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Yves Brise, Marco Jenny                                  LITERATUR           [14] Assange will Asyl in der Schweiz, NZZ   ...
Groups 2010.04: Wikileaks Debatte (Digital Sustainability)
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  1. 1. ETH Z¨rich u Dieser Bericht entstand im Rahmen der Vorlesung“Digitale Nachhaltigkeit in der Wissensgesellschaft” bei Dr. Marcus M. Dapp WikiLeaks Fluch oder Segen? Vorgelegt von Yves Brise und Marco Jenny 21. November 2010
  2. 2. THE WORK (AS DEFINED BELOW) IS PROVIDED UNDER THE TERMSOF THIS CREATIVE COMMONS PUBLIC LICENSE (“CCPL” OR “LICEN-SE”). THE WORK IS PROTECTED BY COPYRIGHT AND/OR OTHERAPPLICABLE LAW. ANY USE OF THE WORK OTHER THAN AS AU-THORIZED UNDER THIS LICENSE OR COPYRIGHT LAW IS PROHIBI-TED.BY EXERCISING ANY RIGHTS TO THE WORK PROVIDED HERE, YOUACCEPT AND AGREE TO BE BOUND BY THE TERMS OF THIS LICEN-SE. TO THE EXTENT THIS LICENSE MAY BE CONSIDERED TO BE ACONTRACT, THE LICENSOR GRANTS YOU THE RIGHTS CONTAINEDHERE IN CONSIDERATION OF YOUR ACCEPTANCE OF SUCH TERMSAND CONDITIONS.This work is licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.5Switzerland License. To view a copy of this license, visit http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/ch/ or send a letter to Creative Commons, 171 Se-cond Street, Suite 300, San Francisco, California, 94105, USA.
  3. 3. Yves Brise, Marco Jenny INHALTSVERZEICHNISInhaltsverzeichnis1 Beschreibung des Projektvorhabens 22 Beschreibung WikiLeaks 3 2.1 Leitbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.2 Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.3 Operativ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 2.4 Qualit¨tssicherung und Anonymit¨t . . . . . . . . . . . . . . . . a a 53 Beispiele von Ver¨ffentlichungen o 7 3.1 Afghanistan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.2 Irak . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Wirkung von WikiLeaks auf die Gesellschaft 9 4.1 Schaden und Nutzen von WikiLeaks . . . . . . . . . . . . . . . . 9 4.2 Angriffe auf WikiLeaks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Umfrage 10 5.1 Beschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 5.2 Resultate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 WikiLeaks im Kontext 17 6.1 Vergleich mit herk¨mmlichen Medien . . . . . . . . . . . . . . . . o 17 6.2 Der ¨ffentliche oder der subversive Weg? . . . . . . . . . . . . . . o 177 Fazit 20Seite 1 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  4. 4. Yves Brise, Marco Jenny Beschreibung des Projektvorhabens1 Beschreibung des ProjektvorhabensDie Internet-Plattform WikiLeaks hat in vergangener Zeit immer wieder f¨r uSchlagzeilen gesorgt. Es handelt sich um eine non-profit Medien Organisation,die sich zum Ziel gesetzt hat, wichtige Informationen und Nachrichten an die¨Offentlichkeit zu bringen. Dabei wird zun¨chst keine Themenvorgabe gemacht, a a u ¨und Informationstr¨ger werden unverbl¨mt dazu aufgefordert, der Offentlichkeitanonym geheime Dokumente zur Verf¨gung zu stellen. Dies hat erst k¨rzlich u uzur Ver¨ffentlichung tausender Dokumente zu den Afghanistan und Irak Krie- o ¨gen gef¨hrt. Uber die Organisation selbst ist wenig bekannt und die Betreiber uversuchen selbst die Identit¨t der Mitarbeiter geheim zu halten. Es sind nur we- anige Exponenten bekannt, so zum Beispiel einer der Initianten Julian Assangeund Daniel Domscheit-Berg, der allerdings k¨rzlich von seinem Posten zur¨ck u ugetreten ist. WikiLeaks kann als ein radikales Mittel gesehen werden, um mehr Trans-parenz und Verantwortlichkeit in Verwaltungen und Regierungen zu erreichen.¨Offentlichkeit und Transparenz sind ein wichtiger Aspekt des Bestrebens, in derRegierung das sogeannte “Open Data” Konzept zu verwirklichen. Verbesserungder ¨ffentlichen Dienstleistungen und Innovation sind zwei weitere Aspekte, die owir jedoch aussen vor lassen. Unser Anliegen ist es, den externen Weg der Infor-mationsverbreitung, wie er von WikiLeaks praktiziert wird, dem internen Weggegen¨berzustellen, bei dem sich die Verwaltung selbst dazu entscheidet, ihre uAkten ¨ffentlich zu machen. Ein wichtiges Ziel unseres Berichtes ist es, eine Ge- ogen¨berstellung der Vor- und Nachteile dieser beiden Ans¨tze zu erarbeiten; und u a ¨zwar sowohl aus der Sicht der Offentlichkeit als auch der betroffenen Verwaltungoder Beh¨rde. o Die weiteren Ziele dieser Untersuchung sind die folgenden. Wir wollen die be-triebliche Situation von WikiLeaks durchleuchten und eine Umfrage durchf¨hren, udie beleuchtet, ob WikiLeaks in der Gesellschaft bekannt ist. Wir wollen her-ausfinden, ob dieses Konzept der subversiven Informationsverbreitung Resonanzfindet, oder ob das Vorgehen von WikiLeaks eher ablehnend beurteilt wird. Wirwollen einige konkrete F¨lle beschreiben, in denen WikiLeaks Informationen aver¨ffentlicht hat und wir wollen untersuchen, in welcher Form WikiLeaks un- oterst¨tzt und angegriffen wird. uSeite 2 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  5. 