Volkswirtschaftliche Analyse:„Unvermögen“ in ÖsterreichErstellt für: Erste Bank & SparkassenErstellt von: Mag Birgit Fisch...
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‣ Die Zusammenarbeit und Vernetzung von Beratungsstellen, Behörden und   Finanzinstitutionen soll dazu beitragen, die von ...
1. Fragestellung und MethodikFragestellung‣ Unvermögen in Österreich?Das Thema Geld ist in Österreich weitestgehend tabuis...
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Misstrauen gegenüber dem Bankensystem hegen können (Claessens 2006, 214). Hier kannseitens der Bankdienstleister aktiv geg...
‣ Mangelnder Zugang erzeugt für die Einzelnen hohe Kosten ...Armut und die daraus resultierenden Zugangsbarrieren hindernM...
In Summe wird in der CSES-Studie für die gesamte EU ein Nettonutzen von flächendeckendenBasiskonten für die Stakeholder zwi...
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‣ Eine vorsichtige Quantifizierung volkswirtschaftlicher EffekteWird mit einem Mikrokredit ein Unternehmen gegründet und wir...
Nordrhein-Westfalen: Ein gut evaluiertes FallbeispielMeyer und Biermann haben in ihrer Studie 2010 das Mikrofinanzierungspr...
Wie können Mikrokredite verbessert und erweitert werden?‣ Banken als wesentliche und verantwortungsvolle Treiber des Mikro...
Selbstverständlich müssen hier fast noch mehr als im konventionellen Bereich die Regeln derverantwortungsvollen Kreditverg...
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4. Financial Literacy – (Un)Vermögen an WissenIn Kürze zusammengefasst...Das eigene verantwortungsvolle Geldmanagement und...
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für wenig seriöse Beratungsunternehmen wird, mit zum Teil unangenehmenvolkswirtschaftlichen Effekten:    Wie sich die mange...
‣ Wissensvermittlung kann über unterschiedliche Ansätze erfolgenJe nach Interessenlage und Umfeld können unterschiedliche ...
Best Practice 6 : FrankreichIn Frankreich gibt es seit 2006 den gemeinnützigen Verein IEFP Institut pour l’éducationfinanci...
5. Unvermögen in ÖsterreichIn Kürze zusammengefasst …Um die Themen „Finanzzugang“, „Financial Literacy“ und Mikrokredite“ ...
Österreich zeichnet sich durch einige Best Practice Beispiele im Bereich des Social Bankingsaus.‣ Zu nennen sind hier zunä...
Fragestellung‣ Ein Porträt für Österreich ...Im Folgenden sollen nun die bislang dargestellten Themen „Finanzzugang“, „Fin...
Was ist Armut und wer ist in Österreich arm?Armutsgefährdung und Deprivation – Definitionen‣ Wie wird Armutsgefährdung bere...
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  1. 1. Volkswirtschaftliche Analyse:„Unvermögen“ in ÖsterreichErstellt für: Erste Bank & SparkassenErstellt von: Mag Birgit Fischer; MMag Agnes StreisslerDatum: 23. Dezember 2011
  2. 2. Executive Summary 31. Fragestellung und Methodik 7 Fragestellung 7 Methode 72. Financial Access - (Un)Vermögen an Teilhabe 9 Zugangsprobleme zu Finanzdienstleistungen 10 Zugang zu Finanzdienstleistungen – wachstumsstärkend und verteilungsgerecht 11 Wie kann der Zugang zu Finanzdienstleistungen verbessert werden? 13 Empfehlungen der Europäischen Kommission 13 Verbesserungen im Umfeld der Finanzdienstleistungen 143. Mikrokredite – (Un)Vermögen an Zukunftschancen 17 Mikrokredite als Hilfe zur Selbsthilfe 18 Wohlfahrtseffekte von Mikrokrediten 20 Kurzfristige Effekte 20 Langfristige Effekte 21 Wie können Mikrokredite verbessert und erweitert werden? 244. Financial Literacy – (Un)Vermögen an Wissen 28 Financial Literacy als Teil der Allgemeinbildung 29 Mehr Wissens-Vermögen der Einzelnen nützt allen 30 Wie kann die Finanzielle Allgemeinbildung verbessert werden? 325. Unvermögen in Österreich 35 Fragestellung 37 Was ist Armut und wer ist in Österreich arm? 38 Armutsgefährdung und Deprivation – Definitionen 38 Einkommensarmut in Zahlen 39 Vermögen in einkommensschwachen Gruppen 41 Finanzielle Ausgrenzungsprobleme österreichischer Haushalte 44 Verschuldung und Überschuldung 44 Ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten 45 Schuldnerhaushalte in Österreich 47 Wohin bei finanziellen Schwierigkeiten? 50 Financial Exclusion – Unvermögen an finanzieller Teilhabe 51 Best Practices in Österreich im Bereich des Social Bankings 54 Mikrokredite- (Un) Vermögen an Zukunftschancen 55 Best Practices in Österreich im Bereich Mikrokredite 56 Financial Literacy- (Un) Vermögen an Wissen 58 Wie gut sind die ÖsterreicherInnen finanziell gebildet? 58 Best Practices in Österreich zur Steigerung der Finanzkompetenz 59Literatur 61Erste Bank Unvermögen Seite 2
  3. 3. Executive SummaryGeht‘s den Schwächsten gut, geht‘s uns allen gut…‣ Der Zugang zu Finanzdienstleistungen für alle, die Ermöglichung von Mikrokrediten für Unternehmensgründungen und Investitionen und die Steigerung des Finanzwissens in der Bevölkerung bringen einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen.‣ Ein erfolgreicher Weg aus der Armut durch Zugang zu Basis-Finanzdienstleistungen und Mikrokrediten bedeutet geringere Sozialausgaben und hat positive Effekte auf den Arbeitsmarkt: So zeigen Evaluierungen in Österreich und der EU, dass pro mikrokreditfinanzierter Neugründung ca 1,3 neue Beschäftigungsverhältnisse geschaffen werden und dass der Wirtschaftsstandort insgesamt durch diese Betriebsgründungen und die daraus resultierenden Abgaben und Steuern profitiert.Armut, Armutsgefährdung und Überschuldung in Österreich‣ Armutsgefährdung, finanzielle Schwierigkeiten und Verschuldung belasten nicht nur die einzelnen Betroffenen, sondern auch den Sozialstaat, den Wirtschaftsstandort und die Gesellschaft als Ganzes. 12 Prozent der ÖsterreicherInnen sind armutsgefährdet, 20 Prozent sind in ihrem Lebensstandard eingeschränkt und 29 Prozent geben an sich unerwartete Ausgaben nicht leisten zu können.‣ In Österreich lassen sich sozioökonomische Risikogruppen identifizieren, die ein höheres Risiko von Armut, Überschuldung und finanziellen Schwierigkeiten haben: Mit einem statistischen Armutsrisiko von 20 Prozent gehören bildungsferne Schichten, AlleinerzieherInnen und Haushalte mit Migrationshintergrund zu den gefährdetsten Gruppen.‣ Einkommensschwache und armutsgefährdete Gruppen haben dabei auch einen geringeren Zugang zu Basisfinanzdienstleistungen wie Konto oder Haushaltsversicherung: In Österreich haben ca zwei Prozent der Bevölkerung bzw 150.000 Personen kein Konto.Erste Bank Unvermögen Seite 3
  4. 4. Der Armut aktivierend entgegenwirken – auch durch Finanzdienstleistungen‣ Dieses Unvermögen an finanzieller bzw gesellschaftlicher Teilhabe muss in Österreich, einem der „reichsten“ Länder der Welt mit einem gut ausgebauten Sozialstaat, verstärkt in das Bewusstsein der Bevölkerung und vor allem der Entscheidungsträger (Staat, Finanzdienstleister und Wirtschaft) rücken. Was sind die Ursachen, was kann vor allem dagegen getan werden? Einer der wichtigster Ansätze ist dabei sicherlich, schon im Vorfeld bereits präventiv der Armut entgegen zu wirken.‣ Ein wichtiger wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Ansatz dabei ist darauf zu achten, dass alle Menschen Zugang zu alltäglichen Finanzdienstleistungen haben und diese auch verstehen: Wer ein Konto hat, wer versichert ist, wer für Zukunftsprojekte Geld geliehen bekommt und wer die grundlegenden Zusammenhänge der Geldwirtschaft und ihrer Instrumente versteht, tut sich auch in anderen Belangen des Wirtschaftslebens leichter.‣ Der Zugang zu Finanzdienstleistungen, wie einem Basiskonto, Versicherungsleistungen und Mikrokreditunterstützung, ist somit essenziell für die finanzielle Grundsicherung.‣ Die Unterstützung einkommensschwacher oder armutsgefährdeter Personen mit Mikrokrediten ist eine Investition in deren Leistungsbereitschaft, verbessert die jeweilige Lebenssituation, schafft Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum.‣ Besseres Finanzwissen trägt zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit Geld bei, verringert daher Überschuldungsdynamiken, die zu hohen sozialen Kosten führen und finanziellen Schaden durch Zahlungsentgang anrichten. Somit ergeben sich neben persönlichen, auch positive volkswirtschaftliche Effekte wie Konjunkturimpulse, Struktureffekte und ein generell höheres Wohlstandsniveau.Verantwortung der Banken: Social Banking (Basisfinanzdienstleistungen) stärkenund ausbauen‣ Banken müssen daher stärker als bisher Vertrauen auch bei der Gruppe der einkommensschwachen Haushalte aufbauen, am besten noch bevor diese in manifeste Armut hineinrutschen. Denn gerade rechtzeitige, beratende Begleitung hinaus aus der Verschuldungsfalle durch Überschuldung und Zahlungsrückstände könnte hier hohe positive Effekte erzielen.‣ Andererseits haben meist diejenigen Haushalte, die bereits in Armut leben, gar keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen (mehr) – hier braucht es seitens der Finanzinstitute Reaktivierungsmaßnahmen zur Wiedereingliederung in das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben. Den Überblick über die Finanzsituation zu schaffen, ein Kontozugang, niedrige Kosten und Beratung in finanziellen Angelegenheiten sind hierErste Bank Unvermögen Seite 4
