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Aleister Crowley:
Über Yoga
Acht Vorlesungen
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ralph Tegtmeier
Knaur®
Scanned by F...
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Deutsche Erstausgabe
© 1989 by Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf.,
München Das Werk einschließlich aller sei...
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Einleitung
Es ist inzwischen an die sechzig Jahre her, seit ich zum ersten
Mal Bekanntschaft mit Teil I von Buch 4 ma...
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Crowley im Jahre 1928 anzuschließen. »Es steht uns hier nicht
an, der Frage nachzugehen, wie es geschehen kann, daß
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Yoga und auch seinen Sinn für Humor. Mit Sicherheit darf
man ihn nicht ignorieren. Seine Weisheit ist viel zu groß un...
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werden bei den meisten Menschen gar nicht von ihrem
Selbstbewußtsein verstanden. Zwar sind es positive Kräfte,
doch s...
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mit solch respektlosen Nebenbemerkungen wie »Nieder mit
dem Papst!« oder »Zur Hölle mit den Erzbischöfen« gepfeffert
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erzähle, von Rahat Loucoum, von Bulbuls oder irgendeinem
anderen Hokuspokus der Yogakrämer. Ich bin zwar ordentlich,
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oder eine Beschreibung religiöser Erfahrung beinhalten?
Nebenbei mag Ihnen auffallen, daß das Wort »Religion«
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doch offenbart sich die Wahrheit die ganze Zeit im Wort selbst.
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Yoga ist zuerst die Vereinigung von Subjekt und Objekt des
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verstehen, beruhen auf diesem ganzen Gerede, daß der Yoga
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Leids ist die Begierde.« Mit dem Wort »Begierde« meinte er
genau dasselbe, was im soeben von mir zitierten Buch des
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Individualität wird ständig durch den Zusammenstoß mit
anderen Menschen angegriffen; und in sehr vielen Fällen ist e...
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sehen und zu hören, was wir sehen und hören wollen.
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Reise treue Dienste leisten werden.
2 Als ich mich erstmals an die Untersuchung des Yoga
wagte, war ich glücklicherw...
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dem indischen System eine Methode abzuleiten, die frei von
unnötigen und unerwünschten Assoziationen ist und dem
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7 Yama ist jenes der acht Glieder des Yoga, das sich am
leichtesten definieren läßt, und es entspricht ziemlich gena...
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behaupten, daß es für Chlor »recht« sei, sich begeistert m...
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Jehannum aber fürchtete man sich, und auf die gleiche Weise
erfahren wir in der Rubrik »Yama«, daß der angehende Yog...
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Verantwortung für die Dinge, die er annahm, ebenso verwirrt
werden. Alle diese Überlegungen lassen sich hingegen nic...
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Das Ergebnis von allem wird sein, daß all jene unter Ihnen,
die ihr Geld wert sind, mit größtem Entzücken vernehmen
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Geigenspiel in sechs leichten Brieflektionen! Würde ich das
Herz haben, Sie abzuweisen? Aber Yama ist anders.
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täglichen Geschäft nachgeht, fast wie ein Witz beiseite
geschoben werden; sie wird jedoch zu einer sehr
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Was dem Fußgänger zu schaffen macht, macht uns überhaupt
nicht zu schaffen. Aber um ein neues Element zu beherrschen...
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blieb seine Tür unverschlossen, überfiel ihn die Todesangst; er
arbeitete an seinen Schuhen in dem Wahn, daß sie nic...
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Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz.
1 Das Thema meiner dritten Vorlesung ist Niyama. Niyama?
Hm! Die Unzulängl...
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politisches Amt als Kabinettsminister. Was aber tatsächlich
zaghaft aus meinem mentalen Nebel zum Vorschein gelangt,...
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Luft auf Ihrer Haut etwa ebenso stark, wie Sie vorher eine
Faust im Gesicht gespürt hätten.
5 Bis zu einem gewissen ...
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erklären, auf dem Eis eine schwierige Figur zu ziehen? Er trägt
zwar den ganzen Apparat gebrauchsfertig in sich, abe...
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8 Der Planet Saturn, der die Anatomie darstellt, ist das
Skelett: Es ist eine starre Struktur, auf die der übrige Kö...
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aufbaut. Welchen moralischen Eigenschaften entspricht das?
Die erste Tugend an einem Knochen ist seine Härte, seine
...
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im Großen Werk; und es ist die Erlangung der Trance der
Freude oder sogar nur das intellektuelle Ahnen dieser Trance...
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schon fast zum Platzen gebracht haben, brauchen sie noch
diese zusätzliche Energie, um es zu schaffen. Das ist nur e...
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unsere bisherige Beschäftigung mit den aktiveren
Eigenschaften unbeachtet blieb. Die Venus ist dem Jupiter
ähnlich, ...
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der yogische Prozeß selbst, sein Mittel, sein Ende. Und doch
steht er selbst allen Dingen indifferent gegenüber, so ...
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Gott; er ist die höchste Reinheit: Isis die Jungfrau, Isis die
jungfräuliche Mutter. Aber am anderen Ende der Skala ...
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nachdem, wie die Bedürfnisse des Augenblicks es erfordern
mögen.
16 Es gibt noch zwei weitere Planeten, die nicht zu...
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Intuition, die weit, weit über jede menschliche Eigenschaft
hinausgeht. Hier ist alles Phantasie, und in dieser Welt...
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oder ratsam werden könnte. Dabei müssen wir vorsorglich die
Entwicklungsmöglichkeit übersinnlicher Kräfte
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weshalb wir uns um die geheimnisvollen Mutmaßungen, die
der Hinnahme dieser Tatsache zugrunde liegen, mehr kümmern
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Mauer anzustarren! Yama und Niyama sind nur deshalb die
kritischsten Stadien des Yoga, weil man sie nicht in der Be-...
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Vernichtung des Geteiltseins. »Mach mir Platz«, ruft der
persische Dichter, dessen Namen ich vergessen habe, den
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Erscheinung des Daseins implizit ist. Alles, was wir zu tun
haben, ist, ihn bewußt auf den Vorgang des Denkens
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entmännlichten Schule der Mystiker ist die abscheuliche
Gedankenverwirrung, die aus der Vorstellung entspringt, daß
...
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Körpers zu tun. Pranayama ist tatsächlich die Beherrschung des
dynamischen Aspekts des Körpers.
Darin steckt eine kl...
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Tätigkeit nicht fortgesetzt werden, weil die Müdigkeit die
Oberhand gewinnt, und früher oder später wehrt sich der K...
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Beteiligten zu versetzen*, aber das ist meiner Meinung nach
vor allem Eitelkeit und hat, wie ich schon erwähnte, nic...
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eine feste und bequeme Stellung. Vor allem wollen wir dazu in
der Lage sein, in dieser Stellung Pranayama zu machen,...
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l2 Lassen Sie mich einen Augenblick abschweifen und auf
das zurückgreifen, was ich in meinem Leitfaden der Magie
übe...
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Wenn Sie beispielsweise in der »Gottesstellung« mit
geschlossenen Knien sitzen, könnten Sie nach wenigen
Minuten fes...
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Wissenschaftlern aus ihrer Studienzeit bekannt sind. Einige
davon sind für den Yoga von großer Wichtigkeit.
Beispiel...
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nichtsnutzig, daß es schon einem regelrechten Instinkt
gleichkommt, irgendeine Ausrede zu suchen, um sich vor
harter...
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Bein wieder zu strecken. Ich nahm meinen Fußknöchel in beide
Hände und machte ihn millimeterweise wieder geschmeidig...
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man beständig in Übung bleibt, wird sich erweisen, daß
ungefähr zehn Minuten in dieser Stellung uns ebensoviel
Erfri...
Crowley, Aleister -  Über Yoga
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Crowley, Aleister - Über Yoga

  1. 1. - -1 Aleister Crowley: Über Yoga Acht Vorlesungen Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ralph Tegtmeier Knaur® Scanned by Frater Choyofaque
  2. 2. - -2 Deutsche Erstausgabe © 1989 by Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Titel der Originalausgabe »Eight Lectures On Yoga« © by Aleister Crowley Umschlaggestaltung Manfred Waller Umschlagfoto Georg Meyer Satz Ludwig Auer, Donauwörth Druck und Bindung Ebner Ulm Printed in Germany 54321 ISBN 3-426-03969-9 Inhalt Einleitung...................................................................................3 Yoga für Yahoos........................................................................7 Erste Vorlesung Grundprinzipien..........................................7 Zweite Vorlesung.................................................................17 Dritte Vorlesung ..................................................................28 Vierte Vorlesung..................................................................44 Yoga für Gelbbäuche ...............................................................62 Erste Vorlesung ...................................................................63 Zweite Vorlesung.................................................................79 Dritte Vorlesung ..................................................................97 Vierte Vorlesung................................................................108
  3. 3. - -3 Einleitung Es ist inzwischen an die sechzig Jahre her, seit ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit Teil I von Buch 4 machte, Crowleys erstem kleinen Meisterwerk über den Yoga. Darin wurde das gesamte Thema gründlich entmystifiziert, und Crowley legte einige unumstößliche Grundsätze fest, ohne sich dabei jedoch zu dem üblichen Geschwafel jener zu versteigen, die es eigent- lich besser wissen müssten. Tatsächlich ist dieses kleine Buch zu einem Klassiker geworden. Und sollten einige seiner überkritischen Gegner es noch nicht so sehen, so wird sich das im Laufe der Zeit zweifellos noch ändern. Es wurde um das Jahr 1911 geschrieben und in der Equinox angekündigt. Das vorliegende Büchlein über den Yoga ist späteren Ursprungs und basiert auf einer Vortragsreihe, die Crowley wahrscheinlich im Jahre 1939 in London hielt. Auch hier haben wir es mit einem Meisterwerk des Understatements zu tun, der Klarheit und des philosophischen Scharfsinns. Hier führt Crowley sein erklärtes Anliegen weiter, das gesamte Gebiet zu entmystifizieren, während er zugleich dem inneren Kern des Themas stets treu bleibt. Das erste Kapitel ist ein Meisterwerk philosophischer und psychologischer Erkenntnis. »Alle Erscheinungen, derer wir gewahr werden, finden in unserem Geist statt, daher brauchen wir auch nur den Geist selbst zu betrachten.« Dies ist nicht nur die Denkgrundlage des subjektiven Idealismus, auch viele Naturwissenschaftler unserer Zeit vertreten diesen Standpunkt. Um nur einen von ihnen zu erwähnen, genüge der Hinweis auf Sherringtons Man, on his Nature, in dem ein ganzes Kapitel dieser Erkenntnis gewidmet ist. Ferner gibt es da auch eine seiner Grundeinsichten, die, wie ich bekennen muß, eines meiner Hauptmotive war, mich
  4. 4. - -4 Crowley im Jahre 1928 anzuschließen. »Es steht uns hier nicht an, der Frage nachzugehen, wie es geschehen kann, daß manche Menschen dieses Recht der intimen Kenntnis der höchsten Realität von Geburt an besitzen, doch Blavatsky war der gleichen Überzeugung, daß nämlich die natürliche Anlage ein Anzeichen für den eingenommenen hohen Rang darstellt, nach dem der Schüler der Magie und des Yoga strebt. Er ist gewissermaßen ein werdender Künstler; und vielleicht ist es auch nicht allzu wahrscheinlich, daß seine Fähigkeiten in seiner gegenwärtigen Inkarnation in hinreichendem Ausmaße zu Automatismen geworden sind, um ihm die Früchte seines Erfolgs zu bescheren. Und doch hat es zweifellos derlei Fälle gegeben, einige von ihnen sind mir persönlich bekannt.« Crowleys Schilderung nicht allein der mystischen Beußtseinszustände, sondern auch der verschiedenen Stufen oder »Glieder des Yoga« ist von überragender Qualität. Wenn er beispielsweise die erste Stufe des Yama behandelt, widerspricht er bereits einigen der besseren, sogenannten Autoritäten auf diesem Gebiet. Swami Vivekananda, dem sowohl Crowley als auch viele andere absoluten Respekt zollten, definiert Yama »als die innere Reinigung durch moralische Schulung als Vorbereitung auf den Yoga«. Crowley hingegen verwirft diese Definition. Wenn Pranayama beispiels- weise Atemkontrolle ist — Prana meint die Vitalenergien, die durch die Atmung in Bewegung gesetzt werden, während Yama Beherrschung meint —, dann muß Yama doch wohl ganz offensichtlich in jedem Kontext als »Beherrschung« definiert oder übersetzt werden. Und ebendies hat Crowley getan. »Es wird uns daher nicht überraschen festzustellen«, schreibt er, »daß der vollkommen einfache Begriff Yama (oder Beherrschung) durch die verirrte und bösartige Raffinesse des frommen Hindus jeglichen Sinnes beraubt wurde.« Die Art, wie er diese schlichte Feststellung weiter beleuchtet, offenbart die ganze Spannbreite seines intellektuellen Erfassens des