5. Yves Brise, Marco Jenny Beschreibung WikiLeaks2 Beschreibung WikiLeaks2.1 LeitbildWikiLeaks selbst formuliert ihr Leitbild fogendermassen. “WikiLeaks is a not-for-profit media organisation. Our goal is to bring important news and information to the public. We provide an innovative, secure and anonymous way for sources to leak informa- tion to our journalists (our electronic drop box). One of our most important activities is to publish original source material alongside our news stories so readers and historians alike can see evidence of the truth. [...] The broader principles on which our work is based are the defence of freedom of speech and media publishing, the improvement of our common historical record and the support of the rights of all people to create new history. We derive these principles from the Univer- sal Declaration of Human Rights. In particular, Article 19 inspires the work of our journalists and other volunteers. It states that eve- ryone has the right to freedom of opinion and expression; this right includes freedom to hold opinions without interference and to seek, receive and impart information and ideas through any media and regardless of frontiers. We agree, and we seek to uphold this and the other Articles of the Declaration.” [1] WikiLeaks sieht sich also selbst vor einem eindeutig philosophischen Hinter-grund. Es geht nicht darum, Geld zu machen, sondern der Menschheit offenenZugang zu m¨glicherweise eingeschr¨nkten Informationen zu erm¨glichen. Es o a owird nicht explizit gesagt, dass auf rechtswidrige Praktiken geduldet w¨rden, uaber mit der Anrufung an die universelle Deklaration der Menschenrechte, schei-nen die Betreiber eine h¨her gestellte Legitimation f¨r ihr Handeln zu sehen. Das o uRecht auf Meinungsfreiheit und -¨usserung, beinhalte das Recht, Informationen a“zu erhalten” und “durch jegliche Medien weiter zu verbreiten.” Die Tatsache,dass Informationen auf illegalem Weg beschafft worden sein k¨nnten, spielt an odieser Stelle scheinbar keine Rolle mehr.2.2 GeschichteWikiLeaks hatte seinen ersten Auftritt im Internet im Januar 2007. In ihrerersten Deklaration [2] wird ausgesagt, dass WikiLeaks von “Chinesischen Dis-sidenten, Journalisten, Mathematikern und Startup Technologen aus den Ver-einigten Staaten, Taiwan, Europa, Australien und S¨dafrika” gegr¨ndet wurde. u uDie Namen der Gr¨nder und Mitarbeiter sind jedoch nie ¨ffentlich gemacht u oworden mit einigen wenigen Ausnahmen. Es wurde zwar eine Liste von Na-men ver¨ffentlicht, die den sogenannten WikiLeaks Beirat stellen, aber selbst oSeite 3 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  6. 6. Yves Brise, Marco Jenny OperativPersonen, die dort genannt werden, haben die Existenz dieses Gremiums nichtbest¨tigt. Als ¨ffentliches Gesicht von WikiLeaks hat sich vor allem der in Aus- a otralien geborene Journalist und Programmierer Julian Assange hervorgetan. In den folgenden drei Jahren machte WikiLeaks immer wieder auf sich auf-merksam durch prominente Ver¨ffentlichungen, die von den anderen Medien oaufgegriffen wurden. Im Dezember 2009 liess WikiLeaks verlauten, dass sie aufgrund finanzi- ¨eller Engp¨sse nur noch ein Formular zur Ubermittlung weiterer Dokumente azur Verf¨gung stellen k¨nnen. Die restlichen Teile der Seite waren nicht mehr u ozug¨nglich. Erst im Februar 2010 konnten die n¨tigen Mittel gesichert werden a ound es dauerte noch bis im Mai, bis WikiLeaks das Archiv und die InternetSeite wieder aufschalten konnte. Zusammenfassend kann man sagen, dass WikiLeaks nicht besonders stabill¨uft, da es immer wieder mit finanziellen und operativen Problemen zu k¨mpfen a ahat. Vertreter von WikiLeaks wurden schon in verschiedenen L¨ndern festgehal- aten, pers¨nliche Effekten wie zum Beispiel Mobiltelefone und Laptops wurden odurchsucht oder sogar beschlagnahmt. Der zuvor beschriebene Unterbruch warvielleicht der l¨ngste, aber nicht der einzige in der kurzen Geschichte von Wi- akiLeaks. Die Archive von WikiLeaks scheinen auch nicht besonders strukturiertzu sein. Dokumente sind nicht immer erreichbar. Dies h¨ngt sicherlich auch mit aden vielen Angriffen zusammen, vor denen sich WikiLeaks sch¨tzen muss. u2.3 OperativGem¨ss eigenen Angaben [3] hat WikiLeaks keine Angestellten. Alle Arbeit, adie verrichtet wird, ist ehrenamtlich. Es g¨be etwa f¨nf Leute, die das als Voll- a uzeitbesch¨ftigung aus¨ben, so auch er selbst, sagt Julian Assange. Diese Leute a ufinanzieren sich selbst. Daneben g¨be es noch rund 800 Personen, die Teilzeit af¨r WikiLeaks arbeiten. u WikiLeaks ist sehr restriktiv, wenn es darum geht die Namen der Beteilig-ten zu nennen. Dies geschieht daher, dass einige der Gr¨nder und Mitarbeiter uvon WikiLeaks politische Fl¨chtlinge (z.B. aus China) sind und in ihren Her- ukunftsl¨ndern um Familie und Freunde f¨rchten m¨sste, k¨me ihre Verwicklun- a u u agen mit WikiLeaks ans Tageslicht. Dieser Umstand hat jedoch auch zu heftigerKritik an WikiLeaks gef¨hrt, da sich die Organisation gerade dem Ziel ver- uschrieben hat, geheime Informationen nicht zu horten, sondern ans Tageslichtzu bef¨rdern. In dieses Bild f¨gt sich eine geheimnistuerische Personalpolitik o unat¨rlich nicht gut ein. u Anfang November 2010 machte die Nachricht die Runde, dass WikiLeaks inIsland ein Unternehmen gegr¨ndet hat mit dem Namen Sunshine Press Pro- uductions [4]. Geleitet wird es vom WikiLeaks Gr¨nder Julian Assange und den uisl¨ndischen Journalisten Kristinn Hrafnsson und Ingi Ragnar Ingason. Auf der aenglischen Wikipedia Seite wird die Sunshine Press als Eigent¨merin der Wi- uSeite 4 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  7. 