  5. 5. wichtige Aufgaben. Dies passiert in Österreich unter anderem mit dem Zweite Sparkasse Konto der Erste Bank und Sparkassen, oder dem Neue-Chance Konto der BAWAG.‣ Im Bereich der Mikrokredite besteht in Österreich seitens des BMASK die Initiative Personen ohne Eigenkapital oder Sicherheiten finanziell zu unterstützen. Mit Kleinstkrediten werden Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus unterstützt, die aktiv Arbeitsplätze schaffen. Seit Mai 2010 wurden 105 Kredite vergeben, wobei sich bereits jetzt, nach eineinhalbjähriger Laufzeit zeigt, dass aufgrund eingesparten Arbeitslosengeldes und regelmäßiger Ratenrückzahlungen die öffentliche Förderung sich zu etwa der Hälfte selbst finanziert (mit laufend verbessernder Relation).‣ Nicht übersehen werden darf, dass auch ein Teil der einkommensschwachen Haushalte, wenn auch in geringem Ausmaß, Vermögen (Geld, Immobilien) hat. Verantwortungsvolles, nachhaltiges Bankgeschäft sollte gerade diese Zielgruppe dabei unterstützen ihr weniges Vermögen optimal zu verwalten.‣ Unbedingt notwendig für die Wirksamkeit der genannten Maßnahmen: die Zusammenarbeit von Staat, Sozialeinrichtungen und Banken. Die Banken verfügen über den Erfahrungsschatz hinsichtlich des Umgangs mit Geld und werden von vielen Menschen als Anlaufstelle genutzt. Sozial verantwortungsvoll agierende Banken sollen dem Sicherheitsbedürfnis ihrer KundInnen entgegen kommen, indem sie rechtzeitig finanzielle Schwierigkeiten bei ihren Kunden identifizieren, sozial verantwortungsvolle Produkte anbieten, vertrauensvoll beraten und ihre Arbeit transparent machen.‣ Auch und vor allem sozial benachteiligte Personen sollen also die Chance haben gemeinsam mit erfahrenen Partnern wie der Bank und der Beratungsstelle ihre finanziellen Angelegenheiten zu organisieren und zu regeln. Armut darf keine unumkehrbare Einbahnstrasse sein, sondern kann durch gemeinsames Handeln überwunden werden.Bewusstseinsbildung statt Stigmatisierung: Vernetzt und zielgruppengerecht‣ Die Inanspruchnahme von Sozialleistungen oder der Gang in den Sozialmarkt werden von den Betroffenen mit Scham und Hilflosigkeit erlebt. Das Tabuthema Armut muss daher einen anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft bekommen und nicht ursachen- sondern lösungsorientiert diskutiert werden. Die Empfehlungen von OECD, EU und Sozialeinrichtungen hinsichtlich Social Banking, Finanzieller Partizipation und Financial Literacy sind in den nationalen Kontext zu stellen und daraus Maßnahmen zu entwickeln. Experten aus den verschiedenen Bereichen sollen ihre Erfahrungen, ihr Wissen und die Möglichkeiten zur Umsetzung der Maßnahmen bündeln um effektiv zu arbeiten.Erste Bank Unvermögen Seite 5
  6. 6. ‣ Die Zusammenarbeit und Vernetzung von Beratungsstellen, Behörden und Finanzinstitutionen soll dazu beitragen, die von Armut bedrohten bzw in Armut lebenden Personen zu erreichen und ihnen die benötigten Informationen und Dienstleistungen zukommen zu lassen um nachhaltig einen Beitrag zur Verbesserung ihrer persönlichen Lebenssituation zu leisten. Dazu ist die finanzielle Grundbildung aller ein wesentlicher Bestandteil.‣ Wichtig dabei: Es sind nicht nur die Einkommensschwächsten, die mangelhafte finanzielle Bildung haben. Gerade die Jüngeren weisen besondere Lücken in der finanziellen Allgemeinbildung auf (40 Prozent der Befragten der Erste Bank Studie zum Finanzwissen der ÖsterreicherInnen meinen, Kinder und Jugendliche würden zu wenig zum Thema Geld lernen). Auch hier haben die Banken eine hohe Mitverantwortung, diese Bildungslücken zu beseitigen. Maßnahmen wie Schulungen, Vorträge und die Breitstellung von Informationsmaterial sollen in Zusammenarbeit mit verschiedenen Bildungseinrichtungen besonders viele Menschen aus allen Bevölkerungsschichten erreichen. Auch dies ist ein wesentlicher Beitrag dazu, finanzielle Probleme rechtzeitig zu erkennen bzw von vornherein zu vermeiden.Erste Bank Unvermögen Seite 6
  7. 7. 1. Fragestellung und MethodikFragestellung‣ Unvermögen in Österreich?Das Thema Geld ist in Österreich weitestgehend tabuisiert. Die Probleme, die aus Armut,finanzieller Ausgrenzung, finanziellem Unwissen und einem erschwerten Zugang zuFinanzmitteln, etwa bei Unternehmensgründungen, entstehen, bleiben damit vielfachverschleiert – diese Probleme werden in vorliegender Studie unter dem Schlagwort des„Unvermögens“ zusammengefasst.‣ Social Banking / Mikrofinanzierung als eine der wichtigen Antworten daraufEin wichtiger Ansatz zur Verminderung dieses „Unvermögens“ liegt im social banking bzw ineinem weiter gefassten Begriff der Mikrofinanzierung. Dieses umfasst folgende Bereiche:- Basisfinanzdienstleistungen werden allen zur Verfügung gestellt- finanzielle Allgemeinbildung, und somit das Wissen über den Umgang mit Geld, werden besser vermittelt.- Mikrokreditdarlehen geben Menschen aus prekären Existenzen die Chance aus eigener Anstrengung heraus wieder den Einstieg ins Erwerbsleben zu schaffen‣ Statistische Analyse und Volkswirtschaftliche EffekteWer aber genau sind die Zielgruppen für derartiges social banking in Österreich, was weiß manüber ihr Finanzverhalten, ihre Zugangsmöglichkeiten, ihre finanzielle Situation? Und welcheAuswirkungen hat es eigentlich Finanzinstrumente für diese Zielgruppen auszubauen und zuentwickeln – ist es nur eine Frage der sozialen Verantwortung oder können auchweiterreichende volkswirtschaftliche Effekte identifiziert werden?Diesen Fragen wird in der vorliegenden Studie systematisch auf den Grund gegangen.Methode‣ LiteratursurveyIm ersten Teil des Working Papers wird die internationale Literatur zu Fragen des FinanziellenZugangs, der Financial Literacy und der Mikrokreditfinanzierung in entwickelten Ökonomien inihrer Relevanz für die österreichische Fragestellung reflektiert. Besondere Betonung liegt dabeiauf der Frage, welche Bedeutung die jeweiligen Themen für die Volkswirtschaft insgesamthaben.Erste Bank Unvermögen Seite 7
  8. 8. ‣ Volkswirtschaftliche Effekte müssen sinnvollerweise auf Mikroebene analysiert werdenDie EZB (2009, 7) weist richtigerweise darauf hin, dass viele Fragen der wirtschaftlichenDynamik nur unzureichend beantwortet werden können, wenn nur volkswirtschaftlicheAggregate analysiert werden.So werden der private Konsum, das private Sparen und das Vermögen der Haushalte stark vonindividuellen Lebenseinkommenserwartungen sowie von demographischen undsozioökonomischen Indikatoren getrieben. Um daher ihre Entwicklungen und die Effekte vonMikrofinanzierung auf diese volkswirtschaftlichen Gesamtgrößen richtig einzuschätzen, bedarfes Mikrodaten über das einzelne Haushaltsverhalten.‣ EU-SILC Sondererhebung zu FinanzverhaltenIm empirischen Teil werden daher die Österreich-Daten von EU-SILC auf die genanntenThemen hin näher analysiert. Im Jahr 2008 gab es seitens EU-SILC eine Sondererhebung zuVerschuldung und Finanzverhalten der Haushalte. Diese wird hier genauer dargestellt – unterder Annahme, dass sich seither an den strukturellen Fragen nichts Wesentliches geändert hat,lassen sich daraus dann Handlungsempfehlungen ableiten.‣ Struktur der ArbeitDas Paper, das somit eine Vielzahl von Aspekten umfasst, wurde schlussendlich so gegliedert,dass zunächst zu den drei Bereichen des social bankings internationale Erfahrungen,ökonomische Analysen, und in der Literatur genannte Handlungsempfehlungen dargestelltwerden (Kapitel 2 bis 4). In Kapitel 5 wird dann für alle drei Bereiche zusammen auf diespezifische österreichische Situation eingegangen, anhand statistischer Analysen und bestpractices.Erste Bank Unvermögen Seite 8
