Report 2014: Wie Menschen rund um die Welt mit Internet und Handy Gutes tun 
Tansania 
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Liebe Leserin, lieber Leser, 
machen digitale Gerätschaften unsere Welt lebenswerter? Wir 
glauben, es piept. Das bette...
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In China trifft eine hoch digitalisierte urbane 
Mittelschicht auf eine sehr junge NGO-Landschaft. 
Große Technologieun...
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Weitere Beispiele, wie Tan Wan („der Adler“), einst einer der legendärsten Hacker Chinas, jetzt Unternehmer mit 
eigene...
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Auch die One Foundation darf in China Spenden sammeln – etwa mit dieser lieblichen App. 
Chinas Zivilgesellschaft erobe...
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später griffen Journalisten des staatlichen 
Fernsehsenders CCTV das Thema auf. Es 
gelang ihnen, Liu Yunshan für das S...
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gegen die Mängel der staatlichen Politik. 
Diese Mittelschicht sehe sich mit massiven 
sozialen Problemen konfrontiert ...
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Allein in den ersten drei Tage spendeten 
4.600 Kunden des Fleischladens 120.000 
Yuan, umgerechnet rund 15.000 Euro. 
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Indonesien sprüht Funken. 
Jakarta ist eine der aktivsten Twitter-Hauptstädte und Indonesien mit 65 Millionen 
Nutzern ...
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Fast so aktiv wie die Zivilgesellschaft in Indonesien: Der Vulkan Merapi (siehe nächste Seite). 
Mehr Beispiele, darunt...
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Sukiman Pratomo in einer der steilen Straßen des Dorfs Sidorejo. Dort leitet er das Vulkan-Info-Radio Lintas Merapi. 
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Damit das nicht wieder passiert, schlossen 
sich mehrere Dörfer in der Nähe des Merapi 
nach dem Ausbruch zusammen. Si...
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Sukiman Pratomo im Studio. Durchs Fenster hat er den Krater des Vulkans Merapi ständig im Blick. 
Dort rollt Noer Chol...
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„Twitter funktioniert bei uns so gut, weil es 
die Menschen zwingt, sich auf das Wichtigste 
zu reduzieren“, sagt Elan...
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Das Land der Extreme 
Technologisch und digital halten die indischen Großstädte mit Ländern wie den USA 
locker mit. D...
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Guter Informationsfluss: Nextdrop verschickt SMS über frisches Wasser in der Region. 
Auch per Handy funktioniert Logi...
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Santosh Ostwal mit seiner Erfindung, der Wasserpumpenfernsteuerung Nano Ganesh. © Santosh Ostwal 
Felder bewässern per...
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Die Bauern müssen also raus. Wer aber 
bestellt dann tagsüber die Felder oder ver-kauft 
die Ernte? „Der Zugang zu Str...
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Ein indischer Bauer testet die Wasserpumpenfernbedienung mit seinem Handy. 
„Deshalb kann ich auch stolz behaupten, 
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Bauern auf der ganzen Welt helfen. Diesen 
großen Blick auf die Dinge hatte ich einfach 
nicht.“ 
Zunächst aber geht e...
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Alles da: Technik, Bildung, Unternehmergeist 
Das gilt zumindest für die säkulare jüdische Bevölkerung – 75 Prozent de...
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Coworking-Spaces gibt es viele in Israel: Zum Beispiel das Social Lab oder Tsofen. Als „Aloneworking-Space“ 
bietet si...
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In der digital-sozialen Landschaft Afrikas 
gilt Nairobi als Hotspot. 
Ja, es ist hot in Kenia, aber überschätzen soll...
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Der iHUB in Nairobi: Wohl der bekannteste Coworking-Space der digital-sozialen Bewegung weltweit. 
Wie das Beispiel Ak...
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Digital-sozial steht das Land noch am Anfang. 
Der Strom fällt regelmäßig aus, und im Sandstraßensystem von Daressalam...
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In Tansania ist Facebook sogar auf dem Meer präsent (Aber Achtung vor den Daten-Kraken!). Unter anderem 
kämpft auf Fa...
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Die „Vision 2020“, also der Weg von der Subsistenz-wirtschaft 
zur Wissensgesellschaft, hat einen 
kleinen Internet-Bo...
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Das kLab in Kigali: Beste Bedingungen für Start-ups – und Kickerspieler. Wie der Wegbereiter des digitalen 
Wandels, P...
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Kurze Werbepause – was das betterplace lab 
macht, wenn es nicht unterwegs in der Welt ist. 
Das labtogether. 
Die coo...
Vorträge. 
„Wie Internet und 
Handy weltweit das 
Leben verbessern.“ 
Darüber können wir dir einiges 
erzählen. Gerne halt...
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In Ghana herrscht ein fast grenzenloser 
Technikoptimismus. 
Von der Regierung bis zu Agenturen der Entwicklungszusamm...
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Sogar Ghana hat seine Coworking-Spaces, wie das iSpace in Accra. Wer dort krank wird, nutzt am besten 
eHealth Ghana, ...
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Senegal ist das hellste Licht in der digital-sozialen 
Szene des frankophonen Westafrikas. 
Doch obwohl viele Projekte...
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Kein Hardware-Mangel bei RAES, einer NGO, die Bildung übers Web verbreitet. Aber haben französischsprachige 
Länder Af...
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Ein digitaler Riese. 
Mit 86 Millionen Nutzern ist Brasilien das viertgrößte Internetland und bildet auf Facebook 
sog...
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Im Rio Center of Operations: Die von IBM gesponserte Kontrollzentrale der „Smart City“ Rio de Janeiro. 
In ärmeren Geg...
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Digital-sozial hängt Bolivien hinterher. 
Die digitale Infrastruktur entwickelt sich nur schleppend, und das Bewusstse...
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Ein Bild, das zum unten genannten Beispiel passt: Bäuerinnen nehmen für die Stiftung PROINPA Tutorials zum 
Thema Land...
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Das Netz lässt alte Sprachen überleben 
Jahrhundertelang wurden Sprachen und Kulturen der 
bolivianischen Ureinwohner ...
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Für das Gespräch mit ihrer Großmut-ter 
lernt sie nun Vokabeln mithilfe von 
YouTube. Dort gibt es kostenlose Video- 
...
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Jaqi aru: Eine von mehreren Initiativen, die für den Erhalt von Aymara arbeiten. 
lassen. Noch in diesem Jahr soll „Ay...
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bolivianischen Mathematiker Ivan 
Guzman de Rojas entwickeltes Programm 
zur Simultanübersetzung in zwölf 
Sprachen. A...
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Kolumbien ist in Aufbruchsstimmung. 
In der zwar noch jungen, aber sehr dynamischen digitial-sozialen Start-up-Szene s...
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Bogotá hat das bogohack, ein Innovationslabor, das auf freies Wissen setzt. Medellín ist schon weiter: 
Von der Drogen...
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Der Transformationsprozess in Costa Rica hin zur 
digitalen Gesellschaft läuft mit hohem Tempo. 
Dank eines guten Bild...
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Bitte gar nicht erst anfangen: Eine App inklusive Mundstück, um als Raucher zu wissen, welche Schadstoffe 
man einatme...
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Digital-sozial sind die USA weltweit führend. 
In keinem anderen Land gibt es so viele NGO-Websites, Digitalkampagnen ...
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Weniger als die Welt verändern zählt nicht: Die Declaration of Innovation im Inkubator 1776 in Washington D.C. 
Mehr a...
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In Deutschland läuft die digitale Infrastruktur 
der Zivilgesellschaft schleppend an. 
Dennoch haben bereits einige gr...
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Auch in Deutschland gibt es immer mehr Hackathons, wie beispielsweise den SAP InnoJam, um in kurzer Zeit 
Lösungen für...
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Verstärker und Hürden digital-sozialer 
Innovationen im Überblick* 
Germany: 
 IT-Ausbildung 
 aktive Zivilgesellsch...
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* Unter „digital-soziale Innovationen“ verstehen wir alle Entwicklungen, bei denen Menschen 
und Institutionen unabhän...
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Äpfel, Birnen und die Krux 
mit dem Ländervergleich 
Was ist der Unterschied zwischen China und Bolivien? Nein, das is...
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In vielen Ländern, besonders in den dyna-mischeren 
wie Indien, Brasilien oder Kenia, 
sind die Menschen von den digit...
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Die Entdeckungsreisenden 
Anja Adler 
Anja verfolgt fürs betterplace 
lab Onlinetrends im 
Stiftungswesen. Nach 
einer...
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Dennis Buchmann ist Dip-lom- 
Biologe, Master of 
Public Policy und Ab-solvent 
der Deutschen 
Journalistenschule. 
Er...
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Impressum 
betterplace 
lab around the world Broschüre 
Herausgeber: 
betterplace lab 
gut.org gemeinnützige AG 
Schle...
Ghana 
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Senegal 
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Brasilien 
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Machen digitale Gerätschaften unsere Welt lebenswerter? Wir glauben, es piept. Das betterplace lab war im Frühjahr mit Rucksack und Notizblock „around the world“, um zu feldforschen, wie Hilfsorganisationen, Aktivisten und Social Entrepreneurs im  Jahr 2014 Internet und Mobilfunk nutzen – von Indien über Ruanda bis Brasilien.

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  1. 1. Report 2014: Wie Menschen rund um die Welt mit Internet und Handy Gutes tun Tansania Seite 24 Indien Seite 14 Israel Seite 20 Kenia Seite 22 Ruanda Seite 26 China Seite 2 Indonesien Seite 8 Deutschland Seite 48
  2. 2. 1 Liebe Leserin, lieber Leser, machen digitale Gerätschaften unsere Welt lebenswerter? Wir glauben, es piept. Das betterplace lab war im Frühjahr mit Rucksack und Notizblock „around the world“, um zu feldforschen, wie Hilfsorganisationen, Aktivisten und Social Entrepreneurs im Jahr 2014 Internet und Mobilfunk nutzen – von Indien über Ruanda bis Brasilien. Erste Ergebnisse: Es herrscht Aufbruchstimmung bei vielen der besuchten Weltverbesserer. Aufbruch in eine Zeit, in der das Internet nicht nur für banalen Konsum, der Mobilfunk nicht nur für belanglose Kommunikation genutzt wird. Sondern auch, um zum Beispiel mehr Menschen in demokratische Prozesse einzu-binden, effizienter Hilfsgüter von A nach B zu bringen oder Kinder über eine coole Smartphone-App zu bilden. Einige der interessantesten Beispiele möchten wir euch in dieser Broschüre vorstellen. Zum Beispiel die „Breastfeeding Dads“ aus Indonesien, die mit winzigen Mitteln die Massen gegen die mächtigen Milchpulver-Multis mobilisieren. Oder „SokoText“, ein SMS-Service, mit dem kenianische Marktfrauen endlich etwas mehr verdienen können. Dazugepackt haben wir erste Hypothesen, warum es in manchen Ländern besser klappt mit den digital-sozialen Innovationen, in anderen weniger. Und wie dynamisch es vor Ort zugeht. Aber halt: Wir stehen erst ganz am Anfang dieser Forschung. Umso mehr danken wir unseren Partnern, die das lab around the world unterstützt haben: Ashoka, der Deutsche Lufthansa AG, der Bill and Melinda Gates Foundation, der BMW Stiftung, der Millicom Foundation, Mozilla sowie ZEIT ONLINE als Medienpartner. Aber genug der Vorrede. Jetzt geht's rein in die Szene der ratternden Festplatten, blinkenden Websites und piependen Handys für eine bessere Welt. Wir wünschen euch viel Spaß beim digital-sozialen Kurztrip durch unsere 15 besuchten Länder. Euer Team des betterplace lab PS: Das „lab around the world“ war ein Backpacker-Trip und keine First-Class-Reise. Dennis hat beispielsweise in Indonesien für sein „Zimmer“ 1,65 Euro pro Nacht gezahlt.
