Humboldt-Universität zu BerlinInstitut für KulturwissenschaftSeminar für ÄsthetikWintersemester 2008/2009HS: Mikrogeschich...
Inhalt:1.   Einleitung     1.1. Biographie Hermine Cziglér von Ény-Vecse     1.2. Biographie Wilhelm Cappilleri2.   Histor...
1. EinleitungDiese Arbeit befasst sich mit dem literarischen Werk der weitgehend unbekannten WienerAutorin Hermine Cziglér...
insbesondere ihr Pianospiel, welches sie in den Salons des elterlichen Bekanntenkreises mitErfolg vorführte1. Mit Erreiche...
1.2. Biographie Wilhelm CappilleriDer von italienischen Eltern abstammende Wilhelm Cappilleri wurde 1834 in Salzburggebore...
Gebiete des Culturlebens“11 von 1885 in dem Kapitel „Prophezeihung und Aberglaube“, wieihr die Wahrsagerin Elise Guiloten ...
2. Historie und Hintergründe zum Leben im 19. Jahrhundert in WienDas 19. Jahrhundert war für Europa ein bewegendes Jahrhun...
und nationaler Selbstbestimmung. Wogegen es ging, zeichnete sich klar ab: „[G]egen dasdreißigjährige Repressionssystem Met...
2.3. Kampf gegen Überwachung und Beschneidung der geistigen FreiheitWährend der Regentschaft Metternichs kam es zu einer V...
Einführung einklagbarer rechtsstaatlicher Normen auf dem Gebiet des Presse- undVerlagswesens.“23 Metternich wies den Antra...
Prozent Frauen) mit der bürgerlichen Nationalgarde. 20 Tote blieben am Platz.“29 Doch diekonterrevolutionären       Regier...
schon erwähnt, die Aufhebung der Zensur und freie Meinungsäußerung herbei. Er beherbergtedas deklassierte Bürgertum, beste...
2.6. Nationale Bestrebungen im Spannungsfeld zwischen Zentrum und PeripherieDie Forderung des Liberalismus nach staatsbürg...
entgegensetzen kann.“43 Nach der Ausschließung Österreichs aus dem weiteren Fortgang derdeutschen Geschichte mit dem Fried...
Sturmbock für die Fortsetzung der Revolution instrumentieren zu können.“46 Während mannoch 1848 von keiner Arbeiterklasse ...
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verstärkte die ökonomische Abhängigkeit der Frauen und verringerte ihre Chancen, sich ihrenLebensunterhalt selbständig zu ...
2.10.1. Lebensgefühl, Ästhetik und KulturEine Mischung aus Laissez-faire und aktiver Lebensfreude charakterisieren den Wie...
1820 nicht nur beim emporstrebenden Bürgertum sondern auch in der aristokratischen Elitedurch. In einer Zeit des wirtschaf...
weltgewandten Art. Nicht bloße Geselligkeit, sondern Geselligkeit als Kunstwerk wirdangestrebt.“63 Toleranz und Vorurteils...
repräsentative Hauptavenue Wiens ihr stolzestes Kind – unter Liberalität die Freiheit desUnternehmers.“67        2.10.2. L...
verschenken“71, so landeten sie doch häufig in verschlossenen Schreibtischschubladen.Gleichzeitig beweist die unermesslich...
mehr aus der Natur zu, sondern muss mit der Tradition vermittelt werden.“75 Da sichweibliche Bildung, sofern überhaupt gen...
romantischen Dichters“81 ironisierte. Als zweiter Typus erscheint die professionelleSchriftstellerin, die für ihre Unabhän...
Bewusstsein der frauenrechtlich engagierten Schriftstellerinnen zum Ausdruck bringenkonnten, ist die Lyrik in der zweiten ...
3. Das literarische Werk der AutorinHermine Cziglér war Poetin, Lyrikerin, Essayistin und Journalistin. Sie begann ihrlite...
empfindsame Dichterin, die sich an ein Publikum wendet, dem die Intensität des Fühlens einsteter Begleiter der Lektüre ist...
Aufruhrs blinder Wuth / Der Brüder theures Blut versprützen.“100 Im zweiten Teil der„Poesiegestalten“ wird die Haltung von...
„glühenden“ und jeglichen Regeln der Dichtkunst fremden dilettierenden Lyrikerin, setzt sichHermine Cziglér in ihren „Poes...
ausländische Souveräne, Vertreter der Geistlichkeit, Fürsten bis hin zu Abonnenten ausKunst, Wissenschaft und Wirtschaft, ...
aktuellen Ausgabe greifen zu lassen, und damit den Produzenten den kontinuierlichen Absatzzu garantieren. Manuela Günter b...
Schwachen“, so die Autorin, „jeder Hoffnung, jedes Haltes“121. Gleichzeitig prangert sie ineinem weiteren Kapitel den auch...
Vielleicht ist aber der Schlag, den die Emanzipation Ungarns der Wiener Obrigkeit versetztehart genug gewesen, dass bei Äu...
4. Hermine Cziglér zur Emanzipation der FrauAus Cziglérs „Streifzügen“ soll nun der Essay „Über die Frauenfrage“ exemplari...
völlig umschlägt, noch unser Säculum nur mehr weibliche Männer und männliche Weiber, -also ein Zwittergeschlecht aufzuweis...
ausgefüllt. Auf jedem anderen Platze wird ihr Nymbus traurig erbleichen und ihr Werth, ihreMacht sich verringern.“138     ...
Guten unsere Seele beglücken und beherrschen.“143 Immer deutlicher kristallisiert sich ausden Worten Hardwigs heraus, das ...
Die Schriftstellerin Hermine Cziglér von Ény-Vecse - Eine mikrohistorische Untersuchung von Lebenswirklichkeit und Werk de...
Die Schriftstellerin Hermine Cziglér von Ény-Vecse - Eine mikrohistorische Untersuchung von Lebenswirklichkeit und Werk de...
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Die Schriftstellerin Hermine Cziglér von Ény-Vecse - Eine mikrohistorische Untersuchung von Lebenswirklichkeit und Werk der unbekannten Wiener Autorin

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Diese Arbeit befasst sich mit dem literarischen Werk der weitgehend unbekannten Wiener Autorin Hermine Cziglér von Ény-Vecse. Mittels mikrohistorischer Herangehensweise soll sich dieser vergessenen Autorin angenähert werden und so ein Stück Lebenswirklichkeit zu Lebzeiten der Autorin entdeckt, diese an die großen historischen Umwälzungen gebunden, mit ihnen abgeglichen und somit ein anderes Bild der Zeit gezeichnet werden, als es durch die Allgemeingeschichte überliefert ist.

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Die Schriftstellerin Hermine Cziglér von Ény-Vecse - Eine mikrohistorische Untersuchung von Lebenswirklichkeit und Werk der unbekannten Wiener Autorin

  1. 1. Humboldt-Universität zu BerlinInstitut für KulturwissenschaftSeminar für ÄsthetikWintersemester 2008/2009HS: MikrogeschichteDozent: Dr. Martin-André VölkerAutorin: Franziska RoederMatrikelnr.: 135972Die Schriftstellerin Hermine Cziglér von Ény-VecseMikrohistorische Untersuchung von Lebenswirklichkeit und Werkder unbekannten Wiener Autorin
  2. 2. Inhalt:1. Einleitung 1.1. Biographie Hermine Cziglér von Ény-Vecse 1.2. Biographie Wilhelm Cappilleri2. Historie und Hintergründe zum Leben im 19. Jahrhundert in Wien 2.1. Revolution 1848 2.2. Industrialisierung und Verarmung 2.3. Kampf gegen Überwachung und Beschneidung der geistigen Freiheit 2.4. Niederlage der Revolution 2.5. Liberalismus 2.6. Nationale Bestrebungen im Spannungsfeld zwischen Zentrum und Peripherie 2.7. Spaltung des Liberalismus und Herausbildung der Arbeiterklasse 2.8. Gründerzeit und Gründerkrise 2.9. Rechte der Frau von der Revolution und dem Liberalismus nicht berücksichtigt 2.10. Soziokulturelles Leben in Wien im 19. Jahrhundert 2.11. Lebensgefühl, Ästhetik und Kultur 2.12. Literatur, Poesie und Weiblichkeit3. Das literarische Werk der Autorin 3.1. Die lyrischen Werke 3.2. Die Zeitschrift „Fata Morgana“ 3.3. Hermine Cziglérs „Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens“4. Hermine Cziglér zur Emanzipation der Frau 4.1. Diskussion der „Frauenfrage“ in der periodischen Literatur 4.2. Ableitung des Weiblichkeitsbildes von Schiller und Kant5. Schluss 1
  3. 3. 1. EinleitungDiese Arbeit befasst sich mit dem literarischen Werk der weitgehend unbekannten WienerAutorin Hermine Cziglér von Ény-Vecse. Mittels mikrohistorischer Herangehensweise sollsich dieser vergessenen Autorin angenähert werden und so ein Stück Lebenswirklichkeit zuLebzeiten der Autorin entdeckt, diese an die großen historischen Umwälzungen gebunden,mit ihnen abgeglichen und somit ein anderes Bild der Zeit gezeichnet werden, als es durch dieAllgemeingeschichte überliefert ist. In der Einleitung wird auf die der Autorin eingegangen.Es folgt ein Abschnitt, der die historischen Hintergründe in ihrer Heimat zu ihrer Zeit aussozio-politischer, -ökonomischer und -kultureller Sicht beleuchtet. Ein besonderer Fokus sollauf die Rolle der Frau und ihr Wirken im „Literaturbetrieb“ gesetzt werden. So soll einBogen zur Lebenswirklichkeit und Selbstverständnis der Autorin gespannt werden. Der dritteTeil der Arbeit widmet sich dem Werk der Schriftstellerin und stellt eine Verbindung zu denvorangegangenen Erkenntnissen her. Diese Arbeit versteht sich als eine Annäherung an einePerson, über die kaum Sekundärliteratur vorhanden ist. Gleichzeitig ist sie aber auch derVersuch der Vervollständigung einer Geschichtsschreibung, die sich lediglich auf die „großenKöpfe“, vornehmlich Männer, stützt.Die Werke der Autorin und Verweise auf sie sind unter verschiedenen Namensschreibweisenzu finden, z.B. Hermine Czigler von Pecse-Cappilleri, Hermine Cziglér von Veese-Cappillerioder Hermine Czigler von Becse-Cappilleri. Mehrheitlich wird sie jedoch Hermine Cziglérvon Èny-Vecse genannt und seit ihrer Heirat Hermine Cziglér von Vecse-Cappilleri oderHermine Cappilleri. Sie wird der Einfachheit halber im Text „Cziglér“ oder „HermineCziglér“ genannt, auch um Verwechslungen mit ihrem Ehemann Wilhelm Cappilleri zuvermeiden. 1.1. Biographie Hermine Cziglér von Ény-VecseHermine Cappilleri, geborene Cziglér von Ény-Vecse, stammt aus einem altadligen,katholischen Geschlecht Ungarns und wurde am 13. Januar 1840 in Pest geboren, wo sie alseinziges Kind wohlhabender Eltern ihre Kindheit verlebte. Im Revolutionsjahr 1848 siedeltesie mit ihren Eltern nach Wien über. Ihre Mutter begleitete sie in ihrem Studium, welches siein Pest begann und in Wien weiterführte. Franz Brümmer, der am ausführlichsten über dieAutorin berichtet, erwähnt ihre besonderen Fähigkeiten im Bereich der Malerei und Musik, 2
  4. 4. insbesondere ihr Pianospiel, welches sie in den Salons des elterlichen Bekanntenkreises mitErfolg vorführte1. Mit Erreichen des Erwachsenenalters fesselte sie jedoch eine nicht näherbenannte Krankheit für mehrere Jahre ans Bett. In dieser Zeit entwickelte sich ihr Interesse fürdie Dichtung und schon 1858, im Alter von 18 Jahren, erschien unter dem Titel„Jugendträume“2 ihre erste Gedichtsammlung. In der folgenden Zeit erlebte sie schwereSchicksalsschläge: die Mutter erblindete, die Vermögensverhältnisse der Familie gingenzurück und der Vater erkrankte körperliche und geistige schwer. Cziglér widmete sichweiterhin der Dichtkunst und veröffentlichte 1863 „Poesiegestalten“3, ein Formbuch derDichtkunst, das ihr, so Brümmer, „schnell einen gut klingenden Namen verschaffte, ihreAufnahme als Mitglied in verschiedene gelehrte Gesellschaften veranlasste und sie mit denbedeutendsten Koryphäen der Literatur und Kunst in Berührung brachte“4. Bald daraufverlegte sie ihre literarische Tätigkeit auf das Feld der Journalistik und schrieb fürverschiedene Zeitschriften. Im Jahre 1864 gründete sie die belletristisch-encyklopädischeWochenschrift „Fata Morgana“5, für die sie vom österreichischen Staatsministerium einejährliche Subvention erhielt. Zwar wurde dieselbe zur Zeit des politischen Umschwungs 1866,plötzlich zurückbehalten und dadurch die Publikation zeitweilig eingestellt, doch erschien dasBlatt im Herbst 1868 unter der Redaktion der Dichterin angeblich wieder6. Im Jahre 1869heiratete sie in Budapest den österreichischen Schriftsteller Wilhelm Cappilleri. Über etwaigegemeinsame Nachkommen ist nichts überliefert. Hermine Cziglér starb am 25. Juli 1905.Seit ihrer Heirat arbeiteten Cziglér und ihr Ehemann gemeinsam als Journalisten, weshalbangenommen werden kann, dass beide befruchtend auf die Arbeit des jeweils anderen gewirkthaben. Ein Blick auf die Vita Wilhelm Cappilleris könnte weitere Aufschlüsse über dasUmfeld der Autorin geben.1 Vgl.: Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zurGegenwart. Band 1. Leipzig, 1913. S. 406f.2 Cziglér von Ény, Hermine: Jugendträume. Gedichte. Wien, 1858.3 Cziglér von Ény-Vecse, Hermine: Poesiegestalten. Gedichte. Pest, 1863.4 Brümmer, Franz: Deutsches Dichter-Lexikon. Biographische und bibliographische Mittheilungen überdeutsche Dichter aller Zeiten. Band 1. Eichstätt u. Stuttgart, 1876.5 Cziglér v. Eny-Vecse, Hermine (Hg.): Fata Morgana. Encyclopaedisch-Belletristische Wochenschrift. Pest,1864.6 Vgl: Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zurGegenwart. Band 1. Leipzig, 1913. S. 406f. Leider sind außer aus dem Jahr 1864 keine weiteren Ausgaben derZeitschrift erhalten, zumindest konnte ich bei meiner Recherche keine Ausgaben aus den Folgejahren ausfindigmachen. 3