  9. 9. 2. Financial Access - (Un)Vermögen an TeilhabeIn Kürze zusammengefasst…In OECD Ländern ist die finanzielle Infrastruktur (Banken, Versicherungen, etc) imAllgemeinen recht gut ausgebaut. Dennoch zeigt sich auch in diesen entwickeltenÖkonomien, dass einzelne soziale Gruppen, wie einkommensschwachen Personen,AlleinerzieherInnen, MindestpensionsbezieherInnen und MigrantInnen, nur unzureichendam Finanzalltag teilhaben können, da ihnen die Basisinstrumente wie Konto oderVersicherung fehlen. Der Zugang zu solchen Finanzdienstleistungen ist aber notwendig fürdie Teilhabe am Wirtschafts- und Gesellschaftsleben. Dennoch haben laut EU-Kommission30 Mio EU-BürgerInnen kein Girokonto.Wird dieser Zugang ermöglicht oder erleichtert, entstehen für die Einzelnen Vorteile – etwadurch Entstigmatisierung bei der Arbeitsplatzsuche oder durch geringereGeldtransferkosten. Es werden aber auch der Sozialstaat und die Volkswirtschaft entlastet,indem finanzielle Teilhabe hilft, aus prekären Lebensumständen herauszufinden, womitwiederum hohe Sozialleistungen eingespart werden können. Der Wirtschafts- undFinanzstandort profitiert, indem der verantwortungsvollere Umgang jedes einzelnen mitGeld Stabilität für alle bedeutet. Die finanzielle Teilhabe aller ist somit ein wichtiger Schrittzur Armutsbekämpfung, wirkt wachstumsstärkend und ist verteilungsgerecht.Nicht zu vergessen: Die flächendeckende Verbreitung von Basiskonten spart erheblicheTransaktionskosten im Geldverkehr – laut einer aktuellen Studie könnten in der EU so 220bis 460 Mio jährlich eingespart werden.Um den Zugang zu Finanzdienstleistungen zu verbessern braucht es kundInnennahe undzielgruppenspezifische Beratung (es macht jeweils einen Unterschied, ob Jugendliche, jungeFamilien, Arbeitslose, GründerInnen oder andere beraten werden) – persönlich und, woangebracht, durch die Unterstützung neuer Medien. Es muss dabei klar sein, dass es sichvielfach um besonders betreuungsintensive KundInnengruppen handelt.Auch die Zusammenarbeit von Politik, Finanzdienstleister und Beratungsstellen hat einenhohen Stellenwert.Internationale Erfahrungen und Empfehlungskataloge weisen in die Richtung, dass dasAngebot bestmöglich flächendeckend zur Verfügung gestellt werden sollte, keineVorbehalte gegenüber bestimmter Gruppen bestehen sollten und sich die Finanzdienstleistereinem (meist freiwilligen) Verhaltenskodex verpflichten sollten.Eine wesentliche Ansprechpartnerin muss dabei die Hausbank sein – hier besteht ja bereitsoft eine langjährige, vertrauensvolle Beziehung. Die rechtzeitige und umfassendeInformation bei finanziellen Problemen, Diskretion und eine unkomplizierte Kooperation mitanderen (Beratungs-) Einrichtungen sind hier wichtige Erfolgsfaktoren.Erste Bank Unvermögen Seite 9
  10. 10. Zugangsprobleme zu Finanzdienstleistungen‣ Zugang zu Finanzdienstleistungen ist wesentlich für TeilhabemöglichkeitenDer Zugang zu Finanzdienstleistungen ist notwendig für die Teilhabe am wirtschaftlichen undgesellschaftlichen Leben jedes Bürgers. Der alltägliche Zahlungsverkehr sowie Lohnzahlungenund das Sparen laufen über das Girokonto auf der Bank. Fällt der Zugang zu dieserDienstleistung weg, da das Konto entweder gar nicht vorhanden oder gesperrt bzw entzogenist, werden alle Geldgeschäfte schwer zu organisieren und erheblich verteuert.‣ Mangelnder Zugang in Entwicklungsökonomien …Ein erschwerter Zugang zu Finanzdienstleistungen besteht jedenfalls in Regionen mitschwacher Finanz-Infrastruktur und in Ländern mit generell schwachen Bankensystemen.Vielfach entstehen die Barrieren hier nicht erst aufgrund einer allfällig schwachensozioökonomischen Situation der KundInnen, sondern weil die Menschen schlicht und einfachzu wenig über das Finanzsystem Bescheid wissen, und keine Finanzdienstleister in ihrerunmittelbaren Umgebung haben.‣ … aber auch in OECD-LändernFür die OECD-Staaten gelten diese schlechten Vorbedingungen nicht: Diese Staaten verfügenüber ein stabiles Bankensystem mit langer Tradition und ausreichend Erfahrung imFinanzgeschäft, die BürgerInnen verstehen diese Institutionen auch als wichtigen Teil desSystems.Zugangshindernisse gibt es aber dennoch: auf Grund der sozialen Stellung und/oder derEinkommenssituation. Finanzielle Ausgrenzung von Menschen mit niedrigen Einkommen (diehäufig auch als „Risikokunden“ bezeichnet werden), lässt sich daher auch in Ländern mit hoherFinanzleistung und einem gut entwickelten Bankensystem identifizieren. Hier ist also dererschwerte Zugang zu Finanzdienstleistungen für einkommensschwache odereinkommenslose Personengruppen vor allem ein soziales Phänomen.‣ Es geht nicht nur um Zugang, sondern auch um NutzungIn der Fachliteratur (Claessens, 2006) wird zwischen dem Zugang und der Nutzung vonFinanzdienstleistungen unterschieden. So kann eben seitens der Anbieter scheinbar„unerwünschten“ Kunden der Zugang zu Finanzdienstleistungen verwehrt werden. Hier liegt esan den Finanzdienstleistern mögliche eigene Vorurteile zu überwinden und den Wert derBearbeitung auch dieses Geschäftsfeldes und dieses Kundenkreises zu erkennen.Die Frage der Nutzung von Finanzdienstleistungen hingegen geht von der Sicht despotenziellen Kunden aus: Finanzdienstleistungen werden nicht in Anspruch genommen, weiletwa die Gebühren als zu hoch empfunden werden, weil zu wenig Auswahlmöglichkeitzwischen einzelnen Leistungen und Dienstleistern besteht und KundInnen ein gewissesErste Bank Unvermögen Seite 10
  11. 11. Misstrauen gegenüber dem Bankensystem hegen können (Claessens 2006, 214). Hier kannseitens der Bankdienstleister aktiv gegengesteuert werden um die Nutzung zu heben.‣ In den wenigsten Ländern gibt es Regelungen für Basisfinanzdienstleistungen und MikrofinanzierungIn Österreich gibt es ebensowenig wie in Deutschland und der Mehrzahl der anderen EU-Länder ein Gesetz, das den Zugang zu Finanzdienstleistungen garantiert bzw einediesbezügliche Verpflichtung der Finanzdienstleister formuliert. In etwa der Hälfte der EU-Länder gibt es aber gesetzliche Regelungen über einen prinzipiellen Zugang zuFinanzdienstleistungen ebenso wie Regelungen für eine verantwortungsvolle Kreditvergabe, diesorgfältige Information, Beratung und Betreuung und ausreichende Sicherheiten vorsehen.Zu diesen Ergebnissen kommt eine von der EU Kommission beauftragte europaweitvergleichende Studie (FES 2006). Laut dieser Studie werden die Rahmenbedingungen vor allemin Belgien, Schweden und der Schweiz als gut beurteilt.Zugang zu Finanzdienstleistungen – wachstumsstärkend undverteilungsgerecht‣ Privater und gesellschaftlicher Nutzen eines verbesserten ZugangsWeltweit setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass ein verbesserter Zugang zuformellen Finanzdienstleistungen sowohl den privaten als auch den gesamtgesellschaftlichenNutzen erhöht. Es hat sich gezeigt, dass eine Ausweitung der Zugangsmöglichkeiten dasWirtschaftswachstum erhöht und die Einkommensverteilung ausgleicht. Gerade ärmereGruppen würden überproportional von derartigen Finanzmarktentwicklungen profitieren 1 , ihreMöglichkeiten der wirtschaftlichen Teilhabe werden dadurch deutlich erhöht, was wiederumEinkommenssteigerung und wirtschaftliches Wachstum mit sich bringt (siehe auch Yunus2008).Auch die Europäische Kommission betonte im Rahmen ihrer Kampagne 2010 gegen Armut dieNotwendigkeit grundlegender Dienstleistungen: Viele Europäer - und vor allem die von Armut betroffenen Bürger – haben derzeit keinen Zugang zu den grundlegenden Finanzdienstleistungen, Einlagen- und Girokonten sowie Spar-, Kredit-, Versicherungs- und Zahlungsleistungen. Der Zugang zu Finanzdienstleistungen ist für die wirtschaftliche und soziale Integration der Bürger in der heutigen Gesellschaft unabdingbar. Er ist eine Grundvoraussetzung für Beschäftigung, Wirtschaftswachstum, Abbau von Armut und soziale Eingliederung. (Europäische Kommission 2010b).1 There is a growing recognition that increasing access to formal financial services has both private and social benefits.Extending the breadth of financial service availability in a given population causes economic growth and can improveincome distribution. And the poor benefit disproportionately from financial development. (Weltbank 2005, 1)Erste Bank Unvermögen Seite 11
