte der Kreuzchor erneutin München, diesmal in der Lukaskirche. Karl Richter wirkte in diesem Konzertnicht an der Orgel mit.66Dass es dennoch zu einer persönlichen Begegnung mitRudolf Mauersberger kam, kann vermutet werden.
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  142. 142. 141Kopie eines Briefes von Karl Richter an Herbert Kunath,datiert mit 7.3.1979Archiviert unter: Personalia Sammlung, Stadtarchiv Dresden,Außenstelle Kreuzschularchiv, 20.06-1671.92(zwei lose Blätter)Sehr viele Kreuzschüler bewahren auch nach dem Ende ihrer Schulzeit ein Ge-fühl der Verbundenheit miteinander, oft lebenslang.Es ist bekannt, dass Karl Richter in seinen Münchener Jahren mit ehemaligenKruzianern regelmäßig auf künstlerischem Gebiet zusammenarbeitete, heraus-ragend war sicher die Zusammenarbeit mit seinem ehemaligen Schulkamera-den, dem Bass-Bariton TheoAdam und mit dem um eine „Chorgeneration“ jün-geren Tenor Peter Schreier. Letzteren lernte er allerdings erst nach dem 2. Welt-krieg beim Kreuzchor kennen; damals studierte er bereits in Leipzig.Außerhalbdes künstlerischen Zusammenwirkens unterlagen Kontakte zwischen West undOst den Bedingungen, die der „Eiserne Vorhang“ geschaffen hatte.Eine menschliche Verbundenheit, die aus der Schulzeit stammte, blieb zwischenKarl Richter und Herbert Kunath bestehen. Die politische Grenze konnte ihreFreundschaft nicht unterbinden. Herbert Kunath stammte aus Pirna, war dreiJahre älter als Richter (Jahrgang 1923) und trat 1933 in den Kreuzchor ein. Ab1969 lehrte er auf einer Professur für Bauingenieurwesen an der TechnischenUniversität Dresden.67Im Jahr 1977 ereilte ihn aufgrund einer schwerenBandscheibenerkrankung eine Querschnittslähmung, die ihn in den Rollstuhlzwang. Er starb 1989, 66jährig, in Dresden.Herbert Kunath hat sich nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden aus seinerProfessur verstärkt mit musikhistorischen Fragestellungen beschäftigt, die so-wohl die Geschichte des Dresdner Kreuzchors als auch die Erforschung derDresdner Orgeln und deren Organisten betrafen.68In seinen letzten von Krank-heit geprägten Lebensjahren, pflegte er die Kontakte zu ehemaligen Kruzianernbesonders intensiv. Aus den 1970er Jahren datieren einige erhaltene Briefe vonihm an Richter und einige Briefe Richters an Kunath.69Ein solcher BriefgrußRichters an Kunath ist auch das hier vorgestellte Dokument. In einem anderendieser Briefe wird ein weiter zurückliegendes (zufälliges?) Treffen in Finnlandangesprochen, ohne genauere Angaben.70Alle Briefe Richters sind, obwohl inherzlichen Worten geschrieben, kurz gehalten. Es ging ihm wohl darum, dem
  143. 143. 142Freund, so nennt Richter seinen Briefpartner Kunath, Zeichen seiner Verbun-denheit und gute Wünsche über den „Eisernen Vorhang“ hinweg zu senden.Selbst in die orthopädische Fachklinik des damaligen Bezirkes Dresden, nachHohwald (bei Sebnitz) schrieb er ihm einmal aus Zürich/ Erlenbach, seinemWohnort in der Schweiz, herzliche Genesungswünsche. Richter selbst hatte injenen Jahren mit gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen; seine großenSchriftzüge könnten mit seinem Augenleiden zusammenhängen.Als Herbert Kunath vom Tode Karl Richters am 15.2.1981 erfuhr, war er sehrbetroffen. Karl Richter hatte ihm in seinem Brief vom 7.3.1979 von den Auf-nahmen an der Silbermannorgel in Freiberg im September 1978 geschriebenund einen (ver-)tröstenden Satz auf ein Wiedersehen angefügt. Kunath hattediese Aufnahme, die kurzzeitig auch in der DDR als ETERNA-Schallplatte er-hältlich war, inzwischen gehört und über sein Hörerlebnis dem Freund brieflichberichtet.Auch danach erhielt er mindestens noch einmal einen Gruß von Rich-ter. Zu einem Wiedersehen kam es nicht mehr. Herbert Kunath konnte nur nochdafür sorgen, dass Karl Richter in die „Ecce-Feier“ für die verstorbenen Kreuz-schüler des Jahres 1981 eingeschlossen wurde.Es ist fester Brauch, dass diese Ecce-Feier, eine geistliche Gedenkstunde, injedem Jahr einmal im Anschluss an die letzte Kreuzchorvesper des Kirchenjah-res, also in zeitlicher Nähe zum Ewigkeitssonntag (Totensonntag/ Christ-Kö-nig-Sonntag), für die im vergangenen Kirchenjahr verstobenen Kreuzschülerstattfindet. Herbert Kunath korrespondierte in dieser Sache auch mit Karl Rich-ters Schwester Gabriele Sieg, die in Freiberg/ Sa. wohnte und die es übernahm,die engere Familie Richters über die bevorstehende Feier zu informieren.71Am 14.11.1981 fand das Ecce-Gedenken für Karl Richter in der Heinrich-Schütz-Kapelle der Kreuzkirche statt. Der Lebenslauf einschließlich eines kurzen Ab-risses seiner ausgedehnten Wirksamkeit wurde vorgetragen. Dann erklang „Eccequomodo moritur iustus“ von Jacobus Gallus (1550-1591)72, gesungen von denlebenden Kruzianern für die verstorbenen Kruzianer.Das wiedervereinigte Deutschland erlebte Herbert Kunath nicht mehr; im No-vember 1989 wurde seiner in der Ecce-Feier der Kruzianer gedacht.
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