Vwag werkschau1 72 (4)

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Photographs from the Volkswagen plant. 1948 – 1974

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Vwag werkschau1 72 (4)

  1. 1. H I S TO R I S C H E N OTAT E | 1 0Werkschau 1.Fotografien aus dem Volkswagenwerk 1948 – 1974
  2. 2. H I STO R I S C H E N OTAT ESchriftenreihe der Historischen Kommunikation der Volkswagen AktiengesellschaftWerkschau 1.Fotografien aus dem Volkswagenwerk 1948 – 1974Manfred GriegerDirk Schlinkert
  3. 3. D I E AUTO R E NManfred Grieger Dirk SchlinkertJg. 1960, Dr. phil., Historiker, Leiter der Historischen Kommuni- Jg. 1965, Dr. phil., Historiker, seit 1997 in der Historischenkation der Volkswagen Aktiengesellschaft und Lehrbeauftragter Kommunikation der Volkswagen Aktiengesellschaft und Lehrbe-am Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Georg- auftragter am Historischen Seminar der Technischen UniversitätAugust-Universität Göttingen; zuletzt: Der neue Geist im Volks- Braunschweig; zuletzt: Konjunkturen eines Mythos, in: Dimensi-wagenwerk. Produktinnovation, Kapazitätsabbau und Mitbestim- onen der Moderne. Hrsg. von Lutz Raphael/Ute Schneider,mungsmodernisierung, in: Unternehmen am Ende des „goldenen Frankfurt am Main 2008, S. 109-128; „Der VW läuft und läuft undZeitalters“. Hrsg. von Morten Reitmayer/Ruth Rosenberger, Essen läuft...“. Der Käfer und der Mythos des westdeutschen Wirtschafts-2008, S. 31-66; „und läuft und läuft und läuft“ – Arbeit im Volks- wunders, in: Wolfsburg Saga. Hrsg. von Christoph Stölzl,wagenwerk, in: Hauptsache Arbeit. Wandel der Arbeitswelt nach Wolfsburg 2008, S. 114-121.1945. Hrsg. von Stiftung Haus der Geschichte der BundesrepublikDeutschland, Bielefeld 2009, S. 39-47.IMPRESSUMHerausgeberManfred Grieger, Ulrike Gutzmann, Dirk SchlinkertGestaltungdesign agenten, HannoverDruckgutenberg beuys, HannoverISSN 1615–0201ISBN 978-3-935112-20-8© Volkswagen AGWolfsburg 2010
  4. 4. I N H A LTDirk SchlinkertZwischen Dokumentation, Kommunikation und Repräsentation.Fotografien aus der Fotozentrale des Volkswagenwerks 5Manfred GriegerBoom am Mittellandkanal.Wachstum und Wandlungen im Volkswagenwerk 15Dirk SchlinkertArchitektur: Von Modernität und Monumentalität 23Sachen: Von Form und Funktionalität 51Reportage: Von Serien und Stationen 81Porträt: Vom Teil und Ganzen 103Anmerkungen 135
  5. 5. 4
  6. 6. DI R K SC H LI N KERTZwischen Dokumentation,Kommunikation und Repräsentation.Fotografien aus der Fotozentrale des Volkswagenwerks 5
  7. 7. 001 Käferkarosserie im Studio, 1963Ein Foto Dieses Buch präsentiert kein komplettes Album der Fotografien,öffnet Tore in die Vergangenheit. Es ist beredter Zeuge von etwas die von 1948 bis 1974 im Volkswagenwerk Wolfsburg entstandenVergangenem und durchbricht die Regeln der Zeit. Die „Licht- sind. Es enthält statt dessen ein Kaleidoskop, eine Art von visuellerschreibung“ der technischen Apparatur fixiert auf einem Disposi- Kollektion, die nach den klassischen Kriterien der fotografischentiv „einen winzigen Augenblick in der unendlichen Dauer der Zeit, Zunft unter den Rubriken „Architektur, Sachfotografie, Reportageder sich ständig entzieht; ein Augenblick, der sofort vergeht, wenn und Porträt“ zusammengefügt wurde. Die Bilder bieten eine reprä-er eingetreten ist“.1 Das Medium der Fotografie stellt also in der sentative Auswahl aus dem reichhaltigen, bis 1970 etwa 160.000Momentaufnahme die Vergangenheit auf Dauer und produziert registrierte Negative umfassenden Archivbestand, den die „Foto-ein allem Anschein nach exaktes Abbild dieser Wirklichkeit. Ein zentrale“ im Volkswagenwerk hinterlassen hat. Es handelt sich umFoto gilt als unbestechlicher Kronzeuge der Vergangenheit, weil es „Werksfotografie“ im echten Sinne des Wortes. Die AnthologieWahrheit suggeriert und dem Betrachter gestern wie heute in der zeigt Auftragsarbeiten, die entweder von angestellten Werksfoto-„Aura des Authentischen“ begegnet.2 grafen oder von externen Freiberuflern im Auftrag des Unterneh- mens innerhalb wie außerhalb der Werksanlagen und in der Stadt Wolfsburg angefertigt wurden.6
  8. 8. F OTO G R A F I E N AU S D E R F OTOZ E N TR A L E 002 Heckleuchte Käfer, 1967Die betrieblichen Gebrauchsweisen dieser Art der angewandten Die Anfänge der Fotografie im Volkswagenwerk Wolfsburg liegenFotografie lagen vor allem in der Kommunikation des Volkswagen- in der Rekonstruktionsphase des Unternehmens unter britischerwerks: Zum einen wurden die Bilder in der Öffentlichkeitsarbeit Regie. 5 Zunächst begleiteten ortsansässige Berufsfotografen imeingesetzt, die im externen Umfeld wie bei den Werksangehörigen Auftrag des Werkes die rasante Take-off-Phase des Unternehmens,und deren Familien versuchte, Sympathie, Glaubwürdigkeit und die mit der Serienfertigung der Volkswagen Limousine im Dezem-Vertrauen als Grundlagen für ein positives Image des Unterneh- ber 1945 ihren Anfang genommen hatte. Doch blieb diese Praxismens und Identifikationsangebote mit dem Arbeitgeber zu erzeu- des Engagements externer Fotografen ein Provisorium. Mit dergen.3 Vehikel dieser Kommunikation war die Fotografie als illustra- Gründung einer „Fotozentrale“ im Bereich „Allgemeine Verwal-tive Beilage von Presseaussendungen, von Artikeln in der Kunden- tung“, zu der auch Post und Druckerei gehörten, trat im Septemberzeitschrift „VW Informationen“ oder in Eigenbroschüren des 1949 eine organisatorische Einheit ins Leben, die über eigenesUnternehmens. Zum anderen diente die Fotografie als visuelles Personal und Budget für die Produktion, Reproduktion und Distri-Medium der Produktkommunikation, die den kommerziellen bution von Fotografien verfügte.6 Mit diesem Schritt bündelte dieErfolg auf nationalen wie internationalen Märkten sicher stellen Volkswagenwerk GmbH ihre fotografischen Arbeiten und Aufträgeund den Absatz weiter fördern wollte.4 Und schließlich begegnet – anders als etwa die Hoesch Hüttenwerke nach 1945 – unter demdie Fotografie als Mittel zum Zweck in dokumentarischer Absicht, institutionellen Dach einer „Fotozentrale“ mit Labor und Studio.7also als Beweisstück. Sie lieferte durch die fotografische Bestands- [001]aufnahme einen aktuellen Situationsbericht bei Veränderungenim Baubestand des Werkes oder reproduzierte technische Sach-verhalte in Bildern, die überwiegend der Binnendokumentationdienten. 7
  9. 9. 003 Linhof, 1955 004 Reparaturhilfen im Fotostudio, 1951Dieser organisatorischen Alleinstellung im Unternehmen ent- Erster Abteilungsleiter der Fotozentrale wurde im Januar 1953sprach ein Privileg, das sich aus dem Auftrag ergab: Das Werk war Willi Luther (1909–1996). Er drückte der Abteilung seinen Stem-für die angestellten Fotografen der Fotozentrale – im Unterschied pel auf, führte er doch die hauseigene Organisationseinheit mehrzu Besuchern oder externen Presse- oder Werbefotografen – kein als 20 Jahre bis zum Eintritt in den Ruhestand Ende Juli 1974.aus Gründen der Sicherheit oder aus Furcht vor Werksspionage Luther war Schiffbautechniker, kein gelernter Fotograf. Er war ein„hermetisches Areal“8, dessen Tore nur eine Sondererlaubnis der fotografischer „Selfmademan“, der sein Hobby zum Beruf machte.Werkleitung öffnete. Die Fotografen hatten in der Regel Zutritt, Sein Handwerkszeug hatte er im Hamburg der späten 1930erselbst in die Halle der automobilen Prototypen, einer Art Hoch- Jahre durch Kurse bei Willi Beutler (1903–1968), dem Leiter dersicherheitstrakt auf dem Werksgelände. Denn sie verfügten über Fotografischen Abteilung der Landesbildstelle, gelernt.10 Luthereine durch den betrieblichen Auftrag gerechtfertigte Erlaubnis zu bewarb sich auf eine Stellenanzeige, in der sich das künftige Profilfotografieren. Im Gegenzug bedeutete diese Lizenz, die die Foto- der Fotozentrale im Wolfsburger Werk deutlich abzeichnete. Ge-grafen von werksinternen Sicherheitsbestimmungen ausnahm, sucht wurde ein Multi-Talent mit handwerklicher Fachausbildung,einen erheblichen Vertrauensvorschuss, der von den Fotografen technischem Faible und weitem fotografischen Horizont: Einhohe Verlässlichkeit im Umgang mit ihren Bildern erforderte. „Werksphotograph“, so lautete die Stellenanzeige aus dem Ham-Darüber hinaus ist dies ein Hinweis auf ein organisatorisches burger Abendblatt vom November 1952, der „in allen einschlägi-Prozedere, das Fotografien aus der Fotozentrale einer besonderen gen Arbeiten auf den Gebieten Architektonik, Technik, Genrebild,Kontrolle unterwarf, ehe sie das Werk Wolfsburg verließen und in Photoreportage, Bildberichterstattung und Farbaufnahme absolutder Öffentlichkeit zum Einsatz kamen.9 firm“ sein sollte.118