  12. 12. ‣ Mangelnder Zugang erzeugt für die Einzelnen hohe Kosten ...Armut und die daraus resultierenden Zugangsbarrieren hindernMenschen daran, am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben voll integriertteilzunehmen: Ohne Basiskontoleistungen sind alltägliche Geldtransaktionen teurer (WorldBank 2011, 10), da nicht nur Einkäufe, sondern beispielsweise auch Gebühren für Wasser undStrom mit Erlagschein zu entrichten sind. Dies kostet nicht nur Zeit, sondern meist auchzusätzlich höhere Bankgebühren.Das Fehlen eines Gehaltskontos wiederum kann beispielsweise den Zugang zu einerArbeitsstelle erschweren und erzeugt Stigmatisierung, beeinträchtigt damit ebenfalls(Wieder-)Einstieg und Teilhabe am Wirtschaftsleben.‣ … deren Vermeidung im gesamtwirtschaftlichen Interesse ist ...Somit können mehrere positive Effekte durch die Ermöglichung eines verbesserten Zugangs zuFinanzdienstleistungen identifiziert werden:- Die Bereitstellung eines Basiskontos für Menschen, denen ein „normales“ Konto verwehrt wird, bedeutet, sie in ihrem privaten als auch produktiven Leben zu unterstützen.- Ein weiterer positiver Effekt der Partizipation am Finanzleben ist die Ermöglichung den verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Finanzen zu erlernen und zu verbessern.- Zudem entspräche diese sozial verantwortliche Bereitstellung von Finanzdienstleistungen auch der gerade in letzter Zeit öfters formulierten Notwendigkeit der Rückbesinnung der Finanzdienstleister auf das traditionelle Bankgeschäft: Der Mensch und die Realwirtschaft stehen im Mittelpunkt, diese Strategie sichert zudem nachhaltig den Finanzstandort ab.‣ … wie auch eine aktuelle EU-Studie zeigt2010 wurde im Auftrag der Europäischen Kommission eine Kosten-Nutzen-Analyse einesBasiskontos veröffentlicht (CSES 2010). Es wird dabei nach KonsumentInnen, Banken undanderen Stakeholdern unterschieden.Für KonsumentInnen ist das flächendeckende Angebot angesichts der eben dargestelltenKosten jedenfalls mit hohem Nettonutzen verbunden. Die Kommission schätzt, dass dieser proKonsumentIn bei 315 Euro im Jahr liegt: Den Kontoführungsgebühren steht an Nutzengegenüber- keine Scheckeinlösungsgebühren,- keine Barüberweisungsgebühren,- Diskont bei elektronischer Zahlungsweise- und online Diskonte.Die wichtigsten „anderen Stakeholder“ sind Staat und Versorgungsunternehmen: Da diese beiEin- und Auszahlungen ohnehin bereits die Infrastruktur des bargeldlosen Zahlungsverkehrshaben, gibt es kaum mehr Grenzkosten eines zusätzlichen Kundenkontos. Hingegen istBarzahlung mit hohen (und aufgrund der Seltenheit steigenden) Transaktionskosten verbunden.Erste Bank Unvermögen Seite 12
  13. 13. In Summe wird in der CSES-Studie für die gesamte EU ein Nettonutzen von flächendeckendenBasiskonten für die Stakeholder zwischen 226 und 463 Millionen Euro geschätzt.Wie kann der Zugang zu Finanzdienstleistungen verbessert werden?Empfehlungen der Europäischen Kommission‣ Die Europäische Kommission nennt Instrumente eines verbesserten Zugangs30 Millionen EU-BürgerInnen haben kein Girokonto. Angesichts dieser Tatsache hat dieEuropäische Kommission das Projekt FES (Financial education and better access to adequatefinancial services) ins Leben gerufen, im Rahmen dessen Strategien zur Verbesserung desZugangs zu Finanzdienstleistungen erarbeitet werden sollen (Europäische Kommission 2011).Diese umfassen im Wesentlichen den (gesetzlich verankerten) Zugang zu einem Basiskontosowie die (gesetzliche) Regelung für eine verantwortungsvolle Kreditvergabe und dieErmöglichung der Verfügbarkeit von Sozialkrediten.‣ Funktionen eines BasiskontosAls „Basiskonto“ wird dabei ein Konto mit grundlegenden Zahlungsfunktionen verstanden. Dasheißt, es soll alle alltäglich notwendigen Dienstleistungen ermöglichen, wie kostenlose oderkostengünstige Transaktionen und eine Bankomatkarte, jedoch ohne Überziehungsmöglichkeit.Die Kommission beabsichtigt entsprechende Initiativen auch auf EU-Ebene zu fördern und zuunterstützen.Best Practice 2 : BelgienIn Belgien wird per Gesetz seit 2003 im Rahmen der Armutsprävention jeder/m BürgerIn einBankkonto mit Basisfunktionen zur Verfügung gestellt.Dieses war zunächst über einen freiwilligen Verhaltenskodex der Finanzdienstleister zuMindestfinanzdienstleistungen geregelt. Bald zeigte sich aber, dass von Seiten der Anbieteroffenbar zu große Vorbehalte gegenüber einkommensschwachen Personengruppenherrschten.Daher entschied man sich für eine verbindlichere Lösung und verabschiedete ein Gesetz überden Zugang zu Konten mit Basisfunktion.2005 wurde dieses evaluiert: Die Zahl der Menschen ohne Zugang zu einem Basiskonto warum 75 Prozent gesunken – von 40.000 auf 10.000!2007 kam es abermals zu Reformen um die Informationstätigkeit zu erweitern, die Datentransparenter zu machen und bisher Ausgeschlossene, nämlich hoch überschuldete Personen,2In internationalen Vergleichen werden regelmäßig auch die positiven Maßnahmen in Österreich erwähnt, die denZugang zu Finanzdienstleistungen für Menschen mit niedrigem Einkommen schaffen. Diese werden im Österreich-Kapitel dieser Studie (Kapitel 5) eingehend dargestellt.Erste Bank Unvermögen Seite 13
  14. 14. ebenfalls in die Maßnahmen zu inkludieren.Eine nachfolgende Evaluierung danach zeigte ein weiteres Erfolgsindiz: 93 Prozent derAuflösungen des Basiskontos erfolgten auf Wunsch des Kunden bzw weil zwischenzeitlich ein„normales“ Konto eröffnet werden könnte.Das Programm ist im übrigen ohne öffentliche Zuschüsse tragfähig.‣ Verantwortungsvolle KreditvergabeLaut den Empfehlungen der Europäischen Kommission geht es bei der „verantwortungsvollenKreditvergabe“ darum, Standards, Normen und Kosten für die Gewährung von Kreditenfestzusetzen sowie neue Registrierungssysteme, die auch die Finanzdienstleister erfassen, zuerstellen.KonsumentInnen sollen „faire“ Finanzprodukte angeboten bekommen.In der Folge müssen natürlich auch Sanktionsmaßnahmen bei Nichteinhaltung dieser Standardsfestgelegt werden.Finanzgeschäfte erfordern ein gewisses Maß an Vertrauen zwischen Kreditnehmern undFinanzdienstleistern. Aus Sicht der Kommission sollte es daher Ziel sein, einen Verhaltenskodexfür beide Seiten zu erstellen, um diese Vertrauensbasis und die Geschäftsbeziehung insgesamtpositiv zu beeinflussen.‣ Verbesserte Verfügbarkeit eines SozialkreditsSozialkredite, Mikrokredite, Kleinstkredite – sie alle sind Darlehen, die als Starthilfe für Personenmit eingeschränktem Zugang zu den regulären Finanzinstrumenten dienen sollen. Begleitet vonBeratungseinrichtungen wird somit eine Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Notwendig dabei: dieverbesserte Information über Finanzdienstleistungen und die beratende Begleitung währenddes finanzierten Projekts.Eine genauere Analyse hierzu findet sich in Kapitel 4 – Mikrokredite.Verbesserungen im Umfeld der Finanzdienstleistungen‣ Nicht nur Bank-, sondern auch Versicherungsleistungen bedenkenIn der Praxis zeigt sich, dass KundInnen von sozial motivierten Finanzprodukten, wieBasiskonten und Mikrokreditfinanzierungen, häufig auch hinsichtlich ihresVersicherungsschutzes und ihrer Versicherungsprodukte Unterstützung benötigen. So stehtden wenigsten Personen in dieser Zielgruppe eine Unfall- oder Haushaltsversicherung oder gareine Rechtsberatung zur Verfügung.Eine höhere Sicherheit und besser geregelte Verhältnisse in den persönlichenLebensumständen stabilisieren aber auch die Finanzgebarung – und umgekehrt. Deshalb ist esdurchaus auch im Sinne des Finanzinstituts derartige Produkte in einer Basisversorgung mitanzubieten.Erste Bank Unvermögen Seite 14
  15. 15. ‣ Sparverhalten auch der schwächeren Einkommensgruppen fördernWenn Menschen mit niedrigen Einkommen zwar über kein übermäßiges Sparvolumenverfügen, so ist es doch sinnvoll und nachhaltig einem etwaigen Sparwillen auch dieserKundInnen entgegenzukommen und diesen zu fördern (man denke etwa an die gerade inÖsterreich beliebte Form des Bausparens). Durch kundenspezifisch angepassteAnsparmodalitäten können so auch KundInnen mit einem Basiskonto für zukünftige ProjekteGeld ansparen.‣ Information über (soziale) Finanzdienstleistungen verbessernDamit potenzielle KundInnen einen verbesserten Zugang zu niedrigschwelligenFinanzprodukten bekommen bzw diese in höherem Ausmaß nutzen, brauchen sie gute,glaubwürdige und umfassende Information.Ein wesentlicher Ansprechpartner ist hier die Hausbank – im Idealfall bereits vor Verlust einesKontos. Auch regionale oder spezifische Beratungsstellen können eine wichtige Rolle spielen.Notwendig: Alle Erstanlaufstellen und die Anbieter von Finanzdienstleistungen müssenmöglichst reibungsfrei und unkompliziert zusammenarbeiten.Diskretion muss hier selbstverständlich, ebenso wie im konventionellen Bankgeschäft, oberstePriorität haben: Gerade in einkommensschwächeren Gruppen kann die Auskunft über diepersönliche finanzielle Lage rasch als unangenehm empfunden werden. Es muss daher auf einegute Balance zwischen Vertrauen und Anonymität geachtet werden: KundennaheRegionalbanken können einerseits als Anlaufstelle des Vertrauens anerkannt werden, jedochkann es auch zu vermehrter Scheu führen, wenn KundInnen auf Grund persönlicherBekanntschaft ihre Anonymität nicht gewahrt sehen.