  5. 5. 1.2. Biographie Wilhelm CappilleriDer von italienischen Eltern abstammende Wilhelm Cappilleri wurde 1834 in Salzburggeboren. Die Familie siedelte zwei Jahre später nach Wien über, wo der junge Wilhelm sichspäter mit dem Gesang, der Geschichte der Musik und Ästhetik, hauptsächlich aber mit derDeklamation und dem Studium der deutschen Literatur beschäftigte. Er zeigteschauspielerisches Talent und nach den ersten Erfolgen am königlichen StadttheaterPressburg, dem heutigen Bratislava, schien seine Berufung für die Bühne entschieden. „Alsjugendlicher Held und Liebhaber wirkte er nun an hervorragenden Bühnen Österreichs undNorddeutschlands, wo er zu wiederholten Malen Gelegenheit hatte, mit den Heroendramatischer Kunst: Dawison, Devrient, Hendrichs u.a. persönlich zu verkehren und aufderselben Bühne zu wirken.“7 Im Jahre 1863 wendete Wilhelm sich vermehrt der Literatur zu,so gab er in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, die von ihm redigierteGedichtsammlung „Buchenblätter“ (1864) heraus, mit der er die dort heimischen deutschenDichter zu neuem Schaffen anregen wollte.8 Nachdem er seine Tätigkeit als Theaterdirektor inBrody 1865 wegen fehlender Subventionen kurz nach seinem Antritt beenden musste, nahmer einen Lehrauftrag als außerordentlicher Professor für Rhetorik und Literatur an Gymnasienund Akademien in Galizien an, wo er Vorträge über deutsche Klassiker hielt und auch eigeneDichtungen zum Vortrag brachte. Der Ausbruch der Cholera zwang ihn aber auch hier nacheinigen Monaten weiter zu ziehen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Wien verschlug es ihnnach Berlin, wo er wieder als Schauspieler arbeitete und neue literarische Verbindungenknüpfte. Aber auch hier hielt es ihn nicht lange und er wendete sich nach Hamburg, wo erzwei Jahre als Dramaturg und darstellender Künstler verbrachte. Seine Bühnenstücke warenerfolgreich und wurden mehrmals auf die Bühne gebracht. Einen nicht geringen Anteil nahmseine Arbeit an journalistischen Beiträgen für die „Zwischenakts-Zeitung“.9 Schließlichtrennte sich Wilhelm von der Theaterbühne und seiner kurzzeitigen Heimat im Norden undzog zu Cziglér nach Wien, wo beide 1869 heirateten. „[M]itten in seinen Erfolgen alsdarstellender Künstler wandte er der Bühne den Rücken. Hymen entführte ihn dem DiensteThaliens und zog ihn nach Wien, wo er sich am 22. April 1869 mit der Dichterin HermaCziglér von Vecse verheiratete, und lebt er seitdem in dem glücklichsten Familienkreiseausschließlich literarisch in Wien.“10 Cziglér berichtet in ihrem Werk „Streifzüge auf dem7 Brümmer, Franz: Deutsches Dichter-Lexikon. 1877, S. 292f.8 Vgl.: Ebd. S. 2939 Vgl.: Ebd. S. 29410 Ebd. S. 294 4
  6. 6. Gebiete des Culturlebens“11 von 1885 in dem Kapitel „Prophezeihung und Aberglaube“, wieihr die Wahrsagerin Elise Guiloten im Jahr 1866 das Zusammentreffen mit ihrem zukünftigenEhemann, der damals noch in Hamburg als Schauspieler tätig war, prophezeite. Zumindestschien ihr Zusammentreffen in Wien drei Jahre nach dieser Begebenheit wie die Erfüllungjener Prophezeiung – Hermine Cziglér jedoch, der es vielmehr um die Bekämpfung undBeleuchtung des immer noch existierenden Aberglaubens in „unserer hyperaufgeklärtenWelt“12 ging, konnte in diesem Ereignis keine wundersame Bewahrheitung der Weissagungerkennen. „Der Zufall tritt gar oft als Wunder auf“13, so beschließt sie die Anekdote. In Wienverlegte Cappilleri sich schließlich auf das mit seiner Frau gemeinsame Betätigungsfeld derLiteratur und Journalistik. „Er ist Mitarbeiter an verschiedenen Zeitschriften, Mitgliedzahlreicher wissenschaftlicher Vereine und Redacteur der ‚Adels-Zeitung’, die er nach seinerVerheiratung in Gemeinschaft mit seiner Gattin redigiert.“14 Wandte Cappilleri sichmöglicherweise seiner Gattin zuliebe von der Bühnenkunst ab und der Publizistik zu?Vielleicht konnte Cappilleri sich jedoch nicht als Schauspieler etablieren, zumal aus seinerVita hervorgeht, dass es verschiedene künstlerische Felder bis hin zur Theaterdirektionausprobierte, jedoch keines von Bestand war. Es ist zu vermuten, dass Cziglér stets imKontakt zu Künstlerkreisen stand, der durch die Bekanntschaft mit Wilhelm Cappilleri nochgrößer geworden sein dürfte. Da sich Cziglér seit ihrem achten Lebensjahr ausschließlich inWien aufhielt, ihr Wien also beinahe ihr ganzes Leben Heimat blieb, dürfte einen nähereBeleuchtung der kulturellen, politischen und ökonomischen Zustände im Wien des 19.Jahrhunderts die Lebensumstände, Widrigkeiten und auch von der Autorin als einschneidenderlebte Ereignisse erhellen.11 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens. Wien, 1885.12 Ebd. S. 1713 Ebd. S. 2614 Brümmer, Franz: Deutsches Dichter-Lexikon. 1877, S. 294f. 5
  7. 7. 2. Historie und Hintergründe zum Leben im 19. Jahrhundert in WienDas 19. Jahrhundert war für Europa ein bewegendes Jahrhundert, in dem sich dasNationalbewusstsein ausprägte, Arbeiterklasse und Frauenbewegung entstanden. DieBevölkerung kämpfte für mehr Mitbestimmung und Demokratie und das bewirkte eineTransformation der gesamten Gesellschaft, was mit der Revolution von 1848 seinen stärkstenAusdruck fand. Cziglér positionierte sich zu diesen Themen und ihre Äußerungen spiegelneinen Zeitgeist und das Selbstverständnis einer bestimmten Ideengemeinschaft wider. Dienähere Beleuchtung der soziopolitischen und -ökonomischen sowie der sozio-kulturellenZustände dieser Zeit sollen zum besseren Verständnis der Position der Autorin dienen. Einwichtige Frage ist die nach der Lebenswirklichkeit der Frau und was es für eine Frau in derzweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutete, lyrisch und journalistisch tätig zu sein, wodoch gerade in dieser Zeit die Sphären von Mann und Frau schärfer denn je geschiedenwurden. Wie verarbeitete eine Frau ihr Eindringen in die vom Mann dominierte öffentlicheSphäre, wo ihr doch der Platz in der abgeschlossenen Privatheit von Heim, Herd und Familiezugedacht war? Mit dem einschneidenden Ereignis der Revolution von 1848 soll in dieHistorie eingestiegen werden. Cziglér erlebte diesen gesellschaftlichen Umbruch im Alter vonacht Jahren und siedelte im selben Jahr mit ihren Eltern von Pest/Ungarn nach Wien dauerhaftüber. Von diesem Ereignis ausgehend sollen die Ursachen und Bedingungen der Revolutionuntersucht und die begleitenden und folgenden soziopolitischen Veränderungen näherbetrachtet werden. 2.1. Revolution 1848Im Alter von acht Jahren erlebte Hermine Cziglér die Revolution von 1848, mit der sich dieüber Jahre und Jahrzehnte zurückgehaltene Wut der Unterdrückten und Verarmten Bahnbrach. Am 24. Februar 1848 in Paris ausgebrochen, breiteten sich im März in den Ländereiender Habsburger Monarchie Unruhen aus. Am 13. März 1848 erreichte die Revolution Wienund „fegt[e] das anachronistische Metternich-System innerhalb weniger Stunden wie eineHandvoll Staub hinweg.“15 Bereits im Vormärz formierte sich die bürgerliche Öffentlichkeitmit dem Ruf nach politischer Partizipation, Freiheit der öffentlichen Meinung, Demokratie15 Günzel, Klaus: Wiener Begegnungen. Deutsche Dichter in Österreichs Kaiserstadt. 1750-1850. Verlag derNation. Berlin, 1989. S. 249f. 6
  8. 8. und nationaler Selbstbestimmung. Wogegen es ging, zeichnete sich klar ab: „[G]egen dasdreißigjährige Repressionssystem Metternichs, gegen spätfeudale Privilegien, gegen eineüberalterte ständische Ordnung.“16 2.2. Industrialisierung und VerarmungIn den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, im Vorfeld der Revolution, spitzten sichHungersnöte infolge von Missernten und Verelendung der ärmeren Volksschichten durchAusbeutung seitens des Staates und aufgrund steigender Bevölkerungszahlen immer mehr zu.Die einbrechende Industrialisierung und das kapitalistische System standen einer veraltetenStaatswirtschaft gegenüber. „Die anachronistisch betriebene Landwirtschaft, immer nochgebunden an die uneffektiven bäuerlichen Frondienste und an die altertümlicheDreifelderwirtschaft, bringt eine Missernte nach der anderen und ist nicht in der Lage, dieexpandierende Einwohnerschaft Wiens ausreichend zu ernähren, die allein in den beidenJahrzehnten zwischen 1827 und 1847 um vierzig Prozent auf über 400.000 Menschensteigt.“17 Dem immensen Bevölkerungszuwachs stand ein gewaltiger Wohnraummangelentgegen, gefolgt von unverhältnismäßigem Mietwucher. Dieser dramatischen Entwicklungkonnte Metternich auch mit seinem Versuch der Beschränkung der Industrialisierung auf dieVorstädte kein wirksames Mittel entgegen setzen und somit auch die Formierung des WienerProletariats nicht verhindern. Die überkommenen feudalen Gewalten undWirtschaftsstrukturen waren nicht in der Lage die Bedürfnisse der entstandenenMassengesellschaft zu lösen. Während die Wiener Aristokratie und das Großbürgertum demungeachtet glanzvolle Feiern abhielten, verschärften sich die Zustände in den unterenSchichten bis zur völligen Verwahrlosung. „Die Preise für Brot, Kartoffeln und Hülsenfrüchteklettern in unerschwingliche Höhen, sodass ein findiger Fabrikant einen Brotersatz ausgepresstem Öl anbietet, das bisher nur als Brennmaterial verwendet worden ist. In denVorstädten grassieren Kriminalität, Alkoholismus und Prostitution. Die Polizei beförderttäglich aus den unterirdischen Kanälen mit Lumpen und Schmutz bedeckte Obdachlose ansLicht, die in der Tiefe ein lemurenhaftes Dasein fristen.“1816 Rumpler, Helmut u. Urbanitsch, Peter: Die Habsburgermonarchie. Band VIII/1. Politische Öffentlichkeit undZivilgesellschaft. Wien, 2006. S. 2317 Günzel, Klaus: Wiener Begegnungen. Deutsche Dichter in Österreichs Kaiserstadt. 1750-1850. Verlag derNation. Berlin, 1989. S. 22618 Ebd. S. 248 7
  9. 9. 2.3. Kampf gegen Überwachung und Beschneidung der geistigen FreiheitWährend der Regentschaft Metternichs kam es zu einer Verschärfung der Einschnitte in diefreie Meinungsäußerung, die sich in massiven Zensur- und Überwachungsmaßnahmenäußerte. „Geistiges Atlantis“19 nannte Adolf Glassbrenner, Berliner Satiriker und Journalist,dieses Österreich, das, unter Metternichs Motto „Verändere nichts!“, seit dem Tod des KaisersFranz I. immer mehr erstarrte und von der intellektuellen und ökonomischen EntwicklungEuropas völlig unberührt zu sein schien. In diesem Klima der Repression erfuhr dasVermächtnis Josephs II., 1765 bis 1790 römisch-deutscher Kaiser der habsburgischenLändereien, als Sinnbild für Freiheit und Toleranz neue Bedeutung. Der „humanitäre Despot“war verantwortlich für eine Reihe moderner Reformen bezüglich der freienReligionsausübung und Pressefreiheit, gleichwohl er sich immer noch als absoluter Herrscherverstand, der an der Mitwirkung des Volkes zur Durchsetzung seiner Ziele nicht wirklichinteressiert war. „Aufklärung und Autokratie, Humanität und Despotismus gehen in Gestaltund Regierungsweise Josephs II. eine seltene, vielleicht einmalige schroffe Verbindungein.“20 Josephs temporeiche Reformbestrebungen fanden seinerzeit immer mehr Gegner. „DieWiderstände des Adels und des Klerus, die Teilnahmslosigkeit der unaufgeklärten und durchsein hastig betriebenes Reformwerk überforderten Volksmassen, nicht zuletzt auchfehlgeschlagene außenpolitische und militärische Abenteuer haben den einzigartigen Anlaufdes Monarchen zu einem Salto mortale werden lassen, der ihn und seine Lebensarbeitvernichtet.“21 Er erkannte nicht, dass er im Kreise der Intellektuellen und LiteratenVerbündete gehabt hätte. Diese beschworen nun in der vormärzlichen Aufbruchstimmung denvon den historischen Schlacken befreiten Geist des Toten. „In der Ära der ReaktionMetternichs, der Knebelung von Geistesfreiheit und Emanzipation, bringt der Joseph-Mythosliberaler Schriftsteller den Josephinismus als politisch-geistiges Phänomen hervor.“22 DerJosephinismus wurde zum Sinnbild der Forderungen nach Presse- und Meinungsfreiheit. ImMärz 1845 trat eine Gruppe von 99 namhaften österreichischen Dichtern, Gelehrten undKünstlern, unter ihnen Grillparzer, Adalbert Stifter, Friedrich Kaiser und Ottilie von GoethesVertrauter Romeo Seligmann, mit einer von Eduard Bauernfeld verfassten Petition gegen dierigide Zensurpolitik an den Kaiserhof heran. „Sie verlangen einen verbindlichen Erlass überdie Milderung einer Zensur und die ‚öffentliche Kundmachung dieses Gesetzes’, also die19 zitiert nach: Ebd. S. 22420 Ebd. S. 6421 Ebd. S. 78f.22 Ebd. S. 79 8