  10. 10. F OTO G R A F I E N AU S D E R F OTOZ E N TR A L E 005 Rolleiflex, 1955Die Fotozentrale arbeitete hauptsächlich im Auftrag der „Öffent- Aufgabenvielfalt regierte den Betrieb der Fotozentrale16, und derlichkeitsarbeit“, gelegentlich für die Geschäftsführung, den Be- Alltag war oft geprägt von hektischer Betriebsamkeit. Häufige Rei-triebsrat, die Bauabteilung, die Technische Entwicklung, für den sen bestimmten den Kalender der Fotografen.17 Zu ihren Standard-Kundendienst12 sowie für die „Werbe-Abteilung“, die seit 1948 aufgaben gehörten neben der Entwicklungsarbeit im Labor diedem Bereich „Verkauf und Kundendienst“ zugeordnet war.13 Aufnahme von Passbildern für die Werksausweise oder die Repor-Eigene Initiativen kamen durchaus vor. Aber Auftragsarbeiten tage über bedeutsame Ereignisse wie die Jahrespressekonferenz,waren die Regel. Den ausführenden Fotografen wurde also von die Hauptversammlungen, Internationale Automobilausstellun-Dritten das Ziel ihrer Arbeit mehr oder weniger vorgegeben. Wie gen, Betriebsversammlungen, Produktionsanläufe oder anderedieses Ziel zu erreichen war, konnten sie weitestgehend selbst be- betriebliche Feierlichkeiten. In diese Matrix vielfältiger Routine-stimmen, doch stimmten sie sich in aller Regel im Vorfeld mit dem tätigkeiten gehörten auch die Auftragsarbeiten für KommunikationAuftraggeber ab. Dennoch blieb dem Fotografen für die Auswahl und Produktwerbung und für die dokumentarischen Zwecke derder Motive und die Umsetzung mit der Kamera und im Labor ein Technischen Entwicklung oder der Bauabteilung, die sich aus deneigener Gestaltungs- und Handlungsspielraum.14 Individuelle Erweiterungen und Umgestaltungen der Fabrikhallen und Liegen-Kreativität und Originalität hatten in diesem strukturellen Kontext schaften in Wolfsburg und an den anderen Standorten ergaben.ihren Ort, die bisweilen auf ein minimales Maß schrumpften, fallsder Fotograf es erlaubte oder sogar wünschte, dass ein Auftragge- Der Kalender der Fotografen folgte dem Tempo des hohe Zuwachs-ber über seine Schulter schaute, wenn er den Finger am Auslöser raten aufweisenden Volkswagenwerks. Die Anforderungen an diehatte.15 Fotografen als Chronisten laufender Ereignisse und Veranstal- tungen des Unternehmens nahmen zu. Und das Unternehmen reagierte auf diese Handlungserfordernisse mit einer stetigen 9
  11. 11. 006 Kofferraum des VW 1600 Variant, 1962Erweiterung des Personalstamms der Fotozentrale auf mehr als Bei der Auswahl der Motive war das Urteil der Leitung der Fotozen-20 Personen, von denen 10 als Laboranten tätig waren. Fünf trale entscheidend. Gemeinsam mit seinem Labormeister wachteStudiofotografen arbeiteten ausschließlich im Studio an Produkt- Luther mit dem geschulten Auge eines technisch versierten Foto-aufnahmen, während die übrigen Fotografen andere Auftrags- grafen darüber, dass die für die Öffentlichkeit bestimmten Foto-arbeiten erledigten.18 [002] grafien dem qualitativen Niveau der Publikationen und dem Image des Unternehmens und seiner Produkte entsprachen. Luther hatProvenienz, Fundort und Datierung der Fotografien sind eindeutig. auf Grund seiner budgetären Verantwortung als FührungskraftStrittig oder unklar ist oftmals der Ort der Veröffentlichung einzel- auch bei der Umsetzung der Aufträge ein gewichtiges Wort mitge-ner Motive oder ganzer Bildserien, die an die Presse ausgesandt sprochen und steuerte den Prozess vom Auftragseingang über diewurden oder als Illustrationen in Publikationen oder Verkaufsbro- Aufnahme bis zur endlichen Auslieferung eines Fotos.20 Kurzum:schüren des Volkswagenwerks dienten. Hinzu kommt die Unmög- Luther war der Dreh- und Angelpunkt in der betrieblichen, von derlichkeit, die Urheberschaft eines Bildes zu ermitteln. Der Fotograf Fotozentrale realisierten Bildpraxis. Seine Person ist daher in die-lieferte ein Bild auftragsgemäß zu und hatte damit seinen betrieb- ser Sammlung ein stiller, aber allgegenwärtiger Gast, wenn nichtlichen Zweck erfüllt. Sein Name taucht nicht weiter auf, so dass als aktiver Fotograf, dann als der Fachmann an der Spitze der Foto-heute nicht immer verlässlich gesagt werden kann, wer im Einzel- zentrale, der über die Weiternutzung der Fotografien entschiedfall den Auslöser der zweiäugigen Rolleiflex Mittelformat oder oder organisatorische Einheiten des Hauses über ihre Verwen-der Linhof betätigte, schon gar nicht, wer das Negativ im Labor dungsweisen in der internen wie externen Öffentlichkeit beriet.entwickelte.1910
  12. 12. F OTO G R A F I E N AU S D E R F OTOZ E N TR A L E007 Heckpartie des VW 1600 Variant LE, 1969Die im Werk entstandenen Produktfotografien bilden eine gemein- Was kennzeichnet Charakter und Qualität der Bilder aus der Foto-same Schnittmenge mit den Bildern externer, freiberuflicher Foto- zentrale? Hohe Qualitätsanforderungen stellte das Volkswagen-grafen, die mit denselben kommunikativen und kommerziellen werk an seine Fotografen und ihre Produkte – nicht anders als anAufgaben21 beauftragt wurden und deren Produkte schließlich Techniker, Kaufleute oder Ingenieure, um ein hochwertiges undauch zum Einsatz vor relevanten Zielgruppen kamen. In dieser am Markt konkurrenzfähiges Automobil zu entwickeln, herzustel-Richtung erweitern einige Fotografien von Johann Albrecht Cropp len und zu verkaufen. Diesen Sachverhalt belegt das breite Quali-das Spektrum der Werksfotografien.22 Cropp war seit 1958 Auftrag- fikationsprofil in der Ausschreibung für den ersten Leiter der Foto-nehmer der Volkswagen Werbeabteilung. Ununterbrochen über 40 zentrale. Als Luther sich im Winter 1952 im Wettbewerb um dieJahre produzierte er als „Bildberichterstatter“ und „Globetrotter“ Leitungsposition als Fotograf im Volkswagenwerk durchsetzte,in einer Person Fotografien für die jährlichen Volkswagen Wand- setzte sich ein Quereinsteiger durch, dessen um 1950 entstande-kalender. Inhaltlich folgen diese Bilder zumeist dem Export- nen Fotografien vom Berufsverband vielfach ausgezeichnet wur-Thema „Volkswagen in aller Welt“. Cropp setzt damit eine Traditi- den und in den Augen der Fachjury künstlerischen Ansprüchenon fort, die bereits frühzeitig in der Volkswagen Werbung als Motiv mehr als genügten.24 Qualität hieß also für den Leiter und die Foto-von Werbeanzeigen in deutschen Zeitschriften und Magazinen und grafen der Fotozentrale nicht nur produktbezogene Normen zuin Filmreportagen in der „Deutschen Wochenschau“ eingesetzt erfüllen, die das Unternehmen seinen organisatorischen Einhei-wurde.23 ten setzte. Qualität bedeutete in der alltäglichen Betriebspraxis als Fotograf, zeitgemäße Bilder herzustellen und in die Kommunika- tionskanäle des Unternehmens einzuspeisen25, die einen Vergleich mit professioneller Fotografie von Freiberuflern oder der damali- gen Kunstfotografie nicht scheuen mussten.26 11
  13. 13. 008 Exportlimousine, 1959Die Fotografien aus dem Volkswagenwerk kennzeichnet auf den „Wirtschaftswunders“ und der Käfer als „Epochensymbol“ für dieFeldern der Architekturaufnahmen, der Sachfotografie, der Re- junge Bundesrepublik tief verankert ist.29portagebilder und der Porträts eine erstaunliche Affinität zu denBildern der „subjektiven Fotografie“ und damit zu den artistischen Das kollektive Gedächtnis der Gegenwart speist sich wesentlich ausTrendsettern der Fotografie in den 1950er und frühen 1960er Jah- visuellen Quellen und damit auch aus den Fotografien, die in derren in Westdeutschland. Im Rückgriff auf die avantgardistischen Periode zwischen 1948 und 1974 im Volkswagenwerk produziertPositionen des „Neuen Sehens“ und auf Traditionen des Bauhau- und in der internen wie externen Öffentlichkeit verbreitet wurden.ses der 1920er Jahre hatte sich 1949 um Siegfried Lauterwasser, Sie rufen beim Betrachter Illusionen einer realistischen AbbildungWolfgang Reisewitz, Otto Steinert, Ludwig Windstoßer, Peter Keet- vergangener Wirklichkeit hervor und tragen das Verständnis derman und Toni Schneiders die Gruppe „fotoform“ formiert, die eine Fotografie als Informationsquelle von hoher Authentizität in dieenorme Wirkung in Deutschland und in der internationalen Foto- Zukunft. Darin besteht bis heute die genuine Faszination der Foto-szene entfaltete.27 Spuren der „subjektiven Fotografie“ finden sich grafie und ihre Verführungskraft. Doch ist die „authentische Lesartvielfach in dieser Auswahlsammlung angewandter Fotografie, und Deutung“ der Fotografie nicht selbst ein Kind einer vergan-die in der Fotozentrale des Volkswagenwerks in Wolfsburg in 26 genen Zeit?30 Wir sehen Fotografien heute mit anderen Augen alsBetriebsjahren entstanden ist. Die „Werkschau 1“ fügt dem über damalige Produzenten, Nutzer und Betrachter. Wir wollen mitJahrzehnte gewachsenen Bilderkanon aus dem Volkswagenwerk dieser fotografischen „Werkschau“ dem „Wirklichkeitseffekt“ derunbekannte Motive und Ansichten des Werkes, des Volkswagen Werksfotografie bei der Volkswagenwerk GmbH auf die Spur kom-Käfer, des Volkswagen Transporter, der Werksangehörigen und men.31 Im Studium exemplarischer Fotografien ist zu erkennen,der Stadt Wolfsburg hinzu.28 Die Bilder der „Werkschau 1“ er- wie ein Bild aus der Fotozentrale die Wirklichkeit(en) des Volks-gänzen und erweitern den Erinnerungshaushalt der Gegenwart, wagenwerks in dokumentarischer, kommunikativer und repräsen-in dem das Volkswagenwerk als Synonym des westdeutschen tativer Absicht herstellte und darstellte.12
  14. 14. F OTO G R A F I E N AU S D E R F OTOZ E N TR A L E 13
  15. 15. 14
  16. 16. MANFRED GRIEGERBoom am Mittellandkanal.Wachstum und Wandlungenim Volkswagenwerk 15