  3. 3. 2 In China trifft eine hoch digitalisierte urbane Mittelschicht auf eine sehr junge NGO-Landschaft. Große Technologieunternehmen haben in den letzten Jahren umfangreiche Spendenplatt-formen aufgebaut und propagieren den Erwartungen der Kommunistischen Partei folgend Philanthropie als modernen Lebensstil. Einzelne Stiftungen wie die One Foundation fungieren als digital-soziale Vorreiter. Bekannte Blogger mit Millionen Fans starten und skalieren Kampagnen auf den beliebten Social-Media-Plattformen Sina Weibo und WeChat – meist zu „sicheren“ Themen wie Bildung und Kinderarmut. Online-Aktionen zu brisanten Themen wie Arbeiter- oder Menschenrechten werden hingegen stark reglementiert. Entdeckungsreisende: Joana Breidenbach und Pál Nyíri | jb@betterplace.org | p.d.nyiri@vu.nl Nr.29 auf dem Global innovation index Nr.91 auf dem Human Development index Nur 1500 Organisationen dürfen in China Spenden sammeln 45,8% nutzen das INTERNET 88,7 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner „Gibt es ein Erdbeben, spenden die Menschen. Gibt es kein Erdbeben, spenden sie nicht .“ Bei Xiaochao, CSR-Direktor, Sina Weibo
  4. 4. 3 Weitere Beispiele, wie Tan Wan („der Adler“), einst einer der legendärsten Hacker Chinas, jetzt Unternehmer mit eigener digital-sozialer Agentur, findest du unter: bit.ly/hackerchina Beispiel: Sina Weibo Gongyi Mit 500 Millionen Nutzerkonten besetzt Sina Weibo 80 Prozent des chinesischen Mikrobloggermarktes. Das mit Twitter vergleichbare Unternehmen betreibt seit 2012 eine der drei großen Spendenplatt-formen im Land. Über 10.000 Projekte haben bislang 25 Millionen Euro erhalten. Im Gegensatz zur Gongyi-Plattform des Konkurrenten Tencent, der stark auf Dauer-spenden an etablierte Ein Mensch bewegt eine Million zum Engagement. NGOs setzt, richtet sich Sina Weibos Gongyi an Einzelprojekte. Jeder Weibo-Nutzer kann ein Spendenprojekt anlegen – z. B. um Schul-gebühren fürs Kind zu finanzieren. Zur Verifizierung der einzelnen Projekte melden sich Nutzer als ehrenamtliche Prüfer und checken die Seriosität der Hilfsbedürftigen online, durch Telefonate oder Besuche vor Ort. Danach bemüht sich das CSR-Team von Sina Weibo, das Projekt mit einer der meist staatlichen Stiftungen zu verbinden, die berechtigt sind, Spenden entgegenzunehmen. Jeder Spender hat ein Nutzerprofil: Grafiken zeigen, wie viele weitere Menschen er durch seine Social-Media-Aktivitäten zum Spenden motiviert hat. Supernutzer schaffen es, bis zu eine Million Menschen zum Engagement zu bewegen. Die großen chinesischen Social-Media- und Tech- Plattformen kooperieren eng mit der Regierung. Zugleich finanzieren sie die Infrastruktur des neuen philanthropischen Lebensstils, der es Chinesen ermöglicht, mehr Ver-trauen untereinander aufzubauen und sich für sozial Schwache einzusetzen. gongyi.weibo.com
  5. 5. 4 Auch die One Foundation darf in China Spenden sammeln – etwa mit dieser lieblichen App. Chinas Zivilgesellschaft erobert das Netz In China sammeln Bürger Spenden übers Internet. Die Partei lenkt diese Initiativen. Aber gewitzte Dissidenten finden Schlupflöcher, um einander zu unterstützen. Als der Journalist Deng Fei vor drei Jahren durchs ländliche China reiste, machte er eine erschütternde Beobachtung: Deng sah, wie Kinder sich auf einem Schul-hof über offenem Feuer ein karges Essen kochten. Die Kinder litten Hunger, wie Millionen andere chinesische Schüler auch. Der Journalist wollte helfen. Auf der Mikroblog-Plattform Sina Weibo startete er eine Spendenkampagne, die er „Kosten-loses Mittagessen“ nannte. Er hatte großen Erfolg: Drei Jahre und 40 Millionen Wei-bo- Follower später ist „Kostenloses Mit-tagessen“ eine landesweite Bewegung, die neun Millionen Euro Spenden gesammelt hat und 360 Schulen im ganzen Land mit kostenlosen Mittagsmahlzeiten versorgt. Dengs Initiative war ganz im Interesse der Partei. Schon im Jahre 2008 hatte der damalige Premierminister Wen Jiabao die Mangelernährung unter Schulkindern als Problem ausgemacht. Zwei Jahre
  6. 6. 5 später griffen Journalisten des staatlichen Fernsehsenders CCTV das Thema auf. Es gelang ihnen, Liu Yunshan für das Schicksal der hungrigen Kinder zu interessieren, den Propagandachef der Partei. Die Journa-listen machten eine Dokumentation, sie durften sie zur Hauptsendezeit ausstrahlen. Danach galt das Thema als unproblema-tisch. Eine Woche nachdem die CCTV-Do-ku gelaufen war, startete Deng Fei seine Weibo-Kampagne auf Weibo. Wenig später verkündete die Regierung selbst, jährlich rund 180 Millionen Euro für die Schulspeisung in den ärmsten Regionen bereitzustellen. Dengs Erfolgsgeschichte ist Teil eines großen gesellschaftlichen Umbruchs in China. In einem Land ohne moderne Spendentradition, in dem jede Form organisierter Zivilgesellschaft verboten war, ist in den letzten Jahren eine vielfältige NGO-Landschaft entstanden – gestützt auch durch die technischen Möglichkeiten des Internets. Auslösendes Ereignis war das große Erd-beben in Wenchuan im Jahr 2008. Der Filmstar Jet Li gründete damals die One Foundation, die nur zufällig so heißt wie die gleichnamige Entwicklungsorgani-sation des U2-Sängers Bono. Die chine-sische One fordert die Bürger unermüdlich übers Internet zu Dauerspenden auf. Ihre Parole: „ein Mensch, ein Monat, ein Yuan“. „Philanthropie soll Teil des chinesischen Lifestyles werden.“ Auch die Internetgiganten Tencent, Sina Weibo und Alibaba errichteten nach dem Beben große Spendenplattformen. Dank ihrer gigantischen Nutzerzahlen – alleine in Tencents QQ-Chat sind teilweise 180 Mil-lionen Nutzer gleichzeitig online – sind die Medienunternehmen in der Lage, die neue Spendenkultur anzukurbeln. Tencents Chef Dou Ruigang verkündet hochfliegende Ziele: „Philanthropie soll Teil des chine-sischen Lifestyles werden.“ Noch sind die Zahlen allerdings be-scheiden: Bislang wurden über die großen Plattformen rund 60 Millionen Euro an Spenden eingeworben. Zum Vergleich: In Deutschland hat der Spendenmarkt ein jährliches Volumen von rund sieben Milliarden Euro. Viele Beobachter sehen in Digitalkampag-nen wie dem „kostenlosen Mittagessen“ von Deng Fei Belege für eine entstehende Zivilgesellschaft und neue, digital er-möglichte Freiräume. Manche interpretie-ren sie gar als verdeckte politische Proteste der großen, aufstrebenden Mittelschicht Journalist Deng Fei hat online schon neun Millionen Euro Spenden für Schulessen gesammelt.
  7. 7. 6 gegen die Mängel der staatlichen Politik. Diese Mittelschicht sehe sich mit massiven sozialen Problemen konfrontiert – und weil sie die offizielle Politik nicht direkt selbst beeinflussen kann, engagiert sie sich auf eigene Faust. Die meisten der neuen chinesischen Nicht-regierungsorganisationen verstehen sich – anders als ähnliche Gruppen in Europa und den USA – aber nicht als kritisches Gegengewicht zu Staat und Wirtschaft. Ganz im Gegenteil: Die kommunistische Regierung unterstützt das bürgerschaftli-che Engagement, und die Gruppen über-nehmen häufig Aufgaben im Sinne der Partei. Dem Staat fehlen die Mittel für eine effektive Sozialpolitik, und so schiebt er, wie auch viele westliche Staaten, Wohl-fahrtsdienstleistungen an private Initia-tiven, Unternehmen und Privatspender ab. Doch sobald eine Initiative Tabus berührt, gelten andere Spielregeln. Zum Beispiel werden Fabrikarbeiter, die über Missstände bloggen, von der Kommunis-tischen Partei ausgebremst. Die Partei heuert für wenig Geld Kommentatoren an, sogenannte „50-Cent-Parteimitglieder“. Diese legen kritische Debatten in den Blogs erfolgreich lahm. Alle Spenden sammelnden Nicht-regierungsorganisationen müssen sich bei einer offiziellen Stiftung akkreditieren lassen. Das verschafft der Regierung einen wirksamen Filter: Sie genehmigt nur Initiativen, die ihre Interessen nicht gefährden. Doch die staatliche Überwachung hat Lücken. Durch eine schlüpfte Guo Yuhua, die sich für politische Gefangene einsetzt. Hauptberuflich ist Guo Anthropologie-professorin an der renommierten Tsing-hua- Universität. Daneben engagiert sie sich, wie rund zehntausend weitere Chi-nesen, in der sogenannten Fleischpartei. Manche sagen, es sei die einzige Opposi-tionspartei Chinas. Spenden für Oppositionelle Gegründet wurde die Fleischpartei von Xu Zhirong, besser bekannt unter seinem In-ternetnamen Rou Tangseng, den er zu Eh-ren einer klassischen Romanfigur wählte. Rou wurde aktiv, als der regierungs-kritische Blogger Ran Yunfei verhaftet wurde. Seine Familie verlor dadurch einen großen Teil ihrer Lebensgrundlage, und Rou wollte ihr helfen. Auf Weibo forderte er zu Spenden auf. Er war so erfolgreich, dass die Partei sein Weibokonto umge-hend schließen ließ. Anfang 2013 eröffnete Rou dann einen virtuellen Shop auf Taobao, dem größten chinesischen E-Commerce-Portal. Taobao ist vergleichbar mit eBay. Im „Roupu“, übersetzt Fleischladen, konnten Rans Unterstützer für wenige Yuan eine Dankes-notiz kaufen. Doch der Kauf diente nur als Tarnung für Spenden an Rans Familie. „Sobald eine Initiative Tabus berührt, gelten andere Spielregeln.“
  8. 8. 7 Allein in den ersten drei Tage spendeten 4.600 Kunden des Fleischladens 120.000 Yuan, umgerechnet rund 15.000 Euro. Dann schlossen die Plattformbetreiber den Shop. Doch Rou eröffnete unter anderem Namen einen neuen Laden. Diesmal ver-kaufte er Treffen mit bestimmten Persön-lichkeiten. Eine Bankangestellte zahlte ein zweifaches Monatsgehalt für ein Essen mit einer Politologin. Eine Teestunde mit der Anthropologin Guo kostete 800 Yuan. In China ist Rous Laden einzigartig. Er hat es geschafft, eine junge, seit dem Tianan-men- Massaker weitgehend apolitische Be-völkerung zum politischen Engagement zu motivieren. Im Fleischladen kaufen Intel-lektuelle, Studenten, Verkäuferinnen und sogar Regierungsbeamte. Innerhalb von acht Monaten spendeten 10.000 Chinesen über 150.000 Euro für politische Gefangene. Guo führt den Erfolg darauf zurück, dass die Spenden durch die Online-Kaufaktion entpolitisiert worden sei. Zusätzlich haben Filmstars wie Chen Kun über Social Media Millionen Fans über die Auktionen des Fleischladens informiert. Mittlerweile kümmert sich der Laden um mehrere Familien von politischen Gefangenen. Die Verteilung wird basis-demokratisch organisiert. Sobald genug Geld für eine Familie zusammengekom-men ist, werden aus der Datenbank des Shops neun Mitglieder ausgewählt. Sie diskutieren per Chat und anonym, welche Familie das Geld erhalten soll. Diese Or-ganisationsform hat auch den Vorteil, dass der Fleischladen weiter existieren kann, falls seine Gründer verhaftet werden. Auch die Anthropologin Guo wurde schon mehr-mals zum polizeilichen Verhör vorgeladen. Regierung unter Zugzwang Durch digitale Medien sind in China neue Spielräume entstanden, in denen Tabuthe-men salonfähig werden. Vor einigen Jahren begann die US-Botschaft in Peking, Smogwerte aus Messungen auf ihrem Dach zu twittern. Der öffentliche Druck führte dazu, dass chinesische Behörden eben-falls Werte veröffentlichten. Weil diese deutlich unter den amerikanischen lagen, programmierten Entwickler eine App, die beide Zahlen kommentarlos nebenein-ander zeigte. Das wirkte: Heute erscheinen täglich zuverlässige Smogwerte, und Hack-athons zur Luftqualität boomen. Die Größe des Binnenmarktes, die fast flächendeckende digitale Infrastruktur und die Begeisterung der Chinesen für digitale Kommunikation könnten gewal-tige Bewegungen in Gang setzen. Doch die Furcht vor der Macht der digitalen Welle kann auch hemmen. Wenn Aktivisten auf den Social-Media-Knopf drücken, können sie oft nicht mehr beeinflussen, was dann passiert. Und dieses Risiko einzugehen, trauen sich bislang nur wenige. „Allein in den ersten drei Tage spendeten 4.600 Kunden des Fleischladens umgerechnet 15.000 Euro.“
  9. 9. 8 Indonesien sprüht Funken. Jakarta ist eine der aktivsten Twitter-Hauptstädte und Indonesien mit 65 Millionen Nutzern das viertgrößte Facebook-Land der Welt. Jeder will Internet! Vor allem, um in sozialen Netzwerken zu posen und zu plaudern. Die meist in losen Netzwerken organisierte Zivilgesellschaft ist derweil mit dem Kampf gegen Korruption und Umweltzerstörung beschäftigt. So ist das Land ziemlich gut digitalisiert und auch engagiert. Doch die beiden Bereiche haben noch nicht so recht zusammengefunden. Online-Fundraising oder andere digital-soziale Anwendungen sind rar gesät. Vor allem Twitter ist aber ein mächtiges Kampagnenwerkzeug in dem Land der tausend Inseln. Entdeckungsreisender: dennis buchmann | dbu@betterplace.org 70% der Bandbreite Indonesiens wird auf Java konsumiert und davon 70% in Jakarta 121,5 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner 15,8% nutzen das INTERNET „Wir haben Flugzeuge gebaut, wir haben Satelliten gebaut, da können wir doch wohl auch ein indonesisches Silicon Valley bauen?“ Dr. Budi Rahardjo, Dozent am Technologie-Institut in Bandung Nr.87 auf dem Global innovation index Nr.108 auf dem Human Development index