  5. 5. - -5 Yoga und auch seinen Sinn für Humor. Mit Sicherheit darf man ihn nicht ignorieren. Seine Weisheit ist viel zu groß und viel zu wichtig, um sie übersehen zu können. Jeder, der dies tut, tut es zu seinem eigenen Schaden! »Der Minderwertigkeitskomplex, der für die Frömmigkeit des frommen Menschen verantwortlich zeichnet, zwingt diesen auch dazu, diese Emanzipation als Vereinigung mit jenem gasförmigen Wirbeltier zu interpretieren, das er erfunden und Gott genannt hat.« Das ist sein Kommentar zur Definition des Yoga als Einswerdung. »Ach ja, und vergessen wir auch folgendes nicht. In einer untergeordneteren Bedeutung steht Venus für das Taktgefühl. Viele Probleme, mit denen der Yogi konfrontiert wird, lassen sich durch intellektuelle Manipulation nur mühsam handhaben. Sie unterwerfen sich nur der Anmut.« Ein typischer, aber gewohnt scharfsinniger Beitrag Crowleys! Wie auch der fol- gende: »Das Ergebnis des Ganzen wird sein, daß all jene unter Ihnen, die ihr Geld wert sind, mit größtem Entzücken vernehmen werden, daß ich Sie dazu auffordere, alle Regeln beiseite zu werfen und Ihre eigenen zu entdecken.« Die gleiche skeptische Annäherung finden wir auch beim Thema Niyama, wie natürlich auch bei allen anderen Untergliederungen des Yoga. In Vivekanandas Definition des Niyama finden wir ein weiteres Beispiel für jene Auffassung, wie sie Crowley entsetzte: »Die Tugenden der Reinlichkeit, der Zufriedenheit, der Strenge des Studiums und der Selbsthingabe an Gott.« Das mag zwar alles sehr gut klingen, doch handelt es sich dabei um eben jene Form von Moralisierung, die Crowley auszumerzen sucht. »Ich kann in dem Begriff Niyama allenfalls das Prinzip der >Tugend< wiederfinden! Gott steh' uns bei! Es bedeutet Tugend in ihrer ursprünglichen, etymologischen Wortbedeutung — die Eigenschaft der Gottheit. [...] Die Eigenschaften, die Niyama ausmachen,
  6. 6. - -6 werden bei den meisten Menschen gar nicht von ihrem Selbstbewußtsein verstanden. Zwar sind es positive Kräfte, doch sind sie latent; ihre Entwicklung läßt sich nicht einfach quantitativ und von ihrer Effizienz her messen. Je höher wir vom Grobkörnigen zum Feinen steigen, vom Groben zum Subtilen, um so tiefer dringen wir in ein neues (auf den ersten Blick scheinbar unendliches) Gebiet ein.« Und so weiter und so fort. Vieles von dem, was Crowley zu sagen hat, mag auf den ersten Blick sehr prosaisch klingen, doch sollte man sich davon nicht täuschen lassen. Andere seiner Kommentare sind un- glaublich tiefgehend, sie verlangen nach sorgfältigem Studium, nach langer, intensiver Meditation und nach der tatsächlichen Anwendung der von ihm beschriebenen Methode, will man vollen Nutzen daraus ziehen. Dies ist bestimmt keine leichte Nachtlektüre. Das Werk markiert einen der Gipfelpunkte in Crowleys literarischer und mystischer Entwicklung, und es integriert alles, was wir von einem Menschen erwarten können, der mit den allermeisten technischen Formen spiritueller Übungen und Entwicklung experimentiert und sie gemeistert hat. Es liegt Humor darin, große Weisheit und sehr viel Praktisches, wie wir es nicht einmal in den Schriften der engagiertesten Praktiker dieser Kunst allzu häufig wiederfinden. All dies mag genügen, um darauf hinzuweisen, daß dieses Buch es nicht verdient hat, nach Art der modernen Kritiker und Rezensenten verächtlich gemacht zu werden. Man sollte es vielmehr respektieren, es wegen seiner Tiefgründigkeit genießen und nach ihm üben, und sei es auch nur um seines uneingeschränkten Rationalismus willen. Noch einmal muß ich wiederholen, daß mir kein Autor der Neuzeit bekannt ist, der sich dieses Themas auf solch außergewöhnliche Weise angenommen hätte. Man sollte sich nicht von Untertiteln wie »Yoga für Yahoos« oder »Yoga für Gelbbäuche« abschrecken lassen! Crowleys Humor ist von Sarkasmus gefärbt, er ist bissig. Selbst wenn seine Rede
  7. 7. - -7 mit solch respektlosen Nebenbemerkungen wie »Nieder mit dem Papst!« oder »Zur Hölle mit den Erzbischöfen« gepfeffert ist, so wird doch deutlich, daß damit vor allem die wankelmütige Aufmerksamkeit seiner Zuhörer und seines gegenwärtigen Lesepublikums gefesselt werden soll. Arizona, im März 1985 Israel Regardie Yoga für Yahoos Erste Vorlesung Grundprinzipien Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz. Es ist mein Wille, das Gebiet des Yoga in klarverständlicher Sprache zu erklären, ohne dabei auf irgendwelche Fachausdrücke zurückzugreifen oder phantastische Hypothesen aufzustellen, damit diese große Wissenschaft in ihrer universalen Bedeutung gründlich verstanden werden möge, Denn wie alle großen Dinge ist auch sie sehr einfach; doch wie alle großen Dinge wird auch sie durch verwirrtes Denken verschleiert; und nur zu oft wird sie durch schurkische Machenschaften in Verruf gebracht. 1Über Yoga ist mehr Unsinn geredet und geschrieben worden, als über irgend etwas anderes auf der Welt. Der größte Teil dieses von Scharlatanen geförderten Unsinns beruht auf der Vorstellung, daß der Yoga etwas Geheimnisvolles und Orientalisches an sich hätte. Das ist nicht der Fall. Erwarten Sie von mir nicht, daß ich Ihnen von Obelisken und Odalisken
  8. 8. - -8 erzähle, von Rahat Loucoum, von Bulbuls oder irgendeinem anderen Hokuspokus der Yogakrämer. Ich bin zwar ordentlich, aber nicht geschmacklos. Es gibt überhaupt nichts, an dem etwas Geheimnisvolles oder Orientalisches wäre, wie jeder weiß, der einmal auf intelligente Weise etwas Zeit in den Erdteilen Asien oder Afrika verbracht hat. Ich beabsichtige, den am weitesten entfernten und am schwersten zu fassenden aller Götter anzurufen, damit er ein klares Licht auf dieses Thema werfe — das Licht des gesunden Menschenverstandes. 2 Alle Erscheinungen, derer wir gewahr werden, finden in unserem Geist statt, daher brauchen wir auch nur den Geist selbst zu betrachten; dieser ist eine unveränderlichere Größe im Menschen, als allgemein angenommen wird. Was man für diametrale Gegensätze hält, die durch kein Argument miteinander zu versöhnen zu sein scheinen, stellt sich in der Regel als Produkt sturer Angewohnheiten heraus, wie sie durch generationenlanges, systematisches und sektiererisches Training hervorgebracht wurden. 3 Daher müssen wir das Studium des Yoga damit beginnen, daß wir die Bedeutung des Wortes selbst betrachten. Es bedeutet »Vereinigung«, von derselben Sanskritwurzel abstammend wie das griechische Wort zeugma, das lateinische Wort jugum und das englische Wort yoke beziehungsweise das deutsche Joch (yeug = vereinen). Wenn eine Tänzerin dem Dienst in einem Tempel geweiht wird, haben ihre Angehörigen einen Yoga zu feiern. Yoga kann also kurz mit »Teeschlacht« übersetzt werden, was zweifellos die Tatsache erklärt, daß alle, die in England Yoga studieren, nichts anderes tun, als über endlose Trankopfer von Lyons' zu ls. 2d. zu schwatzen. 4 Yoga bedeutet Vereinigung. Wie sollen wir das auffassen? Wie soll das Wort »Yoga« ein System der religiösen Schulung
  9. 9. - -9 oder eine Beschreibung religiöser Erfahrung beinhalten? Nebenbei mag Ihnen auffallen, daß das Wort »Religion« tatsächlich mit Yoga gleichzusetzen ist. Es bedeutet ein »Zusammenbinden«. 5 Yoga bedeutet Vereinigung. Welche Elemente werden da vereint oder sollen vereint werden, wenn dieses Wort doch in seinem gewöhnlichen Sinne für ein in Hindustan weitverbreitetes Training gebraucht wird, dessen Ziel die Befreiung des einzelnen von den weniger angenehmen Seiten seines Lebens auf diesem Planeten ist? Ich sage Hindustan, aber in Wirklichkeit meine ich jeden beliebigen Ort auf der Erde; denn die Forschung hat gezeigt, daß sich in jedem Land ähnliche Methoden finden lassen, die ähnliche Ergebnisse her- vorrufen. Die Einzelheiten unterscheiden sich, aber die Grundstruktur ist die gleiche. Denn alle Körper und daher auch alle Gemüter und Geister besitzen identische Formen. 6 Yoga bedeutet Vereinigung. Der Minderwertigkeitskomplex, der für die Frömmigkeit des frommen Menschen verantwortlich zeichnet, zwingt diesen auch dazu, diese Emanzipation als Vereinigung mit jenem gasförmigen Wirbeltier zu interpretieren, das er erfunden und Gott genannt hat. Seine Einbildungskraft hat auf den wolkigen Dunst seiner Ängste einen riesigen, verzerrten Schatten seiner selbst geworfen, und dementsprechend ist er auch verängstigt; und je mehr er vor ihm kriecht, desto mehr scheint sich die Erscheinung vorzubeugen, um ihn zu zermalmen. Leute mit solchen Ideen werden niemals anderswo enden als in Irrenhäusern und Kirchen. Durch dieses überwältigende Miasma der Furcht ist der gesamte Bereich des Yoga verschleiert worden. Man hat ein vollkommen einfaches Problem durch den abartigsten ethischen und abergläubischen Unsinn verkompliziert. Und
  10. 10. - -10 doch offenbart sich die Wahrheit die ganze Zeit im Wort selbst. 7 Yoga bedeutet Vereinigung. Jetzt können wir der Frage nachgehen, was Yoga wirklich ist. Betrachten wir für einen Augenblick das Wesen des Bewußtseins, und streifen wir dabei flüchtig Wissenschaften wie die Mathematik, die Biologie und die Chemie. In der Mathematik ist die Formel a + b + c eine Trivialität. Schreibt man aber a + b + c = 0, so erhält man eine Gleichung, aus der die großartigsten Wahrheiten entwickelt werden können. In der Biologie teilt sich die Zelle endlos, wird aber niemals zu etwas anderem; vereinen wir aber Zellen mit entgegengesetzten Eigenschaften, männliche und weibliche, so ist dies der Grundstein für ein Gebäude, dessen höchste Spitze sich unerreichbar in den Himmel der Vorstellungskraft erhebt. Ähnlich in der Chemie. Das Atom an sich hat nur wenig beständige Eigenschaften, und keine davon ist sonderlich bedeutsam; doch sobald sich ein Element mit dem Objekt verbindet, nach dem es hungert, erhalten wir nicht nur das ekstatische Phänomen von Licht, Hitze und so weiter, sondern ein noch komplizierteres Gefüge, das zwar nur wenige oder gar keine Eigenschaften seiner Elemente aufweist, wohl aber dazu imstande ist, weitere Kombinationen bis zu Zu- sammensetzungen von erstaunlicher Erhabenheit einzugehen. Alle diese Kombinationen, diese Vereinigungen sind Yoga. 8 Yoga bedeutet Vereinigung. Wie sollen wir dieses Wort auf die Phänomene des Geistes anwenden? Was ist das erste Charakteristikum allen Denkens? Wie kam es überhaupt zur Geburt eines Gedankens? Nur dadurch, daß man zwischen ihm und dem Rest der Welt einen Unterschied machte. Der erste Lehrsatz, der Grundtyp aller Lehrsätze lautet: S = P. Es muß zwei Dinge — zwei verschiedene Dinge - geben, deren Beziehung zueinander Wissen entwickelt.
  11. 11. - -11 Yoga ist zuerst die Vereinigung von Subjekt und Objekt des Bewußtseins; des Sehers mit dem Gesehenen. 9 Nun ist an alledem nichts Seltsames oder gar Wunderbares. Das Studium des Yoga ist für den Durchschnittsmenschen sehr nützlich, und sei es auch nur, weil es ihn darüber nachzudenken anregt, von welchem Wesen die Welt, wie er sie zu kennen meint, sein mag. Betrachten wir einmal ein Stück Käse. Wir behaupten, daß es bestimmte Eigenschaften hat, Gestalt, Struktur, Farbe, Festigkeit, Gewicht, Geschmack, Geruch, Konsistenz und so weiter; Nachforschungen haben aber ergeben, daß all dies illusorisch ist. Wo sind diese Qualitäten? Nicht im Käse selbst, denn verschiedene Beobachter beschreiben ihn auf höchst unterschiedliche Weise. Nicht in uns selbst, denn ohne den Käse nehmen wir sie nicht wahr. Alle »materiellen Dinge«, alle Eindrücke sind Phantome. In Wirklichkeit besteht der Käse aus nichts anderem als einer Reihe elektrischer Ladungen. Man hat festgestellt, daß nicht einmal die fundamentalste Qualität von allem, die Masse, existiert. Das gilt auch für die Materie in unserem Gehirn, die teilweise verantwortlich für diese Wahrnehmungen ist. Was sind das also für Qualitäten, derer wir uns doch so sicher sind? Ohne unser Gehirn würden sie nicht existieren; ohne den Käse würden sie auch nicht existieren. Sie sind das Ergebnis der Vereinigung, also des Yoga, vom Sehenden und dem Gesehenen, von Subjekt und Objekt im Bewußtsein, wie der Philosoph es ausdrückt. Sie besitzen keine materielle Existenz; es sind nur Namen, die man den ekstatischen Ergebnissen dieser besonderen Form des Yoga verleiht. 10 Ich glaube, daß es für den Yogaschüler nichts Hilfreicheres gibt, als den obigen Lehrsatz fest in sein unterbewußtes Denken zu integrieren. Etwa neun Zehntel der Probleme, die wir dabei haben, dieses Thema richtig zu
