In der Nacht vom 4. auf den 5. Juni1974 fanden amerikanische Soldatenim Berliner Grunewald einen sterben-den jungen Mann. ...
Stefan AustDER LOCKVOGEL      Die tödliche Geschichte     eines V-Mannes zwischenVerfassungsschutz und Terrorismus        ...
2. Auflage November 2002Copyright © 2002 by Rowohlt Verlag GmbH,            Reinbek bei Hamburg           Alle Rechte vorbe...
InhaltVorbemerkung 9Tod im Grunewald 5Ulrich Schmücker 25Die »Bewegung 2. Juni« 33Einstieg in den Untergrund 4Einführung...
Eine verrostete Pistole 26»Billy« setzt sich ab 269Mutter und Sohn 285»Ein guter Genosse« 293Reisevorbereitungen 303»Hast...
VORBEMERKUNGEs gibt Fälle im Leben eines Journalisten, die einen niewieder loslassen. So erging es mir mit dem Mord anUlri...
Verfassungsschutz skrupellos als Lockvogel benutzt wurde,um an Terroristen heranzukommen. Der seine Seeleverkaufte und bei...
befaßte Richter darin gefolgt. Nur einigen wenigenRichtern ist zu verdanken, daß diese Machenschaftenschlußendlich doch ni...
laufend darüber berichtete, der die mutmaßliche Tatwaffeentgegennahm und an den Verfassungsschutz übergab.Jahre später durf...
Irgendwie war für mich der Fall Schmücker noch nichtabgeschlossen. Auch hatte ich mit den Behörden nocheine Rechnung offen....
struieren. Vier Gerichtsverfahren und ein Untersuchungs-ausschuß haben allerhand Material zutage gefördert, daseinen tiefe...
TOD IM GRUNEWALDEs war eine kühle Frühsommernacht. Die Nacht vom4. auf den 5. Juni 974. Das Thermometer zeigte knapp0 Gr...
wußte Walter Sommer scharfe Munition von Übungs-munition und Schüsse aus großkalibrigen von Schüssenaus kleinkalibrigen Pi...
an der Krummen Lanke zu treffen. Die Soldaten trugenweder Waffen noch Munition bei sich.   Während ihres Marsches spalteten ...
Zwanzig Minuten später kam der Rettungswagen derFeuerwehr, doch war nur noch der Tod des jungen Mannesfestzustellen. »Somi...
Mordkommission, den Erkennungsdienst, eine Hunde-führerstaffel und Bereitschaftspolizei, die eine »Lichtgiraf-fe« herbeisch...
Dies war völlig neu. Mehr noch: Alle Polizeibeamten,die in jener Nacht am Tatort waren, hatten im Prozeßzum Teil unter Eid...
vom Dienst Müller gegeben. Der aber konnte sich nichterinnern. Der Brief blieb spurlos verschwunden.   Nach dem Abtranspor...
US-Soldaten schwerverletzt aufgefunden. Er verstarb amOrt. Fremdverschulden ist offensichtlich. Schmücker warab etwa Mitte ...
Beim Berliner Landesamt für Verfassungsschutz warSchmückers Umgang zu dieser Zeit längst bekannt undwurde streng geheimgeh...
ULRICH SCHMÜCKERUlrich Schmücker wurde zweiundzwanzig Jahre undzehn Monate alt. Er war das einzige Kind aus der spätenEhe ...
nasium. Er zeigte Begabung für Sprachen, für geistes-wissenschaftliche Fächer und für Musik. Als der Vaterpensioniert wurd...
drei Jahren seiner Schulzeit trat er als Gitarrist und Sängerin einer Rockgruppe auf.   Nebenbei engagierte er sich in der...
gangen und habe mich um die gekümmert. Das warenarmselige Leute, nein, so was Schreckliches. Daß so einJunge überhaupt zu ...
liebe politisches Engagement geworden, der Wille, an derVeränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse mitzu-wirken.   De...
Rahmen des deutsch-französischen Jugendaustauschessechs Wochen in Bordeaux. Er wohnte bei französischenGasteltern, deren K...
aus. Er wollte an Aktionen außerhalb des studentischenMilieus teilnehmen.   Im Februar 972 stieß er zur »Schwarzen Hilfe«...
waren sie nicht allein am Werk. Andere Gruppen mach-ten sich ebenfalls an Fahrscheinautomaten zu schaffenund beschädigten s...
DIE »BEWEGUNG 2. JUNI«Entstanden war die »Bewegung 2. Juni« aus einer Viel-zahl von Gruppen und Grüppchen, die zusammen de...
aktiven Angriff, die eigene Aggressivität nicht gegen dieGenossen oder sich selbst, sondern – oft wie in zahl-reichen Westb...
die Justizkampagne und militante Aktionen unterstützendvorantrieb. Über die Untergrundzeitung 833 agitierte siefür eine or...
Als »Rädelsführer« in Verdacht hatte die Polizei vorallem Ralf Reinders, Georg von Rauch, Thomas Weis-becker, Heinz Brockm...
Kämpfe hier war, sondern Teil der Kämpfe in der Drit-ten Welt. Und das erscheint dann hier als Kriegsführunggegen das eige...
wieder von vielen Genossen solidarisch unterstützt wurde,waren es gerade die Kontaktgenossen zu den Basis- undBetriebsgrup...
Mahler, Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann,Ingrid Siepmann, Rolf Heissler und Rolf Pohle. Alle, bisauf Horst Mahler...
EINSTIEG IN DEN UNTERGRUNDAls Mitte März 972 im Audimax der Technischen Uni-versität Berlin eine politische Veranstaltung...
Ulrich Schmücker konnte das Wochenende kaumabwarten. Am Samstagnachmittag trafen seine Gästeein: das Ehepaar M., Inge Viet...
gemieteten Wohnung einen Sprengkörper. Harald Som-merfeld, Inge Viett, Verena Becker und Willi Räther warendabei – so sagt...
Für Bommi Baumann, der den Anschlag initiiert hatte,war dies nach seinen eigenen Angaben Signal zur Umkehr.In einem Interv...
die größte Angst –, als das Gespräch auf seine Kontaktezu Arabern kam. »Die folgenden Aussagen«, so stehtes im Vernehmungs...
stoppte er und sagte: »Fahr du jetzt weiter und park beider U-Bahn-Station Dahlem-Dorf!« Er sprang aus demWagen. Schmücker...
ein halbes oder ein Jahr im Raum Syrien, Irak und Liba-non abtauchen. Preis: 2000 bis 3000 Mark. Organisatorsei die PFLP d...
EINFÜHRUNG IN DEN TERRORISMUSAm 4. April 972 blieb Ulrich Schmücker zu Hauseund wartete auf Besuch. Zum ersten Mal sollte...
Gemeinsam saßen die beiden vor dem Fernseher. DerSprecher meldete den Bankraub in Britz und gab einePersonenbeschreibung d...
»Ich konnte kaum sehen. Meine Sonnenbrille warganz beschlagen. Ich hab sie abgenommen und auf denBanktresen gelegt und blö...
straße an eine Hauswand gelehnt und ist zu Fuß hierhergekommen.«   Schmücker war tief beeindruckt. Er nahm ein paarBündel ...
Am Dienstag der darauffolgenden Woche kaufte Schmük-ker einen Zehnliterkanister und füllte ihn mit Benzin.Gegen Abend traf ...
zuklettern, bloß um eine simple Bombe loszuwerden«,sagte er leise.   »Dann mach ich es eben«, antwortete Schmücker.   Somm...
erfuhr er Einzelheiten über ihren Aufbau – Einzelheiten,die er später an die Polizei weitergab.   In seiner Aussage vom 8...
bart, daß in Zukunft Verena Becker in die Verhandlun-gen einbezogen werden sollte.   Kurze Zeit später traf Verena Becker ...
Mark in Devisen um. Seine Freunde ließen sich in denBanken Papier zum Einwickeln von Münzgeld geben.   Schließlich blieben...
lichst in den nächsten zwei Stunden. Du sollst die geplanteSache erledigen.«   Schmücker war überrascht, mit einem so plöt...
mit Sommerfeld zurück. Hastig erklärte Schmücker dasAngebot des Arabers. Dann fuhr er mit Sommerfeld inWaltrauds blauem VW...
rote Halstuch. Ein Mann mit einem schwarzen Anorak,der genauso aussieht wie deiner, wird auf dich zukommen.Er wird dich fr...
der Zimmer, verließ ihn für einen Moment und kam miteiner Kanne Tee zurück. Während er Tee einschenkte,sagte er:   »Das Ze...
elemente zusammen und verstaute sie in seinem Kofferunter der schmutzigen Wäsche.   Gegen Mittag reiste er mit der Bahn zur...
satz, den er im Auto scharf gemacht hatte. Fünfzig Minu-ten später sollte die Bombe explodieren. Vom Golfplatzaus stiegen ...
das Großkapital, Faschismus und Imperialismus verstärktfortgesetzt.   Es lebe der internationale Befreiungskampf!   Bewegu...
VERHAFTUNG   IM MORGENGRAUENNachdem der gescheiterte (oder gar nicht verübte) An-schlag auf das türkische Generalkonsulat ...
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der Dunkelheit endlich gefunden hatten, stieg Knupe alserster aus. Es war ein winziges Einfamilienhaus. Knupeklingelte, we...
Schmücker zuckte verständnislos die Achseln, folgteSommerfeld aber in ein Nebenzimmer. Der Raum waretwa zwölf Quadratmeter...
und Harald Sommerfeld, wie und wo man am besten einAuto stehlen könnte.   Schmücker erhielt die Anweisung, den Fiat 24 in...
Schmücker startete den Motor und fuhr zurück auf dieAutobahn in Richtung Bonn. Er war immer noch müdeund unkonzentriert. N...
BESUCH   VOM VERFASSUNGSSCHUTZAm 24. Mai 972 wurde Ulrich Schmücker in der Haft-anstalt Koblenz von Oberstaatsanwalt Brau...
nacharbeiten kann. Wenn ich weiter in Haft bleibe, werdeich vom Studium ausgeschlossen, was für mich der größteNachteil wä...
stapelweise Bücher. Dennoch fiel er in eine tiefe Depres-sion. So hatte er sich sein Leben als Revolutionär nichtvorgestell...
Etwa zweieinhalb Wochen nach seiner Festnahme erhieltUlrich Schmücker Besuch von zwei Männern. Einer vonihnen war ein Beam...
der Basisgruppe Wilmersdorf, zu der auch RechtsanwaltEschen gehörte, Sozius von Horst Mahler, der später denWeg von der RA...
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  1. 1. In der Nacht vom 4. auf den 5. Juni1974 fanden amerikanische Soldatenim Berliner Grunewald einen sterben-den jungen Mann. Es war der 22jährigeUlrich Schmücker, der zum Umfeld derterroristischen »Bewegung 2. Juni« ge-hörte und von Mitgliedern eines Kom-mandos »Schwarzer Juni« als »Verräter«erschossen wurde – der erste Fememordin der Geschichte der Bundesrepublik. Stefan Aust zeigt, daß der Verfas-sungsschutz damals massiv in die Er-mittlungen eingriff, um seine eige-ne Verwicklung in das Geschehen zuvertuschen. Er erzählt die Geschich-te eines jungen Studenten, der ge-gen das Unrecht in der Welt kämpfenwollte, Bomben legte, von der Polizeigefaßt und von einem Agenten »umge-dreht« wurde und schließlich zwischendie Fronten von Verfassungsschutz undTerrorismus geriet. Spannend wie einKrimi, liefert das Buch einen präzi-sen Einblick in die Terrorszene dersiebziger Jahre und rekonstruiert zu-gleich einen Geheimdiensteinsatz, beidem am Ende auf tragische Weise al-les schiefging …
  2. 2. Stefan AustDER LOCKVOGEL Die tödliche Geschichte eines V-Mannes zwischenVerfassungsschutz und Terrorismus Rowohlt
  3. 3. 2. Auflage November 2002Copyright © 2002 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung Ott + Stein, Berlin Satz aus der Life PostScript PageMaker bei Pinkuin Satz und Datentechnik Printed in Germany ISBN 3 498 00063 2
  4. 4. InhaltVorbemerkung 9Tod im Grunewald 5Ulrich Schmücker 25Die »Bewegung 2. Juni« 33Einstieg in den Untergrund 4Einführung in den Terrorismus 49Verhaftung im Morgengrauen 65Besuch vom Verfassungsschutz 7Anwerbung eines V-Mannes 85Das Geständnis 05Die Nachstellungen des Herrn Rühl 5Götz Tilgener 23Rückkehr in den Untergrund 35Ilse Bongartz 57Neue Freunde 7Mißtrauen 8Jürgen Bodeux 97Eine Observation wird observiert 205Eine ganz normale Gruppendiskussion 29Ein professioneller Terrorist 229»Habt keine Angst um mich« 233Ein Tatort wird ausgekundschaftet 245Eine Gruppe Jugendlicher 257
  5. 5. Eine verrostete Pistole 26»Billy« setzt sich ab 269Mutter und Sohn 285»Ein guter Genosse« 293Reisevorbereitungen 303»Hast du denn kein Vertrauen?« 307Kennwort »Hundert Blumen« 327Ein Hilferuf 339Der letzte Tag 347Die Nacht in Wolfsburg 35Fememord im Grunewald 359»Ein wunderbarer Sohn« 37Die Ermittlung 379Die Politik wird eingeschaltet 393Der Terror und die Liebe 399Unter Beobachtung 403Operation »Brücke« 43Die Festnahme 49Geständnisse 427Der Prozeß 447Ein Verfassungsschützer sagt aus 453Das Urteil 459Vorgefechte zum zweiten Prozeß 463Ein Kronzeuge wird demontiert 469Ein weiterer V-Mann 48Das Schlußkapitel im Schmücker-Verfahren 485Der »Edle« und das Weingut 505
  6. 6. VORBEMERKUNGEs gibt Fälle im Leben eines Journalisten, die einen niewieder loslassen. So erging es mir mit dem Mord anUlrich Schmücker. In der Nacht vom 4. auf den 5. Juni974 war der zweiundzwanzigjährige Student im BerlinerGrunewald sterbend aufgefunden worden. Ein »Kom-mando Schwarzer Juni« übernahm tags darauf die Ver-antwortung für den Mord. Schmücker sei als Verräterhingerichtet worden. Der Fall beschäftigte sechzehnJahre lang die Gerichte und über mehrere Monate einenparlamentarischen Untersuchungsausschuß. 975, ein Jahr nach der Tat, stieß ich auf Unterlagen,die eine Verwicklung des Berliner Verfassungsschutzesin den Schmücker-Mord nahelegten. Ich machte damalseinen Beitrag für die ARD-Sendung »Panorama« über denFall und später noch einen und noch einen, schrieb einigeArtikel über den Prozeß und schließlich ein Buch, das 980unter dem Titel »Kennwort Hundert Blumen« in einerkleinen Auflage im Konkret Literatur Verlag erschien. Auch danach habe ich den Mordfall Schmücker nie ausden Augen verloren, denn er ist wirklich außergewöhnlich.Ein bundesdeutscher Geheimdienstskandal ohnegleichen,ein Justizkrimi und eine menschliche Tragödie. DieGeschichte eines Jungen, der sich zwischen die Frontenvon Geheimdienst und Terrorismus treiben ließ. Der vom 9