  10. 10. 9 Fast so aktiv wie die Zivilgesellschaft in Indonesien: Der Vulkan Merapi (siehe nächste Seite). Mehr Beispiele, darunter der erste Hackathon zur Terrorabwehr, gibt's hier: bit.ly/vulkanmerapi Beispiel: The Breastfeeding Dads Die Breastfeeding Dads, wie sich die jungen Männer des Netzwerks AyahASI auch nennen, haben viel Spaß bei ihrer Arbeit. Sie setzen sich dafür ein, dass in Indonesien mehr Mütter stillen. Väter für mehr Muttermilch – das klingt lustig, ist aber ein todernstes Thema. Weil Großkonzerne Hebammen und Kran-kenhäuser „Wer sechs Monate stillt, hat genug Geld für ein iPhone gespart!“ bestechen, damit diese den Müttern ihr Milchpulver empfehlen und vom Stillen abraten, sterben in Indonesien jedes Jahr rund 30.000 Neugeborene. Denn in ländlichen Gebieten ist das Wasser, mit dem das Pulver angerührt werden muss, oft nicht sauber. Die Breast-feeding Dads konzentrieren sich auf die Vorteile des Stillens und kommunizieren diese zielgruppenadäquat: „Wer sechs Monate stillt, hat genug Geld für ein iPhone gespart!“ – um nur einen Vorteil des Stillens zu nennen, der Männern gefallen wird. Diese etwas andere Per-spektive hat den Breastfeeding Dads bislang über 125.000 Follower auf Twitter beschert. Die Breastfeeding Dads haben kein Büro. Sie haben keinen Chef. Sie haben kaum Geld. Aber sie haben Twitter. Und über 50 besonders engangierte Väter, die in 21 Städten Indonesiens täglich zwischen 50 und 300 Fragen von verun-sicherten Eltern beant-worten – ehrenamtlich und zwischendurch mit dem Smartphone. Das Gezwitscher auf Twitter ist so laut, dass die indonesische Regierung das Thema auf ihre Agenda geholt hat. Und wenn es mit den Breastfeeding Dads so weitergeht, summieren sich die Abertausende sticheln-den Tweets zum Dolchstoß für die Milch-pulverkonzerne. Twitter.com/ID_AyahASI
  11. 11. 10 Sukiman Pratomo in einer der steilen Straßen des Dorfs Sidorejo. Dort leitet er das Vulkan-Info-Radio Lintas Merapi. Die Crowd hat das bessere Frühwarnsystem Als in Indonesien der Vulkan Merapi ausbrach, konnte die Regierung den Geschädigten kaum helfen. Jetzt organisieren die Menschen ihren Katastrophenschutz selbst – und besser. Wenn der Merapi ausbricht, hängt alles von den richtigen Informationen ab. Sie müssen die Menschen schnell erreichen, um Leben zu retten. Und sie müssen eindeutig Aufschluss geben über die wichtigsten Fra-gen: Wo sind die nächsten Evakuierungs-routen? Wie gelangt man zu sicheren Unterkünften? Wo gibt es Trinkwasser? Solange das nicht klar ist, bleiben alle Ret-tungsversuche im panischen Umherlaufen von flüchtenden Menschen stecken – und die Wahrscheinlichkeit, dass viele sterben, steigt. Der Merapi ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. Als er im Jahr 2006 aus-brach, zeigten sich die Behörden dem Not-stand nicht gewachsen. „Es wurden Dörfer evakuiert, die gar nicht gefährdet waren“, beschwert sich Sukiman Mochtar Pratomo. „Und dann mussten wir drei Monate lang in Auffanglagern unter schlechten Bedingungen ausharren.“
  12. 12. 11 Damit das nicht wieder passiert, schlossen sich mehrere Dörfer in der Nähe des Merapi nach dem Ausbruch zusammen. Sie verein-barten, sich künftig im Katastrophenfall gegenseitig zu warnen, und gründeten das Netzwerk Jalin Merapi. Seither hat Pratomo mit anderen eine Radiostation aufgebaut, das Lintas Merapi Community Radio im Dorf Sidorejo, das Teil des Warnsystems ist. „Als der Merapi im Jahr 2010 wieder ausbrach”, erzählt Pratomo, „haben wir unser Dorf selbst evakuiert.” Zwar starben durch den Ausbruch rund 300 Menschen. Aber ohne das Netzwerk wären es möglicherweise mehr gewesen. Das flexible Netzwerk reagierte damals schnell – im Gegensatz zu den Behörden, die sich mit Genehmigungen, Budgets und der Koordination zwischen lokalen, regionalen und nationalen Entscheidungs-gewalten herumschlagen mussten. Nur einen Tag vor dem Ausbruch, am 26. Oktober 2010, registrierten die Freiwilligen von Jalin Merapi auf Twitter den Account @jalinmerapi. Innerhalb weniger Tage folgten ihm 35.000 Menschen. Daneben versorgten die Gemeinderadios der umliegenden Dörfer die Einwohner mit zentralen Infos, und CB-Funk und SMS halfen bei der Verbreitung von Warn-meldungen. Twitter war dazu die perfekte Ergänzung – ideal, um Hilfe zu organisieren. Zum Beispiel reichte ein einziger Tweet, um nach dem Ausbruch von 2010 inner-halb einer halben Stunde Mahlzeiten für 6.000 Flüchtlinge zu beschaffen. Heute, im Frühjahr 2014, ist es ruhig in Sidorejo, dem Dorf von Lintas Merapi. Nur ein wenig Rauch steigt gemächlich aus dem Vulkan. In solchen Zeiten senden die Radio-macher Tipps und Tricks für die Bauern, sie berichten über die Wettervorhersagen, oder sie informieren generell darüber, was im Fall eines Vulkanausbruchs zu tun wäre. Ergänzt wird das Programm durch regel-mäßige Meldungen zur Lage am Vulkan. Noer Cholik am Seismografen im Vulkanologischen Institut in Yogyakarta. Über CB-Funk hält er Kontakt zu den Vulkanbeobachtern. Die erhält das Radio von Außenposten. Frei-willige aus den umliegenden Dörfern halten ständig Wache an den Flanken des Vulkans. Zusammen mit den Überwachungskameras, Sensoren und Messgeräten, die etwa die Ausdehnung des Kraterrandes messen, sind sie die eigentliche Quelle der Infor-mationen. Die Freiwilligen lassen den Krater nicht aus den Augen, und sie sind über CB-Funk ständig mit den Gemeinde-radios in Kontakt – und mit dem Vulkano-logischen Institut in der nahen, aber vom Vulkan nicht gefährdeten Dreimillionen-stadt Yogyakarta. „Als der Merapi im Jahr 2010 wieder ausbrach, haben wir unser Dorf selbst evakuiert.“
  13. 13. 12 Sukiman Pratomo im Studio. Durchs Fenster hat er den Krater des Vulkans Merapi ständig im Blick. Dort rollt Noer Cholik auf einem Bürostuhl quer durch den großen Überwachungs-raum in die Ecke, in der die CB-Funkstation knistert. Mit der einen Hand bedient er die Sprechmuschel und empfängt neueste Informationen eines Außenpostens, etwa zur Form der Rauchwolke. Mit der anderen Hand twittert er sie schon. „Anfangs waren wir zwar skeptisch. Aber Twitter ist ein guter Kanal, um die Menschen permanent mit den wichtigsten Informa-tionen zu versorgen“, sagt Cholik. Im Raum befinden sich über 30 Flachbild-schirme, auf denen Messdaten und die Aufnahmen der Überwachungskameras zu sehen sind. Im Minutentakt macht Cholik Screenshots von den Kameras und twittert die Wetterlage am Vulkan. Der Hashtag dazu: #merapi. Im Moment regnet es, noch scheint alles ruhig. Doch keine halbe Stunde später entsteht Unruhe im Überwachungsraum. Choliks Kollegen haben über Twitter erfahren, dass sich eine mittelschwere Flutwelle gebildet hat und den Hang des Merapi herabfließt. Jetzt zeigen die Überwachungskameras, wie ein Bagger und ein LKW mitgerissen werden. Choliks Kollegen werden schweigsam. Ihre Kommunikation hat sich auf Tweets und Retweets verlagert. „Twitter ist ein guter Kanal, um die Menschen permanent mit den wichtigsten Informationen zu versorgen.“
  14. 14. 13 „Twitter funktioniert bei uns so gut, weil es die Menschen zwingt, sich auf das Wichtigste zu reduzieren“, sagt Elanto Wijoyono. Er ist einer der Leute, die den Account @jalinmerapi betreuen. Im Katastrophen-fall helfen zehn Freiwillige, den Kanal mit den relevanten Informationen zu füttern. „Über Twitter erreicht man nicht nur viele Leute, sondern auch genau die richtigen“, erklärt Wijoyono. Zudem verifiziere die Crowd einzelne Tweets schnell; Fehlinfor-mationen hingegen sprächen sich schnell herum und würden ausgemerzt. Zusätzlich zu den kategorisierenden Hashtags wie #supply, #alert oder #trans für Transport geben Helfer und Bedürftige stets ihren Namen und ihre Handy-Nummer an. Auch das hilft bei der Verifizierung. So fließen Informationen über verschie-dene Kanäle zusammen und finden doch immer die richtigen Adressaten: Der CB-Funk des Außenpostens landet bei den Vulkanologen und in der Radio-station, andere Infos verbreiten sich über Handy-Messengerdienste, Tweets und Facebook. Im Zweifelsfall kann man anrufen, um Details zu klären. Der Merapi ist den Menschen in den umliegenden Dörfern heilig – und er bricht regelmäßig aus. Deshalb enga-gieren sich so gut wie alle seine Anwohner im Frühwarnnetzwerk. Wenn der Merapi aber ruhig ist, nutzen die Leute von Jalin Merapi die Zeit, Menschen am Fuß anderer Vulkane zu helfen. Etwa den Leuten am 300 Kilometer entfernten Kelud oder den Anwohnern des Sinabungs auf Sumatra, dessen Aus-bruch zwei Wochen zuvor 14 Todesopfer forderte. Auch dort gibt es Gemeinde-radios. Jalin Merapi will sie dabei unter-stützen, auch andere Medien einzusetzen. Am Merapi überall präsent: Schilder der Evakuierungsrouten. Das Prinzip des sich selbst organisierenden Katastropheninformationsnetzwerkes macht Schule. Auch der Rat für Soziale und Wirtschaftliche Fragen der Vereinten Nationen zeigte sich davon beeindruckt, als Sukiman Pramoto ihm 2013 von Jalin Merapi berichtete. Mittlerweile sind aber auch die Behörden kooperationsfreudiger. Beim Ausbruch 2010 hat sie das zivil-gesellschaftlich organisierte Katastrophen-management beeindruckt – und sein Umgang mit Informationen. „Über Twitter erreicht man nicht nur viele Leute, sondern auch genau die richtigen.“
  15. 15. 14 Das Land der Extreme Technologisch und digital halten die indischen Großstädte mit Ländern wie den USA locker mit. Die neusten Smartphones, digitale Coworking-Spaces und Hackathons gehören zum Standard. Doch auf dem Land fehlt es teilweise an gesundheitlicher Versorgung oder Nahrungsmitteln. Immer mehr Gründer versuchen mit digitalen Sozialunternehmen die Gegensätze zu vereinen, vor allem bei den Themen Gesundheitsversorgung, Bildung und Landwirtschaft. Die Millionenstädte Bangalore und Pune werden deshalb schon Silicon Valley und Palo Alto Asiens genannt. Die Regierung ist seit einigen Jahren sehr aktiv in der Digitalisierung auch der ländlichen Gegenden und fördert die Finanzierung erfolgreicher digitaler Lösungen. Entdeckungsreisende: Medje Prahm |mp@betterplace.org BIS 2020 soll jedes Dorf Breitband internet haben Nr.76 auf dem Global innovation index 15,1% nutzen das INTERNET Nr.135 auf dem Human Development index 70,8 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner „Aufgrund unserer Geografie und der Bevölkerungsanzahl wird Technologie immer wichtiger, um möglichst viele Menschen zu erreichen.“ Nelson Moses, Redakteur bei SocialStory, Indiens größtem Blog für Social Entrepreneurship
  16. 16. 15 Guter Informationsfluss: Nextdrop verschickt SMS über frisches Wasser in der Region. Auch per Handy funktioniert Logistimo, ein Medikamentenservice. Mehr Beispiele: bit.ly/handyindien Beispiel: Babajob Etwa 90 Prozent der indischen Bevölkerung arbeiten im informellen Sektor. Das heißt, sie sind Gärtner oder Hausmädchen, haben wenig Chancen auf einen „legalen“ Job und bekommen niedrigere Löhne als auf dem offiziellen Arbeitsmarkt. Die Plattform Babajob hilft dabei, Jobs im informellen Sektor, die sonst nur durch Hören-sagen „Ich dachte: Wir brauchen ein LinkedIn für Arme!“ vergeben werden, sichtbar und zugänglich zu machen. Das bedeutet mehr Chancen für Men-schen ohne Ausbildung, den Arbeitgeber zu wechseln, und mehr Lohn-Transparenz, da diese auch veröffentlicht werden. Der Gründer Sean Blagsved beschreibt seine Idee für Babajob so: „Ich dachte: Wir brauchen ein LinkedIn für Arme! Wir müssen die sozialen Netzwerke der Men-schen digitalisieren, um ihnen zu helfen, aus der Armut zu kommen.“ Also entwik-kelte er einen Marktplatz mit Jobangebo-ten, auf die sich Arbeitsuchende mit dem Computer, per SMS oder auch über einen Anruf im Callcenter bewerben können – je nachdem, zu welchen Medien sie Zugang haben und ob sie lesen und schreiben kön-nen. Mittlerweile treffen hier 1,6 Millionen Arbeit-suchende auf 100.000 Jobanbieter und können vergleichen, welche Ge-hälter geboten werden und wie weit die Ange-bote von ihnen entfernt liegen. Im Schnitt konnten die Nutzer von Babajob so ihre Löhne um 20 Prozent stei-gern. Indem sich Arbeitgeber und -nehmer plötzlich im digital-formellen Jobsektor treffen, entsteht eine neue Wertschätzung für diese Art der Anstellungen. babajob.com
  17. 17. 16 Santosh Ostwal mit seiner Erfindung, der Wasserpumpenfernsteuerung Nano Ganesh. © Santosh Ostwal Felder bewässern per Mobilfunk Der Ingenieur und Bauerssohn Santosh Ostwal entwickelte für seinen Großvater eine Handy-Fernbedienung für Wasser-pumpen. Bauern in ganz Indien nutzen seine Erfindung. Santosh Ostwal erinnert sich noch gut daran, wie mühsam das Leben früher war. Damals war er noch ein kleiner Junge, und seine Familie lebte von der Landwirtschaft. Jede Nacht musste Ostwals Großvater, ein über 80-jähriger Kleinbauer, hinaus auf die Felder, oft mehrmals. Jedes Mal ging der Großvater anderthalb Kilometer zu Fuß, um die Wasserpumpen wieder anzustellen. Sonst wären seine Feldfrüchte verdorrt. Die Pumpen brauchen Strom, aber der ist knapp im ländlichen Indien. Bis heute laufen Wasserpumpen dort meist nur nachts, und weil der Strom oft ausfällt, bleiben sie häufig stehen. Ist die Stromver-sorgung aber stabil und laufen die Pumpen die ganze Nacht, gehen Unmengen an kostbarem Wasser verloren – das auch noch viele Nährstoffe aus dem Ackerboden schwemmt.