7. Yves Brise, Marco Jenny Qualit¨tssicherung und Anonymit¨t a akiLeaks Dom¨ne aufgef¨hrt. Island scheint f¨r WikiLeaks ein sehr attraktiver a u uHafen zu sein, weil im Juni des Jahres 2010 die sogenannte Islandic Modern Me-dia Initiative [5] erlassen wurde. Dieses Gesetzespaket wird in verschiedenen Me-dienmitteilungen als der ”weltweit st¨rkste Schutz der Pressefreiheit”bezeichnet. aEs beinhaltet zum Beispiel einen umfassenden rechtlichen Schutz f¨r sogenannte u ¨Whistleblower, die geheime Informationen an die Offentlichkeit weiter leiten. Der Hauptserver von WikiLeaks befindet sich in Schweden und wird von derFirma PeRiQuito AB (PRQ) gef¨hrt. Die Firma PRQ ist daf¨r bekannt, dass sie u usich sehr wenig f¨r die Inhalte ihrer Klienten interessiert. Wer zahlt, dem wird uSpeicherplatz zur Verf¨gung gestellt. Unter anderem ist PRQ daf¨r bekannt die u uBitTorrent Seite The Pirate Bay und viele Foren f¨r P¨dophile zu beherbergen. u aEs werden nur wenige Log Dateien gespeichert und das schwedische Recht machtes schwierig, den Betrieb von WikiLeaks nachhaltig zu st¨ren. Ausserdem soll oWikiLeaks an nicht bekannten Standorten eigene Server betreiben. Im August2010 hat die schwedische Piraten Partei angek¨ndigt, dass sie WikiLeaks in uZukunft Server und Bandbreite zur Verf¨gung stellen wird, was mit Sicherheit ueinige der finanziellen Schwierigkeiten von WikiLeaks mildern wird.2.4 Qualit¨tssicherung und Anonymit¨t a aEin wichtiger Aspekt der WikiLeaks Maschinerie ist die garantierte Anonymit¨tader Quellen. Obwohl sich das nat¨rlich auch mit der offenen Informationspoli- utik von WikiLeaks reibt, ist diese Einschr¨nkung besser zu verstehen. Ein mi- alit¨rischer Offizier oder auch ein Beamter werden wenig Antrieb haben, geheime aInformationen weiter zu leiten, wenn ihnen in ihrem Heimatland eine strafrecht-liche Verfolgung droht. WikiLeaks weist immer wieder ausdr¨cklich darauf hin, udass potentielle Informanten vorsichtig sein sollten, wie sie die Informationenan WikiLeaks ubermitteln. Es gibt einen gesch¨tzten elektronischen Briefkas- ¨ uten, bei dem Informationen abgelegt werden k¨nnen. WikiLeaks weist allerdings odarauf hin, dass man dennoch alles unternehmen sollte, um seine Datenspu-ren zu verwischen. Sie geben zum Beispiel den Tipp, ¨ffentliche Internet-Cafes ooder wireless access points zu verwenden, um die Daten abzusetzen. Man kann ¨WikiLeaks auch uber den postalischen Weg erreichen. Uber die konkrete Infra- ¨struktur sagt WikiLeaks jedoch nichts, weil dies einem Angreifer T¨ren ¨ffnen u ok¨nnte. o Um eine Zensur zu verhindern (z.B. Sperrung der Dom¨ne wikileaks.org) akann man WikiLeaks anschreiben und sie werden eine Spiegelseite mit un-auff¨lligem Namen zur Verf¨gung stellen (z.B. www.sunshinepress.org). a u Was die Authentizit¨t der Quellen anbelangt, unternimmt WikiLeaks nach aeigenen Angaben sehr viel, um Eingaben zu uberpr¨fen. Es werden die Mo- ¨ utive der Informanten hinterfragt, rechtliche Nachforschungen angestellt und inExtremf¨llen wird sogar ein journalistisches Team ausgesandt, um Betroffene aund Zeugen zu befragen. Dies geschah zum Beispiel im Falle des als “CollateralMurder” bekannten Videos so. Diese journalistischen Abkl¨rungen sind auch ader Grund daf¨r, dass bei WikiLeaks eine Unmenge von unbearbeiteten Einga- uSeite 5 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  8. 8. Yves Brise, Marco Jenny Qualit¨tssicherung und Anonymit¨t a aben hinterlegt ist. Es werden viel mehr Dokumente hinterlegt, als von der zurVerf¨gung stehenden Arbeitskraft bew¨ltigt werden k¨nnen. u a oSeite 6 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  9. 9. Yves Brise, Marco Jenny Beispiele von Ver¨ffentlichungen o3 Beispiele von Veroffentlichungen ¨Es gibt eine Vielzahl von brisanten Ver¨ffentlichungen, die WikiLeaks seit der oGr¨ndung get¨tigt hat. Viel davon wurden von den ubrigen Medien aufgegrif- u a ¨fen und haben so WikiLeaks international zu grosser Bekanntheit verholfen.Nach einer kurzfristigen Unterbrechung sind im November 2010 die Irak Do-kumente (siehe weiter unten) ver¨ffentlicht worden. Die anderen Publikationen osind seither nicht mehr zug¨nglich. Eine Auflistung ist auf der aktuellen About aSeite [1] von WikiLeaks zu finden. Die Liste der Ver¨ffentlichungen enth¨lt o anicht nur Punkte, die von internationalem Interesse sind. Zum Beispiel gibtes eine Ver¨ffentlichung, die Unregelm¨ssigkeiten im Steuerwesen der schwei- o azer Bank Julius B¨r beleuchtet. Wir wollen hier jedoch auf die beiden gr¨ssten a ound j¨ngsten Ver¨ffentlichungen, Dokumenten zum Afghanistan und dem Irak u oKrieg, eingehen.3.1 AfghanistanDas ber¨hmteste und zugleich aktuellste Thema sind die ver¨ffentlichten Do- u okumente uber den Afghanistan Krieg. Es handelt sich dabei um knapp 92’000 ¨Dokumente [11, 12], welche am 26.7.2010 auf WikiLeaks ver¨ffentlicht wurden. oSie enthalten unsch¨ne Details uber den Krieg und schaden dem Ansehen des o ¨US-Milit¨rs drastisch. Da das US-Milit¨r nur zensierte Informationen uber ih- a a ¨ren Einsatz preis gibt um den Krieg zu besch¨nigen und die eigenen B¨rger bei o uKriegslaune zu halten, sind sie uber die Ver¨ffentlichung alles andere als erfreut. ¨ oDas Vorgehen von Wikilieaks wurde sogar als Spionage bezeichnet, da es mitmedialer Berichterstattung nichts mehr zu tun habe. Darum hat die US-Regierung WikiLeaks scharf kritisiert und wirft ihnenvor, das Leben von Amerikanern und Verb¨ndeten, sowie die Mission im Allge- umeinen, zu gef¨hrden. WikiLeaks antwortete darauf, dass sie sorgf¨ltig alle Na- a amen und sensiblen Informationen aus den Dokumenten vor der Ver¨ffentlichung oentfernt, sowie das Weisse Haus zur Kooperation aufgerufen haben, was aberabgelehnt wurde. Die Dokumenten zeigen, dass gewaltsame Aktionen in Afghanistan viel h¨ufiger astattgefunden haben, als dies vom Milit¨r zugegeben wurde. Zudem enthal- aten die Dokumente, laut Julian Assange, Beweise f¨r diverse Kriegsverbrechen, uwelche unmittelbar von einem internationalen Gerichtshof untersucht werdenm¨ssten. Beispielsweise hatte eine Spezialeinheit, deren Existenz von der US- uRegierung abgestritten wird, den Auftrag bekommen einen prominenten al-Quaida-Funktion¨r gezielt zu t¨ten. Sie vermuteten ihn in einer Koranschule, a owelche dann mit mehreren Raketen bombardiert wurde. Wie sich dann her-ausgestellt hat, war der al-Quaida-Funktion¨r gar nicht anwesend, jedoch aber amehrere Kinder, von denen sechs get¨tet wurden. oSeite 7 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  10. 