„Arisierung“ und Judenpolitik im ‚Dritten Reich’. 
Zur wirtschaftlichen Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung in der rhei...
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Einleitung 
Am 8. Januar 1950 schrieb ein J.P.M.S. aus M. an Bundespräsident Heuss: Er habe 
unglücklicherweise während...
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Wirtschaft und „Arisierung“ der jüdischen Unternehmen (weniger des jüdischen Immobilien-und 
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Der Begriff „Arisierung“ 
„Arisierung“ hat als Neologismus von außergewöhnlicher Paradoxie Eingang in die Sprache 
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entscheidende Moment ist, während der Begriff der „Endlösung“ bereits den Vollzug 
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Ist auch ein Plan nicht nachweisbar, so konnten doch bestimmte Ziele aus der 
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Nach den ausufernden Versprechungen der „Kampfzeit“ entwickelte sich jedoch die 
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Soweit einige der Bedingungen, die von 1933 an die NS-Judenpolitik vorstrukturierten. 
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Die angewandten Mittel und die anschließende Haltung der Strafverfolgungsbehörden 
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Diplomat sein, aber seinen Leuten klarmachen, ob sie sich nicht schämen, einen 
fremdländischen Arzt zu konsultieren.7...
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Wirtschaftsbereich garantiert schien85, ließ viele jüdische Bürger die Hoffnung hegen, im 
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Dem eiligen Blick auf den Diskussionsgang der wirtschaftlichen...
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Aufträge an jüdische Firmen geradezu zu einem symbolischen Prüfstein für die konsequente 
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Die "Arisierung" durch die Nazis
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http://www.deutschlandradiokultur.de/der-mythos-vom-arischen-jesus.1278.de.html?dram:article_id=192376
http://www.remid.de/blog/2012/05/der-arische-jesus-und-arteigene-religion-neue-studie-zu-einem-spirituellen-deutschen-sonderweg/

Den staatlichen Arierparagraph dagegen betrachteten die meisten evangelischen, auch bekennenden, Christen als politisch erlaubt oder sogar erforderlich.
Die "Arisierung" durch die Nazis:
Die nationalsozialistische Wortschöpfung "Arisierung" beschreibt den Prozess der Verdrängung der Juden aus ihren beruflichen Stellungen und dem Erwerbsleben allgemein. Die "Arisierung" umfasste sowohl illegale als auch staatlich sanktionierte Maßnahmen wie Entlassungen, Berufsverbote, die Einschränkung gewerblicher Tätigkeit und die teils erzwungene Übertragung von Rechten und Eigentum an nichtjüdische sondern christliche Deutsche.

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  1. 1. „Arisierung“ und Judenpolitik im ‚Dritten Reich’. Zur wirtschaftlichen Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung in der rheinisch-westfälischen Industrieregion von Dirk van Laak Inhalt Einleitung Der Begriff „Arisierung“ Antisemitische Diskussionen im Wirtschaftsbereich Die nationalsozialistische Judenpolitik 1933/34: Boykott und schleichende Ausschaltung 1935-1937: „Entjudung“ und Ausprägung der „Arisierung“ Die am „Arisierungs“-Prozeß beteiligten Personen und Institutionen: a) Integrationsverbände „arischer“ Wirtschaftstätigkeit b) Die Deutsche Arbeitsfront c) Die Gauwirtschaftsberater d) Handwerks-, Industrie- und Handelskammern, Wirtschaftskammern und Fachgruppen e) Regierungs- und Verwaltungsstellen f) Die Justiz g) Geheime-, Staats- und sonstige Polizeidienststellen h) Vermittler, Treuhänder, Abwickler i) „Reflektanten“ und Erwerber j) Die jüdischen Veräußerer 1938: Ein Schlüsseljahr in der Judenpolitik Die „Arisierung“ in der Phase der „Zwangsentjudung“ seit dem November 1938 „Arisierung“ und Rückerstattung in der Nachkriegszeit Nachwort zu Stellenwert und Bedeutung der „Arisierung“ Quellen- und Literaturverzeichnis 1. Ungedruckte Quellen 2. Gedruckte Quellen und Darstellungen Dirk van Laak: „Arisierung“ und Judenpolitik im ‚Dritten Reich’. Zur wirtschaftlichen Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung in der rheinisch-westfälischen Industrieregion Staatsexamensarbeit Essen 1988, bearb u. akt. 2003. http://www.geschichtskultur-ruhr.de/medien/library/dvlaak.pdf
  2. 2. 2 Einleitung Am 8. Januar 1950 schrieb ein J.P.M.S. aus M. an Bundespräsident Heuss: Er habe unglücklicherweise während des ‚Dritten Reiches’ sein am Munde abgespartes Geld in den Erwerb eines jüdischen Hauses investiert und den vollen Preis dafür bezahlt. Nun sei er 70 und Flüchtling und habe vor den Russen nur retten können, was er am Leibe trug. Schon früher habe er durch zwei Inflationen alles verloren, jetzt habe sich der Vorbesitzer des Hauses gemeldet, um es von ihm zurückzufordern. „Soll nun der Jude, der in meinem Falle sich gesichert in Kanada befindet, vor uns Christen bevorzugt werden? Ich bin auch, wie Sie Herr Präsident, von der N.S.D.A.P. verfolgt worden [...]. Sollen wir, die wir durch das 3. Reich alles verloren, nun im 4. Reich schutzlos sein? [...] Ich stehe vor dem „Nichts“ [...], denn, daß [!] 4. Reich kann uns Christen doch wohl nicht untergehen lassen. Mit ergebenster Hochachtung!“1 Dieser Brief eines Rückerstattungspflichtigen ist in mehrfacher Weise symptomatisch für die Reaktion vieler Deutscher, die in der Nachkriegszeit mit der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahme der „Arisierung“ konfrontiert wurden: Aus ihm spricht die Beharrlichkeit propagandistischer Figuren ebenso wie die Nachdrücklichkeit der (hier christlichen) Umorientierung. Deutlich wird zudem, wie die „Arisierung“ kaum zehn Jahre nach ihrem nahezu vollständigen Abschluß in Deutschland viele Bürger der Bundesrepublik bereits als Geschichte „einholte“ und als Erfahrung wahrgenommen wurde, die einer längst vergangenen Epoche angehörte. Die Formulierungen des Briefes spiegeln eine der unmittelbaren Reaktionen auf den Schuldvorwurf, der in jedem Antrag auf Rückerstattung potentiell enthalten war. Die Stilisierung zum Opfer und die Aufrechnung mit eigenem Erleiden ziehen sich, unabhängig davon, ob sie einer realen Grundlage entsprochen haben, als Konstanten durch die Argumentationen der ehemaligen „Ariseure“. Sie belegen die persönlichen Schwierigkeiten, sich als Nutznießer einer Verfolgungsmaßnahme und damit als Verantwortlicher zu verstehen. Das Rechtfertigungsmuster war in diesen Fällen nicht unähnlich denen, die zu dieser Zeit auf andere Vorgänge des ‚Dritten Reiches’ auch angewandt wurden: Die Machenschaften im Vorfeld einer Besitzübertragung wurden bis zur Unkenntlichkeit vergröbert und zum anonymen Kollektivzwang entpersonalisiert, ohne daß daraus die Konsequenz einer Kollektivhaftung gezogen wurde. Personen und Institutionen, deren Beteiligung an den Verfolgungsmaßnahmen feststand, zogen sich hinter Sachzwänge zurück oder gaben vor, Schlimmeres verhütet zu haben. In jedem Falle wurde die ‚Aktion’, eines der bestimmenden Definitionskriterien der NS-„Bewegung“, verleugnet, stattdessen die bloße Reaktion auf unvermeidbare Vorgänge behauptet. Die „Arisierung“ war der Bereich der nationalsozialistischen Judenverfolgung, der die weitaus größte Zahl, auch nicht in der „Bewegung“ organisierter, Beteiligter aufwies. Allein etwa 100.000 jüdische Unternehmen, zum großen Teil kleinere Handwerksbetriebe oder Ladengeschäfte, aber auch Montankonzerne und Bankhäuser, wechselten während des ‚Dritten Reiches’ den Besitzer oder mußten liquidiert werden. Jeder Übertragungsvorgang wurde von den Mitarbeitern verschiedenster Institutionen und in der Regel von mehreren „Reflektanten“ verfolgt. Innerhalb kürzester Frist kam es zu Besitzumschichtungen wie lange Zeit vorher nicht. Keinem der Beteiligten und Beobachter konnte verborgen geblieben sein, daß kaum ein einziger Verkauf vom jüdischen Veräußerer „freiwillig“ getätigt wurde. Diese Arbeit will versuchen, mit einem Ausblick auf die Rückerstattung in der Nachkriegszeit Vorgeschichte, Umstände und Verlauf von „Entjudung“ der deutschen 1 Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (im folgenden HSTAD) NW 114-323, Bl. 149.
  3. 3. 3 Wirtschaft und „Arisierung“ der jüdischen Unternehmen (weniger des jüdischen Immobilien-und Grundbesitzes oder sonstigen Vermögens) nachzuzeichnen.2 Die Struktur der untersuchten Quellen bedingt die Schwerpunkte der Darstellung: In seinen Grundzügen dargestellt werden soll einmal der öffentliche ‚Diskurs’ über den wirtschaftlich argumentierenden Antisemitismus und die „Arisierung“, wie er in den zeitgenössischen Publikationen geführt wurde; benannt werden sollen des weiteren die Träger dieser Diskussion, die vorwärtstreibenden Kräfte der „Entjudung“, ihre Motive und einige der Begleitumstände, die die Umsetzung der „Entjudungs“-Vorstellungen begleiteten. Weiter soll beschrieben werden, wie sich verschiedene Personen und Institutionen in den anlaufenden „Arisierungs“-Vorgang einschalteten bzw. in den „Entjudungs“-Vorgang eingeschaltet wurden. Schließlich soll in notwendig nur skizzenhafter Übersicht der Vorgang der „Arisierung“ selbst nachgezeichnet werden; dabei liegt der Schwerpunkt durch die zugrundegelegten Aktenbestände bedingt auf den Vorgängen im rheinisch-westfälischen Industrierevier.3 Einzelne „Arisierungs“-Fälle können hier freilich nicht in ihrem gesamten Verlauf beschrieben werden können. Dazu waren die zugrundegelegten Quellen lokal zu heterogen; Wiedergutmachungsakten, die diese Beschreibung erlaubt hätten, sind i.d.R. nicht zugänglich.4 Die Bedeutung der langfristigen Veränderungen durch die „Arisierung“ im Bereich der deutschen Wirtschaft und vor allem für die jüdische Bevölkerung können ebenfalls nur angedeutet werden.5 Die Bedeutung des „arisierten“ Vermögens als materielle Erinnerung an einen unrühmlichen Zeitabschnitt wird nicht nur offenbar, wenn man Firmenfestschriften von Unternehmen studiert, die auf ehemals jüdischem Besitz basieren.6 Bei der Vergegenwärtigung der Vergangenheit zeigt sich, daß über bestimmte Abläufe des ‚Dritten Reiches’ - und die „Arisierung“ gehörte dazu - lange Zeit Unklarheit herrschte. Das öffentliche Gedenken zumindest hat noch oft genug auf gedankliche Strategien der unmittelbaren Nachkriegszeit zurückgegriffen, um den Konsens der Verschwiegenheit nicht zu gefährden, auf den sich die in die Vorgänge des ‚Dritten Reiches’ Verwickelten geeinigt zu haben scheinen, um sich in die Nachkriegsrepublik (bzw. das „4. Reich“) integrieren zu können. 2 Inzwischen gibt es Vergleichsstudien für andere Regionen, vgl. Frank Bajohr: „Arisierung“ in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933-1945, Hamburg 1997. Alex Bruns-Wüstefeld: Lohnende Geschäfte. Die „Entjudung“ der Wirtschaft am Beispiel Göttingens, Hannover 1997. Mathias Krispin: Ein offenes Geheimnis. „Arisierung“ in Alltag und Wirtschaft in Oldenburg zwischen 1933 und 1945. Katalog zur Ausstellung Oldenburg 2001. 3 Zur Literatur vgl. Stefan Wirtz/Christian Kolbe: Enteignung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland und nationalsozialistische Wirtschaftspolitik. Annotierte Bibliographie, Frankfurt/M. 2000. 4 Vgl. aber Johannes Ludwig: Boykott, Enteignung, Mord. Die „Entjudung“ der deutschen Wirtschaft, Hamburg 1989. Peter Hayes: Big Business and „Aryanization“ in Germany, 1933-1939, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 3, Frankfurt am Main/New York 1994, S. 254-281. Angela Verse-Herrmann: Die „Arisierungen“ in der Land- und Forstwirtschaft 1938-1942, Stuttgart 1997. Für Österreich Irene Etzersdorfer: Arisiert. Eine Spurensicherung im gesellschaftlichen Untergrund der Republik, Wien 1995. Peter Böhmer: Wer konnte, griff zu. Vermögenssicherung „arisierter“ und herrenloser Güter im Krauland-Ministerium (1945-1949), Wien 1999. Irmtrud Wojak/Peter Hayes (Hg.): „Arisierung“ im Nationalsozialismus. Volksgemeinschaft, Raub und Gedächtnis, Frankfurt/M. 2000 (=Jahrbuch des Fritz-Bauer-Instituts zur Geschichte und Wirkung des Holocaust). 5 Es sei dazu auf das detaillierte Buch von Avraham Barkai (Vom Boykott zur „Entjudung“. Der wirtschaftliche Existenzkampf der Juden im Dritten Reich 1933-1943, Frankfurt/M. 1988) verwiesen, das in zahlreichen Beispielen auch auf das rheinisch-westfälische Industriegebiet eingeht. 6 Vgl. Artikel: Arisierung: „Keiner hat hier was zu feiern“, in: Der Spiegel, Nr. 52 (1987), S. 58-72.