  18. 18. 17 Die Bauern müssen also raus. Wer aber bestellt dann tagsüber die Felder oder ver-kauft die Ernte? „Der Zugang zu Strom und Wasser ist ein großes Problem für indische Kleinbauern“, sagt Ostwal. Die unzuver-lässige Stromversorgung konnte er nicht reparieren – aber Ostwal machte sich auf die Suche nach einer Möglichkeit, die Pumpen aus der Ferne zu steuern. So wollte er seinem Großvater wenigstens die nächt-lichen Fußmärsche ersparen. Zwanzig Jahre ist das nun her, und Ostwal hat es geschafft. Der heute 49-jährige Inge-nieur zückt sein Handy, wählt eine Nummer, gibt einen Code ein, und in der Ferne geht eine Wasserpumpe an oder aus. Sie wird gesteuert durch Mobilfunk und ein kleines Kästchen, mit dem die Pumpe verbunden ist. Das Kästchen ist der Stromschalter, und er wird per Mobilfunk umgelegt. Nano Ganesh hat Ostwal seine Erfindung genannt: nach dem Elefantengott Ganesha, dem Gott des guten Gelingens, der Wissen-schaft und der Händler. „Nano Ganesh ist eine ultramoderne Technologie, auf ein-fache und robuste Weise verpackt, um sie Bauern in entlegenen Gebieten überall in Indien anbieten zu können“, sagt er. Sein Großvater hat nichts mehr davon. Aber Tausende anderer Kleinbauern in Indi-en können von Nano Ganesh profitieren. 20.000 der Kästchen hat Ostwal schon ver-kauft – aber zig Millionen Wasserpumpen im Land laufen noch ohne Fernsteuerung. Santosh Ostwal hat seine Geschichte schon oft erzählt: die Geschichte des kleinen Jun-gen, der seinem Großvater helfen will und nach etlichen Fehlschlägen endlich Erfolg hat. Trotzdem erzählt er sie gern und vol-ler Stolz. Jede Frage kommentiert er mit einem lauten „Ja!“, bevor er antwortet, und er freut sich über Interesse an Details. Er erklärt alles langsam und in melodisch rol-lendem indischen Englisch. Der Zuhörer soll alles gut verstehen. Zunächst absolvierte Ostwal ein Inge-nieursstudium, dann begann er die Suche nach einer Möglichkeit, Wasserpumpen aus der Ferne zu steuern. Zehn Jahre lang brauchte er, bis das erste Modell marktreif war. Weil er keine externen Geldgeber fand, musste er die Entwicklung mit den Erspar-nissen von Freunden und seiner Familie finanzieren. Ostwal hat weder in den USA noch in England studiert, wie viele andere erfolgreiche Gründer in Indien. Er koket-tiert mit seiner einfachen Herkunft: „Ich bin der Enkel eines Bauern, meine ganze Familie besteht aus Bauern“, erklärt er. „Nano Ganesh ist eine ultramoderne Technologie, auf einfache und robuste Weise verpackt.“ Aus einem Prospekt von Nano Ganesh.
  19. 19. 18 Ein indischer Bauer testet die Wasserpumpenfernbedienung mit seinem Handy. „Deshalb kann ich auch stolz behaupten, dass ich weiß, was indische Bauern wollen, und kann nachvollziehen, wie sie denken.“ Vor fünf Jahren kam dann der Durchbruch. Ostwal bewarb sich beim Nokia Calling All Innovators Award, einem Wettbewerb für technische Neuheiten auf der Basis von Mobiltelefonen; zunächst für die Region Asien und Pazifik, dann weltweit. In Barce-lona, wo das Finale des Wettbewerbs 2009 ausgetragen wurde, stellte er sich auf die Bühne und schaltete mit seinem Handy eine Wasserpumpe in seinem Heimatort Pune an und wieder aus. Das Publikum jubelte. Ostwal gewann. Von da an stand er für den Rest des Jahres im Rampenlicht. Der „Economist“ berichtete, Ostwal hielt auf TEDx-Konferenzen Vor-träge und sprach auf dem Mobile World Congress und vor Mitarbeitern von USAID, der US-amerikanischen Behörde für internationale Zusammenarbeit. Die Preis-gelder und Honorare steckte er in die Wei-terentwicklung von Nano Ganesh. Externe Investoren hatte er immer noch keine. „Jetzt wollte ich Bauern auf der ganzen Welt helfen. Diesen großen Blick auf die Dinge hatte ich einfach nicht.“ Dafür veränderte sich Ostwals Sicht auf seine Erfindung. „Ich hatte jahrelang für meinen Traum gearbeitet. Jetzt wollte ich
  20. 20. 19 Bauern auf der ganzen Welt helfen. Diesen großen Blick auf die Dinge hatte ich einfach nicht.“ Zunächst aber geht es ihm darum, seine Erfindung in Indien zu verbreiten. „Es gibt 30 Millionen Wasserpumpen im Land. Warum sollte ich jetzt aufhören? Ich bin zu begeistert, um mich einfach so zufrie-denzugeben!“ ruft Ostwal. In fast allen indischen Bundesstaaen gebe es schon Nano-Ganesh-Pumpen. Derzeit verhandele er mit den Regierungen einiger Staaten, die den Einsatz der Pumpen durch Subventionen weiter fördern wollten. Auch mit einem Investor gebe es Gespräche. Details zu den Verhandlungen will Ostwal nicht verraten. Aber er ist optimistisch, dass bald mehrere Millionen Menschen ihr Handy als Fernbedienung für die Wasserpumpen einsetzen können und nachts nicht mehr vor die Tür müssen. Seinem Großvater hätte das sicher gefallen.
  21. 21. 20 Alles da: Technik, Bildung, Unternehmergeist Das gilt zumindest für die säkulare jüdische Bevölkerung – 75 Prozent der Israelis sind jüdisch, 10 Prozent davon sind ultraorthodox und lehnen das Internet ab. Der Nährboden für digital-soziale Innovationen ist reichhaltig: Die Bildung ist sehr gut, vor allem im tech-nischen Bereich, es herrscht Unternehmergeist und es gibt Finanzierungsmöglichkeiten, sei es mit Crowdfunding, durch ausländische Investoren oder über die gut gepflegten Netzwerke. Die Innovationen werden von vornherein eher für den internationalen Markt entwickelt, vor allem weil der israelische Markt extrem klein ist. Zurzeit gilt digital-soziales Unternehmertum noch nicht als besonders sexy. Wer das Potenzial für eine Innovation hat, möchte damit in der Regel ein erfolgreicher Unternehmer werden. Entdeckungsreisende: Sarah Strozynski | sstr@betterplace.org 60% der ca. 3.000 israelischen Schulen nutzen E-Learning 70,8% nutzen das INTERNET Nr.19 auf dem Human Development index Nr.15 auf dem Global innovation index 122,9 mobilfunk- Verträge Israel ist sicherlich eine Start-up- pro 100 einwohner „Nation. Gehirn-schmalz Aber nichts von dem wird eingesetzt, um soziale Probleme zu lösen. Alle wollen das nächste ‚Angry Birds’ gründen“. Nir Shimony, Gründer ‚Tech for Good’
  22. 22. 21 Coworking-Spaces gibt es viele in Israel: Zum Beispiel das Social Lab oder Tsofen. Als „Aloneworking-Space“ bietet sich dagegen der Strand an. Mehr über die Szene vor Ort: bit.ly/israeldigital Beispiel: „Making History: Israel on a Timeline“ „Making History: Israel on a Timeline“ ver-mittelt historisches Wissen auf Facebook. Das Projekt wurde von zwei jungen israelischen Unternehmern ins Leben gerufen, die den Geschichtsunterricht der Oberstufe an die Gewohn-heiten Jugendlicher an-passen, lebendig gestalten und kostenlos verfügbar machen wollen. Dafür bereitete das Team, beste-hend aus Entwicklern Mit dem Zweiten Weltkrieg fing es an. und Pädagogen, zunächst den Zweiten Weltkrieg so auf, dass dieser wie ein Liveticker auf Facebook neue (bzw. längst vergangene) Ereignisse in chronologischer Abfolge veröffentlicht. Die Auswahl der Daten und Fakten orientiert sich an Israels „Matriculation Exam“, das etwa dem deutschen Abitur entspricht. Be-flügelt von dem Erfolg und Zuspruch, den die Aktion hervorrief, fing das Team an, weitere Timelines zu basteln, wie etwa über die Entstehung Israels und die Geschichte jüdischer Siedlungen im Mittelalter. Facebook kann also mehr, als nur mit Videos von Katzenbabys unterhalten. Es kommt drauf an, was man draus macht.