‣ Sprach- und Kulturschwellen berücksichtigenIn vielen europäischen Ländern mit großer Zuwanderungsrate, wie Spanien und Frankreich,haben die Finanzdienstleister ihre Produkte auch auf die Bedürfnisse dieser Zielgruppeabgestimmt.Bei einkommensschwachen Personen mit Migrationshintergrund treten zusätzliche Barrierenauf: Unwissenheit über das ansässige Bankenwesen, Kulturunterschiede im Lebensstil undUmgang mit Geld sowie häufige Diskriminierung erfordern einen besonders sensiblen Umgangmit dieser Personengruppe. Das Bewusstmachen und Wissen über eventuelle spezielleBedürfnissen oder kulturelle Unterschieden trägt oft schon dazu bei, den Zugang zu sozialmotivierten Finanzprodukte zu erleichtern.‣ Technologische Rahmenbedingungen schaffenDie Nutzung elektronischer und neuer Medien ist auch im Finanzdienstleistungssektor für (vorallem junge) KundInnen schon selbstverständlich geworden (siehe hierzu auch Streissler 2010,26f). Das Internet bietet dem Bankinstitut die Möglichkeit sich zu präsentieren und seineKundInnen zu informieren. Dieser Anspruch sollte auch gegenüber KundInnen einesBasiskontos gelten.Erste Bank Unvermögen Seite 15
  16. 16. Dabei geht es weniger um die Kontoführung über das Internet, sondern vor allem um dieInformation über das spezielle Angebot eines Basiskontos. Gerade die elektronischeErstinformation, sofern diese nicht über eine Beratungsstelle läuft, ist für potentielleNutzerInnen eine diskrete und einfache Möglichkeit, sich einen Überblick zu schaffen (wobeidies stärker auf jüngere Erwachsene und Menschen mit höherem Bildungsniveau zutreffendürfte). Zudem hebt die Präsenz im Internet das Angebot eines Basiskontos auf eine Stufe mitden „normalen“ BankkundInnen.Wichtig: Auch wenn das Internet einen zunehmend wichtiger werdenden Informationskanaldarstellt, darf es keinesfalls aus einziges Kommunikationsmedium verwendet werden. Nicht alleKundInnengruppen sind ans Internet angebunden bzw wissen es zu nutzen und gerade„schwierige“ Zielgruppen brauchen die persönliche, vertrauensaufbauende und -pflegendeAnsprache.‣ Vernetzung mit anderen AkteurenBei der Bereitstellung von Finanzdienstleistungen als Maßnahme gegen Verschuldung undArmut sind nicht nur die Finanzinstitute gefordert. Ebenso muss es Aufgabe der Politik sein, dienotwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Zivilgesellschaft mit ihrenHilfsorganisationen spielt beratend und unterstützend eine wichtige Rolle. Und natürlichbraucht es Finanzdienstleister, die derartige niederschwellige, sozial motivierte Finanzprodukteanbieten.Je besser vernetzt diese Akteure zusammenarbeiten, um so höher wird auch der soziale undwirtschaftliche Nutzen dieser Maßnahmen sein.Erste Bank Unvermögen Seite 16
  17. 17. 3. Mikrokredite – (Un)Vermögen anZukunftschancenIn Kürze zusammengefasst...Als Hilfe zur Selbsthilfe sind Mikrokredite (mit Kreditvolumen von weniger als 25.000 Euro)zu sehen, die der Existenzgründung und -sicherung dienen. Der Zugang zu diesen sozialmotivierten Kleinstdarlehen gepaart mit der eigenen Leistungsbereitschaft ermöglichtprekarisierten Personen einen Neustart.Mikrokredite erzielen Wohlfahrtseffekte für die Einzelnen, wenn dadurch dieUnternehmensgründung realisiert werden kann, eine Weiterbildung finanziert wird oder einewichtige Anschaffung wie ein Auto gemacht werden kann. Der Sozialstaat profitiert, wennMenschen keine staatlichen Leistungen mehr in Anspruch nehmen müssen. Und positiveStandorteffekte für Wirtschaft und Finanz ergeben sich aus Betriebsgründungen, der darausfolgenden Steuerleistungen und der positiven Beschäftigungsbilanz.Fallbeispiele zeigen deutlich die positiven Auswirkungen von Mikrokrediten aufWirtschaftsstandort und sozialen Zusammenhalt: Die Erfolgsquote, gemessen amdauerhaften Herauskommen aus der Arbeitslosigkeit durch das kreditfinanzierteUnternehmen, liegt bei ca 40 bis 50 Prozent. Pro erfolgreicher Neugründung aus derArbeitslosigkeit entstehen zwei bis drei neue Arbeitsplätze, Mikrokredite stellen dabeiinsbesondere für Frauen ein wichtiges Unterstützungsinstrument bei der Gründung dar.Mikrokredite können durch staatliche Programme zur Verfügung gestellt werden, aber auchdurch Banken und Private, wie Organisationen und Vereine. Auch die EuropäischeKommission hat im Rahmen des EFS-Konjunkturpaktes mehrere Programme ins Lebengerufen, die Mikrokredite in Kooperation mit Banken vergeben. Der Beitrag von socialbanking zur Bekämpfung von Armut, regionaler Diskriminierung und wirtschaftlichemAbstieg wird dabei besonders hervorgehoben.Derartige Mikrokredite haben als Zielgruppe finanzschwache Menschen, die sonst keineChance auf einen regulären Kredit bei der Bank hätten. Umso mehr sind auch in diesemBereich die Regeln einer verantwortlichen Kreditvergabe sowie die umfassende Begleitungund Beratung der Kreditnehmer gefragt.Ein Kostenüberblick, ein Budgetplan sowie geringe Bearbeitungsgebühren sind Bestandteilsozialen Mikrokreditinstrumente, die auch flexibel auf Veränderungen des Marktes, aberauch der Kundenbedürfnissen und Rahmenbedingungen reagieren können müssen.Und schließlich gilt es die Programme regelmäßig hinsichtlich ihrer sozialen Ausrichtung undihrer wirtschaftlichen Effektivität zu monitoren und evaluieren.Erste Bank Unvermögen Seite 17
  18. 18. Mikrokredite als Hilfe zur Selbsthilfe‣ Was sind Mikrokredite?Mikrokredite sind Kleinstkredite für Menschen mit niedrigem Einkommen. Sie dienen derExistenzgründung- und Sicherung oder sollen helfen beispielsweise eine Aus- undWeiterbildung (mit) zu finanzieren. In der EU ist der Schwellenwert des Kreditvolumens,unterhalb dessen ein Kredit als Mikrokredit gilt, 25.000 Euro.Niedriges Einkommen, ungesicherte Lebensverhältnisse hinsichtlich Wohnsituation oderAufenthaltsstatus oder auch die Tatsache, dass man von Kreditinstituten bereits negativregistriert wurde (auf einer „Schwarzen Liste“ steht) – sie alle können dazu führen, dass derZugang zu „normalen“ Krediten erschwert ist. Hier gibt es also einen weiteren Bedarf nachsozial motivierten Finanzprodukten.‣ Hilfe zur SelbsthilfeMikrokredite können für die KreditnehmerInnen den Ausweg aus der prekären Lebenssituationund einen Neustart in ein geregeltes Leben bedeuten. Sie sind als Startunterstützung, als Hilfezur Selbsthilfe zu sehen – letztendlich braucht es immer den eigenen Einsatz und diepersönliche Anstrengung, um den Weg beispielsweise aus der Armut wieder herauszufinden.‣ Als Instrument der Entwicklungshilfe ausgezeichnet, trotz ProblemeMikrokredite sind vor allem als Instrument der Entwicklungshilfe bekannt, nicht zuletzt durchMuhammad Yunus, der für den Aufbau der Grameenbank, die Mikrokredite an Arme inBangladesh vergibt, den Friedensnobelpreis 2006 erhielt. Die mit der Zeit aufgetretenen undbekannt gewordenen Probleme wie parallele Mikro-Kreditaufnahmen bei mehreren Instituten,die Verringerung der lokalen Sparquoten und auch überhöhte Zinsen, zeigen dieNotwendigkeit, Mikrokreditprogramme und -instrumente sehr genau zu monitoren undevaluieren.‣ Aber auch in Europa als wichtiges Instrument vor allem für KMUs erkanntDie Europäische Kommission hat sich zum Ziel gesetzt in allen europäischen MitgliedstaatenMikrofinanzierungsinstrumente für Kleinunternehmen und Arbeitslose zu etablieren um positiveBeschäftigungseffekte zu erzielen und Arbeitsplätze zu schaffen.Mikrokredit in Europa wird dabei vorrangig als Kleinstkredit an kleine und mittlere Unternehmenverstanden– 99,8 Prozent aller europäischen Unternehmen sind derartige KMUs (mit wenigerals 250 Beschäftigten), 92 Prozent sind als Mikrounternehmen zu klassifizieren (mit weniger alszehn Beschäftigten).Insbesondere die Finanzkrise und die daraus resultierende Kreditklemmen und -verschärfungenhaben die Notwendigkeit von Mikrokrediten gerade für diese Zielgruppe der KMUs deutlich vorAugen geführt:Erste Bank Unvermögen Seite 18