10. Yves Brise, Marco Jenny Irak3.2 IrakDurch die drastische Zensur an Informationen durch das US-Milit¨r sind bislang a ¨nur wenige v¨lkerrechtswidrige Handlungen an die Offentlichkeit gelangt. Das owohl ber¨hmteste Beispiel passierte ein Jahr nach Kriegsbeginn, wo der Fern- usehsender CBS Bilder von gefangenen Irakern zeigte, die in einem BagdaderGef¨ngnis gefoltert wurden. Die US-Soldatin Lynndie England war auf vielen aFotos zu sehen, wie sie die Gefangenen folterte und sich auf menschenverachten-de Art und Weise mit ihnen ablichten liess [13]. Die Ver¨ffentlichung der Fotos of¨hrte dazu, dass sie angeklagt und dann wegen Misshandlung zu drei Jahren uHaft verurteilt wurde. Daran kann man erkennen, was f¨r eine ungeheure Macht u ¨solche Informationen haben, wie sehr sie die Meinung der Offentlichkeit pr¨gen aund was f¨r drastische Konsequenzen eine solche Ver¨ffentlichung hat. u o Nun wurden ganz aktuell 400’000 Dokumente von WikiLeaks uber den um- ¨strittenen Krieg im Irak ver¨ffentlicht, die alle bisher durchgesickerten Infor- omationen in den Schatten stellen. Man spricht sogar von dem gr¨ssten Leck an oGeheiminformationen in der Geschichte des US-Milit¨rs [7] und der Schaden f¨r a udessen Ansehen ist immens. Sie zeigen detailiert die T¨tung von tausenden Zivilisten, durch das Milit¨r o ageduldete Folterungen und decken bewusst gemachte L¨gen auf. So bestritt das uMilit¨r stets, genauere Informationen uber get¨tete Zivilisten zu haben, was nun a ¨ oaber als L¨ge entlarvt wurde: Bei den uber 100’000 Todesf¨llen im Krieg waren u ¨ aes laut den Dokumenten etwa 60% Zivilisten. Von dem pr¨zisesten Krieg mit aden am wenigesten verwundeten oder get¨teten Zivilisten, wie es vor dem Krieg ovom Pentagon prophezeit wurde, kann also nicht mehr die Rede sein. WikiLeakszeigt somit ein sehr trauriges, aber reales Bild vom Krieg, dessen m¨glicherweise odrastischen Auswirkungen noch nicht abzusch¨tzen sind. aSeite 8 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  11. 11. Yves Brise, Marco Jenny Wirkung von WikiLeaks auf die Gesellschaft4 Wirkung von WikiLeaks auf die Gesellschaft4.1 Schaden und Nutzen von WikiLeaksDurch ihre anarchistische Vorgehensweise hat sich WikiLeaks m¨chtige Feinde agemacht, die alles daf¨r tun, um das Portal zu schliessen. Zu ihnen geh¨ren die u oSekte Scientology, Schweizer Privatbanken, afrikanische Diktatoren und nichtzuletzt das Pentagon [8]. Wissen ist Macht. Darum hat WikiLeaks eine unge-heure Macht, wenn sie neues Wissen in die Welt setzen, die sich auf unterschied-lichste Arten auf die Gesellschaft auswirken kann: fallende Aktienkurse, fallendeAkzeptanz in der Bev¨lkerung f¨r einen Krieg, das St¨rzen von ganzen Regie- o u urungen, Glaubhaftigkeit des Klimawandels, Aufdeckung von Kriegsverbrechenund den daraus folgenden Konsequenzen f¨r die Betroffenen, etc. u WikiLeaks hat ein Dokument aus dem Jahre 2008 ver¨ffentlicht, welches sich omit WikiLeaks selbst besch¨ftigt. Dabei handelt es sich um einen 30 seitigen aBericht des Counterintelligence Center der US Armee (ACIC) [9]. Darin stehenverschiedene Vorschl¨ge, wie man gegen WikiLeaks vorgehen k¨nnte und welche a oAuswirkungen WikiLeaks im Allgemeinen haben k¨nnte. o Vorallem die ver¨ffentlichten Kriegsdokumente k¨nnten zu gr¨sserem Scha- o o oden f¨hren, da sie ja auch von den Feinden gelesen werden k¨nnen. Die darin u oenthaltenen Informationen uber Strategie und Vorgehensweise des Milit¨rs sind ¨ abei einem Feind von hohem Interesse, da er mit diesem Wissen seinerseits dieStrategie anpassen kann. Mit diesem Hintergrundwissen k¨nnen auch terroris- otische Anschl¨ge gezielter ver¨bt werden und dadurch gr¨sseren Schaden an- a u orichten. Auch Details zu St¨rsendern, mit denen die Fernz¨ndung von Bomben o uunterbunden werden kann [10], k¨nnen von der Gegenseite ausgenutzt werden, odamit sie diese St¨rsender umgehen k¨nnen. o o4.2 Angriffe auf WikiLeaksHetzkampagnen wurden vorallem gegen das ¨ffentliche Gesicht von WikiLeaks, on¨mlich Julian Assange gestartet. So wurde kurz nach der Ver¨ffentlichung der a oAfghanistan Dokumente gegen ihn ermittelt wegen Vergewaltigung. Er bezeich-nete dies als schmutzigen Trick um dem Ruf von ihm und WikiLeaks zu schaden. Assange f¨rchtet sogar um sein Leben und glaubt, bei amerikanischen Ge- uheimdiensten auf der Todesliste zu stehen. Deswegen hat er sich auch schonuberlegt, Asyl in der Schweiz beantragen [14], da er dort sicher sei.¨ Seit dem 18.11.10 wird nun international nach Julian Assange gefahndet[15]. Schwedens Justiz hat einen Haftbefehl gegen Assange ausgestellt wegendem Vorwurf von Vergewaltigung und sexueller Bel¨stigung. Assanges Anwalt ahat dagegen Einspruch erhoben.Seite 9 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  12. 