Unerwartete Folgen der Bildungsexpansion - Orientierungspunkte für Evaluationen im Bildungsbereich - Prof. Dr. Rolf Becker...
Gliederung <ul><li>Unerwartete Folgen der Bildungsexpansion als nicht intendierte Konsequenzen absichtsvollen Handelns </l...
Intentionen und Erwartungen „Bildungsnotstand ist wirtschaftlicher Notstand“ (Picht 1964) „Bildung ist Bürgerrecht“ (Dahre...
Sozialstrukturelle Sichtweise von Bildungsexpansion – Evaluation der Bildungspolitik und ihrer Folgen <ul><li>Historische ...
Bildungsexpansion in der Schweiz
Entwicklung der Studienanfängerquoten in der Schweiz
Bildungsabschlüsse in der Schweiz nach sozioökonomischer Lage des Elternhauses   (Abstromprozente)
Verteilung der relativen Bildungschancen für Akademiker- und Kaderkinder im Vergleich zu Kindern un- und angelernter Arbei...
Evaluation der Folgen von Bildungsexpansion: ein Zwischenfazit <ul><li>Widerlegung der ‚Modernisierungsthese‘ (Picht 1964)...
Warum  gibt es persistente Bildungsungleichheiten als unerwartete Folge der Bildungsexpansion? <ul><li>Warum war die Bildu...
Erster Denkfehler: Die Menge macht es nicht! Hypothetische Zuwächse des Bildungserwerbs nach Klassenlage
Zweiter Denkfehler: formale Chancen sind nicht gleich faire Chancen! Rolle von primären und sekundären Herkunftseffekten (...
Dritter Denkfehler: Der Markt wird es richten! Aber: Persistenz sozioökonomischer Ungleichheit = Persistenz sozialer Ungle...
Bildungschancen in Abhängigkeit vom Ausmaß sozialer Ungleichheit zwischen Sozialschichten (relative Chancen; Referenzkateg...
Was tun? <ul><li>Wohlfahrtsstaatliche Steuerung: </li></ul><ul><ul><li>Änderungen der sozialen Ungleichheit durch Einkomme...
Evaluation der Neutralisierung von Herkunftseffekten durch Simulation am Beispiel des Hochschulzugangs
Gewichte der Herkunftseffekte
Neutralisierung der primären Herkunftseffekte (d.h. Leistungspotenziale der Arbeiterkinder identisch mit Leistungspotenzia...
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…  und schliesslich: weitere unerwartete Folgen der Bildungsexpansion <ul><li>Bildungsdifferentialität der kognitiven Mobi...
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Unerwartete Folgen der Bildungsexpansion

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Vortrag von Prof. Dr.Rolf Beckeranlaesslich der Abschlussveranstaltung zum Weiterbildungsdiplom Evaluation 2006-2007 am 25.1.2007 an der Universität Bern

Veröffentlicht in: Wirtschaft & Finanzen
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Unerwartete Folgen der Bildungsexpansion

  1. 1. Unerwartete Folgen der Bildungsexpansion - Orientierungspunkte für Evaluationen im Bildungsbereich - Prof. Dr. Rolf Becker Universität Bern Institut für Erziehungswissenschaft Abt. Bildungssoziologie
  2. 2. Gliederung <ul><li>Unerwartete Folgen der Bildungsexpansion als nicht intendierte Konsequenzen absichtsvollen Handelns </li></ul><ul><li>ex post-Evaluation: Warum gibt es dauerhafte Bildungsungleichheiten? </li></ul><ul><li>Vorbereitung absichtsvollen Handelns im Rahmen der Bildungspolitik durch empirische Evaluationsforschung </li></ul><ul><li>Pre-evaluation study (Simulation): Wie können Bildungsungleichheiten vermindert werden? </li></ul>