  17. 17. Fast drei Jahrzehnte worden. Selbst die innerbetrieblichen Arbeitsbeziehungen wiesenwährte nach dem Zweiten Weltkrieg der Wachstumszyklus, der durch die gewählten Betriebsräte und eine partizipative Betriebs-der Weltwirtschaft, aber auch der Bundesrepublik Deutschland vereinbarung einen beispielgebenden Stand auf, wozu auch derihre nachhaltige Form gab.32 Als Motor wie als Kulminationspunkt erste Generaldirektor und Haupttreuhänder Dr. Hermann Münchdieses einmaligen Aufstiegs kann das in der niedersächsischen beigetragen hatte.35Provinz beheimatete Volkswagenwerk angesehen werden. Eine Be-schleunigung dieser Entwicklung brachte die deutsche Währungs- Der Wolfsburger Autohersteller brachte alles mit, um in West-reform im Juni 1948, in deren Folge das Automobilwerk am Mittel- deutschland als Konjunkturlokomotive zu wirken. In seiner erstenlandkanal die hohe Schwelle zu Marktbeziehungen überschritt Belegschaftsansprache über den Werksfunk am 5. Januar 1948und seinen Weg in die Welt fand. Hatte das Volkswagenwerk im nannte Heinrich Nordhoff das Volkswagenwerk „einen Schritt-Jahre 1947 unter Regie der Britischen Militärregierung insgesamt macher des Friedens und des Aufbaus“.36 Der Bandablauf des8.987 Volkswagen Limousinen gefertigt, von denen 56 Fahrzeuge zwanzigtausendsten Volkswagen gab ihm zehn Tage später dieexportiert wurden, so kletterte die Produktion binnen Jahresfrist Gelegenheit, vor Medienvertretern die ihrer Produktion nachauf 19.244 Limousinen, von denen bereits mehr als 22 Prozent im größte deutsche Automobilfabrik als „ganz wesentlichen FaktorAusland Absatz fanden.33 Das Wachstum gab dem ab Januar 1948 in der deutschen Friedenswirtschaft“ auszugeben.37 Nordhoffin Wolfsburg tätigen Generaldirektor Heinrich Nordhoff eine wusste mit dem Volkswagen den „modernsten Kleinwagen“ derTrumpfkarte in die Hand, die er über mehr als zwei Jahrzehnte Welt auf seiner Seite. Angesichts des allenthalben herrschendenauszuspielen vermochte. Der unaufhaltsame ökonomische Erfolg Materialmangels und der bürokratischen Hemmnisse erschienverlieh dem Manager wie dem eingeschlagenen Entwicklungspfad seine Vision vermessen, das Volkswagenwerk könne sich „zumden Status gesellschaftlicher Institutionen.34 Der frühere Opel-Ma- wirksamsten Devisenbringer für die deutsche Wirtschaft“ ent-nager Nordhoff fand wesentliche Erfolgsfaktoren vor: Die Britische wickeln, doch die Zukunft lag genau auf diesem Feld.Militärregierung hatte bereits im Sommer 1945 für die Konversionauf Zivilfertigung gesorgt. Der Vertreter der Briten im Werk, IvanHirst, hatte eine Qualitätspolitik durchgesetzt, die die VolkswagenLimousine weltmarktfähig machte. Das Kundendienstnetz wartrotz aller Schwierigkeiten gespannt und der Export aufgenommen16
  18. 18. BOOM AM MITTELLANDKANALIm Zusammenhang mit der Durchsetzung von Marktbeziehungen Neben dem ökonomischen Erfolg wusste Nordhoff auch die herr-entstand im Juli 1948 im Unternehmensbereich „Verkauf und schende Meinung auf seiner Seite; sein PR-Chef Frank NovotnyKundendienst“ eine eigene „Werbe-Abteilung“.38 Auch die im Som- hatte ganze Inszenierungsarbeit geleistet. So kann aus heutigermer 1948 erfolgte Verlegung des Unternehmenssitzes von Berlin, Perspektive kaum noch unterschieden werden, was denn kommu-wo das Unternehmen Volkswagen am 28. Mai 1937 von zwei Wirt- nikative Profilierung und was betriebliche Realität gewesen seinschaftsgesellschaften der nationalsozialistischen „Deutschen mag. Im öffentlichen Nordhoff-Bild verschmolzen vor aller AugenArbeitsfront“ gegründet worden war, nach Wolfsburg diente dieser die Stilisierung der Person mit der ökonomischen Bedeutung desNeuausrichtung des Unternehmens auf seinen ostniedersächsi- amerikanisch geschulten Managers.schen Standort. Da weder der Bund noch das Land Eigentümerrechte ausübenAm östlichen Rande Westdeutschlands gelang die Etablierung konnten, gerann die Leitungsstruktur bei Volkswagen zum Idealty-eines Wachstumszentrums, als die Bindung des Stammpersonals pus des „managerial capitalism“, in dem angestellte Fachelitenan das aufstrebende Unternehmen gelang. Eine vergrößerte Beleg- die Entwicklung des Unternehmens bestimmten und verantworte-schaft war wiederum die Voraussetzung für eine Steigerung der ten. 40 Einzig unterbrochen durch die Korea-Krise, die kurzfristigAutomobilfertigung. Die vervielfachte Produktion fand weltweit Rohstoffe verknappte und Zulieferpreise erhöhte, räumte die welt-Abnehmer, da die internationalen Automobilmärkte nach der wirtschaftliche Dynamik Nordhoff Handlungsspielräume ein, dieunverwüstlichen Volkswagen Limousine verlangten. Je stärker die er gewohnt selbstbewusst unter Rückgriff auf den von ihm benann-ökonomischen Wachstumskräfte in dem Vorzeigeunternehmen ten Kundenwunsch gegenüber Bonn und Hannover nutzte. Der Er-Westdeutschlands wurden, desto mehr zog sich die Britische Mili- folg setzte den Überbringer der glücklichen Nachrichten ins Rechttärregierung aus dem nach Kriegsende beschlagnahmten Unter- und erhöhte sein Renommee nachhaltig: Die Verneunfachung dernehmen zurück. Am 8. Oktober 1949 legten sie das herrenlose Produktion binnen fünf Jahren auf insgesamt 179.740 FahrzeugeVolkswagenwerk in die Treuhänderschaft der Bundesregierung im Jahre 1953, von denen mehr als ein Drittel exportiert wurden,und übertrugen dem Land Niedersachsen die Verwaltung.39 Das sprach eine eindeutige Sprache. Auch das BelegschaftswachstumVolkswagenwerk wurde dadurch zu einer Art von öffentlichem auf 20.569 Beschäftigte gab dem Volkswagenwerk Argumente inUnternehmen, sein Generaldirektor zum starken Mann am die Hand, die sowohl im Bund als auch im Land verstanden wur-Mittellandkanal. den. Die junge Bonner Republik hatte in mancher Hinsicht in der 17
  19. 19. automobil geprägten Stadt am Mittellandkanal ihre Blaupause Dass Volkswagen eine gleichsam überdeterminierte Bedeutung füreiner Wohlstandsinsel gefunden, und Nordhoff wusste um die das deutsche Wirtschaftswunder zukam, zeigte sich nicht zuletzt inöffentliche Bedeutung des Volkswagenwerks, das durch Export- der Inszenierung der Feierlichkeiten zum Bandablauf des einmilli-erfolge und Wirtschaftswachstum bestach.41 onsten Volkswagen im August 1955. Die Belegschaft hatte arbeits- frei, um die in Wolfsburg weilende Welt zu begrüßen und sichDas Jahr 1953 markierte für Volkswagen eine wichtige Durch- selbst – angefeuert durch Sambaschulen aus Brasilien und Militär-gangsstation.42 Mit zwei Fahrzeugen, der Limousine und dem 1950 kapellen – zu feiern. Der wirtschaftliche Wiederaufstieg Deutsch-in Produktion gegangenen Transporter, stieg das Unternehmen zu lands, die Vorboten des kollektiven Wohlstands und auch dieeinem nationalen Faktor auf. Zugleich geriet die Wolfsburger Fab- Bündelung wohlmeinender Politik in der Person des gütigen, aberrik an ihre Leistungsgrenze, so dass Neubauten und eine Moderni- Leistung einfordernden Unternehmenslenkers – all die Faktorensierung der Fabrikationsanlagen erforderlich waren. Die neuen der deutschen Erfolgsgesellschaft konnten vor der Folie des Volks-Fabrikhallen übersprangen die heutige „Mittelstraße“ in Richtung wagenwerks aufgespannt werden. Wie ein Bernstein umschlossNorden und erweiterten damit die Produktionskapazitäten.43 Die das quasi öffentliche Unternehmen den Insektenfleiß seinerNeuansiedlung eines eigenen Transporterwerks stand außerhalb arbeitsamen Mitarbeiter und seine frühe Amerikanisierung.von Wolfsburg an. Dem Werkswohnungsbau, mit dem die erwei-terte Belegschaft in Wolfsburg angesiedelt werden sollte, kam Als der Anbietermarkt durch einen Nachfragemarkt ergänzt undzeitweise die gleiche Bedeutung zu wie der Gründung eigener später auch ersetzt wurde, wuchs die Bedeutung von Werbung undProduktionsgesellschaften im Ausland: 1953 traten sowohl die Marketing an. Über den Umweg seines Nordamerikaengagements„VW-Wohnungsbau-Gemeinnützige Gesellschaft mbH“ als auch lernte Volkswagen die Macht visueller Botschaften zu nutzen,die „Volkswagen do Brasil Ltda.“ auf die ökonomische Bühne, indem das Werk seine Aktivitäten mit einer wahren Bilderflut zuum den Expansionskurs fortsetzen zu können. untermauern begann. Die ab 1962 in Deutschland für Volkswagen tätige Agentur DDB veränderte das Werbegenre nachhaltig und machte den Automobilhersteller auch zum seriellen Bilderprodu- zenten.18
  20. 20. BOOM AM MITTELLANDKANALDie Fabrik am Mittellandkanal war schon längst ein erfolgreiches Es lag angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung des Unterneh-Stück Fordismus geworden, das aber die tayloristische Großserien- mens und seiner Fahrzeuge auf der Hand, dass das Volkswagen-produktion mit einer spezifischen Form der innerbetrieblichen werk auch Gegenstand der Bundes- und Landespolitik wurde. JedeArbeitsbeziehungen verband. Geradezu als Musterbeispiel einer Volkswagen Silvesteranzeige, die in den 1950er Jahren alljährlichin der frühen Bundesrepublik Deutschland grunderneuerten im deutschen Blätterwald die Erfolgssummierung des Volkswagen-Katholischen Soziallehre entfaltete das Unternehmen unter dem werks verbreitete, illustrierte zugleich den Erfolg der SozialenEinfluss seines Generaldirektors Nordhoff zahlreiche Aktivitäten, Marktwirtschaft, die zu propagieren der gleichfalls zum Marken-um die soziale Lage der Belegschaft zu verbessern. Über die zur zeichen aufsteigende Bundeswirtschaftsminister Ludwig ErhardAnlockung einer ausreichenden Zahl von Beschäftigten relativ ho- nicht müde wurde. So rankten in der Adenauer-Regierung schonhen Löhne hinaus etablierte das Volkswagenwerk nach 1949 Ver- früh Absichten einer Privatisierung des automobilen Treuhandver-sorgungsleistungen, etwa auf dem Gebiet der Betriebsrente oder mögens. Zusätzliche Fahrt nahm der Entscheidungsprozess auf,der Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle, die binnen eines Jahr- nachdem Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner Regierungs-zehnts zu einem System der unternehmerischen Daseinsfürsorge erklärung vom 29. Oktober 1957 das Ziel einer breiten Streuunganwuchsen.44 Auch die 1950 erstmalig gewährte Erfolgsprämie, von so genannten Volksaktien als „wichtigstes Ziel“ der Legislatur-die nur wenige Jahre später fester Bestandteil des Tarifvertrags periode ausgegeben hatte.46 Um durch die Aktienausgabe „Eigen-wurde, schuf eine damals noch ungewöhnliche Beteiligungsleis- tum für alle“ schaffen zu können, bedurfte es der Aushandlungtung an die Belegschaft. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eines am 11./12. November 1959 unterzeichneten Staatsvertragsdie betriebliche Partizipation der Arbeitnehmer sowohl im 1951 zwischen dem Bund und dem Land Niedersachsen. Auf Grundlageetablierten Beirat als auch durch den 1953 konstituierten paritä- dieses Kompromisses verabschiedete der Deutsche Bundestag amtischen Wirtschaftsausschuss gleichermaßen kooperativ wie er- 9. Mai 1960 mit den Stimmen der Regierungskoalition und derfolgreich. Dem sich gütig gebenden Generaldirektor entsprach FDP das „Gesetz über die Regelung der Rechtsverhältnisse bei derauf Arbeitnehmerseite der ruhig auf einen gerechten Anteil abzie- Volkswagenwerk GmbH“. Am 21. Juli 1960 trat das „Gesetz überlende Betriebsratsvorsitzende Hugo Bork, während in der sonsti- die Überführung der Anteilsrechte an der Volkswagenwerk Gesell-gen Metallindustrie die Konfliktparteien schärfer aufeinander schaft mit beschränkter Haftung in private Hand“ in Kraft, mit demprallten.45 die Teilprivatisierung des Unternehmens und seine Umwandlung in eine Aktiengesellschaft geregelt wurden.47 Damit war ein Aus- nahmeunternehmen Deutschlands zumindest in ökonomischer Hinsicht zu einer Profan-AG geworden, in der Gewinn und Divi- 19