12. Yves Brise, Marco Jenny Umfrage5 Umfrage5.1 BeschreibungWir haben eine Umfrage unter ETH Studenten und im Freundes- und Bekann-tenkreis durchgef¨hrt, die mit wenigen aber pr¨gnanten Fragen herausfinden u asollte, ob WikiLeaks bekannt ist, und wie die Leute dazu stehen. Die Umfra-ge wurde mit Hilfe des frei verf¨gbaren Werkzeugs LimeSurvey [6] erstellt und udurchgef¨hrt. Bevor wir zu den Resultaten der Umfrage kommen, m¨chten wir u odie Fragen vorstellen und erl¨utern. a 1. Einf¨hrung u (a) Wissen Sie um was es sich bei WikiLeaks handelt? (b) Haben Sie schon einmal die Seite www.wikileaks.org besucht? (c) Woher kennen Sie WikiLeaks? (Optionen: 1. aus den Printmedien; 2. aus dem Fernsehen; 3. aus dem Internet; 4. von einem Freund / einer Freundin; 5. beruflich; 6. weiss ich nicht; 7. andere) 2. Fluch oder Segen? Bewerten Sie die folgenden Aussagen (1 = ich widerspreche entschieden, 5 = ich stimme voll und ganz zu) (a) WikiLeaks ist wichtig f¨r die Gesellschaft. u (b) WikiLeaks ist gef¨hrlich f¨r die Gesellschaft. a u (c) Die Ver¨ffentlichung von privaten/geheimen Dokumenten geh¨rt zur o o freien Meinungs¨usserung. a (d) Es ist gut, dass WikiLeaks die Namen in ver¨ffentlichten Dokumenten o entfernt. (e) Die Betreiber von WikiLeaks sollen f¨r die Folgen einer Ver¨ffentlichung u o hafbar sein. (f) Ich w¨rde f¨r WikiLeaks ehrenamtliche Arbeit verrichten. u u (g) Ich w¨rde Dokumente von meiner Arbeitsstelle ver¨ffentlichen. u o 3. Die Betreiber von WikiLeaks sind in ihren Augen... (a) Helden (b) Verr¨ter a 4. Pers¨nliche Fragen o (a) Welches Geschlecht haben Sie? (b) Wie alt sind Sie? (Optionen: 1. unter 20; 2. 21-30; 3. 31-40; 4. 41-50; 5. 51-60; 6. uber ¨ 60; 7. keine Antwort)Seite 10 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  13. 13. Yves Brise, Marco Jenny Beschreibung (c) Wie viele Stunden pro Tag verwenden Sie das Internet? (Optionen: 1. an manchen Tagen gar nicht; 2. <1h; 3. 1-2h; 4. 3-4h; 5. >4h; 6. keine Antwort) (d) Was ist ihr h¨chster Bildungsabschluss? o (Optionen: 1. keiner; 2. Sekundarstufe; 3. Lehrabschluss; 4. Gynma- sium; 5. Bachelor; 6. Master; 7. PhD; 8. sonstiges; 9. keine Antwort) Bei den einf¨hrenden Fragen unter Punkt 1 geht es darum, herauszufinden, uob WikiLeaks schon bekannt ist. Diese Fragen sind die einzigen obligatorischenFragen in der Umfrage. Die Fragen 1.b und 1.c werden jedoch nur eingeblendetfalls die Antwort auf Frage 1.a Ja war. Andernfalls wir ein kurzer Text einge-blendet, die dem Teilnehmer gen¨gend Information geben soll, um die Fragen 2 uzu beantworten. Der Informationstext lautet wie folgt: “WikiLeaks (www.wikileaks.org) ist eine Internet-Plattform, auf der geheime und private Dokumente zu kontroversen Themen ver¨ffentlicht o werden. In die Schlagzeilen geraten ist WikiLeaks vor allem, weil sie seit dem Sommer unz¨hlige amerikanische Milit¨rdokumente zum a a Afghanistan und zum Irak Krieg ver¨ffentlicht hat. So gelangten o ¨ viele nicht f¨r die Offentlichkeit bestimmten Informationen ans Ta- u geslicht.” Beim Fragenblock ”Fluch oder Segen?”geht es darum, die Einstellung derTeilnehmer zu sondieren. Mit einigen pr¨gnanten Aussagen, wollen wir den Teil- anehmer dazu provozieren, uber die Rolle von WikiLeaks in der Gesellschaft nach- ¨zudenken. Die zentralen Fragen, ob WikiLeaks als wichtig oder gef¨hrlich f¨r die a uGesellschaft erachtet wird kommt gleich zuerst. Danach werden einige konkreteKonzepte uberpr¨ft, zum Beispiel, ob es als wichtig erachtet wird, ob die Betrei- ¨ uber von WikiLeaks irgendeine Verantwortung f¨r die Ver¨ffentlichungen tragen. u oWir wollten auch wissen, ob die Teilnehmer finden, es sei unter der Meinungsfrei-heit gedeckt jede m¨gliche Ver¨ffentlichung zu t¨tigen, auch wenn es sich dabei o o azum Beispiel um geheime oder private Dokumente handelt. Wir schliessen die-sen Block mit zwei Fragen zu der pers¨nlichen Arbeitsmoral des Teilnehmers ab. oBesonders die letzte Frage ist nat¨rlich sehr subjektiv und wohl in der vorliegen- uden Kondensation nicht besonders aussagekr¨ftig. “Ich w¨rde selbst Dokumente a uvon meiner Arbeitsstelle ver¨ffentlichen.” Diese Frage h¨ngt nat¨rlich von der o a uArbeitsstelle ab, aber auch davon, was f¨r ein Szenario sich der Teilnehmer uausmalt. Wir gehen davon aus, dass praktisch f¨r jeden Menschen ein Szenario ukonstruierbar ist, in welchem er einer Veruntreuung von Informationen nichtabgeneigt w¨re. a Der vierte und letzte Fragenblock hat zum Zweck, uns einige pers¨nliche oInformationen uber die Teilnehmer zu geben. Wir m¨chten untersuchen, ob Ge- ¨ oschlecht, Alter, Bildung und Internetnutzung einen Einfluss auf die Einstellunghaben.Seite 11 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  14. 14. Yves Brise, Marco Jenny Resultate Geschlecht Teilnehmer 2% 26% 72% Männer Frauen k.A. ¨ Abbildung 5.1 – Uber ein viertel der Befragten waren Frauen.5.2 ResultateInsgesamt haben uber 1700 Personen die Umfrage ausgef¨llt. In einem ersten ¨ uAnlauf haben wir uns an die Studenten der Vorlesung Digitale Nachhaltigkeit,an Freunde und Verwandte gewandt. Danach ist es uns gelungen, einen Verteileran alle Studenten der ETH zu erhalten. Von den Teilnehmern sind etwa 26%weiblich, 72% m¨nnlich und 2% haben keine Angaben gemacht. Durch den ho- ahen Anteil an Studenten haben wir vor allem junge Leute erreicht. 