  10. 10. Einführung einklagbarer rechtsstaatlicher Normen auf dem Gebiet des Presse- undVerlagswesens.“23 Metternich wies den Antrag als lächerlich zurück – würde doch dieVeröffentlichung der Zensurverordnungen für ihn eine zu große Beschneidung derHausvatergewalt der Staatsmacht bedeuten. Doch die literarische Opposition ließ sich nichteinschüchtern. Von der Zensur verbotene literarische Werke erschienen im Ausland, zumBeispiel Hamburg und Leipzig, und gelangten von dort als Schmuggelware wieder zurück indie Wiener Buchhandlungen. „Dazu gehören die Verse Nikolaus Lenaus und dieKampfschriften radikaler Umstürzler ebenso wie der Gedichtband ‚Spaziergänge einesWiener Poeten’ von Anastasius Grün, hinter dem sich der aus der Untersteiermark stammendeGraf Alexander von Auersperg verbirgt.“24 Grüns „Spaziergänge“25 stecken voller Anzeichenoffener und versteckter Unterdrückung und entspringen einem liberalen Geist, der sich gegenKlerikalismus, Bürokratie und eine übermächtige Zensur wendet. In einer Szene klopft dasösterreichische Volk als „dürftiger Klient“ an Metternichs Tür mit der Bitte: „Dürft` ich wohlso frei sein, frei zu sein?“26 Tatsächlich empfing Metternich Grün am kaiserlichen Hof, legteihm dort aber auf höflichste Weise nahe, das Land zu verlassen, dem Grün jedoch nicht Folgeleistete. Denn der mittlerweile fünfundsiebzigjährige Metternich war inmitten der altenHerren zwar immer noch federführend, aber die „Herrschaft dieser Greise“ vermochte es nichtmehr, „das taumelnde Schiff Alt-Österreichs durch die Brandung der Zeit zu steuern.“27Ignoranz, Korruption und Machtkämpfe in den eigenen Reihen verunmöglichten derMachtspitze jegliches politische Handeln. „[D]em wachsenden Unmut rings in der Kaiserstadtsteht [im] […] Winter 1847/48 keine stabile reaktionäre Front, sondern eine restaurativeAnarchie gegenüber, die von abgründiger Skepsis gegen sich selbst erfüllt ist.“28 2.4. Niederlage der RevolutionDie zerstörerische Gewalt des Volkes im Zuge der Aufstände führte zum Sturz Metternichsund dessen Flucht. Der Hof ging kurzzeitige Konzessionen ein, die Pressefreiheit wurdewieder eingeführt. Arbeiter und Nationalgarde lieferten sich blutige Schlachten die imOktoberaufstand mündeten. „Am 23. August 1848 kam es zum Kampf der Arbeiter (davon 4023 Ebd. S. 23824 Ebd. S. 24025 Grün, Anastasius: Spaziergänge eines Wiener Poeten (1831). Prag, 1885.26 Ebd. S. 1227 Günzel, Klaus: Wiener Begegnungen. Deutsche Dichter in Österreichs Kaiserstadt. 1750-1850. Verlag derNation. Berlin, 1989. S. 24828 Ebd. S. 248 9
  11. 11. Prozent Frauen) mit der bürgerlichen Nationalgarde. 20 Tote blieben am Platz.“29 Doch diekonterrevolutionären Regierungstruppen eroberten Wien zurück – es kam zuMassenverhaftungen, öffentlichen Hinrichtungen und zur Wiedereinführung der Zensur. MitZugeständnissen an die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Bürgertums versuchte der sichherausbildende Neoabsolutismus die öffentliche Meinung stillzulegen. Doch „während dasBesitzbürgertum durch die Zugeständnisse des Hofes zufriedengestellt ist, bleibt die sozialeLage der unteren Volksschichten von den hastig und halbherzig eingeräumten Konzessionenunberührt.“30 Die Beförderung der äußeren Wohlfahrt sollte von den fortgesetztenEinschnitten in politische und geistige Freiheit ablenken. 2.5. LiberalismusMit der Revolution 1848 schlug die Stunde des Liberalismus in all seinen Formen. Ob imständischen Liberalismus adeliger Prägung, dem Liberalismus der Intelligenz, demgemäßigten ökonomischen Liberalismus des Besitzbürgertums oder dem diffusenLiberalismus der bäuerlichen Revolution – überall drängte die Bevölkerung in dieÖffentlichkeit und forderte ihr Mitspracherecht ein. „Im Kern liberalen Denkens stand dieEmanzipation des Individuums von den staatlichen und gesellschaftlichen Zwängen. DasFahnenwort hieß – Freisinn. Daher die Forderung nach einer Verfassung und denGrundrechten.“31 Bezeichnend für den Liberalismus Österreichs war die fehlende innereAusrichtung an einer gemeinsame Position und stattdessen ein regelrechtesGegeneinanderlaufen verschiedener Forderungen. „Dass der Liberalismus auf dem Boden derHabsburgermonarchie kein kohärentes Gedankengebäude ausbildete, sondern dass unter denAnhängern der Liberalen in verschiedenen Teilen des Reiches gleichzeitig sowohl moderneals auch vormoderne Denkmuster vorherrschten, und dass deren Zielvorstellungen nicht seltenentgegengesetzter Natur waren, trug […] nicht zur Verfolgung einer klaren Linie bei.“32 DerLiberalismus aus Kreisen des Adels, eine Mischform aus konservativem Liberalismus undaufgeklärtem Konservatismus, verlor in Wien und Böhmen zwar rasch an Bedeutung,bewahrte in Ungarn hingegen seine Dominanz. Der Liberalismus der Intelligenz sehnte, wie29 Rumpler, Helmut u. Urbanitsch, Peter: Die Habsburgermonarchie. Band VIII/1. Politische Öffentlichkeit undZivilgesellschaft. Wien, 2006. S. 25f.30 Günzel, Klaus: Wiener Begegnungen. Deutsche Dichter in Österreichs Kaiserstadt. 1750-1850. Verlag derNation. Berlin, 1989. S. 25331 Rumpler, Helmut u. Urbanitsch, Peter: Die Habsburgermonarchie. Band VIII/1. Politische Öffentlichkeit undZivilgesellschaft. Wien, 2006. S. 4032 Ebd. S. 23f. 10
  12. 12. schon erwähnt, die Aufhebung der Zensur und freie Meinungsäußerung herbei. Er beherbergtedas deklassierte Bürgertum, bestehend aus Juristen, Studenten, Doktoren und Schriftstellern,die eine andere Universität und eine andere Gesellschaft wollten – sie waren es, die,zumindest in Wien, die Führung der Revolution übernahmen und bis in den Oktober hineinVerstärkung von Seiten der rebellierenden Arbeiterschaft bekamen. Der ökonomischeLiberalismus des Besitzbürgertums, vornehmlich Rechtsanwälte und Ärzte, wollte den Wegfür eine industriekapitalistische Marktgesellschaft freischaufeln, wollte mehr Freiheit undweniger Staatsregulierung und strebte nach sozialer Anerkennung bürgerlicher Tugenden. DieBauern verstanden ihren „diffusen“ Liberalismus als Verweigerung der Leistungen an denGrundherren und die Forderung nach eigenem Jagdrecht.33 Doch die Kräfte desKonservatismus – Hof, Militär, Hocharistokratie und Kirche – ließen sich nicht so leichtabschütteln. Mit dem erst achtzehnjährigen Kaiser Franz Joseph, durchdrungen vonGottesgnadentum und der Heiligkeit der Monarchie, kehrte das konservative Prinzip inGestalt des Neoabsolutismus zurück, das sich den Gegebenheiten anpasste. „Derentscheidende Faktor war: Die führenden Konservativen lernten von der Revolution, ihrePolitik neu zu definieren und Elemente einer Modernisierungsstrategie aufzunehmen. Dasunterschied sie vom System Metternich. Sie waren – gemäß der österreichischen Tradition –bereit, im Neoabsolutismus eine ‚Revolution von oben’ durchzuführen.“34 Die Reformen undWirtschaftsinitiativen des Neoabsolutismus zähmten die seit etwa 1855 siegreiche liberalepolitische Öffentlichkeit. Das Bürgertum zerfiel in nationale und soziale Fraktionen, diebürgerliche Salonkultur zog sich aus der politischen Öffentlichkeit ins Private zurück. „DieErben der Revolution von 1848 überließen die Politik den Politikern, die sich zwar im Kampfum eine Verfassung gegen den Neoabsolutismus auf die öffentliche Meinung beriefen, aberdoch nur Träger der Partikularinteressen von ‚Besitz und Bildung’ waren.“35 DerLiberalismus wurde staatstragend, war aber keine die etablierte Macht bekämpfende undkorrigierende Kraft mehr. Gleichwohl gehörte liberal zu sein in den sechziger Jahren in derMittelschicht und im Adel teilweise, in Ungarn fast im gesamten Adel, zur politischenDurchschnittsbildung. Die Geisteshaltung des Liberalen war dabei stark durch den Habitusdes Intellektuellen geprägt: „Intellektueller sein und liberal sein war eins.“36 Jedoch bewirktedie Frage der (Un-)Vereinbarkeit von Freiheit und Nation eine immer gravierender werdendeZersetzung des Liberalismus.33 Vgl. Ebd. S. 2234 Ebd. S. 2735 Ebd. S. 9f.36 Ebd. S.44 11
  13. 13. 2.6. Nationale Bestrebungen im Spannungsfeld zwischen Zentrum und PeripherieDie Forderung des Liberalismus nach staatsbürgerlicher Partizipation war eng verknüpft mitder Idee der Nation. Das 19. Jahrhundert war „im westlichen wie im mittleren Teil Europasdurch die Entstehung neuer Produktionsverhältnisse sowie durch die Herausbildungzentralisierter Territorialstaaten gekennzeichnet, die neue Formen der staatsbürgerlichenLoyalität forderten und einübten.“37 Dabei übernahm der Nationalstaat auch eineökonomische Funktion im kapitalistischen Entwicklungsprozess. „Aus liberaler Sicht bot dieNation (und dabei wurde freilich nur an die großen gedacht) jenen wirtschaftlichen Rahmen(nämlich den nationalen Markt), der dem damaligen Stand des industriellen Fortschritts ammeisten entsprach.“38 Mit der Auflösung der alten gesellschaftlichen und politischenBindungen lieferte der „moderne Nationalismus“39 außerdem ein neues Identifikations- undPartizipationsangebot und war „ein wichtiges Integrationsmittel, mit dem sämtliche moderneStaaten in ihrem Streben nach einer erhöhten Teilnahme und stärkeren Identifizierung ihrerStaatsbürger (sic!) operierten.“40 Das aus vielen verschiedenen Ethnien bestehendeHabsburger Reich stellte sich im Nationalisierungprozess als Sonderfall dar, denn „jeneskomplizierte Gebilde […] vereinigte als ‚Reich’ unterschiedliche historische Zeitzonen,Regionen mit einem verschiedenen Rhythmus der historischen Zeit, […] Gleichheiten desUngleichzeitigen.“41 Wien, das bis zur Jahrhundertmitte als unangefochtenes Zentrum derMonarchie galt, bekam seit den sechziger Jahren Konkurrenz von Buda-Pest42, Prag undweiteren aufsteigenden Metropolen. Das Wachstum der Peripherien schwächte das einstigeZentrum und stellte den übernationalen Reichscharakter in Frage. „Einerseits ist auch […] [inder Habsburger Monarchie] ähnlich wie im westlichen Europa eine Modernisierung im Sinneeiner allgemeinen Zentralisierungs- und Homogenisierungstendenz des staatlichenTerritoriums zu registrieren, andererseits erschienen gerade die unterschiedlichen‚erwachenden’ Nationalismen als eine subversive und zentrifugale Kraft, denen dieMonarchie kein entsprechend wirksames modernes, einheitsstiftendes Legitimationsangebot37 Király, Edit (Budapest)/ Millner, Alexandra (Wien): Feministische Praxis in Österreich-Ungarn um 1900. In:Heindl, Waltraud u.a. (Hg.): Frauenbilder, feministische Praxis und nationales Bewusstsein in Österreich-Ungarn1867-1918. Tübingen, 2006. S. 1-15, hier S. 338 Ebd. S. 339 Ebd. S. 3: „Diese Modernität besteht im politischen Sinne in dem Prinzip der Volkssouveränität.“40 Ebd. S. 341 Rumpler, Helmut u. Urbanitsch, Peter: Die Habsburgermonarchie. Band VIII/1. Politische Öffentlichkeit undZivilgesellschaft. Wien, 2006. S. 17f.42 seit 1873 gemeinsam mit Alt-Ofen (Óbuda) zur königlichen Hauptstadt Budapest vereint 12
  14. 14. entgegensetzen kann.“43 Nach der Ausschließung Österreichs aus dem weiteren Fortgang derdeutschen Geschichte mit dem Frieden von Prag (1866) und dem Verlust dernorditalienischen Provinzen, bildete sich mit dem ebenfalls abtrünnigen Ungarn ein zweitesZentrum in der Habsburgermonarchie. Die nationale Revolution in Ungarn setzte dieHabsburger ab und etablierte eine liberale Regierung, die aber an der Unvereinbarkeit vonLiberalismus und Nationalismus und der Überschätzung von Ungarns Bedeutung für Europascheiterte. Die ‚nationale Frage’ bewirkte zunehmend die Spaltung des Liberalismus. „Derlabile Schwebezustand von Freiheit und Nation, der den Liberalismus zunächst trug, begannsich allmählich in die Alternative Freiheit oder Nation zu verändern.“44 Die Spannung derentgegen gesetzten Bestrebungen der Habsburger Nationen Richtung Zentralismus einerseitsund Föderalismus andererseits verhinderte eine gesamtösterreichische liberale Bewegung.Während die Deutschliberalen Zentralisten waren, wehrten sich die Magyaren gegen einenReichszentralismus, praktizierten innerhalb Ungarns jedoch einen ‚Staatszentralismus’.Andere Nationen setzten dagegen auf den Föderalismus zur Rettung ihrer nationalenSelbständigkeit. 2.7. Spaltung des Liberalismus und Herausbildung der ArbeiterklasseBereits im Mai 1848 spaltete sich der Liberalismus in den „Honoratiorenliberalismus“45 unddie Demokraten. Während die Demokraten nach einer Staatsbürgergesellschaft ohneHierarchien strebten und die Revolution weiter betreiben wollten, hielten die anderen an demKonzept der hierarchisch gestuften Gesellschaft fest und wollten die Revolution beenden.Beide Seiten differenzieren sich anhand ihrer Positionen zur erstarkenden Arbeiterklasse aus.Für die „Honoratioren“ wurde das Bild des Proletariers zur Angstfigur, während dieDemokraten ihn als Hoffnungsträger einer neuen Welt sahen. „Die einen hatten eine diffuse,aber tiefsitzende Angst vor dem Pöbel – in ihrer Phantasie erhob sich die riesige Gestalt desProleten, der in den Wiener Vororten Feuer legt, Eigentum zerstört und die Schranken derZivilisation zerbricht, die anderen glaubten die rebellierenden Arbeiter zähmen und als43 Király, Edit (Budapest)/ Millner, Alexandra (Wien): Feministische Praxis in Österreich-Ungarn um 1900. In:Heindl, Waltraud u.a. (Hg.): Frauenbilder, feministische Praxis und nationales Bewusstsein in Österreich-Ungarn1867-1918. Tübingen, 2006. S. 1-15, hier S. 6f.44 Rumpler, Helmut u. Urbanitsch, Peter: Die Habsburgermonarchie. Band VIII/1. Politische Öffentlichkeit undZivilgesellschaft. Wien, 2006. S. 4545 Vgl.: Ebd. S. 24 13