  7. 7. Verfassungsschutz skrupellos als Lockvogel benutzt wurde,um an Terroristen heranzukommen. Der seine Seeleverkaufte und bei dem Versuch, sie zurückzubekommen,sterben mußte. Es ist aber auch die Geschichte von fünf Berliner Straf-verteidigern, die sechzehn Jahre lang gegen ein Komplottvon Geheimdienst, Staatsanwaltschaft, Polizei und Justizkämpften – und am Ende gewannen. Was sich in vier ver-schiedenen Sälen des Kriminalgerichts Moabit abspielte,vor vier verschiedenen Strafkammern und vor immerweniger Publikum, ist der wohl abenteuerlichste Fall vonManipulation des Rechtsstaates, der in der Bundesrepu-blik Deutschland je bekannt wurde. »So einen Prozeß«, sagte mir Rechtsanwalt RainerElfferding nach Ende des Verfahrens, »hat es, glaubeich, noch nie gegeben. Ob es ihn nochmal geben wird,bezweifle ich. Das Besondere ist, daß es einmal gelun-gen ist, wenn auch über lange Jahre hinweg, hinter dieKulissen zu gucken. Es wurde kein schmutziger Trickausgelassen seitens der Strafverfolgungsbehörden, um dasVerfahren so durchzuführen, wie man es in den Köpfenhatte.« Und sein Kollege Harald Reme ergänzte: »Es istder Eindruck entstanden, daß der Verfassungsschutz fürdie Strafverfolger die Drecksarbeit gemacht hat, all das,was die Strafverfolgungsbehörden rechtlich nicht habenmachen können.« Philipp Heinisch, der Verteidiger derHauptangeklagten, meinte: »In diesem 6 Jahre dauerndenProzeß haben deutsche Behörden komplottartig (bis hinzum Meineid) die Wahrheit vertuscht, Akten präpariertund Zeugen manipuliert – und willig sind ihnen viele 10
  8. 8. befaßte Richter darin gefolgt. Nur einigen wenigenRichtern ist zu verdanken, daß diese Machenschaftenschlußendlich doch nicht zur Verurteilung meiner ehe-maligen Mandantin Ilse Schwipper [geborene Hennecke,geschiedene Bongartz, geschiedene Jandt] geführt haben,die andernfalls noch heute in Haft säße.« Am Ende ging die Strategie der Behörden nicht auf.Stück für Stück kam die Wahrheit ans Licht. Das Ver-fahren wurde ohne Urteil eingestellt. Deshalb sind dieAngeklagten nach Recht und Gesetz unschuldig. Bis aufeinen, den Zeugen der Anklage, der im ersten Schmücker-Prozeß zu einer milden Strafe verurteilt wurde und dasUrteil annahm. Der Fall Schmücker ist auch deshalb so bedeutsam, weiler auf exemplarische Weise zeigt, wie schmal der Gratist, auf dem V-Leute und ihre Führungsbeamten aus denVerfassungsschutzämtern balancieren. Ein V-Mann hatnie Distanz zu der Szene, aus der er konspirativ berichtensoll. Er muß bis zu einem gewissen Grad mitmachen, kannalso leicht in die Straftaten, über die er informieren soll,verwickelt werden. Nicht selten sind V-Männer wirklichTeil der Szene, in der sie sich bewegen, und liefern nurwenig verläßliche Informationen. Und sie schweben stän-dig in Gefahr, enttarnt zu werden. Im Fall Schmückersind alle Varianten des V-Mannes zu studieren: Da istSchmücker selbst, der mal Agent sein wollte und dannwieder Terrorist. Der seinen Weg zwischen den Frontenmit dem Leben bezahlte. Da ist Volker von Weingraber, der in den Mordplanweitgehend eingeweiht war und dem Verfassungsschutz 11
  9. 9. laufend darüber berichtete, der die mutmaßliche Tatwaffeentgegennahm und an den Verfassungsschutz übergab.Jahre später durfte er, mit falschem Namen und reichlichGeld ausgestattet, im Ausland untertauchen. Er siehtsich nicht als Verräter oder Spitzel. »Ich habe immerauf der Seite des Staates gestanden«, sagt er heute. ImFrühsommer 2002 habe ich ihn kennengelernt und mirseine Version der Geschichte erzählen lassen – bei gutemChianti Riserva, den er auf seinem vom Verfassungsschutz-Geld erworbenen Weingut in der Toskana herstellt. Und da ist schließlich Christian Hain, ein Freund derHauptangeklagten, den der Verfassungsschutz als Spitzelanheuerte, um die Verteidigung auszuspionieren. Ihn hatteich schon im Prozeßverlauf kennengelernt – und fandjetzt in den Akten Berichte über meine Treffen mit denAngeklagten. Als ich 980 das erste Buch über den Schmücker-Mordschrieb, konnte ich natürlich nicht wissen, was später nochalles ans Tageslicht kommen sollte, manches allenfallsahnen. Damals war vor allem unbekannt und undenkbar,daß auch Weingraber für den Verfassungsschutz arbeitete.Schließlich hatte er nach Aussagen des Kronzeugen dieTatwaffe entgegengenommen und beiseite geschafft. Daßdieses zentrale Beweisstück nicht dem Gericht übergebenwurde, sondern statt dessen in einem Tresor des Ver-fassungsschutzes lag – das konnte sich einfach niemandvorstellen. Die Entscheidung, eine neue, wesentlich umfangrei-chere Version des Schmücker-Buches herauszubringen,traf ich schon 99, als das Verfahren eingestellt wurde. 12
  10. 10. Irgendwie war für mich der Fall Schmücker noch nichtabgeschlossen. Auch hatte ich mit den Behörden nocheine Rechnung offen. Denn damals hatte man mir Unter-lagen über den von den Verteidigern – und nicht nurihnen – ebenfalls als V-Mann verdächtigten KronzeugenJürgen Bodeux zugespielt. Unter die zweifelsfrei echtenAktenstücke hatte man ein paar gefälschte gemogelt, diebeweisen sollten, daß Bodeux V-Mann war. Wären dieseUnterlagen als »echte« veröffentlicht worden, hätte diespätere Aufdeckung des Umstands, daß es sich in Wahr-heit um Fälschungen handelte, den Verdacht, Bodeuxkönne Informant des Verfassungsschutzes sein, gleichmit vom Tisch gewischt. Vor allem aber wollte mandavon ablenken, daß jemand anderes, der in den Fallverwickelt war, als V-Mann für den Verfassungsschutzarbeitete. Ich war mißtrauisch und legte die Papiere demBundesinnenministerium zur Prüfung vor, bekam keineAntwort und veröffentlichte sie unter dem Vorbehalt, daßes Fälschungen sein könnten, mit dem Zusatz: »… dannmuß es eine Abteilung ›Desinformation‹ in einem derÄmter geben, mit der Zielsetzung, Journalisten durchgezielte Falschinformationen aufs Glatteis zu führen.«Ich wußte damals nicht, wie recht ich hatte. Im Fall Schmücker wurde mit allen Maßnahmengearbeitet, die einem Geheimdienst zur Verfügung ste-hen – um sich selbst zu schützen. Denn die Mitschulddes Verfassungsschutzes am Tode Ulrich Schmückers,die am Anfang nur ein begründeter Verdacht war, stelltesich später immer deutlicher heraus. Nur selten läßt sich ein solcher Fall so genau rekon- 13
  11. 11. struieren. Vier Gerichtsverfahren und ein Untersuchungs-ausschuß haben allerhand Material zutage gefördert, daseinen tiefen Einblick in die Praxis eines bundesdeutschenGeheimdienstes ermöglicht. Das ist nach den zahlreichenBerichten der letzten Jahre über die Tätigkeit der ost-deutschen Kollegen vom Ministerium für Staatssicherheitdurchaus an der Zeit. Zudem ist die aktuelle Debatte über V-Leute im rechts-extremistischen Bereich ein weiterer Anlaß, sich die prak-tische Arbeit der Geheimen an einem konkreten Beispielanzusehen. Der Fall Schmücker zeigt geradezu bilderbuch-haft, wie gefährlich das Spiel mit den Spitzeln ist und wieleicht Operationen außer Kontrolle geraten können. Wiedann sämtliche Sicherungen durchbrennen und alles, aberauch alles getan wird, um die Wahrheit zu vertuschen. Und das letzte Geheimnis im Fall Schmücker, es wirdwohl für immer ungelöst bleiben: Standen die Verfassungs-schützer daneben, als Schmücker ermordet wurde? VieleIndizien sprechen dafür. Beweise gibt es nicht. Denn: Somutig die Einstellung des Verfahrens war, sie hat auchden Verfassungsschutz davor bewahrt, daß alles ans Lichtkam. So ist auch dieses Buch nicht die vollständige Geschichtedes Mordfalls Ulrich Schmücker. Nur eine Annäherungan das, was in der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 974 imBerliner Grunewald geschah, an die Ereignisse davor unddanach.
  12. 12. TOD IM GRUNEWALDEs war eine kühle Frühsommernacht. Die Nacht vom4. auf den 5. Juni 974. Das Thermometer zeigte knapp0 Grad Celsius. Ein leichter Wind wehte von West-Nord-west. Der Himmel war sternenklar. Um 20.24 Uhr begann sich der Schatten der Erde lang-sam über den Vollmond zu schieben. Um 23.7 Uhr hattedie partielle Mondfinsternis ihren Höhepunkt erreicht.Der Erdschatten verdunkelte 83 Prozent des Mondes. Die Wachpolizisten Walter Sommer und Hans-JoachimLange vom Revier 66 der Westberliner Polizei waren aufStreifengang am Rande des Grunewaldes. Als sie an derEcke Elvirasteig/Klopstockstraße anlangten, schaute Wal-ter Sommer auf seine Armbanduhr. Es war genau zwan-zig Minuten vor Mitternacht. Die Polizeibeamten sahenzu, wie der halbrunde Erdschatten den Mond langsamwieder freigab. Die Straßen waren menschenleer. Kein Fahrzeug störtedie nächtliche Ruhe. Plötzlich hörten die beiden Beamteneinen Schuß. Er kam aus nördlicher Richtung, dort woder Südzipfel der Krummen Lanke liegt. »Da ist ebengeschossen worden«, sagte Walter Sommer zu seinemKollegen. Er hatte den Eindruck, daß es ein scharfer Schußaus einer Pistole von weniger als 9 Millimeter Kalibergewesen war. Seit seiner Schießausbildung bei der Polizei 15
  13. 13. wußte Walter Sommer scharfe Munition von Übungs-munition und Schüsse aus großkalibrigen von Schüssenaus kleinkalibrigen Pistolen zu unterscheiden. Ruhig setzten die beiden Polizeibeamten ihre Streifefort. Schüsse waren in dieser Gegend keine Seltenheit.Die amerikanische Armee machte häufig Nachtübungenim Grunewald. In derselben Nacht wachte die Hausfrau Christel Voigt-mann in ihrer Wohnung am Elvirasteig durch einen Knallauf. Es war kurz vor Mitternacht. Ihre Nachbarin, dieSozialrichterin Brigitte Chomse, hörte in der Stundevor Mitternacht ebenfalls einen Knall. Sie war abernicht sicher, ob es sich um einen Schuß handelte. Undder Freizeitangler Schönau, der in jener Nacht an derSüdspitze der Krummen Lanke nach Aalen fischte, hatteschon eine Stunde vorher ein schußähnliches Geräuschwahrgenommen. Von diesen vier Schußzeugen wurde später im Prozeßnur die Aussage des Anglers als glaubwürdig gewertet.Seine Angaben über den Zeitpunkt des Schusses decktensich mit der Theorie der Staatsanwaltschaft. Den übrigen Anwohnern am Elvirasteig fiel in dieserNacht nichts Verdächtiges auf. Auch fünfzehn amerikani-sche Soldaten, die auf dem Parkplatz zwischen KrummerLanke und Fischerhüttenweg das Kommandozelt für eineNachtübung besetzt hielten, hörten nichts. Gegen 24 Uhr traten vier Gruppen mit je zwölf US-Sol-daten auf verschiedenen Wegen den Rückmarsch von ihrerNachtübung an. Aus Richtung Heerstraße durchquertensie ein Stück des Grunewalds, um sich auf dem Parkplatz 16
  14. 14. an der Krummen Lanke zu treffen. Die Soldaten trugenweder Waffen noch Munition bei sich. Während ihres Marsches spalteten sich die Gruppenweiter auf. Sergeant Blue schlug zusammen mit einemanderen GI einen Weg parallel zum Ufer der KrummenLanke ein. Als sie die Hälfte der Strecke zwischen derSüdspitze des Sees und dem Parkplatz zurückgelegt hat-ten, hörten sie ein leises Röcheln. Es war genau zwanzigMinuten nach Mitternacht. Die Soldaten gingen demGeräusch nach und stießen in einer Schonung am Randedes Waldweges auf einen jungen Mann. Er lag ausge-streckt auf dem Rücken und hatte ein Loch in der Stirn,aus dem langsam Blut floß, das im sandigen Waldbodenversickerte. Die Soldaten rannten zum Parkplatz und verständigtenden Übungsleiter. Ein Sanitätswagen, der dort stationiertwar, wurde in Bewegung gesetzt. Über die Notrufsäuleam Elvirasteig, Ecke Fischerhüttenweg, rief jemand diePolizei. Als die Sanitäter nach wenigen Minuten die Fundstelleerreicht hatten, gab der junge Mann noch Lebenszeichenvon sich. Die Soldaten legten einen Verband über Kinnund Vorderkopf an. Um 0.30 Uhr traf der Funkstreifenwagen Ida 46 mitden Polizeiobermeistern Langhafel und Eisfelder ein. Derjunge Mann gab kaum noch Lebenszeichen von sich. Achtbis zehn US-Soldaten standen neben dem Sterbenden.Drei Meter weiter parkte der Sanitätswagen. Der lockereSandboden war aufgewühlt von den Rädern des schwerenArmeefahrzeuges. 17
  15. 15. Zwanzig Minuten später kam der Rettungswagen derFeuerwehr, doch war nur noch der Tod des jungen Mannesfestzustellen. »Somit«, hieß es später im Polizeibericht,»wurden keine Rettungsmaßnahmen erforderlich.« Um .25 Uhr erschien die Kriminalpolizei. Die Beamtengaben zu Protokoll: »Der Leichnam befand sich auf einem ca. drei bis vierMeter breiten Sandweg, der an dieser Stelle parallel zurKrummen Lanke verläuft. Rechts vom Weg befindet sichdie Krumme Lanke, während sich links vom Weg eineArt Schonung befindet, die vom Weg durch einen Zaunabgegrenzt wird. Der Tote lag in Rückenlage an bzw. mit dem Kopfunter diesem Zaun, und zwar in ausgestreckter Haltung.Die Augen waren etwa zur Hälfte geöffnet, der Mundstand offen. Unter dem Hinterkopf hatte sich eine ca.zwei-faustgroße Blutlache gebildet. Nach Entfernung derleicht um den Kopf gelegten Binde wurde auf der rechtenStirnseite ein Einschuß sichtbar. Beim näheren Betrachtendes Kopfes wurden in der Blutlache unter dem Kopf Teileder Gehirnmasse sichtbar. Der Tote war bekleidet mit einer braunen Wild-lederjacke, grünen Cordjeans, braun-weiß gemustertemPolohemd, Unterhemd und -hose, gelben Socken sowiehalbhohen, mit Fransen versehenen Wildlederschuhen. Der Tote trägt einen spärlichen und rötlichen Kinn-und Oberlippenbart. In der linken Gesäßtasche befandsich ein Bundespersonalausweis auf den Namen UlrichSchmücker – weiteres bekannt.« Die Kriminalbeamten informierten über Funk die 18