  21. 21. dendenzahlungen eine wachsende Bedeutung zukam. Allerdings Wenngleich noch im Jahre 1966 der Typ 1, der als „Beetle“ in denbehielten der Bund und das Land Niedersachsen in ihrem Vor- USA zum besten Devisenbringer und zum emotionalen Teil derzeigebetrieb noch jeweils 20 Prozent des Aktienkapitals, wodurch amerikanischen „car culture“ aufstieg, mit fast 1,1 Millionenderen Einfluss als größte Einzelaktionäre erhalten blieb. gebauten Fahrzeugen das ökonomische Rückgrat des Konzerns bildete, so hatte doch 1961 mit der Fertigung der intern als „Typ 3“Das Unternehmen setzte auch als Aktiengesellschaft seinen vorhe- bezeichneten Limousine der unteren Mittelklasse, des Volkswagenrigen Expansionskurs fort. Nachdem gleichsam als Vorgeschmack 1500, eine Diversifizierung des Fahrzeugangebots eingesetzt. Dades neuen AG-Zeitalters im Sommer 1959 das neue dreizehn- die Erstmotorisierung vieler in Deutschland, aber auch in anderenstöckige Verwaltungsgebäude im Südwesten der Hallenfront bezo- Ländern, etwa in Brasilien oder später auch in Mexiko, mit dergen worden war, baute das Unternehmen seine Positionen auf den Volkswagen Limousine erfolgt war, standen die Gesellschafteninternationalen Märkten weiter aus. Die am 8. Dezember 1964 und die Individuen jedoch noch im Bann des ungewöhnlichenerfolgte Inbetriebnahme des insbesondere für den Export nach Automobils. Zugleich führt die unterbliebene ProduktinnovationNordamerika gebauten Werks in Emden diente diesem Zweck, so vor Augen, dass das Volkswagenwerk in mancher Hinsicht auch alswie 1965 die Übernahme der Ingolstädter „Auto Union GmbH“ erfolgreicher Repräsentant der gesellschaftlichen und ökonomi-aus dem bereits stark internationalisierten Unternehmen einen schen Ausstockung der etablierten Bundesrepublik anzusehen ist.deutschen Mehrmarkenkonzern machte. Nordhoff gab am 11. März 1968 auf die vom Aufsichtsrat aufgewor- fene Frage, wie es im Jahr 1968 weitergehe, die „klare Antwort,Mit dem „Käfer“ gelangten Deutschland und das Volkswagenwerk dass es niemand wisse“.50in das Zeitalter der Konsumdemokratie, die durch Wohlstand,Überfluss und wachsende Freizeit gekennzeichnet war.48 Den lan-gen Weg in die Weltwirtschaft wussten die Volkswagen Limousineund der Transporter des Wirtschaftswunders mit Leichtigkeitzu überwinden, was ein gerüttelt Maß zur Modernisierung derwestdeutschen Gesellschaft beitrug. Die sich auf die individuelleAutomobilität ausrichtende Verkehrsinfrastruktur wurde ebensoein Produkt der Volkswagenisierung Westdeutschlands wie dieAmerikanisierung der Fabrik in den 1950er Jahren geradezubeispielhaft gelang.4920
  22. 22. BOOM AM MITTELLANDKANALSo wie das Jahr 1968 in der Bundesrepublik Deutschland in gesell- Heute kennt die Welt Volkswagen, und sein erstes Erfolgsfahrzeug,schaftspolitischer und kultureller Hinsicht Umbrüche einleitete, die intern als „Typ 1“ bezeichnete Limousine, trägt vielen Kose-so suchte Kurt Lotz, der am 1. Mai 1968 die Nachfolge des am namen. Bekannt geworden durch seine Silhouette, gerühmt fürKarfreitag verstorbenen Nordhoff angetreten hatte, den Umbau seine Zuverlässigkeit und den hohen Gebrauchswert und geliebtdes Unternehmens nach Kräften zu forcieren, zumal sich das Ende als automobile Ikone, lief der Käfer in mehr als 21,5 Millionendes Käferbooms abzeichnete.51 Unter seiner Ägide konzentrierte Exemplaren vom Band und schrieb sich in den kollektiven Erinne-sich das Unternehmen auf die Aufgabe, „neue Modelle zu bringen, rungshaushalt ein.55 Zusammen mit dem Transporter ermöglichtezu rationalisieren und Kosten einzusparen“.52 Unter diesen Vor- die in Blech gebogene Emotion die weltwirtschaftliche Ausrichtungzeichen vollzog das Volkswagenwerk einen insgesamt verspäteten eines Auto-Konzerns, dessen Fahrzeugproduktion zwischen 1948Übergang von den luftgekühlten auf die wassergekühlten Motoren und 1973 von knapp 20.000 auf mehr als 2,3 Millionen Einheitenund vom Heck- auf den Frontantrieb. Als erstes Fahrzeug der neu- explodierte, dessen Umsatz sich von 89,2 Millionen DM aufen Produktoffensive kam der K 70, der zwischen 1970 und 1975 knapp 17 Milliarden DM steigerte und der anstatt 8.700 nunmehrin dem neuen Werk in Salzgitter gefertigt wurde, auf den Markt.53 215.000 Menschen in und außerhalb von Wolfsburg Arbeit gab.Passat, Scirocco, Golf und Polo krempelten die Angebotspalette Inzwischen hat der 1974 eingeführte Golf die legitime Nachfolgekomplett um und sicherten dem Unternehmen seine weitere Zu- als klassenloses Automobil angetreten und seinen Vorläuferkunft. In gewisser Weise verkörperten die neuen Fahrzeuge zeit- auch in den Produktionszahlen weit überholt.56 Wie schon beimund marktgerechte Antworten auf die veränderten gesellschaftli- Käfer gerinnen die damit verbundenen Aktivitäten zu Bautenchen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse nach der tief und Bildern.greifenden Weltwirtschaftskrise der mittsiebziger Jahre, die u.a.im Ölpreisschock und in der erlahmenden Wachstumsdynamikihren Ausdruck fand.54 21
  23. 23. 22
  24. 24. DI R K SC H LI N KERTArchitekturfotografieVon Modernität und Monumentalität 23
  25. 25. 009 Käfer am Tor Sandkamp, Februar 1960Jedes Foto Ein Panorama des Werkes aus Westen [015] oder Osten [012] mitbesitzt dokumentarischen Charakter. Die Beweiskraft des Bildes der parallel zum Mittellandkanal verlaufenden, durch vorgelagerteals kaum anfechtbare Momentaufnahme dominiert in den Auf- Treppenhäuser und schmale hochgezogene Fenster klar geglieder-tragsarbeiten, die den baulichen Zustand der Fabrik und die ten Südrandbebauung zeigt das Werk als geschlossenen Baukör-Erweiterungsbauten in Werk und Stadt abbilden, wie sie im Zuge per. Die Bilder unterstreichen die für die damalige Entstehungs-des enormen Auftragsbooms im Wirtschaftswunder errichtet wur- situation der Fabrik „ungewöhnliche monumentale Note“ derden. Die Bilder sind Narrative, die vom permanenten Wandel, Industrieanlage.57 Der Aspekt der Monumentalität wiederholt sichvom Wachstum, von der Größe und Gleichförmigkeit der Werks- in einer sorgfältig vorbereiteten Nachtaufnahme [013].58 Die archi-anlagen berichten. Neben dem reinen Referenzwert, der sich tektonischen Grundelemente der dunklen Klinkerfassade werdenbesonders deutlich in den Dokumentarfotos der Halle 12 wider- mit künstlicher Beleuchtung aus der Froschperspektive drama-spiegelt [011, 012], spielt die repräsentative Dimension eine turgisch hervorgehoben. Die Lampen der Straßenbeleuchtung,wichtige Rolle. die exakt auf die Firstlinien der Treppenhaustürme ausgerichteten Strahler und ihre Lichtreflexe laufen in einem Fluchtpunkt zu-Die Fotografen setzen das Volkswagenwerk mit Großbildkamera, sammen und erzeugen die räumliche Tiefe des Bildes. Die ver-Weitwinkelobjektiv und durch ungewöhnliche Positionen ihrer schiedenen Lichtquellen lösen die Südrandbebauung aus demStative als Symbol moderner Industriearchitektur in Szene, die ge- Tiefdunkel der Nacht und aus ihrem lokalen Umfeld heraus. Nebenradezu organisch in die umgebende Landschaft eingepasst wurde die Monumentalität des kompakten Baukörpers der Fabrik tritt in[011]. Vor der Kulisse der Südrandbebauung mit dem Verwaltungs- dieser effektvollen Nachtaufnahme die Symmetrie der Baukompo-hochhaus am Horizont bietet die Totale dem Betrachter von einem nenten in der Architektur, die mit der Serialität der Produktions-erhöhten Standpunkt einen Überblick über die zentrale Nahtstelle prozesse innerhalb der Werkshallen korrespondiert.59von Stadt und Werk an der Heinrich-Nordhoff-Straße. In der hoch-sommerlichen Atmosphäre erscheinen die Menschen und Auto-mobile auf der Straße oder dem Parkplatz als Statisten, die denEindruck von geschäftigem Treiben und ruhiger Tagesnormalitätin reizvoller Landschaft unterstreichen. Die Bildsprache zielt aufdie Darstellung einer geordneten Geschlossenheit von Werk undStadt in harmonisch-idyllischer Koexistenz.24
  26. 26. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 25