  4. 4. 4 Der Begriff „Arisierung“ „Arisierung“ hat als Neologismus von außergewöhnlicher Paradoxie Eingang in die Sprache des ‚Dritten Reiches’ gefunden, sein Gebrauch spiegelt vieles von dem, was er bezeichnet. Im Wirtschaftsleben, wo nach den Vorstellungen des Antisemitismus die offensichtlichsten Vorbehalte gegenüber Juden zu konstatieren waren, kam der Begriff des „Arischen“ ebenso umstandslos zur Anwendung wie in allen anderen Bereichen „völkischen“ Lebens. Schon vor der Machtergreifung bemühten sich entsprechende Traktate, mit endlosen Beispielen aus der Geschichte eine angeblich vollkommen „verjudete“ Wirtschaft Deutschlands nachzuweisen und diesem Befund eine „arische Wirtschaftsordnung“7 entgegenzusetzen. Die Etablierung rassischen Gedankenguts und seines Vokabulars nach 1933 erfolgte nur mit Verzögerung. Dabei konkurrierte der Begriff des „Arischen“ für eine gewisse Zeit mit Begriffen wie „Christlich“ und „Deutsch“8. Beide Konkurrenzbegriffe trafen jedoch nicht, was die nationalsozialistische Rassenlehre meinte, auch waren sie zugunsten christianisierter Juden und jüdischer Reichsbürger auszulegen. Das „Nicht-jüdische“ und die „Entjudung“ erfüllten daneben als Kampfbegriffe ihren Zweck, gestatteten aber kaum eine positive Identifikation mit dem Vorgang der Ausschaltung. „Entjudeter“ Besitz ging deshalb offiziell, besonders seitdem die sog. ‚Nürnberger Rassegesetze’ bei jedem „Reichsbürger“ eine sehr genaue Vorstellung der eigenen „Arier“-Eigenschaft festsetzte, in „arischen Besitz“ oder, noch euphemistischer, in „arische Hände“ über. „Arisierung“ als Nomen, als ‚terminus technicus’ dieses Übergangs, findet sich sehr früh in vorausschauenden Analysen aus dem Ausland über die wirtschaftliche Existenzbedrohung der deutschen Juden - hier noch vornehmlich im Zusammenhang mit der Ausschaltung im Berufsleben.9 Im Verlauf des Jahres 1936 taucht er in der internen Korrespondenz einzelner Behörden auf10, 1937 etabliert er sich im amtlichen Jargon. Damit deutet sich das Bemühen an, mit der Sprache auch die Sache in den Griff zu bekommen, ein handliches Schlagwort war für die Diskussion um die „endgültige“ Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft im Jahre 1938 sowie für den „Export“ der Maßnahme in die besetzten Gebiete geschaffen. Der Begriff „Arisierung“ beinhaltet die für die NS-Sprache charakteristische Verbindung des Organischen mit dem Mechanischen, wie sie sich in vielen anderen Begriffen dieser Zeit ähnlich finden läßt.11 Sein Gebrauch zielt noch zynischer als sein Nachbarbegriff der „Entjudung“ auf ein verstecktes Reinigungsbedürfnis und entfaltet - gleichsam magisch - durch formelhafte Anwendung sein inhumanes Potential. Er enthält außerdem den ns-typischen „Willen zum Handeln“12 und faßt eine zielgerichtete Bewegung in einem Begriff, statt den Vorgang bürokratisch von seinem Ende her zu definieren.13 Dies ist möglicherweise als ein Hinweis darauf zu werten, daß hier noch der Akt des Trennens das 7 So der Titel einer „grundlegenden Untersuchung” von Arthur Trebitsch, Wien/Leipzig 1925. 8 Dies geschah möglicherweise aus taktischen Gründen, da eine inhaltliche Füllung des Begriffs „Arisierung“ für den öffentlichen Gebrauch erst definiert werden mußte. 9 Vgl. Der wirtschaftliche Vernichtungskampf gegen die Juden im Dritten Reich, Paris/Genf/New York 1937, S. 52. 10 Vgl. Schreiben der DAF vom 10. November 1936 zur „Arisierung“, Staatsarchiv Münster (im folgenden STAM) AGWS 146. 11 Victor Klemperer, zit. nach Alex Bein: „Der jüdische Parasit“. Bemerkungen zur Semantik der Judenfrage, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 13.Jg., Heft 2/1965, S. 123. 12 Victor Klemperer: Die unbewältigte Sprache. Aus dem Notizbuch eines Philologen, 3.Aufl. Darmstadt o.J., S. 249. 13 Z.B. durch „Arisation“ oder ähnlichem, was sich jedoch mit einer Ausnahme (Ladislaus Bojarsky: Die Ausschaltung der Juden aus dem slowakischen Wirtschaftsleben und die Arisierung im Lichte der slowakischen Gesetze, Diss. Wien 1943) nirgends finden läßt. Bojarsky wie auch Jacob Toury: Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938, Tübingen 1984, verwenden zudem den Begriff „Arisator“; ob es sich hierbei um eine Ungenauigkeit handelt oder um eine lokale Wortvariante, muß hier unentschieden bleiben.
  5. 5. 5 entscheidende Moment ist, während der Begriff der „Endlösung“ bereits den Vollzug ankündigt. „Entjudung“ ist mit der „Arisierung“ nicht identisch, es ist jedoch davon auszugehen, daß der weitaus größte Teil des ehemaligen jüdischen Vermögens im Reich verblieb und entweder vollständig den Besitzer wechselte, sich im Besitz Einiger konzentrierte oder dem Staat zufiel. Da es kaum einem jüdischen Bürger gelungen sein dürfte, seinen Besitz, seine Stellung oder sonstiges Gut ungeteilt über die Reichsgrenzen zu retten, war eine wie auch immer geartete „Arisierung“ das Resultat jeder „Entjudung“. Trotz des extensiven Gebrauchs des Begriffes seit 1938 erlangte er in zahllosen Verordnungen nie juristischen Rang, was für die Einschätzung des Charakters dieser Maßnahme bezeichnend ist, gerade weil er von großer Unmißverständlichkeit und allgemeinem Gebrauch gewesen ist. Gelegentlicher pervertierter Gebrauch des Begriffs auf seiner sprach- und altertumswissenschaftlichen Basis14 trübten diese Bedeutung nicht, so daß noch in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen dort, wo von der Aneignung jüdischer Vermögenswerte die Rede ist, wie selbstverständlich von „Arisierung“ gesprochen wurde. In den nachfolgenden Rückerstattungsverfahren verlor der Begriff in dem Maße an Selbstverständlichkeit, in dem die Gerichte weltanschauliche Gründe für den Erwerb jüdischen Vermögens - gewissermaßen „in gutem Glauben“ - ablehnten und „Ariseur“ zu einem peinlichen Titel wurde. Die Vorstellung einer zwangsweisen Inbesitznahme der Stellung oder des Vermögens einer rassisch ausgegrenzten (jüdischen) Minderheit aber blieb im allgemeinen Verständnis (neben seinem Gebrauch in juristischen und wissenschaftlichen Bereichen) bis heute weitgehend erhalten. Eine Schwächung der begrifflichen Prägnanz stellte sich auch dort nicht ein, wo gelegentlich metaphorisch von einer „Arisierung“ gesprochen wurde.15 In bildlichem Verständnis suchte der Begriff 1967 viele Juden in Israel heim, mit dessen Innenpolitik sich ein Michael Selzer unter dem Titel „The Aryanization of the Jewish State“ kritisch auseinandersetzte: „...the Ostjuden in Israel find escape from their trauma of self-hatred and humiliation by dressing themselves in the guise of their former oppressors. [...] The Ostjuden have become the Aryanized Westerners, the Oriental Jews the new Ostjuden.”16 Antisemitische Diskussionen im Wirtschaftsbereich Vergegenwärtigt man sich die Größe des Besitzes der jüdischen Bevölkerung des Deutschen Reiches vor 1933 und die Anzahl derer, die ihn sich in der Folgezeit angeeignet haben, müssen einige der Vorbedingungen genannt werden, die eine derartige Umschichtung gesellschaftlich ermöglicht haben. Der Traditionsgang des Antisemitismus kann dabei ebensowenig nachgezeichnet werden wie eventuelle Parallelitäten zwischen der „Arisierung“ und historischen Erscheinungen wie dem „Bauernlegen“ des 16./17. Jahrhunderts oder sozialistischen Enteignungen.17 Gleichsetzungen, wie sie etwa von Wilhelm Treue vorgenommen wurden18, 14 So wurde von den ‚Deutschen Christen’ eine „Arisierung“ Jesu versucht; vgl. Christian Zentner/Friedemann Bedürftig (Hg.): Das große Lexikon des Dritten Reiches, München 1985, S. 39. 15 Kurt Pritzkoleit: Die neuen Herren. Die Mächtigen in Staat und Wirtschaft, Wien/München/Basel 1955, S. 95- 97, schrieb von der „Arisierung“ eines Industriellen, Alan Abrams: Special Treatment. The Untold Story of Hitler's Third Race, Secaucus, N.J., S. 171-182, von der „Arisierung“ eines Feldmarschalls - beide aus der Absicht Görings heraus, sie dem Reich erhalten zu können. 16 Michael Selzer: The Aryanization of the Jewish State, New York 1967, S. 86. 17 Letztere Vergleiche wären aller Voraussicht nach ebenso unpassend wie unfruchtbar; es sei an dieser Stelle nur darauf verwiesen, daß sich der Begriff des „Judenlegens“ Zeitgenossen selbst aufgedrängt hat (vgl. Der Gelbe Fleck. Die Ausrottung von 500.000 deutschen Juden, Paris 1936, S. 105). 18 Wilhelm Treue: Die Juden in der Wirtschaftsgeschichte des rheinischen Raumes 1648 bis 1945, in: Monumenta Judaica Handbuch, Köln 1963, S . 459.
  6. 6. 6 sind nicht zu halten, da etwa das spezifisch rassistische Element den Maßnahmen in der Sowjetunion fehlte. Gerade dabei muß aber eine Erklärung der „Arisierungen“ ansetzen. Die Besonderheiten „völkischen“ und biologistischen Denkens zu erforschen, scheint deshalb auch geeignet zu sein, eine der Sichtweise des Totalitarismus eigene Gleichsetzung politischer Systeme und ihrer Politik sowie eine erkenntnisarme Suche nach Ursprünglichkeiten zu überwinden.19 Die jahrhundertealten Traditionen des Antisemitismus können hier nicht ansatzweise dargestellt werden. Für den Zusammenhang der „Arisierung“ ist aber von Interesse, daß der moderne Antisemitismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts große Bereiche seiner Argumentation aus der Wirtschaftssphäre bezog und dabei Tendenzen problematisierte, die bei anderen Voraussetzungen genauso gut positiv hätten bewertet werden können.20 Seit der weitgehenden Durchsetzung der Emanzipation jüdischer Bürger im 19. Jahrhundert gelang es vielen von ihnen, im parallelen Prozeß der industriellen und marktwirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands schneller Fuß zu fassen und flexibler zu wirtschaften als den Angehörigen anderer Konfessionen. Dies war zum größten Teil den längeren Erfahrungen in den bis dahin separaten jüdischen Wirtschaftssektoren (z.B. Handel, Geldwirtschaft) geschuldet, aber auch den weiter wirkenden Vorbehalten gegen Juden in Berufen mit starkem Gruppenethos (Beamte, Militär). Darüberhinaus scheinen kompensatorische Orientierungen für die nachhinkende gesellschaftliche Anerkennung bei vielen jüdischen Bürgern für ihre Erfolge in den freien und unabhängigen Berufen mitverantwortlich gewesen zu sein. Unter diesen Voraussetzungen gelangen zahlreichen jüdischen Unternehmern seit dem Kaiserreich Pionierleistungen auf wirtschaftlichen wie kulturellen Gebieten, die bei Zeitgenossen zwar unstrittig waren, heute aber durch neuere Untersuchungen erst wieder ins Gedächtnis zurückgerufen werden müssen.21 Bei anderen sozialpsychologischen Dispositionen gegenüber den industriellen und kapitalistischen Entwicklungen mit ihren Begleiterscheinungen in Deutschland hätte die Überrepräsentation von Juden in den „modernen“ Wirtschaftsbereichen vielleicht keine ausschlaggebende Bedeutung gehabt. So aber weckte die Konzentration jüdischer Wirtschaftstätigkeit in den freien Berufen (besonders in den Großstädten, vor allem in Handel, Gewerbe und Verkehr, insbesondere in der Metall- und Bekleidungsindustrie, im Bankgewerbe, im Einzelhandel und in den akademischen Berufen) den Argwohn derer, die der Entwicklung von moderner Wirtschaft und modernem Staat generell mit Vorbehalten gegenüberstanden. In besonderem Maße emanzipationsfeindlich reagierten die Angehörigen ökonomischer Sektoren, die von den neuen Formen in Wirtschaft und Verwaltung in ihrem Status verunsichert oder direkt materiell bedroht wurden. Erfolgs- und Konkurrenzneid vermögen es jedoch nur zum Teil, die zunehmende Identifizierung der Juden mit den irritierenden Tendenzen des Kapitalismus, mit abstrakter Wirtschaftsgesinnung und den entfremdenden Erscheinungen des Fortschritts zu erklären. Die Vorstellung des „Unorganischen“, des „Parasitären“ des jüdischen Wirtschaftsanteils wurde erst plastisch durch die Dimension des „völkischen“ Denkens. Die Definition der nationalen Einheit auf 19 In diesem Zusammenhang mag der Hinweis von Interesse sein, daß Ernst Nolte bereits in seinem Werk „Der Faschismus in seiner Epoche“ (München 1963) die Rassegesetzgebung des Nationalsozialismus als Kriegsgesetzgebung interpretierte, die von Beginn an auf das jüdische Vermögen zielte. 20 Inwieweit die ökonomische Argumentation dem traditionellen christlich-jüdischen Gegensatz nur übergestülpt wurde als gleichsam säkulare Variante, muß gleichfalls offenbleiben. 21 Vgl. Jacob Toury: Jüdische Textilunternehmer in Baden-Württemberg 1683-1938, Tübingen 1984. Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode. Die Zerstörung einer Tradition 1836-1939, Berlin 1986. Werner E. Mosse/Hans Pohl (Hg.): Jüdische Unternehmer in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1993. Ernst Lowenthal beklagte den Zeitabschnitt von 1880 bis 1930 sogar einmal als „historische Lücke“ und schrieb einer Analyse der „Arisierungen“ im ‚Dritten Reich’ die Möglichkeit zu, die ehemalige Bedeutung des jüdischen Beitrages zur deutschen Wirtschaft zu rekonstruieren, vgl. Ernst Lowenthal: Die historische Lücke. Betrachtungen zur neueren deutsch-jüdischen Historiographie, Tübingen 1987, S. 30f.