  16. 16. Mordkommission, den Erkennungsdienst, eine Hunde-führerstaffel und Bereitschaftspolizei, die eine »Lichtgiraf-fe« herbeischaffen sollte. Anschließend befragten sie die US-Soldaten, acht bis zehn Mann, die immer noch um die Lei-che herumstanden. Die beiden Soldaten, die den Sterben-den gefunden hatten, waren nicht dabei. Sie waren damitbeschäftigt, einen Bericht über den Vorfall zu schreiben.Dem Gericht wurde dieses Protokoll nie vorgelegt.Im ersten Schmücker-Prozeß 976 fragte das Gerichtüber den Berliner Justizsenator bei der amerikanischenMilitärmission an, ob es Unterlagen über das Manövergebe. Die Antwort des Rechtsberaters der amerikanischenBesatzungsmacht: Nach Auskunft der Militärbehördenseien über die fragliche Zeit keine schriftlichen Unterlagenmehr vorhanden. Diese Antwort war falsch. 979 wandte ich mich selbstan die amerikanische Militärmission in Berlin. Ich beriefmich auf die »Freedom of Information Act«, ein Gesetz,das amerikanische Dienststellen verpf lichtet – unterbestimmten Bedingungen –, offizielle Unterlagen her-auszugeben. Daraufhin erhielt ich zwei Dokumente: dieKopie eines Berichts aus dem »Emergency OperationsCenter Duty Journal« über das Auffinden des sterbendenjungen Mannes und einen Auszug aus dem Tagebuch derMilitärpolizei. Sie enthielten Hinweise auf einen merkwür-digen Vorgang. Dort stand nämlich: »Prior to the arrivalof the German police, an unknown representative of theGerman press (BILD) took several pictures of personnelat the scene.« 19
  17. 17. Dies war völlig neu. Mehr noch: Alle Polizeibeamten,die in jener Nacht am Tatort waren, hatten im Prozeßzum Teil unter Eid ausgesagt, es seien keine Reporterund keine anderen Zivilpersonen dort gewesen. Wer derangebliche BILD-Fotograf war, wurde nie untersucht.Gegen 3.5 Uhr übernahm die Mordkommission den Fall.Sie fand in den Taschen des Toten eine angebrochenePackung Roth-Händle, eine Schachtel Streichhölzer, einFeuerzeug, einen Rhombus Salino, ein Eukalyptus, vier-zehn andere Bonbons, zwei Zehnmarkscheine und 2,5Mark Kleingeld, ein Taschentuch, einen abgebrochenenKamm, ein Papiertaschentuch, einen Sicherheitsschlüs-sel, zwei Kugelschreiber, einige Papiere und Notizen.Neben den Füßen des Toten lagen eine Zeitschrift, einenickelfarbene Brille, ein Umschlag mit Ansichtskarten,Reklamebogen und Briefmarken. Ein Brief, den die US-Soldaten laut ihrer späteren Zeu-genaussage auf der Leiche gesehen haben wollen, tauchtein der Asservatenliste nicht auf. Dieser Brief hat offenbartatsächlich existiert. In seiner Vernehmung vor Gericht,am 25. Mai 978, sagte der Polizeiobermeister Langhafelunter Eid aus: »Ich wurde von US-Soldaten über einenPolizeimelder an der Krummen Lanke zum Tatort geru-fen. Die Meldung kam nach Mitternacht. Bei Schmückerfand ich dessen Personalausweis in einer Brieftasche imJackett. Ich habe bei ihm außerdem ein Briefkuvert miteiner Briefmarke gefunden. In dem Kuvert war ein eineSeite langer handgeschriebener Brief.« Langhafel sagteweiter, er habe diesen Brief dem Kriminalkommissar 20
  18. 18. vom Dienst Müller gegeben. Der aber konnte sich nichterinnern. Der Brief blieb spurlos verschwunden. Nach dem Abtransport der Leiche untersuchten fünfPolizeibeamte den Tatort in einem Umkreis von hundertMetern nach Spuren. Vergeblich durchharkten sie denknöcheltiefen Sand, um die Patronenhülse der tödlichenKugel zu finden. Am Nachmittag des 5. Juni versuchtenes vier Bereitschaftspolizisten noch einmal. Zwanzig Meter um den Tatort herum trugen sie denBoden je nach dessen Beschaffenheit zehn bis dreißig Zen-timeter tief ab und warfen die Erde auf ein engmaschigesSieb. Wieder blieben die Bemühungen ohne Erfolg. Am selben Nachmittag durchsuchten Kriminalhaupt-kommissar Ribbeck und Kriminalhauptmeister Schmidteine Wohnung in der Lahnstraße 82 in Berlin-Kreuzberg.Hier, so hatten die Nachforschungen der Kripo ergeben,hatte Ulrich Schmücker unter dem Namen Bernd Lau-risch gewohnt. Eine Spurensicherung wurde entgegensonstiger kriminalpolizeilicher Gewohnheit nicht durch-geführt. So blieb unbekannt, welche Personen in Schmük-kers Wohnung Fingerabdrücke hinterlassen hatten. Um 9.24 Uhr schickte das Polizeipräsidium Berlinein Fernschreiben an alle Landeskriminalämter und andas Bundeskriminalamt in Wiesbaden:»Betr.: Mordsache Schmücker. Am 5.6. – 0.20 Uhr wurde der Student Schmücker, Vor-name Ulrich, 4. 8. 95 Hagen geb., in Berlin-Zehlendorf,Nähe der Krummen Lanke im Grunewald Im Jagen 44,mit einem Einschuß in der rechten Stirn von übenden 21
  19. 19. US-Soldaten schwerverletzt aufgefunden. Er verstarb amOrt. Fremdverschulden ist offensichtlich. Schmücker warab etwa Mitte April 972 Mitglied einer kriminellen Ver-einigung, Untergruppierung der ›Bewegung 2. Juni‹, dieSprengstoffanschläge und Banküberfälle verübt hat. SeineFestnahme erfolgte am 7. 5. 972 in Bad Neuenahr-Ahrwei-ler. Hinsichtlich der von ihm begangenen Straftaten warSchmücker geständig. Er wurde am 7. 2. 973 vom Land-gericht Berlin zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten ver-urteilt. Der zunächst ergangene Haftverschonungsbeschlußwurde später aufgehoben, da Schmücker unbekanntenAufenthalts war. Nach Sachlage kann nicht ausgeschlossenwerden, daß Schmücker aufgrund seines Verhaltens vonGesinnungsgenossen liquidiert worden ist.«Dann folgte eine Liste mit fünfzehn »Kontaktpersonen«,über deren Aufenthalt und deren Verbindungen zuSchmücker die Berliner Polizei von den angeschriebe-nen Dienststellen Auskunft erbat. Unter den genanntenPersonen waren: Ilse Bongartz, geborene Hennecke, ausWolfsburg, Götz Tilgener, Berlin, Wolfgang W., Wolfs-burg, und Wolfgang S., Wolfsburg. Am Abend des 5. Juni trat der Leiter der Staatsschutz-Abteilung der Berliner Polizei, Manfred Kittlaus, vor dieFernsehkameras. In der Berliner »Abendschau« bat erdie Bevölkerung um Mithilfe bei der Fahndung: »Werkann uns Angaben machen über den Umgang des Toten,des Ulrich Schmücker, in der letzten Zeit, insbesonderevor der Tat?« 22
  20. 20. Beim Berliner Landesamt für Verfassungsschutz warSchmückers Umgang zu dieser Zeit längst bekannt undwurde streng geheimgehalten.
  21. 21. ULRICH SCHMÜCKERUlrich Schmücker wurde zweiundzwanzig Jahre undzehn Monate alt. Er war das einzige Kind aus der spätenEhe einer Kriegerwitwe und eines Witwers. Als er am4. August 95 in Hagen geboren wurde, war seine Muttersiebenunddreißig und sein Vater einundfünfzig. Der Vater,von Beruf Sportlehrer, versuchte aus dem schmalen Jun-gen einen »ganzen Kerl« zu machen. Einem Journalistensagte er später: »Zwischen lateinischen Vokabeln undden Hausaufgaben in Mathematik habe ich ihn kräftigrangenommen. Kniebeugen, Liegestützen, Trimm-dich-Pfad, Schwimmen, Ski und Tennis.« Und Ulrich Schmücker gab sich alle Mühe, den An-sprüchen seines Vaters gerecht zu werden. Seine Mutter:»Er war eine wilde Hummel. Manchmal beängstigendforsch. Wir waren mal mit ihm an der Nordsee, da ist eraus fünf Meter Höhe in eine Schleuse gesprungen. SolcheSachen machte er. Das war beängstigend. Dann blieb mirfast das Herz stehen.« Ulli – oder »Pullewitsch«, wie ihnseine Eltern nannten – nahm im Urlaub an Skirennen undSchwimmwettkämpfen teil. Bei einer Schwimmprüfungin der Schule strengte er sich so an, daß er anschließendin der Umkleidekabine zusammenbrach. In Castrop-Rauxel, wohin die Familie gezogen war,besuchte Ulrich Schmücker das Adalbert-Stifter-Gym- 25
  22. 22. nasium. Er zeigte Begabung für Sprachen, für geistes-wissenschaftliche Fächer und für Musik. Als der Vaterpensioniert wurde, zog die Familie erneut um, nach BadNeuenahr-Ahrweiler. Ulli war auch hier ein guter Schüler,hatte aber anfangs nur wenig Kontakt zu seinen Klas-senkameraden. Das rauhe Klima zwischen Lehrern undSchülern machte ihm zu schaffen. Als Lehrerssohn hatteer sich an seiner vorherigen Schule möglichst unauffälligverhalten – der Vater hätte jede Aufmüpfigkeit sofort mit-geteilt bekommen. An der neuen Schule gewöhnte er sichlangsam einen freieren Ton den Lehrern gegenüber an. Erfand Freunde, die im Begriff waren, sich zu politisieren. Vor allem fühlte er sich zu der Familie eines seinerKlassenkameraden hingezogen. Dieser hatte neunGeschwister und einen Vater, der als Kommunist Jahreim Konzentrationslager zugebracht hatte. Das alles warneu für Ulli. Zu Hause hatte es wenig Gespräche überPolitik gegeben. »Mein Mann«, sagte seine Mutter, »warüberhaupt nicht politisch interessiert. Und ich muß ehrlichsagen, ich habe unter Adolf Hitler gelebt und war auchParteigenossin und habe das damals sehr schön gefundenmit dem Arbeitsdienst und so. Das war für mich eineherrliche Welt, weil ich als Einzelkind aufgewachsen war.Plötzlich in eine schöne Gemeinschaft zu kommen, woimmer gesungen wird und wo man auch noch was lernenkann. Das hat Ulli natürlich nicht verstanden, daß ichdiese Zeit für gut befunden habe.« Mehr noch als für Politik interessierte sich UlrichSchmücker damals für Popmusik. Auf seiner Gitarrespielte er Songs der Rolling Stones nach. In den letzten 26
  23. 23. drei Jahren seiner Schulzeit trat er als Gitarrist und Sängerin einer Rockgruppe auf. Nebenbei engagierte er sich in der Kirche. Er nahman Wochenendseminaren der evangelischen Schülerar-beit im – katholischen – Land Rheinland-Pfalz teil undbeschloß, Pfarrer zu werden. Die Mutter war erstauntüber das Sendungsbewußtsein ihres Sohnes. »Wir sindabsolut kein religiöses Haus. In keiner Weise. Ich habeimmer gesagt, ›Mensch, werd doch Arzt, dann kannstdu mich wenigstens behandeln. Als Pfarrer kannst dumich nur beerdigen.‹« Durch die kirchlichen Seminare, in denen über sozi-ale Fragen, über Politik, über die Probleme der DrittenWelt diskutiert wurde, verstärkte sich Ullis soziales undpolitisches Engagement. »Immer schon hatte er anderen Menschen irgendwiehelfen wollen«, erinnerte sich seine Mutter. »Das hat erschon als Kind gehabt. Wir wohnten in Castrop-Rauxelin einem Haus, da war unten ein Milchgeschäft. Unddann sagte er zu mir, ich sollte doch mal Frau Krönckefragen, ob er nicht alten Leuten die Tasche nach Hausetragen dürfte. Er fand das wohl sehr beschwerlich für diealten Leute, wenn sie ihre Taschen oder ihre Milchkannenimmer wieder abstellen mußten. Später in Neuenahr versorgte er eine alte Frau, dieeine gelähmte Tochter hatte, mit der sie unter elendenBedingungen zusammenlebte. Er hat denen immer dieBesorgungen gemacht oder Behördengänge erledigt. Undwenn er mal wegfuhr, sagte er zu mir: ›Könntest du heuteFrau Orbschat betreuen?‹ Dann bin ich immer hochge- 27
  24. 24. gangen und habe mich um die gekümmert. Das warenarmselige Leute, nein, so was Schreckliches. Daß so einJunge überhaupt zu denen hinging! Die Tochter mußteimmer im Bett liegen. Die hatte Spitzfüße gekriegt durchdas lange Liegen. Die Frau konnte auch nicht aus demHaus.«Ulrich Schmücker war ein stiller, gefühlvoller Junge. Erhatte eine Gruppe von Freunden um sich, war aber nurder Mittelpunkt, wenn er auf seiner Gitarre spielte unddazu sang. Er war ernst, ernster als die meisten aus seinerKlasse. Wenn er aus der Schule kam, setzte er sich für eineZeit allein in sein Zimmer und klimperte auf der Gitarreherum. »Ich brauche das«, sagte er seiner Mutter. Manchmal dachte er daran, in eine Wohngemein-schaft zu ziehen, doch als die Eltern ihm alle Freiheitenzusicherten, blieb er zu Hause wohnen. Konflikte gab eshöchstens wegen seiner langen Haare. In der Oberprima erhielt er die Gelegenheit, als Aus-tauschschüler des American Field Service für ein Jahrin den USA zu leben. In der Kleinstadt Osseo im Bun-desstaat Minnesota lernte er den Gegensatz zwischender Wohlstandsfassade und der Realität aus Armut undRassendiskriminierung kennen. Zusammen mit jungenAmerikanern leistete er in den Slums Sozialarbeit. Dertäglich erlebte Rassismus wühlte ihn auf. Er begann, nachUrsachen und Zusammenhängen zu fragen, und suchtedie Antworten nicht mehr in der Bibel, sondern bei Marxund Engels und Marcuse. Als er nach einem Jahr aus denUSA zurückkehrte, war aus seiner christlichen Nächsten- 28
  25. 25. liebe politisches Engagement geworden, der Wille, an derVeränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse mitzu-wirken. Der Abschluß, den er in Minnesota gemacht hatte,wurde in der Bundesrepublik nicht anerkannt. Ullimußte zurück auf seine alte Schule, um das Amerika-Jahr nachzuholen. Er arbeitete hart, las viel, hatte für dieoberflächlichen Vergnügungen seiner Klassenkameradenwenig Verständnis. Eine gleichaltrige Freundin, die Per-serin Farzaneh, beklagte sich bei seiner Mutter: »Waskann ich nur dagegen tun, daß Ulrich immer so ernstist? Er will mit mir über das Elend der Welt sprechen,und das deprimiert mich so. Ich will doch tanzen undfröhlich sein.« Ulrich Schmücker wollte jetzt nicht mehr Pfarrer wer-den, er wollte politisch arbeiten – nur wie, das wußte ernoch nicht. Zu seiner Mutter sagte er: »Ich kann nichtfür einen Gott auf die Kanzel gehen, der es zuläßt, daßman nur seiner Hautfarbe wegen geprügelt wird.« Mit seinen Freunden in Bad Neuenahr führte er langeGespräche über die Zukunft. Sie beschlossen, gemeinsamnach Berlin zu gehen und an der Freien Universität zustudieren, mit der sie Selbstverwirklichung und Aufbruchassoziierten. Vor allem aber wollten sie der Bundeswehrentgehen. Insgesamt elf aus seiner Klasse wollten sichnach Berlin aufmachen. Im Frühjahr 97 bestand Ulrich Schmücker das Abiturmit der Durchschnittsnote »Gut«. Kurz darauf fuhr erfür zwei Wochen nach Berlin, um sich nach Wohnmög-lichkeiten zu erkundigen. Anschließend verbrachte er im 29