  27. 27. Die Struktur der Panoramabilder folgt der Struktur der Fassade Auch in einer Variation dieser Thematik ist der Samba-Bus allesund Baukörper nicht in der etwa die gegenwärtige Industriefoto- andere als Staffage [015]. Der Fokus der Kamera liegt auf demgrafie von Bernd und Hilla Becher prägenden Frontalansicht60, Volkswagen als Endprodukt der Serienfertigung, der vor frühlings-sondern aus diagonalen Perspektiven. Beherrschende Elemente hafter Werkskulisse in der Bildmitte positioniert ist. Die Seriebleiben dennoch die senkrechten und waagerechten Linien der der aus der Südrandbebauung vorgezogenen TreppenhaustürmeArchitektur. So entstehen in Manier der „Neuen Sachlichkeit“ von findet im Osten durch das Kraftwerk seinen Fluchtpunkt.64 DieAlbert Renger-Patzsch und Werner Mantz Panoramen des Werkes Architektur dient als visuelles Bindeglied. Sie stellt eine Verbin-von brillanter Tiefenschärfe61, die Kernelemente der Architektur dung zwischen Samba-Bus und der östlichen Werksgrenze her,wie Hochhaus, Kraftwerk, Südrandbau mit Klinkerfassade, Trep- um die semantische Einheit von „Werk und Wagen“ zu betonen.penhaustürmen und hohen Fensterfluchten in ihrer typischenPhysiognomie erfassen. Diese Fotografien erzählen von der Die Aspekte der Modernität und seriellen Ordnung wiederholenMonumentalität und der Modernität des rasant gewachsenen sich in den Fotografien, die Innenansichten des Werkes oder Aus-Volkswagenwerks. Durch die auf das Wesentliche konzentrierte schnitte des betrieblichen Arbeitsprozesses zeigen. Die BilderDarstellung der architektonischen Charakteristika inszenieren stammen aus dem produktiven wie nicht produktiven Bereich.diese Panoramen das Werk als Ikone.62 Die Bildsprache knüpft Gemeinsam ist ihnen die Akzentuierung eines in beiden Geschäfts-damit an eine semantische Strategie an, die in der Anfangszeit feldern komplexen, wohl geordneten und leistungsfähigen Groß-der Volkswagen Werbung in grafischen Anzeigen unter der Schlag- betriebes. Das mit funktionalem Mobiliar eingerichtete, Lichtzeile „Werk und Wagen“ kommuniziert wurde.63 durchflutete Großraumbüro im Verwaltungshochhaus verspricht optimale Arbeitsbedingungen für die Angestellten. In der exakten Reihung der Schreibtische, Aktenschränke und Telefone erinnert diese Fotografie [017; vgl. 058] an die Stationen der Fließfertigung der Fahrzeuge in den Werkshallen. Das Großraumbüro mit seinen Accessoires wartet auf seine Inbetriebnahme, und die auf der Schiene angelieferten Stahlrollen und Stapel zugeschnittener Bleche stehen ebenfalls kurz vor ihrem betrieblichen Einsatz [018].26
  28. 28. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I EZurück zum Verhältnis von Werk und Stadt kehren die Fotografien, Dieser Effekt einer attraktiven, modernen Wohnsiedlung wirddie bauliche Aktivitäten des Volkswagenwerks innerhalb des durch die Innenansicht des vom Volkswagenwerk errichtetenWerksgeländes wie auch jenseits der Werkstore dokumentieren. „VW-Bades“ [020] ergänzt, das Ende Juli 1951 eröffnet wurde.67Den Gegensatz von alt und neu stellt die aus dem Osten aufgenom- Der ovale Bogen der Wasserrutsche führt den Blick auf die linkemene Nachtaufnahme der Gebäude am westlichen Ende der Süd- Seite und schneidet einen Ausschnitt heraus. So entsteht ein „Bildrandbebauung heraus [016]. Die im Abbruch befindliche Ruine des im Bild“, das ein eigenes Bedeutungsfeld eröffnet: Die beiden amehemaligen Verwaltungstraktes schiebt sich als eine Art dunkle Beckenrand in der Morgensonne sitzenden Kinder und die ruhigeSchablone vor das kurz zuvor fertig gestellte, hell erleuchtete Ver- Wasserfläche erzeugen eine Atmosphäre von Erholung und Ent-waltungshochhaus mit dem VW-Markenzeichen an der Stirnseite. spannung, die dem Werksangehörigen und seiner Familie alsDieses Bild rekurriert auf die Bildsprache der „Trümmerfotogra- attraktives Freizeitangebot dargeboten wird. Das Volkswagenwerkfie“65 und liefert im Hell-Dunkel-Kontrast den geradezu triumpha- tritt als ein sozialer, im Wohn- und Freizeitbereich engagierterlen Beweis für den betrieblichen Fortschritt, der durch den Neubau Partner seiner Belegschaft in Wolfsburg auf, und das Foto ist Refe-und seine Inbetriebnahme für die Weiterentwicklung des Werkes rent für ein enges, harmonisches Verhältnis zwischen Volkswagen-erreicht wurde. werk und Stadt.Dass das Volkswagenwerk Initiativen zur Schaffung von Wohnraumund Freizeitangeboten jenseits der Werkstore ergriffen hat, bele-gen zahlreiche Fotografien, die bauliche Fortschritte in Wolfsburgdokumentieren. Als Schlüsselbotschaft wird dem Betrachter ver-mittelt, dass die Lebensstandards in der noch jungen Stadt durchdie Investitionen des Volkswagenwerks im Stadtzentrum qualitativverbessert wurden. Der Rohbau eines Mehrfamilienhauses [019]und eine Wohnsiedlung in Werksnähe [021] markieren Anfangs-und Endpunkte baulicher Aktivitäten der Volkswagen Tochter-gesellschaft, die für Werksangehörige und ihre Familien kaumWünsche offen lassen.66 27
  29. 29. 010 Stadt und Werk an der Heinrich-Nordhoff-Straße, 197228
  30. 30. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 29
  31. 31. 011 Arbeiten am Fundament der Halle 12, 195430
  32. 32. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 31
  33. 33. 012 Südrandbau und Kraftwerk mit Hafengelände am Mittellandkanal, September 196632
  34. 34. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 33
  35. 35. 013 Werk bei Nacht, 195334
  36. 36. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E014 Nordseite Halle 12 mit Auslieferungsplatz, Februar 1955 35
  37. 37. 015 Samba-Bus vor Südrandbau, Mai 195436
  38. 38. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 37
  39. 39. 016 Verwaltungsgebäude alt und neu, November 195938
  40. 40. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 39
  41. 41. 017 Großraumbüro im Verwaltungshochhaus, Mai 195940
  42. 42. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 41
  43. 43. 018 Blechlager im Presswerk, 197042
  44. 44. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 43
  45. 45. 019 Rohbau an der Braunschweiger Straße, 195444
  46. 46. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 45
  47. 47. 020 Wasserrutsche im VW-Bad, Sommer 195346
  48. 48. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 47
  49. 49. 021 Neubaugebiet im Stadtteil Detmerode, Ernst-Reuter-Weg, August 196648
  50. 50. A R C H I TE K TU R F OTO G R A F I E 49
  51. 51. 50
  52. 52. DI R K SC H LI N KERTSachfotografieVon Form und Funktionalität 51
  53. 53. 022 Käfer auf Schlitten im Fotostudio, 1965Die „Evidenz des Faktischen“ In diese Richtung können auch die Aufnahmen des hinterenist unabweisbar.68 Diesen Effekt nutzen Fotografen, deren Bilder Kotflügels [024] oder des auf die Seite gelegten Käfer-Chassis mitin der Fotozentrale der Binnendokumentation oder kommunika- Motor [025] gedeutet werden. Das Pressteil und der fertige Bausatztiver Verwertung dienten. Im Vordergrund steht die detailgetreue wurden vor Ort in der Produktionshalle auf einem weißen TuchAbbildung eines Volkswagen und seiner Komponenten in tech- positioniert und mit künstlichem Licht beleuchtet. Kotflügel wienisch ausgereifter Qualität und Präzision, ihrer stofflichen Materi- Chassis werden mit dieser Technik aus ihrem Fertigungskontextalität und vor allem in ihrer Form. Diese Qualitätsanforderungen isoliert. Filigrane Strukturen des in Großpressen gezogenen Me-bedingen für die Fotografen einen hohen Aufwand an Zeit und tallblechs oder die vertikalen und horizontalen Rippen des Boden-Material, um die Produkte in einer angemessenen und vom Auf- blechs machen die Reflexionen des künstlichen Lichts sichtbar.traggeber und Kunden geforderten Bildkomposition zu arrangie- Kotflügel wie Chassis erscheinen in gestochener Schärfe – einren und über eine akzentuierte Lichtführung mit direktem wie Foto, das scheinbar nichts verbirgt. Es handelt sich um die direkteindirektem Licht zu beleuchten. Schauplatz dieser fotografischen und dichte Darstellungstechnik der Sachfotografie, die mit ihrerInszenierungen war das Studio der Fotozentrale, das mit dem Plastizität der Gegenstände hohe Authentizität beansprucht.erforderlichen Equipment zur Ausleuchtung der Objekte ausge-rüstet war. Im Fotostudio wurden Sachfotografien in hoher Zahl Ein hoher Inszenierungsgrad kennzeichnet auch die Werbefoto-hergestellt, die in Katalogen und Bedienungsanleitungen der grafien der Volkswagen Limousine, die auf dem WerksgeländeVolkswagen Modelle zum Einsatz kamen. Allein fünf Fotografen [031] und im Studio [027] entstanden. Der Käfer wurde in spitzemwaren mit diesem Großauftrag des Kundendienstes befasst.69 Winkel zur Fassade der Werkshalle ausgerichtet, und mit einem Spezialwerkzeug die Volkswagen Logos auf den Radkappen manu-Erst durch den nüchtern-sachlichen Blick in der mit den vielfälti- ell in eine aufrechte, deutlich lesbare Stellung gebracht. Um unbe-gen Potenzialen des Kunstlichts arbeitenden Umgebung des Stu- absichtigte Lichtreflexionen auf den glänzend polierten Flächen zudios wird es möglich, die feinen Rillen und exakt zugeschnittenen vermeiden, wurde auf beiden Chromradkappen ein Mattierungs-Kanten eines Zahnrades heraus zu präparieren [029]. Detailauf- mittel aufgetragen. Der Fotograf entschied sich für eine Perspekti-nahmen dieser Art setzten auf die Wirkung, die beim Betrachter ve, die dem Betrachter eine komplette Seitenansicht der Limousi-durch eine scheinbar direkte, kühle und präzise Präsenz der ne mit großflächigen Fenstern präsentierte. Um die Größe derGegenstände hervorgerufen wird: der unanfechtbare Realitäts- Seitenscheiben zu betonen, wählte er einen Kamerastandpunkt,beweis für das technische Niveau und die Qualität der Fertigung. der sich in einer geraden Linie zu den beiden B-Säulen des Käfer52
  54. 54. SAC H F OTO G R A F I E 53