  15. 15. Sturmbock für die Fortsetzung der Revolution instrumentieren zu können.“46 Während mannoch 1848 von keiner Arbeiterklasse im engeren Wortsinn sprechen konnte – die ‚freieLohnarbeit’ bildete sich erst langsam aus – hatte die Arbeiterschaft in der beschleunigtenIndustrialisierung nach 1867 begonnen, sich als politische Klasse zu formieren. Als linkerFlügel der Liberalen schwankten sie zwischen Liberalismus und Sozialdemokratie,distanzierten sich aber schließlich vom liberalen Paternalismus, der sie in ihrem selbständigenWerden als noch unvollkommen betrachtete. „Bald jedoch wurde die politisch bewussteArbeiterschicht der bürgerlichen Vormundschaft überdrüssig, zumal dasWirtschaftsbürgertum selbst sich schärfer als soziale Klasse formierte. Der politische Bruchwar dann unvermeidlich.“47 2.8. Gründerzeit und GründerkriseDie Zeit der rapiden Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, infolge deswirtschaftliche Aufbruchs auch Gründerzeit genannt, war von einem Glauben an denunabdingbaren politisch-kulturellen Fortschritt geprägt. Die Wirtschaft zwischen 1867 und1873 boomte und entfachte ein wildes Spekulationsfieber. „Bereichert euch, hieß die Parole,von der auch der kleine Mann erreicht wurde. Selbst die Kinder wurden als ‚kleineKapitalisten’ angesprochen. Die Politiker mischten kräftig mit. Nie waren Börse und Politikso eng verknüpft wie damals.“48 Doch der liberale Traum vom raschen Reichtum gerann mitdem Börsenkrach am ‚schwarzen Freitag’ des 9. Mai 1873 zur Deflationskrise. „Von EndeMärz bis Ende Oktober 1873 sank der Kurs der Industrieaktien um rund 50 Prozent. […] Aufden überbordenden, hektischen Optimismus folgte ein tiefer Pessimismus.“49 Die Frage der‚Großen Depression’ oder ‚Gründerkrise’ wird immer noch kontrovers diskutiert, aberzumindest war die kurzfristige Depression kein Mythos, denn sie reichte aus, das Vertrauen inden Fortschritt und die liberale Idee der freien Wirtschaft zu erschüttern. Auch Cziglér äußertihre Abneigung gegen diejenigen Industriellen, deren Antrieb aus ihrer Sicht einzig dasStreben nach Profit sei. „Es ist allerdings ganz schön, dass der gute Mann so vielen LeutenBrot gibt; - wohl ihm, dass er so vieler Hände bedarf zur Erzeugung von Producten, derenAbsatz ihm so viel des Gewinnes auch bringt. Der Industrielle nährt also nicht aus Sorge und46 Ebd. S. 2447 Ebd. S. 52f.48 Ebd. S. 6149 Ebd. S. 61 14
  16. 16. Rücksicht auf den Staat, sondern aus Rücksicht für seinen eigenen Vortheil und Gewinn[…].“50 2.9. Rechte der Frau von Revolution und Liberalismus nicht berücksichtigtTrotz der Niederlage der Revolution, war der Ruf nach Freiheit und Mitbestimmung zumAllgemeingut geworden, nicht nur im Bürgertum. Mit der Betonung der Wichtigkeit derBildung zur Erlangung der Freiheit wirkte der Liberalismus nachhaltiger weiter, als in seinerForderung nach einem Rechtsstaat. Doch berücksichtigten diese modernen Ziele trotzdem nureinen Teil der Bevölkerung und klammerten einen anderen aus: die Frauen. „Es waren dieWidersprüche der bürgerlichen Revolution, die […][die Frauenbewegung] auf den Planriefen, denn obwohl diese allen Menschen gleiche Rechte versprach, führte sie in der Tat zueinem Ausschluss des weiblichen Geschlechts aus dem politischen Gemeinwesen, derkompletter und konsequenter zu nennen war als zuvor.“51 In ihrem Gedicht „Für alle“verspottet Louise Otto die Revolution als Machwerk der Männer, die sich nur für dieInteressen der einen Hälfte der Menschheit einsetzen würden: „Wo wieder aber ward der Ruf vernommen ‚Für alle Freiheit!’ klang es fast wie Hohn, Denn nur für die Männer nur war er gekommen Im Wettersturm der Revolution.“52In gleichzeitiger Ausklammerung der Weiblichkeit aus dem Konzept moderner Identitätwurde die Frau nicht als der Nation zugehörig gedacht und in Folge der Industrialisierungsozial wie ökonomisch an den Rand gedrängt. „Denn der Umbruch von der feudalen zurindustriekapitalistischen Gesellschaft führte zur Ausdifferenzierung der gesellschaftlichenSphären in Familie, Erwerbssphäre und öffentliche Sphäre und in der Folge zu deren klarerdiskursiver Aufteilung unter den Geschlechtern.“53 Es kam zur strikten Verortung der Frauenim familialen Bereich, am heimischen Herd, und der Männer im öffentlichen Bereich. Dies50 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens. Wien 1885. S. 5451 Király, Edit (Budapest)/ Millner, Alexandra (Wien): Feministische Praxis in Österreich-Ungarn um 1900. In:Heindl, Waltraud u.a. (Hg.): Frauenbilder, feministische Praxis und nationales Bewusstsein in Österreich-Ungarn1867-1918. Tübingen, 2006. S. 1-15, hier S. 452 Zitiert nach: Brinkler-Gabler, Gisela: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart.Gedichte und Lebensläufe. Frankfurt am Main 1978 u.ö., S. 20953 Király, Edit (Budapest)/ Millner, Alexandra (Wien): Feministische Praxis in Österreich-Ungarn um 1900. In:Heindl, Waltraud u.a. (Hg.): Frauenbilder, feministische Praxis und nationales Bewusstsein in Österreich-Ungarn1867-1918. Tübingen, 2006. S. 1-15, hier S. 4 15
  17. 17. verstärkte die ökonomische Abhängigkeit der Frauen und verringerte ihre Chancen, sich ihrenLebensunterhalt selbständig zu erwerben. Als Adlige hatte Cziglér sicher weniger Geldsorgenund besaß Freiheiten, die Frauen niedrigerer Schichten nicht hatten, jedoch verringerte sichdas Vermögen ihrer Familie mit der körperlichen und geistigen Erkrankung des Vaters nochwährend Cziglérs Jugend, sodass sich möglicherweise doch finanzielle Probleme für sieergaben. Es ist leider nicht überliefert, wie weit das Vermögen der Familie zurückging undinwieweit die Autorin tatsächlich abhängig vom Broterwerb war. Tatsache ist jedoch, dass sienicht nur als Dichterin, sondern auch als Journalistin arbeitete. Das Arbeitsfeld desJournalismus wurde oft als Handwerk zum reinen Broterwerb insbesondere bei weiblichenSchriftstellerinnen gesehen. Mit dieser Einstellung ging eine Abwertung der weiblichenAutorenschaft einher, erkannte man der Frau nicht oder nur schwerlich einen eigenständigeskreatives künstlerisches Schaffenspotential zu.Die Untersuchung der sozioökonmischen und soziopolitischen Umstände könnte noch weitergeführt werden, doch würde das den Rahmen dieser Arbeit überschreiten. Stattdessen soll nunein Blick auf das soziokulturelle Leben des 19. Jahrhunderts insbesondere in Wien, also dasalltägliche Umfeld Cziglérs, geworfen werden, um dem Lebensgefühl, den kulturellenGewohnheiten und dem ästhetischen Empfinden zu Lebzeiten der Autorin näher zu kommen. 2.10. Soziokulturelles Leben in Wien im 19. JahrhundertWelches Lebensgefühl herrschte im Wien des 19. Jahrhunderts? Wie wurde diesesLebensgefühl geäußert und welche Möglichkeiten der künstlerischen und ästhetischenArtikulation gab es insbesondere für Frauen? Das Gros der Aufmerksamkeit soll imFolgenden der Literatur, der Bedeutung der Poesie und der Rolle, die die Frau darin derzeitspielte, geschenkt werden. Diese Untersuchung dient der Annäherung an dasSelbstverständnis Cziglérs als Schriftstellerin und Autorin. Weiterhin soll ein Blick auf die im19. Jahrhundert immer noch lebendige Salonkultur geworfen werden. Da bekannt ist, dassCziglér in Salons verkehrte und selbst diese Kultur mitgestaltete54, wird hiermit Licht in einenBereich der Lebenswirklichkeit der Autorin geworfen.54 Vgl.: Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zurGegenwart. Band 1. Leipzig, 1913. S. 406f. 16
  18. 18. 2.10.1. Lebensgefühl, Ästhetik und KulturEine Mischung aus Laissez-faire und aktiver Lebensfreude charakterisieren den Wiener auchim 19. Jahrhundert. Trotz Hungersnöten, Mietwucher und Polizeischikanen im Vormärz ließsich die Wiener Bevölkerung Heurigenseeligkeit, Praterspiele und Maskenbälle nicht nehmen.Macht dieser Wille, auch in düsteren Zeiten das Leben zu genießen, das typisch Wienerischeaus? Oder mit Klaus Günzel gefragt: „Ist nicht die Lebensfreude der Wiener der immerwieder aufs Neue unternommene und geglückte Versuch, de[n] Augenblick zu leben, die übersie verhängten Drangsale mit heiterer Gelassenheit zu überstehen und der allgemeinen Miseredoch eine gewisse Lebensqualität abzugewinnen?“55 Wien zog eine Schar von Poeten an undbezauberte durch seine besondere Atmosphäre; das bekannte auch der Berliner Satiriker AdolfGlassbrenner, trotz seiner Kritik an Metternichs „geistigem Atlantis“. „Meistens sind es nichtim engeren Sinne literarische Motive, die die Poeten an die Stadt fesseln, sondern derenvitales, gastliches, musikgesättigtes Flair.“56Die Ästhetik des Wohnumfeldes und der Kleidung dürfte bis in die sechziger Jahre hineinvom Stil des Biedermeier beeinflusst gewesen sein. Der Stilbegriff wurde nachträglichgeprägt und diente der Beschreibung der künstlerischen und kulturellen Zeit vor derRevolution von 1848. Der Arzt Adolf Kusmaul und der Anwalt Ludwig Eichrodt erfanden fürdas satirische Münchener Wochenmagazin „Fliegende Blätter“ die fiktionale Figur WeilandGottlieb Biedermaier, den sie als kürzlich verstorbenen schwäbischen Dorf-Schulmeister undDichter vorstellten. „Sein ereignisloses Alltagsleben sowie seine naiven Gedichte wurden injeder Ausgabe zur Erheiterung der bürgerlichen Leser präsentiert.“57 Nach neuerenForschungen wäre es jedoch zu vorschnell geschlossen, das Biedermeier als rein bürgerlicheKunst mit dem Etikett „billig und schnell“ abzuwerten. Ganz im Gegenteil erscheint es in derneueren Literatur vielmehr „als eine hochkultivierte Kunstrichtung, die von deranspruchsvollen Suche nach schlichten und klaren Formen geprägt ist und ihrer Wurzeln imspäten 18. Jahrhundert hat.“58 Die klare, formale Liniensprache, fehlende Ornamente anMöbeln und die Konzentration auf Heim und Herd ließen das Biedermeier lange als Stil desBürgertums gelten. Doch die Rolle des Adels gewann bei der Entstehung und Entwicklungder Biedermeierkultur immer größere Bedeutung. Die Kultur der Häuslichkeit setzte sich nach55 Günzel, Klaus: Wiener Begegnungen. Deutsche Dichter in Österreichs Kaiserstadt. 1750-1850. Verlag derNation. Berlin, 1989. S. 23256 Ebd. S. 22957 Winters, Laurie: Die Wiederentdeckung des Biedermeier. In: Ottomeyer, Hans u.a. (Hg.): Biedermeier. DieErfindung der Einfachheit. Ausstellungskatalog: Milwaukee Art Museum, Deutsches Historisches MuseumBerlin, Albertina Wien. Ostfildern 2006. S. 31-41, hier S. 3458 Ebd. S. 39 17