  26. 26. Rahmen des deutsch-französischen Jugendaustauschessechs Wochen in Bordeaux. Er wohnte bei französischenGasteltern, deren Kind mehrfach in Bad Neuenahr zuBesuch gewesen war. Am 5. Oktober 97 schrieb er sich an der FreienUniversität als Student der Geschichte und Ethnologieein. Seine Schulfreunde aus Bad Neuenahr waren bereitsin Berlin. Zu ihnen hielt Ulli engen Kontakt. In dieserZeit telefonierte er oft mit seinen Eltern und schriebihnen Briefe, in denen er sein neues, unabhängiges Lebenschilderte. Anfangs wohnte er bei einem Jungfilmer zur Unter-miete. Im Februar 972 bezog er dann in Neukölln inder Weisestraße 30 eine Einzimmerwohnung. Von seinenEltern bekam er eine finanzielle Unterstützung von 200Mark im Monat. Zusätzlich zahlten sie ihm die Mietesowie die Fahrkarten und Bücher. Bei seinem ersten, zweiwöchigen Aufenthalt in Ber-lin hatte Ulrich Schmücker die Dreharbeiten zu demLehrlingsfilm »Über unsere Situation« beobachtet. Dabeihatte er Jugendliche aus dem Kreuzberger Jugendzentrumkennengelernt, die ein leerstehendes Fabrikgebäude besetzthielten. Schmücker erfuhr von ihnen Einzelheiten überStadtteilarbeit in Kreuzberg, über Mieterinitiativen undKindergruppen. Er fand solche Aktionen notwendig – aberer selbst wollte vorerst noch nicht mitmachen. Während des Wintersemesters verlor Schmückerdie Lehrlinge aus den Augen. Er engagierte sich in der»Roten Zelle Historiker«. Doch die politische Arbeitinnerhalb der Universität reichte ihm bald nicht mehr 30
  27. 27. aus. Er wollte an Aktionen außerhalb des studentischenMilieus teilnehmen. Im Februar 972 stieß er zur »Schwarzen Hilfe«, einerOrganisation, die sich vor allem der Betreuung »politischerHäftlinge« widmete. Hier traf er Siegfried und Karin M.,die in der Schwedenstraße in Berlin-Wedding wohnten.Genau wie Schmücker war auch das Ehepaar M. mit dereigenen politischen Arbeit nicht zufrieden. Sie nahmen anStadtteilaktionen teil, aber das war ihnen an politischerPraxis zu wenig. In langen Diskussionen lernten sie sich näher kennen,bauten das anfangs bestehende Mißtrauen ab. In einemdieser Gespräche kam die Rede auf die RAF, die »RoteArmee Fraktion«. Schmücker hatte kurz zuvor die RAF-Schrift »Über den bewaffneten Kampf in West-Europa«gelesen. Auch das Ehepaar M. kannte den Text. Die RAFschien für Schmücker und seine neuen Freunde Ansätzeeines gangbaren politischen Weges zu beschreiben. »Wir wollten«, so sagte Schmücker später der Polizei,»in gezielten Aktionen der von der herrschenden Klasseausgeübten Gewalt revolutionäre Gegengewalt entgegen-setzen.« Als die Berliner Verkehrsgesellschaft, die BVG, ihrePreise erhöhte, schritten Schmücker und seine Freundezur Tat. Mit Schmückers altem Volkswagen 200, Kenn-zeichen AW-N-66, fuhren die drei nach Rudow. Aufden U-Bahn-Stationen verstopften sie die Fahrscheinau-tomaten mit Metallkitt. Daneben klebten sie Zettel, aufdenen gegen die Tariferhöhung, die am nächsten Tag inKraft treten sollte, protestiert wurde. In dieser Nacht 31
  28. 28. waren sie nicht allein am Werk. Andere Gruppen mach-ten sich ebenfalls an Fahrscheinautomaten zu schaffenund beschädigten sie auf dieselbe Weise. Die Flugblätter und das Kaltmetall hatten sie von Ver-ena Becker erhalten, jener Verena Becker, die später imAustausch gegen den entführten Berliner CDU-PolitikerPeter Lorenz freigelassen wurde. Ulrich Schmücker wußte, daß Verena Becker Kontaktzur RAF und zur »Bewegung 2. Juni« hatte.
  29. 29. DIE »BEWEGUNG 2. JUNI«Entstanden war die »Bewegung 2. Juni« aus einer Viel-zahl von Gruppen und Grüppchen, die zusammen denWestberliner »Blues« bildeten, eine Subkultur der »anti-autoritären« Linken. Eine später innerhalb des »Prozeßbüro Berlin« erar-beitete Dokumentation definiert die Bewegung so: »Der ›Blues‹ ist ein Synonym für eine antiautoritärepolitische Richtung, deren Inhalte und Zielvorstellungensich kennzeichnen lassen mit Begriffen wie: Auffindenneuer Lebensformen, Entwicklung konkreter Utopien,Solidarität mit allen Unterdrückten, Sensibilität in derKommunikation untereinander, Phantasie und Sponta-neität in der revolutionären Aktion, zugleich direkte undmilitante Angriffe auf den Klassenfeind und seine denGenossen und der Bevölkerung unmittelbar gegenüber-stehenden Repräsentanten: Angehörige der Polizei, derJustiz, des Strafvollzugs, des – vor allem – amerikanischenMilitärs, Agenturen des nationalen und internationalenKapitals. Die militante Aktion war dabei grundsätzlich nichtnur Konsequenz einer theoretischen Überzeugung undAnalyse, nicht nur der Aufklärung dienendes Symbol,sondern stets auch der Versuch, die eigene Ohnmachtzu überwinden, aus der Passivität herauszufinden in den 33
  30. 30. aktiven Angriff, die eigene Aggressivität nicht gegen dieGenossen oder sich selbst, sondern – oft wie in zahl-reichen Westberliner Straßenschlachten – gezielt gegendie Agenturen des Gegners und, zumindest, die Symboleseiner Macht zu richten, damit der Versuch, sich selbstin der aktiven Handlung weiterzuentwickeln, sich selbstnicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Bauch,mit seinen Bedürfnissen und Emotionen in die politische,militante Aktion einzubringen.« Historisch entsprachen diese Auffassungen am ehe-sten dem Anarchismus, dem Rätekommunismus, demSpontaneismus und der antiautoritären Bewegung dersechziger Jahre. Nur selten wurden die Konzepte des»Blues« schriftlich formuliert. Sie waren ständiger Dis-kussionsstoff und Ausdruck des Lebensgefühls von Leuten,die mit der bürgerlichen Welt radikal gebrochen hatten.Es galt das Motto der frühen Tage: »Macht kaputt, waseuch kaputt macht!« Für die Gruppen des »Blues« bestand die »Rote ArmeeFraktion«, die sich nach der Baader-Befreiung im Mai970 gebildet hatte, aus »Leninisten mit Knarren«. ImGegensatz zur RAF, die die gesamte Bundesrepublik alsrevolutionäres Tätigkeitsfeld ansah, beschränkten sichdie Gruppen des »2. Juni« auf Westberlin. Im Januar 975 entstand in der »Bewegung 2. Juni«eine interne Schrift, der man den Titel »Mit dem Rückenzur Wand?« gab. Darin hieß es: »Die ›Bewegung 2. Juni‹wurde in einer Phase von antiimperialistischem Massen-kampf geboren. Aus den Haschrebellen und der proletari-schen Subkultur formierte sich eine Gruppe, die vor allem 34
  31. 31. die Justizkampagne und militante Aktionen unterstützendvorantrieb. Über die Untergrundzeitung 833 agitierte siefür eine organisierte Massenmilitanz und für Komman-doaktionen. So wurde z. B. während des Einmarsches derUS-Armee in Kambodscha noch in derselben Nacht dasvon Bereitschaftspolizei bewachte Amerikahaus in West-berlin von zwanzig Genossen mit Mollis, Steinen undStangen angegriffen. Wenige Tage später – aus den Mas-sendemonstrationen heraus – gingen die letzten Scheibendieses imperialistischen Kulturzentrums zu Bruch. Vonden in die Demonstranten hineingetriebenen Polizeipfer-den wurden zwei abgestochen. Den bewaffneten Bullengegenüber verteidigten sich die Militanten mit Steinen,Stahlkugeln und aufgeschweißten Eisenplatten.« Das harte Durchgreifen von Polizei und Justiz beant-worteten die militanten Gruppen mit weiterer Eskalation.Der Kampf wurde straffer organisiert und nahm immermehr konspirative Züge an. Aktionen wurden in dieserZeit unter den verschiedensten Etiketten durchgeführt.Die »Kommandos« hatten Namen wie »Tupamaros West-berlin« oder »Schwarze Ratten«. Die Polizei ging davonaus, daß der an den jeweiligen Aktionen beteiligte Per-sonenkreis weitgehend derselbe war und sich allein dieNamen der Kommandounternehmen änderten. Die mili-tanten Aktionen richteten sich besonders gegen Einrich-tungen der Polizei, der Justiz und des Strafvollzugs. Waf-fen waren zumeist Molotowcocktails und andere selbst-gebastelte Brand- und Sprengsätze. Nur selten gelangender Polizei Festnahmen, es wurden lediglich eine Reihevon Ermittlungsverfahren eingeleitet. 35
  32. 32. Als »Rädelsführer« in Verdacht hatte die Polizei vorallem Ralf Reinders, Georg von Rauch, Thomas Weis-becker, Heinz Brockmann und »Bommi« Baumann.Gar nicht erst gefaßt, aus der Haft entlassen oder – wieGeorg von Rauch – geflohen, waren die fünf aus Sichtder Behörden die »Most-Wanted-Persons« der militantenUntergrundszene. Parallel zu diesen »Kommandos« waren gegen Endeder sechziger Jahre in Westberlin Organisationen entstan-den, die sich die Betreuung der »politischen Häftlinge«zur Aufgabe machten. Zu der anarchistisch orientierten»Schwarzen Hilfe« gehörten auch Inge Viett und VerenaBecker. Aus den beiden Bereichen »Blues« und »SchwarzeHilfe« kristallisierte sich ein harter Kern heraus, die spä-tere »Bewegung 2. Juni«. Neben ihr, aber mit einzelnenpersonellen Verflechtungen, entstand im Frühjahr 970die »Rote Armee Fraktion«. Beide Gruppierungen hattensich Konzepten des bewaffneten Kampfes verschrieben.Mit einem wesentlichen Unterschied: Die Gruppen des»2. Juni« sahen sich mit den »Kämpfen des Proletariats«in den Metropolen verbunden, während sich die RAFimmer mehr mit den militanten Befreiungsbewegungender Dritten Welt identifizierte. Für die RAF gehörteschließlich das Proletariat der Industrienationen zu jenemwestlichen Machtapparat des Kapitalismus, der die DritteWelt ausbeutete. In einem Fernsehinterview 978 sagte das ehemaligeRAF-Mitglied Horst Mahler: »Die RAF verstand sichals antiimperialistische Kampfgruppe, die nicht Teil der 36
  33. 33. Kämpfe hier war, sondern Teil der Kämpfe in der Drit-ten Welt. Und das erscheint dann hier als Kriegsführunggegen das eigene Volk.« Die Strategie der »Bewegung 2. Juni« dagegen wurdein dem Papier »Mit dem Rücken zur Wand?« so formu-liert: »Die ›Bewegung 2. Juni‹ hat zunächst versucht, ausihrer politischen Geschichte eine politische Perspektivezu machen. Sie hat dann aber erfahren und gelernt, daßeine Guerilla mit aufklärerischem Konzept keine wirklicheVerbindung zum Volk bekommt, wenn sie nicht ein Teilseines Kampfes wird und nicht von den täglich nahenKonflikten der Betroffenen ausgeht und versucht, darausbewaffnete Gegenmacht zu entfalten. Die Bewegung hatgelernt, daß nicht die linke Szene die revolutionäre Kraftist, sondern der Massenarbeiter, der Lehrling, die gefan-genen Proleten, die rebellierenden Frauen in der Fabrikund im Stadtteil.« Eher selbstkritisch heißt es in dem Papier weiter: »Überdrei Jahre versuchten die Genossen, ein bewaffneter Teilder undogmatischen Berliner Linken zu werden. Das Zielwar: im Rahmen antiimperialistischer MassenkampagnenEinrichtungen vor allem der USA nicht nur symbolischanzugreifen, sondern größtmöglichen Schaden zu erzielen;und zweitens exemplarische Aktionen in Zusammenar-beit mit undogmatischen Betriebs- und Stadtteilgruppenin den proletarischen Zentren Berlins durchzuführen.Bei Zwangsräumungen, Entlassungen, Mieterhöhungen,Betriebsstillegungen usw. sollte der Haß der Betroffe-nen in militanten und letztlich bewaffneten Widerstandumgesetzt werden. Obwohl die Berliner Bewegung immer 37
  34. 34. wieder von vielen Genossen solidarisch unterstützt wurde,waren es gerade die Kontaktgenossen zu den Basis- undBetriebsgruppen, die offensiv-bewaffnete Aktionen inFabrik und Stadtteil passiv verhinderten. Sie sperrtennotwendige Informationen zur Intervention, verpenntenoder mußten dringend verreisen. Die wenigen Flugblätter und Erklärungen der bewaff-neten Bewegung wurden zum Teil unterdrückt und nochnicht einmal in der linken Presse veröffentlicht. Auf jedenFall wollten aber auch die Genossen jeden Pressewirbelvermeiden, solange es ihnen nicht gelang, den Widerspruchzwischen Ziel und sichtbarer Praxis zu überwinden. Indiesem Zusammenhang ist es leicht zu verstehen, daßhauptsächlich spektakuläre Banküberfälle das Bild überdie bewaffnete Bewegung in Berlin bestimmten. Auch beikonsequentem Sparprogramm benötigten die GenossenGeld, um handlungsfähig zu bleiben, aber ein Teil wurdeauch an die undogmatische Bewegung abgegeben.« »High sein, frei sein, Terror muß dabeisein«, unter die-ses Motto stellten sich die »Kämpfer« der »Bewegung 2.Juni« gern, anfangs jedenfalls. Doch aus der Spaßguerillawurde schnell blutiger Ernst. Am 0. November 974, fünfMonate nach dem Mord an Ulrich Schmücker, versuchteein Kommando des »2. Juni«, Berlins obersten RichterGünter von Drenkmann zu entführen. Als der sich wehrte,wurde er erschossen. Am 27. Februar 975, zwei Monatevor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, entführtedie »Bewegung 2. Juni« den Berliner CDU-Vorsitzendenund Spitzenkandidaten Peter Lorenz. Die Entführerverlangten die Freilassung von sechs Inhaftierten: Horst 38
  35. 35. Mahler, Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann,Ingrid Siepmann, Rolf Heissler und Rolf Pohle. Alle, bisauf Horst Mahler, waren dem Umfeld der »Bewegung2. Juni« zuzurechnen. Mahler lehnte den Austausch ab.Am 2. März 975 wurden die Gefangenen nach Adenausgeflogen. In der Nacht darauf ließen die EntführerPeter Lorenz frei. Die erfolgreiche Geiselnahme regte später die RAF zurEntführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns MartinSchleyer an. Doch diesmal, im Herbst 977, blieb die Re-gierung hart. Schleyer wurde ermordet. Nach dem bluti-gen »Deutschen Herbst« schlossen sich die übriggeblie-benen Mitglieder der »Bewegung 2. Juni«, darunter IngeViett, der RAF an.