  7. 7. 7 der Grundlage der Herkunfts- und Blutsgemeinschaft verhalf dem Antisemitismus in Deutschland erst zu seiner spezifischen Legierung. Die Herausbildung des rassischen und sozialdarwinistischen Denkens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts soll allerdings nicht nachgezeichnet, stattdessen an dieser Stelle die Musterstruktur der antisemitischen Argumentation im Wirtschaftsbereich skizziert werden. Die Struktur war zu Beginn des ‚Dritten Reiches’ längst ausgebildet und nahezu jeder nationalsozialistischen Stellungnahme zur Bedeutung der „Judenfrage“ im Wirtschaftsleben stereotyp vorgeschaltet. Der völkischen Sichtweise mit rassischem Hintergrund erscheinen Juden als außerhalb eines organischen Volksaufbaus stehend. Ihre starke Repräsentation in bestimmten Wirtschaftsbereichen, zumal in vermeintlichen Schlüsselpositionen, wird deshalb als „Übersetzung“ wahrgenommen, für die nicht soziale Bedingungen, sondern rassische Veranlagungen verantwortlich gemacht werden. Die Eigenschaften des jüdischen Volkes sind nach diesem System auch für einzelne Juden unhintergehbar, das jüdische Wirtschaftsverständnis wird sich nach der Überzeugung des „wahrhaft völkisch Denkenden“ letztlich in jeder Situation offenbaren. Als Merkmale der jüdischen Wirtschaftsgesinnung gelten: ein materialistisches, mechanistisch orientiertes Weltbild und kapitalistische Denkweisen, die sich vor allem in wirtschaftlichem Machthunger und in einer hemmungslosen Gewinnsucht äußern; jüdisches Unternehmertum ist demnach weniger schöpferisch als vielmehr zehrend, daher erklärt sich die starke Besetzung im Handel, in der Geldwirtschaft, dem Kreditwesen und bei Aktienbesitz; das sog. „raffende Kapital“ ist bestrebt, ein weitverzweigtes und abstraktes Netz der „Zinsknechtschaft“ zu errichten, um gleichsam parasitär von der „schaffenden Arbeit“ des Volkes zu leben, in dem sich die Juden gerade aufhalten. Zur Absicherung dieses Status bedienen sie sich nach dieser Sichtweise „raffinierter Methoden“. Individuell bedeutet das besondere Spitzfindigkeit und Verschlagenheit sowie die Abwesenheit jeglicher Geschäftsmoral; unlauterer Wettbewerb gilt daher als bevorzugtes Mittel jüdischer Händler. Überindividuell zeichnet sich jüdischer Geist zwar durch einen starken, in gewisser Weise geradezu vorbildlichen, völkischen Zusammenhalt aus; aufgrund der Versprengtheit der Juden in der Diaspora führt dieser Zusammenhalt aber notwendig zu einem Internationalismus, dessen Ziel es letztendlich ist, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die Besetzung der einflußreichsten Positionen in der Wirtschaft mit Glaubensgenossen gilt dem völkisch Denkenden daher ebenso als strategisches Mittel zu diesem Endzweck wie es die angeblich geschickte Meinungsmanipulation durch Vertreter in akademischen Bereichen und in der Presse ist. Unter Vortäuschung einer Assimilation wird das Ziel des Judentums hinter Demokratie, einem forcierten Klassenkampf, abstrakter Rechtsprechung und ähnlich unorganischen Instituten der Moderne getarnt, um in unermüdlicher „Wühlarbeit“ den Willen des jeweiligen „Wirtsvolkes“ zu schwächen und für die eigenen Bedürfnisse zu „entarten“. Soweit diese Deutungsfigur vom Wesen und Wirken der Juden in der Wirtschaft, deren Abstrusität jedoch von der Logik des völkischen Denkens in ihrer Perfidie noch übertroffen wurde: Der zugrundeliegende Gedanke einer rassischen Bestimmung, deren Elemente zwar bis zur Unsichtbarkeit verschleiert, niemals aber verändert werden können, nahm den Juden jede Chance zu einer Eingliederung in das deutsche Volk. Die Möglichkeit einer „bürgerlichen Verbesserung“22, die den Emanzipationsgedanken hatte entstehen lassen, war somit ausgeschlossen.23 Es sind in erster Linie diese Prämissen einer Unwandelbarkeit und einer Ungleichwertigkeit der biologischen Bestimmung des Menschen gewesen, die den 22 Dieser zu seiner Zeit neue Gedanke wurde zuerst 1783 von F.W. Dohm in einem Buch gleichen Titels geäußert. 23 Vgl. zur Entstehung und Argumentation des Antisemitismus v.a.Hermann Graml: Reichskristallnacht. Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich, München 1988, S. 38-107, letzterer Gedanke auf S. 67.
  8. 8. 8 abendländischen Denktraditionen der Aufklärung gegenliefen. Viele der zerstörten Illusionen und schmerzhaften Erfahrungen des ‚Dritten Reiches’ scheinen auf dem Verkennen dieser Logik beruht zu haben, die der „humanistischen Zivilisiertheit“ deshalb so schwere Niederlagen beizubringen in der Lage war, weil die Gebote allgemeinmenschlicher Fairneß in ihrem Denksystem nichts galten. Neben der Unmöglichkeit, gegen eine völkische Sichtweise von außen her anzuargumentieren, wirkte sich weiterhin verhängnisvoll aus, daß jeder „Gemeinschaftsfremde“ aus der Konsequenz einer sozialdarwinistischen Einstellung heraus (Überlebenskampf, Auslese) in einen potentiell rechtsfreien Raum verschoben wurde. Auf die institutionalisierten Sicherheiten des „Gesellschaftsvertrags“ konnte sich demnach nur berufen, wer aufgrund erblicher Zugehörigkeit auch dazu berechtigt war. Daß die Scheidung in „Volksgenossen“ und „Gemeinschaftsfremde“ eine integrierende Funktion haben sollte und zweifellos hatte, braucht nicht betont zu werden, wichtig ist aber der Hinweis, daß die Integration in zweifacher Weise wirken konnte: als Ausgrenzung der „Unwürdigen“ wie auch positiver durch die Identifikation mit den Zielen der völkischen Bewegung. Die Vorstellungen einer „arischen Wirtschaftsordnung“ waren gleichwohl weitaus undeutlicher konturiert, als das antisemitische Schreckbild jüdischer Wirtschaftstätigkeit: Kernbegriffe sind hierbei Ehre, Treue und Stolz sowie Pflichtgefühl und Solidarität als bestimmend für das Bindungsgefüge eines organischen und autarken Wirtschaftskörpers, der sich den politischen Belangen des Volkes jederzeit unterzuordnen hat. Die schaffende, schöpferische Arbeit orientiert sich am Bedarf, Güter und Waren werden ohne vermittelnde Instanzen dem direkten Verbrauch zugeführt. Bestimmung und Vermögen der Volksgenossen bedingen eine natürliche Hierarchie und einen ständischen Wirtschaftsaufbau. Unter diesen Voraussetzungen bleiben Wille und Tatkraft eines Volkes erhalten, die Abwehr fremder Elemente wird zur Voraussetzung für den Selbsterhalt. So einfach das zweiwertige Erklärungsmuster des Antisemitismus auch strukturiert war und sowenig es sich durch individuelle Erfahrungen bestätigen mochte, so sehr war es doch unter gewissen Begleitumständen ein Deutungsmodell von erheblicher Tragweite. Das zeigen nicht nur die zahllosen Untersuchungen über die Weltanschauung Hitlers und anderer führender Nationalsozialisten. Weit schwieriger zu beantworten sind jedoch die Fragen, wie die Umsetzung vom Gedanken zur Tat vollzogen wurde, auf welche Konzepte man sich dabei bezog und inwieweit der Antisemitismus überhaupt bei der Ausschaltung der Juden von ausschlaggebender Bedeutung gewesen ist. Das antisemitische Denken hatte sich selbst zu einer Haltung aus Notwehr stilisiert und einen Handlungsbedarf formuliert. In seiner Perspektive hatte die geschichtliche Erfahrung gelehrt, daß die „Überheblichkeit“ der Juden nur jeweils durch die Empörung des sie beherbergenden Volks zurechtgestutzt worden sei. Für den wirtschaftlichen Bereich forderte deshalb schon Eugen Dühring 1881 eine staatliche Kontrolle des jüdischen Vermögens24, um das wirtschaftliche „Ausbluten“ des deutschen Volkes zu verhindern. Heinrich Claß, Führer des Alldeutschen Verbandes und diesen seit 1908 auf streng antisemitischen Kurs leitend, schlug 1912 in seiner Machtphantasie „Wenn ich ein Kaiser wär“ die Einführung einer Judensondersteuer vor.25 Von diesen und ähnlichen Überlegungen abgesehen blieben jedoch eventuelle Pläne für einen Zugriff auf jüdisches Vermögen sehr undeutlich. Bei den Nationalsozialisten sind ausgefeilte Konzepte für die „Entjudung“ der Wirtschaft in den Quellen bislang nicht belegt.26 24 Volker Losemann: Rassenideologien und antisemitische Publizistik in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, in: Thomas Klein/ders./Gunther Mai (Hg.): Judentum und Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart, Düsseldorf 1984, S. 143. 25 Graml: Reichskristallnacht, S. 85. 26 Die einzige konkrete Aussage zu eventuellen Eingriffen in die Wirtschaft war im Punkt 16 des Parteiprogramms enthalten, der die Auflösung aller Warenhäuser forderte.
  9. 9. 9 Ist auch ein Plan nicht nachweisbar, so konnten doch bestimmte Ziele aus der antisemitischen Argumentation geschlossen werden - es wäre deshalb leichtfertig, die judenfeindlichen Vorstellungen in ihrer Wirkung zu unterschätzen, da sie die Gegenmaßnahmen zum angeblichen jüdischen „Wirtschaftstreiben“ in sich bargen: das vermeintlich grenzenlose jüdische Wirtschaftsdenken und sein praktischer Ausdruck, der internationale Kapitaltransfer, legten etwa Gesetze zur Sicherung des „Volksvermögens“ nahe; die Vorstellung der unproduktiven „Raffung“ des Kapitals, des „Parasitären“, bedingte den Übergang jüdischen Besitzes in volkswirtschaftlich produktive Hände; die jahrelange „Zinsknechtschaft“ schließlich ließ es - nachdem man sich lange genug in diese Vorstellung hineinversetzt hatte - nur zu berechtigt erscheinen, die Juden ihre Gewinne „mit Zins und Zinseszins“ zurückzahlen zu lassen - und koste es in letzter Konsequenz ihr Leben. Zu Maßnahmen drängte es in der Vorstellung radikaler Antisemiten umso mehr, je weiter der Assimilationsprozeß voranschritt und die Sichtbarkeit eines vermeintlichen Unterschieds zwischen den Rassen verschwand. Die unsichtbare Nähe des Fremden verursachte ihnen unbehagliche Gefühle. Starke Bedenken löste etwa die zunehmende Tendenz assimilierter Juden aus, ihre Namen eindeutschen zu lassen. Die Möglichkeit zur Trennung wurde durch den Verlust dieses Stigmas derart erschwert, daß noch im Weimarer Staat der Genehmigung zur Namensänderung von antisemitischer Seite vehement entgegengesteuert wurde. Nach der Machtübernahme verstrichen, von einer raschen „Arisierung“ der Straßennamen abgesehen, jedoch noch weitere sechs Jahre, ehe eine eindeutige Kennzeichnung der Juden durch den Zwangszusatz „Israel“ bzw. „Sara“ gesetzlich verordnet wurde. Nur halb so lange dauerte es dann, die Juden zu bloßen Ziffern zu degradieren.27 Weiterhin ungeklärt ist, wie verbreitet die antisemitischen Haltungen in Deutschland gewesen sind. 1942 traf Franz Neumann, selbst ein exilierter Jude, von den USA aus die sicherlich überraschende Feststellung, seiner Überzeugung nach sei das deutsche Volk noch das am wenigsten antisemitische. Daß dies paradox erscheinen müsse, gab er selbst zu.28 Die Behauptung war zur Betonung seiner These von der rein instrumentellen Funktion des Antisemitismus im ‚Dritten Reich’ gedacht, spiegelt aber eine charakteristische Verkennung der Eigendynamik und Eigenwirkung antisemitischer Einstellungen durch viele Gegner des Nationalsozialismus wider, die vor dem Bekanntwerden der Dimensionen des Holocaust gerade in Exil- und linken Widerstandskreisen zu finden war. Großen Teilen der Bevölkerung scheint der Integrationsmechanismus des Antisemitismus auch bekannt und durchaus bewußt gewesen zu sein, daß es sich bei der Judenfeindschaft auch um ideologischen Kitt handelte, der das eklektizistische Gedankengebäude des Nationalsozialismus wasserdicht machen sollte.29 Die Begrenztheit einer funktionalen Erklärbarkeit des Antisemitismus mußte ein Sopade-Bericht jedoch schon Mitte 1938 feststellen. Es habe nicht den Anschein, so wurde der Prager Zentrale übermittelt, „als bemühe man sich darum, wenigstens einige „Feinde“ dieser Art im Lande festzuhalten, um sie in Zukunft für alle Schwierigkeiten verantwortlich machen zu können. Vielmehr scheint es das Regime auf die völlige Vertreibung der Juden abgesehen zu haben.“30 Jede Betrachtung über die Wirkungen der Judenfeindschaft muß berücksichtigen, daß im Gedankengut nationaler und konservativer Kreise das Bestehen einer „Judenfrage“ ebenso unumstritten war wie in den radikaleren völkischen Parteien. Alle staatlichen Maßnahmen 27 Vgl. dazu Dietz Bering: Der Name als Stigma. Antisemitismus im deutschen Alltag 1812-1933, Stuttgart 1987, S.190ff. 28 Nach einer späteren Ausgabe Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933- 1944, Köln/Frankfurt am Main 1977, S. 159. 29 Davon legt etwa der umgängige Reim: „Wenn Goebbels nicht mehr weiter kann, dann fängt er mit den Juden an“ Zeugnis ab. 30 Sopade-Bericht vom Juli 1938, S. 739.