  12. 12. - -12 verstehen, beruhen auf diesem ganzen Gerede, daß der Yoga geheimnisvoll und orientalisch sei. Die Prinzipien des Yoga und seine spirituellen Ergebnisse beweisen sich in allem bewußten und unbewußten Geschehen. Das ist es, was im Buch des Gesetzes geschrieben steht: »Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen« — denn Liebe ist der Vereinigungsinstinkt und der Akt der Vereinigung. Doch kann dies nicht unterschiedslos geschehen, es muß »unter Willen« getan werden, also in Übereinstimmung mit dem Wesen der betroffenen Einheiten. Wasserstoff hat keine Liebe zu Wasserstoff; es liegt nicht in der Natur oder dem »wahren Willen« des Wasserstoffs, die Vereinigung mit einem Molekül seiner eigenen Art zu suchen. Fügen wir Wasserstoff zu Wasserstoff, so ändert sich an seiner Qualität nichts; nur seine Quantität hat sich verändert. Vielmehr sucht er die Erfahrung seiner eigenen Möglichkeiten durch die Vereinigung mit Atomen des entgegengesetzten Wesens zu finden, etwa mit Sauerstoff; mit diesem verbindet sich Wasserstoff in einer Explosion aus Licht, Hitze und Geräusch, um Wasser zu bilden. Das Endresultat ist völlig verschieden von jedem der Elemente, aus denen es sich zusammensetzt, und es besitzt eine andere Art von »wahrem Willen«, etwa sich - bei ähnlicher Freisetzung von Licht und Hitze mit Kalium zu vereinen, wobei das daraus entstehende »Atzkali« seinerseits eine völlig neue Reihe von Eigenschaften hat sowie einen weiteren, eigenen »wahren Willen«; die Eigenschaft oder den Willen nämlich, sich auf explosive Weise mit Säuren zu vereinen. Und so weiter. 11 Es mag einigen von Ihnen so vorkommen, als hätten diese Erklärungen dem Yoga den Boden unter den Füßen weggezogen; als hätte ich ihn zu etwas völlig Alltäglichem zurechtgestutzt. Das war auch meine Absicht. Es hat keinen Sinn, sich vor dem Yoga zu fürchten, sich vom Yoga einschüchtern zu lassen, von ihm verwirrt und mystifiziert zu werden oder sich für den Yoga zu begeistern. Wenn wir über-
  13. 13. - -13 haupt Fortschritte in seinem Studium machen wollen, brauchen wir dazu einen klaren Kopf und die unpersönliche Einstellung des Wissenschaftlers. Besonders wichtig ist es, uns selbst nicht mit orientalischen Phrasen zu verwirren. Wir müssen vielleicht einige Sanskritwörter gebrauchen, aber das nur, weil es keine englischen Entsprechungen dafür gibt, und weil jeder Versuch, sie zu übersetzen, uns mit den Assoziationen jener englischen Ausdrücke belasten würde, die wir dabei verwendeten. Aber es sind nur wenige Wörter dieser Art, und wenn die Definitionen, die ich Ihnen zu geben beabsichtige, sorgfältig studiert werden, dürften sie keine Schwierigkeiten mehr machen. 12 Nachdem nun verstanden wurde, daß der Yoga die Essenz aller Phänomene überhaupt ist, können wir nach der besonderen Bedeutung des Wortes hinsichtlich unserer beabsichtigten Untersuchung fragen, da der Vorgang selbst und seine Resultate jedem von uns vertraut sind; ja sie sind uns so sehr vertraut, daß es tatsächlich nichts anderes gibt, über das wir etwas wissen. Es ist das Wissen. Was ist es, was wir studieren werden, und warum sollten wir es überhaupt studieren? 13 Die Antwort ist sehr einfach. All dieser Yoga, den wir kennen und praktizieren, dieser Yoga, der jene ekstatischen Ereignisse zeitigt, die wir Phänomene oder Erscheinungen nennen, schließt in seinen spirituellen Auswirkungen auch sehr viel Unerfreuliches ein. Je länger wir dieses Weltall studieren, das unser Yoga hervorruft, je mehr wir unsere Erfahrungen sammeln und miteinander verbinden, desto näher kommen wir dem Verständnis dessen, was der Buddha als Grundeigenschaft aller zusammengesetzten Dinge definierte: Leid, Veränderung und das Fehlen jedes dauerhaften Prinzips. Wir kommen ständig den ersten beiden seiner »Edlen Wahrheiten« näher, wie er sie nannte. »Alles ist Leid«; und: »Die Ursache des
  14. 14. - -14 Leids ist die Begierde.« Mit dem Wort »Begierde« meinte er genau dasselbe, was im soeben von mir zitierten Buch des Gesetzes unter »Liebe« verstanden wird. »Begierde« ist das Bedürfnis jeder Einheit, ihren Erfahrungshorizont dadurch zu erweitern, indem sie sich mit ihrem Gegenteil verbindet. 14 Es ist recht einfach, die ganze Reihe der Schlußfolgerungen aufzubauen, die zu der ersten »Edlen Wahrheit« führten. Jede Handlung der Liebe ist die Befriedigung eines bitteren Hungers, aber der Appetit wird durch seine Befriedigung nur noch heftiger; so können wir mit dem Prediger sagen: »Wer das Wissen vermehrt, der vermehrt das Leid.« Die Wurzel dieses ganzen Leids liegt in dem Gefühl der Unzulänglichkeit; das Bedürfnis, sich zu vereinen, sich in dem geliebten Gegenstand zu verlieren, ist der offenkundige Beweis für diese Tatsache, und es ist ebenso klar, daß die Befriedigung nur eine vorübergehende Erleichterung hervorbringt, weil der Vorgang sich unendlich ausdehnt. Der Durst wächst beim Trinken. Die einzig denkbare, vollständige Befriedigung wäre der Yoga des Atoms mit dem gesamten Universum. Das läßt sich leicht nachvollziehen und wurde immer wieder in den mystischen Philosophien des Westens wiederholt: Es gibt nur ein Ziel, nämlich die »Vereinigung mit Gott«. Natürlich verwenden wir das Wort »Gott« nur, weil wir im Aberglauben erzogen wurden, während es die höheren Philosophen sowohl des Ostens als auch des Westens vorgezogen haben, von der Vereinigung mit dem Ganzen oder mit dem Absoluten zu sprechen. Noch mehr Aberglauben! 15 Also schön, es gibt überhaupt keine Schwierigkeit; denn jeder Gedanke in unserem Wesen, jede Zelle unseres Körpers, jedes Elektron und jedes Proton in unseren Atomen ist nichts als Yoga und das Produkt des Yoga. Alles, was wir tun müssen, um Befreiung, Befriedigung und alles, was wir wollen, zu erhalten, besteht darin, diese universale und unvermeidliche
  15. 15. - -15 Vereinigung mit dem Absoluten selbst zu vollziehen. Vielleicht denken einige der intellektuell anspruchsvolleren Zuhörer nun, daß die Sache irgendeinen Haken haben muß. Sie haben vollkommen recht. 16 Der Haken ist einfach folgender: Jedes Element, aus dem wir uns zusammensetzen, ist tatsächlich dauernd damit beschäftigt, seine besonderen Bedürfnisse durch seinen eigenen, besonderen Yoga zu befriedigen; aber gerade aus diesem Grund wird es vollständig von seiner eigenen Funktion in Anspruch genommen, die es ganz selbstverständlich für den einzigen Sinn und Zweck seines Daseins hält. Wenn man beispielsweise eine an beiden Enden offene Glasröhre nimmt und sie über eine Biene an der Fensterscheibe stülpt, wird diese bis zur Erschöpfung und bis zum Tode weiterhin andauernd gegen das Fenster fliegen, anstatt durch das andere Ende der Röhre zu fliehen. Wir dürfen das notwendigerweise automatische Funktionieren unserer Elemente nicht mit dem wahren Willen verwechseln, der die richtige Bahn eines jeden Sterns ist. Der Mensch handelt überhaupt nur infolge unzähliger Generationen des Trainings als Einheit. Evolutionsprozesse haben eine höhere Form yogischen Handelns hervorgebracht, durch die es uns gelungen ist, das, was wir für persönliche Interessen halten, dem unterzuordnen, was wir unter Gemeinwohl verstehen. Wir sind Gemeinschaf- ten; und unser Wohlbefinden hängt von der Weisheit unserer Ratsversammlungen ab und von der Disziplin, mit der ihre Entscheidungen durchgesetzt werden. Je komplexer wir sind, je höher wir auf der Evolutionsleiter stehen, um so komplexer und schwieriger ist auch die Aufgabe der Rechtsprechung und der Aufrechterhaltung der Ordnung. 17 In hochzivilisierten Gemeinschaften wie der unseren (lautes Gelächter) wird das Individuum unentwegt von Interessen- und Notwendigkeitskonflikten angegriffen; seine
  16. 16. - -16 Individualität wird ständig durch den Zusammenstoß mit anderen Menschen angegriffen; und in sehr vielen Fällen ist es außerstande, diese Belastung dauerhaft zu ertragen. »Schizophrenie«, ein reizendes Wort, das vielleicht in Ihrem Wörterbuch fehlt, vielleicht aber auch nicht, ist ein außer- ordentlich weit verbreitetes Leiden. Es bedeutet die Spaltung des Geistes. In Extremfällen begegnet uns das Phänomen der vielfachen Persönlichkeit, Jekyll und Hyde, nur noch sehr viel radikaler. Im besten Fall ist es so, daß ein Mensch, wenn er »ich« sagt, sich damit nur auf eine vorübergehende Erscheinung bezieht. Sein »Ich« verändert sich bereits, noch während er das Wort ausspricht. Es wird jedoch — von der Philosophie abgesehen — immer seltener, daß wir einen Menschen mit eigenem Denken und eigenem Willen finden, selbst in diesem eingeschränkten Sinne. 18 Deshalb möchte ich, daß Sie das Wesen der Hindernisse erkennen, die der Vereinigung mit dem Absoluten im Weg stehen. Erstens weist der Yoga, den wir dauernd üben, keine unveränderlichen Resultate auf; dabei spielen Aufmerksamkeit, Nachforschung und Reflexion eine Rolle. Ich werde in einer späteren Untersuchung die dadurch verursachten Veränderungen in unserer Wahrnehmung behandeln, weil sie für unsere Wissenschaft vom Yoga von großer Bedeutung sind. Nehmen wir als Beispiel den klassischen Fall der beiden Männer, die sich in der Nacht in einem dichten Wald verlaufen haben. Der eine sagt zum anderen: »Der Hund, der da bellt, ist keine Heuschrecke. Das ist das Quietschen eines Karrens.« Oder auch: »Er glaubte, er hätte einen Bankangestellten aus dem Bus steigen sehen. Er sah wieder hin und stellte fest, daß es ein Nilpferd war.« Jeder, der sich einmal mit wissenschaftlicher Forschung befaßt hat, weiß schmerzlich genau, daß jede Beobachtung immer und immer wieder korrigiert werden muß. Das Bedürfnis nach Yoga ist so heftig, daß es uns blind macht. Ständig sind wir versucht, nur das zu
  17. 17. - -17 sehen und zu hören, was wir sehen und hören wollen. 19 Wenn wir also den völligen und endgültigen Yoga mit dem Absoluten vollziehen wollen, ist es unsere Pflicht, jedes Element unseres Wesens zu beherrschen, es gegen jeden inneren und äußeren Krieg zu schützen, jede Fähigkeit aufs höchste zu steigern, uns im Wissen und der Kraft und Macht aufs äußerste zu schulen; damit wir im richtigen Augenblick vollkommen dazu in der Lage sein können, uns in die Flamme der Ekstase zu stürzen, die aus dem Abgrund der Vernichtung emporlodert. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen. Zweite Vorlesung Yama 1 Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz. Sterne und Placentale Amnioten! Und ihr Bewohner der zehntausend Welten! Der Schluß unserer Untersuchungen der vergangenen Woche lautete, daß der ultimate Yoga, der die Befreiung gibt, die das Gefühl des Getrenntseins vernichtet, welche die Wurzel aller Begierde ist, durch die Konzentration jedes Elements unseres Seins herzustellen ist und durch seine Vernichtung in engster Verglühung mit dem Universum selbst. Ich möchte hier am Rande bemerken, daß eine der Schwierigkeiten darin besteht, daß alle Elemente des Yogis in exaktem Verhältnis zu seinem Fortschritt größer werden, und zwar durch ebendiesen Fort- schritt selbst. Es hat jedoch keinen Sinn, über unsere Brücken schreiten zu wollen, bevor wir sie erreicht haben, und wir werden feststellen, daß die Festlegung genauer wissenschaftlicher Prinzipien, die auf allgemeiner Erfahrung beruhen, dazu führen wird, daß sie uns auf jeder Etappe der
  18. 18. - -18 Reise treue Dienste leisten werden. 2 Als ich mich erstmals an die Untersuchung des Yoga wagte, war ich glücklicherweise in den Grundprinzipien der modernen Wissenschaft gründlich geschult. Ich erkannte sofort, daß wir, wollten wir die Sache überhaupt mit gesundem Menschenverstand angehen (denn die Wissenschft ist nichts anderes als geschulter, gesunder Menschenverstand), als erstes ein vergleichendes Studium der verschiedenen Systeme der Mystik absolvieren müßten. Es war sofort erkennbar, daß die verschiedenen Systeme auf der ganzen Welt identisch waren. Sie wurden lediglich von sektiererischen Theorien verschleiert. Die Methoden waren auf der ganzen Welt dieselben; dies wurde durch religiöse Vorurteile und regionale Gebräuche verdeckt. Aber in ihrer Essenz waren sie - identisch miteinander! Dieses schlichte Prinzip erwies sich als durchaus hinreichend, um diese Materie von den außergewöhnlichen Kompliziertheiten zu lösen, die ihre Artikulation verwirrt hatten. 3 Als es darum ging, die Angelegenheit auf eine schlichte Analyseformel zu bringen, erhob sich die Frage: Welche Ausdrücke sollen wir dafür gebrauchen? Die mystischen Lehren Europas sind ein hoffnungsloses Durcheinander; die Theorie hat die Methode vollständig überlagert. Das chinesische System ist vielleicht das erhabenste und schlichteste; aber wenn man nicht als Chinese geboren ist, stellt das Verständnis der Symbole tatsächlich eine unüberwindliche Schwierigkeit dar. Das buddhistische System ist in mancherlei Hinsicht wohl das vollständigste, zugleich ist es aber auch das dunkelste und am schwersten zu verstehende. Seine Begriffe sind übermäßig lang und lassen sich nur schwer einprägen; und, allgemein gesagt, sieht man dabei den Wald vor Bäumen nicht mehr. So überladen es durch Hinzufügungen aller Art zwar auch sein mag, ist es doch verhältnismäßig einfach, aus
  19. 19. - -19 dem indischen System eine Methode abzuleiten, die frei von unnötigen und unerwünschten Assoziationen ist und dem europäischen Denken verständlich und annehmbar erscheint. Mit diesem System und seiner Deutung möchte ich Sie nun konfrontieren. 4 Das große klassische Werk der Sanskritliteratur sind die Aphorismen des Patanjali. Er ist wenigstens barmherzig in seiner Kürze, und man braucht nur neunzig oder fünfundneunzig Prozent seines Werks als Phantastereien eines verwirrten Hirns abzutun. Was danach übrigbleibt, ist vierundzwanzigkarätiges Gold. Dieses möchte ich Ihnen jetzt vorlegen. 5 Es wird gesagt, daß der Yoga acht Glieder habe. Warum gerade »Glieder«, das weiß ich auch nicht. Aber ich habe diese Einteilung der Bequemlichkeit halber übernommen, und wir können unser Thema recht zufriedenstellend abhandeln, indem wir unsere Bemerkungen nach dem folgenden achtgliedrigen Schema ordnen. 6 Diese Gliederungen sind: 1. Yama 4. Pranayama 7. Dhyana 2. Niyama 5. Pratyahara 8. Samadhi 3. Asana 6. Dharana Jeder Versuch, diese Worte zu übersetzen, führt uns in einen hoffnungslosen Sumpf der Mißverständnisse. Was wir aber tun können, ist, uns der Reihe nach mit jedem einzelnen zu befassen, wobei wir zu Anfang eine Art Definition oder Beschreibung festlegen, die es uns ermöglicht, eine annähernd vollständige Vorstellung davon zu bekommen, was gemeint ist. Folglich fange ich mit einer Schilderung von Yama an. Lauschen Sie! Bedenken Sie! Transzendieren Sie!