  36. 36. EINSTIEG IN DEN UNTERGRUNDAls Mitte März 972 im Audimax der Technischen Uni-versität Berlin eine politische Veranstaltung stattfand,entdeckte Ulrich Schmücker auf der Empore eine GruppeJugendlicher, die Flugblätter in den Saal herunterregnenließ. Die Zettel waren mit den Worten »Jetzt reicht’s«überschrieben. Mit diesen Flugblättern übernahm die»Bewegung 2. Juni« die Verantwortung für einen Brandan-schlag auf das Landeskriminalamt Berlin in der GothaerStraße. Dieser mißglückte Anschlag war die erste Aktion, mitder die »Bewegung 2. Juni« an die Öffentlichkeit trat. Siesollte ein Protest gegen die Erschießung Thomas Weisbek-kers durch die Polizei am 2. März 972 in Augsburg sein.»Tommy« Weisbecker hatte zu einer der Gruppen gehört,aus denen später die »Bewegung 2. Juni« entstand. Das Flugblatt war zum ersten Mal mit »2. Juni« unter-zeichnet. An diesem Tag war 967 der Student BennoOhnesorg von einem Polizeibeamten erschossen worden. Schmücker und seine Begleiter, das Ehepaar M.,sprachen die Zettelwerfer an. Eine von ihnen war IngeViett. Schmücker erwähnte kurz seine eigenen Pläne zumAufbau einer revolutionären Gruppe, dann verabredetensie sich für den nächsten Samstag in seiner Wohnung inder Weisestraße 30. 41
  37. 37. Ulrich Schmücker konnte das Wochenende kaumabwarten. Am Samstagnachmittag trafen seine Gästeein: das Ehepaar M., Inge Viett, Verena Becker undHarald Sommerfeld. Schmücker kochte Tee, und dannwurde er in die Struktur der »Bewegung 2. Juni« ein-geweiht. Dem Staatsanwalt berichtete er später: »IngeViett, Verena und Harald bildeten eine Zelle des ›2. Juni‹,neben ihnen gab es eine Reihe anderer Gruppierungen,die in losem Kontakt zueinander standen. Man sprachüber die Grundbegriffe eines Lebens in der Illegalität,über verschiedene Methoden, Ausweise zu fälschen usw.›Am besten ist es‹, so meinte einer der Anwesenden, ›jedeGruppe hätte einen Film mit den Dienststempeln derwichtigsten deutschen Großstädte. Dann könnte manjederzeit Pässe und Formulare fälschen.‹« Die Besucher kamen ins Plaudern. Inge Viett deutetean, selbst schon an Sprengstoffanschlägen beteiligt gewesenzu sein. Einzelheiten aber verriet sie nicht. Das war knappzwei Monate, nachdem der Bootsbauer Erwin Beelitz imBritischen Yachtclub Gatow von einer Bombe zerfetztworden war. Der Mechaniker Heinz Brockmann, aktivesMitglied der »Bewegung 2. Juni«, legte darüber später einumfassendes Geständnis ab. Danach hatte Michael, genannt »Bommi«, Baumann dieIdee, nach den blutigen Auseinandersetzungen im nordiri-schen Londonderry an mehreren Stellen in Berlin Bombenexplodieren zu lassen. Die Anschläge sollten Solidarität mitder kämpfenden IRA, der Irisch Republikanischen Armee,demonstrieren. Baumann baute unter Mithilfe von PeterKnoll und Heinz Brockmann in einer von den Eheleuten M. 42
  38. 38. gemieteten Wohnung einen Sprengkörper. Harald Som-merfeld, Inge Viett, Verena Becker und Willi Räther warendabei – so sagte Brockmann später bei der Polizei aus. Auseinem Auto-Feuerlöscher, Marke Gloria, und mehrfachverschraubtem und verzinktem Eisenrohr bastelten sie dieBombe und füllten sie mit Sprengstoff aus einer Mischungvon Natriumchlorat und Zucker. In das Gemisch führte einGlühzünder, der über Zündleitungen mit einem elektrischenWecker und Zusatzbatterien verbunden war. Dieser Sprengsatz sollte von Harald Sommerfeld,Verena Becker, Inge Viett und Willi Räther an einemmöglichst symbolträchtigen Ort deponiert werden. Inder Nacht zum 2. Februar 972 legten sie ihn auf derTerrasse des Britischen Yachtclubs in Berlin-Gatow aufeinen Stuhl. Sie stellten den Zeitzünder auf 2.5 Uhr undließen ein Flugblatt in der Nähe der Bombe zurück. Dochder zweckentfremdete Feuerlöscher detonierte nicht zumvorgesehenen Zeitpunkt. Gegen 8.5 Uhr kontrollierte der Bootsbauer ErwinBeelitz auf seinem morgendlichen Rundgang den Boots-schuppen und entdeckte den Sprengkörper. Er nahm ihnmit ins Haus und untersuchte ihn. Als er die Bombein einen Schraubstock klemmen wollte, explodierte sie.Erwin Beelitz wurde dabei so schwer verletzt, daß er kurzdarauf starb. Der Tod des Bootsbauers wurde von den jugendlichenBombenlegern mit Entsetzen aufgenommen. Sie hattenein Zeichen gegen das Morden in Nordirland setzenwollen – daß ihre Bombe einen Menschen töten könnte,daran hatten sie nicht gedacht. 43
  39. 39. Für Bommi Baumann, der den Anschlag initiiert hatte,war dies nach seinen eigenen Angaben Signal zur Umkehr.In einem Interview mit einem Westberliner Untergrund-Filmer sagte er 973: »Da wird dir plötzlich klar, wofürsterben hier Leute, wie der Bootsbauer Beelitz, der dadurch ’ne Bombe irgendwie umkommt. Wofür sterbenhier Leute? Für die Sache? Du siehst doch, es wird sicheigentlich nicht groß was ändern. Da wird dir plötzlichklar, das ist ziemlicher Wahnsinn. Und du siehst auch dieReaktion deiner Mitkämpfer, die eigentlich nicht mehrbesonders gefühlvoll ist auf solche Sachen.«In diese Welt der Bombenleger, der Stadtguerillas, wollteUlrich Schmücker eintauchen. Aus seinem frühen mora-lischen Engagement wurde Militanz. Langsam wuchs Schmücker in die Untergrundszenehinein. Anfang März besuchte er einen Tutor der FreienUniversität, den er bei seinem Ethnologiestudium 97/72kennengelernt hatte. Detlef Z. hatte einmal bei einemGespräch in kleinem Kreis vor einer LehrveranstaltungSympathien für die Rebellen in Dhofar und Oman geäu-ßert. Als gegen Ende des Wintersemesters im Institutfür Ethnologie Informationspapiere zur Situation amPersischen Golf auslagen, vermutete Schmücker, DetlefZ. habe sie mitgebracht. Später erfuhr er, daß Z. Mitglieddes Solidaritätskomitees zur Unterstützung des Kampfesam Persischen Golf war. Von ihm erhoffte sich SchmückerKontakte zu arabischen Guerilla-Gruppen. Als Schmücker nach seiner Festnahme 972 bei derPolizei auspackte, hatte er die größten Bedenken – und 44
  40. 40. die größte Angst –, als das Gespräch auf seine Kontaktezu Arabern kam. »Die folgenden Aussagen«, so stehtes im Vernehmungsprotokoll, »bitte ich vertraulich zubehandeln und unter Ausschluß der Öffentlichkeit zuverhandeln, da ich im Falle eines Bekanntwerdens dieserAussagen mit guten Grund um mein Leben fürchte. Zudiesem ganzen Komplex möchte ich nur gesondert undganz vertraulich Stellung nehmen. Mir ist aus Gesprächenbekannt, daß die Leute, um die es dabei geht, Verräterunter allen Umständen liquidieren; ich bin sicher, daß ichim Falle eines Bekanntwerdens meiner diesbezüglichenAussagen von ihnen bedroht wäre und mich in Lebens-gefahr befände.« Schmücker gab sich Detlef Z. gegenüber wie ein alterHase der Stadtguerilla. Er fragte ihn, ob er nicht helfenkönne, wenn jemand mal »für eine Weile im Auslandverschwinden« müsse. Detlef Z. glaubte, »da jemanden zukennen«, fügte aber hinzu, daß so etwas nur bei »politi-scher Übereinstimmung« in Frage käme. Bei zwei oder dreiweiteren Treffen führten sie lange politische Gespräche,in denen Schmücker die Notwendigkeit des bewaffnetenKampfes in den Metropolen hervorhob. Dadurch, so hoffteer, gab er sich als »zumindest potentieller Stadtguerilla«zu erkennen. In den ersten April-Tagen besuchte Z. Schmückerunangemeldet und sagte: »Komm mit. Ich bring dich zujemandem, der mit dir reden will.« Zwischen 0 und Uhr vormittags brachen die beiden auf und fuhren mit Z.saltem Volkswagen zuerst kreuz und quer durch Kreuz-berg. Dann steuerte Z. Dahlem an. In der Archivstraße 45
  41. 41. stoppte er und sagte: »Fahr du jetzt weiter und park beider U-Bahn-Station Dahlem-Dorf!« Er sprang aus demWagen. Schmücker rutschte auf den Fahrersitz hinüberund folgte den Anweisungen. Neben der U-Bahn-Stationwartete er eine halbe Stunde im Wagen. Dann tauchteZ. plötzlich wieder auf und gab neue Order. »Geh zumKiosk gegenüber der U-Bahn-Haltestelle und trink eineCola. Warte auf jemanden, der auch eine Cola bestelltund eine Packung ›Kurier‹ oder – wenn sie die nichthaben – ›Reval Filter‹ kauft. Mit dem kannst du überEinzelheiten reden.« Nachdem Z. wieder verschwunden war, machte sichSchmücker auf den Weg. Er bestellte eine Cola und war-tete. Nach wenigen Minuten erschien ein zwanzig bisfünfundzwanzig Jahre alter Mann mit dunkelblondembis braunem Haar und Bart. Er trug eine dickumrandeteBrille, hatte dunkle Cordhosen und eine grüne Militär-jacke an. In fließendem Deutsch, aber mit einem starkenausländischen Akzent sprach er Schmücker an. Ein paarWorte über das Wetter, dann tranken sie schweigend ihreCola aus und verließen den Kiosk. Während sie in kleinen Nebenstraßen spazierengingen,entwickelte sich ein Gespräch. Ein wenig politische Theo-rie, dann kam man zur Praxis. Der Araber mit dem hel-len Haar erklärte Schmücker, daß jemand, der für vier bissechs Jahre aus Europa verschwinden wolle, auf Umwe-gen zum Persischen Golf reisen und dort in Dhofar oderOman bei Guerilla-Organisationen aktiv werden könne.Falsche Pässe und die Planung der Reise würden 5000Mark kosten. Besonders »heiße« Leute könnten auch für 46
  42. 42. ein halbes oder ein Jahr im Raum Syrien, Irak und Liba-non abtauchen. Preis: 2000 bis 3000 Mark. Organisatorsei die PFLP des Dr. Georges Habash, die »Volksfrontfür die Befreiung Palästinas«. Dann kam das Gespräch auf die innere Sicherheitillegaler Gruppen. »Verräter und enttarnte Spitzel«, sobemerkte der Araber nebenbei, »sind natürlich unter allenUmständen zu liquidieren.« Die beiden vereinbarten eine längerfristige Zusam-menarbeit. Die »Bewegung 2. Juni« sollte Waffen jedengewünschten Typs in jeder gewünschten Menge erhalten,auch Sprengstoffe und Zünder. Als Gegenleistung solltendie Leute vom »2. Juni« die Araber mit größeren Geld-beträgen unterstützen.