  55. 55. befand. 70 In der Studioaufnahme [027] wird der Käfer durch Refle- Die Materialität und konstruktive Gestalt von Komponenten imxionen aus direktem wie indirektem Licht in Szene gesetzt, um die Produktionsprozess oder vor der Auslieferung erfassen Detailauf-besondere Ausstattung und die Hochwertigkeit des Exportmodells nahmen oder Halbtotalen mit begrenzten Ausschnitten [033, 034,zu unterstreichen: Spitzlicht funkelt auf den verchromten Stoß- 037, 038]. Diese Fotografien, die im Herbst 1953 im Wolfsburgerstangen und Radkappen, und das Licht zeichnet auf dem glänzen- Werk entstanden, schlagen eine Brücke zur subjektiven Fotografieden Lack des Kofferraumdeckels das Design des Käfer ab – zusätz- der Künstlergruppe „fotoform“, deren Gründungsmitglied Peterliche visuelle Argumente für die Produktwerbung und Kaufanreize Keetman im April 1953 eine Serie von 71 Fotografien in der Fabrikfür die Kunden. am Mittellandkanal anfertigte.72 Ein Vergleich dieser Bilder, die im Abstand von nur sechs Monaten aufgenommen wurden, zeigenCharakteristisches Merkmal dieser frühen Produktfotografien in Willi Luther und die Werksfotografen in einer großen Nähe zu denwerblicher Absicht ist die statische Präsentation der Volkswagen. Positionen der künstlerischen Avantgarde der Zeit.73 Der Fokus derDer Käfer mit seinem unverwechselbaren Design ist der unbe- Kamera liegt auf kleinen Ausschnitten, die der Fotograf auf Stapelnstrittene Star dieser Art von Werbefotografie, die in der Betonung von Blechen oder halbfertigen Bauteilen findet.74 Diese Motiveabstrakt-formaler Qualitäten der Modelle die Traditionen des werden durch starke Vergrößerung aus dem Umfeld der Produk-„Neuen Sehens“ aufgreift.71 Das Produktdesign rangiert in der tion gelöst, um die Lichtspuren auf dem Metall und die beinaheKompositionstechnik dieser Werbefotografien vor der Funktio- haptischen Oberflächen eines geschnittenen, gekanteten und ge-nalität der Fahrzeuge, also vor einer bildlichen Darstellung der zogenen Kotflügels zu erfassen [033]. Das Licht modelliert auf sub-konkreten Nutzwerte des Volkswagen für Beruf, Freizeit oder tile Weise die Struktur der gestapelten Kotflügel oder der auf einerpersönlichen Lebensstil. Palette nach dem Polieren in der Galvanik aufgereihten Radkappen [034]. 75 Zwei Bilder führen auf den Auslieferungsplatz im Nord- westen der Fabrik [037, 038] und zeigen in einer halbtotalen Per- spektive das Finale des Produktionsprozesses: Die geordnete Serie und die hohe Stückzahl der Volkswagen sind wie in den Fotografien von Peter Keetman tragende Elemente der Bildsprache.76 Deut- liche Parallelen besitzt diese Bildkomposition zu Darstellungen innerbetrieblicher Arbeitsprozesse in der Architekturfotografie [017, 018], die auf den seriellen Aspekt im produktiven Bereich wie in der Verwaltung verweisen.54
  56. 56. SAC H F OTO G R A F I EAtmosphäre, Emotionen und Aspekte des Lebensstils fehlen Diesem Darstellungsmuster folgen Werbeaufnahmen, die vonkeineswegs in der werblichen Produktfotografie, die in der zweiten der Verwendung des Transporter beim Camping am Badesee [026]Hälfte der 1950er Jahre hergestellt wurde. Die Volkswagen werden oder vom Erntebetrieb von Weinbauern [032] erzählen. Die Funk-vor Kulissen und mit Attributen ins Bild gesetzt, die weniger die tionalität des Transporters beweist sich in der Freizeit wie in derperfekte Form kommunizieren als die Funktionalitäten und den gewerblichen Alltagssituation.79 Nur wenige Jahre später für denZusatznutzen der Fahrzeuge in unterschiedlichen Lebenswelten Volkswagen Wandkalender produzierte Fotografien des „Bildbe-potenzieller Kunden. Sichtbar wird darin ein allgemeiner Trend richterstatters“ Johann A. Cropp tragen dieses kommunikativeder deutschen Werbung, der um etwa 1960 die „Öffnung vom Le- Muster weiter. In der Präsentation der Limousine im Familien-bensstandard zum Lebensstil“ einleitete.77 So posiert ein modisch urlaub in den Schweizer Alpen [036] oder auf einer Wüstenpistegekleidetes, weibliches Model freundlich lächelnd an eine Limou- in Nordafrika [023] werden Visionen individueller Mobilität inssine gelehnt in einer Heidelandschaft [028]. 78 Die junge Frau steht Bild gesetzt, die den Volkswagen in der Konsum- und Reisewelle– der gewohnten Aufnahmetechnik des Sachfotografen der Foto- des Wirtschaftswunderlands Deutschland begleiteten.80zentrale getreu – hinter dem Fahrzeug, um den Blick auf das De-sign des Käfer nicht zu beeinträchtigen. Das Produkt bleibt imMittelpunkt, aber symbolische Attribute treten hinzu, die positivauf einen verbesserten Lebensstil der Kunden hinweisen, dieeinen eigenen Volkswagen erwerben und nutzen. 55
  57. 57. 023 Käfer in Kairouan (Tunesien), März 1957 (J. A. Cropp)56
  58. 58. SAC H F OTO G R A F I E 57
  59. 59. 024 Hinterer Kotflügel, 195758
  60. 60. SAC H F OTO G R A F I E025 Käfer Fahrgestell mit Motor, 1953 59
  61. 61. 026 Camping am See, Oktober 195660
  62. 62. SAC H F OTO G R A F I E 61
  63. 63. 027 Exportmodell im Fotostudio, Februar 195662
  64. 64. SAC H F OTO G R A F I E 63
  65. 65. 028 Käfer in Heidelandschaft, September 195764
  66. 66. SAC H F OTO G R A F I E 65
  67. 67. 029 Öltropfen an Zahnrad, Mai 196066
  68. 68. SAC H F OTO G R A F I E 67
  69. 69. 030 Verladung für CKD-Montage, 195468
  70. 70. SAC H F OTO G R A F I E031 Standardlimousine vor verklinkerter Werkshalle, September 1957 69
  71. 71. 032 Weinlese an der Mosel, November 195470
  72. 72. SAC H F OTO G R A F I E 71
  73. 73. 033 Hinterer Kotflügel mit Schleifspuren im Presswerk Halle 2, 195372
  74. 74. SAC H F OTO G R A F I E034 Radkappen nach dem Polieren in der Galvanik im Norden der Halle 3, 1953 73
  75. 75. 035 Karmann Ghia Coupé, Juli 195674
  76. 76. SAC H F OTO G R A F I E 75
  77. 77. 036 Familienurlaub in Schweizer Alpen, 1959 (J. A.Cropp)76
  78. 78. SAC H F OTO G R A F I E 77
  79. 79. 037 Exportmodell auf dem Auslieferungsplatz im Nordwesten des Werks, Oktober 195378
  80. 80. SAC H F OTO G R A F I E038 Käfer auf dem Auslieferungsplatz, 1953 79
  81. 81. 80
  82. 82. DI R K SC H LI N KERTReportagefotografieVon Serien und Stationen 81
  83. 83. 039 Lohntütenausgabe, Dezember 1955Die Reportage Die Hallentotale des Transporter-Rohbaus [041] und die Halbtotaleliefert in journalistischem Stil visuelle Berichte über betriebliche der Endmontagelinie aus dem Motorenbau [042] präsentierenAbläufe des Volkswagenwerks. Sie erzählen, als Totalen oder Halb- bildliche Variationen der Serialität, die um die rationalisiertetotalen der Fabrikhallen aufgenommen, von der Serialität der Pro- Produktion der Volkswagen kreisen. Die Perspektive der Kameraduktionsprozesse. Der Blick der Werksfotografen erscheint nüch- ist orientiert an einem imaginären Fluchtpunkt außerhalb destern, sachlich und auf das Wesentliche konzentriert. Er ist damit Bildhorizonts, in dem die Transportbänder zusammenlaufen. Sowiederum den Positionen der Sachfotografie und der „subjektiven erzeugt der Fotograf räumliche Tiefe, die nicht nur auf die riesigenFotografie“ eng verwandt. Daneben begegnen auch Momentauf- Ausmaße der Fabrikhalle, sondern auch auf die schier endlosenahmen aus dem Alltag in der Fabrik abseits der Produktion, unter Länge der Transportketten hinweist.81ihnen rechte „Schnappschüsse“ mit für den Betrachter dramati-schen, emotionalen, teils überraschenden, teils verstörenden und „Zur Industriereportage gehört der Mensch an die Maschine“82,spannungsvollen Effekten. lautet die Empfehlung in einem Handbuch für Industriefotografen von 1966. Diesem Rat folgten die Werksfotografen in den Hallen-Drei Rohkarossen, die dicht hintereinander an einem Transport- totalen nur in eingeschränktem Maße. Diese Bilder sind in Pro-band hängen und nacheinander auf ein Querband abgesetzt duktionspausen entstanden. So kommt den Arbeitern vor Ort nurwerden, berichten von der Leistungsfähigkeit und Präzision der eine Statistenrolle zu, und der Fokus des Bildes liegt auf der Wie-automatisierten Fertigung im Werk [040]. Die Dynamik wird – kein dergabe der räumlichen Dimensionen und der SerienfertigungArbeiter ist in Sicht – durch die schwebenden Karossen am Trans- von Volkswagen, die auf hohe Stückzahlen und Produktivitätportband erzeugt, die in kurzem Zeittakt zur nächsten Fertigungs- ausgerichtet ist.station befördert werden. Dem Betrachter wird auf diese Weise dieBedeutung des Faktors „Zeit“ in der seriellen Fließfertigung imVolkswagenwerk plastisch vorgeführt.82
  84. 84. R E P O R TA G E F O T O G R A F I E 83