28% entfallenauf unter 20 j¨hrige, 67% auf 20 bis 30 j¨hrige. Der Rest macht also weniger als a a5% aus. Insgesamt ist WikiLeaks bei etwa drei viertel der Befragten bekannt. Beiden M¨nnern liegt dieser Anteil deutlich h¨her (84%) als bei den Frauen (46%). a oInteressant ist auch, dass von denjenigen, die von sich selbst behaupten, siew¨ssten was WikiLeaks ist, nur etwa 41% selbst einmal die Seite www.wikileaks.org ubesucht haben. Das deutet darauf hin, dass der Bekanntheitsgrad von Wiki-Leaks sehr stark uber die anderen Medien wirkt, und dass WikiLeaks vor allem ¨als Zulieferer zu den anderen Medien fungiert. Es scheint nicht besonders at-traktiv f¨r den normalen Verbraucher zu sein, sich in dem Dokumentenwirrwarr uvon WikiLeaks selbst ein Bild zu machen. Es ist sogar zu erwarten, dass derAnteil derer, die die Seite www.wikileaks.org selbst schon einmal besucht habenin der Gesamtbev¨lkerung sogar noch geringer ist, als bei den Studenten einer otechnischen Hochschule.Seite 12 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  15. 15. Yves Brise, Marco Jenny Resultate 60.00% Wichtig für Gesellschaft Gefährlich für Gesellschaft Rede- und Meinungsfreiheit 45.00% Namen löschen Verantwortung Arbeit umsonst 30.00% Selbst spionieren 15.00% 0% 1 2 3 4 5 1 = Ich widerspreche, 5 = Ich stimme zu Abbildung 5.2 – Ein Kreis in einer bestimmten Farbe zeigt an, wieviele Leute bei der entsprechenden Frage mit dem entsprechenden Wert geantwortet haben. ¨ Die Linien dienen nur der Ubersicht. Helden? 39% 61% Ja Nein Abbildung 5.3 – Ein Grossteil der Befragten findet, die Betreiber von WikiLeaks seien Helden.Seite 13 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  16. 16. Yves Brise, Marco Jenny Resultate Verräter? 28% 72% Ja Nein Abbildung 5.4 – Nur ein kleiner Teil der Befragten urteilt die Betreiber von WikiLeaks als Verr¨ter ab. a Helden? (Those who don’t know WikiLeaks) 49% 51% Ja Nein Abbildung 5.5 – Wenn man nur diejenigen Befragten betrachtet, die zum Zeit- punkt der Umfrage WikiLeaks noch nicht kannten, dann ¨ndert sich das Bild. a Die T¨tigkeit von WikiLeaks wird wesentlich kritischer beurteilt. So finden sich a z.B. nur noch 51% der Befragten, dass man das Heldenattribut vergeben k¨nne. oSeite 14 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  17. 17. Yves Brise, Marco Jenny Resultate Internetgebrauch 40.00% 30.00% 20.00% 10.00% 0% wenig <1 h 1-2 h 3-4 h >4 h k.A. Abbildung 5.6 – Diese Grafik zeigt an, wie stark die Internetnutzung der Be- fragten ist. Woher kennst du WikiLeaks? 50.00% 37.50% 25.00% 12.50% 0% Printmedien Fernsehen Internet Freunde Arbeit Weiss nicht Andere Abbildung 5.7 – WikiLeaks ist vor allem aus den Printmedien und dem In- ternet bekannt. Dies ist vermutlich auf die ausgiebige Berichterstattung in den Nachrichten zur¨ckzuf¨hren. Die anderen Bereiche wie z.B. Fernsehen und Radio u u spielen eine untergeordnete Rolle.Seite 15 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  18. 18. Yves Brise, Marco Jenny Resultate WikiLeaks ist vor allem aus Printmedien (44%), Internet (33%) und Fernse-hen (14%) bekannt. Andere Quellen wie zum Beispiel Radio, Arbeit und Freundesind vernachl¨ssigbar. a Die Resultate aus dem Fragenblock “Fluch oder Segen?” lassen sich in Gra-fik X zusammenfassen. Bei zwei der Fragestellungen 2.d (Namen l¨schen) und o2.g (Selbst spionieren) l¨sst sich eine starke Pr¨ferenz erkennen. Die meisten a aBefragten w¨rden nicht Spionieren und unterst¨tzen eine Anonymisierung der u uVer¨ffentlichung. Die Bereitschaft, umsonst f¨r WikiLeaks zu arbeiten ist eben- o uso wenig gegeben, wie die Bereitschaft zum Spionieren. Bei dem Fragenpaar2.a (Wichtig f¨r die Gesellschaft) 2.b (Gef¨hrlich f¨r die Gesellschaft) l¨sst sich u a u aebenfalls eine Pr¨ferenz erkennen, die aber nicht so deutlich ist. Die meisten aBefragten finden, dass WikiLeaks wichtig und nicht gef¨hrlich f¨r die Gesell- a uschaft ist. Die beiden anderen Fragen werden sehr ausgeglichen beantwortet.Interessant ist hier vor allem, dass die Frage, ob die T¨tigkeit von WikiLeaks adurch die Rede- und Meinungsfreiheit gedeckt ist, kein klares Bild ergibt. Ob-wohl WikiLeaks dieses Argument als Hauptrechtfertigung gibt, empfinden diesdie Befragten nicht als evident. Eine Aufschl¨sselung der Fragen 2 nach Internetgebrauch, Alter oder Ge- uschlecht ergibt kein signifikant ver¨ndertes Bild. Besonders beim Alter ist dies ajedoch auch auf unsere Zielgruppe zur¨ckzuf¨hren. u u Schiesslich betrachten wir noch die Frage 3. Werden die Betreiber von Wi-kiLeaks als Helden oder als Verr¨ter - oder als beides - gesehen? Ein grosser aTeil der Befragten (61%) sehen die Betreiber als Helden und nur 28% habendas Gef¨hl, es mit Verr¨tern zu tun zu haben. Immerhin 17% meinen, es handle u asich um Helden und Verr¨ter. Betrachtet man nur diejenigen, die zum Zeitpunkt ader Umfrage WikiLeaks noch nicht kannten, ergibt sich ein kritischeres Bild. Nur51% Prozent sagen, es seien Helden, und immerhin 34% sagen es handle sich umVerr¨ter. Eine Differenzierung nach Alter und Geschlecht ergibt keine grossen aAbweichungen.Seite 16 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  19. 