  43. 43. EINFÜHRUNG IN DEN TERRORISMUSAm 4. April 972 blieb Ulrich Schmücker zu Hauseund wartete auf Besuch. Zum ersten Mal sollte seineWohnung nach einer Aktion als Treffpunkt dienen. Wasgenau geplant war, wußte er nicht. Zwischen 0 und Uhr klingelte Inge Viett an der Wohnungstür. Sie hatteeine schwarze Einkaufstasche aus Kunstleder bei sich.Wenige Minuten später kamen Verena Becker und HaraldSommerfeld. Die drei umarmten sich zur Begrüßung.Schmücker stand etwas ratlos daneben: »Was ist denn gelaufen?« »Das wirst du schon früh genug erfahren!« Dann wurde er zum Einkaufen geschickt. Als Schmük-ker zurückkehrte, fragte ihn Inge Viett: »Hast du irgendwelche Straßensperren gesehen?« »Nein, keine.« Inge Viett und Verena Becker brachen auf. Sie wolltenFreunde in der Strafanstalt Tegel besuchen. Harald Som-merfeld blieb in der Wohnung. Am Nachmittag schickteer Schmücker eine Zeitung holen. Die Schlagzeile derAbendausgabe meldete in dicken Lettern einen Bankraubin Berlin-Britz. »Habt ihr was damit zu tun?« fragte Schmücker. Sommerfeld antwortete nicht. Dann sagte er: »Sieh dir nachher mal die ›Abendschau‹ an.« 49
  44. 44. Gemeinsam saßen die beiden vor dem Fernseher. DerSprecher meldete den Bankraub in Britz und gab einePersonenbeschreibung der Täter durch, die genau auf IngeViett, Verena Becker und Harald Sommerfeld paßte. »Jetzt weißt du ja Bescheid«, sagte Sommerfeld. Dabeipackte er die schwarze Einkaufstasche aus. Er faltete eineweiße Plastiktüte auseinander und stapelte größere Men-gen gebündelter Banknoten auf den Tisch. Daneben legteer drei Waffen: eine Firebird, Kaliber 9 Millimeter, eineColt-Automatik-Pistole, 9 Millimeter, und einen Smith& Wesson-Revolver. Sommerfeld lehnte sich zurück und begann zu erzählen. »Inge hat letzte Nacht einen roten VW geknackt. Damitsind wir gestern morgen rausgefahren nach Britz, wo wirschon letzte Woche eine Bank ausgesucht hatten.« Schmücker hörte schweigend zu. »Wir hatten Jacken und Mützen und Halstücher undSonnenbrillen dabei. Ich trug die Colt-Automatik, Ingeden Revolver und Verena die Firebird. Verena und ichsind in der Nähe der Bank ausgestiegen, während Ingelangsam weiterfuhr. Dann haben wir im Vorraum derBank noch etwas gewartet und uns einen Aushang angese-hen. Hinter einer alten Frau sind wir dann in den Schal-terraum gegangen. Wir hatten uns Tücher vors Gesichtgebunden. Verena richtete ihre Firebird auf die Kundenund Angestellten der Bank, und ich bin auf den Kassie-rer losgegangen und hab ihm gesagt, er soll keine Faxenmachen und schnell das Geld rausgeben.« Sommerfeld zündete sich eine Zigarette an. Er nahmeinen Zug und sagte: 50
  45. 45. »Ich konnte kaum sehen. Meine Sonnenbrille warganz beschlagen. Ich hab sie abgenommen und auf denBanktresen gelegt und blöderweise nachher vergessen.Der Kassierer war ganz schön verängstigt, aber er hatmir dann das Geld rübergeschoben. Als ich es gerade inmeine weiße Plastiktüte stopfte, kam ein neuer Kundein den Schalterraum. Verena drehte sich superschnell zu ihm um und zischte:›Geh weg!‹ Dann schwenkte sie ihre Pistole und wollteihn dazu bringen, sich zu den anderen Kunden und Ange-stellten der Bank zu stellen. Aber der Mann reagierteüberhaupt nicht. Verena hat ihn zur Seite gestoßen, undwir sind an ihm vorbei aus der Bank gelaufen. Draußensind wir dann in den VW gesprungen, Inge hat Gas gege-ben und ist durch ein paar Seitenstraßen gefahren. ImAuto haben wir uns die Klamotten runtergerissen und dasGeld und die Waffen in die schwarze Ledertasche gepackt.Die Jacken, Halstücher usw. haben wir im Auto gelassen.Verena hat in der Eile noch ihr Reservemagazin in derJackentasche vergessen. Verena und ich sind dann schnellausgestiegen und mit der U-Bahn weitergefahren.« »Und was hat Inge gemacht?« »Die ist noch ein paar Straßen weitergefahren und hatden Volkswagen irgendwo stehengelassen. Anschließendist sie zu Fuß weitergegangen – in eine Laubenkolonie. Dahatte sie ein Fahrrad stehen. Sie hat die Tasche mit demGeld und den Waffen auf den Gepäckträger geklemmtund ist einfach mit dem Rad weitergefahren. Der Wegdurch die Laubenkolonie ist für Autos gesperrt. Nachherhat sie das Fahrrad an der U-Bahn-Haltestelle Leine- 51
  46. 46. straße an eine Hauswand gelehnt und ist zu Fuß hierhergekommen.« Schmücker war tief beeindruckt. Er nahm ein paarBündel Geldscheine vom Tisch. »Laß uns mal zählen.« Sommerfeld hatte nichts dagegen. Sie kamen auf genau29 450 Mark. »Wir könnten davon Waffen aus der ›arabischen Quelle‹kaufen«, schlug Schmücker vor. Sommerfeld war einverstanden. Er wollte gleich 40 000Mark dafür anlegen: die gesamte Beute aus Britz undzusätzliches Geld, das andere Gruppen zur Verfügunghatten. Noch in derselben Woche traf sich Schmücker mitdem Araber. Sie saßen in Detlef Z.s Volkswagen amPaul-Lincke-Ufer. Schmücker bestellte im Namen des»2. Juni« für 5 000 Mark Handfeuerwaffen, für 5 000Mark Sprengstoff – »möglichst Dynamit« – und für je-weils 5000 Mark Schnellfeuergewehre und Maschinen-pistolen. Der Araber erklärte sich mit dem Handel prin-zipiell einverstanden, sagte aber, er könne über einen sol-chen Großeinkauf nicht allein entscheiden. Er werde sichwieder melden. Als Schmücker seinen Freunden das Gespräch schil-derte, waren sie gar nicht begeistert. Ihnen erschien dieQuelle nicht »cool«. Schließlich einigten sie sich darauf,lediglich für 8000 Mark Sprengstoff zu kaufen. Vorhersollte Verena noch eine »Sicherheitskiste« einbauen, dasheißt, sie sollte mit einer anderen arabischen Kontaktper-son sprechen und Schmückers Quelle »abchecken«. 52
  47. 47. Am Dienstag der darauffolgenden Woche kaufte Schmük-ker einen Zehnliterkanister und füllte ihn mit Benzin.Gegen Abend traf er sich in der Wohnung des Ehepaa-res M. mit Harald Sommerfeld, der gerade dabei war, dieZündvorrichtung für eine »Unkraut-Ex-Bombe« zu basteln.Das explosive Gemisch aus Unkrautvernichtungsmittelund Puderzucker hatte er in einen Kochtopf gefüllt undden Deckel mit Kaltmetall festgeklebt. Noch in der Nacht sollten Schmückers Benzin-Bombeund Sommerfelds Unkraut-Sprengkörper gelegt werden.Es war der . April 972. Die Amerikaner hatten dieBombenangriffe auf Nordvietnam wieder aufgenommen.So wie Schmücker und Sommerfeld wollten auch andereGruppen der »Bewegung 2. Juni« zurückschlagen. Schmückers Benzinkanister wurde unter dem Privat-wagen eines amerikanischen Offiziers gezündet. Kurz nach Mitternacht fuhren Schmücker und Som-merfeld in einem geliehenen Morris Mini zum Harnack-Haus, einem amerikanischen Offiziersklub in Berlin-Dahlem. Da die Sprengkraft der Kochtopf-Bombe rela-tiv gering war, sollte sie psychologisch wirkungsvoll aufdem Dachboden des Klubhauses deponiert werden. Sieparkten den Mini in der Nähe des Harnack-Hauses undgingen um das Gebäude herum, um die Örtlichkeit zuerkunden. Die Bombe hatten sie auf dem Rücksitz desWagens zurückgelassen. »Da steht ein Gartentor offen«, flüsterte Schmückerseinem Begleiter zu. Doch Sommerfeld war die Sache zu riskant. »Es ist absolut blödsinnig, auf den Dachboden rauf- 53
  48. 48. zuklettern, bloß um eine simple Bombe loszuwerden«,sagte er leise. »Dann mach ich es eben«, antwortete Schmücker. Sommerfeld war einverstanden, und sie liefen zurückzum Wagen. Plötzlich tauchte aus der Dunkelheit einPolizist auf. Mißtrauisch beobachtete er die beidenGestalten. Schnell schlüpften Schmücker und Sommer-feld in den Wagen. Eine endlose Minute verstrich, bisSchmücker das Fahrzeug in Gang gesetzt hatte. Als derWagen startete, blickte Schmücker noch einmal kurz inden Rückspiegel. Der Beamte stand immer noch da undbeobachtete sie. Ein paar Minuten lang umkreisten die beiden ihr Ziel.Als die Luft wieder rein war, deponierten sie den Spreng-satz an einem Kellerfenster. Der Zünder war zwischen3 und 4 Uhr eingestellt. Doch die Bombe explodiertenicht zur beabsichtigten Zeit. Sie explodierte überhauptnicht. Am nächsten Morgen schaute Sommerfeld noch ein-mal nach. Der Kochtopf stand immer noch friedlich aufdem Fenstersims. Daraufhin rief Sommerfeld über 0 diePolizei an. Er wollte verhindern, daß wie im Yachtclubwieder ein Unbeteiligter zu Schaden kam. Aus sichererEntfernung beobachtete er, wie die Bombe von Speziali-sten der Polizei entschärft wurde.In der folgenden Zeit übernachtete Harald Sommerfeldhäufig in Ulrich Schmückers Wohnung. Nach seiner Teil-nahme an den Bombenanschlägen galt Schmücker jetzt alsMitglied der »Bewegung 2. Juni«. Von seinen Freunden 54
  49. 49. erfuhr er Einzelheiten über ihren Aufbau – Einzelheiten,die er später an die Polizei weitergab. In seiner Aussage vom 8. Juni 972 heißt es: »Die›Bewegung 2. Juni‹ besteht aus einer Reihe kleiner Kom-mandotruppen, jede zwischen drei und neun Personenstark. Jede dieser Gruppen arbeitet weitgehendst selb-ständig in Bezug auf das Planen und Ausführen vonAktionen und ist in der Beschaffung von Geld, Waf-fen, Sprengstoff, Ausweisen, Wohnungen, Autos etc.autonom. Hiervon sind nur Fälschermaterialien undzentral gefertigte Spezialwerkzeuge (wie der ›Schrau-benausdreher‹ für KFZ-Schlösser, eine Erfindung derRAF, die irgendwie zum ›2. Juni‹ gelangt war) ausge-nommen. Es gibt zwischen drei und fünf Kerngruppen,deren Mitglieder sich größtenteils gegenseitig kennen,und andere Gruppen, von denen jeweils eine Personauch jeweils eine Person aus den anderen Gruppenkennen sollte.« Schmücker schloß sich der Gruppe um Inge Viett im-mer fester an. Zwischen dem 20. und dem 25. April traf ersich zum dritten Mal mit dem Araber. Er erwartete ihnan einer Unterführung in der Nähe der Avus-AusfahrtHüttenweg und ging anschließend mit ihm im Grune-wald spazieren. Schmücker erklärte, daß seine Freundenun doch nicht so viele Waffen kaufen wollten. Der Ara-ber war einverstanden, denn auch seine Auftraggeber wa-ren skeptisch geworden. Größere Waffenmengen wolltensie erst nach einer Ausbildung der Gruppe in einem ih-rer Lager liefern. Die Ausbildung sollte 0 000 Mark proPerson kosten. Schmücker willigte ein. Es wurde verein- 55
  50. 50. bart, daß in Zukunft Verena Becker in die Verhandlun-gen einbezogen werden sollte. Kurze Zeit später traf Verena Becker mit einem ande-ren Araber zusammen. Dabei kam es zum ersten Mal zufesten Absprachen. Für eine »solidarische Gegenleistung«von 5000 Mark sollte die Gruppe Sprengstoff erhalten.Und für die erste Juni-Woche wurde eine Reise zur Aus-bildung im Nahen Osten geplant. Ulrich Schmücker, Verena Becker, Inge Viett undWolfgang Knupe sollten sich etwa drei Monate lang imsüdlichen Libanon in die Techniken des Guerillakampfeseinweihen lassen. Dafür verlangte die PFLP 40 000 Mark.Mehrere »Geldkisten« sollten den Trip finanzieren. Wäh-rend der Abwesenheit der anderen wollte Harald Sommer-feld bei der Bundeswehr die Grundausbildung mitmachenund nach zwei bis drei Monaten desertieren. Dabei sollteer mit Hilfe einer anderen »2. Juni«-Gruppe noch schnellein Waffenlager der Bundeswehr ausräumen und in Berlinuntertauchen. Nach der Rückkehr aus dem Nahen Ostenwollte die Gruppe dann »politische Gefangene« befreien.Die Pläne wurden immer hochfliegender.In der letzten April-Woche fuhren Inge Viett, VerenaBecker, Harald Sommerfeld, Wolfgang Knupe und UlrichSchmücker nach Hannover, um dort Banken auszukund-schaften, die sich für Überfälle eigneten. Acht bis zehnBanken in verschiedenen Stadtteilen wurden »abgecheckt«.Schmücker selbst schaute sich drei oder vier von ihnengenauer an. Getarnt mit einer schwarzen Perücke, Bartund Augenbrauen gefärbt, wechselte er jeweils Deutsche 56
  51. 51. Mark in Devisen um. Seine Freunde ließen sich in denBanken Papier zum Einwickeln von Münzgeld geben. Schließlich blieben zwei Banken übrig, die später vonzwei Gruppen gleichzeitig überfallen werden sollten. Vor-sorglich erkundeten sie fünf Fluchtwege und kauften ineinem Kaufhaus in der Innenstadt Halstücher und dünneHandschuhe. Sommerfeld, der sich in Hannover gut aus-kannte, wurde beauftragt, eine konspirative Wohnunganzumieten, in der im Notfall Verletzte versorgt wer-den konnten. Vor dem großen Coup in Hannover aber wollte esdie Gruppe noch einmal in Berlin versuchen. Für den 9.Mai 972 plante sie hier einen Banküberfall. Sollte dieBeute über 00 000 Mark betragen, wollte man auf denDoppelüberfall in Hannover verzichten.Am Morgen des . Mai, gegen 8 Uhr, kam Detlef Z. inSchmückers Wohnung. »Ein Bekannter will dich spre-chen.« Schmücker sprang in die Kleider und setzte sich zu Z.ins Auto. Am U-Bahnhof Hansaplatz stieg er aus, undZ. fuhr davon. Schmücker betrat den Bahnhof und ging über denBahnsteig auf den anderen Ausgang zu. Dabei blickteer sich unauffällig nach dem Araber um, konnte ihn abernirgends entdecken. Als er in die andere Eingangshalledes Bahnhofs kam, stand der Araber plötzlich vor ihm.Die beiden verließen den Bahnhof und gingen in einerNebenstraße auf und ab. »Du mußt heute verreisen«, sagte der Araber. »Mög- 57