  10. 10. 10 erschienen von dieser Seite aus zunächst diskutabel und prinzipiell berechtigt. Diese Form der „antisemitischen Komplizenschaft“31 schwächte von vornherein die Kritik- und Abwehrbereitschaft gegenüber der NS-Judenpolitik nicht nur in rechten, sondern auch in konfessionell gebundenen politischen und gesellschaftlichen Gruppen. Für das Verständnis von „Arisierung“ und Judenpolitik des ‚Dritten Reiches’ ist es von Bedeutung, daß die meisten der bis etwa 1938 erlassenen Verordnungen und Gesetze der Überzeugung des überwiegenden Teils der politischen und gesellschaftlichen Repräsentanten jenseits der linken Parteien entgegenkamen, in der „Judenfrage“ seien Maßnahmen gleich welcher Art unbedingt vonnöten. Mochten sich die Zielvorstellungen der Konservativen im einzelnen auch mit der Restituierung eines voraufklärerischen Status für Juden begnügen32, im Ergebnis führte die Interessenidentität dazu, daß bis in den konservativen Widerstand hinein von dieser Seite an den Methoden der NS-Judenpolitik weitaus mehr Kritik geübt wurde, als an deren Inhalten.33 Die breite nationale und „völkische“ Trägerschicht des Antisemitismus konnte schon in der Weimarer Republik auf jahrzehntealte Vorurteilsstrukturen zurückgreifen. Sie zielte in ihrer politischen Agitation auf unbestimmte Ressentiments und bildete gerade für den wirtschaftlichen Bereich ein Schlagwortarsenal von hohem Wiedererkennungswert aus.34 Es erwies sich als umso wirkungsvoller, als es auf allen gesellschaftlichen Ebenen rezipierbar war: mit der „Brechung der Zinsknechtschaft“ konnte auch der beim jüdischen Pfandleiher Verschuldete bestimmte Hoffnungen verbinden und an das „raffende Kapital“ fühlte sich u.U. der erinnert, der sich im Warenhaus schlecht behandelt vorkam. Neuere Forschungen haben für die Rezeption antisemitischer Einstellungen bestimmte „Konjunkturverläufe“ ausmachen können, die sich stark an der wirtschaftlichen Entwicklung orientieren.35 Sie haben auch festgestellt, daß antisemitische Einstellungen auf gesamtgesellschaftlicher Ebene in den letzten Jahren der Weimarer Republik eher abklingende Tendenzen aufwiesen und für die Wahlerfolge der Nationalsozialisten nicht von ausschlaggebender Bedeutung gewesen sind.36 Der größere Teil der Wählerschaft der NSDAP scheint sich weitaus stärker mit der positiven Vision einer „Volksgemeinschaft“ identifiziert zu haben, denn mit dem Bedürfnis zur Ausgrenzung; wie weit sich hierbei radikalere von gemäßigteren Positionen in der „Judenfrage“ unterschieden haben, wird jedoch kaum mehr zu quantifizieren sein. Auch wird es unmöglich sein, zu rekonstruieren, inwieweit im Einzelfall eine rassistische Einstellung für die Beteiligung an der Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft im ‚Dritten Reich’ von Bedeutung gewesen ist. Letztlich entscheidend ist aber, daß sich rassistische Gedanken zur Legitimation der Ausschaltung eigneten und aufgrund ihrer propagandistischen Präsenz von jedem Beteiligten, und sei es zur Beruhigung des eigenen Gewissens, übernommen werden konnten. Von einem breiten ideologischen Konsens des rechten Lagers getragen und mit den Erwartungen der vielen eher Indifferenten konfrontiert, die mit den Versprechungen materieller Vorteile (v.a. Ausschaltung jüdischer Konkurrenz) mobilisiert worden waren, befand sich die „Bewegung“ 1933 in starkem Zugzwang. Der vielberufene „Einfluß“ der Juden in der deutschen Wirtschaft freilich war zu diesem Zeitpunkt so gering wie seit dem Kaiserreich nicht mehr. Die Ungleichgewichte in der Berufsstruktur waren bereits 31 Christof Dipper: Der deutsche Widerstand und die Juden, in: Geschichte und Gesellschaft, Heft 9/1983, S. 356. 32 Dies vermutet Jacob Toury etwa für Hjalmar Schacht, vgl. ders.: Jüdische Textilunternehmer, S.231. 33 Vgl. dazu Dipper: Der deutsche Widerstand, Anm. 15. 34 Vgl. deren Musterstruktur oben. 35 Ian Kershaw: The Persecution of the Jews and German Popular Opinion in the Third Reich, in: Year Book of the Leo Baeck Institute XXVI (1981), S. 261-289; Sarah Gordon: Hitler, Germans, and the “Jewish Question”, Princeton 1984. 36 Dirk Walter: Antisemitische Kriminalität und Gewalt. Judenfeindschaft in der Weimarer Republik, Bonn 1999.
  11. 11. 11 unverkennbar auf dem Wege, sich zu nivellieren; zudem hatten die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise die große Zahl der jüdischen Kleingewerbetreibenden besonders hart getroffen. Die ökonomische Position des jüdischen Bevölkerungsteils war, von Ausnahmen abgesehen, keineswegs besser als die der restlichen Bevölkerung. Die antisemitische Propaganda konnte das nicht anfechten, sie schritt vom Einzelfall zum Allgemeinen über und brandmarkte auch Haltungen und Tätigkeiten als „typisch jüdisch“, die sich die eigenen „Volksgenossen“ zu eigen gemacht hatten. Dieser Aspekt der Selbstreinigung mag illustrieren, wie sehr der Antisemitismus auch im Wirtschaftsbereich über die Verfolgung eigennütziger Interessen hinausgehen konnte. In seinen radikalsten Ausprägungen erreichte er die Dimension eines rassehygienisch geprägten Weltbildes, das die Geschichte als Abfolge von Rassekämpfen definierte und der Gegenwart die Bedeutung zuschrieb, diesen Kampf zu entscheiden. Die nationalsozialistische Judenpolitik Die Nationalsozialisten waren nicht die einzigen, die sich während der Weimarer Zeit in judenfeindlichen Haltungen exponierten. Aber sie hatten es verstanden, den Antisemitismus als einen tragenden Pfeiler ihrer Ideologie zu profilieren und zudem durch entsprechende Aktionen den Eindruck verstärkt, eine politische Kraft zu sein, die imstande ist, die „Judenfrage“, die für weite Teile der Bevölkerung zu einer Lösung drängte, in Angriff zu nehmen. Der „gefühlsmäßige Unterbau der Bewegung“, wie der NS-Wirtschaftsexperte Gottfried Feder den Antisemitismus charakterisierte, hatte schon Jahre vor der Machtergreifung den staatlichen und rechtlichen Überbau, das „Zwangsgerüst“ gesellschaftlicher Rücksichtnahme, zu durchbrechen versucht. SA, die politischen Kampfbünde der Partei und ihre Lokalführer bemühten sich in ihren Einflußbereichen um die politische und kulturelle Hegemonie, in der die „Tat“ möglich war. In Essen waren Gauleiter Terboven und seine „National-Zeitung“ seit dem Ende der 20er Jahre in langwierige Prozesse verwickelt, weil sie jüdische Rechtsanwälte und Ärzte diffamiert und zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen hatten.37 Friedhofs- und Synagogenschändungen verloren auch im Ruhrgebiet den Charakter des Übereifrigen;38 immer mehr jüdischen Bürgern wurde von ihren Mitmenschen durch deren Verhalten bedeutet, daß sie der kommenden „Volksgemeinschaft“ nicht mehr angehören würden. So wurde ein bedrohliches Klima erzeugt, das für die „Feinde“ der „Bewegung“ in der Zeit nach der Machtergreifung einiges erwarten ließ. Nach der Übertragung der Regierungsverantwortung an eine Koalition unter Beteiligung der NSDAP und ihre Affirmation durch die Reichstagswahlen am 5.März 1933 sah sich die Partei, auf die sich die Hoffnungen der Antisemiten konzentrierten, mit strukturellen Problemen konfrontiert, die es notwendig machten, die eigenen Ziele einer Hierarchie zu unterwerfen. Dabei schien es geboten, der Beseitigung der Arbeitslosigkeit Priorität einzuräumen, da dieser zentrale innenpolitische Erfolg erst weitergehende Pläne der Partei ermöglichen konnte. Die Erholung der angeschlagenen deutschen Wirtschaft wurde vor diesem Hintergrund zur Voraussetzung machtpolitischer Konsolidierung und es war der Parteileitung klar, daß ein Wirtschaftsaufschwung nur „marktwirtschaftlich“ und durch die Anspannung aller verfügbaren volkswirtschaftlichen Kräfte in Gang gebracht werden konnte. Die Beteiligung der jüdischen Bevölkerung in der Wirtschaft wurde dabei zunächst mehr als nur billigend in Kauf genommen.39 37 HSTAD/Kalkum Landgericht Essen 6/478, 6/549, 6/498, 6/607, 6/632, 6/623, 6/706 und öfter. 38 Erik Emig: Jahre des Terrors. Der Nationalsozialismus in Oberhausen, Oberhausen 1967, S. 116. 39 Die Flucht jüdischer Industrieller und Wissenschaftler löste bei gemäßigten Kräften große Beunruhigung aus, sie hinterließen in der deutschen Wirtschaft große Lücken, vgl. Georg W.F. Hallgarten/Joachim Radkau: Deutsche
  12. 12. 12 Nach den ausufernden Versprechungen der „Kampfzeit“ entwickelte sich jedoch die Zurückstellung der unmittelbaren Einschränkung jüdischer Wirtschaftstätigkeit zu einem der kritischsten Elemente bei der nationalsozialistischen Herrschaftsstabilisierung. Der antisemitisch aufgepeitschte Anhang der Partei entlud noch im März 1933 seine Aufbruchsstimmung in zornigen Aktionen gegen jüdische Gewerbetreibende.40 Die Parteileitung sah sich gezwungen, zu konkretisieren, was mit der gesellschaftlichen Reorganisation im Sinne eines „nationalen Sozialismus“ gemeint sei. Die sich aus dem Konflikt zwischen Anspruch und politischer Praxis ergebenden Konsequenzen sind von zentraler Bedeutung für die Gesamteinschätzung nationalsozialistischer Herrschaft. In der Forschung wird die Bedeutung des Konflikts für die Judenpolitik in der Regel auf zweierlei Weise eingeschätzt: Den einen erscheint aus nachträglicher Perspektive das Taktieren in der Judenverfolgung als verhängnisvoller Stufenplan, der mit z.T. gezielten Verzögerungen und Verschleierungen operierte, alles in allem jedoch durchdacht und jederzeit kontrolliert exekutiert wurde.41 Anderen Forschern wie Uwe Dietrich Adam beweist die beobachtbare Umsetzung der Programmaussagen in politisch-gesetzliche Maßnahmen nur, „daß ihr keine wie immer konzipierte Planung zugrunde lag und daß Hitler jederzeit bereit war, bei einem Zielkonflikt seine antijüdischen Ressentiments zurücktreten zu lassen. Diese Behauptung ist wahrscheinlich am überzeugendsten in der Wirtschaftspolitik nachweisbar.“42 Es scheint offensichtlich, daß für beide Positionen, die sich jeweils gut begründen lassen, starke Wahrnehmungsdifferenzen bzw. unterschiedliche Perspektiven verantwortlich sind. Diese scheinen in den Eigenarten nationalsozialistischer Herrschaft begründet zu liegen, die einmal totalitär, ein anderes Mal chaotisch erscheinen, so daß schon Zeitgenossen Theorien eines dualistisch strukturierten Staates43 mit konkurrierenden Machthierarchien44 entwarfen. Der mehrgliedrige bzw. geschichtete Aufbau der Herrschaftsstruktur des ‚Dritten Reiches’ scheint außer den unterschiedlichen Theorien über ihren Gesamtcharakter auch die Inkongruenzen zu bedingen, die sich nachträglich für die unterschiedlichen Zeiterfahrungen im NS-Staat feststellen lassen.45 Bevor der Blick auf die konkreten Auswirkungen der nationalsozialistischen Judenpolitik gerichtet werden soll, ist es notwendig, einige ihrer Bedingungen zu nennen und dabei verschiedene Ebenen und Träger zu unterscheiden: • Die neue Staatsführung, gebildet aus der Koalitionsregierung, mußte neben den skizzierten wirtschaftlichen auch außenpolitische wie innenpolitische Rücksichten nehmen. Trotz lautstarker Proklamationen der nationalen Eigenständigkeit war infolge des letzten Krieges der außenpolitische Spielraum noch immer stark Industrie und Politik, Frankfurt am Main/Köln 1986, S. 263. Albert Fischer: Hjalmar Schacht und Deutschlands „Judenfrage“. Der „Wirtschaftsdiktator“ und die Vertreibung der Juden aus der deutschen Wirtschaft, Köln 1995. 40 Besonders auch in Essen, Mülheim, Bottrop; vgl. Das Schwarzbuch. Die Lage der Juden in Deutschland 1933, Paris 1934, S. 285-287 sowie S. 299. 41 Vgl. z.B. Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Die Gesamtgeschichte des Holocaust, Berlin 1982; Walter Hofer: Stufen der Judenverfolgung im Dritten Reich 1933-1939, in: Herbert A. Strauss/Norbert Kampe (Hg.): Antisemitismus. Von der Judenfeindschaft zum Holocaust, Bonn 1985, S. 172-185. 42 Uwe Ditrich Adam: Der Aspekt der „Planung“ in der NS-Judenpolitik, in: Thomas Klein/Volker Losemann/Gunther Mai (Hg.): Judentum und Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart, Düsseldorf 1984, S. 167. 43 Ernst Fraenkel: The Dual State, New York 1941. 44 Franz Neumann: Behemoth, zuerst New York 1942. 45 Vgl. etwa Lutz Niethammer (Hg.): „Die Jahre weiß man nicht, wo man die heute hinsetzen soll“. Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet, Berlin/Bonn 1983. Als Zusammenfassung der unterschiedlichen Interpretationsansätze kann gelten Ian Kershaw: Hitler. Bd. 1: 1889-1936, Stuttgart 1998, Bd. 2: 1936-1945, Stuttgart 2000.
