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20081121 tanger d

  1. 1. Marginalien 651 Mißglückt Hongkongs Eingliederung? Tanger als warnendes Beispiel Von Raymond SanerDie Übergabefeiern vom 1. Juli 1997 Eingliederungen völlig anderer Kultu-sind bereits Geschichte, und die Hong- ren zu lernen, könnte deshalb für China,konger fragen sich ebenso wie die ganze für Hongkong und für die ganze WeltWelt, ob die rasche Aufhebung der in der nützlich sein. Denn viel steht auf demletzten Phase der Kolonialzeit erlassenen Spiel, nicht zuletzt das Schicksal vonGesetze durch die neuen Gesetzgeber be- sechs Millionen Menschen, die in dieserreits den Anfang vom Ende der Idee »ein überaus blühenden und dynamischenLand − zwei Systeme« einläutet. Hält Stadt leben.China seine Versprechen und wahrt die Wie verliefen beispielsweise die Ein-Identität und Autonomie Hongkongs, gliederungen der Hafenstädte Hamburg,oder wird es den Prozeß der Eingliede- Triest oder Tanger in ihr jeweiliges Mut-rung Hongkongs in das Mutterland be- terland? Besonders der letzte Fall ist in-schleunigen? Wird diese territoriale Ein- teressant, er ist der jüngste seiner Art,gliederung reibungslos oder mit Er- und auch hier wurde eine blühende,schütterungen verlaufen? hochentwickelte und international aus- Die Auguren unter den immer zahl- gerichtete Hafenstadt in ein armes, un-reicheren Hongkong- und Chinaexper- terentwickeltes und nach innen gewand-ten scheinen ungeachtet ihrer unter- tes Mutterland eingegliedert.schiedlichen Standpunkte in ihren Vor- Tangers lange Geschichte geht bis aufhersagen erstaunlich übereinzustimmen. die Phönizier und Römer zurück, seineIn der überwiegenden Mehrzahl erwar- internationale Bedeutung begann jedochten sie eine durchaus funktionsfähige erst mit einem britisch-marokkanischenEhe, eine kleine Minderheit befürchtet Handelsvertrag im Jahr 1856, der deneinige Übergangskonflikte, aber prak- Warenverkehr über Tanger ankurbelte.tisch niemand rechnet offen mit der Kolonialkriege und AnnektierungenMöglichkeit eines eindeutigen Fehl- marokkanischer Gebiete durch Spanienschlags. Und wäre es nicht geradezu be- und Frankreich in der zweiten Hälfte desleidigend vorauszusagen, China werde es 19. Jahrhunderts zwangen den Sultannicht gelingen, Hongkong auf friedli- Marokkos, die Internationalisierungche, konstruktive und harmonische Wei- Tangers zu akzeptieren. Angesichts ihrerse einzugliedern? strategischen Lage an der Nahtstelle zwi- Es ist jedoch an der Zeit, dieses Tabu schen Atlantik und Mittelmeer und ge-zu brechen und an das Sprichwort zu er- genüber von Gibraltar, bestand Großbri-innern, wonach derjenige, der sich nicht tannien darauf, daß diese Hafenstadterinnert, immer wieder die gleichen Feh- neutralisiert wurde, um den Einfluß sei-ler macht. Es ist eine bekannte Tatsache, ner traditionellen Rivalen Frankreichdaß Gemeinschaftsunternehmen, Fusio- und Spanien einzudämmen. Nach mehr-nen und Übernahmen im Privatsektor jährigen Verhandlungen erhielt Tangervor allem wegen der unvereinbaren Un- einen internationalen Status, der zwarterschiede der Kulturen, sei es der Kul- mehrfach geändert wurde, aber von 1923tur der Gesellschaft oder der Unterneh- bis 1956, dem Jahr, in dem Marokkomenskultur, scheitern. Das gleiche läßt unabhängig wurde, Bestand hatte. Alssich von Fusionen in Gestalt territorialer Sonderzone behielt Tanger eine gewisseEingliederungen sagen. Aus ähnlichen Autonomie, bis es 1960 mit einem grö-
  2. 2. 652 Marginalienßeren Gebiet seines Hinterlandes ver- rung als offizielle und einzige Währungeinigt und damit zu einer Stadt wie alle eingeführt. Die Beamten erhielten zu-anderen marokkanischen Städte wurde. nächst die Erlaubnis, mehrere Pässe zu Ein umfassender Vergleich zwischen besitzen, wurden aber später gezwungen,Hongkong und Tanger ist hier nicht den marokkanischen Paß zu nehmen undmöglich. Und kann man eine Stadt in jede andere Staatsangehörigkeit aufzuge-Nordafrika mit einer ostasiatischen Stadt ben oder aber ihren Arbeitsplatz zu ver-wie Hongkong überhaupt vergleichen? lieren. An die Stelle der zuvor völlig frei-Die einschlägigen statistischen Zahlen en Besitzanteile an den Unternehmenüber Handel und Wirtschaftswachstum trat ein obligatorischer marokkanischerlassen aber schnell erkennen, welche ge- Mehrheitsanteil von mindestes 51 Pro-waltige Macht die Stadt einmal inner- zent. Zeitungen