  19. 19. Zu den zentralen Problemen der KMU gehört ein eingeschränkter Zugang zu externen Finanzquellen. Dadurch sind ihre Möglichkeiten beeinträchtigt Investitionen zu finanzieren, Produktionskapazitäten zu erweitern sowie Produktivität und Löhne zu erhöhen. Der Mangel an Finanzmitteln wird häufig als Hindernis für das Wachstum von KMU genannt. (Brunner et al 2010, 7)‣ Garantien und FondsUm die Mikrokredite zu fördern, gibt es mehrere Initiativen seitens der EuropäischenKommission, so zB JEREMIE (Joint European Resources for Micro- to Medium Enterprises) undJASMINE (Joint Action to Support Microfinance Institutions in Europe).Weiters gibt es bei der Europäischen Investitionsbank (EIB) im Rahmen des EFS-Konjunkturpaketes einen Fonds, der mit 500 Mio Euro ausgestattet ist, der der finanziellenUnterstützung zur Unternehmensgründung dienen und damit einen Beitrag zur Verbesserungder Beschäftigungssituation leisten soll. Mikrokreditinstrumente in den verschiedeneneuropäischen Ländern, so auch in Österreich, werden durch diesen Fonds unterstützt.2011 wurde die European Progress Microfinance Facility ins Leben gerufen, wiederum mit EIBund EIF (Europäischer Investitionsfonds), der als speziellen Fokus Personen mitunzureichendem Zugang zu den Kreditmärkten hat. Er soll mit 100 Mio Euro dotiert werden(davon 60 Mio EUR aus dem Programm PROGRESS und 40 Mio EUR aus den Margen des EU-Haushaltsplans) und es wird erwartet, dass in den kommenden acht Jahren Mikrokredite an45.000 europäische Kleinstunternehmen ausbezahlt werden (Europäische Kommission 2011a).‣ Das European Microfinance Network - EMN2003 wurde das European Microfinance Network (EMN) in Frankreich gegründet, das seitherdie Mikrofinanzierung in der Europäischen Union durch Unterstützung bei Gründung vonMikrounternehmen fördert. Ziel ist es einen Beitrag zum Kampf gegen Arbeitslosigkeit undsoziale Ausgrenzung zu leisten.Finanziell und sozial ausgegrenzten Menschen soll der Zugang zu Finanzdienstleistungengeöffnet werden um sie dabei zu unterstützen ihre Lebenssituation zu verbessern.Zusätzlich veranstaltet das Netzwerk Lehrgänge sowie Konferenzen und informiert auf einerumfangreichen Website (www.european-microfinance.org) über wichtige Themen desFinanzsektors.Erste Bank Unvermögen Seite 19
  20. 20. Wohlfahrtseffekte von MikrokreditenKurzfristige Effekte‣ KonjunkturimpulsWenn über staatliche Förderung und/oder verbesserte Rahmenbedingungen zusätzlicheKredite für neue Projekte vergeben werden, so wird dadurch zunächst einmal jedenfalls einKonjunkturimpuls ausgelöst, der positiv auf Konsum und Volkseinkommen wirkt (siehe zB auchBuera et al 2011, 2): Neue Projekte und die sich daraus ergebenden Einkommen bringen eineErhöhung der Steuereinnahmen (Fiskalischer Effekt) und führen zu einer Stärkung derniedrigeren Einkommen (Verteilungseffekt).‣ Fiskalischer EffektZahlt es sich also aus, öffentliche Gelder in derartige Programme zu investieren? Dieökonomische Literatur ebenso wie die Veröffentlichungen der Europäischen Kommissionweisen eindeutig in diese Richtung.Voraussetzung: Die Mehrzahl der Projekte ist erfolgreich, stellen also tatsächlich einenachhaltige Gründung aus der Arbeitslosigkeit dar.Denn dann werden durch eine derartige Förderung gleichzeitig Kosten für den Sozialstaat(insbesondere in der Arbeitslosenversicherung) eingespart und höhere Steuereinnahmenerzeugt.‣ VerteilungseffekteMikrokredite, die den Ausweg aus einer prekären Existenz bieten (etwa Gründungshilfen fürArbeitslose) haben damit sowohl kurz- als auch langfristig positive Verteilungseffekte im Sinnevon vermehrter Teilhabemöglichkeiten.Zielgruppe von Mikrokrediten sind Einkommensschwächere – die öffentliche Unterstützungdieser Gruppe ist somit tendenziell eine Umverteilung von unten nach oben. Werdengleichzeitig Konsummöglichkeiten (durch stabilere und höhere Einkommen) undProduktionspotenzial (durch Aktivierung) in diesem Bereich gestärkt, so wirkt dies positiv aufdas gesamtwirtschaftliche Wohlstandsniveau.‣ Notwendige Voraussetzung: Keine VerdrängungseffekteBei der Beurteilung öffentlich geförderter Projekte muss bei Mikrokrediten ebenso wie bei jederanderen Wirtschaftsförderung vor allem darauf geachtet werden, dass es zu keinenVerdrängungseffekten kommt – das heißt, dass durch das neue geförderte Projekt bereits amMarkt ansässige, nicht-geförderte Unternehmen verdrängt werden. Es muss also unbedingtvermieden werden, dass durch die Förderung bestehende Unternehmen in finanzielleBedrängnis kommen.Anders als Mitnahmeeffekte (sprich: es wird etwas gefördert, was auch ohne Förderungzustande gekommen wäre) sind Verdrängungseffekte nicht nur ineffektiv, sondern sie erzeugenErste Bank Unvermögen Seite 20
  21. 21. auch eine negative Dynamik, wenn Mikrokreditprogramme zu Lasten ansässiger Unternehmengehen.Langfristige Effekte‣ Konjunktureffekte schwächen sich ab …Mittel- und langfristig schwächen sich die Konjunkturimpulse einesMikrofinanzierungsprogramms ab, dennoch zeigen Buera et al (2011), dass dieGesamtproduktivität der Wirtschaft (also quasi der nicht-erklärbare Wachstumseffekt) weiterhinhöher bleibt. Durch regionale Standortaufwertung und erhöhtes Angebot und somitgesteigerter Nachfrage bleibt ein nachhaltiger Mehrwert erhalten.‣ … aber es sollte wesentliche Struktureffekte gebenVor allem aber sollten im Optimalfall Strukturveränderungen eingetreten sein.Dies betrifft zum einen die Gründungsdynamik. Bereits 2003 stellte die EuropäischeKommission (DG Enterprise 2003) fest, dass Mikrokredite eine Marktlücke abdeckten, wobislang der Markt versagt hatte. So kann auch im Kleinstunternehmensbereichunternehmerische Initiative gefördert werden.Zum anderen wird durch mikrokreditgeförderte Unternehmen auch das Humankapital erhöht:Auf jeden Fall bei den UnternehmerInnen selbst: Unternehmerische Kreativität ist ebensogefragt wie die Kompetenzen der sorgfältigen Unternehmensführung – Humankapital, dasauch in anderen Bereichen der Wirtschaft gut einsetzbar ist.‣ Langfristige BeschäftigungseffekteDie bislang evaluierten Fallbeispiele in Europa zeigen positive Beschäftigungseffekte (wie zBbeim Mikrofinanzierungsprojekt in Nordrhein-Westfalen, wo ca drei Vollzeitarbeitsplätze proNeugründung geschaffen wurden – siehe Infobox).Über die Langfristigkeit dieser Beschäftigungsverhältnisse kann noch keine Aussage getroffenwerden, da die Programme selbst noch nicht lange laufen.Die Bilanz ist aber positiv, da sie jedenfalls keine Arbeitsplätze vernichten (vorausgesetzt, es gabkeine Verdrängung wie oben beschrieben).‣ Output auf höherem NiveauLangfristig ist somit der Schluss zulässig, dass durch die allgemeine Output- undWachstumssteigerung im Zweit- und Drittrundeneffekt auch Löhne (und damit Preise) etwasansteigen werden, und dass damit das letztendliche Wohlstands-Niveau deutlich über demursprünglichen liegt. Dieser Produktionsanstieg bedeutet auch, dass die Beschäftigung höher istund dass damit aufgrund der vermehrten und differenzierteren Beschäftigungsmöglichkeitenauch die natürliche Arbeitslosigkeit sinkt.Erste Bank Unvermögen Seite 21
  22. 22. ‣ Eine vorsichtige Quantifizierung volkswirtschaftlicher EffekteWird mit einem Mikrokredit ein Unternehmen gegründet und wird angenommen, dass dadurchkein anderes, bereits bestehendes Unternehmen verdrängt wird, so entstehen positive Effektefür die Volkswirtschaft. Zum einem wird dadurch in dem Kleinunternehmen selbstWertschöpfung und in vielen Fällen auch Beschäftigung generiert. Zum anderen gibt es auchzusätzliche Nachfrage für die Zulieferer und im Endeffekt können aufgrund gestiegenerEinkommen zusätzliche Konsumimpulse entstehen.Eine einfache Input-Output Schätzung für Österreich zeigt beispielsweise, dass einKreditvolumen von einer Million Euro für ca 50 kleine Handelsbetriebsgründungen (also 20.000Euro für jedes dieser Start-Ups) über diese Multiplikatoreffekte das Bruttoinlandsproduktmittelfristig um bis zu zwei Millionen Euro steigern würde, und somit eine Million Euro anzusätzlicher Wertschöpfung entstünde. Zusätzlich würden 20 Arbeitsplätze in der Wirtschaftgeschaffen oder erhalten.‣ Weitere positive Einzeleffekte: Frauen profitieren und Regionen werden gestärktDerartige Langfristeffekte sind aber nur sehr vage abschätzbar – es gibt zu viele unbekanntebzw schlecht erfassbare Einflussfaktoren um empirisch tragfähige Evidenzen liefern zu können.Dennoch finden sich zahlreiche (zum Teil nur qualitative) Belege für positive strukturelleEffekte:So sind etwa Mikrokredite auch in entwickelten Ländern offenbar ein Instrument um gerade fürFrauen Gründungsvorhaben zu erleichtern (siehe auch Beispiel Nordrhein-Westfalen).Außerdem dürfte es sich in vielen Fällen um Projekte und Kleinstunternehmen mit einer hohenregionalen Verbundenheit handeln. Gerade in strukturschwächeren Regionen könnenMikrokredite daher einen Beitrag dazu leisten, auf niedrigschwelligem Niveau wirtschaftlicheAktivität und damit ein Aufschwungsklima zu begünstigen.‣ Nicht nur die Volkswirtschaft, sondern auch die Gesellschaft profitiertNeben den rein volkswirtschaftlichen Effekten wird gerade in Europa aber auch dem Thema der„sozialen Teilhabe“ und der „fairen Verteilung“ ein relativ hoher Stellenwert eingeräumt undwirtschaftspolitische Bedeutung beigemessen. Damit werden Mikrokredite selbst dann, wennsie im Einzelfall nicht den gewünschten betriebswirtschaftlichen Profit bringen, einengesellschaftlichen Mehrwert erzeugen: Microfinance targets some non-profit maximizing goals such as social inclusion, job creation, micro enterprises development and development of regions. (...) Microfinance programs in Western Europe are not and possibly will not become profitable but make economic sense. (...) Western European microfinance has, compared to developing and transitions countries, a strong focus on social inclusion and pays less attention or almost no attention to its profitability. (Evers et al. 2007, 10.)Erste Bank Unvermögen Seite 22