  13. 13. 13 eingeschränkt. Rigorose Maßnahmen gegen Minderheiten, zumal mit ausländischer Staatsangehörigkeit, verboten sich aufgrund vielfältiger, vor allem wirtschaftlicher, Abhängigkeiten zu den Ländern des westlichen Auslands. In der „Judenfrage“ bremsten daher vor allem diejenigen Ministerien, die von den Mitgliedern der konservativen Bündnispartner der NSDAP besetzt worden waren. Da ihr Personal kaum aus radikalen Antisemiten bestand, waren von dieser Seite „lediglich“ Einschränkungen der staatsbürgerlichen Rechte der Juden und Initiativen zu erwarten, die eine angebliche jüdische „Übersetzung“ begleichen sollten. Weitergehende und radikalere Entrechtungsmaßnahmen hätten zudem aller Voraussicht nach zu diesem frühen Zeitpunkt noch gegen erheblichen innenpolitischen Widerstand durchgesetzt werden müssen. • Die Parteiführung sah sich gezwungen, ihre Richtlinienkompetenz auch innerhalb der Partei durchzusetzten. Sie befand sich in dem Dilemma, sich einerseits den staatspolitischen Rücksichten annähern zu müssen, andererseits den Erwartungen des eigenen Anhangs zu entsprechen, die aufgrund einer ausufernden Propaganda zum Stimmenfang äußerst vielfältig waren und sich gerade in der „Judenfrage“ mit individuellen Hoffnungen verbunden hatten. Um den staatlichen Erlassen sekundieren zu können, mußten z.T. erhebliche Umdeutungen beim Schlagwortbestand vorgenommen werden. So bedurfte es langwieriger Interpretationen, um deutlichzumachen, daß die „Brechung der Zinsknechtschaft“ nicht die Aufhebung allen Zinses bedeute46, und in der Frage der Auflösung sämtlicher Warenhäuser mußte man sogar hinter eindeutig formulierte Punkte des Parteiprogramms zurückfallen und dafür erhebliche Enttäuschungen in Kauf nehmen.47 Um solche und ähnliche Inkohärenzen zu glätten, aber auch, um die „Empfindlichkeiten“ der „Volksgenossen“ in der Judenfrage zu verringern, baute man in der Parteiführung auf die Wirkung gezielter „Aufklärungsarbeit“. Die Propaganda verstand es in der Folgezeit geschickt, die Blößen der Partei zu verdecken oder doch zumindest, Hitlers Unfehlbarkeit zu behaupten („Wenn das der Führer wüßte!“). Gegenüber dem eigenen Anhang mußte 1933 nicht nur der Umstand kaschiert werden, daß es der Partei einstweilen an politischer Durchsetzungsfähigkeit mangelte, sondern auch an Experten und Sachverstand, um die Herauslösung der Juden aus der Wirtschaft in Angriff nehmen zu können. Der Eingriff in den hochkomplexen Wirtschaftsbereich erforderte auch für die Parteiführung eine gewisse „Einarbeitungszeit“. • Die unteren Ebenen der Partei und ihre Anhängerschaft befanden sich zu Beginn des Jahres 1933 in euphorischer Aufbruchsstimmung und richteten mit neuem Schwung ihre „Bewegungs“-Energie gegen Juden und politische Gegner. Daneben begannen alle, die vor Ort für den Sieg der Partei gekämpft hatten, ihre Verdienste aus der Kampfzeit einzuklagen. Stattdessen sah das „Fußvolk“ der „Bewegung“ nach getaner Arbeit ihre Kampfbünde für neue Aufgaben umfunktioniert (Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand, Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation u.a.) und mithin gleichgeschaltet. Die umfassende antikapitalistische Stoßrichtung, die der Partei so viele Wähler zugeführt hatte, wurde nun z.T. auf die schwächsten Teilnehmer an der „nationalen Revolution“, auf die Juden, abgelenkt, um die Mitwirkung der übrigen Bevölkerung am „Wiederaufbau der nationalen Wirtschaft“ nicht zu gefährden. Weit über den 30. Juni 1934 hinaus, der in diesem Zusammenhang das endgültige Zusammengehen von NS-Führung mit den Spitzen 46 David Schoenbaum: Die braune Revolution, München 1980, S. 157. 47 Zur Warenhausfrage vgl. Heinrich Uhlig: Die Warenhäuser im Dritten Reich, Köln/Opladen 1956. Simone Ladig-Winters: Wertheim – ein Warenhausunternehmen und seine Eigentümer. Beispiel der Entwicklung der Berliner Warenhäuser bis zur „Arisierung“, Münster 1996.
  14. 14. 14 von Staat und Wirtschaft gegen den eigenen, revolutionär gestimmten Anhang markiert, führte diese Entwicklung in der Judenpolitik zu einem spezifischen Spannungsverhältnis zwischen Parteiführung und -anhang. Das ständige Wechselbad von ideologischer Aufpeitschung und taktischer Zurückhaltung veranlaßte lokale Parteigruppen aus Ungeduld oder in Antizipation des Fernziels einer „entjudeten“ Gesellschaft zu Eigenmächtigkeiten und machte sie zu Vorreitern der Radikalisierung in der Judenverfolgung. Dabei erwies sich nur zu oft, daß vielen SA-Genossen, Kreisleitern und anderen Funktionsträgern der vielbeschworene Gemeinnutz nicht mehr bedeutete, als die Summe ihrer eigennützigen Ziele. • Die politisch nicht engagierte und nur gering antisemitisch affizierte Bevölkerung war dagegen eher geneigt, den Blick fürs Ganze zu behalten: In charakteristischer Paradoxie scheint die Mehrheit der Bevölkerung, bei stärkerer oder geringerer Verachtung für brutale und offen terroristische Maßnahmen gegen Juden und politische Gegner, die ab 1933 eingeschlagene politische Richtung gutgeheißen zu haben. Sie ließ sich anstecken von der Aufbruchsstimmung und scheint darüber hinaus, wie Eva G. Reichmann vermutet, intuitiv die wirtschaftsfriedliche Programmatik des Nationalsozialismus erkannt und aus naheliegenden Gründen begrüßt zu haben, auch wenn klar war, daß sich die Gesundung der Wirtschaft langfristig zum Nachteil der Juden auswirken konnte.48 Pauschale Urteile über die Haltung der Bevölkerung zur Judenverfolgung verbieten sich generell, es sei jedoch auf die neueren Forschungen verwiesen49, die, bei aller Vorsicht vor generalisierenden Aussagen, sowohl gewisse ‚Typisierungen’ in den Einstellungen zur „Judenfrage“ ausmachen konnten wie auch „Konjunkturverläufe“ in der öffentlichen Meinung zu diesem Problem. Danach muß sich die Mehrheit der deutschen Bevölkerung als an der Judenverfolgung desinteressiert vorgestellt werden, nicht aus Hartherzigkeit, sondern weil sie sich häufig außerhalb des Aufmerksamkeitshorizontes befand oder sich dort halten ließ. Ließ sie dies nicht zu, wie bei den zahlreichen Ausschreitungen besonders 1933, 1935 und 1938, bedeutete der offensichtliche Beweis der terroristischen Potenz des Regimes jeweils einen mehr oder weniger starken Prestigeverlust für die Partei. Der „populärere“ Erfolg des Antisemitismus bestand vielmehr in der Stärkung der eigenen Identität in Abgrenzung zu anderen, in der Zugehörigkeit zur „Volksgemeinschaft“. Welche Folgen die Profilierung des Gemeinschaftsgefühls für die Ausgegrenzten haben konnte, scheint nur wenigen dabei bewußt gewesen zu sein.50 • Die heimlichen und offenen politischen Gegner des Nationalsozialismus wurden durch die Verfolgungen gezielt eingeschüchtert; sie sahen sich mit der Feststellung einer bestürzenden „Komplizenschaft“ in der „Judenfrage“ konfrontiert, die aus echtem Antisemitismus und Gedankenlosigkeit erwuchs. Ihre verzweifelten Aufklärungsbemühungen, ihre drastischen und beispielgesättigten Appelle scheinen vielfach das Gegenteil dessen erreicht zu haben, was sie bezweckten - entweder wurde ihnen nicht geglaubt oder man war geneigt, die beschriebenen Vorfälle als „natürliche“ Begleiterscheinung der „nationalen Revolution“ hinzunehmen. 48 Eva G. Reichmann: Flucht in den Haß. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe, Frankfurt/M. 1956, S. 265-267. 49 Z.B. Ian Kershaw: The Persecution of the Jews and German Popular Opinion in the Third Reich, in: Yearbook of the Leo Baeck Institute XXVI (1981), S. 261-289. Sarah Gordon: Hitler, Germans, and the “Jewish Question”, Princeton 1984, das auf ihrer Dissertation: German Opposition to Nazi Anti-Semitic Measures between 1933 and 1945, with Particular Reference to the Rhine-Ruhr Area, State University of New York at Buffalo 1979, basiert. 50 Vgl. dazu bes. Kershaw: Persecution, S. 286-289.
  15. 15. 15 Soweit einige der Bedingungen, die von 1933 an die NS-Judenpolitik vorstrukturierten. Der Parteiführung als maßgeblicher Instanz für diese Politik zu unterstellen, sie habe von Beginn der Machtübernahme an den „Volkszorn“ und den Verlauf der gesetzlichen Ausschaltung planvoll organisierend unter Kontrolle gehabt, traut den Parteistrategen aller Wahrscheinlichkeit nach etwas zu viel zu.Überzeugender ist die Vorstellung, daß das Wechselspiel der gesellschaftlichen Kräfte in der Judenpolitik eine um so wirkungsvollere Dynamik entwickelte, als es bei denen, die die Richtlinien dafür ausgaben, auf einem prinzipiellen Konsens aufbauen konnte. Die Organisation von Ausschreitungen wurde dabei in zunehmendem Maße als probates vorwärtstreibendes Mittel eingesetzt, um die Parteiführung bei gewollten Verschärfungen der Judenpolitik vor nachteiligen Folgen für ihr Ansehen zu schützen und die Maßnahmen mit angeblichem Druck von unten zu legitimieren. Diese Herrschaftstechnik zeigte sich am deutlichsten beim Novemberpogrom 1938. Bis dahin gab es jedoch auch einen jahrelangen Grabenkampf gegen unkontrollierte „Einzelaktionen“, da sie das sorgsam austarierte Verhältnis zwischen „Stürmern“ und „Entjudungs“-Drängern auf der einen sowie den Wahrern der Staats- und Parteiräson auf der anderen Seite immer wieder aus dem Gleichgewicht zu bringen drohten. Vor diesem Hintergrund entfaltete die organisierte Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte, Waren, Ärzte und Rechtsanwälte vom 1.April 1933 in mehrfacher Weise Signalwirkung für den weiteren Verlauf der Judenpolitik: • Er zeigte, daß die Koalition aus NSDAP und Konservativen auch in Fragen der Judenpolitik tragfähig war - kein Kabinettsmitglied erhob Einspruch gegen diese Form staatlicher Diskriminierung.51 • Er unterstrich den Handlungswillen der Partei, auch gegenüber dem eigenen Anhang, dem z.T. schon nach zwei Monaten das Tempo der „Entjudung“ mißfiel. • Er belegte das Bemühen der Partei, ihre radikalsten Vertreter in der „Judenfrage“ unter Kontrolle zu bringen - dies Bestreben erhellt aus der Tatsache, daß das eigens gebildete „Aktionskomitee“ zur Durchführung des Boykotts unter der Führung Julius Streichers und führender Mittelstandsfunktionäre der Partei (z.B. A. von Renteln, Vorsitzender des „Kampfbundes für den gewerblichen Mittelstand“) stand, die schon vorher durch besonders entschiedene Forderungen auffällig geworden waren. • Das Mittel des Boykotts deutet an, daß der Parteiführung zunächst eher daran gelegen war, den jüdischen Wirtschaftsanteil zu isolieren und „auszutrocknen“, statt ihn zu beschlagnahmen. • Den jüdischen Bürgern des Reiches wurden (und in den Folterkellern der SA buchstäblich) „die Instrumente gezeigt“. Unter nur vordergründiger Mißbilligung von Ausschreitungen durch die Regierung wurde das gesamte Repertoire an Druckmitteln präsentiert, das in den folgenden Jahren - ständig verfeinert - immer wieder zur Anwendung gelangen sollte: Aufmärsche, Sprechchöre, Flugblätter, Kundenkontrollen und Denunziationsandrohungen, denen u.U. mit Photoapparaten Nachdruck verliehen wurde, Sperrung von Geschäftseingängen, zwangsweise Schließungen, „Schutzhaft“, Mißhandlungen oder Bedrohungen jüdischer Geschäftsinhaber und ihrer Angestellten, Post- und Telefonkontrollen, schließlich die Aufhetzung und ideologische „Wühlarbeit“ durch NS-„Vertrauensleute“ in den Unternehmen mit dem Zweck, „den Chef mürbe zu machen“.52 51 Vgl. Kurt Pätzold: Faschismus, Rassenwahn, Judenverfolgung, Berlin (Ost) 1975, S. 81. 52 Kurt Jakob Ball-Kaduri: Das Leben der Juden in Deutschland im Jahre 1933. Ein Zeitbericht, Frankfurt/M. 1963, S. 114.