  19. 19. 1820 nicht nur beim emporstrebenden Bürgertum sondern auch in der aristokratischen Elitedurch. In einer Zeit des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs wurde „diegeschützte häusliche Umgebung […] als Ort des Rückzugs gesehen, in der persönlicheInteressen und gesellschaftlicher Umgang gepflegt werden konnten.“59 Schlichtheit undEinfachheit sind charakteristische Kennzeichen der ästhetischen Spielarten im Biedermeierund damit setzte sich dieser Kult auch ganz bewusst in Widerspruch mit dem luxuriösen Stildes ausgehenden 18. Jahrhunderts. Das Prinzip der Einfachheit wurde dabei einer als Idylleverstandenen und romantisch verklärten Natur gegenüber gestellt. Damit befindet sich derBiedermeierstil „als Stil der Vernunft oder vernunftbedingter Konventionen imSpannungsfeld gegensätzlicher Verbindungen: Ideal der Natur und zugleich Einfachheit derDinge.“60Gegenüber dem Rückzug in die Sicherheit des Privaten im Biedermeier, bot die Öffentlichkeitdes literarischen oder philosophischen Salons einen Raum, in dem Männer wie Frauen sichartikulieren konnten. Die Sphäre der Salons war schon lange ein Ort der geistigenEmanzipation sowie Probebühne der Emanzipation der Frau. „Freiräume des Denkens jenseitsvon offiziellen Doktrinen, Freiräume der Begegnung jenseits ständischer Unterschiede,Freiräume weiblicher Emanzipation jenseits der gesellschaftlichen Normen und Systeme, dielange Zeit hindurch der Frau eine fest gefügte, sich fügende Rolle zuschrieben.“61 DenMittelpunkt des Salons bildete immer eine Frau, die Salonière, meist eine wohlhabendeDame, die stets Geist und Witz versprühend zwischen den verschiedenen Gästen derzwanglosen Gesellschaft vermittelte. „Dem ‚patriarchalischen’ Prinzip der Hofgesellschaftsteht hier eine matriarchalische Mitte gegenüber, und in diesem Sinne bildet der Salon ‚eineEinbruchstelle des Matriarchats’, eine Freiraum, der von einer Frau gestiftet und getragenwird und der sich radikal von den kulturellen Institutionen der Männergesellschaft absetzt.“62Die sich regelmäßig zusammenfindenen Gäste, die so genannten Habitués, tauschten sich zuliterarischen, philosophischen oder politischen Themen aus, wobei die Konversationregelrecht zu Kunst stilisiert wurde. „Die Affektbrücke zwischen Redner und Hörer beugt sichgewissen Ritualen der Urbanität, jener auf Verfeinerung und Bildung beruhenden59 Stein, Laurie A.: Eine Kultur der Harmonie und Erinnerung – Die Transformation des Wohnraums imBiedermeier. In: Ottomeyer, Hans u.a. (Hg.): Biedermeier. Die Erfindung der Einfachheit. Ausstellungskatalog:Milwaukee Art Museum, Deutsches Historisches Museum Berlin, Albertina Wien. Ostfildern 2006. S. 72-80,hier S. 7360 Ottomeyer, Hans: Die Erfindung der Einfachheit. In: Ottomeyer, Hans u.a. (Hg.): Biedermeier. Die Erfindungder Einfachheit. Ausstellungskatalog: Milwaukee Art Museum, Deutsches Historisches Museum Berlin,Albertina Wien. Ostfildern 2006. S. 43-55, hier S. 44f.61 Heyden-Rynsch, Verena von der: Europäische Salons. Höhepunkte einer versunkenen weiblichen Kultur.München, 1992. S. 1262 Ebd. S. 17f. 18
  20. 20. weltgewandten Art. Nicht bloße Geselligkeit, sondern Geselligkeit als Kunstwerk wirdangestrebt.“63 Toleranz und Vorurteilslosigkeit bestimmten die Salonkultur, die dadurch imKontrast zur pflichtbezogenen, durchstrukturierten Gesellschaftsordnung wie derHofgesellschaft stand, auch wenn der literarische Salon nur als Miniaturform desfeudalistischen Systems gedeutet wurde – stand ihm zu Beginn doch meist einearistokratische Dame vor. „Der Salon bildet einerseits einen Ableger des Hofes, einen‚Mikrohof’, der sich am eigentlichen Hof orientiert und oftmals von ihm bestimmt wird,zugleich aber stellt er bisweilen ein Gegenmodell dar, […] in dem sich eine Nobilitierung desBürgertums ebenso vollzieht wie eine Verbourgeoisierung des Adels.“64 In Wien blühte nachder Revolution von 1848 das Salonleben auch in Adelskreisen wieder auf und es sammeltensich Künstler und Wissenschaftler um reiche Mäzene. Jedoch unterschieden sich die Salonsder 1870er und 80er Jahre von den alten Salons, denn nun ging es vorrangig um dasVorzeigen oder Vortäuschen von Macht nach außen. „Waren die Zentren großer geistigerBewegungen, wie der Aufklärung oder der Romantik, Lebensanschauungen, die weit über dieKunst hinaus den Geist der Zeit prägten, so waren die Abende in den neuen Salonsweltanschaulich ungebunden, schwankten zwischen geistreicher Unterhaltung und bloßerRepräsentation.“65 Statt einer lebendigen geistigen Bewegung blähte sich die neueGesellschaft auf in bloßer Nachahmung alter Stile, im Historismus der Architektur, dem eseinzig um den Prunk um des Prunkes Willen ging. „Es ist mehr als Symbolik, wenn, zumUnterschied vom Biedermeier, jetzt die Fassade der Häuser wichtiger war als die Interieurs,besser, auch die Interieurs zu repräsentativen Fassaden wurden. Der Bürgersinn für das Feineund Geschmackvolle wurde von der Lust einer neureichen Gesellschaft am Prachtvollen undÜppigen abgelöst.“66 Für die Zeitgenossen bedeutete die Abwendung vomzurückgenommenen Biedermeierstil hin zur opulenten Kultur einen ganz neuen Lebensstil.„Die Salons der Biedermeierzeit waren für sie die Salons einer Spießbürgergesellschaft,während die Salons in den neuen Palästen der Ringstraße oder den prächtigen Vorstadtvillender Zweiten Gesellschaft als fortschrittlich galten.“ Die mächtigen liberalen Unternehmer derGründerzeit änderten an ihrer Lebensweise auch nach dem Börsenkrach 1873 nichts. „Hattendie Altliberalen vor 1848 noch ihrem Namen gemäß für die Freiheit des Denkens gekämpft,so verstanden die Ringstraßenliberalen, wie man die späteren nannte – war doch die63 Ebd. S. 1764 Ebd. S. 1965 Gerstinger, Heinz: Altwiener literarische Salons. Wiener Salonkultur vom Rokoko bis zur Neoromantik (1777-1907). Salzburg, 2002. S. 13966 Ebd. S. 145 19
  21. 21. repräsentative Hauptavenue Wiens ihr stolzestes Kind – unter Liberalität die Freiheit desUnternehmers.“67 2.10.2. Literatur, Poesie und WeiblichkeitGleichsam sorgte der Aufstieg des Bürgertums zu Herausbildung einer neuen Massenkultur,die insbesondere im Bereich der Literatur ab Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr anBedeutung gewann und die Exklusivität literarischer Betätigung durchbrach, indem es sichdie Bildungsinhalte der Elite zu eigen machte. „Während bis Mitte des 19. Jahrhunderts dieHochkultur sich einem kaum noch zu übertreffenden Goethe-Kult Maß und Ziel gab, indessen Inszenierungen das gebildete Publikum sich selbst feierte und zugleich seinen Abstandvon den ‚Massen’ zelibrierte“68, avancierte Goethe in den neu erscheinenden Zeitschriftenund Almanachen nun zur „Pop-Ikone […], die für alle Lebenslagen eine Antwortbereithielt.“69 Trotz des starken Bezuges auf die klassischen und insbesondere deutschenVorbilder, fand die österreichische Literatur mehr und mehr zu sich. „Die Abnabelung derösterreichische Dichtung von der deutschen und ihre Profilierung zu einem Phänomen vonunverwechselbarer Eigenständigkeit sind zwar um 1848 noch lange nicht abgeschlossen,jedoch liegen zu diesem Zeitpunkt bereits die Werke Franz Grillparzers, Ferdinand Raimunds,Johann Nestroys und des frühen Adalbert Stifters vor, auf die sich viel später dasösterreichische Selbst- und Traditionsverständnis eines Hermann Bahr oder eines Hugo vonHofmannsthal wird stützen und berufen können.“70 Doch lässt Günzel in der Preisung dieserHerrenriege bedeutender Poeten den Umstand unberücksichtigt, dass gerade nicht Männer,sondern Frauen den lyrischen Markt im 19. Jahrhundert dominierten.Im Laufe des 19. Jahrhunderts besetzte nämlich die Frau den literarischen Bereich der Lyriknicht nur von der Rezeptionsseite – sie publizierte selber eigens verfasste Gedichte. Galt es indiesem Jahrhundert noch „als Zeichen vornehmer Weiblichkeit, Piano zu spielen und zufeierlichen Anlässen im Freundes- und Familienkreis selbstgedichtete Verse zu67 Ebd. S. 14468 Günter, Manuela: Im Vorhof der Kunst. Mediengeschichten der Literatur im 19. Jahrhundert. Bielefeld, 2008.S. 3669 Ebd. S. 3670 Günzel, Klaus: Wiener Begegnungen. Deutsche Dichter in Österreichs Kaiserstadt. 1750-1850. Verlag derNation. Berlin, 1989. s. 276 20
  22. 22. verschenken“71, so landeten sie doch häufig in verschlossenen Schreibtischschubladen.Gleichzeitig beweist die unermessliche Anzahl der Verse von Frauen, bekannt oderunbekannt, in Anthologien, Musenalmanachen oder Modejournalen, die schrittweiseEroberung der Öffentlichkeit durch weibliche Lyrik.Die Frau als Versinnbildlichung des Schönen bot sich dabei als ideale Verkörperung desPoetischen an. Dabei wurde ihr jeglicher Zugang zur Vernunft abgesprochen, ohnehin dieSphäre des Mannes, von dem sie abzugrenzen war. Die Vernunft wiederum war dem Bereichder Poesie ebenfalls diametral gegenübergestellt. „Seit der europäischen Romantik hat sichdie Auffassung durchgesetzt, Poesie spreche dort, wo die Vernunft versagt. Und eines derWesensmerkmale, die der Frau als ‚schöner Seele’ gesellschaftlich zugeschrieben wurden, istnun gerade ihre Un-Vernunft. Dem Bereich des ‚Naturschönen’ zugeordnet, konnte die Frauals Repräsentation des Poetischen an sich gelten.“72 Dazu gesellt sich die Vorstellung der Frauals Blume gleich den in Anthologien gesammelten Versen – als „Blumen- und Blütenlese“, sodie wörtliche Bedeutung von „Anthologie“ – die sich nach dem ‚Blumendasein’ der Frauenrichtet. „Nur das Schöne, Reine, Edle, Harmlose, Gefällige und Angenehme wird ausgewählt;Kompliziertes und Sprödes, Gedankliches und Ironisches, Anstoßerregendes und Irritierendesaber muten die Anthologisten den angeblichen ‚Hüterinnen des Schönen’ nicht zu.“73 Dieseverengte Auffassung des Bereichs des Weiblichen entspricht der lebenswirklichen Situationder Begrenzung des weiblichen Wirkungskreises auf Heim und Herd und dem Weiblichenzugewiesenen Bereich der Liebe, Schönheit und Natur und wird von den schreibenden Frauenin ihren Werken zu großen Teilen reproduziert.Schon im 18. Jahrhundert machten Frauen einen Großteil des Lesepublikums von Romanenaus. Zwischen 1750 und 1800 erschienen zum Beispiel in Deutschland über 5000 Romane,die hauptsächlich von Frauen gelesen wurde. Gleichzeitig wurde das weibliche Lesen alsfalsch disqualifiziert, denn Frauen würden zuviel und mit Romanen das Falsche lesen, „kurz:falsches Lesen ist weiblich.“74 Diesem Verständnis liegt ein gewandelter Genie-Begriffzugrunde: „Genie ist nicht mehr als Subjekt allein verantwortlich für die Gesetze der Kunst,es ist vielmehr Vollstrecker einer Eigengesetzlichkeit des Kunstwerks; und diese fliegt nicht71 Wehinger, Brunhilde: „Die Frucht ist fleckig und der Spiegel trübe“. Die Lyrikerinnen im 19. Jahrhundert. In:Gnüg, Hiltrud u.a. (Hg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart.Stuttgart, 1985. S. 219-239, hier S. 21972 Ebd. S. 22073 Häntzschel, Günter: Die deutschsprachigen Lyrikanthologien 1840 bis 1914. Sozialgeschichte der Lyrik des19. Jahrhunderts. Wiesbaden, 1997. S. 4474 Günter, Manuela: Im Vorhof der Kunst. Mediengeschichten der Literatur im 19. Jahrhundert. Bielefeld, 2008.S. 67 21
  23. 23. mehr aus der Natur zu, sondern muss mit der Tradition vermittelt werden.“75 Da sichweibliche Bildung, sofern überhaupt genossen, jedoch auf die Förderung der poetischenEmpfindsamkeit beschränkte und nicht die antiken Klassiker, Rhetorik undLiteraturgeschichte beinhaltete, blieb der Frau das Dasein als Genie versperrt. „[W]eshalb esdann tatsächlich auch keine weiblichen Genies geben kann, da ihnen doch zum Namen auchnoch die Bildung und das heißt Begriff und Bewusstsein von Kunst fehlen.“76 Prägend für dieGrenzziehung zwischen männlichem und weiblichem Prinzip im Literatursystem waren dieIkonen Goethe und Schiller. Wurde bei ihnen Autorschaft und Werk männlich codiert, bliebdem Weiblichen der Bereich des Publikums und der Unterhaltung – des Dilettantismus –vorbehalten. „Partei für die Kunst ergreifen heißt nämlich nichts anderes, als ‚Kunst gegenPseudokunst, Auswahl gegen Masse, männliches gegen weibliches Prinzip’ zu stellen. Mitschlafwandlerischer Sicherheit enden dann auch die Skizzen über den Dilettantismus bei den‚Weibern’, und auch der Briefwechsel zeigt, dass es vor allem Texte von Frauen waren, andenen Goethe und Schiller den Begriff für sich klärten.“77 Doch war ihnen auch ihreAbhängigkeit von den lesenden und schreibenden „Dilettantinnen“ bewusst, denn diesetradierten mit ihrer Rezeption die Werke derer, die sonst möglicherweise dem kollektivenGedächtnis abhanden gekommen wären. Und so bildeten Frauen im 19. Jahrhundert nicht nurdie mehrheitliche Leserschaft zielgruppenorientierter Lyriksammlungen, sondern wurdenZielgruppe unzähliger Preise und Dichterausschreibungen. Jedoch machte ihnen ihre fehlendeAnerkennung weiterhin zu schaffen, schwebte der Makel des Dilettantismus weiterhin überihnen. „Die stillschweigende Übereinkunft, das Weibliche vermittle sich auf spontane Weisepoetisch, machte jenen Autorinnen zu schaffen, die sich nicht mit dem Verdikt abfindenwollten, weibliche Poesie sei dilettantisch, mit Lust und Liebe, im besten Fall mit Raffinesseverfasst, aber ohne poetische Reflexion und habe mit Kunst nichts zu tun.“78 BrunhildeWenninger beobachtet unter den Lyrikerinnen drei verschiedene Stereotype: Erstens den„Blaustrumpf vom Stande“79, so Annette von Droste Hülshoff ironisch über sich selbst, diesich zwar zu vornehm war, um eine Meinung zum literarischen Tagesgeschehen zu äußern,aber trotzdem den „Habitus des ‚stolzen Künstler’“80 kritisierte und die „trivialisierte Pose des75 Ebd. S. 5776 Ebd. S. 5777 Ebd. S. 6078 Wehinger, Brunhilde: „Die Frucht ist fleckig und der Spiegel trübe“. Die Lyrikerinnen im 19. Jahrhundert. In:Gnüg, Hiltrud u.a. (Hg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart.Stuttgart, 1985. S. 219-239, hier S. 22079 Vgl.: Ebd. S. 22080 Ebd. S. 220 22