  23. 23. 22 In der digital-sozialen Landschaft Afrikas gilt Nairobi als Hotspot. Ja, es ist hot in Kenia, aber überschätzen sollte man die Szene nicht. Vor allem der iHUB in Nairobi, ein Coworking-Space, aus dem schon über 150 digitale Projekte hervorgegangen sind, genießt relativ viel Aufmerksamkeit in internationalen Medien und bei Investoren. Auch gibt es Awards für digitale Entrepreneure. Doch Kritiker sagen, dass kenianische Start-ups überfinanziert sind. Klar ist: Viele kenianische Entrepreneure sind gut ausgebildet und bewegen sich geschickt in der Welt der Elevator-Pitches. Sie sind mit Smartphones immer online. Immerhin 39 Prozent der Bevölkerung nutzen das Internet. Die digitale Elite steht allerdings im Kontrast zur breiten Bevölkerung, die zur Hälfte unter der Armutsgrenze lebt – Tendenz steigend. Entdeckungsreisende: Kathleen Ziemann | kazi@betterplace.org 39,0% nutzen das INTERNET Nr.85 auf dem Global innovation index Nr.147 auf dem Human Development index 70,6 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner „Social Entrepreneurship hat in Nairobi Fortschritte gemacht . Nairobi ist wie ein Hub, der diese Themen anzieht und bekannter macht . Auch weil es wirtschaftlich so stark ist.“ Victoria Nyakundi, Financial Officer, Ashoka East Africa >17 MiO Kenianer nutzen das mobile Bezahlsystem mPesa
  24. 24. 23 Der iHUB in Nairobi: Wohl der bekannteste Coworking-Space der digital-sozialen Bewegung weltweit. Wie das Beispiel Akirachix dort mehr Mädchen an die Computer kriegen will? So: bit.ly/ihubnairobi Gemüsehändler und Kioskbesitzer spielen für die Ernährung in Nairobis Slums eine wichtige Rolle. Doch weil sie nur in kleinen Mengen ein- und verkaufen können, müssen sie ihre Preise entsprechend hoch ansetzen. Großabnehmer können insgesamt viel günst-iger einkaufen und dann auch den Endab-nehmern bessere Preise SokoText sammelt die Bestellungen der Gemüsehändler aus dem Slum und kauft für sie billiger auf dem Großmarkt bieten. Das Social Business SokoText will mithilfe von SMS-Sammelbestellungen auch Klein-händlern ein. die Großhändlerpreise ermög-lichen. So funktioniert's: Der Gemüsehändler sendet seine Bestellung per SMS an die SokoText-Sammelnummer: zwölf Kilo-gramm Bohnen und fünf Kilogramm Tomaten. SokoText sammelt die Bestel-lungen der Gemüsehändler aus dem Slum und kauft auf dem Großmarkt ein. In einem Sammelladen im Slum gibt SokoText dann die Bestellungen an die Kleinhändler ab. Fünf internatio-nale Studenten haben das Projekt im Mai 2014 mit einem ersten Shop im Slum Mathare gestartet und für ihre Idee schon mehrere Förderungen und Preise bekommen. sokotext.com Beispiel: SokoText
  25. 25. 24 Digital-sozial steht das Land noch am Anfang. Der Strom fällt regelmäßig aus, und im Sandstraßensystem von Daressalam versagt Google Maps. Nur 4,4 Prozent der Bevölkerung nutzen das Internet. Das klingt wenig, ist aber eine rasante Entwicklung: In nur fünf Jahren hat sich die Zahl der Internetnutzer mehr als verdoppelt. Und über die Hälfte der Tansanier hat ein Handy. In den Großstädten gewinnen digital-soziale Arbeitsräume und Ideen an Bedeutung. In Daressalam gibt es schon drei Coworking-Spaces. Der BUNI Hub wird auch durch die Regierung unterstützt. Doch geht es noch eher um die Grundlagen des HTML als um die perfekte Website. Dementsprechend gibt es nur wenig etablierte Beispiele aus Tansania, dafür aber einige spannende Pilotprojekte. Entdeckungsreisende: Kathleen Ziemann | kazi@betterplace.org 4,4% nutzen das INTERNET Keiner der 3 hubs befindet sich in der Hauptstadt Dodoma Nr.123 auf dem Global innovation index Nr.159 auf dem Human Development index 55,7 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner „Wir arbeiten hier vor allem daran, das Mindset für erfolgreiche Entrepreneure zu schaffen ... aber Ideen werden nicht miteinander geteilt, dabei ist das doch ganz wichtig, um sich stetig zu verbessern!“ George Mulamula, CEO, DTBi Business Incubator
  26. 26. 25 In Tansania ist Facebook sogar auf dem Meer präsent (Aber Achtung vor den Daten-Kraken!). Unter anderem kämpft auf Facebook die Tanzanian Albinism Society für Menschen mit Albinismus: bit.ly/albinismus „In Tansania haben mehr Menschen Zugang zu Handys als zu sauberem Trink-wasser“, sagt Annie Feighery, Geschäfts-führerin von mWater. Deshalb testen Gesundheitshelfer mithilfe der Smart-phone- App die Qualität von Trinkwasser und veröffentlichen die Er-gebnisse auf einer Online- Karte. Zunächst regis-trieren die Helfer die „90.000 Menschen sollen dank der App sauberes Wasser trinken können.“ Wasserstellen und deren GPS-Daten in einer Datenbank. Dann nehmen sie Wasserproben an Brunnen oder Wasserhähnen. Die Proben werden über Nacht in Plastiktüten angesetzt, die vorbe-handelt sind und durch Färbung des Wassers zeigen, ob es die schädlichen E.-Coli- Bakterien enthält. Ist das Wasser am nächsten Morgen gelb, kann man es trinken. Ist es grünlich, enthält es zu viele gefährliche Bakterien. Das Ergeb-nis des Tests trägt der Gesundheitshelfer per App ebenfalls in die Online-Karte ein. Mithilfe dieser Daten soll die Gesundheitsbehörde den Zugang zu sauberem Wasser verbessern. 400 Wasserstellen wur-den bereits getestet – viele werden folgen. Etwa 90.000 Menschen werden von dem Einsatz der App im Rahmen eines Pilotprojekts in Mwanza profitieren. mWater steht übrigens als Open-Source-Software jedem Interes-sierten kostenlos zur eigenen Verfügung. mwater.co Beispiel: mWater
  27. 27. 26 Die „Vision 2020“, also der Weg von der Subsistenz-wirtschaft zur Wissensgesellschaft, hat einen kleinen Internet-Boom in Ruanda ausgelöst. Das kLab, ein Coworking-Space mit besten Bedingungen, gibt es seit 2012 und hat eine winzige Start-up-Szene hervorgebracht. Erste Ideen sind vorhanden, an Umsetzungen mangelt es aber. Die Regierung unter dem umstrittenen Präsidenten Kagame geht selbst voran: In ihren fünf Fokusfeldern Agriculture, Local Government, Health, Education und Finance gibt's jeweils ein halbes Dutzend digital-sozialer Services. Einige NGOs adaptieren international erprobte digitale Systeme für Ruanda. Generell ist die Handyverbreitung hoch, das Internet noch lange kein Massenmedium. Auch deshalb gibt's (noch) kaum digi-tal- soziale Innovationen in dem kleinen, rohstoffarmen Land in Ostafrika. Entdeckungsreisender: Moritz Eckert | me@betterplace.org Nr.102 auf dem Global innovation index 8,7% nutzen das INTERNET Nr.151 auf dem Human Development index 56,8 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner. aber es haben nur 15% Strom „Früher sind die Menschen mit tollen Ideen im Kopf gestorben. Dank des Internets und seiner niedrigen Einstiegshürden können nun viel mehr Ideen umgesetzt werden.“ Emmanuel Amani Kayitaba, Director IKT, Infrastrukturministerium
  28. 28. 27 Das kLab in Kigali: Beste Bedingungen für Start-ups – und Kickerspieler. Wie der Wegbereiter des digitalen Wandels, Präsident @PaulKagame, mal plötzlich aufhörte zu twittern: bit.ly/kagametwittert Beispiel: TechnoServe Früher waren Kaffeefarmer in Ruanda arm dran. Zur Buchhaltung gab es nur Papier. Die Daten waren schwer zu analysieren, zum Beispiel, um sich mit Kollegen zu ver-gleichen oder aus vergangenen Fehlern zu lernen. Vielleicht aber das wichtigste Problem: Sie hatten weit weg von jeglicher mo-derner Kommunikation und weit übers Land verstreut schlechten Zugang zu Investitions-kapital für neues Mate-rial und Gerätschaften. ... verhilft nicht nur dem Kaffeefarmer zu mehr Effizienz, sondern auch den jeweiligen Die NGO TechnoServe löst diese Prob-leme mit einem SMS-Service. Schließlich haben inzwischen mehr als die Hälfte aller Ruander ein Handy. Damit schicken Kaf-feebauern per SMS ihre aktuellen Zahlen über vorrätigen Kaffee sowie ihre finan-zielle Situation an ein zentrales System von TechnoServe. Das verhilft nicht nur dem Kaffeefarmer zu mehr Effizienz, sondern auch den jeweiligen Investoren. Die sehen dadurch das erste Mal transparent, welche Kooperative besser und welche schlechter arbeitet – und wo sie mehr Tipps geben können oder Geld investieren sollten. Das SMS-System wurde an-fänglich von der Gates-und der Rabobak-Stiftung finanziert. Seit 2014 soll es nachhaltig über die Kaffeefarmer selbst be-zahlt werden, die für die Nutzung einen kleinen Betrag zu entrichten haben. In Ruanda nutzen es bereits 53 von 215 Kaffee-kooperativen erfolgreich. Darauf einen Latte macchiato – natürlich Fair Trade und aus Ruanda! technoserve.org/our-work/ where-we-work/country/rwanda Investoren.
  29. 29. 28 Kurze Werbepause – was das betterplace lab macht, wenn es nicht unterwegs in der Welt ist. Das labtogether. Die coolste digital-soziale Konferenz Der Trendreport. Trends are our friends – besonders im Bereich digital-sozial. Der Trendreport kennt sie alle und untermauert jeden mit spannenden Beispielen aus aller Welt. Das Ganze gibt's als Buch und online unter trendreport. betterplace-lab.org Schon durchgesurft? Deutschlands findet 2014 bereits zum dritten Mal statt. Spannende Speaker, neue Kollaborationsformate und Hunderte Gäste kommen am 06. Novmber 2014 in Berlin zusammen. Schon angemeldet? Das NGO-Meter. Besser werden im Online-Fundraising. Das NGO-Meter ist eine Vergleichsmöglichkeit für Organisationen, die online Spenden sammeln. Zweimal jährlich werden Fundraising- Daten erhoben und anonymisiert ausgewertet. So kann sich jede Organisation mit ihren Marktteil-nehmern messen. Schon eine Eins im Online-Fundraising?
  30. 30. Vorträge. „Wie Internet und Handy weltweit das Leben verbessern.“ Darüber können wir dir einiges erzählen. Gerne halten wir Vorträge vor Unternehmen, Agenturen oder NGOs. Als Inspiration für deine Mitarbeiter, Geschäftspartner – oder für dich selbst. Schon neue Impulse gekriegt? digital – sozial phänomenal ! Jetzt Kontakt aufnehmen! lab@betterplace.org oder +49 (0)30 76764488-46 29 Studien, Workshops und Konzepte. Wir wissen was, was du nicht weißt. Davon sind wir überzeugt. Und viele andere. Deshalb erarbeiten wir gemeinsam mit Unternehmen wie SAP und Telefónica sowie Stiftungen wie der Millicom Foundation und der Benckiser Stiftung erkenntnisreiche oder aktivierende Inhalte – egal ob digital oder auf Papier. Schon bei uns angerufen?
  31. 31. 30 In Ghana herrscht ein fast grenzenloser Technikoptimismus. Von der Regierung bis zu Agenturen der Entwicklungszusammenarbeit sehen viele be-sonders in Internet-Start-ups einen Motor für die Zukunft des Landes. Dieser Optimismus ist vor allem bei vielen Jungunternehmern zu finden – junge, gut ausgebildete Menschen mit großen Plänen. Sie profitieren vor allem in Accra von Investoren und Stiftungen, die sich zunehmend auch für Märkte außerhalb Kenias oder Südafrikas interessieren. In der Haupt-stadt bieten zahlreiche Tech-Hubs bezahlbare Räumlichkeiten für die Jungunternehmer, die sich von der alten Infrastruktur der klassischen, oft wenig digitalen NGOs absetzen wollen. Die Neuen haben keine Bedenken, auch Gewinne zu erwirtschaften, und sind der Über-zeugung, dass die Lösungen für die Probleme des Landes im Digitalen zu finden sind. Entdeckungsreisender: Ben Mason | bma@betterplace.org 15.000 USD/Monat zahlt die Meltwater Entrepreneurial School für internet 108,2 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner 12,3% nutzen das INTERNET Nr.96 auf dem Global innovation index Nr.138 auf dem Human Development index „Um in Afrika ein großes Digitalunternehmen zu werden, muss man eins der großen sozialen Probleme lösen.“ William Senyo, Mitgründer, SliceBiz
  32. 32. 31 Sogar Ghana hat seine Coworking-Spaces, wie das iSpace in Accra. Wer dort krank wird, nutzt am besten eHealth Ghana, einen Skype-Service mit Ärzten. Dies und mehr Beispiele: bit.ly/skypearzt Beispiel: Open University of West Africa Warum sind MOOCs in Westafrika kein Erfolgsmodell? Immerhin kann man in den Massive Open Online Courses kostenlos aus Vorlesungen von interna-tional renommierten Professoren lernen! Und viele Millionen junge Afrikaner, die studieren möchten, es sich aber nicht leisten können, haben zuneh-mend Zugang zum Inter-net. An den MOOCs „Die Zahl der Studenten, die einen Kurs beendet haben, hat sich versiebenfacht.“ nehmen sie trotzdem kaum teil. Die Open University West Africa in Ghana (OUWA) möchte das ändern. Deshalb fördert sie nicht nur den Zugang zum Internet, sondern bietet auch andere Anreize: Wer beispielsweise sieben MOOCs erfolgreich absolviert, dem winkt ein Job an der Uni oder in deren Netzwerk. „So hat sich die Zahl der Studenten, die einen Kurs beendet haben, versiebenfacht“, sagt John Roberts, Mitgründer und Präsident der OUWA. Mehrere Hundert Studenten haben bereits ein Studium an der Open University absolviert. Die Kombi-nation aus freien Online- Inhalten und einem Off-line- Netzwerk, etwa mit anderen Unis oder Aus-bildungsprogrammen von Krankenhäusern, fördert das Wachstum des Modells. Ein weiterer wichtiger Schritt wird die An-erkennung der Abschlüsse sein: Dazu ist die OUWA gerade mit Universitäten aus Europa und den USA im Gespräch.