  16. 16. 16 Die angewandten Mittel und die anschließende Haltung der Strafverfolgungsbehörden wiesen darauf hin, daß die Sicherungen des Rechtsstaats bedenkenlos unterminiert wurden. Der Boykott, seine Durchführung und seine Begleiterscheinungen sollten Gegnern des Regimes ein Beispiel, Befürwortern aber ein Anlaß sein, die „nationale Sammlung“ zu demonstrieren, die bei einer vermeintlichen Bedrohung der „Volksgemeinschaft“ zu mobilisieren war. Der Boykott wirkte als Testballon für den außenpolitischen Spielraum der neuen politischen Führung; die Proteste waren jedoch stärker als vermutet und die erhofften erpresserischen Wirkungen schlugen fehl. Zusammen mit der Unpopularität der Aktion im Inland, die sich in zahllosen trotzigen Einkäufen in jüdischen Geschäften äußerte, trug der außenpolitische Mißerfolg mit dazu bei, den Boykott schneller als zunächst angekündigt zu beenden. Die wichtige Funktion, die Handlungsfähigkeit der Parteiführung gegenüber den „Scharfmachern“ einer wirtschaftlichen Ausschaltung der Juden zu beweisen, um sie für ein taktischeres Vorgehen zu behalten, hatte die Aktion jedoch erfüllt. Die folgenden Entwicklungen in der Judenpolitik waren von Seiten der Regierung von dem pragmatischen Gedanken geprägt, den sog. ‚Arierparagraphen’ für den Bereich der freien Wirtschaft zunächst nicht festzuschreiben, um so unter jüdischer Beteiligung die ökonomische Basis zu schaffen, auf der den politischen Entscheidungen erst der Primat eingeräumt werden konnte. Der antisemitische und antikapitalistische Anhang, dessen „Bewegungs“-Energie sich in diesem Punkt als Hypothek aus der Kampfzeit erwies, versuchte immer wieder, in den Grauzonen zwischen Illegalität und Duldung vollendete Tatsachen zu schaffen, Tatsachen, von denen die Akteure meinten, sie kämen dem letztendlichen Ziel entgegen, die deutsche „Volksgemeinschaft“ von den vermeintlich zersetzenden jüdischen Einflüssen zu befreien. 1933/34: Boykott und schleichende Ausschaltung Das Geflecht widerstreitender Interessen, das im vorigen Abschnitt skizziert wurde, konnte in der Tat von der jüdischen Bevölkerung des Reiches spätestens seit 1933 als „kollektiver Zwang“ wahrgenommen werden53, da keine der z.T. gegenläufigen Entwicklungen in der Judenpolitik langfristig dazu beitrug, ihre Lebenssituation zu verbessern. Die letztendlichen Konsequenzen dieser Politik zu erkennen war jedoch nur besonders hellsichtigen Zeitgenossen vorbehalten.54 Das sich je individuell auswirkende Gemisch aus terroristischen Maßnahmen lokaler Vertreter der „völkischen Bewegung“, aus offiziellen Beschwichtigungen bei gleichzeitiger propagandistischer Hetze, aus zwischenmenschlich enttäuschenden oder aufrichtenden Erfahrungen stürzte die jüdische Bevölkerung - so kann vermutet werden - in ein Wechselbad der Gefühle. Es scheint daher für die jüdischen Gewerbetreibenden bis zur „Zwangsarisierung“ im Jahre 1938 nicht zuletzt auch eine psychische Frage gewesen zu sein, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann die Verschärfungen der Lebensbedingungen die Hoffnungen überwogen und das Geschäft oder der Besitz zum Verkauf angeboten wurden. Anschließend an diesen Entschluß zur Veräußerung war es dann allerdings, wie im folgenden auch zu zeigen sein wird, keine Frage der persönlichen Entscheidung mehr, welche Konsequenzen man daraus zu ziehen in der Lage war. Verschiedentlich wurde bislang in der Forschung darauf hingewiesen, daß die Judenverfolgung in der rheinisch-westfälischen Industrieregion insgesamt vergleichsweise gemäßigt vonstatten gegangen sein soll. Dafür werden entweder die Nähe zum westlichen 53 Der Begriff wurde in den späteren Rückerstattungsgesetzen für die Zeit ab 1933 angesetzt. 54 Dies scheint vom Ausland her weitaus leichter gefallen zu sein, wie die vielen Schriften zur NS-Judenverfolgung aus dem Ausland belegen.
  17. 17. 17 Ausland, also außenpolitische Rücksichten55, Zugeständnisse an die meist nur wenig antisemitisch eingestellten Industrieführer des Reviers56, „maßvolle“ Gauleiter57 oder allgemein die großstädtische und anonyme Lebensweise verantwortlich gemacht, die die jüdischen Bürger allzu starker sozialer Kontrolle entzog. Für den Einzelfall lassen sich solche Vermutungen kaum verifizieren.58 Agitationen und Aktionen zur wirtschaftlichen Ausschaltung der jüdischen Bevölkerung waren, soviel läßt sich feststellen, in einzelnen Städten des Ruhrgebiets außergewöhnlich heftig. Boykottaktionen marodierender SA-Verbände sind z.B. für Essen, Bottrop und Mülheim seit Ende Februar/Anfang März 1933 belegt59, hier fanden sich auch Übereifrige, die schon Tage vor dem offiziellen Boykott vom 1. April vor jüdischen Geschäften aufmarschierten und diese z.T. zur Schließung zwangen.60 Obwohl es bei einigen Ausschreitungen zu Mißhandlungen, wahrscheinlich auch zur Ermordung jüdischer Geschäftsinhaber gekommen war61, erklärte der zuständige preußische Innenminister, Hermann Göring, bei einem Besuch Essens am 11. März, daß er seine Polizei nicht als Schutztruppe jüdischer Warenhäuser einzusetzen gewillt sei.62 Nach dem Boykott, der sich neben anderen auch unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten als von zweifelhaftem Wert erwiesen hatte, schwenkten Reichsregierung und Parteiführung unter der Parole, daß jeder bei der Mitarbeit an Deutschlands Wiederaufbau willkommen sei, der guten Willens ist63, auf einen wirtschaftsfriedlichen Kurs ein. Die dem Boykott folgenden legislativen Maßnahmen zur Durchsetzung des sog. ‚Arierparagraphen’ in den meisten der beamteten und einigen der freien Berufe dürfen zwar in ihrem Effekt für die Existenzgrundlage vieler jüdischer Bürger nicht unterschätzt werden, im Bereich der freien Wirtschaft war die Regierung jedoch zu allerhand Zugeständnissen im Interesse eines reibungslosen Wirtschaftsverlaufs bereit. Viele der ‚alten Kämpfer’ gaben sich allerdings mit der Ausschaltung von Juden aus der Beamtenschaft und dem Schutz vor ihrem Überwechseln in die freie Wirtschaft durch das Einzelhandelsschutzgesetz vom 12. Mai 193364 nicht zufrieden, sie gingen ihrerseits zur Strategie des „stillen“, „kalten“ oder „heimlichen“ Boykotts über. Die Essener „National- Zeitung“ versuchte etwa, das Kaufhaus Karstadt dazu zu bewegen, seine sämtlichen jüdischen Angestellten zu entlassen.65 Sie unterstützte damit die Tätigkeit der ‚Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation’ (NSBO) und anderer NS-Verbände, die trotz ihrer offiziellen Umwidmung durch die Parteileitung von Kampfbünden in Integrationsorgane der „Bewegung“ weiterhin alles daran setzten, die Juden im Wirtschaftsleben auszugrenzen. Dabei sollte sich als konstante Problematik erweisen, daß nicht eindeutig auszumachen war, wer „Volksgenosse“, wer Jude war. Die Tätigkeit der NSBO, des ‚Gesamtverbandes des Deutschen Handwerks, Handels und Gewerbes’ (GHG), 55 So Kurt Düwell: Die Rheingebiete in der Judenpolitik des Nationalsozialismus vor 1942, Bonn 1968, S. 270. 56 Werner E. Mosse: Jews in the German Economy. The German-Jewish Economic Élite 1820-1935, Oxford 1987, S. 373-379. 57 Düwell: Rheingebiete, S. 271. 58 Mit dem Hinweis auf die erste große Deportation von Juden, die am 22. Oktober 1940 aus dem Rheinland erfolgte, lassen sie sich allerdings auch kaum falsifizieren. 59 Helmut Genschel: Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich, Göttingen u.a. 1966, S. 45 mit Bezug auf Meldungen der ‚Jüdischen Rundschau’. 60 Genschel: Verdrängung, S. 51. Düwell: Rheingebiete, S. 85. Das Schwarzbuch. Die Lage der Juden in Deutschland 1933, Paris 1934 (im folgenden: Schwarzbuch), S. 285-287. 61 Beate Alice Stern de Neumann: Synagogengemeinde in Essen von 1933 bis 1940, in: Das Münster am Hellweg, 23.Jg. Heft 6, Juni 1970, S. 85-102, hier S. 93. Düwell: Rheingebiete, S. 83. 62 Düwell: Rheingebiete, S. 83. Schwarzbuch, S. 287f. 63 Schreiben des Regierungspräsidenten an die Stadtverwaltung Essens vom 22. September 1933, das eine entsprechende Verlautbarung des Reichswirtschaftsministers bestätigte, Stadtarchiv (StaA) Essen 102 I 33, Antisemitische Anordnungen, Bl. 14. 64 Diese Funktion des Gesetzes vermutet das Schwarzbuch, S. 330. 65 Schwarzbuch, S. 387.
  18. 18. 18 der ‚Nationalsozialistischen Handels- und Gewerbe-Organisation’ (NS-HAGO), vereinzelt auch der ‚Deutschen Arbeitsfront’ (DAF), erstreckte sich daher in den Jahren bis zur systematischen Erfassung der jüdischen Bevölkerung zu einem erheblichen Teil in Bespitzelungen, Entlarvungen und Denunziationen, um den jüdischen Wirtschaftsteil seiner Anonymität zu entreißen, ihn sichtbar zu machen und zu stigmatisieren. Da es im Verlauf der Boykottaktion zu irrtümlichen Tätlichkeiten gegen Geschäfte von „Volksgenossen“ gekommen war, forderten die NS-Gewerbeorganisationen die Ausgabe von Schildern, die die Geschäfte ihrer Mitglieder als eindeutig „deutsch“ auswiesen. Auch die Erstellung von Listen jüdischer Geschäfte wurde gefordert, vom Reichswirtschaftsministerium jedoch immer wieder untersagt. Als „schwarze Listen“ kursierten sie jedoch inoffiziell dort, wo sie dennoch erstellt wurden, weiter. Mangels offizieller Initiative zur Scheidung von Juden und Nichtjuden waren die antisemitisch treibenden Kräfte gezwungen, sich zunächst auf eine „Reinigung“ von innen zu beschränken. Der Boykott jüdischer Geschäfte wurde für Sympathisanten zu einer „Ehrensache“ und mit einer moralischen Attitüde versehen66; die Partei selbst verpflichtete ihre Mitglieder unter Strafandrohung zur Meidung von Wirtschaftskontakten mit Juden, während die übrige Bevölkerung mit allen Mitteln sozialen Drucks (der unter den Fahnen „Aufklärungsarbeit“ und „Erziehung“ segelte) zu „nationalem“ Verhalten gebracht werden sollte. Beamte und Verwaltungsangestellte durchliefen diesen Kursus meist ebenso eifrig wie pflichtschuldig: Der Essener Oberbürgermeister Schäfer ordnete, rechtzeitig zum Boykotttag, am 30. März 1933 vertraulich sämtliche Dienststellen an, keine Bestellungen mehr bei jüdischen Firmen und Warenhäusern zu tätigen. Die Stadtverordnetenversammlung unterstrich in einem Beschluß vom 7. April die Verpflichtung für alle Essener städtischen Bediensteten, ihren Bedarf beim ortsansässigen Mittelstand zu decken, statt in jüdischen Warenhäusern und jüdischen Firmen.67 Die Eingabe einer jüdischen Elektro- und Radiogroßhandlung vom 7. Mai, sie bekäme aufgrund dieser Verfügung nun keine städtischen Bestellungen mehr, auf die sie doch angewiesen sei, wurde mit der knappen Feststellung beschieden, diese kämen nun nicht mehr in Frage. An diesem Beschluß konnte auch der Hinweis des Geschäftsinhabers auf den Grad seiner Assimilation (Katholik seit 1920, Weltkriegsteilnehmer, „arisches“ Personal) nichts ändern.68 Ähnliche Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Händlern und der Stadtverwaltung sind für Dortmund belegt.69 Sie erfuhren im Laufe des Jahres 1933 durch Weisungen oberer Verwaltungsbehörden und Parteistellen Entscheidungen zugunsten der jüdischen Gewerbetreibenden. Auch jüdische Ärzte und Apotheker sollten weiterhin konsultierbar sein, da dies der offiziellen Politik einstweilen opportun erschien.70 Der „Geist“, der die weitere Haltung der Stadtverordneten bestimmte, charakterisiert die Mitschrift einer Dienststellenbesprechung vom 5. Februar 1934, in der es u.a. heißt: „Die Verfügungen der Regierung, dem Juden gegenüber eine ablehnende Stellung einzunehmen, sind zwar aufgehoben, und zwar wegen der außenpolitischen Lage. Wenn aber einer ein Herz im Leibe hat, der lässt sich von einem deutschen Arzt behandeln.“ Einstweilen müsse man 66 Vgl. Artur Joseph: Meines Vaters Haus, Stuttgart 1959, S. 120f. Joseph, Inhaber eines Kölner Schuhhauses, zitiert eine „Ehrenerklärung“, die den Unterzeichnenden verpflichten sollte, keinen Umgang mehr mit Juden zu haben. 67 StaA Essen 102 I 33, Antisemitische Anordnungen, Bl. 3 und 5. 68 Ebd., Bl. 8f. 69 Ulrich Knipping: Die Geschichte der Juden in Dortmund während der Zeit des Dritten Reiches, Dortmund 1977, S. 35. 70 StaA Essen 102 I 33, Bl. 36f.