  24. 24. romantischen Dichters“81 ironisierte. Als zweiter Typus erscheint die professionelleSchriftstellerin, die für ihre Unabhängigkeit und gesellschaftliche Anerkennung kämpft, wieElizabeth Barrett-Browning, die große Anerkennung bei einem Teil der Leserschaft fand.82Der dritte Typus bedient genau das beschriebene Bild der Frau als Verkörperung desPoetischen, wie Marceline Desbordes-Valmore, die modellhaft für die dichtende Frau amAnfang des 19. Jahrhunderts steht. Liebe und Dichtung bedingen sich bei ihr gegenseitig, siefolgt der romantischen Doktrin des unbewussten Schöpfertums. „Die Großen unter denzeitgenössischen Dichtern haben sie literarisch portraitiert und das Bild fixiert von derglühenden Dichterin, jeder Schulung und Kunstunterweisung fremd, deren Lehrmeister einzigdas Herz und die Liebe sei.“83 Die romantische Tradition mit den Erweiterungen der lyrischenGattungen ermöglichte den Frauen aber auch erst Freiheiten gegenüber dem klassischenRegelkanon. Sprache diente dabei nicht der poetologischen Reflexion, sondern als Mediumzur Mitteilung von Gefühlen, in denen sich insbesondere die Leserinnen wieder findensollten.Gleichwohl der Beschränktheit weiblicher lyrischer Ausrucksweisen gab die Lyrik der Fraueine Stimme und die Möglichkeit der Äußerung weiblicher Subjektivität. „Während diegesellschaftliche Artikulation des weiblichen Ich in der Subjektposition eher als ‚Schweigen’überliefert ist, gesteht die Lyrik traditionell dem Ich die zentrale Stellung zu.“84 So ist im 19.Jahrhundert eine Spaltung in männliche Öffentlichkeit und weibliche Privatheit zubeobachten, wobei der Frau die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit Position zu beziehenverwehrt blieb und gesellschaftlich, außer im Rahmen der dem Adel und Bürgertumvorbehaltenen „Enklave“ Salon, nicht akzeptiert war. Insofern erscheint die Lyrik alsFluchtposition, sogar imaginierter aber nicht mehr ganz privater Ort weiblicher Öffentlichkeitbeziehungsweise als Ort der Freiheit, das anzusprechen, was man will. „Die Besonderheit derlyrischen Sprechweise privilegiert das Subjekt und erlaubt ihm – gemessen an der Sprache desAlltags – die Freiheit, die zweite Person zu modifizieren. Es kann sozusagen alles anreden,Menschen und Objekte ebenso wie Naturphänomene oder Phantome, nicht zuletzt das eigeneSpiegelbild.“85 Gerade im Vormärz und zur Zeit der Revolution 1848 blühte dieAgitationslyrik auf und klagte das Recht der Frau auf Gleichberechtigung ein. Doch in derZeit der Reaktion ab Mitte des 19. Jahrhunderts fiel die Frauenlyrik zurück in einen Zustandder Hoffnungslosigkeit. „Auf der Suche nach neuen literarischen Formen, die das81 Ebd. S. 22082 Vgl.: Ebd. S. 22083 Ebd. S. 22184 Ebd. S. 22885 Ebd. S. 228f. 23
  25. 25. Bewusstsein der frauenrechtlich engagierten Schriftstellerinnen zum Ausdruck bringenkonnten, ist die Lyrik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Hintertreffen geraten. Siekaprizierte sich auf die traditionelle Rhetorik, verklärte die Opfer (Frauen und Kinder) odersuchte Trost bei der noch unverwüsteten Natur.“86Wie lässt sich das Werk Cziglérs im Kontext des untersuchten Zeitgeschehens lesen, woraufzielte die Autorin mit ihrem schriftstellerischen Wirken ab und was sagt es über sie selbstaus? Dieser Fragestellung soll im folgenden Kapitel nachgegangen werden.86 Ebd. S. 238 24
  26. 26. 3. Das literarische Werk der AutorinHermine Cziglér war Poetin, Lyrikerin, Essayistin und Journalistin. Sie begann ihrliterarisches Wirken mit der Poesie, verlegte sich dann auf das Feld des Journalismus undbrachte außerdem eine Sammlung von Essays heraus, in denen sie zu kulturellen FragenStellung bezieht. Im Folgenden sollen erstens ihre Gedichtbände, zweitens die von ihrherausgegebene Zeitschrift „Fata Morgana“87 und drittens ihre Aufsatzsammlung „Streifzügeauf dem Gebiete des Culturlebens“88 genauer betrachtet werden. 3.1. Die lyrischen WerkeZwischen 1858 und 1877 publizierte Hermine Cziglér fünf Gedichtbände. Der Gedichtband„Liederkranz“ (1859)89, den sie mit 19 Jahren veröffentlichte, enthält „als Zeichen HöchsterVerehrung“ eine Widmung zugunsten Anton Alexanders von Auersperg, der seinerzeit unterdem Pseudonym Anastasius Grün publizierte. In dem Widmungsgedicht spricht sie vom„hellen Genius“90, der Trümmer und Schutt in blühende Landschaften verwandelt und dieGegend nun „der Hoffnung Grün“91 trägt. In den Poesiegestalten (1863) preist sie den Poetenin dem Vers „Dichtergarten“ ein weiteres Mal: „So gleich dem Immergrüne, Lässt hin duwehen durch die Welt der Hoffnung Fahne, Sie pflanzend hoch auf Trümmer, Schutt derLebensbühne.“92 Anders als Grün jedoch hielt sich Cziglér auf dem Gebiet der politischenLyrik zurück, obgleich sie seinem Kampf um Meinungsfreiheit Tribut zollte. Im„Liederkranz“ kreisen die Dichtungen sodann um Themen wie das Aufwachen des poetischenGeistes in ihr selbst und der Poesie an sich, Gespenster, Natur, Tod, Abschied, Reise,Jahreszeiten, Gefühle der Sehnsucht, des Wartens, der Wünsche sowie patriotische Themen.Ihre poetischen Botschaften scheinen den Ursprung in ihrem Herzen zu haben, das poetischeGenie direkt aus ihrer Seele zu sprechen, wie das Gedicht „Der schlummernde Genius“bezeugt: „Es lag ein Genius in meiner Seel` verborgen […]. Er pocht mit Ungestüm anmeines Herzens Pforte, als wollt er sprengen sie […].“93 Hier zeigt sie sich als die glühende,87 Cziglér v. Eny-Vecse, Hermine (Hg.): Fata Morgana. Encyclopaedisch-Belletristische Wochenschrift. Pest,1864 -88 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens. Wien 188589 Cziglér von Ény, Hermine: Liederkranz. Gedichte. Wien 185990 Ebd. Widmung.91 Ebd. Widmung.92 Cziglér von Ény-Vecse, Hermine: Poesiegestalten. Gedichte. Pest 1863. S. 16093 Cziglér von Ény, Hermine: Liederkranz. Gedichte. Wien 1859. S. 1f. 25
  27. 27. empfindsame Dichterin, die sich an ein Publikum wendet, dem die Intensität des Fühlens einsteter Begleiter der Lektüre ist. Vier Jahre später veröffentlicht Cziglér ihre „Poesiegestalten“(1863)94, ein Streifzug durch beinahe sämtliche Formen und Gattungen der deutschenDichtkunst, wobei sie jeweils eigens verfasste Beispiele voranstellte und im zweiten Teil dietheoretische Erläuterung anhängte. Es sollte weniger ein Lehrbuch, sondern vielmehr ein„Buch der Unterhaltung“ und ein „Handbuch der Dichtung“ sein, das „so gleichsam alskurzweilige Anleitung zum klaren Verständnisse der Poesie in ihren bunten undmannigfaltigen Gestaltungen dienen kann, - den Unkundigen aber auf eine unterhaltendeWeise mit dem Wesen der Dichtkunst bekannt und vertraut machen soll.“95 Das Buch ist inzwei Bände aufgeteilt: der erste widmet sich der lyrischen und der zweite der epischen Poesie.Im ersten Band bewegt sie sich wieder im Themenkreis von Natur, Religion, Liebe,Patriotismus und antiker Formen sowie der Anrufung ihrer lyrischen Vorbilder, wie Grün,Heine, Grillparzer, Schiller, Goethe und anderer. Als geborene Ungarin bezieht sie auchStellung zu ihren national-politischen Ansichten. In dem Gedicht „Gruss der Freiheit“(1860)96 feiert sie euphorisch die nationale Emanzipationsbemühungen Ungarns, das mitseinen Bestrebungen nach nationaler Selbständigkeit innerhalb der Habsburgermonarchie dengrößten Erfolg hatte, mündete der Kampf doch in die Annerkennung des Staates Ungarndurch Österreich und zur Umbildung der Nation in die k.u.k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, die von 1867 bis 1914 Bestand hatte. „O lasst mit Euch mich rufen / So treu undunverwandt: / Es lebe Ungarns König! / Es leb das Vaterland!“97 So rühmt sie das Ringen derungarischen Nation um Selbstbestimmung und Geltung, das nicht erst seit der 1848erRevolution das Land umtreibt. Cziglér ist sich dabei bewusst, dass sie nur fernab deseigentlichen Ortes des Geschehens, des Schlachtfeldes, der politischen Öffentlichkeit,mitfiebert. „Wie alles jubelt! Brüder! / O schließt mich da nicht aus! / Auch ich theil` eureWonne / In meiner stillen Klaus`.“98 Jedoch zeigt die Autorin auch ihre Furcht und Abscheuvor der Gewalt der unkontrollierten Massen und beruft sich stattdessen auf die Hoheit desGesetzes zur Durchsetzung des Willen des Volkes, was sie in dem an den liberalenungarischen Politiker Franz Déak gerichteten Gedicht „An Franz Déak“99 zur Sprache bringt.„Du willst des Volkes Recht und Gut / Mit des Gesetzes Waffen schützen; / Doch nicht in94 Cziglér von Ény-Vecse, Hermine: Poesiegestalten. Gedichte. Pest 186395 Ebd. S. II96 Ebd. S. 50-5197 Ebd. S. 50-5198 Ebd. S. 50-5199 Ebd. S. 52-54 26
  28. 28. Aufruhrs blinder Wuth / Der Brüder theures Blut versprützen.“100 Im zweiten Teil der„Poesiegestalten“ wird die Haltung von Hermine Cziglér gegenüber dem sogenannten„Pöbel“, womit das Proletariat gemeint ist, in folgendem Aphorismus deutlicher. „Nicht sollstden Pöbel du verachten, / Auch als dir gleich ihn nicht betrachten, / Denn kein`s von beidenthut wohl gut; / Er soll als freundlich dich erkennen, Mit Achtung deinen Namen nennen, /Sonst sei vor ihm auf deiner Hut.“101 Aus ihren Worten spricht eine seit der 1848er-Revolution in liberalen Kreisen verbreitete „Urangst“ vor der entfesselten Arbeiterschaft undder „Weckung der Bestie im Menschen“, vor Anarchie und Zivilisationsbruch.102 HermineCziglérs Worte erinnern an diejenigen Liberalen, die an einer hierarchisch gestuftenGesellschaft festhielten, die Revolution beenden wollten und die sich 1848 von demdemokratischen Liberalen, welche mit der Arbeiterklasse zusammenarbeiten wollten,abspalteten. Wie sie zeigt auch die Autorin kein Vertrauen in das „ungebildete“ Proletariatund fürchtet im Kommunismus und Sozialismus stattdessen eine Art Tyrannei des gemeinenVolkes auf Kosten der Besitzenden, wie sie 1885 in ihrer Essay-Sammlung „Streifzüge aufdem Gebiete des Culturlebens“103 deutlich macht. „Socialismus, das geflügelte Wort derNeuzeit […]. Politische Ungebundenheit und gesellschaftliche Gleichberechtigung soll allerNoth und allem Elende ein Ende machen, nämlich: das Proletariat will sich`s auf Kosten derReichen wohlergehen lassen, ohne dafür etwas zu leisten.“104An den zweiten Teil der „Poesiegestalten“ hängte Hermine Cziglér eine Miniatur-Poetik,worin sie die Rolle der Dichtkunst aus ihrer Sicht darstellt. Sie betont den Geist und Seeleveredelnden Charakter der Dichtkunst. „Die Dichtkunst trägt im Reiche der schönen Künsteunstreitig die Herrscherkrone; denn ihr allein ist es eigen, bildend, verfeinernd und veredelndauf Seele und Geist, auf Herz und Gemüth zugleich einzuwirken. Sie ist derVerbindungsfaden zwischen Ideal und Wirklichkeit […].“105 Ziel sei die Hervorbringungeines vollkommenen Ganzen, welches aus dem gemeinsamen Wirken von Geist und Gemütunter Leitung der Vernunft und des Verstandes, entstehen soll. „Die Vernunft stellt denGedanken auf, welcher nach seinem Charakter behandelt und entwickelt werden soll, undzwar nach jenen strengen Regeln und Formen, welche der Verstand für die Dichtkunstaufstellt, deren Lehre insgesammt: Poetik genannt wird.“106 Entgegen dem Klischée der100 Ebd. S. 52-54101 Ebd. S. 153102 Vgl.: Rumpler, Helmut u. Urbanitsch, Peter: Die Habsburgermonarchie. Band VIII/1. PolitischeÖffentlichkeit und Zivilgesellschaft. Wien, 2006. S. 52103 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens. Wien, 1885.104 Ebd. S. 132105 Cziglér von Ény-Vecse, Hermine: Poesiegestalten. Gedichte. Pest 1863. S. 197106 Ebd. S. 197f. 27