  52. 52. lichst in den nächsten zwei Stunden. Du sollst die geplanteSache erledigen.« Schmücker war überrascht, mit einem so plötzlichenReisetermin hatte er nicht gerechnet. Er hatte kein Geldund wußte auch nicht, wo seine Freunde steckten. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Ich brauche mindestensvier oder fünf Stunden, um das Geld aufzutreiben. Kannaber nicht garantieren, daß es klappt.« Der Araber nickte: »Fahr dann mit dem Zug RichtungHannover. Zieh einen schwarzen Anorak an und bindedir ein rotes Tuch um den Hals.« Von einer Telefonzelle aus rief Schmücker die Bun-desbahn-Auskunft an und erkundigte sich nach denAbfahrtszeiten in Richtung Hannover. Er wollte versuchen,einen Zug zwischen 7 und 8 Uhr zu erwischen. Um 6.30Uhr wollte er den Araber wieder auf dem U-BahnhofHansaplatz treffen – auch wenn er das Geld bis dahinnicht aufgetrieben hatte. Erregt von der Bedeutung seines Auftrages, sprangSchmücker in ein Taxi und fuhr zum Mariannenplatz,wo er Verena Becker und Inge Viett auf einem Volksfestvermutete. Atemlos lief er durch die Menschenmenge,konnte die Frauen aber nicht entdecken. Er ging in eineWohnung in der Eisenbahnstraße und stieß dort auf Wal-traud S., die zum Sympathisantenkreis der »Bewegung2. Juni« gehörte. Schmücker fragte sie nach Inge ViettsAdresse, doch die wollte sie ihm nicht verraten. »Dann hol mir sofort einen von den dreien her. Es istsehr dringend!« Waltraud fuhr los und kam nach einer halben Stunde 58
  53. 53. mit Sommerfeld zurück. Hastig erklärte Schmücker dasAngebot des Arabers. Dann fuhr er mit Sommerfeld inWaltrauds blauem VW 200 zu einer Kneipe am Kott-busser Tor. »Warte hier«, sagte Sommerfeld, bevor er ausstieg, »ichmuß erst mal mit dem Mädchen reden, bevor du mit indie Wohnung kommen kannst.« Eine Dreiviertelstunde später kam er zurück und führteSchmücker in die Manteuffelstraße 6. Nach einem kur-zen Gespräch drückte Inge Viett diesem 5000 Mark fürden Sprengstoff und 440 Mark Reisespesen in die Hand.Mit der U-Bahn fuhr Schmücker zu seiner Wohnung.Dort zog er sich um und packte zur Tarnung schmutzigeWäsche in seinen Koffer. Pünktlich um 6.30 Uhr stander auf dem U-Bahnhof Hansaplatz. Den Araber konnteer nirgendwo entdecken. Er suchte die Eingänge ab, denBahnsteig, die Umgebung des Bahnhofs, nichts. Nachfünfunddreißig bis vierzig Minuten, als der Zug nachHannover längst abgefahren war, beschloß er, nicht längerzu warten. Er wollte mit der U-Bahn zum Zoo fahrenund von dort mit dem Taxi nach Hause. Die U-Bahn rollte ein. Schmücker wollte einsteigen.Doch da packte ihn jemand am Arm und zog ihn von derWagentür zurück. Schmücker und sein Begleiter verließendie Station und gingen eineinhalb Stunden im Park ander Straße des 7. Juni spazieren. Dabei erhielt er neueInstruktionen. »Morgen früh um 8 Uhr bist du auf dem Hauptbahnhofin Braunschweig. Neben den Telefonzellen schreibst dueine Postkarte. Du trägst den schwarzen Anorak und das 59
  54. 54. rote Halstuch. Ein Mann mit einem schwarzen Anorak,der genauso aussieht wie deiner, wird auf dich zukommen.Er wird dich fragen: Wie heißt die Freundin? Und duwirst antworten: Ingrid. Und dann wirst du den Mannbeschreiben. Alles weitere kannst du mit dem Mann selbstbesprechen.« Schmücker war klar, daß der Sprengstoff, den er amnächsten Tag in Braunschweig erhalten sollte, mit 5000Mark fünf bis zehnfach überzahlt war. Doch in seinenAugen war das kein Kauf, sondern ein »solidarischerAustausch ungleicher Werte«. Nachdem der Araber wieder im Menschengewühluntergetaucht war, stellte Schmücker seinen Koffer inein Schließfach am Bahnhof Zoo und bummelte bis zurAbfahrt des Zuges um 22 Uhr durch die City. Früh am Morgen des 2. Mai traf er in Braunschweigein und fuhr mit einem Taxi zu einer kleinen Pension.Er schlief ein paar Stunden und kehrte dann zurück zumBahnhof. Pünktlich um 8 Uhr schrieb er seine Postkarte.Wenig später kam ein Mann auf ihn zu. Er war MitteZwanzig, 80 bis 85 Zentimeter groß, schlank, hatte kurzeblonde Haare und einen Oberlippenbart. »Wie heißt die Freundin?« fragte er mit ausländischemAkzent. »Ingrid«, antwortete Schmücker und beschrieb denFremden. Sie stiegen in ein Taxi und fuhren zu einem Studen-tenheim am Bienenroder Weg 54, etwas außerhalb vonBraunschweig. Im Lift ging es ein paar Stockwerke nachoben. Der blonde Ausländer führte Schmücker in eines 60
  55. 55. der Zimmer, verließ ihn für einen Moment und kam miteiner Kanne Tee zurück. Während er Tee einschenkte,sagte er: »Das Zeug ist ein gelatineartiger Spezialsprengstoff.Der ist sicher zu transportieren, weil er stoß- und wär-meunempfindlich ist. Er zündet erst bei einer Temperaturvon 250 Grad und hat etwa die Sprengkraft von Dynamit.Im Gegensatz zu Dynamit hat er aber nach der Deto-nation eine sehr starke Brandwirkung, die durch Feuer-zeuggas noch verstärkt wird. Er kann in jede gewünschteForm geknetet oder gerollt werden. Das Zeug riecht wiePersiko, und wenn man die Dämpfe längere Zeit einat-met, kriegt man Kopfschmerzen. Die Zündkapseln, diedu dazu bekommst, sind extra dafür entwickelt worden.Der Sprengstoff ist über mehrere Grenzen geschmuggeltworden. In Zahnpastatuben. Die Zündkapseln waren inausgehöhlten Filterzigaretten versteckt.« Der Blonde lachte. Er nahm einen Karton aus demSchrank und stellte ihn auf den Tisch. Dann packte ersechs braune DIN-A5-Umschläge mit gepreßten Spreng-stoffplatten, eine Zigarettenschachtel mit drei Zündkap-seln, drei Ampullen Feuerzeuggas, zwei 4,5-Volt-Batterien,einige Drähte, eine Taschenlampenbirne, einen präparier-ten Wecker und Bindfaden aus. Schmücker war fasziniert. Aufmerksam hörte er zu,als der Blonde ihm die Konstruktion eines Sprengsatzeserklärte und dabei ein Demonstrationsmodell bastelte.Als er fertig war, holte Schmücker das Geld aus seinerTasche: 5000 Mark, gebündelt und mit einem Gummizusammengehalten. Vorsichtig räumte er die Bomben- 61
  56. 56. elemente zusammen und verstaute sie in seinem Kofferunter der schmutzigen Wäsche. Gegen Mittag reiste er mit der Bahn zurück nach Ber-lin. Keine der Grenzkontrollen entdeckte seine explosiveFracht. In Berlin angekommen, fuhr Schmücker sofortin die Manteuffelstraße und übergab seinen Freundenden Sprengstoff.Am nächsten Morgen, es war der 3. Mai, stand in derZeitung, daß in der Türkei drei oppositionelle Studenten-führer hingerichtet worden waren. Die Gruppe beschloß,den Tod der Studenten mit einem Bombenanschlag aufdas türkische Generalkonsulat zu rächen. Sommerfeldübernahm die Vorhut. Zunächst fuhr er allein in dieKirschenallee 2a nach Charlottenburg. Am Nachmit-tag begaben sich alle fünf zum Generalkonsulat, um ihrBombenziel aus nächster Nähe anzusehen. Auf einemMinigolfplatz hinter dem Konsulatsgebäude spielten sieeine Partie und beschlossen dabei, einen Sprengsatz mitdem neuerworbenen Gelatine-Sprengstoff unter der inden Garten führenden Freitreppe zu deponieren. Anschließend baute Schmücker in der Manteuffelstra-ße unter den interessierten Blicken seiner Freunde eineBombe zusammen. Kurz nach Mitternacht fuhren er undWolfgang Knupe, genannt »Lupus«, mit der Bombe indie Hessenallee. Dort wartete Harald Sommerfeld in ei-nem gestohlenen schwarzen VW. Sie wechselten in diesenWagen über und fuhren an die Rückseite des Minigolf-platzes. »Lupus« kletterte als erster über den Zaun zumMinigolfplatz. Schmücker folgte ihm mit dem Spreng- 62
  57. 57. satz, den er im Auto scharf gemacht hatte. Fünfzig Minu-ten später sollte die Bombe explodieren. Vom Golfplatzaus stiegen sie über den Zaun zum türkischen Konsulat.Schmücker legte den Sprengkörper in eine Mauerlückeder Freitreppe. Am Morgen darauf fuhren Schmücker und Knupemit den anderen zum Tatort, um die Sprengwirkung derBombe zu begutachten. Doch alles lag still und ruhig wieam Tag zuvor. Die Bombe mußte versagt haben. Wiedereinmal. Über den Notruf alarmierten die erfolglosen Bomben-leger die Polizei. Sie rückte an und durchsuchte Kellerund Vorgarten des Konsulatsgebäudes. Der Sprengkörperwurde nicht gefunden. Als die Berliner »Abendschau« den mißglückten An-schlag nicht erwähnte, schrieb Sommerfeld nach Schmük-kers Diktat einen Brief an die Deutsche Presse-Agentur,den sie in den Türspalt des dpa-Büros am Savignyplatzsteckten. Dann rief Ulrich Schmücker bei dpa an undverwies – mit verstellter Stimme – auf die Erklärung. »Aus Solidarität mit dem Kampf des sich bewaffnendentürkischen Volkes gegen die Militärdiktatur in Ankarahaben wir gestern eine Plastikbombe in das Konsulat die-ser Faschisten gelegt. Die Bombe explodierte leider nicht.Um die Gefährdung Unbeteiligter durch eine Spätzün-dung zu verhindern, wurde die Polizei von uns benach-richtigt. Sie reagierte nicht! Die Bombe liegt noch jetztin einer Mauernische der Hintertreppe des türkischenGeneralkonsulats in der Kirschenallee/Charlottenburg.Hier wie überall auf der Welt wird der Kampf gegen 63
  58. 58. das Großkapital, Faschismus und Imperialismus verstärktfortgesetzt. Es lebe der internationale Befreiungskampf! Bewegung 2. Juni« Doch auch bei späteren Durchsuchungsaktionen wurdedie Bombe nie entdeckt. Selbst als Ulrich Schmücker nachseiner Verhaftung genau beschrieb, wohin er die Bombegelegt haben wollte, blieb sie unauffindbar. Laut Harald Sommerfelds Aussage existierte die Bombedenn auch überhaupt nicht. Bei ihm hieß es lediglich:»Die Örtlichkeit schien uns dazu nicht geeignet, deshalbbegnügten wir uns damit, telefonisch über den Notruf derPolizei und schriftlich durch einen Brief an die DeutschePresse-Agentur einen falschen Alarm auszulösen.«
  59. 59. VERHAFTUNG IM MORGENGRAUENNachdem der gescheiterte (oder gar nicht verübte) An-schlag auf das türkische Generalkonsulat in der Pressenicht das gewünschte Echo fand, beschloß die Gruppe,nach Bonn zu reisen und dort eine Bombe in der türki-schen Botschaft zu legen. Nach der Pleite in Berlin solltenSchmücker und Knupe dabeisein, um endlich zu lernen,wie man so etwas richtig macht. Verena Becker wolltein Berlin bleiben, um im Falle einer Verhaftung Spurenzu beseitigen. Am 6. Mai um 8 Uhr ging die Reise ineinem hellgrauen Fiat 24 los. Die vier waren gut ausgerüstet:  Transistorgerät (zum Abhören des Polizeifunks) 2 Funksprechgeräte 2 Abziehvorrichtungen (Schloßabzieher zum Diebstahl eines Tatfahrzeuges)  vollständiges Kennzeichen (B-WS-752)  Rolle Draht sowie auf einen Stab aufgerollter Klingeldraht  Wecker 2 Witzhefte 2 Sortimente Schlüsselfeilen  Mäppchen mit diversem Handwerkszeug  Saugnapf 65
  60. 60. 2 Rollen Isolierband  Rolle Tesafilm  selbstgebastelter Sprengkörper  Paket Zündschnüre  Tube Kaltkleber  elektrischer Lötkolben 2 Zündpillen salzhaltiger Substanz – in einer Tragetasche – mehrere Birnenhalter 2 Glasschneider 2 Batterien à 4,5 Volt  Batterie, 3 Volt  Nagelschere  Dose Lötfett  Tube Kleber (Kontakt 2000)  Rolle Kordel und  Fläschchen SchwarzpulverOhne Schwierigkeiten passierten sie mit ihrer subversivenFracht die DDR-Kontrollen. Bei Braunschweig bogensie von der Autobahn ab und fuhren langsam durch dieInnenstadt. Es regnete. Bleich und stumm saß Inge Viettam Steuer, neben ihr Wolfgang Knupe, auf dem RücksitzUlrich Schmücker und Harald Sommerfeld. Sie fuhrendurch die Außenbezirke Braunschweigs in RichtungGifhorn/Lüneburg. Knupe dirigierte die Fahrerin. Aufden Knien hielt er sein Notizbuch mit einer Skizze derRoute. Von Zeit zu Zeit leuchtete er mit einer kleinenTaschenlampe auf den Plan, verglich seine Eintragungenmit den Ortsschildern. Irgendwo in einer dünn besiedelten Gegend sollte dasHaus liegen, in dem sie übernachten wollten. Als sie es in 66