  3. 3. Intentionen und Erwartungen „Bildungsnotstand ist wirtschaftlicher Notstand“ (Picht 1964) „Bildung ist Bürgerrecht“ (Dahrendorf 1965) <ul><li>Bildungsökonomische Annahme </li></ul><ul><ul><li>Sicherung der wirtschaftlichen Entwicklung und Prosperität durch Investitionen in Humankapital </li></ul></ul><ul><ul><li>Funktionalistische Variante der ökonomischen Modernisierung (Adaption der US-amerikanischen Debatte im Zuge des Ost-West-Konflikts („Kalter Krieg“, Sputnik-Schock) </li></ul></ul><ul><li>Sozialliberale Bildungspolitik </li></ul><ul><ul><li>Bildung als entscheidende Grundvoraussetzung für Entstehung und Garantie einer demokratischen Gesellschaft mündiger Bürger </li></ul></ul><ul><ul><li>Bildungsungleichheit = Zeichen der Tradition der Unmündigkeit der Bürger und Modernitätsrückstand </li></ul></ul><ul><ul><li>Bildung als entscheidender Mobilitätskanal für Abbau sozialer Ungleichheiten </li></ul></ul><ul><li>Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion </li></ul><ul><ul><li>Bildungsexpansion über Produktion von Abiturienten (und Akademiker) bei Zurückstehen der Berufsausbildung </li></ul></ul><ul><ul><li>Mobilisierung und Ausschöpfung ungenutzter Bildungsreserven in „bildungsfernen“ Gruppen </li></ul></ul><ul><ul><li>Steigende Bildungsbeteiligung bei abnehmender Ungleichheit von Bildungschancen </li></ul></ul>
  4. 4. Sozialstrukturelle Sichtweise von Bildungsexpansion – Evaluation der Bildungspolitik und ihrer Folgen <ul><li>Historische Entwicklung von der Eliten- zur Massenbildung: Ausweitung der Sekundarstufen, höheren Berufsausbildung und Universitätsausbildung nach 1945 </li></ul><ul><li>Sozialer Wandel in der Bildungsbeteiligung: längere Verweildauer im Bildungssystem und Zunahme höherer Bildungsabschlüsse </li></ul><ul><li>Entwicklung der sozialen Ungleichheit von Bildungschancen </li></ul><ul><li>Beschreibung, Analyse und Bewertung der Bildungsexpansion als säkularer Prozess anhand erwarteter und unerwarteter Folgen </li></ul>
  5. 5. Bildungsexpansion in der Schweiz
  6. 6. Entwicklung der Studienanfängerquoten in der Schweiz
  7. 7. Bildungsabschlüsse in der Schweiz nach sozioökonomischer Lage des Elternhauses (Abstromprozente)
  8. 8. Verteilung der relativen Bildungschancen für Akademiker- und Kaderkinder im Vergleich zu Kindern un- und angelernter Arbeiter und Angestellten
  9. 9. Evaluation der Folgen von Bildungsexpansion: ein Zwischenfazit <ul><li>Widerlegung der ‚Modernisierungsthese‘ (Picht 1964): Vermehrte Bildungsgelegenheiten (formale Chancengleichheit) gehen nicht zwangsläufig mit fairer Chancengleichheit und dem Abbau von herkunftsbedingten Bildungsungleichheiten einher. </li></ul><ul><li>Widerlegung der Meritokratie-These (Parsons 1960): Soziale Herkunft hat – auch bei Kontrolle von individueller Leistungsfähigkeit und -bereitschaft – einen Effekt auf Bildungschancen. </li></ul><ul><li>Widerlegung der Vorstellungen von Helmut Schelsky (1956): Schule ist in der Tat nicht die einzige Dirigierungsstelle von Bildungs- und Lebenschancen </li></ul><ul><li>„ Naive“ oder falsche Theorien oder unvollständige Theorien -> Notwendigkeit der soziologischen Tiefenerklärung (Aufdecken von Kausalitäten: Rolle der sozialen Mechanismen für die vollständige Erklärung der Folgen von Bildungsexpansion) </li></ul>
  10. 10. Warum gibt es persistente Bildungsungleichheiten als unerwartete Folge der Bildungsexpansion? <ul><li>Warum war die Bildungsexpansion als Instrument einer Politik der Verminderung von Chancenungleichheit relativ erfolglos? </li></ul><ul><li>Warum sind Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft nicht – wie erhofft – infolge der Bildungsexpansion in allen Bereichen des Bildungssystems deutlich zurückgegangen oder gänzlich verschwunden? </li></ul><ul><li>Vermehrte Bildungsgelegenheiten stellen selektive Anreize für alle Bevölkerungsgruppen dar -> Konstanz der Bildungsbeteiligung nach sozialen Schichten </li></ul><ul><ul><li>„ Fahrstuhleffekt“ </li></ul></ul><ul><ul><li>„ Verdrängungseffekte“ und „Polarisierung“ </li></ul></ul><ul><li>Vermehrte Bildungsgelegenheiten an sich führen nicht zu veränderten Bildungsentscheidungen in Abhängigkeit von verfügbaren Ressourcen -> Persistenz der sozialen Ungleichheit von Bildungschancen </li></ul><ul><ul><li>Konstanz der Relationen von Bildungsmotivation und Investitionsrisiken zwischen den Sozialschichten </li></ul></ul><ul><ul><li>Verschiebung der „Bildungshürden“ in den tertiären Bildungssektor </li></ul></ul>
  11. 11. Erster Denkfehler: Die Menge macht es nicht! Hypothetische Zuwächse des Bildungserwerbs nach Klassenlage
  12. 12. Zweiter Denkfehler: formale Chancen sind nicht gleich faire Chancen! Rolle von primären und sekundären Herkunftseffekten (Boudon, 1974) (Quelle: Becker & Lauterbach 2007: 13)
  13. 13. Dritter Denkfehler: Der Markt wird es richten! Aber: Persistenz sozioökonomischer Ungleichheit = Persistenz sozialer Ungleichheit von Bildungschancen <ul><li>Ausmaß und Wandel der sozialen Ungleichheit – Variationskoeffizienten VK (Standardabweichung/Mittelwert) für Herkunftsstatus (Quelle: Becker 2006) </li></ul>
  14. 14. Bildungschancen in Abhängigkeit vom Ausmaß sozialer Ungleichheit zwischen Sozialschichten (relative Chancen; Referenzkategorie: Hauptschule)
  15. 15. Was tun? <ul><li>Wohlfahrtsstaatliche Steuerung: </li></ul><ul><ul><li>Änderungen der sozialen Ungleichheit durch Einkommensumschichtung </li></ul></ul><ul><ul><li>Qualifikatorisches „upgrading“ der gesamten Bevölkerung </li></ul></ul><ul><li>Steuerung des Bildungswesens: </li></ul><ul><ul><li>Neutralisierung der primären Herkunftseffekte </li></ul></ul><ul><ul><li>Neutralisierung der sekundären Herkunftseffekte </li></ul></ul><ul><ul><li>Strukturelle und institutionelle Reformen des Bildungswesens </li></ul></ul>
  16. 16. Evaluation der Neutralisierung von Herkunftseffekten durch Simulation am Beispiel des Hochschulzugangs
  17. 17. Gewichte der Herkunftseffekte
  18. 18. Neutralisierung der primären Herkunftseffekte (d.h. Leistungspotenziale der Arbeiterkinder identisch mit Leistungspotenzialen der Absolventen aus der Oberschicht)
  19. 19. Neutralisierung der sekundären Herkunftseffekte (d.h. Übergangswahrscheinlichkeiten der Arbeiterkinder identisch mit denen der Absolventen aus der Oberschicht)
  20. 20. … und schliesslich: weitere unerwartete Folgen der Bildungsexpansion <ul><li>Bildungsdifferentialität der kognitiven Mobilisierung </li></ul><ul><li>Persistente Bildungsselektivität bei politischem Interesse und politischer Partizipation </li></ul><ul><li>Bildungsselektivität der Chancen auf dem Partnerschafts- und Heiratsmarkt (zunehmende Homogenität und Stabilität der Partnerschaften und Ehen bei höherer Bildung) </li></ul><ul><li>Verstärkte Kopplung der Arbeitsmarkt- und Einkommenschancen an erworbene Bildungszertifikate (Strukturkongruenz von Bildungs- und Erwerbssystem) </li></ul><ul><li>Bildungsselektivität der Chancen für kontinuierliches Lernen und berufliche Weiterbildung </li></ul><ul><li>Verstärkte Kopplung der Lebenserwartung und anderer Lebenschancen an Bildung </li></ul><ul><li>Verstärkung der intergenerationalen Reproduktion sozialer Ungleichheiten an Bildung </li></ul><ul><li>… aber es ist noch zu früh für eine abschliessende Evaluation, denn die Bildungsexpansion ist historisch ein junges gesellschaftliches Phänomen! </li></ul>

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