  29. 29. „glühenden“ und jeglichen Regeln der Dichtkunst fremden dilettierenden Lyrikerin, setzt sichHermine Cziglér in ihren „Poesiegestalten“ auch theoretisch-reflektiv mit der Dichtkunst,auseinander. In ihrem Verständnis von Poesie scheint auch schon ihr Kunstbegriff hindurch,den sie 1885 in einer Essay-Sammlung107 näher erläutert. In dem Kapitel „Über die Kunst“beschreibt sie die Bestimmung der Kunst als „Doppelideal“, indem diese sowohl auf denGeist als auch das Herz ergreift. „[D]enn sie (i.e. die Kunst, Anm. F.R.) soll die Menschheitveredeln, den Geist erheben und verklären, das Herz verfeinern und erfreuen.“108 Nur soferndie Kunst dem Streben des Geistes nach Fortschritt und dem Bedürfnis des Herzens nachGlückseeligkeit entspräche, würde sie auf den Menschen veredelnd wirken. „Doch vermag einKunstwerk nur dann veredelnd auf den Menschen einzuwirken, wenn es seinem nachFortschritt strebenden Geiste genügt, nur dann das Herz zu vergnügen, wenn es seinen Drangnach Glückseeligkeit befriedigt, da Vollendung das Ideal des Geistes, und Glückseeligkeit dasIdeal des Herzens ist, die Ausgangspuncte von Fortschritt und Vergnügen aber auch dasDoppelideal der Kunst bilden […].“109 Ähnlich idealistisch und teleologisch fasste auchSchiller die Aufgabe der Kunst auf. Diese solle den Charakter veredeln und so eineVerbesserung des Politischen bewirken.110 In seinen Schriften über die ästhetische Erziehungdes Menschen erhebt er die Kunst zu dem Werkzeug, um einen harmonischen Ausgleich vonVerstand und Gefühl zu erreichen, wobei er beiden Elementen ihre Funktion zuweist. „DieVernunft hat geleistet, was sie leisten kann, wenn sie das Gesetz findet und aufstellt;vollstrecken muss es der mutige Wille, und das lebendige Gefühl.“111 Es käme auf dieAusbildung des Empfindungsvermögens an, um die Erkenntnisse des Verstandes, wie ineinem Zirkelschluss, auch leibhaftig verwirklichen zu können. „Nicht genug also, dass alleAufklärung des Verstandes nur insoferne Achtung verdient, als sie auf den Charakterzurückfließt; sie geht auch gewissermaßen von dem Charakter aus, weil der Weg zu demKopf durch das Herz muss geöffnet werden. Ausbildung des Empfindungsvermögens ist alsodas dringendere Bedürfnis der Zeit […].“112 Cziglér kann als „Schillerianerin“ bezeichnetwerden: Ihre Äußerungen und Zitate, auf die später noch eingegangen wird, weisen Parallelenzu Friedrich Schillers Ideenwelt auf. Und nichtzuletzt die Pränumeranten-Liste am Ende der„Poesiegestalten“ gewährt einen interessanten Einblick in die prominente Leserschaft und denWirkungskreis der Autorin. Angefangen vom Kaiser Österreichs, Franz Josef I., über107 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens. Wien 1885.108 Ebd. S. 166109 Ebd. S. 166110 Vgl.: Schiller, Friedrich: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. (Hg.:Berghahn, Klaus L.). Stuttgart, 2006. Neunter Brief. S. 33111 Ebd. Achter Brief. S. 31.112 Ebd. Achter Brief. S. 33 28
  30. 30. ausländische Souveräne, Vertreter der Geistlichkeit, Fürsten bis hin zu Abonnenten ausKunst, Wissenschaft und Wirtschaft, findet sich eine bunte Schar an Lesern, um mit denGrafen Andrassy, k.k. Oberst Viktor von Windisch-Grätz, Graf Anton Alexander vonAuersperg (alias Anastasius Grün), Franz Déak, Franz Grillparzer, Dr. Paul Heise, Franz Lisztsowie dem Großhändler Rothschild nur einige zu nennen. 3.2. Die Zeitschrift „Fata Morgana“Hermine Cziglér betätigte sich neben der Lyrik auch auf dem Feld der Journalistik. Bekanntist die von ihr herausgegebene und 1864 erstmals publizierte „Encyclopaedisch-BelletristischeWochenschrift ‚Fata Morgana’“, für die sie vom österreichischen Staatsministerium einejährliche Subvention erhielt.113 Die wöchentlichen Ausgaben beginnen jeweils mit einemGedicht, welches sogleich von einem Fortsetzungsroman aus der Feder der Herausgeberingefolgt wird. In der ersten Ausgabe ist der Roman „Das Karpatenschlosz“ mit „Novelle vonH.“ untertitelt, in der zweiten Ausgabe mit „Miniaturroman von Hermine Cziglér von Vecse“.Weiterhin finden sich in der Zeitschrift Reiseerzählungen, theoretische Betrachtungen zurPoesie, wissenschaftlich fundierte Ernährungstipps, adressiert an „unsere schönenLeserinnen“114, Kommentare zum Zeitgeschehen, kurze Literatur-Berichte und Notizen zuPersonalia und Veranstaltungen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich periodischenZeitschriften wie die „Fata Morgana“ auf dem neu entstandenen kulturellen Massenmarktetabliert. Doch schon um 1800 ist eine „Journalisierung der Literatur“115 zu beobachten, inForm von Novelle, Skizze, Porträt und Anekdote, welche im 19. Jahrhundert in denFamilienzeitschriften übliche Darstellungsweisen waren. Insbesondere die Transformation desRomans zum Fortsetzungsroman nutzt die Periodizität des Mediums, weil es „die zeitlichenLücken zwischen dem Erscheinen des Periodikums überbrücken und durch geschickteUnterbrechung das Interesse je nachdem – eine Woche, einen Monat, ein halbes Jahr – wachhalten muss.“116 Die wöchentlich erscheinende „Fata Morgana“ nimmt somit eine Positionzwischen der Aktualität einer Tageszeitung und der „Zeitlosigkeit“ eines Buches ein. Insofernerfüllt der Roman als literarische Serie auch die Funktion, den Leser immer wieder zur jeweils113 Vgl: Brümmer, Franz: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts biszur Gegenwart. Band 1. Leipzig, 1913. S. 406f.114 Rokonyi, Dr.: Die Nahrungsmittel, ihre Zubereitung und Nährkraft. In: Cziglér v. Eny-Vecse, Hermine (Hg.):Fata Morgana. Encyclopaedisch-Belletristische Wochenschrift. Nr. 1, 3. April, Pest, 1864. S. 12-14. Hier S. 12115 Vgl.: Günter, Manuela: Im Vorhof der Kunst. Mediengeschichten der Literatur im 19. Jahrhundert. Bielefeld,2008. S. 70116 Ebd. S. 70 29
  31. 31. aktuellen Ausgabe greifen zu lassen, und damit den Produzenten den kontinuierlichen Absatzzu garantieren. Manuela Günter beschreibt insbesondere die Novelle als eine Gattung, die seitjeher Domäne der Presse sei und erkennt in den gattungsinternen Strukturen der NovelleStrukturen der Periodika.117 Sie weist außerdem auf den besonderen Realitätsgehalt derErzählliteratur des 19. Jahrhunderts hin, „weil Autoren aufgrund des erheblichenProduktionsdrucks mit Vorliebe auf historische Werke oder Zeitungsmeldungenzurückgriffen.“118 Den journalistischen Gepflogenheiten widersprach es, Geschichten einfachzu erfinden. „Die Novelle profitiert und zehrt vom Wahrheitsanspruch der Nachricht.“119 DieFortsetzungs-Novelle zeichnet sich also durch die fiktive Erzählung, die jedoch in einerwahren Begebenheit gründet, aus. Die Wahrheit der Begebenheit, auf der die fiktiveErzählung beruht, ist gleichzeitig Kennzeichen der Gattung. Der Verweis auf Belletristik imNamen der Wochenschrift „Fata Morgana“ zeigt seine Verpflichtung auf Unterhaltung einesvor allem weiblichen Publikums an; das Enzyklopädische lässt dagegen an ein strukturiertesund informatives Nachschlagewerk denken, das zu dem Themenkreis der Belletristiktheoretische Auseinandersetzungen bereithält. Unterhaltung und Information vor allem für diegebildete und literarisch interessierte Leserin – so könnte die Zielgruppenvorstellung derRedakteurin Hermine Cziglér geheißen haben. 3.3. Hermine Cziglérs „Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens“Im Jahre 1885 publizierte die Autorin unter dem Namen Hermine Cziglér von Vecse-Cappilleri ihre „Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens“, eine Sammlung von Essays zuverschiedenen kulturellen Themen. Darin kritisierte sie zum Beispiel die durch eine aus ihrerSicht übertriebene Aufklärung verursachten Glaubenszweifel. „Unser Säculum ist einüberaufgeklärtes, wo Gottesleugnung und Glaubenszweifel auf der Oberfläche der Strömungtreiben, wo die Verfechter eines trügerischen Lichtes die Gottheit physikalisch in ein natürlichNichts zersetzen, als ein Unding analysieren – und es in mancher Schichte der Gesellschaftschon zum guten Tone gehört: ‚an gar nichts zu glauben!’“120 Es mag an Cziglérs katholischerErziehung liegen, dass ihr jegliche Glaubenszweifel unverständlich waren und höchstschädlich erschienen, entledigten sie doch „das bis zur Verzweiflung ernüchterte Gemüth des117 Vgl.: Ebd. S. 152118 Ebd. S. 153119 Ebd. S. 153120 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens. Wien 1885. S. 1f. 30
  32. 32. Schwachen“, so die Autorin, „jeder Hoffnung, jedes Haltes“121. Gleichzeitig prangert sie ineinem weiteren Kapitel den auch in aufgeklärten Zeiten noch weit verbreiteten Aberglaubenan und zeigt ihr Unverständnis für „kleinliche Geister […], die in den unbedeutendstenDingen und Erscheinungen der Sinnenwelt eine Beziehung zur Geisterwelt erkennen wollenund mit aller Gewalt den natürlichen Wirkungen die unnatürlichsten Ursachen unterschieben,und umgekehrt, von den natürlichsten Ursachen die unnatürlichsten Wirkungen ableitenwollen.“122 Sie beklagt den Aufgeklärten, dessen Aufgeklärtheit nur nach außen vorgehalteneAttitüde sei und der insgeheim sich dem Diktat des Aberglaubens doch nicht entziehen könne.Der Aberglaube sei „trotz immer zunehmender Geistesbildung und Aufklärung, bis zumheutigen Tage nicht völlig in Stücke gegangen. Wohl wird er allgemein bespöttelt undbelacht, wohl dient sein stiller Anhänger als Zielscheibe des beißendsten Witzes, und dennochbeugt sich so Mancher insgeheim seiner absolutistischen Gewalt, der vor der Welt als seineifrigster Bekämpfer gilt.“123 Cziglér ist eine Vertreterin der Aufklärung, jedoch lehnt sie eineübertriebenen alles in Zweifel ziehenden Rationalismus ab. Gleichzeitig bekennt sie sich zurNotwendigkeit eine religiösen Kultur, wobei sie jedoch jeglichen Aberglauben verurteilt.In dem Kapitel „Vaterlandsliebe“ räsoniert Cziglér über den Unterschied von Nationalstolzund Patriotismus. Besonders hervorzuheben ist dabei der einführende Abschnitt zum ThemaPatriotismus, indem sich die Autorin meint deutlich von politischem oder staatsgefährlichemInhalt distanzieren zu müssen. „Patriotismus! welch ein bedeutungsvolles, welch` eingefährliches Wort in unserer politischen Zeit! Also wird vielleicht mancher unsererfreundlichen Leser beim Anblicke dieser Aufschrift in gerechter Besorgnis aufschreien, - imGedanken wenigstens. Doch beruhigen Sie sich und seien Sie im Vorhinein versichert, dasskein politischer Artikel Sie bedroht, dass wir selbst der Politik ganz ferne stehen, ebensoferne, als der Dichter der Mathematik, und wir von der Politik fast so wenig verstehen, alsmancher Kritiker von der Kunst, - womit wir immerhin genug gesagt zu haben glauben.Mithin haben unsere geehrten Leser nichts Staatsgefährliches zu fürchten; der hier folgendeAufsatz ist rein contemplativer Natur, eine Reihe flüchtiger Streiflichter aus der Laternaspirituosa über ein großes Wort, das sich in seinem dunklen Sinne schon zur Weltfrageaufwarf.“124 Es stellt sich die Frage, warum sich Cziglér ausdrücklich von jeglicher politischeroder sogar staatsgefährdender Äußerung meint distanzieren zu müssen. Vielleicht meint sie,wer sich der Kunst verschreibe, könne sich nicht auch noch zur Politik zu Wort melden.121 Ebd. S. 1f.122 Ebd. S. 28123 Ebd. S. 27124 Ebd. S. 51 31
  33. 33. Vielleicht ist aber der Schlag, den die Emanzipation Ungarns der Wiener Obrigkeit versetztehart genug gewesen, dass bei Äußerungen zu diesem Thema Fingerspitzengefühl geboten war.Jedoch verbirgt Cziglérs Text tatsächlich keinen staatsgefährlichen Inhalt und die Autorinvertrat offensichtlich auch diejenige liberale Linie, die sich mit der Obrigkeit versöhnt hatte,jegliches Blutvergießen im Laufe der Revolution beenden wollte und an dem Status quofesthielt. Dies bezeugt nicht zuletzt Cziglérs Verehrung für Franz Déak, „des Landes größterPatriot und treuester Führer“125, der die liberale Bewegung in Ungarn einigte, sich unteranderem für die Rechte der Bauern, Meinungs- und Religionsfreiheit sowie die Abschaffungder Todesstrafe einsetzte, und der während der Revolution zwischen der ungarischenRegierung und dem Wiener Hof vermittelte. Nachdem Preußen Österreich mit derEntscheidung für die sogenannte „Kleindeutsche Lösung“ 1866 aus dem weitere deutschenGeschichtsverlauf ausschloss und schwächte, sah Déak in einem Bündnis mit dem außerdemdurch interne Nationalitätenprobleme geschwächte Österreich unter der Führung einesMonarchen, der sich im Krönungseid der ungarischen Nation verpflichtet, den einziggangbaren Weg. Den Adel überzeugte er überdies mit dem Hinweis, dass der Ausgleich dieMöglichkeit bieten würde, die territoriale und politische Integrität des Großgrundbesitzes zuwahren und die Herrschaft über die nichtmagyarischen Nationen Ungarns fortzusetzen.Möglicherweise kam dieses Bestreben auch der Familie Cziglérs, einem altenAdelsgeschlecht, zugute. Graf Andrassy, der 1867 von Franz Joseph I. schließlich zumungarischen Ministerpräsidenten ernannt wurde, findet sich auch auf der Pränumeranten-Listevon Cziglérs „Poesiegestalten“126, ein weiteres politisches Bekenntnis Cziglérs.In dem Kapitel „Über die Frauenfrage“ bezieht die Autorin schließlich Stellung zurEmanzipation der Frau und offenbart dabei ein Weiblichkeitsbild und Rollenverständnis, dasderzeit verbreitet war und unter anderem von Friedrich Schiller beeinflusst ist. Da die Autorinselbst mit Voreingenommenheiten gegenüber schreibenden Frauen konfrontiert gewesen seindürfte, könnte eine genauere Beleuchtung dieses speziellen Textes Aufschluss über ihreigenes Verständnis von Weiblichkeit geben.125 Ebd. S. 54126 Cziglér von Ény-Vecse, Hermine: Poesiegestalten. Gedichte. Pest 1863 32