  19. 19. 19 Diplomat sein, aber seinen Leuten klarmachen, ob sie sich nicht schämen, einen fremdländischen Arzt zu konsultieren.71 Von den offenen oder versteckten Diskriminierungen verschreckt und in der meist prekären finanziellen Lage zusätzlich erschüttert, zudem von demütigenden Parolen („Die Juden sind unser Unglück“) entwürdigt - im April 1933 meldete die ‚Jüdische Rundschau’ die ersten Geschäftsaufgaben.72 Über die Zahl der Verkäufe und ihr Verhältnis zu Konkursen und Liquidationen liegen kaum Angaben vor, da sie zu dieser Zeit noch von keiner Seite in Hinblick auf eine geordnete Übergabe in „deutsche Hände“ registriert wurden. Das „Schwarzbuch“ prognostizierte schon Anfang 1934 von Paris aus: „Wie viele Fabriken, Grosshandelsfirmen, Kaufmannsgeschäfte im stillen abgewürgt worden sind, ohne dass je eine Zeitung eine Zeile darüber gemeldet hat, ohne dass auch die geängstigten Besitzer je ein lautes Wort darüber gesprochen haben, davon wird selbst eine spätere Geschichtsschreibung schwerlich jemals ein vollständiges Bild geben können. Man wird aus dem Ergebnis, das heute noch für niemand klar umrissen ist, das Geschehene erkennen können.“73 Viele der Boykottierten verfielen in große Unruhe; sie waren geneigt, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen und schieden aus Vorstandsgremien aus, verkauften ihre Anteile an „deutsche“ Geschäftsleute oder Banken und bereiteten in größerer Zahl ihre Auswanderung vor. Um der drohenden Individualisierung der Wirtschaftstätigen vorzubeugen, setzte die anläßlich des Aprilboykotts gegründete ‚Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe’ auch in der folgenden Zeit ihre Tätigkeit weiter fort. Der Jüdische Central- Verein des Landesverbandes Rheinland-Westfalen unterhielt seine juristisch-wirtschaftliche Beratungsstelle in Essen.74 Strategie der Beratungsstellen war es, voreilige Verkäufe zu verhindern, die jüdischen Geschäftsleute miteinander in Kontakt zu bringen und mit gesammeltem Nachdruck Eingaben an die zuständigen Behörden einzubringen.75 Diese zeitigten sogar einige positive Resultate; auch in der Rechtsprechung war u.U. noch erfolgreich an den Wortlaut eines Gesetzes oder Vertrages zu appellieren, um etwa vorschnelle Kündigungen gegen jüdische Angestellte anzufechten oder den Hinweis eines Konkurrenten auf den „jüdischen Charakter“ eines Geschäfts gerichtlich untersagen zu lassen. Die Berufung Kurt Schmitts und mehr noch die von Hjalmar Schacht zum Reichswirtschaftsminister, die von Hitler am 6. Juli 1933 erklärte Beendigung der „nationalen Revolution“, die „Vertagung“ der Warenhausfrage76, die gemäßigten „Richtlinien über die Vergabe öffentlicher Aufträge“ vom 14. Juli 193377 und ähnliche Signale von 71 Ebd. Bl. 40. Emig: Jahre des Terrors, S. 118, berichtet von der Einrichtung einer „Abteilung Entjudung“ im Oberhausener Rathaus im Jahr 1933. Die Stadt Mülheim kündigte noch im Februar 1933 dem jüdischen Möbelgeschäft, das seine Geschäftsräume im Rathaus angemietet hatte. Zwei Jahre später mußte es in „arische Hände“ übergeben werden, vgl. Gerhard Bennertz: Die Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde in Mülheim a.d.Ruhr in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Grundriß, in: Zeitschrift des Geschichtsvereins Mülheim a.d.Ruhr, Heft 58/1983, S. 9-54, hier S. 22. 72 Genschel: Die Verdrängung, S. 73. Hans Lamm: Über die innere und äußere Entwicklung des deutschen Judentums im Dritten Reich, Diss. Erlangen 1951, S. 40. Beide Autoren sprechen hier schon von „Arisierungen“, was vom Ergebnis her zutrifft, wohl kaum aber zu dieser Zeit schon als Teil einer umfassenden „Entjudungs“- Maßnahme begriffen wurde. 73 Schwarzbuch, S.317. 74 Ihre Leitung übernahm der Syndikus Dr. Ernst Plaut, vgl. Stern de Neumann: Synagogengemeinde, S. 92. 75 Vgl. A. Szanto: Economic Aid in the Nazi Era. The work of the Berlin Wirtschaftshilfe, in: Yearbook of the Leo Baeck Institute IV (1959), S. 208-219, hier bes. S. 210f.; vgl. auch Heinrich Kronstein: Briefe an einen jungen Deutschen, München 1967, S. 140. Kronstein war in der Mannheimer Gemeinde tätig, um „überstürzte Verkäufe” zu verhindern. 76 Rudolf Heß verbot am 7. Juli 1933 alle Aktionen gegen Warenhäuser, die Warenhausfrage werde „zu geeigneter Zeit“ gelöst, StaA Essen 102 I 33, Bl. 11. 77 Vgl. Schwarzbuch, S. 335f.. Sie sahen vor, „deutschstämmige“ Firmen nur bei gleichwertigen Angeboten zu bevorzugen.
  20. 20. 20 höchster Stelle vermochten es, die panikartige Stimmung unter der jüdischen Bevölkerung nach und nach wieder etwas zu beruhigen. Daß die Hoffnungen, ja das Wunschdenken trügerisch waren, die Einschränkungen jüdischer Wirtschaftstätigkeit werden sich über ein gewisses mehr oder weniger erträgliches Maß hinaus nicht weiter verschärfen, konnte zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt vorausgesehen werden. Für Geschäftsveräußerungen erwies sich erst nachträglich, daß eine zögernde Taktik sich als im Einzelfall berechtigt, langfristig jedoch eher verhängnisvoll auswirkte. Die Hoffnungen und ein gewisses Pflichtgefühl ließen viele jüdische Geschäftsleute ausharren und Beeinträchtigungen in Kauf nehmen, die dann später ihre Handlungsfähigkeit u.U. so weit einschränkten, daß es „im Interesse des Betriebes“ unumgänglich war, nach und nach alle Geschäftsanteile nicht diskriminierten, also „arischen“ Geschäftsleuten anzubieten.78 Den Gesetzen des Marktes folgend waren die neuen Machthaber gezwungen, Rücksichten auf einen harmonischen und ungestörten Wirtschaftsablauf zu nehmen, den Gesetzen des Marktes folgend bedurfte es allerdings oft auch nur eines Anstoßes, um jüdische Unternehmen gleichsam in einen Strudel wirtschaftlichen Niedergangs zu stoßen: waren Ruf und ‚goodwill’ eines Geschäfts erst einmal in Frage gestellt - und der Verdacht dazu reichte meist aus, wie viele der Denunzianten sehr wohl wußten - zog dies eine ganze Reihe handfester Nachteile nach sich: Kundenverluste, Rückstellung in der Angebots- und Lieferhierarchie des Großhandels sowie Kreditverluste im mehrfachen Sinne. Der fortgesetzte „heimliche“ Boykott brachte, wieder den Gesetzen des Marktes folgend, Kaufinteressenten hervor, die später sogenannten „Ariseure“, von denen Heinrich Kronstein meint, daß sie „Aasgeiern gleich umherstrichen und versuchten, die jüdischen Unternehmen einzukassieren. Mit süßen Stimmen redeten sie den jüdischen Geschäftsinhabern und ihren Anwälten ein, daß sie aus reiner Menschenfreundlichkeit handelten und eben gerade diejenigen seien, die versuchten, Freunden in der Not zu helfen. Den „Freunden“ den Rücken kehrend, sagten sie im selben Atemzuge zu den Nazis, daß sie die Vollstrecker des völkischen Gedankens seien, bestrebt, die Unternehmen rasch in die richtigen Hände zu bringen.“79 Wenn es auch vielen jüdischen Geschäftsleuten gelungen sein dürfte - zumal in den ersten Jahren des ‚Dritten Reiches’ - ihr Unternehmen an befreundete Erwerber zu veräußern und trotz der Einschränkungen ein gegenseitiges Einvernehmen auch im Preis zu erzielen80, so verdeutlicht doch das Zitat von Heinrich Kronstein anschaulich, wie sich die Wettbewerbsverzerrungen (in diesem Falle durch die prinzipielle Diskriminierbarkeit der Juden) in einer Verrohung der geschäftlichen Sitten auswirken konnten.81 Daß der wirtschaftliche Gewinn bei solchen Geschäften mit jüdischen Partnern auf Seiten des Erwerbers lag, wird spätestens seit 1934 weithin bekannt gewesen sein; er wäre sicherlich häufiger erzielt worden, wenn es um die Kapitalkraft der „Volksgenossen“ zu diesem Zeitpunkt besser bestellt gewesen wäre. Besitzumschichtungen dieser Art konnten mit akuten Gefahren, etwa für die Angestellten eines Unternehmens, verbunden sein, die den staatlichen Planern umso unangenehmer sein mußten, als den sog, ‚Gefolgschaftsmitgliedern’ seit dem ‚Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit’ vom 20. Januar 1934 die primäre Aufmerksamkeit von Regierung und Partei zuteil wurde. Geschäftsübertragungen konnten zudem den kritischen 78 Das Pflichtgefühl den Angestellten gegenüber betont Hilde Rohlen-Wohlgemuth: Gebrüder Kaufmann. Die Geschichte eines jüdischen Kaufhauses 1894-1936, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins, 90. Bd., Jg.1982/83, S. 135. 79 Kronstein: Brief, S. 104f. 80 In solchen Verträgen fanden u.a. Inventar, Warenlager, die laufenden Verträge, evtl. Schulden, die Lieferanten-Kontakte und der Firmenwert Berücksichtigung. 81 Die “Deutsche Juristen-Zeitung“, Heft 14/1933, Sp. 955, bemerkte daher zum Fall einer Denunziation eines jüdischen Konkurrenten: „Was verstößt mehr gegen die guten Sitten, als wenn die Flamme der Revolution dazu benutzt wird, um das Süppchen des Eigennutzes darauf zu kochen?“
  21. 21. 21 Bereich des Außenhandels empfindlich treffen, wenn ehemals deutsche Wirtschaftszweige in andere Länder umsiedelten oder Handelsverbindungen durch die Auswanderung jüdischer Geschäftsleute verlorengingen. Nach dem 1.April 1933, so war Mitte 1934 in der „Deutschen Volkswirtschaft“ zu lesen, seien „23 verschiedene, zum erheblichen Teil für Holland völlig neue Industriezweige durch ehemals in Deutschland ansässige oder durch Teilnahme noch in Deutschland das Gastrecht genießender Juden errichtet worden.“ Grollend wurde des weiteren festgestellt, daß von den ehemals 627.291 Paar 1931 nach England exportierten Gummischuhen im laufenden Wirtschaftsjahr kein einziges übriggeblieben sei und Süd- Afrika sich ausgebeten habe, Ware deutscher Herkunft nicht mehr sichtbar auf der Verpackung zu kennzeichnen. „Wir nehmen solches Geschehen einstweilen lediglich zur Kenntnis. Diszipliniert registrieren wir solche Vorgänge gewissermaßen für die kommende Wirtschaftsgeschichtsschreibung.“82 Der unterschwellig drohende Ton solcher Feststellungen betont den Druck auf die Zeitung, „Kreide schlucken“ zu müssen. Im Falle eines Wuppertaler Kaufhauses, das seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen konnte, intervenierte Propagandaminister Goebbels sogar persönlich, als der österreichische Rundfunk den Konkurs in einen Zusammenhang mit den Judenverfolgungen brachte. Da Goebbels offensichtlich die wirtschaftlichen Nachteile für das Auslandsgeschäft befürchtete, forderte er den Abwickler des Kaufhauses Gebr. Kaufmann aus Elberfeld fernmündlich auf, die Geschäftsaufgabe öffentlich als „auf anderen Ursachen“ beruhend richtigzustellen.83 Das Doppelbödige der Haltung Goebbels’ wird offenbar, wenn die gleichzeitig von ihm betriebene Überführung der größten deutschen Verlage Ullstein und Mosse in die Hände der Partei berücksichtigt wird: Dort, wo ein Parteigenosse und Antisemit mit ministeriellen Vollmachten ausgestattet war, wie im Falle Goebbels’, konnte er das seiner Ansicht nach Notwendige veranlassen, um den „jüdischen Einfluß“ auszuschalten; schon erst recht, wenn es sich um einen wirtschaftlich eher unbedeutenden Bereich handelte wie dem der Kultur. Hier gelang es Goebbels, mit der Überführung der beiden Verlage in die Kontrolle der Partei Präzedenzfälle zu schaffen. Ullstein fiel dem parteieigenen Eher-Verlag am 30. Juni 1934 zu.84 Die Koinzidenz des Datums des entscheidenden innenpolitischen Schlages der NS-Führung zur Konsolidierung ihrer Macht mit dem ersten forcierten Übergang eines großen jüdischen Unternehmens in parteinahen Besitz weist dabei auf die strategische Bedeutung dieses „Arisierungs“-Vorgangs hin, denn der Bereich der Presse und des Druckwesens war für die Nationalsozialisten ein Schlüsselbereich für den Machterhalt. Ebenso wie die Anfang 1935 betriebene „Entjudung“ der Waffenfabrik Simson in Suhl/Thüringen war von ausschlaggebender Bedeutung für diese frühen „Arisierungen“ weniger die Bestrebungen der Partei, die allgemeine „Entjudung“ der Wirtschaft einzuleiten, als sich vielmehr von potentiellen Gegnern in für die eigenen Ziele besonders wichtigen Bereichen (hier Propaganda und Rüstung) zu befreien. Der Grundsatz der Nichtanwendung des ‚Arierparagraphen’ auf die freie Wirtschaft sollte weiterhin die Fassade bilden, hinter der es freilich für die jüdischen Wirtschaftstreibenden immer „freier“ wurde: Der Ausschluß des Essener Bankhauses Hirschland aus dem Reichsbankausschuß Ende 1933 ist dabei symptomatisch nicht nur für die Ausschaltung der Juden aus nahezu sämtlichen Ehrenämtern, sondern auch aus den Interessenvertretungen der Arbeitnehmer, den Gewerbeorganisationen, Innungen, aus der Leitung der Industrie- und Handelskammern usw. Die rechtliche Position der Juden im Deutschen Reich wurde so de facto immer weiter unterhöhlt, der Schein der Rechtssicherheit wurde aber nach wie vor aufrechterhalten. Die rechtsstaatliche Fassade, die zumindest für den 82 Die Deutsche Volkswirtschaft, Nr.36/1934, S. 1127. 83 Rohlen-Wohlgemuth: Gebrüder Kaufmann, S. 137f. 84 Vgl. Karl A. Schleunes: The Twisted Road to Auschwitz. Nazi Policy toward German Jews 1933-1939, Urbana/Chicago/London 1984, S. 147.