  33. 33. 32 Senegal ist das hellste Licht in der digital-sozialen Szene des frankophonen Westafrikas. Doch obwohl viele Projekte aufkeimen, konnte noch keins größere Wirkung zeigen. Viele Menschen sind inspiriert vom Ideal des Sozialunternehmertums. Und weil sich zumindest in den Großstädten Internet und Smartphones immer weiter verbreiten, versuchen auch viele Menschen, soziale Innovationen zur Verbesserung der Lebensumstände zu nutzen. Dabei helfen ihnen zahlreiche Hubs und Netzwerke, aber es gibt auch Hindernisse: Die Regierung interessiert sich nicht für digital-soziale Themen, außerdem gibt es kaum Investoren oder Finanzierungsmöglichkeiten für Projekte der angehenden Sozialunternehmer. Entdeckungsreisender: ben mason | bma@betterplace.org 5 Tech Hubs wurden seit 2010 in Dakar gegründet 20,9% nutzen das INTERNET Nr.98 auf dem Global innovation index Nr.163 auf dem Human Development index 92,9 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner „Digital-soziale Innovationen in Senegal: Es köchelt schon, aber aufgetischt ist noch lange nichts.“ Alexandre Rideau, Gründer RAES
  34. 34. 33 Kein Hardware-Mangel bei RAES, einer NGO, die Bildung übers Web verbreitet. Aber haben französischsprachige Länder Afrikas ein digital-soziales Sprachproblem? Die Antworten: bit.ly/sprachproblem Als der damalige Präsident Senegals, Wabe, 2012 entgegen der geltenden Ver-fassung eine dritte Amtszeit plante, freuten sich seine Unterstützer, während bei der Opposition die Gemüter überkochten. Für viele Menschen war es der Grund, im Vorfeld der Wahl eine Online- Initiative zu starten, deren Netzwerke noch heute zusammenarbei-ten. Bürger können online kommentieren, ob Wahlversprechen eingehalten wurden. So versorgte die SUNU2012 Initiative die Wähler mit Informationen zu den verschiedenen Kandidaten und ihren Programmen. Online legte sie Profile der 14 Kandidaten an und schickte ihnen einen Login, damit sie ihr Profil vervollständigen konnten – was auch fast alle taten. Am Tag der Wahl überwachte ein landesweites Netzwerk von Freiwilligen die Urnengänge und machte die Beobachtungen unter dem Hashtag #sunu2012 öffentlich. Seit der Wahl hat sich die SUNU2012 Initiative zu einer Online-Plattform gewandelt, auf der man politische Fakten checken und sich über zivilge-sellschaftliches Engage-ment informieren kann. Auch mehrere Hundert Wahlversprechen der Regierung sind dort gelistet, und die Bürger können online kommentieren, ob sie eingehalten wurden. Wabe wurde übrigens nicht wiedergewählt. Twitter.com/ sunu2012 Beispiel: Sunu2012
  35. 35. 34 Ein digitaler Riese. Mit 86 Millionen Nutzern ist Brasilien das viertgrößte Internetland und bildet auf Facebook sogar die weltweit zweitgrößte Gemeinschaft. Über die Hälfte der Brasilianer sind unter 30 Jahre alt, über die Hälfte der Brasilianer sind also Digital Natives und offen für fast jede App oder Internet-Dienstleistung. Zudem entsteht gerade eine neue Mittelschicht, die vor allem in Großstädten lebt und Zugang zu den staatlich geförderten neuen Technologien hat. Vor allem Probleme der politischen Transparenz, Mitbestimmung und Urbanisierung treiben die digital-soziale Innovationen an – es gibt Apps zum städtischen Gärtnern, Karten von Infrastrukturproblemen, Petitions- und Watchdog-Plattformen für oder gegen Regierung und Verwaltung, die alle oft auf das Engagement einzelner engagierter Bürger zurückgehen. Entdeckungsreisende: anja adler | anja.adler@uni-due.de Nr.61 51,6% nutzen das auf dem Global innovation index INTERNET Nr.79 auf dem Human Development index 135,5 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner erkämpften „Als die Diktatur 1985 endete, wir erkämp-ften uns das Recht zu sprechen, wir uns aber nicht das Recht, gehört zu werden. Jetzt schaffen wir eine Kultur, in der die Regierung ihre Bürger hört!“ Leonardo Eloi, Product Director, Meu Rio In Rios gröSten Favelas haben 90% der Leute unter 30 einen InternetanschluS
  36. 36. 35 Im Rio Center of Operations: Die von IBM gesponserte Kontrollzentrale der „Smart City“ Rio de Janeiro. In ärmeren Gegenden dagegen nutzen die Menschen das „Favela-WLAN“. Mehr: bit.ly/favelawlan Beispiel: Pimp My Carroca Wenn die Regierung ein Problem nicht sehen will, dann muss man es einfach be-sonders bunt anmalen. Das versucht zu-mindest der junge Straßenkünstler Thiago Mundano und sein Projekt Pimp My Car-roca. Vor sieben Jahren hat er damit angefangen, ca. 200 Wagen der Müll-sammler in São Paulo zu Gerade arbeitet Thiago Mundano an einer App, die Recycling-Punkte auf einer Karte darstellt. gestalten, um auf deren Ausgrenzung soziale Probleme aufmerksam zu machen. Die Carrocas sammeln über 90 Prozent des Mülls, eine mehr als notwendige Leistung für brasilianische Großstädte. Doch die Verwaltung will sich weder deren Problemen annehmen noch das Projekt unterstützen. Die Müllsammler leisten Schwarzarbeit und damit will sich niemand assoziieren. Mundano organisiert deshalb in den Straßen und auf Facebook und Twitter mit den bunt bemalten Müllwagen on- und offline Protestaktionen. Er finanziert das Projekt bisher komplett über die Online-Crowdfunding-Plattform Catarse. Gerade arbeitet er an einer App, die sowohl die verschiedenen Recycling- Punkte als auch die Müllsammler auf einer Karte darstellt. Die Car-rocas sollen dafür zu-künftig GPS-fähige Smart-phones bekommen. Allein für São Paulo braucht er 20.000 Stück und ungefähr 150.000 US-Dollar für die nächsten zwei Jahre für Kurse, Handys und die Weiter-entwicklung der Plattform. Er sucht gerade nach Unterstützung – von Stiftungen beispielsweise –, aber will momentan auch unabhängig bleiben. Im Notfall heißt das, dass er einmal mehr seine Online-Unter-stützer mobilisieren muss. pimpmycarroca.com
  37. 37. 36 Digital-sozial hängt Bolivien hinterher. Die digitale Infrastruktur entwickelt sich nur schleppend, und das Bewusstsein, dass Technologie und Internet ein Hebel für sozialen Fortschritt sind, ist kaum vorhanden. Zwar nutzen auch immer mehr Bolivianer Handys, doch meist nur zum Telefonieren, da das Internet langsam und lückenhaft ist. Die Regierung hat den Ausbau des Internets auf ihrer Agenda, und es gibt auch einige digital-soziale Projekte im Agrar- und im Bildungssektor sowie eine kleine Blogger-Community. Von einer dynamischen Start-up-Szene kann jedoch nicht die Rede sein. Ein Grund hierfür ist der stark regulierte und monopolisierte Telekommunikationsmarkt. Außerdem gibt es kaum IT-Spezialisten im Land, und es herrscht eine unterschwellige allgemeine Technoskepsis. Entdeckungsreisende: Mareike Müller | mareikemueller@outlook.com 295 MIo USD kostete der erste bolivianische Telekommunikations- satellit 39,5% nutzen das INTERNET Nr.111 auf dem Global innovation index Nr.113 auf dem Human Development index 97,7 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner „Es gibt in Bolivien noch keine digitale Kultur.“ J. Eduardo Rojas, Fundación Redes
  38. 38. 37 Ein Bild, das zum unten genannten Beispiel passt: Bäuerinnen nehmen für die Stiftung PROINPA Tutorials zum Thema Landwirtschaft auf. Mehr aus Bolivien unter: bit.ly/mehrbolivien | © Jaime Cisneros Die Stiftung PROINPA nutzt digitale Werkzeuge, darunter vor allem Video und SMS, um ländliche Kleinbauern in Bolivien über neue technologische Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Dieser Wissens-transfer ist wichtig, damit die Bauern wettbewerbs-fähig bleiben und ihr Ein-kommen sichern können. PROINPA hat schon mehr als 11.000 Kartoffel- und Quinoa- Bauern erreicht. PROINPA bildet dazu Promotoren aus und stellt Kameras und Laptops bereit. In ihren Gemeinden lernen die Bauern, ihr Wissen, etwa über natürliche Düngemittel, in Videos festzuhalten. Diese Videos werden in anderen Gemeinden später auf großen Leinwänden gezeigt, damit andere Bauern von dem Wissen pro-fitieren können. PROINPA ist fast überall in Bolivien vertreten und hat schon mehr als 11.000 Kartoffel- und Quinoa-Bauern und ca. 45.000 indirekt Begünstigte in ca. 400 Gemeinden erreicht. So konnten die Bauern durch verbesserte Ernten bereits einen jährlichen Einkommenszuwachs von insgesamt fünf Millionen US-Dollar verzeichnen. PROINPA gehört zum bolivianischen Netzwerk Red TIC Bolivia und wird unter-stützt von dem holländischen Konsortium Connect4Change. proinpa.org Beispiel: Proinpa
  39. 39. 38 Das Netz lässt alte Sprachen überleben Jahrhundertelang wurden Sprachen und Kulturen der bolivianischen Ureinwohner unterdrückt. Jetzt blühen Quechua und Aymara auf – dank des Internets. Karina Valda und ihre Großmutter leben im gleichen Land, aber es trennen sie Wel-ten. Ihre Oma ist Teil von Karinas Leben – und doch konnten sich beide bisher nicht einmal richtig unterhalten. Die 18-jährige Karina ist in Boliviens Hauptstadt Sucre aufgewachsen; sie trägt moderne Kleidung und spricht Spanisch. Ihre Großmutter lebt mehr als 150 Kilo-meter entfernt im Ort Villa Orías auf dem Land, trägt traditionelle Tracht und spricht Quechua, die Sprache ihres gleich-namigen Volkes. Alle im Dorf sprechen so. Für Karinas Großmutter ist Spanisch wie eine Fremdsprache. Karina aber kann kein Quechua. „Meine Eltern konnten sich nicht vorstellen, dass Quechua weiterhin wichtig sein würde, als sie in die Stadt zogen“, erzählt sie. „Deshalb haben sie uns Kindern nur Spanisch beigebracht.“ Aymara in ihrer traditionellen Tracht © VocesBolivianas
  40. 40. 39 Für das Gespräch mit ihrer Großmut-ter lernt sie nun Vokabeln mithilfe von YouTube. Dort gibt es kostenlose Video- Tutorials. Bald, so hofft sie, wird sie genug Quechua können. In der Schule war die alte Sprache für Karina kein Thema. Boliviens indigene Völker, ihre Kultur und Sprachen wurden von den offiziellen Institutionen des Landes lange gering geachtet. Auch deshalb gaben viele Eltern ihre Muttersprache nicht mehr an die Kinder weiter und erzogen sie auf Spanisch. Seit mit Evo Morales aber ein Indio zum Präsidenten gewählt wurde, haben die alten Traditionen mehr Gewicht. Ihre Pflege ist ein erklärtes Ziel von Morales' Politik. Seine Regierung hat sich damit viel vorge-nommen: Neben Spanisch hat Bolivien 36 weitere offizielle Landessprachen. Die meisten werden von viel weniger Menschen gesprochen als Quechua und Aymara. Doch selbst diese beiden stuft die Unesco als gefährdet ein. Weltweit gibt es mehr als 6.500 gespro-chene Sprachen. Alle zehn Tage verschwin-det eine davon, mindestens die Hälfte wird voraussichtlich im 21. Jahrhundert aussterben. Bedroht sind vor allem die Sprachen von Minderheiten. Das ist auch in Bolivien so, trotz Evo Morales. Immerhin hat seine Regierung die alten Sprachen inzwischen zu Pflicht-schulfächern gemacht. Ginge Karina Valda noch zur Schule, würde sie heute vermut-lich dort Quechua lernen. Und vielleicht würde sie dabei die Software von Itati Tórrez nutzen. Itati Tórrez ist selbst noch Schülerin. Die 14-Jährige hat eine interaktive Lernsoft-ware mit dem Namen „Aymarat aruskipta-siñani“ entwickelt, „sprechen wir Aymara“ heißt das auf Deutsch. Ein interaktiver Tutor führt spielerisch durch vier Lernein-heiten, danach gibt es eine Evaluation – auf Aymara. Zwei Jahre hat Itati gebraucht, um die Software zu entwickeln. Am Anfang stand eine Schulaufgabe. Im IT-Unterricht sollte Itatis Klasse eine Lernsoftware bauen. Auf die Idee, daraus ein Aymara-Programm zu machen, kam die Schülerin durch ihre Mutter. Sie ist Sprachwissenschaftlerin und arbeitet in der Erwachsenenbildung. „Meine Mutter hat mir bei der Entwick-lung der Inhalte geholfen“, sagt Itati. Mittlerweile arbeitet sie an der zweiten, weiterführenden Folge ihres Programms, und sie hat ihre Software patentieren „Neben Spanisch hat Bolivien 36 weitere offizielle Landessprachen.“ Ein Lehrer und seine Lernsoftware. © Educ@tic.org
  41. 41. 40 Jaqi aru: Eine von mehreren Initiativen, die für den Erhalt von Aymara arbeiten. lassen. Noch in diesem Jahr soll „Aymarat aruskiptasiñani“ an bolivianischen Grund-schulen im Aymara-Unterricht eingesetzt werden. Selbst nach Chile hat Itati ihre Entwicklung schon exportiert, dort soll das Programm im Unterricht für die Sprache der Mapuche, Mapudungún, eingesetzt werden. In Bolivien gibt es viele weitere Beispiele, die zeigen, wie moderne Technik hilft, die alten Sprachen zu bewahren. So hat die gemeinnützige Organisation Educ@tic bereits über 200 Computerspiele für den Unterricht auf Quechua, Aymara und wei-teren Sprachen entwickelt. “Die Blogger-Gemeinschaft Jaqi-Aru will die Aymara-Sprache im Cyberspace verbreiten.“ Die Blogger-Gemeinschaft Jaqi-Aru („Die Stimme des Volkes“) will die Aymara- Sprache im Cyberspace verbreiten. Jaqi-Aru hat sich Global Voices.org ange-schlossen, einer weltweiten Blogger- Bewegung, die Menschen abseits der Mainstream-Medien eine Stimme gibt. Weltweit genutzt werden kann auch Atamiri („Kommunikator“), ein vom
  42. 42. 41 bolivianischen Mathematiker Ivan Guzman de Rojas entwickeltes Programm zur Simultanübersetzung in zwölf Sprachen. Atamiri ist auf den Algorithmen und der Syntax von Aymara aufgebaut und stellt Onlineübersetzer wie Google Trans-lator in den Schatten. Die dazu gehörende Chatsoftware „Qopuchawi“ kann kostenlos im Internet heruntergeladen werden. Sie ermöglicht es zum Beispiel einem Fran-zosen, in seiner Muttersprache mit einem Brasilianer zu kommunizieren und dessen Antworten simultan übersetzt zu erhalten. Auch Quechua, die Sprache von Karina Valdas Großmutter, wurde digital wieder-belebt. Selbst die Multis Google und Micro-soft spielen in der Renaissance eine Rolle: Google startete eine Suchmaschine in Quechua, Microsoft brachte eine Version von Windows und Office in Quechua heraus. Durch die Verschriftlichung und den digi-talen Austausch werden die alten Sprachen standardisiert. Das helfe, sie zu erhalten, sagen Fachleute. Im Web präsente Sprachen seien für die jeweiligen Sprecher ein wichtiger Zugang zur Welt, erklärt Nikolaus Himmelmann, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für bedrohte Sprachen – und eine Manifestation der eigenen Identität. Die ganz modern aufge-wachsene Karina Valda würde das vermut-lich genauso sehen.