  85. 85. Als handelnde Personen, die durch die Ausführung der für ihren Die Serie der Reportagefotografien verlässt dann ihre Stationen inArbeitsplatz typischen Handgriffe eine Station im betrieblichen den Produktionshallen des Volkswagenwerks. Bestimmte InhalteAblauf der Fließfertigung illustrieren, treten ein Meister und ein kehren indes wie Stereotypen wieder: Das Bild über die VerladungArbeiter bei der Montage von Leitungen am Fahrwerk des Käfer auf der Käfer am Werksbahnhof [045] erzählt – unter Rekurs auf die[044]. Die Perspektive wechselt zu einer Einzelszene im Produkti- Techniken der Bildkompositionen aus der Produktion [041, 042] –onsablauf, die einen Knotenpunkt in der Serienfertigung akzentu- von der Serialität der Käfer in der Auslieferung, dem letzteniert. In Szene gesetzt werden die letzten Handgriffe, bevor Fahr- Kapitel der Automobilproduktion im Volkswagenwerk Wolfsburg.werk und Karosserie – zwei im Vorfeld separat gefertigte Bausätzeder Limousine – zusammengeführt werden und – in den Worten Von Situationen des betrieblichen Alltags berichten Reportagefotosder Produktionstechniker – die „Hochzeit“ vollzogen wird. Die aus dem Fahrzeugtest, der Qualitätsprüfung und dem Personal-Akteure werden eingerahmt von einem Transportband und einer wesen. Der Schnappschuss eines Käfer in einer kuriosen „Kopf-fertig lackierten Käferkarosse, die von einem Kettenförderer stand-Position“ gibt dem heutigen Betrachter viele Rätsel auf, diepunktgenau abgesetzt wird. Diese Komposition dynamisiert den letztlich nur durch eine Befragung von Zeitzeugen oder damaligerAugenblick vor der „Hochzeit“. Die gemeinsame Richtung der Akteure zu lösen sind [046]. Den betrieblichen Alltagsvorgang derFörderbänder und die leicht geneigte Käferkarosserie verstärken Klangprüfung einer Kurbelwelle lädt ein Reportagefotograf ausden Eindruck eines zeitlich eng bemessenen Arbeitsvorgangs. Der der Fotozentrale durch die Wahl des Kamerastandpunktes mitTakt der Serienfertigung diktiert Tempo und Rhythmus der letzten Spannung und Witz auf [047]: Der runde Schirm der HängeleuchteHandgriffe von Monteur und Meister. Trotz eines engen Zeitkorri- verdeckt das Gesicht des Inspektionsarbeiters oberhalb der Nase.dors erledigen sie ihre Aufgabe gewissenhaft und ohne Hektik. Eine Identifizierung der Person ist ausgeschlossen, und derDie Handgriffe sitzen, und beide Werksangehörige erscheinen Werksangehörige wird zum anonymen Inspekteur, der mit einemmit diesen professionellen Gesten als glaubhafte Zeugen für einen Hammer seiner Prüftätigkeit nachgeht. Die Arbeitskleidung sitztProduktionsprozess auf hohem technischen Niveau, in dem korrekt, die Hände leicht verschmutzt, und eine zweite Kurbel-Mensch und Maschine reibungslos und verlässlich ihre Arbeit welle liegt griffbereit auf der aufgeräumten und sauberen Werk-verrichten. bank – alles wirkt sorgfältig vorbereitet und vor allem in der Zu- sammenarbeit mit dem Qualitätsprüfer bis ins Letzte arrangiert. Einen geringeren Inszenierungsgrad weist die Reportage über die Entgeltauszahlung auf [039], die unmittelbar aus der Betriebs- wirklichkeit entnommen zu sein scheint.84
  86. 86. R E P O R TA G E F O T O G R A F I ESerialität, die Ordnung und Hierarchie in den Arbeitsbeziehungen Die Reportage über die Totenwache des Vorstands für den amsymbolisiert, findet sich in dem Bildbericht, als der Vorstand die Karfreitag, den 12. April 1968 verstorbenen Nordhoff folgt dem-Betriebsräte der deutschen Volkswagenwerke anlässlich des Mai- selben Aufbau [049]: Der in der Versuchshalle der Technischenfeiertages 1965 empfängt [048]. Die Reihe der feierlich gekleideten Entwicklung fast schulterhoch aufgebahrte Leichnam des Gene-Vorstände auf der linken und der Betriebsräte der Werke auf der raldirektors bildet die Bildmitte, rechts und links flankiert von jerechten Seite des festlich gedeckten Tisches – zwei Gruppen, ein zwei Vorstandsmitgliedern und einer Reihe weißer Kerzen sowiegemeinsamer Tisch – findet ihren Fluchtpunkt in Heinrich Nord- Trauergebinden. Der Fotograf findet in der Versuchshalle einehoff, der zur Begrüßung der Gäste am Mikrofon steht. Die Augen bis ins letzte Detail vorbereitete Trauerszenerie vor, die er in derund Blickrichtung der sitzenden Zuhörer unterstützen diese Per- Bildregie seiner Reportage aufgezeichnet hat, die mit wenigenspektive auf den Generaldirektor. Das Bild dokumentiert ein gestalterischen Mitteln auskam und wohl beim Gedenkritual derbetriebliches Ereignis und setzt zugleich den Vorstand als Gast- Totenwache auch auszukommen hatte.geber in Szene. Nordhoff erscheint als die zentrale Figur desGeschehens. Er ist der einzige, der eine aktive Rolle spielt und alsoberster Gastgeber im Namen der Geschäftsführung die Vertreterdes Betriebsrates in seiner Tischrede begrüßt. Diese Reportagefügt sich mit ihrer Inszenierung Nordhoffs als überragender Gene-raldirektor in einen umfangreichen Bestand von Fotografien ein,die den Vorstandsvorsitzenden in der Öffentlichkeit als erfolgrei-chen Manager des Volkswagenwerks präsentierte.83 85
  87. 87. 040 Absetzen der Karossen auf Förderband im Rohbau, 1968 (J. A.Cropp)86
  88. 88. R E P O R TA G E F O T O G R A F I E 87
  89. 89. 041 Montagelinie Transporter im Werk Hannover, 195788
  90. 90. R E P O R TA G E F O T O G R A F I E042 Motorenmontage, 1959 89
  91. 91. 043 Karosserien an Kettenförderern in der Endmontage in Halle 12, November 196190
  92. 92. R E P O R TA G E F O T O G R A F I E 91
  93. 93. 044 Montage von Leitungen am Fahrwerk des Käfer, 196592
  94. 94. R E P O R TA G E F O T O G R A F I E 93
  95. 95. 045 Verladung am Werksbahnhof, Mai 195994
  96. 96. R E P O R TA G E F O T O G R A F I E 95
  97. 97. 046 Käfer Crash-Test, 195296
  98. 98. R E P O R TA G E F O T O G R A F I E047 Klangprüfung einerKurbelwelle im Ersatzteiledienst,Dezember 1951 97
  99. 99. 048 Der Vorstand empfängt die Betriebsräte der Werke, 196598
  100. 100. R E P O R TA G E F O T O G R A F I E 99
  101. 101. 049 Totenwache der Prokuristen T. Weise, R. Otto, B. Heiny, K. Nebelung (v.l.n.r.) für Heinrich Nordhoff, 1968100
  102. 102. R E P O R TA G E F O T O G R A F I E 101
  103. 103. 102
  104. 104. DI R K SC H LI N KERTPorträtfotografieVom Teil und Ganzen 103
  105. 105. 050 Boccia im „Italienischen Dorf“, Oktober 1962Die Bandbreite Die Porträts zeigen Momente einzelner Arbeitsabläufe im Volks-der Belegschaftsporträts ist groß. Das Interesse der Fotografen und wagenwerk.84 Das Bild eines Werksangehörigen am Schmelzofenihrer Auftraggeber richtet sich auf drei Lebenswelten: Werksan- [051] wirkt in hohem Maße stilisiert. Der Fotograf bemüht sich, diegehörige an ihren Arbeitsplätzen in der Produktion, in den nicht Lichtführung effektvoll auf Gesicht und Oberkörper einzustellen.produktiven Bereichen und schließlich in Alltag und Freizeit. Vor Als Lichtquelle dient die heiße Glut des Schmelzofens, die in star-allem in den Bildern, die zur Selbstdarstellung des Unternehmens ken Hell-Dunkel-Kontrasten die markante Profillinie des Arbeitersin der Öffentlichkeit eingesetzt wurden, repräsentieren die abge- in ein theatralisches Licht mit Dampf und Rauch taucht. Was derbildeten Werksangehörigen die Gesamtbelegschaft. Ihre persön- Arbeiter konkret tut, lässt die Aufnahme – im Wortsinne – im Dun-liche Identität ist unklar und – wie bei den Werksfotografen – ohne keln. Imaginär bleibt das Werkzeug in den Händen des Arbeiters.kommunikativen Belang. Als „Werksangehörige“ sind sie Teil des Imaginär bleibt auch der Schmelzofen, obschon er als LichtquelleGanzen und stehen in der Kommunikation für die Arbeiter oder für das leichte Seitenprofil des Arbeiters wie auch als Ausgangs-Angestellten des Unternehmens: Aus dem „Porträt eines Arbeiters“ punkt von Gefahren im Bild präsent ist. Zwischen beiden Bild-wird das „Porträt der Arbeit im Volkswagenwerk“. elementen schafft einzig die dunkle Brille eine Verbindung, die die Augen des Metallgießers vor der hohen, potentiell gesund- heitsschädlichen Lichtstrahlung des Ofens schützt. Der Arbeiter muss sich unter den schwierigen Bedingungen von Licht, Hitze und Rauch behaupten. Er darf, um sich selbst nicht zu gefährden, die Kontrolle über die Maschine und das brandgefährliche Metall nicht verlieren und erledigt diese existenziellen Herausforde- rungen am Arbeitsplatz in einem Habitus professioneller Souveränität.85104
  106. 106. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 105
  107. 107. An Schnittstellen von Mensch und Maschine führen Abbildungen Eine ähnliche Bildsprache besitzt die Aufnahme des Ausbildungs-eines Arbeiters in der Gießerei [052] oder in der Lackiererei [056]. jahrgangs 1965, die für einen Bericht im Magazin „stern“ angefer-Die aktive Tätigkeit des Arbeiters bestimmt Dynamik und Duktus tigt wurde [057]. Vollständig eingerahmt von den Werkshallen prä-der Bilder, die den Blick auf die Arbeitsgeräte öffnen. Körperbewe- sentieren sich die Auszubildenden in einer gründlich arrangiertengungen und Gesten sind nur auf die Maschinen, Werkzeuge und Aufnahme. Die weiblichen Auszubildenden in ihren weißen Kittelndas Werkstück bezogen. Die Porträts berichten von der konkreten und die Ausbilder wurden gleichmäßig auf die Flanken der GruppeTätigkeit eines Arbeiters in seiner betrieblichen Funktion als Be- verteilt. Das Individuum verschwindet in einer anonymen Massediener von Maschinen in einem Fertigungsprozess, der hohe kör- junger Nachwuchskräfte, die durch ihre hohe Zahl und ihre hori-perliche wie fachliche Anforderungen an die Arbeitskräfte stellt. zontale Reihung auf das Volumen und die serielle Ordnung der Prozesse im Volkswagenwerk hinweisen.Das Porträt der Transportarbeiter greift den Aspekt der Serialitätder Produktion auf und dekliniert ihn am Beispiel einer Abteilung Den Arbeitsgang der Materialprüfung setzt eine Seitenaufnahmedurch, die für die Materialversorgung der Fertigung unverzichtbar plastisch ins Bild, die Intensität wie hohe Genauigkeit der Quali-ist [054]. Vor der Kulisse der gleichförmigen Klinkerfassade des tätskontrolle im Volkswagenwerk signalisiert [060]. Der Blick aufSüdrandbaus ist die Gruppe in Arbeitskleidung und mit Arbeitsge- die Messapparatur ist offen und suggeriert dem Betrachter dierät in gereihter Formation aufgestellt. Die Serie von Personal und Möglichkeit, das Ergebnis unmittelbar überprüfen zu können. DieElektrokarren, die auf die Figur des Meisters am Ende der Reihe Körperhaltung des Inspekteurs ist konzentriert, und seine Augenzuläuft, zeigt interne Hierarchien und Statusunterschiede. Sie sind nur auf die Kurbelwelle und das Messgerät gerichtet, daszeigt auch, welche Position der einzelne Transportarbeiter in sei- offensichtlich ein filigranes und sorgfältiges Abtasten durch einenner betrieblichen Abteilung besetzt: Er ist Teil eines Ganzen, das erfahrenen Fachmann erfordert, um auch kleinste Beschädigun-wie die Architektur der Südfassade im Hintergrund eine funk- gen zu erkennen.tionale Ordnung besitzt.106