in fremder Sprache wur-halb kurzer Zeit als Stapelplatz, Freihan- den zensiert, private fremdsprachigedelszone, Finanzzentrum und Hafen mit Schulen geschlossen und die bisher anmultikultureller Toleranz entwickelt der internationalen Praxis ausgerichte-hatte. In seinen Glanzzeiten gab es in ten Rechtsverfahren dem traditionellenTanger französische, spanische, englische marokkanischen Recht − bestehend ausund arabische Tageszeitungen, Rund- übernommenem französischem Rechtfunk- und Fernsehstationen von inter- und muslimischer Scharia − angegli-nationalem Ruf, Generalkonsulate aller chen.wichtigen Länder der Welt und daneben Alle diese Veränderungen bedeutetendie großartigen Villen berühmter einen Vertrauensverlust und führten zuSchriftsteller, Künstler und Filmstars.1 einem massiven Exodus von Kapital undDer Reichtum der Stadt war ebenso le- Menschen. Von 1956 bis 1958 gingengendär wie ihr Geist der freien Markt- die Ausfuhren um fast 53 Prozent zu-wirtschaft, von dem alle Teile der Bevöl- rück, und die Goldguthaben wurdenkerung durchdrungen waren − Christen nach Europa transferiert.2 Bankiers undund Juden, Muslime, Europäer, Araber, Diplomaten verließen ihre Villen, undAmerikaner ebenso wie alle anderen eth- Tausende seit Generationen ansässigenischen oder konfessionellen Gruppen. nichtarabische Einwohner verließen in Für den Vergleich zwischen Hong- aller Eile das Land, wodurch der Anteilkong und Tanger von Belang sind die Er- der nichtarabischen Bevölkerung voneignisse in der Übergangsphase Tangers mehr als 30 Prozent im Jahr 1959 aufvon 1956 bis 1960. Freier Handel beruht weniger als ein Prozent im Jahr 1990 zu-weitgehend auf der Existenz liberaler rückging. Da inländische Wanderungs-Handelsvorschriften, einer nichtinter- bewegungen kaum kontrolliert wurden,ventionistischen Regierung sowie kom- strömten Tausende armer Bauern in diepetenter und gegen Bestechung gefeiter Stadt, die von dem höheren Lebensstan-Beamter. Dies alles gab es in Tanger, bis dard angelockt wurden. Dadurch bra-Marokko zum Zeitpunkt der Eingliede- chen die materiellen und sozialen Infra-rung die Spielregeln änderte, obwohl es strukturen zusammen, es kam zu Le-das Gegenteil versprochen hatte, näm- bensmittelknappheit, Arbeitslosigkeit,lich die einzigartigen politischen und Inflation und einem deutlichen Absin-verwaltungstechnischen Verhältnisse in ken des Hygienestandards.3Tanger auch weiterhin zu gewährleisten. Vom Standpunkt der jeweiligen Statt dessen wurde der freie Devisen- Hauptstadt aus betrachtet, haben Pe-handel unterbunden und die Landeswäh- king und Rabat ähnliche Sorgen. Das an1 Vgl. Michelle Green, The Dream at the End of the World. New York: HarperCollins 1991.2 Vgl. Jean-Louis Mi` ge u.a., Tanger, port entre deux mondes. Paris: ACR Edition 1992. e3 Vgl. Lawdom Vaidon, Tanger, A Different Way. London: Scarecrow Press 1977.
  3. 3. Marginalien 653der Peripherie Marokkos liegende Tan- gen führen, um die Kontrolle über denger mit seiner jahrzehntelangen ausge- größten Teil der Westsahara zu gewin-prägt internationalen Ausrichtung und nen. Es ist fest entschlossen, seine Gren-seinem hohen Anteil an Ausländern war zen um dieses Gebiet zu erweitern. Des-auf Grund seiner strategischen Position halb hat Marokko auch immer wieder dieam Meer für Einflüsse von außen offen nationale Einheit, die Unterstellung un-und damit ein potentielles Sicherheits- ter die Zentralregierung und den geist-risiko für den zentralistisch angelegten lich-kulturellen Primat des herrschen-marokkanischen Nationalstaat. Es war den Königs betont. Forderungen vonauch kulturell der großen marokkani- im Untergrund operierenden Gewerk-schen Minderheit der Berber näher ver- schaftsführern nach einer Abschaffungwandt, die etwa 30 bis 40 Prozent der der Monarchie und Einführung einerBevölkerung Nord-Marokkos ausmach- parlamentarischen Demokratie sind vomten und die seit jeher für weniger Zen- König aktiv bekämpft worden.tralregierung durch eine überwiegend Unter dem Gesichtspunkt der natio-von Arabern dominierte Aristokraten- nalen Einheit ist es nachzuvollziehen,und Technokratenklasse optierten. daß die zentralistisch-nationalistischen Peking muß bei der Eingliederung Kräfte die wirtschaftliche AbhängigkeitHongkongs ähnliche Aspekte berück- ihres Landes von einer einzigen Hafen-sichtigen. Die Stadt ist weltoffen, und stadt verringern wollten, die