  20. 20. - -20 7 Yama ist jenes der acht Glieder des Yoga, das sich am leichtesten definieren läßt, und es entspricht ziemlich genau unserem Wort »Beherrschung«. Wenn ich Ihnen nun verrate, daß einige es mit »Moral« übersetzt haben, werden Sie über diese Enthüllung der hirnlosen Niederträchtigkeit des Menschen bestürzt und entsetzt sein. Das Wort »Beherrschung« unterscheidet sich nicht sonderlich von dem Wort »Hemmung«, wie es die Biologen gebrauchen. Eine Urzelle wie die Amöbe ist in gewissem Sinne völlig frei, in einem anderen Sinne dagegen vollkommen passiv. Alle ihre Teile sind gleich. Jeder Teil ihrer Oberfläche kann Nahrung aufnehmen. Wenn man sie in zwei Hälften schneidet, erhält man eben zwei vollkommene Amöben statt einer. Wie weit ist dieser Zustand doch auf der Stufenleiter der Evolution von dem der »Seekoffermorde« entfernt! Organismen, die sich durch eine Spezialisierung ihrer Strukturkomponenten weiterentwickelten, haben dies nicht so sehr durch Erwerb neuer Fähigkeiten getan, als vielmehr durch die Einschränkung eines Teils ihrer allgemeinen Kräfte. So ist der Spezialist in der Harley Street eigentlich nur ein gewöhnlicher Arzt, der sagt: »Ich will nicht hinausgehen, um Kranke zu besuchen; ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht.« Was nun für einzelne Zellen gilt, gilt auch für alle potentiell bereits differenzierten Organe. Muskelkraft beruht auf der Festigkeit der Knochen wie auch darauf, daß die Gelenke sich weigern, sich in einer anderen als der ihnen bestimmten Richtung zu bewegen. Je fester der Drehpunkt, um so wirkungsvoller der Hebel. Das gleiche gilt für Fragen der Moral. Diese Fragen sind an sich vollkommen einfach; doch durch die dunklen Machenschaften von Priestern und Anwälten wurden sie völlig entstellt. Bei keinem dieser Probleme geht es in irgendeinem
  21. 21. - -21 abstrakten Sinne um richtig oder falsch. Es ist absurd zu behaupten, daß es für Chlor »recht« sei, sich begeistert mit Wasserstoff zu verbinden und nur sehr mürrisch mit Sauerstoff. Es ist keine Tugendhaftigkeit der Hydra, daß sie hermaphroditisch ist, ebensowenig ist es bei einem Ellenbogen Widerspenstigkeit, daß er sich nicht frei nach allen Richtungen bewegt. Jeder, der seine eigene Aufgabe kennt, hat nur die Pflicht, ebendiese Aufgabe zu erfüllen. Jeder, der eine Funk- tion hat, hat nur dieser Funktion gegenüber eine Verpflichtung, nämlich dafür zu sorgen, daß sie sich uneingeschränkt erfüllt. Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz. 8 Es wird uns daher nicht überraschen festzustellen, daß der vollkommen einfache Begriff Yama durch die verirrte und bösartige Raffinesse des frommen Hindus jeglichen Sinnes beraubt wurde. Er hat das Wort »Beherrschung« so ausgelegt, als bedeute es Unterwerfung unter bestimmte Vorschriften. Unter der Überschrift Yama sind eine ganze Menge Verbote zusammengefaßt, die für eine bestimmte Art von Leuten, an die der Lehrer gedacht haben mag, vielleicht recht notwendig waren, die aber auf sinnlose Weise verallgemeinert wurden. Jeder kennt das Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch für Juden und Mohammedaner. Das hat überhaupt nichts mit Yama oder abstrakter Rechtschaffenheit zu tun. Dieses Verbot entstand vielmehr, weil in den östlichen Ländern Schweinefleisch mit Trichinen durchsetzt war, die jenen Menschen den Tod brachten, die Schweinefleisch verzehrten, das nur ungenügend gekocht war. Es hatte keinen Zweck, das den Naturvölkern erzählen zu wollen. Wenn die Gier sie überkam, wären sie dem Gebot der Hygiene ohnehin nicht gefolgt. Dieses Verbot mußte also zu einem allgemeingültigen Gesetz gemacht werden, das durch die Autorität der religiösen Weihe gestützt wurde. Man war nicht aufgeklärt genug, um an die Möglichkeit der Trichinose zu glauben; vor Jehova und
  22. 22. - -22 Jehannum aber fürchtete man sich, und auf die gleiche Weise erfahren wir in der Rubrik »Yama«, daß der angehende Yogi »beharrlich darin bleiben muß, keine Geschenke anzunehmen«, was nur bedeutet, daß Sie, sollte Ihnen jemand eine Zigarette oder einen Schluck Wasser anbieten, seine heimtückischen Annäherungsversuche nach viktorianischer Manier zurückweisen müssen. Derartiger Unsinn ist es, der die Wissenschaft vom Yoga in Verruf gebracht hat. Es ist aber kein Unsinn, wenn man die Klasse von Menschen bedenkt, für die diese Vorschrift formuliert und verbreitet wurde; denn wie später noch gezeigt werden wird, geht der Konzentration des Geistes die Beherrschung des Geistes voraus, was die Ruhe des Geistes bedeutet. Und der Geist des Hindu ist so geartet, daß er, wenn man einem Mann auch nur den geringfügigsten Gegenstand anbietet, dieses Geschehen als einen Markstein in seinem Leben betrachtet. So etwas bringt ihn für Jahre aus der Fassung. Im Osten kann eine unwillkürlich und gedankenlos erwiesene Freundlichkeit gegenüber einem Eingeborenen diesen mit Leib und Seele für den Rest seines Lebens an einen fesseln. Mit anderen Worten, es bringt ihn aus der Fassung; und als angehender Yogi muß er dies daher ablehnen. Doch selbst die Ablehnung wird ihn ziemlich aus der Fassung bringen, weshalb er in seiner Ablehnung auch »gefestigt« werden muß. Das heißt, daß er durch gewohnheitsmäßige Ablehnung psychologisch eine derart starke Schutzhaltung aufbaut, daß er die Versuchung tatsächlich ohne Zucken und Zittern, ja sogar ohne die leiseste Überlegung abweisen kann. Sie werden sicherlich einsehen, daß es tatsächlich eines absoluten Gesetzes bedarf, um dieses Resultat zu erzielen. Es ist ihm offensichtlich unmöglich, zwischen dem zu unterscheiden, was er annehmen darf, und was nicht; er ist einfach nur in ein sokratisches Dilemma verwickelt; verfiele er aber ins andere Extrem und nähme er alles an, so würde sein Gemüt durch die Last der
  23. 23. - -23 Verantwortung für die Dinge, die er annahm, ebenso verwirrt werden. Alle diese Überlegungen lassen sich hingegen nicht auf das Gemüt des Durchschnittseuropäers anwenden. Wenn mir jemand 200 000 Pfund gibt, so schenke ich dem nicht einmal Beachtung. Es ist doch ein solch alltäglicher Vorgang. Stellen Sie mich ruhig einmal auf die Probe! 9 Es gibt viele andere Vorschriften, von denen jede für sich daraufhin zu überprüfen ist, ob sie sich auf den Yoga im allgemeinen bezieht und ob sie dies zum Vorteil des Schülers tut. Dabei müssen wir insbesondere all jene Erwägungen ausschließen, die nur auf phantastischen Theorien vom Universum aufbauen oder auf den Zufälligkeiten von Rasse oder Klima. So war es beispielsweise in der Zeit des verstorbenen Maharadscha von Kaschmir in seinem ganzen Herr- schaftsbereich verboten, Mahsir-Fische zu fangen; denn als er noch ein Kind war, hatte er sich einmal über das Geländer einer Brücke über den Jhilam bei Srinagar gelehnt und dabei unvorsichtigerweise den Mund aufgemacht, so daß ein Mahsir seine Seele verschlingen konnte. Für einen Sahib — einen Mlecha hätte es sich niemals geschickt, diesen Mahsir zu fan- gen. Diese Geschichte ist tatsächlich typisch für neunzig Prozent der Vorschriften, die normalerweise unter der Überschrift Yama aufgelistet werden. Der Rest beruht zum größten Teil auf örtlichen und klimatischen Besonderheiten und mag auf Ihren eigenen Fall anwendbar sein oder auch nicht. Andererseits gibt es jede Menge guter Regeln, die noch nie einem Yogalehrer eingefallen sind, weil diese Lehrer nie die Bedingungen vorhersahen, unter denen viele Menschen heutzutage leben. Weder dem Buddha noch Pantanjali oder Mansur el-Hallaj ist es eingefallen, ihren Schülern zu raten, nie in einer Etagenwohnung ihre Übungen zu machen, in der nebenan ein Radio steht.
  24. 24. - -24 Das Ergebnis von allem wird sein, daß all jene unter Ihnen, die ihr Geld wert sind, mit größtem Entzücken vernehmen werden, daß ich Sie dazu auffordere, alle Regeln beiseite zu werfen und Ihre eigenen zu entdecken. Sir Richard Burton sagte: »Jener lebt und stirbt am edelsten, der sich seine Regeln selber macht und sich an diese Regeln hält.« 10 Das muß natürlich jeder Wissenschaftler bei jedem Experiment tun. Das ist es ja gerade, was ein Experiment überhaupt ausmacht. Der andere Menschentypus hat nur schlechte Angewohnheiten. Wenn man ein neues Land erforscht, weiß man noch nicht, welche Bedingungen man dort vorfinden wird; dann muß man diese Bedingungen durch die Methode des Versuchs und des Irrtums meistern. Wir fangen an, in die Stratosphäre einzudringen, und wir müssen unsere Maschinen auf alle möglichen Fälle vorbereiten, die wir gar nicht alle vorhersehen können. Einmal mehr möchte ich mit Donnerstimme verkünden, daß die Frage nach Recht oder Unrecht bei unseren Problemen gar nicht auftaucht. Aber in der Stratosphäre ist es »recht«, wenn ein Mensch in einen druckunempfindlichen, elektrisch beheizten Anzug mit Sauerstoffvorrat eingeschlossen wird, während es »unrecht« für ihn wäre, diesen Anzug beim Drei-Meilen-Lauf des Sommersportfests von Tanezrouft zu tragen. Dies ist die Grube, in die bisher alle großen Religionslehrer gestürzt sind, und ich bin sicher, daß Sie mich alle begierig in der Hoffnung beobachten, daß ich dasselbe tun werde. Aber nein! Es gibt einen Grundsatz, der uns durch alle Konflikte bringt, die sich um unser Verhalten ranken, weil er vollkommen hart und vollkommen elastisch ist: »Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz.« Also: Es hat nicht den geringsten Zweck, zu kommen und mich damit zu plagen. Vollkommene Meisterschaft im
  25. 25. - -25 Geigenspiel in sechs leichten Brieflektionen! Würde ich das Herz haben, Sie abzuweisen? Aber Yama ist anders. Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz. Das ist Yama. Ihr Ziel ist es, Yoga zu vollziehen. Ihr wahrer Wille ist der Vollzug der Ehe mit dem Universum, und Ihr ethischer Kodex muß unentwegt präzise den Bedingungen Ihres Experiments angepaßt werden. Selbst wenn Sie Ihren Kodex entdeckt haben, werden Sie ihn im Laufe Ihres Fortschreitens anpassen müssen; »Forme ihn näher ans Bedürfnis des Herzens.« — Omar Khayyam. Auf gleiche Weise müssen die Regeln des Alltagslebens bei einer Himalaja-Expedition, wie sie das Alltagsleben in den Tälern von Sikkim oder dem oberen Indus bestimmen, abgeändert werden, wenn man schließlich den Gletscher erreicht hat. Aber ganz allgemein und mit größter Vorsicht ausgedrückt, ist es möglich, auf die Art dessen hinzuweisen, was voraussichtlich schlecht für Sie wäre. Alles, was den Körper schwach macht, was den Geist erschöpft, stört oder reizt, ist abzulehnen. Sie werden sicherlich im Laufe Ihres Fortschritts die Entdeckung machen, daß es einige Bedingungen gibt, die in Ihren persönlichen Verhältnissen nicht ausgemerzt werden können; dann müssen Sie einen Weg finden, mit ihnen auf solche Weise umzugehen, daß sie möglichst wenig stören. Und dann werden Sie feststellen, daß Sie das Hindernis des Yama nicht überwinden und ein für alle Mal aus Ihrem Geiste verbannen können. Bedingungen, die für den Anfänger günstig waren, stellen für den Adepten vielleicht eine unerträgliche Beeinträchtigung dar, während wiederum andere Dinge, die anfangs nur wenig bedeuteten, später zu äußerst ernsten Hindernissen werden. Ein weiterer Punkt ist der, daß im Laufe der Schulung ganz unerwartete Probleme auftreten. Die Frage des unterbewußten Denkens kann vom Durchschnittsmenschen, der seinem
  26. 26. - -26 täglichen Geschäft nachgeht, fast wie ein Witz beiseite geschoben werden; sie wird jedoch zu einer sehr ernstzunehmenden Schwierigkeit, wenn Sie erst einmal die Entdeckung machen, daß die innere Ruhe durch eine Art des Denkens gestört wird, deren Existenz Sie vorher nicht vermutet haben und deren Quelle Sie sich nicht vorstellen können. Andererseits ist auch die Grundlage selbst nicht vollkommen; es wird immer wieder Fehler und Schwächen geben, und wer am Ende siegt, das ist derjenige, der es fertigbringt, mit einer defekten Maschine weiterzumachen. Es ist die tatsächliche Belastung durch die Arbeit, die die Defekte hervorbringt; und es verlangt ein sehr scharfes Urteil, um mit den sich wan- delnden Bedingungen des Lebens fertigzuwerden. Dann wird bald klar, daß die Formel »Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz« nichts mit »Tue, wie dir beliebt« zu tun hat. Es ist viel schwieriger, dem Gesetz von Thelema zu folgen, als sich sklavisch einer Reihe starrer Regeln zu unterwerfen. Im Sinne der Erleichterung von einer Last besteht die ganze Befreiung eigentlich nur in jenem Unterschied, der das Leben vom Tod verschieden macht. Einer Reihe von Regeln zu gehorchen heißt, die ganze Verantwortung für das eigene Verhalten auf irgendeinen altersschwachen Bodhisattva abzuschieben, der es Ihnen sehr übelnähme, könnte er Sie dabei sehen, und der Ihnen einen unzweideutigen Denkzettel verpassen dürfte, wenn Sie so töricht sein sollten zu glauben, man könne den Schwierigkeiten des Forschern durch eine Reihe von Übereinkünften aus dem Weg gehen, die wenig oder gar nichts mit den tatsächlichen Gegebenheiten zu tun haben. In der Tat furchtbar sind die Hindernisse, die wir durch den einfachen Schritt aufbauten, unsere Fes sein zu zerschmettern. Die Analogie vom Sieg über die Luft paßt hier ausgezeichnet.