  23. 23. Nordrhein-Westfalen: Ein gut evaluiertes FallbeispielMeyer und Biermann haben in ihrer Studie 2010 das Mikrofinanzierungsprojekt in Nordrhein-Westfalen evaluiert. Die Evaluation zeigt die positiven Auswirkungen einer solchen Maßnahme:Das Projekt dient zur „Ausschöpfung von Gründungspotenzialen“ und der „Unterstützung vonInvestitionen in bestehende Unternehmen“.In der Region war die Neugründungsquote, verglichen mit Gesamt- Deutschland, eherunterentwickelt, sodass dieses Pilotprojekt als wichtiger Antrieb gesehen wurde. Eine ausreichende Finanzierung ermöglicht die Gründung an sich oft erst, sichert eine tragfähige Größe und erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit signifikant. (Meyer 2010, 7)Gut 22 Prozent der Gründer, die externe Mittel einsetzen, haben einen Bedarf zwischen fünf-und zehntausend Euro, weitere elf Prozent einen Bedarf zwischen 10.000 und 25.000 Euro.Insgesamt liegt damit der externe Finanzierungsbedarf jeder dritten Gründung im Bereich derMikrodarlehen.Folgende positive Effekte konnten festgestellt werden: Durch die Mikrodarlehen konnten 203Gründerinnen und Gründer bei ihrem Vorhaben entscheidend unterstützt werden. 102Darlehen wurden mit dem Ziel ausgegeben, ein bestehendes junges Unternehmen zu festigen(Meyer 2010, 34).Der überwiegende Teil (87 Prozent) der neu gegründeten Unternehmen sind „Sologründer“.Die restlichen 13 Prozent sind Teamgründungen oder Unternehmen, die Mitarbeiterbeschäftigen. Hier entstanden pro Neugründung ca drei neue Vollzeit-Arbeitsplätze. Das sindsomit über alle Gründungen zusammen im Durchschnitt pro Gründung 1,26 neueArbeitsplätze.Bemerkenswert ist die Frauenquote: Während im konventionellen Kreditbereich 26 Prozent derInstrumente von Frauen in Anspruch genommen werden, sind es beim Mikrokreditprogramm40 Prozent. Dies dürfte sich auch daraus erklären, dass Gründungen von Frauen grundsätzlicheinen geringeren Finanzierungsbedarf aufweisen.44 Prozent aller DarlehensempfängerInnen (66 Prozent bei den Neugründungen) kommen ausder Arbeitslosigkeit. Es zeigt sich somit, dass diese benachteiligte Personengruppe alsZielgruppe gut erfasst wird und sich die gewünschten sozialen Effekte einstellen (Meyer 2010,36).Erste Bank Unvermögen Seite 23
  24. 24. Wie können Mikrokredite verbessert und erweitert werden?‣ Banken als wesentliche und verantwortungsvolle Treiber des MikrokreditsektorsMikrokredite müssen ganz wesentlich von Banken getragen sein (dies wird zB auch in demBericht der DG Enterprise 2010 betont): Banken sollten Mikrokredite als innovativen undprofitablen Weg sehen Wirtschaft und Gesellschaft weiterzuentwickeln. Ziel sollte ein größererund qualitativ besser entwickelter Mikrokreditsektor sein.‣ Erfahrungen aus konventionellem Bank-Geschäft nützen ...Damit solche nachhaltige Dynamik in den Bereich der Mikrofinanzierung hineinkommt, müssensich Banken, die dieses Geschäft traditionell beherrschen, aktiv daran beteiligen und ihreErfahrungen aus der konventionellen Kleinunternehmensfinanzierung einbringen: Der Bereich des Micro Lending spricht eine aktive Arbeitsmarktpolitik der Banken und Sparkassen an. Hier geht es darum, das Erlernen von Selbstständigkeit praxisorientiert zu begleiten, wozu die Erfahrung aus der KMU-Finanzierung eine wesentliche Grundlage bietet. In diesem Arbeitsbereich geht es auch darum, eine Koordination mit staatlichen Aktivitäten zu ermöglichen und staatliche Subventionen nicht als Ersatz sondern als Zugang zu wirtschaftlicher Aktivität zu nutzen. (Reifner 1997, 11)‣ … aber zielgruppenspezifische Bewertungen vornehmenIm Kleinkreditbereich stoßen Banken mit den standardisierten Verfahren der Bewertung derKreditwürdigkeit und -sicherheit rasch an Grenzen: Es fehlt an Informationen, der Aufwand desSicherheitenmanagements ist im Vergleich zur Kreditsumme unverhältnismäßig groß.Daher wird es seitens der Banken notwendig sein, neben diesen standardisierten Verfahrengerade im Mikrokreditbereich verstärkt auf qualitative Faktoren abzustellen: Es geht um dieindividuelle Beurteilung der Kompetenzen der potenziellen GründerInnen, um die Einschätzungder vorlegten Businesspläne und der Cash-Flow-Prognosen (siehe auch DG Enterprise 2010, 5).Die Geschäftsidee soll auf Umsetzbarkeit, Erfolgschance und Langlebigkeit untersucht werden.Hier lassen sich eventuelle Schwachstellen noch verbessern und wichtige Erfolgstippseingebracht werden (ASB Schuldnerberatungen 2007b).Die Abstimmung mit Wirtschaftsförderungsstellen und KMU-Förderern kann hier zusätzlichunterstützen (man denke etwa an das externe KMU-Ratingangebot von aws Austria).‣ Niederschwelliger ZugangEs ist anzunehmen, dass ein Großteil der potenziellen MikrokreditkundInnen keine sehr großenErfahrungswerte mit Finanzinstrumenten hat. Es müssen daher bei der Adressierung dieserZielgruppe all jene Empfehlungen beachtet werden, die bereits bei den Fragen des „Zugangs zuFinanzprodukten“ (Kapitel 2) bzw die im folgenden Kapitel 4 zu „Financial Literacy“angesprochen werden.Erste Bank Unvermögen Seite 24
  25. 25. Selbstverständlich müssen hier fast noch mehr als im konventionellen Bereich die Regeln derverantwortungsvollen Kreditvergabe, Transparenz- und Informationsgebote beachtet werden.‣ Individuell angepasste Kreditraten und eine geringe BearbeitungsgebührKredite können für die KreditnehmerInnen teuer werden, vor allem, wenn es zuZahlungsrückständen kommt.Daher ist bei den Rückzahlungsmodalitäten vor allem auch eines Mikrokredits darauf zu achten,dass der/die KreditnehmerIn einen Überblick über die monatlichen Kosten hat und diese ineinem Budgetplan übersichtlich zusammengefasst sind. Ein standardisierter Zahlungsplan, dendas Finanzinstitut zur Verfügung stellt, gibt Transparenz und hilft dem/r KundIn dieKreditbedingungen besser zu verstehen.Überdies wäre es auch wichtig die Bearbeitungsgebühren für die Kreditabwicklung möglichstgering zu halten (Zdrahal-Utbanek 2007, 9.)‣ Beratung und Begleitung bei der ProjektumsetzungEs ist sinnvoll, begleitend zu einem Mikrokreditprogramm auch Betreuung und Beratungsowohl für die Geschäftsentwicklung selbst als auch beispielsweise für allfällige Behördenwegeanzubieten.KreditnehmerInnen sollen nicht mit Schwierigkeiten oder Fragen allein gelassen werden – diesist auch im Sinne der Finanzdienstleister, hilft es doch die Nachhaltigkeit der Existenzgründungabzusichern.‣ Evaluation und MonitoringMikrofinanzprogramme sollten als dynamisches, lernendes Instrument konstruiert werden. Esändern sich Gegebenheiten und Marktverhältnisse. Darauf sollte flexibel reagiert werdenkönnen. Dafür ist es aber erforderlich Mikrokredite laufend zu evaluieren: Was ist dasselbstgesteckte Ziel, wie können die Effekte auf Mikro- und auf Makroebene bewertet werden,welche Zielgruppen, Branchen und Regionen werden erreicht, wie einfach ist der Zugang unddgl mehr?Best Practice 3 : Mikrokreditfonds in Deutschland(Quellen: www.optimist-mikrokredit.de; www.mikrokreditfonds.de)Der Mikrokreditfonds Deutschland hat ein Finanzvolumen von ca 100 Millionen Euro und läuftbis Mitte 2017. Die Mittel stammen aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) undHaushaltsmitteln der Bundesregierung. Eigentümer des Kreditfonds sind dasBundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und das Bundesministerium für Wirtschaftund Technologie (BMWI). Es wird eine Vergabe von ca. 13.000 Krediten deutschlandweit3 Im Kapitel 5 werden die österreichischen Best Practices im Bereich der Mikrofinanzierung vorgestellt.Erste Bank Unvermögen Seite 25