nach ihrerihre Einwohner sind Ausländer sowie Ansicht auch noch unter ausländischemChinesen, die Kantonesisch sprechen Einfluß stand. Marokko baute deshalbund sich ihren südchinesischen Nach- Casablanca zu einer Hafenstadt aus, umbarn näher fühlen als den Bürokraten aus den dominierenden wirtschaftlichen undBeijing: Deren Sprache ist Mandarin, kulturellen Einfluß Tangers zu beschnei-und sie stehen für Zentralismus und an- den. China könnte in gleicher Weise ge-tidemokratische Vernebelungstaktiken; neigt sein, die Entwicklung Shanghaiskulturelle Freiheit bekämpfen sie als zu fördern, um aus wirtschaftlichen wiegefährliches, vom Westen importiertes aus politischen Gründen die beherr-Gedankengut. schende Position Hongkongs zu schwä- Vom Standpunkt der nationalen Ein- chen. Im Hinblick auf das innere Gleich-heit haben beide Länder auch ähnliche gewicht und die Gleichstellung der ein-Sorgen in bezug auf die Unverletzbarkeit zelnen Provinzen sind solche Bestrebun-ihrer territorialen Grenzen. Die Einglie- gen durchaus verständlich, sie könntenderung Hongkongs tangiert auch das jedoch den plötzlichen Zusammenbruchheikle Problem Taiwan und etwaige Ten- gerade der Stadt zur Folge haben, die diedenzen, die zum Auseinanderfallen und zum Aufbau des Landes erforderlichenzur Aufsplitterung Chinas führen könn- finanziellen und technischen Ressourcenten. Daher die Nervosität bei der bloßen liefert.Erwähnung der Unabhängigkeit Tai- In Tanger kam es zu einem solchenwans oder Hongkongs und die Betonung Zusammenbruch, den Marokko zwarvon Patriotismus und Gehorsam gegen- überlebte, aber nur auf Kosten einesüber dem Mutterland. gewaltigen Verlustes an wirtschaftlicher Marokko führt seit langem einen und kultureller Vitalität. MittlerweileKampf in einem Gebiet der Westsahara, ist Marokko bemüht, seine Fehler aus-das früher spanischer Kolonialbesitz war zubügeln, indem es beispielsweise dasund dessen Führer heute die Unabhän- Gebiet von Tanger zu einer Sonderwirt-gigkeit fordern, worin sie von einigen schaftszone erklärt und Ausländern gün-Ländern unterstützt werden. Marokko stige Investitionsmöglichkeiten anbie-hat seine Ansprüche auf dieses Gebiet tet. Diese Versuche sind bis jetzt erfolg-ausgedehnt und mußte in der Folge los geblieben. Um das Vertrauen der in-mehrere bewaffnete Auseinandersetzun- ternationalen Investoren wiederherzu-
  4. 4. 654 Marginalienstellen, bedarf es Rahmenbedingungen, Staatsdiener, garantierte Zugangsmög-die der wirtschaftlichen und sozialen lichkeiten zu den öffentlichen DienstenDynamik Auftrieb geben, die Toleranz für alle Mitglieder der Gesellschaft, Ver-zwischen den einzelnen Bevölkerungs- meidung von Monopolstellungen so-gruppen und Konfessionen fördern und wohl privater als auch öffentlicher Un-Ausländer anlocken, die schließlich ein ternehmen. Ein Vertrauensverlust dage-unerläßliches Element der globalen gen läßt sich an ganz konkreten Sympto-Wirtschaft sind. Solche Offenheit und men ablesen, wie etwa einem drastischengesellschaftliche Toleranz lassen sich Anstieg spekulativer Aktien- und Im-jedoch nicht nur durch Verordnungen mobiliengeschäfte, wachsenden Infla-erzielen. tionsraten, Devisenhortung und einer Um das Vertrauen der Investoren zu sich plötzlich ausweitenden Flucht vongewinnen und zu erhalten, sind Zeit, Er- Kapital und Menschen ins Ausland.fahrung, Offenheit und ein fester Wille Genau diese Symptome waren vorerforderlich. Ein freier Handel setzt ein dem Zusammenbruch Tangers zu ver-solides Regierungs- und Verwaltungssy- zeichnen. Das Auftauchen solcher Sym-stem voraus: verläßliche und transparen- ptome sollte der neuen Hongkonger Re-te Vorschriften, diskriminierungsfreie gierung und vor allem den Regierungs-Behandlung von Personen und Unter- stellen in Beijing, die diese schwierigenehmen, ständige Überwachung und Übergangsphase in den Griff bekommenAhndung korrupten Verhaltens der müssen, als Warnung dienen.
  5. 5. Note: This publication has been made available by CSEND.org with the agrement of the author. The Centre for Socio-Eco-Nomic Development (CSEND) aims atpromoting equitable, sustainable and integrated development through dialogue andinstitutional learning.Diplomacy Dialogue is a branch of the Centre for Socio-Eco-Nomic Development(CSEND), a non-profit R&D organization based in Geneva, Switzerland since 1993.

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