  61. 61. der Dunkelheit endlich gefunden hatten, stieg Knupe alserster aus. Es war ein winziges Einfamilienhaus. Knupeklingelte, wechselte ein paar Worte mit einem Mann undkehrte dann zum Wagen zurück: »Ist in Ordnung, ihrkönnt reinkommen.« Die drei stiegen aus. Sommerfeld öffnete den Koffer-raum und nahm eine große, schwere Tasche heraus. Knu-pe wartete und geleitete seine Freunde ins Haus. Ein etwaFünfundzwanzigjähriger mit langem schwarzen Haar be-grüßte sie mit spärlichen Worten und Gesten. Ein ande-rer, etwa gleichaltriger Mann mit blonder Mähne standstumm daneben. Schmücker hatte seine Gastgeber nochnie gesehen. Es schien ihm, als werde die Berliner Reise-gruppe schon erwartet. Erfreut waren die beiden Männerüber den nächtlichen Besuch offenbar nicht. »Wohl unpo-litische Leute«, dachte Schmücker, während er das Wohn-zimmer am gegenüberliegenden Ende des Hausflurs betrat.Einer der Bewohner drehte sich zu Schmücker um. »Kannst du dir bitte die Schuhe ausziehen, bevor duins Wohnzimmer gehst?« Verwundert blickte Schmücker die anderen an. Alleaußer ihm hatten die Schuhe im Flur stehengelassen. Erhatte es nicht bemerkt. Stumm nickte er und ging zurück.Im Flur hing ein Schild mit dem Hinweis: »Bitte Schuheausziehen!« Durch die angelehnte Wohnzimmertür drangen leiseStimmen. Auf Strümpfen kehrte Ulrich Schmücker zuden anderen zurück. Sommerfeld nahm ihn beiseite: »Hör zu, Lupus hat den Leuten hier gesagt, wir beideseien schwul und wollten allein sein.« 67
  62. 62. Schmücker zuckte verständnislos die Achseln, folgteSommerfeld aber in ein Nebenzimmer. Der Raum waretwa zwölf Quadratmeter groß. Ein einfacher Tisch inder Mitte, ein Stuhl, ein Feldbett. Auf dem Tisch einekleine Lampe, die bereits brannte. Sommerfeld stellte diemitgebrachte Tasche auf den Tisch und packte ein paarvollgestopfte Plastiktüten aus. »Kannst du die Kabel zusammenlöten und Bananen-stecker anschrauben? Hilf mir mal.« Schmücker war einverstanden. Ein elektrischer Lötkol-ben wurde erhitzt, dann löteten sie kleine Kabelstücke aneine Taschenlampenbatterie, um daran die Bananensteckerbefestigen zu können. Sie füllten den Sprengstoff in brau-nes Packpapier und umwickelten es fest mit Draht. Daranklebten sie mit Isolierband die Batterie. Der Sprengkörperwar fertig. Wortlos packten die beiden die Sachen wieder in dieTasche. Die Bombenbastelei hatte eine knappe Stundegedauert. Sie gingen in das Wohnzimmer zu den anderen.Niemand sagte etwas. Eine Viertelstunde später legteman sich schlafen. Am späten Vormittag wurden die Besucher nach einemkärglichen Frühstück – Nescafé und ein paar trockeneScheiben Toastbrot mit Marmelade – verabschiedet. DieReise ging langsam und mit vielen Pausen weiter in RichtungWestdeutschland. Im Auto wurde nicht viel gesprochen. An der Autobahntankstelle Rhynern-Nord machtensie eine kurze Rast. Die Nacht brach an. Immer nochhatten sie ihr Ziel nicht erreicht. Kurz vor Köln kamein Gespräch auf. Im Plauderton erörterten Inge Viett 68
  63. 63. und Harald Sommerfeld, wie und wo man am besten einAuto stehlen könnte. Schmücker erhielt die Anweisung, den Fiat 24 in eineAutobahnausfahrt zu lenken. Mechanisch gehorchte er,das Fahren hatte ihn angestrengt, er war müde und geistigetwas abwesend. Er dachte an die bevorstehende Aktion.Er blickte kurz hinüber zu Sommerfeld, der in seinerrechten Brusttasche einen Schloßabzieher stecken hatte.Ein weiterer »Korkenzieher« lag auf der Hutablage vorder Heckscheibe. Am Kamener Kreuz gerieten die vier in eine Geschwin-digkeitskontrolle der Polizei. An einem der folgendenAutobahnparkplätze hielt Schmücker an. Er stieg aus undlief die Böschung ein Stück hinunter, um zu pinkeln. Irgendwo verließen sie die Autobahn und fuhren ineine kleine Siedlung. »Fahr hier mal ein bißchen rum«, sagte Inge Viettzu Schmücker. Und nach einer Weile: »Hier kannst dustoppen.« Während Knupe und Schmücker sitzenblieben, stiegenInge Viett und Sommerfeld aus, um sich einen geeig-neten Wagen auszusuchen. Nach zehn Minuten kamensie zurück. »Es hat nicht geklappt, wir sind gestört worden, eineTür ist aufgegangen.« »Was war das für ein Auto?« »Ein Mercedes. Es hat keinen Zweck, es noch mal zuversuchen.« »Aber es ist doch noch dunkel.« »Bald kommt der Morgenverkehr auf. Es ist zu spät.« 69
  64. 64. Schmücker startete den Motor und fuhr zurück auf dieAutobahn in Richtung Bonn. Er war immer noch müdeund unkonzentriert. Nördlich von Bonn verfuhr er sich.Morgens gegen 5.30 Uhr erreichten sie Bad Neuenahr-Ahrweiler. Ulrich Schmücker stellte den Wagen auf demParkplatz gegenüber dem Kaufhaus Moses ab. Sein Eltern-haus war nur dreißig Schritte entfernt. Die vier wolltennoch ein paar Stunden im Auto schlafen. Zwischen 8 und9 Uhr wollte Schmücker zu seinen Eltern gehen. Er hatteseinen Haustürschlüssel in Berlin gelassen. »Rücksichts-voll, wie er nun einmal war«, sagte seine Mutter später,»wollte er uns nicht so früh aus dem Bett klingeln.« Gegen 8 Uhr morgens kam ein Streifenwagen derPolizei vorbei. Den Beamten fielen die vier schlafendenjungen Leute in dem grauen Fiat auf. Sie stoppten undgingen auf den Wagen zu. Einer der Polizisten klopftean die Scheiben. »Könnte ich Ihre Papiere sehen?« Die vier Insassen schreckten hoch. Ihr Verhalten kamden Polizeibeamten auffällig vor. »Würden Sie bitte einmal den Kofferraum öffnen?« Und dann entdeckten die Polizisten, wie es später inden Ermittlungsakten heißt, »den zündfertig montier-ten Sprengsatz, Kabel sowie sonstige zur Durchführungeines Sprengstoffverbrechens geeignete Werkzeuge undGerätschaften«. Die vier Reisenden ließen sich widerstandslos festneh-men.
  65. 65. BESUCH VOM VERFASSUNGSSCHUTZAm 24. Mai 972 wurde Ulrich Schmücker in der Haft-anstalt Koblenz von Oberstaatsanwalt Braun vernom-men. Schmücker war bereit, sich »zur Sache« zu äußern,spielte aber den Unschuldigen. In Neuenahr-Ahrweilerhabe er nur seine Eltern besuchen wollen, von den Spreng-utensilien habe er nichts gewußt, mit Inge Viett sei er engbefreundet, aber »nicht verlobt«. Und weiter: »Ich haltees für bedeutungsvoll zu erklären, daß ich auch politischengagiert bin. Ich arbeite in der Roten Zelle Historikerin Berlin. Ich selbst bin nicht in dieser Roten Zelle, son-dern nur Sympathisant. Ich selbst habe in einer soziali-stischen Gruppe mitgearbeitet. Wir haben Aufklärungs-arbeit, Verbalagitation gemacht, um die politischen Ver-hältnisse klarzustellen. Nach meiner Auffassung solltenletztlich die politischen Verhältnisse in der BRD geändertwerden. Ich distanziere mich aber entschieden von denBombenlegern und Attentätern der letzten Zeit. Geradediese Leute erschweren unsere Arbeit ganz erheblich. Ich bin ein fleißiger und erfolgreicher Student. Ich habemeine Scheine bisher mit ›sehr gut‹ gemacht. Dazu gehörteine regelmäßige und intensive Arbeit. Ich habe vor, späterdie wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Durch meine Inhaftierung ist mir sehr viel Stoffverlorengegangen. Es ist fraglich für mich, ob ich das 71
  66. 66. nacharbeiten kann. Wenn ich weiter in Haft bleibe, werdeich vom Studium ausgeschlossen, was für mich der größteNachteil wäre.« In Berlin liefen derweil die Routineermittlungen derPolizei. Die Wohnungen der vier Verhafteten wurden mitmagerem Ergebnis durchsucht. Bei Inge Viett fand maneine Mao-Bibel, bei Ulrich Schmücker ein »Handbuchfür Heimfeuerwerker«. Drei Tage nach seiner Einlieferung in die HaftanstaltKoblenz versuchte Wolfgang Knupe, sich mit seinem inStreifen gerissenen Handtuch am Fensterkreuz der Zellezu erhängen. Das Handtuch riß, Knupe schlug mit demKopf auf die Bettkante und blieb bewußtlos liegen. Dasjedenfalls erzählte er beim Haftprüfungstermin am 24.Mai. »Ich bin suizidgefährdet. Es fing schon im Alter vonfünfzehn Jahren an. Ich habe seitdem vier bis fünf Malversucht, mir das Leben zu nehmen.« Knupe wurde nicht entlassen. Auch Schmückers Haft-beschwerde wurde am 24. Mai abgelehnt. Danach schrieber an seine Eltern: »Gestern verstärkte sich mein Eindruck,daß jemand mir aus meinem politischen Engagement einenStrick zu drehen versucht. Wenn es mein Bestes ist, dasStudium abzubrechen, um in einer Zelle zu verblöden,Kaffee-Einkaufstüten statt Referate anzufertigen undmir obendrein bei schlechtem Licht die Augen zu rui-nieren – wenn das mein Bestes ist, dann ist dieser jemandmit Erfolg bemüht, mir dazu zu verhelfen.«Ulrich Schmücker war ein ruhiger Gefangener, auch warer freundlich zu den Wachbeamten. In seiner Zelle las er 72
  67. 67. stapelweise Bücher. Dennoch fiel er in eine tiefe Depres-sion. So hatte er sich sein Leben als Revolutionär nichtvorgestellt: eine winzige Gefängniszelle. Drei Schrittehin, drei Schritte zurück. An seinem 2. Geburtstag besuchte ihn sein Vater imGefängnis Diez an der Lahn. Der Vater später: »Da sagteer mir, daß er eingesehen hätte, daß man die bestehendeGesellschaftsordnung nicht mit Mitteln der Gewalt besei-tigen kann. Als er mir diese Erklärung gab, habe ich michnatürlich voll und ganz hinter meinen Sohn gestellt. Erwar ein stetig Suchender und ist dann zu dieser Gruppegestoßen. Er muß meines Erachtens überredet wordensein, da mitzumachen. Er wollte sich bewähren, und dahatte er das Pech, daß er gleich beim ersten Versuchgeschnappt wurde. Ich war natürlich empört, das zu hören.Als wir nach der Verhaftung von der Polizeiwache ange-rufen wurden, hatte das natürlich eine unwahrscheinlicheSchockwirkung. Ich war erschüttert bis ins Innerste.« Die Eltern versuchten zu verstehen, warum ihr Sohnzum Bombenleger geworden war. Sie hielten ihm zugute,daß bei den versuchten Bombenattentaten nie Menschenverletzt wurden. »Er hatte immer Angst, anderen Menschen weh zutun. Er war kein Gewalttäter. In allen Fällen, an denener teilgenommen hat, hat der Sprengstoff entweder ver-sagt, oder es ist überhaupt nicht zum Bombenattentatgekommen. Er wäre nie in der Lage gewesen, jemandenbewußt zu töten, darum war er ja auch Wehrdienstver-weigerer. Er war gar nicht in der Lage, die Waffe gegeneinen Menschen zu richten.« 73
  68. 68. Etwa zweieinhalb Wochen nach seiner Festnahme erhieltUlrich Schmücker Besuch von zwei Männern. Einer vonihnen war ein Beamter der Baader-Meinhof-Sonderkom-mission und hatte Schmücker am Tag der Verhaftung aufder Polizeistation Remagen vernommen. Er stellte ihmseinen Begleiter vor und ließ die beiden dann allein. So begann eine Bekanntschaft, die Schmücker dasLeben kosten sollte. In einem vierunddreißigseitigenGedächtnisprotokoll, das er im Dezember 972 in seinerZelle anfertigte und am . Mai 973 seiner Mutter diktierte,berichtete er in allen Einzelheiten über seine Gesprächemit diesem Mann, der sich Peter Rühl nannte. »Peter Rühl«, schrieb Schmücker in seinen Aufzeich-nungen, »ist nach eigenen Angaben sechsunddreißig Jahrealt, sieht aber gut fünf Jahre älter aus. Er ist etwa 80 cmgroß, vollschlank, hat dunkelbraunes Haar, einen Kinn-und Oberlippenbart und eine ebenfalls dunkelbraune oderschwarze Brille. Er ist wohnhaft in Berlin, verheiratetund hat eine vier- bis sechsjährige Tochter. Er ist beamtetbeim Senator für Inneres in der Abteilung für Verfas-sungsschutz. Die Telefonnummer in seiner Dienststelleist 03-87059-428. Rühl spricht mit Berliner Akzent.« Peter Rühl hieß eigentlich Michael Grünhagen und warSpezialist für die linke Szene Berlins. Schon 968 hatte ersich an Aktionen der Außerparlamentarischen Oppositionbeteiligt. In der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistenim Berliner Bezirk Wilmersdorf hatte er es zum Stell-vertretenden Vorsitzenden gebracht. Damals gründetensich eine Reihe von Stadtteil-Basisgruppen, die vor allem»Mieteragitation« betrieben. Grünhagen engagierte sich in 74
  69. 69. der Basisgruppe Wilmersdorf, zu der auch RechtsanwaltEschen gehörte, Sozius von Horst Mahler, der später denWeg von der RAF bis zur NPD ging. Auch dabei war derMitbegründer des Untergrundblattes »Agit 883«, DirkSchneider, der später für die Grünen im Bundestag saßund 99 als Inoffizieller Mitarbeiter des OstberlinerMinisteriums für Staatssicherheit entlarvt wurde. Grünhagen nannte sich in der Szene Michael Hagenund begründete seine Namensänderung den Genossengegenüber damit, daß es ihm die SPD übelnehmen würde,wenn er sich in einer APO-Zelle betätigte. »Hagen« kamregelmäßig zu den Gruppentreffen. Als angeblicher Mit-arbeiter eines ominösen »Gewerbeaußendienstes« hatteer reichlich Zeit. Er müsse, so sagte er, nur abends inGaststätten auf die Einhaltung behördlicher Richtlinienachten. Als die Adreßkartei der Basisgruppe neu geordnet wer-den sollte, übernahm Grünhagen diese Aufgabe. Nachein paar Tagen kam er mit einem sorgsam getipptenVerzeichnis zurück. Auf die säuberliche Arbeit angespro-chen, erzählte er von einer Tante, die eine hochmoderneIBM-Maschine besitze. Das nahm man ihm nicht ab undvermutete eher behördliche Hilfe. Grünhagen wurdeverdächtigt, ein V-Mann des Verfassungsschutzes oderder politischen Polizei zu sein. Daraufhin wurde er inder Basisgruppe nie wieder gesehen. Die Zeitung »883«brachte auf der Titelseite eine Notiz: »Grünhagen alsAgent entlarvt.« Dazu seine Adresse. Kurz darauf wurdeihm Buttersäure in den Briefschlitz seiner Wohnungstürgeschüttet. 75

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