  43. 43. 42 Kolumbien ist in Aufbruchsstimmung. In der zwar noch jungen, aber sehr dynamischen digitial-sozialen Start-up-Szene sprießen Inkubatoren wie Unkraut aus den Hubs und Coworking-Spaces. Die Regierung hat das Potenzial der digitalen Technologien erkannt und fördert den Ausbau digitaler Infrastruk-turen, etwa im „Silicon-artigen“ Arepa Valley. Die staatliche Initiative Apps.co unterstützt die Entwicklung von Smartphone-Applikationen. Im vergangenen Jahr wurden auch erstmals die Apps mit der größten sozialen Wirkung ausgezeichnet. Verschiedene Akteure aus dem Social-Business-Sektor buhlen um die CSR-Gelder großer Unternehmen, denn es gibt kaum Risikokapital für die Startfinanzierung. Bisher gibt es noch keinen Export-schlager unter den digital-sozialen Innovationen, da die meisten Lösungen einen lokalen Ansatz verfolgen und eher langsam skalieren. Entdeckungsreisende: Mareike Müller | mareikemueller@outlook.com 896 App-Entwicklungen hat die staatliche Initiative Apps.Co schon unterstüzt 51,7% nutzen das INTERNET Nr.68 auf dem Global innovation index Nr.98 auf dem Human Development index 104,1 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner „Im März 2013 wählte das Urban Land Institute Welt 2013, Medellín zur innovativsten Stadt der noch techno-logischen vor New York und Tel Aviv. Wir sind zwar nicht auf dem gleichen Niveau, was die Innovationen betrifft, aber was die sozialen Innovationen betrifft, schon“. Rocío Arango Goraldo, Ruta N
  44. 44. 43 Bogotá hat das bogohack, ein Innovationslabor, das auf freies Wissen setzt. Medellín ist schon weiter: Von der Drogenhochburg zur Innovationsmetropole – wie ging das bitte schön? bit.ly/hochburg Conexión Colombia ist das kolumbia-nische Pendant zu betterplace.org. Die Online-Spendenplattform wurde 2003 ge-gründet und hat in den letzten zehn Jahren über 26 Millionen US-Dollar gesammelt und an soziale Projekte in Kolumbien weiter-geleitet. Die Projekte auf der Plattform sind kleine lokale Initiati-ven, die im Vorfeld Insgesamt haben schon mehr als 360.000 Menschen in Kolumbien von den Spenden der Plattform profitiert. auf ihre Wirkung und Qualität geprüft wurden. Insgesamt haben schon mehr als 360.000 Menschen in Kolumbien von den Spenden der Plattform profitiert. Ursprünglich sollte Conexión Colombia Spenden aus der kolumbianischen Diaspora für Projekte in der Heimat mobilisieren. Mittlerwei-le kommen die meisten Geld-, Sach- und Zeitspenden aus Kolumbien selbst, gefolgt von Mexiko, den USA, Spanien, Frank-reich und Großbritannien. Die Plattform leitet 100 Prozent der Spenden weiter. Die Spender können Conex-ión Colombia zwar mit einer Mitspende unter-stützen. Die Plattform finanziert sich aber hauptsächlich durch Kooperationen mit ver-schiedenen Unterneh-men, darunter DHL Express, CredibanCo und PWC. Conexión Colombia legt Wert auf Transparenz und veröffentlicht alle Zahlen, Wirkungsanalysen und Projekt-berichte. conexioncolombia.com/ Beispiel: Conexión Colombia
  45. 45. 44 Der Transformationsprozess in Costa Rica hin zur digitalen Gesellschaft läuft mit hohem Tempo. Dank eines guten Bildungssystems, der Nähe zur USA und einer guten Internet- und Handyabdeckung hat sich eine kleine Start-up-Szene herausgebildet. Davon abseits steht die digital-soziale Szene. Digital-sozial ist ein Nischenthema, dazu ein sehr junges und ein rein urbanes. Entsprechende Innovationen kommen aus einer kleinen Social-Entrepre-neurship- Gruppe, meist aus Uni-Inkubatoren. Einige Unternehmen mischen auch mit, etwa aus der einheimischen IKT- oder Agenturszene. Die Regierung hat schon Hackathons veranstaltet, zum Beispiel gegen das Rauchen. NGOs nutzen das Internet ganz selbstver-ständlich, sind aber selten Treiber der Dynamik in Costa Rica, dem innovativsten und stabilsten Land Zentralamerikas. Entdeckungsreisender: Moritz Eckert | me@betterplace.org Nr.57 auf dem Global innovation index 332% wachstum im mobilen Internet-Traffic 2012-2013 „Es gibt keine Vorbilder in Sachen Social Entrepreneurship – wir müssen immer in die USA gucken.“ Federico Halsband, Entrepreneur Nr.68 auf dem Human Development index 146 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner 46% nutzen das INTERNET
  46. 46. 45 Bitte gar nicht erst anfangen: Eine App inklusive Mundstück, um als Raucher zu wissen, welche Schadstoffe man einatmet. Weiteres, zum Beispiel aus dem Online-Wahlkampf, unter: bit.ly/onlinewahlkampf „Upe! Be a traveller – not a tourist“, lautet das Motto der Plattform UPEPlaces aus Costa Rica. Die Website bringt aben-teuerlustige Reisende mit kleinen lokalen Communities zusammen. Dort wohnen und leben sie direkt mit den Einhei-mischen. Die Idee „Eines Abends irgendwo auf dem Land sah ich nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder schläfst du jetzt auf der Straße oder du klingelst an einer Haustür.“ dazu kam Gründer Omar Castillo bei einer Reise nach Peru: „Eines Abends irgendwo auf dem Land sah ich nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder schläfst du jetzt auf der Straße oder du klingelst an einer Haustür.“ Er entschied sich für Letzteres. Und die darauffolgenden Tage wurden so zu den intensivsten Reiseerlebnissen seines Lebens. Im Unterschied zur großen Konkurrenz wie Airbnb & Co sieht sich UPEPlaces nicht als „Wohnungs-Vermittler“, sondern als „Experience-Vermittler“. 2013 nutzten die ersten 500 Reisenden den Service. Wenn alles gut geht, bietet UPEPlaces sowohl den meist von jeglichem Tourismus abgeschiedenen Communities eine Perspektive als auch einer immer stär-ker wachsenden Reise-Zielgruppe, auf der Suche nach Individualität und Authentizität. UPEPlaces versteht sich als Social Business: Die Be-treiber behalten 20 Prozent der Umsätze, vor allem, um die eigene Verbreitung zu erhöhen. 80 Prozent gehen an die Familien in den Communities. Und was hat es mit dem merkwürdigen Namen auf sich? „Upe“ ist ein gängiger Willkommensruf in Costa Rica. upeplaces.com/home Beispiel: UPEPlaces
  47. 47. 46 Digital-sozial sind die USA weltweit führend. In keinem anderen Land gibt es so viele NGO-Websites, Digitalkampagnen und funk-tionierende Plattformen, auf denen man spenden, crowdfunden, Petitionen starten oder Non-Profit-Daten einsehen kann. Die Kombination aus einem starken NGO-Sektor, einem reifen IT-Markt, Transparenzpflichten und einer großen Bevölkerung, die digitale Angebote schnell aufgreift, hat in den letzten 20 Jahren zu einer vielfältigen digital-sozialen Innovationslandschaft geführt. Diese wird unterfüttert von Stiftungen, Unter-nehmen und Impact-Investoren, die jährlich Hunderte Millionen US-Dollar in die tech-nologische Infrastruktur der Zivilgesellschaft investieren. Allerdings sind digital-soziale Innovationen in den USA vergleichsweise stark fragmentiert und vielen mangelt es an einem nachhaltigen Geschäftsmodell. Entdeckungsreisende: Joana Breidenbach | jb@betterplace.org Nr.6 auf dem Global innovation index 23% jährliches wachstum von “Civic-Tech“ Organisationen 2008-2012 Nr.5 auf dem Human Development index 84% nutzen das INTERNET 95.5 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner „Es gibt keine bessere Zeit als jetzt, um sich auf die digital-soziale Gesellschaft vorzubereiten.“ Lucy Bernholz, Leiterin Digital Civil Society Lab, Stanford University
  48. 48. 47 Weniger als die Welt verändern zählt nicht: Die Declaration of Innovation im Inkubator 1776 in Washington D.C. Mehr aus San Francisco, der digital-sozialen Hochburg, gibt's hier: bit.ly/joanausa Die Feedback Labs sind ein Zusammen-schluss verschiedener Organisationen, die das Direkt-Feedback-Konzept für NGOs und Regierungen in Form von Feed-back Loops nutzen. Obwohl international ausgerichtet, geht die treibende Kraft im Augen-blick noch von den USA aus. Das Prinzip der Feedback Loops funk-tioniert nach dem Many-to- many bzw. dem Die Regierung hat ein genaues Bild von den Bedürfnissen und Wünschen ihrer Bürger Crowdsourcing-Prinzip. Ziel ist es, mithilfe der Meinungsäußerung von Bürgern philanthropische und staatli-che Fördermittel sinnvoll einzusetzen. Die Feedback Labs setzen den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Entwicklungszusam-menarbeit. Die erst 2013 gegründeten Feedback Labs arbeiten zurzeit an einem Pilotprojekt in Daressalam in Tansania: Das Finanzministerium und die NGO Devel-opment Gateway haben eine Aid Manage-ment Platform erstellt, über die Finanz-kennzahlen von über 50 Organisationen der Entwicklungs-hilfe, die vor Ort aktiv sind, erfasst werden. Diese Informationen nutzt die tansanische Regierung als Entscheid-ungsgrundlagen für staat-liche Fördermittel. So hat die Regierung ein genaueres Bild von den Bedürfnissen und Wünschen ihrer Bürger und kann besser mit den Entwick-lungshilfeorganisationen zusammenarbei-ten, um den Menschen die Unterstützung zu geben, die sie tatsächlich benötigen. feedbacklabs.org Beispiel: Feedback Labs
  49. 49. 48 In Deutschland läuft die digitale Infrastruktur der Zivilgesellschaft schleppend an. Dennoch haben bereits einige große NGOs substanziell in ihren Internetauftritt investiert. Für viele kleine und mittlere NGOs geht es dagegen erst einmal darum, eine Online-Präsenz aufzubauen und zu verstehen, wie sie soziale Netzwerke einsetzen. Auch etablierte Akteure, zum Beispiel Ministerien und Stiftungen, sehen die Digitalisierung eher als Risiko denn als Chance. Das gesellschaftliche Misstrauen gegen IT-Giganten wie Facebook und Google ist kaum irgendwo größer. Finanzielle Investitionen in digital-soziale Innovationen bleiben weitgehend aus, vor allem im Vergleich zu ähnlich starken Wirtschaftsnationen wie den USA. So entsteht eine Kluft zwischen staatlichen und philanthropischen Institutionen auf der einen und einer jungen, sozial motivierten Schicht von Digital Natives auf der anderen Seite, die zwar bereits eine Handvoll innovativer Plattformen im Bereich Online Fund-raising, Crowdfunding und politische Transparenz zur Marktreife gebracht haben, aber deutlich mehr Unterstützung bräuchten. Nr.13 auf dem Global innovation index 119 mobilfunk- Verträge pro 100 einwohner 28 Crowdfunding- Plattformen gibt es mittlerweile in Deutschland 84% nutzen das INTERNET „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Angela Merkel, Bundeskanzlerin Nr.6 auf dem Human Development index
  50. 50. 49 Auch in Deutschland gibt es immer mehr Hackathons, wie beispielsweise den SAP InnoJam, um in kurzer Zeit Lösungen für soziale Probleme zu entwickeln. Rollstuhlfahrer checken mit wheelmap.org schnell und einfach, ob Cafés, Geschäfte und andere Lokalitäten barrierefrei sind. Jeder kann am Rechner oder per Handy auf der Karte eintragen, ob es Stufen, eine Rampe oder zu schmale Türen gibt. Die Beteili-gung ist groß und zeigt, wie hilfreich das Tool für viele Menschen ist. Allein in Deutschland gibt es ungefähr 1,5 Millionen Rollstuhl-fahrer. Die Infos sind in Die Infos sind in 21 Sprachen verfügbar und bereits 450.000 Orte weltweit wurden gekennzeichnet 21 Sprachen verfügbar und bereits 450.000 Orte weltweit wurden gekennzeichnet – von Apotheken über Behörden bis hin zu Restaurants. Das Ampelsystem ist leicht verständlich: Rot markierte Orte sind nicht rollstuhlgerecht; Orange bedeutet, dass nicht alle Räume zugänglich sind, und Grün steht für einen vollständig rollstuhl-gerechten Ort. Graue Markierungen zeigen, welche Locations noch nicht zu-geordnet wurden. Wie auch in anderen Reise- und Location- Apps kann der User nach Kategorien filtern und sich so z. B. vor einem Cafébesuch informieren. Auf diese Weise fördert wheelmap.org Bewe-gungsfreiheit und In-klusion. Wheelmap. org ist ein Projekt der Sozialhelden, einer engagierten Gruppe, die auf soziale Probleme aufmerksam macht und an deren Lösungen arbeitet. wheelmap.org Beispiel: wheelmap.org