  27. 27. - -27 Was dem Fußgänger zu schaffen macht, macht uns überhaupt nicht zu schaffen. Aber um ein neues Element zu beherrschen, muß unser Yama aus eben jener biologischen Anpassung und der Anpassung unserer Fähigkeiten an diese Bedingungen bestehen, wie auch aus dem sich daraus ergebenden Erfolg innerhalb dieser Bedingungen, die im Hinblick auf die planetarische Evolution von Herbert Spencer formuliert und nun verallgemeinert wurden, um alle Seinszustände durch das Gesetz von Thelema zu erfassen. Aber lassen Sie mich nun auch meine Empörung entfesseln. Meine Aufgabe — die Einführung des Gesetzes von Thelema — ist eine höchst entmutigende Sache. Nur in den seltensten Fällen findet man jemanden, der überhaupt eine Vorstellung vom Thema der Freiheit hat. Denn das Gesetz von Thelema ist das Gesetz der Freiheit, und deshalb stehen allen Leuten sämt- liche Haare zu Berge wie die Stacheln des aufgeregten Stachelschweines; sie schreien auf wie eine entwurzelte Alraune und fliehen den verfluchten Ort voller Grauen. Denn: Die Ausübung der Freiheit bedeutet, daß man für sich selbst denken muß, und die natürliche Trägheit der Menschheit verlangt nach fix und fertiger Religion und Ethik. So lächerlich oder schändlich eine Theorie oder Praxis auch sein mag, man wird sich lieber darein fügen, als sie zu prüfen. Manchmal ist es Hakenschwingen oder Sati, manchmal Konsubstantiation. Es ist egal, in welchem Glauben man erzogen wurde, solange man nur gut erzogen wurde. Man will sich nicht deswegen belästigen lassen. Die alte Schulkrawatte des Ehemaligen trägt den Sieg davon. Nie ahnt man, welche Bedeutung das Krawattenmuster besitzt: der Breite Pfeil. Sie erinnern sich sicherlich an Dr. Alexandre Manette in A Tale of Two Cities. Er war viele Jahre Gefangener in der Bastille, und um nicht wahnsinnig zu werden, hatte er sich die Erlaubnis eingeholt, Schuhe zu machen. Als er freigelassen wurde, reagierte er mit Abscheu. Man mußte sich ihm mit äußerster Vorsicht nähern;
  28. 28. - -28 blieb seine Tür unverschlossen, überfiel ihn die Todesangst; er arbeitete an seinen Schuhen in dem Wahn, daß sie nicht rechtzeitig fertig würden — Schuhe, die niemand haben wollte. Charles Dickens lebte zu einer Zeit und in einem Land, in dem ein solcher Geisteszustand als abnorm und sogar beklagenswert erschien, heute aber ist er für fünfundneun-zig Prozent der Bewohner Englands charakteristisch. Dinge, über die man in der Zeit Königin Victorias offen sprechen konnte, sind heute absolut tabu; denn unterbewußt weiß jeder, daß eine auch noch so leichte Berührung mit diesen Dingen bedeutet, die Gefahr heraufzubeschwören, die Katastrophe ihrer Fäulnis auf sich zu laden. Es wird nicht viele Yogis in England geben, denn nur einige wenige werden den Mut aufbringen, auch nur das erste der acht Glieder des Yoga anzupacken: Yama. Ich glaube nicht, daß irgend etwas das Land retten wird, außer Krieg und Revolution; wenn jene, die überleben wollen, wieder für sich selbst denken und handeln müssen, ihren verzweifelten Nöten gemäß, und nicht nach irgendeinem morschen Maßstab der Konvention. Ja sogar die Geschicklichkeit des Arbeiters ist innerhalb einer Generation fast untergegangen! Vor vierzig Jahren gab es wenig, was ein Mann nicht mit einem Klappmesser und eine Frau nicht mit einer Haarnadel hätte machen können. Heute dagegen muß man für jede Kleinigkeit ein besonderes Werkzeug haben. Wenn Sie Yogis werden wollen, werden Sie sich schon bewegen müssen. Lege! Judica! Tace! Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen. Dritte Vorlesung Niyama
  29. 29. - -29 Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz. 1 Das Thema meiner dritten Vorlesung ist Niyama. Niyama? Hm! Die Unzulänglichkeit selbst der erhabensten Versuche, diese elenden Sanskrit-Wörter zu übersetzen, wird daran gleich auf entzückende Weise veranschaulicht. Ich kann in dem Begriff Niyama allenfalls das Prinzip der »Tugend« wieder- finden! Gott steh' uns bei! Es bedeutet Tugend in ihrer ursprünglichen etymologischen Wortbedeutung — die Eigenschaft des Menschtums; sinngemäß daher also die Eigenschaft der Gottheit. Aber da wir Yama hier als »Beherrschung« übersetzen, stellen wir fest, daß unsere beiden eigenen Vokabeln einander ganz und gar nicht auf gleiche Weise verwandt sind wie die Wörter im ursprünglichen Sanskrit; denn im Sanskrit ergibt die Vorsilbe »ni« die Bedeutung, daß alles von oben nach unten und von rückwärts nach vorwärts gekehrt wird — wie Sie es ausdrücken würden, Hysteron Proteron —, wobei gleichzeitig eine Wirkung tran- szendentaler Erhabenheit hervorgerufen wird. Ich muß feststellen, daß ich nicht einmal damit anfangen kann, an eine passende Definition zu denken, obwohl ich im Geiste ganz genau weiß, was die Hindus damit meinen. Wenn man sich über eine genügende Anzahl von Jahren in das orientalische Denken vertieft, entwickelt man eine geistig-spirituelle Auffassungsgabe, die sich unmöglich in Worten ausdrücken läßt, wie sie auf die Gegenstände intellektueller Auffassung an- wendbar sind; daher ist es viel besser, wenn wir uns mit den Worten begnügen, wie sie dastehen, um dafür richtig zur Sache zu kommen, wenn es um die praktischen Schritte geht, die man tun muß, um diese einleitenden Übungen zu meistern. 2 Es wird dem aufmerksamen Hörer kaum entgangen sein, daß ich in meinen vorhergehenden Vorlesungen ein Maximum an Redeschwall mit einem Minimum an Information verbunden habe; das ist alles Teil meiner Schulung für mein
  30. 30. - -30 politisches Amt als Kabinettsminister. Was aber tatsächlich zaghaft aus meinem mentalen Nebel zum Vorschein gelangt, ist die Tatsache, daß Yama im großen und ganzen in seinen Wirkungen meist negativ ist. Wir zwingen damit dem vorhandenen Energiestrom Beschränkungen auf, ganz so, wie man einen Wasserfall in Turbinen zwingt, um die natürliche Schwerkraft des Stromes zu beherrschen und zu lenken. 3 Vielleicht wäre es gut, wenn ich vor dem endgültigen Abschied vom Thema Yama einige der praktischen Schlußfolgerungen aufzählte, die sich aus unserer Prämisse ergeben, daß nichts zugelassen werden darf, was die Schönheit und die Harmonie des Geistes schwächen oder zerstören könnte. Gesellschaftliches Leben jedweder Art stellt jeden ernstzunehmenden Yoga absolut außer Frage; das häusliche Leben läßt sich nicht einmal mit den elementaren Übungen auch nur im geringsten verbinden. Zweifellos werden viele von Ihnen sagen: »Das ist ja ganz schön für ihn; soll er das für sich doch behaupten; was mich angeht, so führe ich mein Heim und mein Geschäft so, daß alles läuft wie auf Kugellagern.« Das Echo gibt Antwort... 4 Bevor Sie tatsächlich mit Yogaübungen anfangen, können Sie sich unmöglich vorstellen, was alles zur Störung werden kann. Die meisten von Ihnen leben in dem Glauben, daß sie völlig stillsitzen können; Sie weisen mich darauf hin, was Künstlermodelle doch über fünfunddreißig Minuten lang aushallen können. Sie können es aber nicht. Sie beachten das Ticken der Uhr nicht; vielleicht wissen Sie nicht einmal, ob im Zimmer eine Schreibmaschine betätigt wird; vielleicht können Sie sogar bei einem Luftangriff noch friedlich durchschlafen. Das hat nichts damit zu tun. Sobald Sie mit den Übungen anfangen, werden Sie, sofern Sie sie richtig ausführen, feststellen, daß Sie Töne hören, die Sie nie in Ihrem Leben zuvor gehört haben. Sie werden hypersensitiv. Sie spüren die
  31. 31. - -31 Luft auf Ihrer Haut etwa ebenso stark, wie Sie vorher eine Faust im Gesicht gespürt hätten. 5 Bis zu einem gewissen Grad wird diese Tatsache Ihnen allen zweifellos bekannt sein. Wahrscheinlich haben die meisten von Ihnen irgendwann schon einmal einen Ausflug in das gemacht, was groteskerweise als die »Stille der Nacht« bekannt ist, und Sie werden unendlich winzige Lichtbewegungen in der Dunkelheit bemerkt haben, flüchtige Töne in der Stille. Die werden Sie vielleicht beruhigt und Ihnen Freude gemacht haben; nie wird Ihnen eingefallen sein, daß jede dieser Veränderungen wie ein Schmerz empfunden werden könnte. Doch genau dies geschieht schon in den allerersten Monaten der Yogapraxis, und deshalb ist es am besten, sich noch vor Beginn vorzubereiten, indem man dafür sorgt, daß das Leben frei von den gröberen Störungsursachen bleibt. Das praktische Problem des Yama besteht also in hohem Ausmaße in der Beantwortung der Frage: »Wie soll ich mich an die Arbeit machen?« Und wenn man sich dann auf die theoretisch besten Bedingungen eingerichtet hat, muß man mit jedem neuen Problem, das sich zeigt, fertig werden, so gut es geht. 6 Jetzt sind wir schon eher dazu in der Lage, die Bedeutung von Niyama, von Tugend, zu überlegen. Die Eigenschaften, die Niyama ausmachen, werden bei den meisten Menschen gar nicht von ihrem Selbstbewußtsein verstanden. Zwar sind es positive Kräfte, doch sind sie latent; ihre Entwicklung läßt sich nicht einfach quantitativ und von ihrer Effizienz her messen. Je höher wir vom Grobkörnigen zum Feinen steigen, vom Groben zum Subtilen, um so tiefer dringen wir in ein neues (auf den ersten Blick scheinbar unendliches) Gebiet ein. Es ist völlig unmöglich, Ihnen zu erklären, was ich damit meine; könnte ich es, wüßten Sie es bereits. Wie kann man einem Menschen, der noch nie Schlittschuh gelaufen ist, das Wesen des Vergnügens
  32. 32. - -32 erklären, auf dem Eis eine schwierige Figur zu ziehen? Er trägt zwar den ganzen Apparat gebrauchsfertig in sich, aber nur die praktische Erfahrung, die praktische Erfahrung allein läßt ihm das Ergebnis dieses Gebrauchs bewußt werden. 7 Gleichzeitig kann es in einer allgemeinen Darstellung des Yoga von Nutzen sein, eine Vorstellung von den Funktionen zu geben, die die Grenzen des beschränkten Erkenntnisvermögens und unseres intellektuellen Verstands überschreiten, und auch davon, worauf diese Funktionen beruhen. Ich habe bei allen Arten des Denkens festgestellt, daß es sehr zweckmäßig ist, eine Art Abakus zu gebrauchen. Die schematische Darstellung des Universums, wie sie die Astrologie und der kabbalistische Lebensbaum geben, ist außerordentlich wertvoll, vor allem, wenn sie durch die Heilige Kabbala vertieft und erweitert wird. Dieser Lebensbaum ist für unendliche Verzweigungen empfänglich, und es ist in unserem Zusammenhang nicht erforderlich, seine Feinheiten zu untersuchen. Es genügt für unsere einleitenden Betrachtungen, wenn wir unsere Erläuterungen mit dem Bild vom Sonnensystem veranschaulichen, wie es die Astrologie lehrt. Ich bin mir nicht sicher, ob der Durchschnittsstudent sich der Tatsache bewußt ist, daß die Namen der Planeten im allgemeinen auf den philosophischen Konzepten der griechischen und römischen Götter beruhen. Hoffen wir das Beste und machen wir weiter!
  33. 33. - -33 8 Der Planet Saturn, der die Anatomie darstellt, ist das Skelett: Es ist eine starre Struktur, auf die der übrige Körper
  34. 34. - -34 aufbaut. Welchen moralischen Eigenschaften entspricht das? Die erste Tugend an einem Knochen ist seine Härte, seine Widerstandsfähigkeit gegen Druck. Und so stellen wir in Niyama fest, daß wir in unserem Verhalten äußerste Einfachheit pflegen sollten; wir brauchen Unempfindlichkeit; wir brauchen Durchhaltevermögen; wir brauchen Geduld. Für jeden, der den Yoga nicht praktiziert hat, ist es einfach unmöglich zu verstehen, was Langeweile heißt. Ich habe Yogis gekannt, Männer, die noch heiliger waren als ich (nein! nein!), die, um der unerträglichen Langeweile zu entgehen, ihre Zuflucht doch tatsächlich bei Trinkgelagen suchten! Es ist eine physiologische Langeweile, die dabei zur schärfsten Qual wird. Die Spannung wird zum Krampf; nichts erscheint einem mehr wichtiger, als dem selbstauferlegten Zwang zu entfliehen. Doch jedes Übel trägt sein eigenes Heilmittel in sich. Eine weitere Eigenschaft des Saturn ist die Melancholie; Saturn steht für das Leid des Universums; es ist die Trance des Leids, die einen dazu bewegt, sich an das Werk der Befreiung zu machen. Das ist die energiespendende Kraft des Gesetzes; es ist die Unbeugsamkeit der Tatsache, daß alles Leid ist, die uns an diese Arbeit gehen und uns auf dem Pfad beharren läßt. 9 Der nächste Planet ist Jupiter. Dieser Planet ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Saturn. Erstellt die Ausdehnung dar, so wie Saturn die Zusammenziehung darstellt; er ist die universale Liebe, die selbstlose Liebe, deren Gegenstand nichts Geringeres als das Universum selbst sein kann. Damit werden die Kräfte des Saturn gestärkt, wenn Sie voll Schmerz darniederliegen; der Erfolg ist kein Selbstzweck, sondern er dient dem Ganzen; man mag zwar das eigene Scheitern hinnehmen, des Universums aber kann man nicht unwürdig sein. Jupiter stellt auch das vitale, schöpferische, geniale Element des Kosmos dar. Er hat Ganymed und Hebe als Becherträger. Es liegt eine gewaltige und unvorstellbare Freude
  35. 35. - -35 im Großen Werk; und es ist die Erlangung der Trance der Freude oder sogar nur das intellektuelle Ahnen dieser Trance, was dem Yogi die Sicherheit gibt, daß sein Werk sich lohnt. Jupiter verarbeitet Erfahrungen; Jupiter ist der Herr der Lebenskräfte; Jupiter verwandelt grobe Materie in himmlische Nahrung. 10 Der nächste Planet ist Mars. Mars steht für das Muskelsystem; er ist die niedrigste Form der Energie, und in Niyama ist dies ganz wörtlich als die Tugend oder Fähigkeit aufzufassen, mit den physischen Schwierigkeiten des Werks zu ringen und sie zu überwinden. Praktisch gesehen bedeutet das: »Schon ein wenig mehr kann unendlich viel bedeuten; ein wenig weniger, und schon trennen uns Welten!« Ganz gleich, wie lange man Wasser bei 99° C unter normalern atmosphärischem Druck hält, es wird nicht kochen. Wahrscheinlich wird man mich verdächtigen, daß ich hier Schleichwerbung für irgendeine bestimmte Benzinmarke machen will, wenn ich über das gewisse Extra spreche, das den anderen fehlt, aber ich versichere Ihnen, daß ich nicht dafür bezahlt werde. Nehmen wir das Beispiel des Pranayama, ein Thema, mit dem ich mich in einer späteren Vorlesung be- schäftigen will. Nehmen wir an, daß Sie Ihren Atem soweit beherrschen, daß Ihr Zyklus des Einatmens, des Atemanhaltens und des Ausatmens genau eine Minute dauert. Das ist für die meisten Menschen schon eine ganz ordentliche Leistung, aber vielleicht reicht es nicht aus, um Ihren Fortschritt zu beschleu- nigen, vielleicht tut es das aber doch. Niemand kann es Ihnen sagen, bis Sie es lange genug ausprobiert haben (und niemand kann Ihnen sagen, wie lange »lange genug« sein mag), bis die Glocken zu läuten anfangen. Es kann sein, daß die Phänomene sofort beginnen würden, wenn Sie Ihre sechzig Sekunden auf vierundsechzig steigerten. Das mag ganz gut und schön klingen, aber da Sie mit den sechzig Sekunden Ihre Lungen