19. Yves Brise, Marco Jenny WikiLeaks im Kontext6 WikiLeaks im Kontext6.1 Vergleich mit herkommlichen Medien ¨Bislang geschah die Ver¨ffentlichung von Informationen durch ¨ffentliche Medi- o oen wie Zeitungen, Radio und Fernseher. Doch seit es das Internet gibt, k¨nnen oInformationen von jedem ver¨ffentlicht und gelesen werden. Egal ob es sich dabei oum einen Blog, Facebook oder Twitter handelt, das Internet hat den Austauschvon Informationen revolutioniert. Da das Internet in seiner ganzen Komple-xit¨t nicht kontrolliert werden kann, war die Entstehung einer Plattform wie aWikiLeaks nur eine Frage der Zeit. Da jedoch auch schon durch die altmodi-schen Medien heikle Informationen ver¨ffentlicht wurden, stellt sich die Frage, owodurch sich diese zwei Arten genau unterscheiden. Hinter den etablierten Medien steht immer eine Firma, die f¨r den Wahr- uheitsgehalt ihrer Ver¨ffentlichungen verantwortlich ist. Sie kann darum bei Ver- oletzungen von Gesetzen vor Gericht zur Verantwortung gezogen werden. Des-wegen ist ein etabliertes Medium immer bem¨ht, ihre Informationen genau zu upr¨fen und w¨rden ihnen zugespielte Dokumente niemals ohne Aufbereitung u uund Kontrolle ver¨ffentlichen. Sie versuchen zwar meistens bei der Bericht- oerstattung m¨glichst neutral zu sein, haben aber denoch einen gewissen Ruf ound gezielte Lesergruppen. Dadurch kann eine Zeitung z.B. politisch links oderrechts sein oder f¨r ¨ltere oder j¨ngere Zielgruppen geeignet sein. Deswegen u a usind sie nicht unbedingt neutral, sondern eher der Meinung ihrer Zielgrup-pen verpflichtet, da diese ihre journalistische Arbeit finanzieren. Darum ist esverst¨ndlich, dass patriotische und eher rechts eingestellte amerikanische TV aSender die Ver¨ffentlichung der Afghanistan Dokumente kritisieren. o WikiLeaks hingegen hat kein Zielpublikum, arbeitet anonym und finan-ziert sich durch Spenden. Sie sind also niemandem verpflichtet, noch habensie ethische oder moralische Grenzen die sie einhalten m¨ssen oder wollen. Sie uver¨ffentlichen einfach alles, egal wem es gef¨llt und wem nicht. Durch die Inter- o anationalit¨t des Internets ist es auch aufgrund der unterschiedlichen Gesetzen ain allen L¨ndern praktisch unm¨glich, WikiLeaks anzugreifen. So stellt sich zum a oBeispiel die Frage, ob die Ver¨ffentlichung von privaten Dokumenten eine Ver- oletzung des Copyrights darstellt oder sogar als Akt der Spionage bezeichnetwerden kann. Doch auch wenn dies so w¨re, kann zum Beispiel in Amerika nie- amand vor Gericht gezogen werden, da alle Arbeiter anonym sind und sie keineBesitzt¨mer in den USA haben. u6.2 Der ¨ffentliche oder der subversive Weg? oDer ¨ffentliche Weg bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Verwaltungen, o o ¨Beh¨rden oder Organisationen ihre Akten offen der Offentlichkeit zur Verf¨gung ustellen. So kann jeder die genauen Abl¨ufe und internen Entscheidungen ver- afolgen. Sind diese Akten jedoch privat oder geheim und dadurch ihr ZugangSeite 17 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  20. 20. Yves Brise, Marco Jenny Der offentliche oder der subversive Weg? ¨verwehrt, kommt fast automatisch der subversive Weg zum Zug. Dies geschieht,indem jemand mit Zugang zu den Akten diese entwendet auf anderem Wegeo¨ffentlich macht. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem Leck (engl.Leak) in einer Organisation, wo Daten durchgesickert sind. Dies macht sich Wi-kiLeaks zunutze. Es soll nun der interne, ¨ffentliche und direkte, dem indirekten ound externem Weg gegen¨bergestellt werden und zwar einmal aus der Sicht der uOrganisation und einmal aus der Sicht der B¨rger. u Eine Organisation die ihre Akten als Open Data direkt zur Verf¨gung stellt uwill damit Transparenz schaffen und dadurch das Vertrauen der Menschen ge-winnen. Insbesondere Beh¨rden k¨nnen damit ihre N¨he zu den B¨rgern de- o o a umonstrieren und zeigen, dass sie nichts zu verheimlichen haben, also im Interes-se ihres Volkes handeln. Dies steigert die Zufriedenheit der B¨rger und f¨rdert u oihr politisches Engagement, da sie so alles uberpr¨fen und gegebenenfalls kri- ¨ utisieren k¨nnen. Was der Bauer nicht weiss, macht ihn nicht heiss. Da aber im oFalle des Open Data der Bauer eben alles weiss, kann er sich verst¨rkt f¨r die a uDemokratie einsetzen, wodurch sie ihre Bedeutung als “Herrschaft des Volkes”besser gerecht werden kann. Je demokratischer eine Regierung, desto offener unddadurch transparenter sind ihre Daten. Ein faschistischer Polizeistaat hingegenh¨lt alle Akten geheim. Open Data hat also f¨r die B¨rger praktisch nur Vor- a u uteile. Die Daten sind umfassend und deren Beschaffung legal, ja sogar gewolltund die Informationshierarchie wird konsequent aufgel¨st. Einziger Kritikpunkt oaus ihrer Sicht ist, dass sie nicht wissen, ob die Daten wirklich vollst¨ndig sind. aBeh¨rden k¨nnten ja nur so tun, als ob sie alle Akten ver¨ffentlichen, damit o o okeine Fragen gestellt werden und dabei die wirklich brisanten Daten trotzdemgeheim halten. ¨ Eine Organisation, die ihr Akten der Offentlichkeit zur Verf¨gung stellt, steht udamit aber unter permanenter Kontrolle. Ihre zuk¨nftigen Strategien k¨nnen u ovon jedem eingesehen werden, insbesondere auch von den Gegnern. Im Falleeiner Firma w¨rde dies der Konkurrenz einen grossen Vorteil verschaffen. Im uFalle des Milit¨rs w¨rde der Feind gest¨rkt werden. F¨r Beide ist also kaum a u a uein Vorteil damit verbunden, weswegen sie es bevorzugen, ihre Daten geheimzu halten. Diese Geheimhaltung ist jedoch selten perfekt. Sie m¨ssen gezwunge- unermassen damit rechnen, dass ihre Daten ver¨ffentlicht werden. Dies hat dann oeinen grossen Imageschaden und Vertrauensverlust zur Folge, wie das f¨r dasuUS-Milit¨r wegen WikiLeaks der Fall ist. Immerhin ist es dann m¨glich, in die a oOpferrolle zu schl¨pfen und dieser Datenklau als Akt der Spionage zu bezeich- unen. Ebenfalls kann die Echtheit