  51. 51. 50 Verstärker und Hürden digital-sozialer Innovationen im Überblick* Germany:  IT-Ausbildung  aktive Zivilgesellschaft  fehlende Investoren  passive Regierung Israel:  digital-affine Bevölkerung  Unternehmerkultur  IT-Personal: in Konzernen statt Sozialem  kleiner Markt Senegal:  bestehende Hilfsstrukturen  Verbreitung von Handys  nachhaltige Finanzierung  keine Vorbilder Ghana:  digital-soziale Community  Verbreitung von Handys  schlechte Infrastruktur  passive Regierung USA:  ausgeprägte Digitalisierung anderer Lebensbereiche  großer Binnenmarkt  Zugang zu Finanzierung  Fragmentierung des Marktes Costa Rica:  gut ausgebildete Wieder-kehrer (v.a. aus USA)  digital aktive Regierung  keine Vorbilder  kein Entrepreneur-Mindset Colombia:  digital aktive Regierung  Verbreitung von Handys  Unternehmerkultur  fehlende Investoren Bolivia:  Entwicklungshilfe-Gelder  Verbreitung von Handys  Technik-Skepsis  fehlende IT-Kenntnisse Brazil:  digital-affine Bevölkerung  aktive Zivilgesellschaft  NGO-Skepsis  IT-Personal: in Konzernen statt Sozialem
  52. 52. 51 * Unter „digital-soziale Innovationen“ verstehen wir alle Entwicklungen, bei denen Menschen und Institutionen unabhängig von ihrer Rechts- und Finanzierungsform digitale Technologien einsetzen, um das öffentliche Wohl zu verbessern; um dafür zu sorgen, dass so viele Menschen wie möglich die Art von Leben führen können, die sie als gut und richtig empfinden. India:  bestehende Hilfsstrukturen  Unternehmerkultur  digital aktive Regierung  NGO-Skepsis Indonesia:  digital-affine Bevölkerung  aktive Zivil-gesellschaft  Handy-Sättigung  passive Regierung China:  Finanzierung durch CSR-Initiativen  digital-affine Bevölkerung  aufstrebende Mittelklasse  repressive Regierung Tanzania:  bestehende Hilfsstrukturen  digital aktive Regierung  fehlende IT-Kenntnisse  keine Vorbilder Kenya:  Verbreitung von mobilen Bezahl-systemen (MPesa)  Unternehmerkultur  gut ausgebildete Wiederkehrer  nachhaltige Finanzierung Rwanda:  digital aktive Regierung  auf digital-sozial spezialisierte IT-Agenturen  bestehende Hilfsstrukturen  nachhaltige Finanzierung
  53. 53. 52 Äpfel, Birnen und die Krux mit dem Ländervergleich Was ist der Unterschied zwischen China und Bolivien? Nein, das ist keine Scherzfrage. Das ist eine der vielen Fragen, die wir uns bezüglich digital-sozialer Innovationen stellen, seit wir vom lab around the world zurückgekommen sind. Denn wir wollen das Rätsel der digital-sozialen Zivilgesellschaft lösen. Wie lautet die Weltformel des Guten? Weil Bolivien kulturell, ökonomisch, politisch und historisch ganz anders ist als China, scheint ein Vergleich deren Verstärker und Hürden für digital-soziale Innovationen sowie der aktuell vor-herrschenden Dynamiken unsinnig. Doch auch wenn Induktion mühselig ist, weil aus Tausenden von Einzelfakten allgemeingül-tige Theorien gebildet werden müssen, so wagen wir einen Versuch. Was also haben indonesische Väter, die sich auf Twitter für das Stillen von Babys ein-setzen, mit einem SMS-Service für Farmer in Ghana gemeinsam? Nun, zumindest verbessern beide die Welt mit digitalen Hilfsmitteln. Erhöht man die Auflösung, werden Kategorien wie Finanzierung, Or-ganisationsform oder Zielgruppe erkenn-bar. Und es wird klar: Die Angelegenheit ist komplex, qualitativ und bewegt sich auch noch auf der Zeitachse. Auf Wiedersehen, liebe Weltformel des Guten. Hallo, Mind-map aus Faktoren und Zusammenhängen. Also lassen wir uns von der Vielfalt unse-rer Erkenntnisse aus den einzelnen Län-dern nicht abschrecken und bleiben erst einmal deskriptiv. Zunächst einmal ist klar: Äpfel und Birnen gehören beide zur Familie der Rosengewächse. In unserem Fall: Digital-soziale Innovationen sind ein weltweites Phänomen – aber die Manifes-tationen sind divers. In einigen Ländern treten sie eher als lose Netzwerke der ak-tiven Zivilgesellschaft in Erscheinung, die allgemein verbreitete digitale Technologien nutzen (Brasilien, Indonesien, teilweise China). In anderen Ländern entwickeln die Menschen eigene technische Innovationen – also Apps, Plattformen, Tools –, etwa in Indien oder Kenia. Das Volk ist begeistert, doch die Regierung schläft Eine weitere Gemeinsamkeit aller Länder: Sie haben eine Regierung. Und etwa die Hälfte der von uns besuchten Länder hat auch eine digitale Policy, fördert also die Digitalisierung der Zivilgesellschaft mit entsprechenden Programmen und Infra-struktur. Diese gehören, mit Ausnahme von Ghana und Tansania, auch tendenziell zu den dynamischeren Ländern.
  54. 54. 53 In vielen Ländern, besonders in den dyna-mischeren wie Indien, Brasilien oder Kenia, sind die Menschen von den digitalen Tech-nologien und Kommunikationsmöglich-keiten begeistert. Die Handy-Sättigung ist erreicht und Smartphones werden für im-mer mehr Menschen erschwinglicher. Apps und digitale Kommunikation in sozialen Medien und mit Messengern eignen sich wunderbar, um etwa Stadt-Land-Entfer-nungen zu überbrücken. So werden auch indirekt soziale Ziele erreicht, etwa wenn Menschen aus der Stadt per SMS-Bezahl-dienst MPesa Geld an die Verwandten im Heimatdorf schicken. Entstehen Silos statt digital-soziale Netzwerke? Ebenfalls interessant: In fast allen von uns besuchten Ländern entstehen digital-so-ziale Innovationen kaum in den klassischen NGOs, also Hilfsorganisationen, Wohl-fahrtsverbänden oder Stiftungen. Es sind eher kleine Netzwerke von Aktivisten, Wis-senschaftlern, IT-Experten oder (jungen) Unternehmern, die Ideen anstoßen und umsetzen. In vielen Ländern könnten so Parallelstrukturen zwischen klassischer Regierungs- und NGO-Arbeit auf der einen Seite und unternehmerischer und digi-taler Arbeit auf der anderen Seite entste-hen, so unser erster Eindruck. Es mangelt an Austausch und Kollaboration zwischen den verschiedenen Akteuren. Eine erfreu-liche Ausnahme ist Indien, wo einige NGOs Partnerschaften mit Innovatoren und digi-tal- sozialen Dienstleistern eingehen, um ihre Arbeit zu verbessern. Auch in anderen Ländern wird zunehmend versucht, diesen Graben mit digital-sozialen Hubs, Inkuba-toren oder Wettbewerben zu überbrücken. Das lab around the world 2014 war erst der Anfang einer langen Reise. Nicht nur gibt es noch viel mehr digital-soziale Gesellschaften zu entdecken und zu er-forschen. Auch wollen wir das Wesen der verschiedenen Zivilgesellschaften besser verstehen, wollen verstehen, wie der op-timale Nährboden der Innovationen fürs Gemeinwohl zusammengesetzt ist. Liebe Weltformel des Guten, bist du noch da?! Wie schnell sich die Länder entwickeln: Unsere Rangliste der digital-sozialen Dynamik 1. India 2. USA 3. Brazil 4. Kenya 5. Rwanda 6. Colombia 7. Indonesia 8. Israel 9. China 10. Costa Rica 11. Germany 12. Ghana 13. Tanzania 14. Senegal 15. Bolivia
  55. 55. 54 Die Entdeckungsreisenden Anja Adler Anja verfolgt fürs betterplace lab Onlinetrends im Stiftungswesen. Nach einer Station bei der Robert Bosch Stiftung war sie zwei Jahre als Kommunikations-managerin Sarah Strozynski studierte Politikwissenschaft. Sie ist 26 Jahre alt und arbeitet für betterplace.org in der Konzeption: Dort entwickelt sie die Online Fundraising Tools für soziale Organisationen. Joana Breidenbach Promovierte Kulturanthro-pologin und Autorin zahl-reicher Bücher zu den kulturellen Folgen der Globalisierung, Migra-tion und Tourismus. Etwa: Tanz der Kulturen (Rowohlt 2000), Maxi-kulti (Campus 2008) und Seeing Culture Every-where (Washington Press 2009). Joana Breidenbach ist Mitgründerin von bet-terplace. org und leitet das betterplace lab. Ben Mason Ben Mason ist so etwas wie der verlorene Sohn des betterplace lab. Nach einem Praktikum im Jahr 2011 kehrte Ben in seine Heimat zurück, um sein Studium in Philosophie und Ger-manistik in Oxford ab-zuschließen. Seit Oktober 2013 ist Ben als Captain of International Projects wieder da. bei der Stiftung Mercator tätig und arbeitet momentan als selbstständige Kommu-nikations- und Social-Media-Beraterin. Zusätzlich promoviert sie zur politischen Rolle digitaler Kommunikation. Mareike Müller Mareike studierte „Kommu-nikation, sozialer Wandel und Entwicklung“ sowie „Entwicklungsökonomie“ in Madrid. In diesem Kontext forschte sie zu Online Kommunikation von NGOs und ICT4D. Zuvor hat Mareike mit der GIZ und der FES zusam-mengearbeitet und sich in sozialen Projekten in Bolivien und Südafrika engagiert. Kathleen Ziemann Kathleen Ziemann ist Kultur-wissenschaftlerin und hat unter dem Titel Platt 2.0 ihre Masterarbeit über Minderheiten-sprachen auf Facebook geschrieben. Bisher hat Kathleen als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei Ärzte ohne Grenzen und im Landtag Brandenburg gear-beitet. Seit September 2012 ist die 30-Jährige als Trendreporterin im betterplace lab. Sarah Strozynski
  56. 56. 55 Dennis Buchmann ist Dip-lom- Biologe, Master of Public Policy und Ab-solvent der Deutschen Journalistenschule. Er hat das Magazin „Humanglobaler Zufall“ erfunden und als Chef-redakteur geleitet. Im betterplace lab ist Dennis seit fünf Jahren Kreativredak-teur und arbeitet bei uns redaktionell sowie kon-zeptionell. Seit 2011 gibt er mit MeinekleineFarm.org außerdem Fleisch ein Gesicht. Pál Nyíri ist Professor für globale Geschichte aus der anthropologischen Per-spektive an der Vrije Universität Amsterdam. Seine letzten Bücher hießen „Seeing Culture Everywhere ... From Genocide to Consumer Habits“ (2009) und „Mobility and Cultural Authority in Contemporary China“ (2010, beide University of Washington Press). Er bloggt über Chinas Export seiner Entwicklungshilfe und schreibt momentan ein Buch darüber, wie Journalisten chine-sischer Medien aus anderen Ländern berichten. Machte seinen Zivildienst beim Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes, danach erfolg-reich Studium der Soziologie, Neueren / Neuesten Geschichte und Afrika-nistik Jung von Matt in Hamburg, Mitgründer und Vorstand von betterplace.org, dabei verantwortlich für Stra-tegie, Marketing/PR und IT, Gründer der Fußball-kommentatorenseite marcel-ist-reif.de, jetzt im betterplace lab. Medje Prahm ist Mistress of Arts in Philosophy & Eco-nomics und hat sich auf Social Impact Measure-ment und Organisa-tionslernen in kleinen abgebrochenes in Berlin, Texter bei NGOs spezialisiert. Vor ihrer Zeit im lab hat sie beim Thinktank „stiftung neue verantwortung“ und der BMW Stiftung gearbeitet. Medje hält als Innen-ministerin des betterplace lab die verzweigte Netzwerkorganisation zusammen und unterstützt neben ihrer Forschungsarbeit Joana bei der Leitung. Dennis Buchmann Pál Nyíri Moritz Eckert Medje Prahm
  57. 57. 56 Impressum betterplace lab around the world Broschüre Herausgeber: betterplace lab gut.org gemeinnützige AG Schlesische Straße 26 10997 Berlin betterplace-lab.org/projekte/ lab-around-the-world Autoren: Anja Adler, Joana Breidenbach, Dennis Buchmann, Moritz Eckert, Ben Mason, Mareike Müller, Pál Nyíri, Medje Prahm, Sarah Strozynski, Kathleen Ziemann Redaktion: Dennis Buchmann, Moritz Eckert Quellen: Human Development Index 2014 (HDI): hdr.undp.org The Global Innovation Index 2014: globalinnovationindex.org International Telecommunication Union 2013 (Mobilfunkverträge und Internetnutzung): itu.int Die fünfte Zahl je Land haben wir vor Ort recherchiert. Korrektur: Axel Fischer Art-Direktion, Layout und Illustration: Rico Reinhold Druck: Ruksal, Berlin
  58. 58. Ghana Seite 30 Senegal Seite 32 Brasilien Seite 34 Bolivien Seite 36 Costa Rica Seite 44 USA Seite 46 Kolumbien Seite 42

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