  36. 36. - -36 schon fast zum Platzen gebracht haben, brauchen sie noch diese zusätzliche Energie, um es zu schaffen. Das ist nur ein Beispiel für die Schwierigkeit, die bei jeder Übung auftritt. Mars ist zudem die flammende Energie der Leidenschaft, er ist die männliche Eigenschaft in ihrem niedrigsten Sinne; er ist der Mut, der zum Berserker wird, und ich scheue mich nicht Ihnen zu sagen, daß für mich zumindest eine der Hemmungen, mit denen ich am häufigsten zu kämpfen hatte, die Furcht war, ich würde wahnsinnig. Das war besonders dann der Fall, als diese Phänomene aufzutreten begannen, die, wenn man sie mit ruhigem Blut niederschrieb, tatsächlich dem Wahnsinn glichen. Und das Niyama des Mars ist die gnadenlose Wut, die über Schrammen Witze macht, während man an seinen eigenen Wunden stirbt. »... der grimmige Lord Colonsay streckte ihn zu Boden, und lachte im Todesschmerz, daß seine Klinge den tödlichen Stoß so heftig erwidert.« 11 Der nächste Himmelskörper ist die Mitte aller, die Sonne. Die Sonne ist das Herz des Systems; sie bringt alles in Harmonie, verleiht allem Kraft, ordnet alles. Sie ist der Mut und die Energie, die die Quelle aller geringeren Formen der Bewegung ist, und deshalb ruht sie in sich selbst. Die anderen sind Planeten; sie aber ist ein Stern. Von ihr kommen alle Planeten; um sie bewegen sie sich, nach ihr streben sie alle. Diese Zentralisation der Fähigkeiten, ihre Beherrschung, ihr Antrieb sind es, die das Niyama der Sonne bilden. Sie ist nicht nur das Herz, sondern auch das Hirn des Systems; aber sie ist nicht das denkende Hirn, denn in ihr ist alles Denken in die Schönheit und Harmonie geordneter Bewegung aufgelöst. 12 Der nächste Planet ist die Venus. Bei ihr kommen wir zum ersten Mal mit einem Teil unserer Natur in Berührung, der nicht etwa deswegen weniger Quintessenz ist, weil er durch
  37. 37. - -37 unsere bisherige Beschäftigung mit den aktiveren Eigenschaften unbeachtet blieb. Die Venus ist dem Jupiter ähnlich, aber auf einer niedrigeren Stufe, da sie zu ihm fast ebenso steht, wie der Mars zum Saturn. Dem Wesen nach ist sie der Sonne eng verwandt und kann als Externalisierung ihres Einflusses auf Schönheit und Harmonie verstanden werden. Venus ist Isis, die Große Mutter; Venus ist die Natur selbst; Venus ist die Summe aller Möglichkeiten. Das der Venus entsprechende Niyama ist eines der wichtigsten und am schwierigsten zu erreichende. Ich sagte »die Summe aller Möglichkeiten«, und ich möchte Sie bitten, in Gedanken zu dem zurückzukehren, was ich vorher über die Definition des Großen Werks selbst sagte, über das Ziel des Yogi, die Ehe zwischen dem, was er ist, mit dem, was er nicht ist, zu vollziehen, um nach diesem Vollzug schließlich zu er- kennen, daß das, was er ist, und das, was er nicht ist, identisch wird. Deshalb können wir bei unserem Yoga auch nicht aussuchen und wählen. Im Buch des Gesetzes, Kapitel I, Vers 22, steht geschrieben: »Machet bei euch keinen Unterschied zwischen einem Ding und einem anderen Ding, denn davon kommet Schmerz.« Venus stellt die ekstatische Annahme aller möglichen Erfahrung dar und das transzendente Aufnehmen jeder besonderen Erfahrung in die eigene. Ach ja, und vergessen wir auch folgendes nicht: In einer untergeordneteren Bedeutung steht Venus für das Taktgefühl. Viele Probleme, mit denen der Yogi konfrontiert wird, lassen sich durch intellektuelle Manipulation nur mühsam handhaben. Sie unterwerfen sich nur der Anmut. 13 Unser nächster Planet ist Merkur, und die Niyamas, die ihm entsprechen, sind so unzählig und mannigfaltig wie seine eigenen Qualitäten. Merkur ist das Wort, der Logos im Höchsten; er ist der direkte Vermittler zwischen den Gegensätzen. Er ist Elektrizität, das Lebensband schlechthin,
  38. 38. - -38 der yogische Prozeß selbst, sein Mittel, sein Ende. Und doch steht er selbst allen Dingen indifferent gegenüber, so wie es dem elektrischen Strom gleichgültig ist, welche Botschaften man mit seiner Hilfe übermitteln mag. Das dem Merkur in seinen höchsten Formen entsprechende Niyama läßt sich aus dem, was ich bereits gesagt habe, unschwer ableiten, aber in der Technik des Yoga steht er für die Verfeinerung der Methodik, die sich allen Problemen unendlich anzupassen vermag, aber nur, weil er von erhabener Indifferenz ist. Er ist die Gewandtheit und der Einfallsreichtum, die uns bei unseren Schwierigkeiten helfen; er ist das mechanische System, die Symbolik, die dem menschlichen Geist des Yogi dazu verhilft, das, was kommt, zu erkennen. An dieser Stelle muß bemerkt werden, daß Merkur wegen seiner völligen Indifferenz gegenüber allem (und dieser Gedanke ist, wenn wir ihn nur weit genug ausführen, lediglich ein Kernpunkt aller Weisheit) völlig unzuverlässig ist. Eine der unergründlichsten, schrecklichen Gefahren des Weges besteht darin, daß man Merkur vertrauen muß, und daß man dennoch, wenn man ihm vertraut, sicher sein darf, getäuscht zu werden. Ich kann dies nur — sofern überhaupt möglich — mit dem Hinweis erklären, daß alle Wahrheit relativ und damit Lüge ist. In gewissem Sinne ist Merkur der große Feind; Merkur ist der Geist, und eben diesen Geist zu besiegen sind wir angetreten. 14 Der letzte der sieben heiligen Planeten ist der Mond. Der Mond steht für die Gesamtheit unseres weiblichen Teils, er ist das passive Prinzip, das sich doch sehr deutlich von jenem der Venus unterscheidet, denn der Mond entspricht der Sonne ebenso, wie die Venus dem Mars entspricht. Er ist auf viel unverfälschtere Weise passiv als die Venus, und obwohl die Venus so universal ist, ist auch der Mond in einem anderen Sinne universal. Der Mond ist das Höchste und das Tiefste; der Mond ist das Streben, die Verbindung zwischen Mensch und
  39. 39. - -39 Gott; er ist die höchste Reinheit: Isis die Jungfrau, Isis die jungfräuliche Mutter. Aber am anderen Ende der Skala wird er zu einem Symbol der Sinne selbst, zum bloßen Instrument, zur Wahrnehmung der Phänomene, unfähig, zu unterscheiden, unfähig, zu wählen. Das dem Einfluß des Mondes entsprechende Niyama, das erste von allen, ist diese Qualität des Strebens, die positive Reinheit, die jede Vereinigung mit etwas ablehnt, das weniger ist als das Ganze. In der griechischen Mythologie ist Artemis, die Mondgöttin, eine Jungfrau; sie hat sich nur Pan hingegeben. Darin steckt eine besondere Lehre: Wenn der Yogi Fortschritte macht, werden im Aspiranten magische Kräfte (von den Lehrern Siddhis genannt) manifest; wenn er auch nur die geringste — oder auch die größte — dieser Kräfte annimmt, ist er verloren. l5 Am gegenüberliegenden Ende der Skala des Mond- Niyama liegen die phantastischen Entwicklungsmöglichkeiten des Empfindungsvermögens, die den Yogi beunruhigen. Sie sind eine große Hilfe und Ermutigung, zugleich aber sind sie auch unerträgliche Hindernisse. Dies sind die größten Hindernisse, die sich dem Menschen in den Weg stellen, der durch Jahrhunderte der Evolution darauf trainiert ist, sein ganzes Bewußtsein ausschließlich durch die Wahrnehmung der Sinne zu erhalten. Und sie treffen uns am schwersten, weil sie sich ganz unmittelbar störend auf die Technik unserer Arbeit auswirken. Ständig erlangen wir neue Kräfte, uns selbst zum Trotz, und jedesmal, wenn dies geschieht, müssen wir eine weitere Methode erfinden, um ihre Bösartigkeit zunichte zu machen. Aber wie bereits zuvor, besteht das Heilmittel aus demselben Stoff wie die Krankheit; es ist die unerschütterliche Reinheit des Strebens, die uns befähigt, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden. Der Mond ist die letzte Rettung unserer Arbeit. Er ist die Kenntnis und das Zwiegespräch mit dem heiligen Schutzengel, die uns dazu befähigen, zu allen Zeiten und auf jedwede Weise zu siegen, je
  40. 40. - -40 nachdem, wie die Bedürfnisse des Augenblicks es erfordern mögen. 16 Es gibt noch zwei weitere Planeten, die nicht zu den heiligen sieben gezählt werden. Ich will nicht behaupten, daß sie den Alten bekannt waren und absichtlich geheimgehalten wurden, wenn auch vieles in ihren Schriften darauf hindeutet, daß dies der Fall gewesen sein könnte. Ich meine den Planeten Herschel oder Uranus und den Neptun. Was immer die Alten gewußt haben mögen, eines ist immerhin gewiß, daß sie in ihrem System Lücken offenließen, die von diesen beiden Planeten und dem erst kürzlich entdeckten Pluto ausgefüllt wurden. Sie füllen diese Lücken genauso aus, wie die in den vergangenen fünfzig Jahren neuentdeckten chemischen Elemente die Lücken in Mendeljeffs Tafel des Perioditätsgeset- zes füllen. 17 Herschel stellt die höchste Form des Wahren Willens dar, und es erscheint nur natürlich und recht, daß er nicht in die Reihe der sieben heiligen Planeten gestellt wird, weil der Wahre Wille die Sphäre ist, die über sie hinausgeht. »Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.« Herschel bestimmt die Bahn des Sterns, Ihres Sterns. Doch Herschel ist dynamisch; Herschel ist explosiv; astrologisch gesprochen bewegt Herschel sich nicht in einer Bahn, er folgt seinem eigenen Weg. So ist das Niyama, das diesem Planeten entspricht, einzig und allein die Entdeckung des Wahren Willens. Dieses Wissen ist geheim und zuhöchst heilig. Jeder von Ihnen muß die Wirkung und die Qualität des Herschel in sich integrieren. Das ist die wichtigste Aufgabe des Yogi, denn bevor er sie nicht vollendet hat, kann er überhaupt nicht wissen, wer er ist oder wohin er geht. 18 Noch ferner und noch schwerer faßbar ist der Einfluß Neptuns. Hier haben wir es mit einem Niyama von unendlicher Zartheit und Zerbrechlichkeit zu tun, mit einer spirituellen
  41. 41. - -41 Intuition, die weit, weit über jede menschliche Eigenschaft hinausgeht. Hier ist alles Phantasie, und in dieser Welt sind unendliche Freuden und unendliche Gefahren. Das Wahre Niyama des Neptun ist die Einbildungskraft, die Vorahnung um das Wesen des grenzenlosen Lichts. Er hat noch eine weitere Funktion. Der Yogi, der den Einfluß Neptuns erkennt und auf ihn eingestellt ist, wird Sinn für Humor haben, der auch den größten Schutz für den Yogi darstellt. Neptun befin- det sich sozusagen in vorderster Linie; er muß sich den Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten anpassen, und wenn der Neuling fragt: »Wer hat denn dieses Loch da gemacht?«, muß er, ohne zu lächeln, antworten: »Mäuse.« Pluto ist der äußerste Vorposten; von ihm zu sprechen ist nicht weise... Nach dieser sibyllinisch finsteren Andeutung könnte ein wahrhaft Wagemutiger mich sehr wohl fragen: Warum ist es nicht weise, von Pluto zu sprechen? Die Antwort ist sehr tiefgründig: Weil man nicht das geringste über ihn weiß. Außerdem spielt es ohnehin kaum eine Rolle; für einen Abend haben wir bestimmt genug von Niyama gehabt. l9 Jetzt ist es angebracht, kurz zusammenzufassen, was wir über Yama und Niyama erfahren haben. In gewissem Sinne sind sie die moralischen, logischen Vorbereitungen für die Technik des eigentlichen Yoga. Sie sind die strategischen Entscheidungen, im Gegensatz zu den taktischen, die der Aspirant treffen muß, ehe er sich an etwas Ernsteres wagt als die Fünffingerübungen, wie wir sie nennen könnten: des Anfängers Drill der Stellungen, der Atemübungen und der Konzentration, von denen die Oberflächlichen vertrauensvoll annehmen, daß allein diese die große Wissenschaft und Kunst ausmachen. Wir haben gesehen, daß es überheblich und unzweckmäßig wäre, für das, was wir vorhaben, starre Regeln festzulegen. Vielmehr geht es darum, daß wir alles so einrichten, um ungehindert das tun zu können, was notwendig
  42. 42. - -42 oder ratsam werden könnte. Dabei müssen wir vorsorglich die Entwicklungsmöglichkeit übersinnlicher Kräfte miteinbeziehen, die es uns ermöglichen, unsere Vorhaben so auszuführen, wie sie sich im veränderlichen Bioskop der Ereignisse ausbilden. Wenn jemand von mir einen ungefähren, sofort durchführbaren Plan haben will, dann sage ich: Nun, wenn Sie unbedingt in England bleiben müssen, dann können Sie es mit etwas Glück vielleicht in einem einsamen Landhäuschen fertigbringen, das abseits vom Verkehr liegt, wenn Sie der Dienste eines Gesellschafters gewiß sind, der genügend geschult ist, um mit jenen Notfallsituationen fertigzuwerden, die höchstwahrscheinlich eintreten werden. Ein disziplinierter Mensch könnte es zur Not auch in einer Suite im Claridge's schaffen. Doch dagegen läßt sich einwenden, daß man mit unsichtbaren Kräften zu rechnen hat. Wenn man erst einmal angefangen hat, geschehen plötzlich die unmöglichsten Dinge. Es ist eigentlich nicht wirklich zu- friedenstellend, ernstlich mit Yoga zu beginnen, solange man nicht in einem Land lebt, in dem das Klima verläßlich ist und die Luft nicht durch den Gestank der Zivilisation verpestet wird. Es ist außerordentlich wichtig, wichtiger als alles andere, ein Land zu finden, wo die Bewohner den Lebensstil der Yogis kennen, wo sie ihren Übungen wohlwollend gegenüberstehen, den Aspiranten respektvoll behandeln und ihm auf unaufdringliche Weise helfen und ihn beschützen. Unter solchen Umständen bedeutet die Meisterung von Yama und Niyama kein solch ernstes Problem. 20 Jenseits all dieser praktischen Einzelheiten gibt es aber auch etwas, was man nur schwer betonen kann, ohne eben jene geheimnisvollen Mutmaßungen anzustellen, die wir eigentlich von Anfang an vermeiden wollten. Ich kann bedauerlicherweise nur sagen, daß diese besondere Tatsache Ihnen schon bald ins Gesicht springen wird, wenn Sie erst einmal angefangen haben, und ich sehe deshalb auch nicht ein,
  43. 43. - -43 weshalb wir uns um die geheimnisvollen Mutmaßungen, die der Hinnahme dieser Tatsache zugrunde liegen, mehr kümmern sollten, als um ein mindestens ebenso geheimnisvolles und unergründliches Faktum: jeglicher Gegenstand einer jeglichen Sinneswahrnehmung. Gemeint ist folgende Tatsache: Daß man ein Gefühl dafür bekommt — ein gänzlich irrationales Gefühl —, daß ein gegebener Ort oder eine gegebene Methode im Sinne ihres Zwecks richtig oder falsch sind. Dieses Gefühl ist so sicher wie der Instinkt des Fechters, wenn er eine noch unerprobte Waffe aufnimmt; entweder liegt sie gut in der Hand oder nicht. Man kann es nicht erklären, ebensowenig aber kann man es bestreiten. 21 Ich habe Yama und Niyama recht ausführlich behandelt, weil ihre Bedeutung bisher stark unterschätzt und ihr Wesen völlig mißverstanden wurde. Es sind eindeutig magische Übungen, die kaum die Spur eines mystischen Beigeschmacks haben. Der Vorteil für uns hier ist der, daß wir uns recht nützlich auf diese Weise üben und entwickeln können in einem Land, in dem die Technik des Yoga praktisch so gut wie unmöglich zu betreiben ist. Nebenbei bemerkt ist das wirkliche Land — das heißt, die Bedingungen —, in das man zufälligerweise hineingeboren wurde, das einzige, in dem Yama und Niyama geübt werden können. Man kann seinem Karma nicht aus dem Weg gehen. Man muß sich das Recht verdienen, sich dem Yoga richtig hinzugeben, indem man dafür sorgt, daß diese Hingabe ein notwendiger Schritt zur Erfüllung des eigenen Wahren Willens wird. In Hindustan darf man nicht eher ein »Sanyasi« werden — ein Einsiedler —, bevor man nicht seine Pflichten gegenüber seiner Umwelt erfüllt hat — also bis man dem Kaiser gegeben hat, was des Kaisers ist, bevor man Gott gibt, was Gottes ist. Wehe der Siebenmonatsfrühgeburt, die da glaubt, aus den Zufälligkeiten der Geburt Vorteil schlagen zu können und die dem Ruf der Pflicht spottet, die sich fortschleicht, um in China eine kahle