  34. 34. 4. Hermine Cziglér zur Emanzipation der FrauAus Cziglérs „Streifzügen“ soll nun der Essay „Über die Frauenfrage“ exemplarisch im Detailuntersucht werden und das Themenfeld weiblicher Emanzipation und Weiblichkeitsbildersowohl aus Sicht der Autorin als auch anderer Stimmen dieser Zeit und jener, die dasWeiblichkeitsbild prägten. Damit soll ein im 19. Jahrhundert weit verbreitetes Bild vonWeiblichkeit nachgezeichnet werden, welches auch auf Hermine Cziglér prägend wirkte unddem sie sich nicht entziehend konnte. Zu Beginn des Kapitels erkennt die Autorin dieNotwendigkeit und noch unzureichende Emanzipation der Frau an, denn „die Frauen-Emancipation hat sich zur Weltfrage aufgeworfen, wenngleich sie für die Frauen selbst bisheute noch immer keine genügende, befriedigende Lösung fand“127. Plötzlich aber scheintihre Argumentation zu kippen, als sie beginnt, ihr Verständnis der Rollenverteilung von Mannund Frau zu erläutern. „Vom Ursprunge des Menschengeschlechtes, also vom Uranfange dergesellschaftlichen Errichtung ist sowohl von Natur und Zeit, als von Staat und Verhältnissendem körperlich schwächeren, zarteren Geschlechte das Haus als Stätte seines stillen, edlenund heilbringenden Wirkens angewiesen, während der mit physischer Stärke und Kraftreichlicher ausgerüstete Mann die weite Welt als bunten Schauplatz seines vielbewegtenStrebens und Kämpfens zugewiesen erhielt.“128 Die Frau regiere im Heim, der Mann in deröffentlichen Sphäre – das Argument, dass diese Zustände seit alters her so vorzufinden seien,scheint als Beweis für die Richtigkeit der Behauptung auszureichen. Die von Cziglérpostulierte Rollenverteilung entspricht dem Zeitgeist zum Ende des 19. Jahrhunderts genauwie dem des Biedermeier und wird von ihr zudem durch ein Schiller-Zitat bekräftigt. „Wieauch Schiller hierüber sagt: / Der Mann muss hinaus / In`s feindliche Leben, / Muß wirkenund streben, / Und pflanzen und schaffen, / Erlisten, erraffen, / Muß wetten und wagen, / DasGlück zu erjagen, - / […] / Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus, / Und drinnen waltet/ Die züchtige Hausfrau, / Die Mutter der Kinder, / Und herrschet weise / Im häuslichenKreise, u.s.w.“129 Diese von der Autorin als weihevoll empfundene „beglückendeBestimmung“ der Frau scheint von nicht wenigen weiblichen Stimmen in der Öffentlichkeitals ungenügend abgewiesen worden zu sein. Vielmehr beanspruchten die Frauen des 19.Jahrhunderts, sich den öffentlichen Raum, d.h. die Sphäre des Mannes, zu erobern und den ihrzugedachten Ort zu verlassen. „Die Frau von heute will aufhören, Weib in seiner schönen,edlen und ursprünglichen Bedeutung zu sein, und in Bälde wird, wenn der Zeitgeist nicht127 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens. Wien 1885. S. 145128 Ebd. S. 145f.129 Zitiert nach: Ebd. S. 146 33
  35. 35. völlig umschlägt, noch unser Säculum nur mehr weibliche Männer und männliche Weiber, -also ein Zwittergeschlecht aufzuweisen haben.“130 Auch Schiller erschienen Frauen, die es aufmännlichem Terrain zu Ruhm brachten, als „Zwitter zwischen Mann und Weib“ die damitaber „Gleich ungeschickt zum Herrschen und zum Lieben. / Ein Kind mit eines RiesenWaffen, / Ein Mittelding zwischen Weisen und Affen!“131 wären. Cziglér befürchtet dieAuflösung und Entdifferenzierung des klar ausdefinierten Rollenverständnisses und damiteinhergehende „Metamorphosen in der gesellschaftlichen Ordnung“132, welche die Stabilitätdes Staates in Gefahr bringen könnten. „Die Begriffe von Frauen-Emancipation beginnenschon sehr drohend auszuschreiten; wenn das so fortgeht, dürfte wohl in nicht zu langer Zeitder gesammte Staatenbau in seinen Grundfesten wanken, das Unterste sich zu oberst kehren[…].“133 Sie scheint der Frau, womit sie sich selbst konsequenterweise einschließen müsste, inihrer „Eitelkeit“ und „oft gedankenlosen Leidenschaft“134 den verantwortungsvollen Umgangmit ihren zu erobernden Rechten nicht zuzutrauen. Deshalb meint sie, vor der Frau, der manden Zugang zur öffentlichen Sphäre der Männer gewährt, warnen zu müssen, was sienichtsdestotrotz mit einer gewissen bissigen Note vorträgt. „Und wenn mal die Frauen incorpore zu revoltiren anfangen, - da sei der Himmel dem Staate – und den Männern gnädig! –Darum, ihr Lenker der Staaten, seid klug und weise und lasst das Spiel der Galanterie nicht zuweit kommen, sonst könnte leicht böser Ernst daraus werden.“135 Obgleich sie den Frauen dieRolle als barmherzige Schwester, Künstlerin, Lehrerin und Erzieherin zugestehen will, siehtsie den wahren Ort ihrer Bestimmung am heimischen Herd im Kreise der Familie. „In trauterHäuslichkeit als liebende Gattin und zärtliche Mutter feiert das Weib unbestreitbar dieherrlichsten Triumphe!“136 Als Warnung vor dem Ausbrechen aus ihrer Rolle zitiert sie einenAphorismus aus ihren „Poesiegestalten“ (1863): „Verlasset niemals Euern Bereich, / Dennsonst ergeht`s Euch dem Hasen gleich, / Der einst mit einer Ente im Zank / Ihr nach in diePfütze lief, - und ertrank.“137 Stattdessen beruft sie sich auf die scheinbar als bewährterwiesene Tradition der Vormundschaft des Mannes, der der Frau ihren Platz zuweist, in densie sich zu fügen hat und den sie zu lieben hat. „Darum wäre es nach unserem Erachten weitbesser: es blieben die Frauen auf der idealen Höhe, welche der Mann ihnen freiwillig vonAlters her angewiesen; es war gewiss der schönste Platz, den sie bisher so würdevoll130 Ebd. S. 146131 Schiller, Friedrich: Die berühmte Frau, in: Schiller, Friedrich: Sämtliche Werke. Gedichte. Berlin, 2005. S.200132 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens. Wien 1885. S. 145133 Ebd. S. 155134 Ebd. S. 151135 Ebd. S. 151f.136 Ebd. S. 156137 Cziglér von Ény-Vecse, Hermine: Poesiegestalten. Gedichte. Pest 1863. S. 153 34
  36. 36. ausgefüllt. Auf jedem anderen Platze wird ihr Nymbus traurig erbleichen und ihr Werth, ihreMacht sich verringern.“138 4.1. Diskussion der „Frauenfrage“ in ZeitschriftenEine ähnliche Argumentationsweise wendete auch Julius Hardwig in einem Artikel zur„Frauen-Emancipation“139 an, der 1877 im Beiblatt „Der Damen-Salon“ der 14tägigerscheinenden Wiener Zeitschrift „Die Hausfrau. Blätter für Haus und Wirtschaft“ in zweiAusgaben als zweiteiliger Beitrag veröffentlicht wurde. Auch er beginnt zunächst damit, diefortschreitende Einforderung der Rechte und Anerkennung der Frauen und ihr Vordringen indie männliche Erwerbssphäre darzustellen, wobei er den Frauen alle geistigen Fähigkeitenzuspricht sowie die Fähigkeit auch vornehmlich von Männern ausgeübte Berufe zu verrichten.„Es ist wahr, die Frauen besitzen vollkommen die Fähigkeit, männliche Berufsarten zuerfassen und zu erfüllen.“140 Und doch spricht Hardwig sich, genau wie Cziglér in ihremAufsatz von 1885, gegen diese weiblichen Bestrebungen aus: „Warum? Weil das nicht ihreSache ist. Die Frauen haben eine andere Beschäftigung.“141 Und auch Hardwig dientenSchillers Dichtungen als Blaupause für die Projektion der idealen Aufgabe und desbestimmungsmäßigen Platzes der Frau. „Die Frauen, - ‚sie flechten und weben ….Himmlische Rosen in`s irdische Leben!’“142 – mit diesen ersten Zeilen von Schillers Gedicht„Würde der Frauen“ leitet Hardwig seine Argumentation ein. Er entwirft ein Bild idealisierterWeiblichkeit, das er der Sphäre des Himmels, des Schönen, des Wunderbaren, des Gefühlsund des Guten zuordnet und das seine Existenzberechtigung durch seine labende underhebende Wirkung auf den im Kampf aufgeriebenen Mann zu erwerben scheint. „Die Frauist es, die durch den Zauber edler Weiblichkeit, inmitten in der Welt der Thatsachen, dasschöne Reich des Gefühles um uns erstehen lässt, wo wir aus dem harten, wildbewegtenKampfe uns erholen und erheben, wo wir uns erlabend sonnen in den goldenen Strahlen derewigen Ideale, die aus seligeren Gefilden in dieses Wunderreich der menschlichenGefühlswelt herüberglänzen, und mit der süßen, mächtigen Gewalt des Schönen und des138 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Streifzüge auf dem Gebiete des Culturlebens. Wien 1885. S. 162139 Hardwig, Dr. Julius: Frauen-Emancipation. Neue Gedanken über ein altes Thema. In: Der Damen-Salon.Organ für die gesamten Frauen-Interessen. Redigiert von Victor Léon unter Mitwirkung von Schriftstellerinnenund fachwissenschaftlichen Capacitäten. Illustrierte belletristische Beilage der Zeitschrift Die Hausfrau. Blätterfür Haus und Wirthschaft. Wien, 8. September 1877 und Fortsetzung 22. September 1877.140 Ebd. S. 3141 Ebd. S. 3142 Zitiert nach: Ebd. S. 3 35
  37. 37. Guten unsere Seele beglücken und beherrschen.“143 Immer deutlicher kristallisiert sich ausden Worten Hardwigs heraus, das dieses Weiblichkeitsbild sich lediglich aus derAbhängigkeit zum Mann oder aus der Ableitung seiner Bedürfnisse konstituiert und nicht ausden eigenständigen Wünschen der Frau. „Dieses Amtes waltet die Frau; und dass sie es thue –dessen bedarf der Mann, um glücklich, dessen bedarf sie selbst, um beglückend und glücklichzu sein.“144 Das Glück der Frau und ihre Erfüllung liegen demnach darin, beglückend für denMann zu sein. Zudem sei ihre Aufgabe von der Natur zugewiesen, obwohl es doch eherscheint, dass der Mann ihr diese Aufgabe zuweist. Um aber diesen Zusammenhang zuverschleiern, vielleicht auch um ihn nicht wahrhaben zu müssen, wird das idealisierteWeiblichkeitsbild als Erhöhung dargestellt, das von der Frau der „erniedrigenden“Gleichstellung mit dem Mann vorzuziehen sein soll. „Die Frau kann und soll ihren derzeitigenWirkungskreis erweitern; aber emancipirt, dem Manne gleichgestellt – darf sie nicht werden.Sie will zum Manne sich erheben? Wir sagen: Nein! Sie darf zum Manne sich nichterniedrigen.“145 Ihre beglückende und labende Mission hatte die Frau idealerweise in derPrivatheit des Hauses zu verrichten und dies sei ihre naturgemäße Funktion, die gestärktwerden müsse und wodurch die „Frauenfrage“ gelöst werden könne. Diese Meinung vertrittauch der Stadtpfarrer von Kronstadt Franz Obert, dessen Rede vor dem KronstädterFrauenverein in der Oktober-Ausgabe 1886 der „Allgemeinen Frauenzeitung. Vereinszeitungder österreichisch-ungarischen Frauen-Vereine“ abgedruckt wurde. Dieselbe Ausgabe enthältauch den Artikel „Über die Kunst“146 der Cziglérs „Streifzügen auf dem Gebiete desCulturlebens“147 entnommen ist, weshalb angenommen werden kann, dass der Autorin ObertsArtikel bekannt war. Obert äußert sich folgendermaßen: „Im Hause müssen wir die Frauaufsuchen, und an das Haus müssen wir sie anknüpfen, wenn wir die der Frau naturgemäßeArbeit finden wollen. Das Haus ist die Welt der Frau. Die Frau ist die Seele des Hauses,darum muss vor allem ihre Erziehung und Bildung für das Haus berechnet sein.“148 Esscheint, dass Artikel und Wortmeldungen dieser Art innerhalb der Emanzipations-Debatte dersiebziger und achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts keine Seltenheit waren.143 Ebd. S. 3144 Ebd. S. 3145 Ebd. S. 3146 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: Über die Kunst. In: Allgemeine Frauenzeitung. Vereinszeitung derösterreichisch-ungarischen Frauen-Vereine. Jahrgang 1, Ausgabe 2, Wien, Oktober 1886. S. 26-27.147 Cziglér von Vecse-Cappilleri, Hermine: „Über die Kunst“, In: Ders.: Streifzüge auf dem Gebiete desCulturlebens. Wien 1885. S. 163-166148 Obert, Franz (Stadtpfarrer Kronstadt): Die Frauenfrage. Rede vor dem Kronstädter Frauenverein. In:Allgemeine Frauenzeitung. Vereinszeitung der österreichisch-ungarischen Frauen-Vereine. Organ fürFrauenrecht, Frauenarbeit und geistige Fortbildung. Jahrgang 1, Ausgabe 2, Wien, Oktober 1886. S. 18-20. HierS. 19. 36

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