  108. 108. P O R T R ÄT F O T O G R A F I EDie fotografische Kleinserie über den Tagesablauf eines Werksan- an der Stechuhr und am Montageband zu sein. Die Dynamik erzieltgehörigen mit Stationen am Arbeitsplatz im Werk und in der priva- der Fotograf durch die Position der Kamera, die so am Werkstorten Umgebung ist im Sommer 1962 als Pressematerial angefertigt platziert wurde, dass die Beschäftigten diesen Standpunkt aufworden [059, 061, 062]. Die Bilderstrecke erzählt im Stil einer jour- ihrem Weg zur Arbeit passierten. Der Bildsprache gelingt es, dasnalistischen Reportage über 24 Stunden aus dem Leben eines Tempo der Schritte und den Rhythmus der Bewegungen zu ver-Volkswagen Arbeiters in Wolfsburg. Die Kamera folgt ihm an die deutlichen. Der Fotograf entdeckt bei der Suche nach einem MotivMontagelinie der Fabrik und nach Schichtende in die Wohnung nicht nur eine modisch gekleidete, weibliche Angestellte, die sichder Familie. Sie liefert Einblicke in die Arbeits- und Lebenswelten aus dem Kreis der männlichen Kollegen abhebt. Er entdeckt aucheines durchschnittlichen Arbeitnehmers in Wolfsburg, der mit sei- ein junges, attraktives Paar in trauter Zweisamkeit inmitten derner Familie am gestiegenen Konsum der „Wohlstandsgesellschaft“ hektischen Betriebsamkeit vor Schichtbeginn.der frühen 1960er Jahre teilhatte.86 Das Volkswagenwerk wird indieser Serie zwar nur als eine Alltagsstation eingebracht, ist aber Die Tatsache, dass die Werksfotografen beauftragt wurden, Werks-in allen Fotos gegenwärtig als Arbeitgeber, der seinen Werksange- angehörige in diversen Situationen des Alltags in der Fabrik, in derhörigen durch die Erwerbsarbeit in der Fabrik materiellen Wohl- Wohnung und in der Freizeit [050, 065] aufzunehmen, verdeutlichtstand, sozialen Aufstieg und modernen Lebensstil ermöglicht.87 den Stellenwert der „Porträts“, die der Arbeit im Volkswagenwerk in der Außendarstellung des Unternehmens ein charakteristischesDer Werksfotograf dokumentierte in einer Reportage laut Register- Gesicht geben sollten.eintrag der Fotozentrale die „Kleidung“ der Werksangehörigen aufihrem Weg in die Fabrik [064]. Bewegungen, Körperhaltung wieGesichter des Paares in der Bildmitte offenbaren Zielstrebigkeitund Selbstbewusstsein, während andere Werksangehörige amBildrand dem Zeitdruck des Schichtbeginns folgen, um pünktlich 107
  109. 109. 051 Am Schmelzofen, 1957108
  110. 110. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E052 In der Gießerei, 1957 109
  111. 111. 053 Telefonzentrale, 1950110
  112. 112. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E054 Arbeiter auf Elektrokarren vor Südrandbau, 1950 111
  113. 113. 055 Betonarbeiten am Verwaltungshochhaus, Juli 1957112
  114. 114. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 113
  115. 115. 056 In der Lackiererei, 1955114
  116. 116. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 115
  117. 117. 057 Auszubildende an der Mittelstraße, April 1965116
  118. 118. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 117
  119. 119. 058 Großraumbüro, 1973118
  120. 120. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 119
  121. 121. 059 Montage des Schlosses an Motorraumdeckel, 24. August 1962120
  122. 122. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 121
  123. 123. 060 Qualitätskontrolle einer Kurbelwelle, 1955122
  124. 124. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 123
  125. 125. 061 Lesen am Feierabend, 24. August 1962124
  126. 126. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 125
  127. 127. 062 Fernsehen im Kreis der Familie, 24. August 1962126
  128. 128. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 127
  129. 129. 063 Skat am Feierabend, 1954128
  130. 130. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 129
  131. 131. 064 Auf dem Weg zur Arbeit, April 1961130
  132. 132. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 131
  133. 133. 065 Zuschauer auf Sprungturm im VW-Bad, September 1954132
  134. 134. P O R T R ÄT F O T O G R A F I E 133
  135. 135. 134
  136. 136. Anmerkungen 135
  137. 137. ZWISCHEN DOKUMENTATION, 001 006 012 Marc Bloch: Apologie pour l’histoire ou Métier Organisations-Richtlinien der Geschäftsleitung Interview mit Wolfgang Reimer am 21. Juni 2004,KOMMUNIKATION UND d’historien (zuerst posthum 1949), S. 90, 229, der Allgemeinen Verwaltung vom 23.09.1949 S. 19 f. (UVW, Z 303/203). zit. nach Marc Bloch. Aus der Werkstatt des (Unternehmensarchiv der Volkswagen AG (UVW),REPRÄSENTATION. Historikers. Hrsg. von Peter Schöttler, Frankfurt Z 69/550). am Main 2000, S. 46 Anm. 1. Vgl. Gisela Ecker, 013FOTOGRAFIEN AUS DER Susanne Scholz: Fundstücke, Inszenierungen, Dirk Schlinkert: Von der Reklame zum Marketing, Effekte. Lektüren der Sachfotografie, in: Im 007 in: Es gibt Formen, die man nicht verbessernFOTOZENTRALE DES Rausch der Dinge. Hrsg. von Thomas Seelig, Die Hoesch Hüttenwerke AG, später Hoesch kann. 50 Jahre Volkswagen Werbung. Hrsg. von Urs Stahel, Göttingen 2004, S. 176 ff. Stahl AG, verfügte im Bereich der Fotografie Andreas Schilling, Michael Grosche, ManfredVOLKSWAGENWERKS über eine dezentrale Organisation mit drei Ab- Grieger, Hamburg 2002, S. 8 f. teilungen im Konzern, deren Zuständigkeiten 002 und Aufgabengebiete nicht abgegrenzt wurden: Alf Lüdke: Gesichter der Belegschaft, in: Karl-Peter Ellerbrock: Signatur der Zeit. 014 Bilder von Krupp. Fotografie und Geschichte Visuelle Unternehmenskultur bei Hoesch in den Interview mit Wolfgang Reimer am 21. Juni 2004, im Industriezeitalter. Hrsg. von Klaus Tenfelde, „langen 1950er Jahren“, in: Unternehmenskom- S. 22 f. (UVW Z 300/203); Interview mit Wolfgang München 2000, S. 68. Vgl. Katharina Sykora: munikation, S. 149 f. Die AEG folgte seit 1899 mit Reimer am 26. Oktober 2004, ebda. Wolfgang Splitscreen und Blackbox. Über Metaphern der Einstellung eines Fotografen im „Literari- Reimer, Jahrgang 1942, kam im Januar 1962 in die und Brüche in der Ruhrgebietsfotografie, in: schen Bureau“ einem ebenfalls zentralistischen Fotozentrale und war als „Koordinator“, wie er Schwarzweiß und Farbe. Das Ruhrgebiet in Modell: Kerstin Lange: Die Bilder der AEG, in: selbst sagte, die „rechte Hand“ von Willi Luther. der Fotografie. Hrsg. von Sigrid Schneider, Die AEG im Bild. Hrsg. von Lieselotte Kugler, Nach einer Ausbildung zum Berufsfotografen in Essen 2000, S. 148 f. Berlin 2000, S. 18 ff. und Jörg Schmalfuß: Zur Bad Doberan arbeitete er 1958 bis 1960 als Port- Geschichte fotografischer Sammlungen bei rätfotograf in Hildesheim, danach ein Jahr im F der AEG, ebda. S. 23 f. Zur „Graphischen Anstalt“ otogroßhandel in Hannover und wechselte dann 003 bei Krupp: Tenfelde, Geschichte S. 317 ff. Vgl. ins Volkswagenwerk. Reimer war mehr als 42 Vgl. Klaus Tenfelde: Geschichte und Fotografie die Empfehlungen für die „Einrichtung einer Jahre als Werksfotograf für Volkswagen tätig. bei Krupp, in: Bilder von Krupp, S. 305 ff. industriellen Fotoabteilung“ im Handbuch von Joachim Giebelhausen: Industriefotografie für Technik und Wirtschaft, München 1966. 015 004 Interview mit Wolfgang Reimer am 21. Juni 2004, Vgl. Winfried Feldenkirchen: Theorie der Unter- S. 18 (UVW, Z 300/203). nehmenskommunikation, in: Unternehmens- 008 kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert. Axel Föhl: Zum Innenleben deutscher Fabriken. Hrsg. von Clemens Wischermann, Dortmund Industriearchitektur und sozialer Kontext bei 016 2000, S. 13 ff. und Hartmut Berghoff: Krupp, in: Bilder von Krupp, S. 160 f. Ebda., S. 2, 14 f. Henrike Junge-Gent attestiert Die Zähmung des entfesselten Prometheus? dem Fotografen Luther eine „außergewöhnliche, Die Generierung von Vertrauenskapital und enzyklopädische Breite“, Junge-Gent, Luther, S. 7. die Konstruktion des Marktes im Industriali- 009 sierungs- und Globalisierungsprozess, in: Interview mit Wolfgang Reimer am 21. Juni 2004, Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte. S. 18 ff. (UVW, Z 300/203). 017 Hrsg. von dems., Jakob Vogel, Frankfurt am Interview mit Wolfgang Reimer am 21. Juni 2004, Main 2004, S. 143 ff. S. 23 f. (UVW, Z 300/203). 010 005 Henrike Junge-Gent: Willi Luther, Ausschnitte us 018 Markus Lupa: Das Werk der Briten. dem fotografischen Werk, Gifhorn 2001, S. 4, 8 f. Ebda., S. 7. Interview mit Wolfgang Reimer Volkswagenwerk und Besatzungsmacht 1945– Luther erhielt 1951, 1954 und 1956 die Plakette am 26. Oktober 2004 (UVW, Z 300/203). 1949, Wolfsburg 2005 (Historische Notate, der „photokina“ in Köln und vor seiner Zeit als Heft 2); Ralf Richter: Ivan Hirst. Britischer professioneller Fotograf in Wolfsburg dreimal Offizier und Manager des Volkswagenaufbaus, die Verbandsurkunde des VDAV für Angewandte 019 Wolfsburg 2003 (Historische Notate, Heft 8); Fotografie (1941, 1950, 1952). 1953 verlieh ihm die Vgl. Reinhard Matz: Werksfotografie. Ein Versuch Hans Mommsen, Manfred Grieger: Stadt Hamburg die Ehrenurkunde mit Senats- über den kollektiven Blick, in: Bilder von Krupp, Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im preis. S. 289 f., 302 f.; Tenfelde, Geschichte, S. 317 ff. und Dritten Reich, Düsseldorf 1996, S. 947 ff. Lange, Bilder, S. 18 f. 011 Ebda., S. 4.136

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