  44. 44. - -44 Mauer anzustarren! Yama und Niyama sind nur deshalb die kritischsten Stadien des Yoga, weil man sie nicht in der Be- grifflichkeit eines Lehrplans für Knabenschulen ausdrücken kann. Und ebensowenig können Schuljungentricks den Aspiranten hinreichend von den Pflichten des Mannesalters entbinden. Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz. Freut euch, wirkliche Männer, daß dem so ist! Denn soviel kann wenigstens gesagt werden, daß auf diesem Weg Ergebnisse erzielt werden können, die den Aspiranten nicht nur für das eigentliche Gefecht geeignet machen, sondern ihn in Kategorien bis dahin nicht für möglich gehaltener Phänomene einführen, deren Auswirkungen seinen Geist auf jenen schrecklichen Schock seines eigenen, gänzlichen Sturzes vorbereiten, der das erste kritische Resultat der Yoga-Praktiken kennzeichnet. Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen. Vierte Vorlesung Asana und Pranayama Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz. 1 Letzte Woche konnten wir in dem Gefühl fortgehen, daß der schwerste Teil der Arbeit geschafft war. Wir haben unsere schlechten Angewohnheiten, unsere schlechten Ehefrauen und unser schlechtes Wetter abgeschüttelt. Wir sitzen behaglich in der Sonne und niemand stört uns. Wir haben nichts zu tun als unsere Arbeit. In einer solch glücklichen Lage können wir nützlicherweise eine Stunde einschieben, in der wir unseren nächsten Schritt bedenken wollen. Erinnern wir uns zuerst daran, was wir als Quintessenz unserer Aufgabe festlegten. Es war die
  45. 45. - -45 Vernichtung des Geteiltseins. »Mach mir Platz«, ruft der persische Dichter, dessen Namen ich vergessen habe, den Fitzgerald übersetzte, es war nicht Omar Khayyam, »mach mir Platz auf diesem Diwan, der nicht Platz für zwei hat« — eine bemerkenswert prophetische Definition des Luxusappartements. Wir wollen das Subjekt und das Objekt des Bewußtseins in der Ekstase vereinen, die, wie wir später feststellen werden, sehr bald in den erhabeneren Zustand des Gleichmuts übergeht, und dann wollen wir die Partei des erstgenannten und die Partei des zweitgenannten vernichten. Daraus ergeben sich offensichtlich weitere Parteispaltungen — man könnte fast von Cocktailpartys sprechen —, die sich ständig vermehren, bis wir die Unendlichkeit erreichen und diese vernichten, wodurch wir unser ursprüngliches Nichts wiedererlangen. Aber ist das mit dem ursprünglichen Nichts wirklich identisch? Ja — und nein! Nein! Nein! Tausendmal nein! Denn indem wir alle Möglichkeiten jenes ursprünglichen Nichts, sich auf positive Weise zu manifestieren, erfüllt haben, haben wir damit zu- gleich alle seine Möglichkeiten vernichtet, jemals wieder Unheil zu stiften. Da unsere Aufgabe also höchst einfach ist, bedürfen wir auch nicht des Beistands eines Haufens verlauster Rishis und Sanyasis. Wir werden uns nicht an eine Schar mottenzerfressener Arahats und betelkauender Bodhisattvas um Hilfe wenden. »Wir verlassen uns nicht auf Jungfrau oder Taube; unsere Methode ist Wissenschaft, unser Ziel ist Religion.« Unser von der auf Beobachtung fußenden Erfahrung geleiteter Menschenverstand mag genügen. 2 Wir haben gesehen, daß der yogische Prozeß in jeder
  46. 46. - -46 Erscheinung des Daseins implizit ist. Alles, was wir zu tun haben, ist, ihn bewußt auf den Vorgang des Denkens auszudehnen. Wir haben gesehen, daß das Denken nicht ohne ständige Veränderung existieren kann; alles, was wir zu tun haben, ist, zu verhindern, daß eine Veränderung eintritt. Alle Veränderung wird durch Zeit und Raum und andere Kategorien bedingt; jeder bestehende Gegenstand muß sich mittels eines Systems von Koordinatenachsen beschreiben lassen können. Auf der Terrasse des Cafes des Deux Magots war es einmal erforderlich, die gesamte Yogalehre in möglichst wenigen Worten zu verkünden, »mit Freudengeschrei und der Stimme des Erzengels und mit der Trompete Gottes«. Der erste Brief des Paulus an die Thessaloniker, 4. Kapitel, 16. Vers. Also tat ich es. »Sitz still. Hör auf zu denken. Halt den Mund. Hinaus mit dir!« Die ersten beiden dieser Unterweisungen umfassen die ganze Yogatechnik. Die beiden letzten sind von einer Sublimität, die auf dieser elementaren Stufe zu erörtern nicht angemessen wäre. Die Aufforderung »Sitz still« soll die Beschränkung aller körperlichen Reize umfassen, die imstande sind, das Bewußtsein in Bewegung zu setzen. Die Aufforderung »Hör auf zu denken« ist die Erweiterung dieser Beschränkung auf alle geistigen Reize. Es ist unnötig, an dieser Stelle darüber zu diskutieren, ob das letztere ohne das erstere überhaupt existieren kann. Immerhin ist klar, daß viele geistige Prozesse durch körperliche Vorgänge entstehen; so werden wir wenigstens einen gewissen Teil der Strecke zurücklegen, sobald wir dem Körper Einhalt geboten haben. 3 Lassen Sie mich für einen Augenblick abschweifen und ein Mißverständnis wegwischen, das mit Sicherheit jeden angelsächsischen Geist befällt. Ungefähr das übelste Erbe der
  47. 47. - -47 entmännlichten Schule der Mystiker ist die abscheuliche Gedankenverwirrung, die aus der Vorstellung entspringt, daß körperliche Funktionen und Gelüste eine moralische Bedeutung hätten. Das ist eine Verwechslung der Ebenen. Es gibt keine wirkliche Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Die einzige Frage, die sich erhebt, ist die nach der Eignung hinsichtlich irgendeines Vorhabens. Der ganz moralische und religiöse Plunder der Jahrhunderte muß erst für immer verabschiedet werden, ehe man den Yoga angeht. Sie werden nur zu bald feststellen, was es bedeutet, Unrecht zu tun; unserer eigenen These nach ist jedes Tun unrecht. Jedes Tun ist nur insofern relativ richtig, als es uns dabei helfen kann, dem gesamten Vorgang des Handelns ein Ende zu machen. Diese relativ nützlichen Handlungen sind folglich jene, die der Beherrschung oder »Tugend« dienen. Man hat sie ohne Rücksicht auf Aufwand und Kosten in gewaltigem Umfang und auf hochkomplizierte Weise klassifiziert; das geht sogar so weit, daß allein schon das Studium der Begrifflichkeit der verschiedenen Systeme nur zu einem Ergebnis führen kann: Es vernebelt Ihnen für den ganzen Rest Ihrer Inkarnation das Gehirn. 4 Ich werde es mit einer Vereinfachung versuchen. Die Hauptüberschriften lauten: a) Asana, gewöhnlich mit »Körperhaltung« übersetzt, b) Pranayama, gewöhnlich mit »Atemkontrolle« übersetzt. Diese Übersetzungen sind, wie gewöhnlich, vollkommen falsch und unzulänglich. Das wahre Ziel von Asana ist die Beherrschung des Muskelsystems, des bewußten wie des unbewußten, damit keinerlei Botschaft vom Körper zum Geist gelangen kann. Asana hat mit dem statischen Aspekt des
  48. 48. - -48 Körpers zu tun. Pranayama ist tatsächlich die Beherrschung des dynamischen Aspekts des Körpers. Darin steckt eine kleine Paradoxie. Das Ziel des Yoga- prozesses besteht darin, alle Prozesse, einschließlich des Yogaprozesses selbst, zum Stillstand zu bringen. Doch es genügt dem Yogi nicht, sich zu erschießen, denn damit würde er die Beherrschung verlieren und die schmerzerzeugenden Energien freisetzen. Wir können uns nicht auf eine metaphysische Debatte darüber einlassen, was es eigentlich ist, was da beherrscht, sonst werden wir noch, ehe wir uns versehen, von Hypothesen über die Seele in den Wahnsinn getrieben. 5 Vergessen wir also diesen ganzen Mist und entscheiden wir uns, was zu tun ist. Wir haben gesehen, daß es nur die Freisetzung unerwünschter Elemente zur Folge hätte, wollten wir existierenden Prozessen durch einen Akt der Gewalt ein Ende machen. Wenn wir in Dartmoor Frieden haben wollen, öffnen wir nicht die Gefängnistüren. Statt dessen entwickeln wir Routine. Was ist Routine? Routine ist Rhythmus. Wenn Sie einschlafen wollen, stellen Sie alle unregelmäßigen, unerwarteten Geräusche ab. Dann brauchen Sie ein Wiegenlied. Sie zählen Schafe, die durch ein Tor laufen, oder Wähler in einem Wahllokal. Wenn Sie sich erst einmal daran gewöhnt haben, wirkt auch die Regelmäßigkeit eines Zugs oder Dampfschiffs beruhigend. Mit den existierenden Funktionen des Körpers müssen wir dergestalt verfahren, daß sie bei allmählich zunehmender Verlangsamung so regelmäßig werden, daß wir uns ihrer Tätigkeit nicht mehr bewußt sind. 6 Befassen wir uns zuerst mit der Frage nach Asana. Man könnte meinen, daß nichts beruhigender wirken müßte als das Schaukeln oder eine sanfte Massage. In gewissem Sinne und bis zu einem bestimmten Punkt ist es auch so. Doch kann die
  49. 49. - -49 Tätigkeit nicht fortgesetzt werden, weil die Müdigkeit die Oberhand gewinnt, und früher oder später wehrt sich der Kör- per dagegen, indem er einschläft. Deshalb müssen wir uns von Anfang an vornehmen, den Körperrhythmus auf ein Minimum zu beschränken. 7 Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sich vom philo- sophischen Standpunkt aus verteidigen, ob es sich vom logischen rechtfertigen läßt, für die Prinzipien des Asana, wie sie uns in unserer Praxis begegnen, einzutreten. Wir müssen uns von unseren gedanklichen Kettenreaktionen lösen, uns der Empirik des Experiments zuwenden und darauf vertrauen, dass wir eines Tages dazu in der Lage sein werden, vom beobachteten Tatbestand aus rückwärts schreitend eine zusammenhängende Metaphysik zu entwickeln. Tatsache ist, daß der Körper durch Stillsitzen im ganz gewöhnlichen wörtlichen Sinn schließlich auf den beschwörenden Ruf des großen Mahatma Harry Lauder reagiert: »Hör auf zu kitzeln, Jock!« 8 Wenn wir uns den Einzelheiten des Asana nähern, stehen wir sofort vor dem Misthaufen der Hindu-Pedanterie. Ständig nähern wir uns der traditionellen Geisteshaltung der verblichenen Königin Victoria. Die einzigen Arten von Asana, die auch nur ein flüchtiges Interesse verdienen, sind jene, von denen ich überhaupt nicht sprechen werde, weil sie zu dem hohen Niveau des Yoga, wie ich ihn dieser distinguierten Hörerschaft hier darstelle, nicht im geringsten passen. Ich müßte vor Scham erröten, täte ich etwas anderes. Und überhaupt — wer will schon etwas über diese albernen Stellungen wissen? Wenn die Sache irgendeinen Spaß in sich birgt, dann ist es der, sie zu entlarven. Ich muß zugeben, daß es eine gewisse Befriedigung verschaffen kann, wenn man sich mit einem Problem wie jenem herumplagt, Hinterkopf und Schultern gegen Hinterkopf und Schultern eines anderen
  50. 50. - -50 Beteiligten zu versetzen*, aber das ist meiner Meinung nach vor allem Eitelkeit und hat, wie ich schon erwähnte, nicht das geringste mit dem zu tun, wovon wir hier sprechen wollen. * Natürlich in coitu; Anm. d. Hrsg. 9 Der Wert der verschiedenen, von den Lehrern des Yoga empfohlenen Stellungen hängt weitgehend von der Hindu- Anatomie ab und von den mystischen Theorien über die heilkräftigen und wunderwirkenden Eigenschaften, die man verschiedenen Teilen des Körpers zuschreibt. Wenn Sie beispielsweise den Nerv Udana beherrschen, können Sie auf dem Wasser gehen. Doch wer will schon auf dem Wasser gehen? Schwimmen macht viel mehr Spaß. (Ich sehe hier ein- mal von Haien, Stechrochen, Tintenfischen, Zitteraalen und Piranhas ab. Ebenso von Touristen, badenden Schönheiten und Mr. Lansbury.) Oder man lasse das Wasser statt dessen gefrieren und tanze darauf! Ein großer Teil der Bemühungen der Hindus scheint darin zu bestehen, möglichst den allerschwierigsten Weg zu dem am wenigsten wünschenswerten Ziel zu finden. 10 Wenn man mit dem Versuch beginnt, sich selbst zu verknoten, wird man feststellen, daß manche Stellungen sehr viel schwieriger sind als andere; aber das ist erst der Anfang. Egal, welche Stellung es ist, wenn man sie nur lange genug beibehält, bekommt man einen Krampf. Ich habe die genaue Statistik vergessen, aber es heißt, daß die Muskelanstrengung, die ein Mann macht, wenn er friedlich im Bett schläft, ausreicht, um stündlich vierzehn Elefanten in die Stratosphäre zu heben. Jedenfalls erinnere ich mich daran, daß es etwas ist, was schwer zu glauben ist, und sei es nur, weil ich es selbst nicht glaubte. 11 Warum sollten wir uns also damit abplagen, eine besonders heilige Stellung zu wählen? Zunächst wollen wir
  51. 51. - -51 eine feste und bequeme Stellung. Vor allem wollen wir dazu in der Lage sein, in dieser Stellung Pranayama zu machen, falls wir überhaupt die Stufe erreichen sollten, es mit dieser Übung zu versuchen. Deshalb können wir, grob gesagt, die Wunschbedingungen für diese Stellung folgendermaßen formulieren: 1) Wir müssen im richtigen Gleichgewicht sein. 2) Die Arme müssen frei bleiben. Bei einigen Pranayama- Praktiken werden sie benötigt. 3) Unser Atmungsapparat muß so unbehindert wie möglich bleiben. Wenn Sie nun diese Punkte im Auge behalten und sich nicht durch völlig belanglose Vorstellungen ablenken lassen, wie beispielsweise durch die Einbildung, durch eine Stellung heiliger zu werden, die der Überlieferung zufolge zu einer Gottheit oder zu einem heiligen Mann paßt, und wenn Sie sich von dem puritanischen Greuel fernhalten, daß alles für Sie gut ist, wenn es Ihnen nur weh genug tut, dann sollten Sie dazu in der Lage sein, nach ein paar Versuchen selbst eine Stellung herauszufinden, die diesen Bedingungen entspricht. Das wäre mir sehr viel lieber, als wenn Sie zu mir kämen, um in mir irgendeine Hokuspokus-Autorität zu suchen. Ich bin kein Pukka Sahib - nicht einmal aus Poona —, der der Öffentlichkeit mit abgehackten »Ähems« seinen Humbug aufzwingt. Es wäre mir lieber, wenn Sie die Sache allein »verkehrt« machten, um aus Ihren Irrtümern zu lernen, als wenn Sie es »richtig« vom Lehrer lernten und dabei Ihre Initia- tive und überhaupt jede Fähigkeit, etwas zu lernen, lahmlegten. Es ist jedoch vollkommen in Ordnung, daß Sie eine Vorstellung davon bekommen, was geschieht, wenn Sie sich zum Üben hinsetzen.