  22. 22. 22 Wirtschaftsbereich garantiert schien85, ließ viele jüdische Bürger die Hoffnung hegen, im ‚Dritten Reich’ werde lediglich der von früheren Zeiten her bekannte Antisemitismus der deutschen Körperschaften wiederaufgelegt. Ein Zurückweichen in die Anonymität des freien Handels und zu unauffälligerem Wirtschaften schien daher geeignet zu sein, der antisemitischen Tendenz entgegenzusteuern. Für die Zeit bis etwa 1935 sind daher weniger vollständige Geschäftsverkäufe charakteristisch, als vielmehr die Versuche der jüdischen Geschäftsinhaber, die eigene Position innerhalb der verbliebenen Möglichkeiten zu festigen und gleichzeitig den „Völkischen“ durch weitgehende Zurücknahme offensichtlicher Wirtschaftstätigkeit den Wind aus den Segeln zu nehmen. Hierzu müssen alle Maßnahmen gerechnet werden, die später als „Tarnungen jüdischer Gewerbebetriebe“ unter Strafe gestellt wurden, aber auch die „Landflucht“ jüdischer Geschäftsleute, Zurückhaltung im Auftreten und in der Werbung, Umbenennungen von Firmen- und Warenzeichen, die Umbesetzungen von jüdischen Angestellten in Auslandsvertreter, der Wechsel aus den exponierten Stellungen eines Unternehmens in den Status stiller Teilhaber, schließlich die Übernahme von Geschäftsanteilen durch „arische“ oder ausländische Partner. Die Komplexität und Verwobenheit des jüdischen Wirtschaftsanteils in Deutschland wurde dadurch eher erhöht als geschwächt. Die radikalen Antisemiten sahen die von ihnen geforderte Scheidung der Rassen durch das „Sichtotstellen“86 der in Deutschland verbliebenen Juden gefährdet. Der Ton ihrer Stellungnahmen verschärfte sich noch weiter, nachdem bekannt wurde, daß 1934 tausende jüdischer Bürger nach nur kurzem Exil in das Deutsche Reich zurückzukehren beabsichtigten, da sich die Situation der Juden auf ein für sie erträgliche Maß beruhigt zu haben schien. Bedrohlich stellte „Die Deutsche Volkswirtschaft“ fest, daß das bisherige Verhalten der Regierung „von einer unerhörten Großzügigkeit und Toleranz“ den Juden gegenüber zeuge und forderte Dankbarkeit dafür, „daß man ihnen das „Eigentum“ nicht beschlagnahmt hat.“87 Die Jahre 1933/34 können in Hinblick auf die spätere Praxis der „Arisierung“ als eine Art von Inkubationszeit angesehen werden. Trotz vereinzelter Forderungen nach konsequenter Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben war es aus außen-, innen-und wirtschaftspolitischen Rücksichten heraus lediglich zu vordergründigen und nur in Einzelfällen über das Kosmetische hinausgehende Maßnahmen zur Einschränkung der freien Wirtschaftstätigkeit für Juden gekommen. Dennoch war es in der gleichen Zeit zur Ausprägung zahlloser Aktionsformen aus dem Hintergrund gekommen, die einzelnen jüdischen Gewerbetreibenden das Leben bis zur Geschäftsaufgabe verleiden konnten, zumal ihre wirtschaftliche Situation in der Regel nach wie vor recht prekär gewesen ist. Die teilweise oder vollständige Übernahme eines jüdischen Unternehmens durch „Arier“ war zwar ideologisch vorbereitet und mag als zwingendes Fernziel deshalb einigen Parteigenossen schon als konkreter Plan vor Augen gewesen sein. Für eine organisatorische Inangriffnahme dieser Frage gibt es in dieser Zeit jedoch keine Hinweise. Wahrscheinlicher ist, daß die Entwicklung zwischen den widerstreitenden Interessen selbst sowie das Beispiel einzelner erfolgreicher „Entjudungen“ die Möglichkeiten einer verstärkten und steuerbaren „Arisierung“ offenbarten. Daß neben dem „völkischen“ Ertrag die Vertreibung der Juden auch starke materielle Gewinnpotentiale besaß, scheint sich als gesellschaftliche Erkenntnis erst nach und nach durchgesetzt zu haben. 85 Vgl. die Versuche der Berufung auf den Wortlaut der Erlasse des Reichswirtschaftsministers, um den ‚Arierparagraphen’ in den Organisationen der Wirtschaft zurückzunehmen; z.B. Gräupner: Nichtarier in den Organisationen der Wirtschaft, in: C.V.-Zeitung. Blätter für Deutschtum und Judentum, 13. Jg.(1934), Nr. 42, 2. Beiblatt, S. 2. 86 Die Deutsche Volkswirtschaft, Nr. 20/1935, S. 621. 87 Ebd., S. 622.
  23. 23. 23 1935-1937: „Entjudung“ und Ausprägung der „Arisierung“ Dem eiligen Blick auf den Diskussionsgang der wirtschaftlichen Ausschaltung der Juden könnte die Phase von Mitte 1935 bis Ende 1937 in gewisser Weise als Wiederholung der Entwicklung von 1933 bis Mitte 1935 erscheinen: Auf eine Periode starker Auseinandersetzungen um die Judenfrage mit legislativen Konsequenzen folgte ein Zeitabschnitt, der durch eine relative Zurückhaltung zumindest der staatlichen Maßnahmen gekennzeichnet war. Allein, das Interessengeflecht, das sich um den jüdischen Wirtschaftsanteil spann, hatte sich in dieser Phase bereits in seiner Qualität verändert. Zwar sind nach wie vor unkontrollierte Ausbrüche einzelner Parteigruppen belegt, die es sich auch weiterhin angelegen sein ließen, die „Entjudung“ in ihrem Einflußbereich voranzutreiben. Die Etablierung der nationalsozialistischen Herrschaft beförderte jedoch die politisch kontrollierte Organisation individueller Interessen in parteinahen oder gleichgeschalteten Verbänden. Die Zugriffsmöglichkeit der Partei auf die ideologische Lenkung der Bevölkerung wurde dadurch stark forciert, zumal die Identifizierung mit dem NS-System in dem Maße zunahm, wie Wirtschaftserholung und Arbeitsbeschaffung vielen Familien wieder „gute Zeiten“ versprachen.88 Für die jüdischen Bürger wirkten sich diese Tendenzen in verschiedener Weise aus: Zum einen sahen auch sie sich „positiven“ Entwicklungen ausgesetzt89, die jüdischen Unternehmen, die von Boykottaktionen einstweilen verschont blieben oder diese zu verkraften in der Lage waren, nahmen zudem durch die allgemeine Steigerung der Kaufkraft durchaus am Wirtschaftsaufschwung teil. Zum anderen aber bewirkte die Festigung der NS-Herrschaft eine gewisse Umformung der Erscheinungsarten des Antisemitismus: Den Juden des Deutschen Reiches trat er nicht mehr nur in gefühlsbetonten Ausbrüchen gegenüber, sondern er verfestigte sich in zunehmendem Maße in organisatorischen Strukturen und hielt Einzug in das mitleidslose Räderwerk der Bürokratie. Für die Forschung resultiert aus diesem Umstand der zweifelhafte Vorzug, daß sich die Quellenbasis zu Judenverfolgung und „Arisierung“ zu dieser Zeit um ein entscheidendes verbreitert. Die jüdischen Geschäftsverkäufe, von der Öffentlichkeit als „Trend“ erkannt, wurden zum Gegenstand publizistischer Auseinandersetzungen, ihre Registrierung als „außergewöhnliche“ Veräußerungen, in die immer mehr Stellen planend einzugreifen versuchten, machte sie zu unterscheidbaren behördlichen Vorgängen. Vom Ausland her wurden die wirtschaftliche Ausschaltung der Juden und ihre Begleitumstände als gesonderter Teil der Judenverfolgung wahrgenommen und kritisch kommentiert.90 Im folgenden kann deshalb stärker an Quellen orientiert dargestellt werden, wie sich Judenpolitik und „Arisierung“ in der Zeit ab Mitte 1935 entwickelten und welche Personen und Institutionen an der Ausweitung einer Praxis der „Arisierung“ beteiligt gewesen sind. Die vermeintliche Tatenlosigkeit der Regierung zur Lösung der „Judenfrage“ in der Wirtschaft, die gemeldeten Rückwanderungen jüdischer Bürger und ihre vereinzelte Teilnahme an der Wirtschaftserholung verdichteten sich im Verlauf des Jahres 1935 bei den radikaleren Kräften des Antisemitismus zu einer Haltung offensiv vorgetragener Enttäuschung. Viele Parteigenossen machten die ungelöste Frage der Vergabe öffentlicher 88 Vgl. zur erfahrungsgeschichtlichen Periodisierung der Geschichte des ‚Dritten Reiches’ Ulrich Herbert: „Die guten und die schlechten Zeiten“, in: Lutz Niethammer (Hg.): „Die Jahre weiß man nicht, wo man die heute hinsetzen soll“. Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet, Berlin/Bonn 1983, S. 67-96. 89 Hierbei ist u.a. an die Gründung der ‘Reichsvertretung der Deutschen Juden’ zu denken und an das sog. ‘Haavara-Abkommen’, das über Waren- und Devisenverkehr mit Palästina eine Ausreise dorthin erleichtern konnte. 90 Vgl. Der Gelbe Fleck. Die Ausrottung von 500.000 deutschen Juden, Paris 1936. Jakob Lestschinsky: Der wirtschaftliche Zusammenbruch der Juden in Deutschland und Polen, Paris/Genf 1936. Der wirtschaftliche Vernichtungskampf gegen die Juden im Dritten Reich, Paris/Genf/New York 1937.
  24. 24. 24 Aufträge an jüdische Firmen geradezu zu einem symbolischen Prüfstein für die konsequente Politik der Parteiführung. Rudolf Heß sah sich als Leiter der Partei-Kanzlei daher im Juli 1935 zu einer vertraulichen Rundfrage an die Gauwirtschaftsberater genötigt, um zu erfahren, inwieweit von ihnen 1.) ein Vordringen des jüdischen Einflusses im Wirtschaftsleben beobachtet und 2.) Stellungnahmen des Volkes zur Frage des jüdischen Einflusses im Wirtschaftsleben registriert worden seien, inwieweit 3.) die Notwendigkeit der Berücksichtigung jüdischer Firmen bei öffentlicher Auftragsvergabe aus Arbeitsplatzgründen einzuschätzen sei sowie 4.), ob von ihnen weitere Beschränkungen der Warenhäuser für erforderlich oder tragbar gehalten würden. Der Gauwirtschaftsberater des Gaues Westfalen- Süd berichtete am 16. Juli 1935 nach Berlin, er halte im allgemeinen eine stärkere Durchsetzung der nationalsozialistischen Grundsätze in der Wirtschaft für erforderlich, die 1933 „aufgescheuchten liberalistischen Hühner“ hätten sich längst wieder beruhigt niedergelassen. Ihm dränge sich - so fuhr er fort - bisweilen sogar der Eindruck auf, Juden würden bei der Auftragsvergabe zumindest in der Großindustrie vor Parteigenossen geradezu bevorzugt; ihm seien dazu sehr wohl enttäuschte und erbitterte Stellungnahmen aus Parteikreisen und aus dem Einzelhandel bekannt, wenn auch der Staat nicht, wie vielfach erhofft, vor drückender Konkurrenz schützen könne, zumal die Warenhäuser in Warenauswahl, Schaufenster-Ausstattung, Bedienung, Preiskalkulation und Propaganda meist einfach besser seien, als es der mittlere Einzelhandel vermöge.91 Etwa um die Mitte des Jahres 1935 traten die jüdischen Unternehmen Südwestfalens verstärkt in den Aufmerksamkeitshorizont des Gauwirtschaftsberaters, der sich in den anschließenden Monaten noch öfter zunächst noch als Vermittler zwischen den pragmatischen und den ideologisch konsequenten Positionen in der „Judenfrage“ zu betätigen hatte. Ihm wurde dabei von höchster Stelle äußerste Zurückhaltung auferlegt - der Führer selbst hatte im Vorfeld des Nürnberger Reichsparteitags noch einmal alle Einzelaktionen untersagt.92 Einigen Funktionsträgern der Partei fiel es sichtlich schwer, sich mit der weiteren Existenz eines jüdischen Wirtschaftsanteils abzufinden: Ein Kreiswirtschaftsberater meldete es seinem Vorgesetzten im September 1935 als „geradezu toll“, daß eine jüdische Großhandelsfirma nach wie vor zur Fabrikation von Parteiausrüstungsgegenständen zugelassen sei und forderte die Reichszeugmeisterei zum Einschreiten auf.93 Die „Westfälische Landeszeitung - Rote Erde“ (WLZ), das parteinahe Organ des Gaues, richtete im August 1935 „dringende Appelle“ an die „Volksgenossen“, nicht weiter in jüdischen Kaufhäusern einzukaufen und drohte, Kundenphotos mit Namenslisten zu veröffentlichen. Die trotzige Parole zu dieser Aktion, die von der NS-HAGO unterstützt wurde, lautete: „Wir zerschlagen keine Fenster, wir bekleben keine Fenster. Wir kämpfen still und unverdrossen, bis Punkt 16 des Parteiprogramms erfüllt ist.“94 Solche ideologisch stringenten, tagespolitisch aber kontraproduktiven Maßnahmen konnten die Vermittlungsinstanz des Gauwirtschaftsberaters bisweilen in Verlegenheit bringen, wie das Beispiel eines jüdischen Kaufhauses auf dem Dortmunder Westernhellweg belegt, das einer solchen Boykottaktion von NS-HAGO und WLZ zum Opfer fiel. Die NSBO-Betriebsstelle des Kaufhauses hatte die Geschehnisse (Einschüchterungen des Publikums anläßlich des beginnenden Sommer-Schluß-Verkaufs, Photoaktion mit Veröffentlichungen in der WLZ, Kontrollposten vor dem Geschäft) in einer außerordentlichen Vertrauensratssitzung beraten, da durch den Boykott ein großer Teil der Belegschaft (430 Personen und 70 Aushilfskräfte) von Entlassungen bedroht schien. In einem dringenden Brief an den Gauwirtschaftsberater schilderten die Vertrauensleute die 91 STAM AGWS 776. 92 Rundschreiben des stellv. Gauleiters Westfalen-Süd vom 16.8.35 über Anordnung des Führers, STAM AGWS 777. 93 STAM AGWS 547. 94 STAM AGWS 777.

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