der Daten in Frage gestellt werden, um denSchaden zu begrenzen. Die B¨rger auf der anderen Seite haben durch den subversiven Weg nat¨rlich u uden Vorteil, die Daten uber Umwege trotzdem einsehen zu k¨nnen. Im Gegen- ¨ osatz zu Open Data sind die Daten jedoch weder vollst¨ndig, noch kann ihre aKorrektheit exakt festgestellt werden. Eine grosse Gefahr liegt auch darin, dassdie Daten unges¨ubert ver¨ffentlicht werden und dadurch heikle Details verra- a oten, die zu der eigentlichen Sache nichts beitragen. Werden beispielsweise in denKriegsdokumenten auf WikiLeaks die Namen der Soldaten nicht entfernt, sindderen Leben in grosser Gefahr. Eine Ver¨ffentlichung als Open Data hingegen okann diese unwichtigen Details wie Namen entfernen, um Schlimmes zu verhin-Seite 18 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  21. 21. Yves Brise, Marco Jenny Der offentliche oder der subversive Weg? ¨dern. Jedoch k¨me dies wiederum einer Zensur gleich, was sich nicht mit Open aData vereinbaren l¨sst. Darum muss auch f¨r den B¨rger die Open Data nicht a u uimmer von Vorteil sein. Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt gegen den subversiven Weg ist, dass die-jenigen die die Daten ver¨ffentlichen Transparenz schaffen wollen, selber aber oanonym bleiben. Der Anspruch totaler Transparenz ist mit der vollkommenenAnonymit¨t derer, die sie herbeif¨hren m¨chten, nur schwer zu vereinbaren [8]. a u oDieser Widerspruch in sich selbst f¨hrt zum Misstrauen der Menschen gegen¨ber u uWikiLeaks, wodurch deren Arbeit erschwert wird.Seite 19 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  22. 22. Yves Brise, Marco Jenny Fazit7 FazitWikiLeaks hat einen ewig andauernden Informationskrieg angefangen, welchervon niemandem gewonnen werden kann. Was als kleine Idee von ein paar Men-schen angefangen hat, ist nach relativ kurzer Zeit weltber¨hmt geworden und ufast t¨glich in den Medien pr¨sent. Die genauen Auswirkungen von WikiLeaks a ak¨nnen momentan zwar noch nicht genau abgesch¨tzt werden, dass sie aber Ein- o afluss auf grosse Organisationen haben werden, steht fest. Auch wenn, wie unsereUmfrage gezeigt hat, die meisten Menschen die Seite noch nie besucht haben,kann WikiLeaks ihre Aufgabe uber die Massenmedien aus¨ben. So ist sie zu ¨ ueiner Art modernem Robin Hood geworden, der die kleinen B¨rger vor grossen u ¨Konzernen, Beh¨rden und anderen Ubelt¨tern durch Aufkl¨rung besch¨tzt. o a a u Bedenkt man wieviel WikiLeaks bereits in kurzer Zeit erreicht hat, kannman sich vorstellen, dass wir eine interessante Zukunft vor uns haben. DieVer¨ffentlichungen in den letzten Jahren waren erst der Anfang. Genauso wer- oden die Gegenschl¨ge der Blossgestellten zunehmen. Ob sie es erreichen werden, adass die Internetplattform geschlossen wird, bleibt abzuwarten. Doch dann wer-den bloss neue Seiten an die Stelle von WikiLeaks treten und das Spiel geht vonvorne los. Alles deutet darauf hin, dass die Organisationen lernen m¨ssen mit udieser modernen Art der Informationsverbreitung zu leben. Wenn wir den Betreibern von WikiLeaks etwas raten k¨nnen, dann w¨ren o adies die folgenden zwei Dinge: 1. Es w¨re w¨nschenswert, wenn die Organisation mehr Transparenz lebt als a u nur propagiert. 2. Die Berufung auf Artikel 19 der Menschenrechtskonvention wird von der Gesellschaft nicht einhellig unterst¨tzt wie unsere Umfrage gezeigt hat. Es u w¨re gut, WikiLeaks w¨rde versuchen, diesen Aspekt besser zu erkl¨ren a u a oder nach einer anderen Legitimation suchen.Seite 20 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  23. 23. Yves Brise, Marco Jenny LITERATURLiteratur [1] Aktuelles WikiLeaks:About http://www.wikileaks.org/media/about.html [2] WikiLeaks:About archived on web.archive.org http://web.archive.org/web/20080314204422/http: //www.wikileaks.org/wiki/WikiLeaks:About [3] Interview mit Julian Assange, Leak-o-nomy: The economy of WikiLeaks http://stefanmey.wordpress.com/2010/01/04/ leak-o-nomy-the-economy-of-wikileaks/ [4] http://www.golem.de/1011/79374.html [5] http://en.wikipedia.org/wiki/Icelandic_Modern_Media_ Initiative [6] LimeSurvey http://www.limesurvey.org/ [7] Irak http://www.sueddeutsche.de/politik/ wikileaks-irak-papiere-us-soldaten-schauten-bei-folter-systematisch-weg-1. 1015276 [8] WikiLeaks Macht und Verantwortung http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2010/ oktober/wikileaks-macht-und-verantwortung [9] Im Visier vom Geheimdienst http://www.heise.de/newsticker/meldung/ WikiLeaks-im-Visier-von-US-Militaergeheimdienst-955451. html [10] Geheimdienst verfolgt WikiLeaks Mitarbeiter http://www.heise.de/newsticker/meldung/ US-Geheimdienstler-folgen-WikiLeaks-Mitarbeitern-964681. html [11] Afghanistan, Netzpolitik http://www.netzpolitik.org/2010/ wikileaks-dokumentiert-afghanistan-krieg/ [12] Afghanistan, TAZ http://www.taz.de/1/politik/asien/artikel/1/ geheimprotokolle-veroeffentlicht/ [13] Lynndie England, Spiegel http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,376999, 00.htmlSeite 21 21. November 2010 ETH Z¨rich u
  24. 24. Yves Brise, Marco Jenny LITERATUR [14] Assange will Asyl in der Schweiz, NZZ http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/julian_assange_ will_asyl_in_der_schweiz_1.8280040.html [15] Internationaler Haftbefehl gegen Assange, NZZ http://www.nzz.ch/nachrichten/international/ internationaler_haftbefehl_gegen_assange_1.8437238. htmlSeite 22 21. November 2010 ETH Z¨rich u

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