  52. 52. - -52 l2 Lassen Sie mich einen Augenblick abschweifen und auf das zurückgreifen, was ich in meinem Leitfaden der Magie über die Formel IAO sagte. Diese Formel umfaßt alles Lernen. Man beginnt mit einem wunderschönen Gefühl, wie es ein Kind bei einem neuen Spielzeug hat; es wird einem langweilig und man versucht es zu zerschlagen. Wenn man aber ein kluges Kind ist, nimmt man die Haltung eines Wissenschaftlers dazu ein und zerschlägt es eben nicht. Man überwindet das Stadium der Langeweile und erhebt sich aus der Höllenqual zur Auferstehung, wenn aus dem Spielzeug ein Gott geworden ist, der Ihnen seine innersten Geheimnisse erklärt hat und zu einem lebendigen Teil Ihres Lebens geworden ist. Dann gibt es nicht mehr diese kruden, wilden Reaktionen auf Freude und Schmerz. Man hat das neue Wissen innerlich aufgenommen. 13 So ist es auch bei Asana. Die gewählte Stellung zieht Sie an; Sie schnurren vor Selbstzufriedenheit. Wie gescheit Sie doch gewesen sind! Wie ausgezeichnet diese Stellung sich doch allen Bedingungen anpaßt! Sie zerschmelzen fast vor sentimentaler Wonne. Ich habe Schüler gekannt, die sich dann tatsächlich dazu verleiten ließen, einen freundlichen Gedanken für ihren Lehrer übrigzuhaben! Es ist ganz klar, daß dabei etwas nicht stimmt. Zum Glück ist die Zeit, der große Heiler, wie immer an der Arbeit; die Zeit kennt keine Wochenenden; die Zeit bleibt nicht stehen, um sich zu bewundern; die Zeit macht einfach weiter. Es dauert nicht lang, dann vergißt man alle Annehmlichkeiten der Dinge, und es wäre gar nicht höflich, wollte ich Ihnen auch nur eine Vorstellung von dem geben, was Sie dann über den Lehrer denken werden. 14 Vielleicht bemerken Sie als erstes, daß der Wunsch entsteht, die Stellung unbewußt zu verändern, obwohl Sie doch in der augenscheinlich bequemsten Haltung angefangen haben.
  53. 53. - -53 Wenn Sie beispielsweise in der »Gottesstellung« mit geschlossenen Knien sitzen, könnten Sie nach wenigen Minuten feststellen, daß die Knie sich allmählich auseinanderbewegt haben, ohne daß Sie es bemerkten. Freud würde Ihnen dazu zweifellos mitteilen, daß dies von einer instinktiven Verschlimmerung kindlichen Sexualverhaltens herrühre. Ich hoffe, daß mich hier niemand mit derart übelkeiterregendem Unsinn belästigen wird. 15 Wenn man eine Stellung also beibehalten will, ist es erforderlich, darauf aufzupassen. Das bedeutet: Man wird sich seines Körpers auf eine Weise bewußt, der man sich nicht bewußt ist, solange man in bestimmte, Konzentration erfordernde Gedankengänge vertieft oder auch nur mit rein körperlicher Aktivität, wie etwa beim Laufen, beschäftigt ist. Das mag zunächst paradox klingen, aber heftige körperliche Tätigkeit konzentriert die Aufmerksamkeit nicht etwa auf den Körper, sie läßt ihn vielmehr verschwinden. Das liegt daran, daß körperliche Bewegung ihren eigenen Rhythmus hat; und Rhythmus führt uns, wie ich schon sagte, bereits die halbe Strecke hinauf zum Gipfel des Schweigens. Also gut; in der vergleichsweisen Stille des Körpers wird sich der Übende ganz leiser Töne bewußt werden, die ihn im gewöhnlichen Leben nicht störten. Zumindest dann nicht, wenn sein Geist mit interessanten Dingen beschäftigt war. Man fängt an, sich unruhig hin- und herzubewegen, es beginnt zu jucken, man fängt an zu husten. Möglicherweise spielt einem die Atmung Streiche. Alle diese Symptome müssen unterdrückt werden. Dies zu bewerkstelligen ist außerordentlich schwierig, und wie alle anderen Formen der Unterdrückung führt es zu einer schrecklichen Übertreibung der Phänomene, die man eigentlich damit unterdrücken will. 16 Es gibt eine ganze Menge kleiner Tricks, die den meisten
  54. 54. - -54 Wissenschaftlern aus ihrer Studienzeit bekannt sind. Einige davon sind für den Yoga von großer Wichtigkeit. Beispielsweise kann man in der Regel einen sehr viel stärkeren Mann in Sachen Ausdauer schlagen, etwa wenn man mit ausgestrecktem Arm ein Gewicht halten soll. Denkt man dabei an den eigenen Arm, wird man wahrscheinlich schon nach einer Minute müde; konzentriert man dagegen die Gedanken auf etwas anderes, kann man es fünf oder zehn Minuten lang aushaken oder noch länger. Es ist eine Frage von aktiv und passiv; wenn Asana anfängt einen zu ärgern, muß man es zur Antwort seinerseits ärgern, indem man dem passiven Gedanken an Linderung der Irritiertheit und Störung den aktiven Gedanken gegenüberstellt, die winzigen Muskelbewegungen zu beherrschen. 17 Nun glaube ich allerdings nicht, daß es irgendwelche starren Regeln dafür gibt, die Ihnen nützen würden. Es gibt unzählige kleine Tricks, die Sie versuchen könnten; nur ist es wie bei der Wahl der Körperstellung eher besser, wenn man seine eigenen Tricks erfindet. Ich will nur einen erwähnen: Man rollt die Zunge zum Zäpfchen zurück und dreht die Augen gleichzeitig auf einen gedachten Punkt auf der Stirnmitte. Mit dieser Praxis werden alle möglichen Heiligkeiten und unzählige Überlieferungen äußerst verehrungswürdiger Gottheiten verbunden. Bitte vergessen Sie diesen ganzen Unsinn! Der Vorteil dieses Tricks besteht lediglich darin, daß Ihre Aufmerksamkeit dazu gezwungen wird, die unbequeme Stellung beizubehalten. Man spürt viel früher eine Entkramp- fung, als dies bei anderen Methoden der Fall wäre; und dadurch zeigen wir dem restlichen Körper auch, daß es keinen Zweck hat, uns mit seiner Reizbarkeit zu stören. Aber es gibt dafür keine allgemeingültigen Regeln. Ich sagte bereits, daß es keine gibt, und es gibt auch tatsächlich keine. Nur eine: Der menschliche Geist ist so faul und so
  55. 55. - -55 nichtsnutzig, daß es schon einem regelrechten Instinkt gleichkommt, irgendeine Ausrede zu suchen, um sich vor harter Arbeit zu drücken. Diese Tricks können helfen oder hinderlich sein; es ist an Ihnen, herauszufinden, welche davon gut und welche schlecht sind, das Warum und das Was und alle anderen Fragen. Am Ende läuft alles auf dasselbe hinaus. Auf Dauer gibt es nur einen Weg, den Körper zur Ruhe zu bringen, und das ist, ihn stillzuhalten. Beharrlichkeit führt zum Ziel. l8 Die Reizungen steigern sich zu höchster Qual. Jeder Versuch, sie zu lindern, macht den Wert der Übungen zunichte. Ganz besonders muß ich den Aspiranten vor dem Rationalisieren warnen. (Ich habe tatsächlich Leute gekannt, die geistig so hoffnungslos unterbelichtet waren, daß sie mit Vernunftgründen argumentierten.) Sie dachten: »Ach, diese Stellung ist für mich doch nicht so geeignet, wie ich dachte. Ich habe die Ibisstellung verpfuscht; jetzt werde ich es einfach einmal mit der Drachenstellung versuchen.« Aber der Ibis hat seinen Job nur deswegen behalten und hat seine Göttlichkeit nur dadurch erlangt, daß er jahrhundertelang auf einem Bein stand. Wenn man zum Drachen geht, wird er einen verschlingen. l9 Es rührt von der Perversität der menschlichen Natur her, daß die schärfste Pein immer dann zu kommen scheint, wenn der Erfolg nur noch eine Haaresbreite entfernt ist. Denken Sie an Gallipoli! Ich neige zu der Annahme, daß es eine Art Symptom dafür sein könnte, daß man dem kritischen Punkt nahe ist, wenn die Qual unerträglich wird. Vermutlich werden Sie sich nun fragen, was man unter »unerträglich« verstehen soll. Barsch antworte ich: »Stellen Sie es selbst fest!« Aber ich kann Ihnen eine Vorstellung von dem geben, was letztlich doch nicht allzu schlimm ist, indem ich Ihnen mitteile, daß es mich in den letzten Monaten meiner eigenen Arbeit oft zehn Minuten kostete, um nach Beendigung der Übung mein linkes
  56. 56. - -56 Bein wieder zu strecken. Ich nahm meinen Fußknöchel in beide Hände und machte ihn millimeterweise wieder geschmeidig. 20 An diesem Punkt fängt plötzlich das Orchester an zu spielen. Mit einem Mal hört der Schmerz auf. Ein unaussprechliches Gefühl der Erleichterung durchflutet den Yogi — beachten Sie, daß ich Sie jetzt nicht mehr »Student« oder »Aspirant« nenne —, und er wird eine sehr sonderbare Tatsache bemerken. Nicht nur, daß diese Stellung ihm Schmerzen verursachte, sondern daß alle anderen körperlichen Gefühle, die er je erlebt hat, im Kern Schmerz sind, und daß er sie nur dadurch ertragen hat, indem er ständig vom einen zum anderen wechselte. Jetzt ist er beruhigt, denn zum ersten Mal in seinem Leben ist er sich seines Körpers tatsächlich nicht mehr bewußt. Das Leben war ein endloses Leiden; und jetzt ist — soweit es diese besondere Asana betrifft — die Qual vorbei. Ich habe das Gefühl, daß es mir nicht gelungen ist, den Vorgang in seiner ganzen Bedeutsamkeit zu vermitteln. Tatsache ist, daß Worte dafür gänzlich ungeeignet sind. Es ist einfach unmöglich, das vollständige und rohe Erwachen aus einem lebenslangen, ununterbrochenen Alptraum körperlichen Unbehagens zu beschreiben. 21 Die Resultate und das Meistern von Asana werden nicht nur bei der Beherrschung des Yoga von Nutzen sein, sondern auch in den gewöhnlichsten Angelegenheiten des Alltagslebens. Man braucht zu jeder beliebigen Zeit, wenn man ermüdet ist, nur seine Asana einzunehmen, und schon fühlt man sich völlig ausgeruht. Es ist, als ob die Erlangung dieser Meisterschaft alle Möglichkeiten körperlichen Schmerzes überwunden hätte, die in dieser besonderen Stellung liegen. Die Lehren der Physiologie widersprechen dieser Hypothese nicht. Die Beherrschung von Asana fördert die Ausdauer. Wenn
  57. 57. - -57 man beständig in Übung bleibt, wird sich erweisen, daß ungefähr zehn Minuten in dieser Stellung uns ebensoviel Erfrischung bescheren wie ein guter Nachtschlaf. Soviel über das Hindernis, das der statische Aspekt des Körpers bereitet. Nun wollen wir unsere Aufmerksamkeit der Beherrschung seiner Dynamik zuwenden. 22 Es ist immer erfreulich, sich einem Thema wie Pranayama zuzuwenden. Pranayama bedeutet Beherrschung der Kraft. Es ist ein verallgemeinerter Ausdruck. Im System der Hindus gibt es eine ganze Menge subtiler Unterscheidungen der verschiedenen Körperenergien, die alle ihre eigenen Bezeichnungen und Eigenschaften haben. Ich habe nicht vor, mich mit ihrer Vielfalt zu befassen. Nur zwei davon haben größere praktische Bedeutung im Leben. Die eine kann der Öffentlichkeit eines solch verfaulten Landes wie diesem nicht mitgeteilt werden, die andere ist die bekannte »Beherrschung des Atems«. Das bedeutet einfach, daÀ

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