  26. 26. angestrebt – seit Anfang 2010 wurden bereits über 6.000 Kredite vergeben und damit dieursprüngliche Planung weit übertroffen.Mit Hilfe des Mikrokreditfonds der Bundesregierung sollen die Engpässe kleiner Unternehmenbei der Kreditaufnahme beseitigt und der Zugang zu kleinen Unternehmenskrediten bis 20.000Euro – bei Erstkrediten bis 10.000 Euro – bundesweit erleichtert werden. Die Zielgruppe derInitiative sind Kleinst- und Kleinunternehmen (KKU), die über ihre Hausbanken und Sparkassenüblicherweise keine Kredite erhalten. Junge Unternehmen sowie Unternehmen, die von Frauenoder von Personen mit Migrationshintergrund geführt werden, genießen bei der Kreditvergabebesondere Aufmerksamkeit.Die persönliche, unbürokratische Betreuung der Kreditkunden steht im Mittelpunkt – nach demMotto „Erst der Unternehmer, dann die Zahlen".Der nominale Zinssatz beträgt derzeit 8,5 Prozent pro Jahr, es sind Annuitätendarlehen ebensowie endfällige Kredite möglich, mit Laufzeiten von sechs bis 24 Monaten.Zeitungsberichten zufolge (etwa Hamburger Abendblatt 29/09/2010 oder Spiegel online11/11/2011) sind die Erfahrungen mit wenigen Ausnahmen sehr positiv. Und auch dieEvaluierungen des Mikrokreditfonds belegen die positiven Effekte: Die zwischen 2005 und2009 vergebenen 500 Kredite mit einem Gesamtvolumen von drei Millionen Euro haben eineAusfallsquote von weniger als drei Prozent. Diese Ausfallsquote blieb auch nach derNeuregelung und Erweiterung 2010 konstant.Die zusammenfassende Beurteilung laut Mikrokreditfonds: Im Durchschnitt werden durch jeden Mikrokredit ca. 1,5 Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten. Im Vergleich zu anderen Förderinstrumenten ist Mikrofinanz insofern sehr effektiv und fördert in besonderem Maße individuelles Engagement und Selbstverantwortung. (www.mikrokreditfonds.de)Best Practice: Spanien – Mikrokredit für prekäre GründerInnenDas Mikrokreditprogramm in Spanien steht jenen Bürgern zur Verfügung, die nicht über einenZugang zum Kreditvergabesystem verfügen, da sie nicht kreditwürdig sind. Um dieseMenschen nicht aus dem klassischen Finanzsystem auszuschließen, haben sich dieverschiedenen Sparkassen, private und öffentliche Kreditvergabeinstitute und sozialeOrganisationen zusammengeschlossen.Erste Bank Unvermögen Seite 26
  27. 27. Der Kredit richtet sich an benachteiligte Personen, wie Menschen über 45 Jahre,Langzeitarbeitslose, Menschen mit Behinderung, AlleinerzieherInnen und MigrantInnen. Er dientder Existenzgründung, in Form eines Kleinunternehmens, das ein sicheres Einkommen undeinen stabilen Arbeitsplatz bietet.Der Beratung wird ein hoher Stellenwert eingeräumt, um den KreditnehmerInnen inFinanzfragen, aber auch in unternehmerischen Problemstellungen zur Seite zu stehen.Die Studie "El impacto de los microcréditos en la vida de las empresarias españolas", die imDezember 2007 von Womens World Banking durchgeführt wurde, hat festgestellt, dass jedeKreditvergabe 2,15 Arbeitsplätze schaffe.Best Practice: Belgien – Sozialer KonsumkreditDas Beispiel Belgien zeigt, dass Mikrokredite nicht nur auf Unternehmensgründung selbstbeschränkt sein müssen. In zwei belgischen Regionen gibt es fürNiedrigeinkommensbezieherInnen die Möglichkeit, subventionierte Konsumkredite für vor-definierte Vorhaben zu bekommen: Dies kann vom Führerschein (um mobiler und daherbeschäftigungsfähiger zu werden) bis hin zu einer Grundmöbelausstattung nach einerTrennung reichen.Das Instrument soll Überschuldung vermeiden helfen, es wird auch hier der Beratung einhoher Stellenwert eingeräumt und es wird jeweils auch gemeinsam nach Alternativen zu einemKredit für die Problemlösung gesucht. Die KreditnehmerInnen müssen aktiv beim Antrag undbei der Erstellung eines Haushaltsplans mitarbeiten – insofern wird hier auch die FinancialLiteracy gefördert.Erste Bank Unvermögen Seite 27
  28. 28. 4. Financial Literacy – (Un)Vermögen an WissenIn Kürze zusammengefasst...Das eigene verantwortungsvolle Geldmanagement und Vorsorgedenken sind grundlegendfür die persönliche finanzielle Absicherung zB bei Weiterbildung, Wohnungsanschaffung undPensionsvorsorge und damit wiederum von hoher Relevanz für die Volkswirtschaft, denSozialstaat und den Finanzstandort.Unklarheiten und Unwissen über Finanzprodukte und Zusammenhänge in der Geldwirtschaftführen zu einer größeren Scheu gegenüber Banken und deren Dienstleistungen. Somitwerden Beratung, Hilfestellung und optimale Finanzlösungen nicht rechtzeitig oder gar nichtin Anspruch genommen bzw kann auch nicht zwischen guter und schlechter Beratungunterschieden werden.Viele Finanzprodukte sind in ihrer Komplexität nur sehr schwer zu verstehen und für vieleMenschen nicht optimal auf ihre jeweilige Lebenssituation abgestimmt. Dies führt zuFehlentscheidungen in Finanzfragen wie Vorsorge und Sparveranlagungen ebenso wie zurSelbstüberschätzung der eigenen Finanzkompetenz, was wiederum ein Übersehen oderUnterschätzen eigener finanzieller Risikosituationen nach sich ziehen kann.Finanzielle Allgemeinbildung soll dazu befähigen, Finanzentscheidungen gewissenhafttreffen zu können um mögliche Risiken zu vermeiden. Sie soll als Teil desKonsumentInnenschutzes verstanden werden und durch die Kooperation verschiedensterInstitutionen wie Banken, Bildungseinrichtungen und Beratungsstellen möglichst vieleZielgruppen erreichen.Finanzielles Wissen hat aber nicht nur Konsumentenschutzaspekte, sondern bringtmaterielle Vorteile für jeden einzelnen und somit der Gesellschaft. Eine deutscheUntersuchung zeigt, dass finanzielle Fehlentscheidungen aufgrund mangelhafter Beratungbzw mangelhaftem eigenen Wissen jährliche Vermögensverluste von etwa einem Prozentdes Bruttoinlandsproduktes verursachen können.Daher sollte Finanzwissen allen – und insbesondere einkommensschwachen –Personengruppen zur Verfügung stehen und daher Programme zur Wissensvermittlung, diedie KundInnen in den Vordergrund stellen, dringend ausgebaut werden. FinanzielleAllgemeinbildung muss als lebenslanger Lernprozess begriffen werden, da je nachLebenssituation andere Finanzfragen relevant sein können. Maßnahmen sollen bereits beiKindern beginnen, um möglichst früh einen Grundstein zum verantwortungsvollen Umgangmit Geld zu legen. Projekte und Lehrinhalte müssen also zielgruppenspezifisch auf dieverschiedenen Interessenlagen und sozioökonomischen Hintergründe ausgerichtet sein.Erste Bank Unvermögen Seite 28
  29. 29. Financial Literacy als Teil der Allgemeinbildung‣ Definition von Financial Literacy Beim Thema Finanzielle Allgemeinbildung, das im Englischen unter Financial Literacy bekannt ist, geht es um die Vermittlung von Bildung für Verbraucher, die helfen soll, das Finanzdienstleistungssystem funktionsgerecht und verantwortungsvoll zu nutzen. (FIS Money Advice 2001)‣ Jede/r BürgerIn baucht Mindestmaß an Finanzieller Allgemeinbildung ...Finanzwissen und Finanzkompetenz sind also nicht nur für Investoren wichtig, sondern für alleBürgerInnen, die sich ein Eigenheim anschaffen, die Ausbildung der Kinder finanzieren oder dasalltägliche Haushaltsbudget organisieren wollen, wie auch die OECD auf ihrer Websitewww.financial-education.org betont 4 : Letztendlich geht es um die Verbesserung vonfinanziellem Wohlstand und finanzieller Absicherung.Denn Finanzkompetenz schafft die Möglichkeiten, das eigene Geld sinnvoll und in jeweilsoptimaler Balance von Risiko und Rendite zu verwalten.‣ … auch als Prävention gegen ArmutFehlt dieses Wissen, ist ein verhältnismäßiger Umgang mit den eigenen finanziellenMöglichkeiten nicht gewährleistet. Finanzielle Schwierigkeiten, Verschuldung oderMissmanagement können die Folge sein.Finanzielle Allgemeinbildung ist deshalb ein wesentlicher Beitrag zur Armutsprävention.‣ Finanzwissen wird zunehmend komplexer ...Da die Finanzprodukte in den letzen Jahren immer komplexer und vielfältiger geworden sind,ist es für die KonsumentInnen nicht leicht die richtigen Entscheidungen passend zu ihrerjeweiligen Lebenssituation zu treffen.‣ … zum Teil auch subjektiv falsch eingeschätztEs ist nicht einfach, sich Wissen über Finanzprodukte anzueignen, da die Komplexität derThematik gewisse Vorkenntnisse notwendig macht.Hinzu kommt, dass viele Menschen ihr eigenes Finanzwissen überschätzen. So zeigt einedeutsche Studie (Hummelsheim 2010, 5), dass nur etwa die Hälfte derer, die sich für gutinformiert halten, tatsächlich ausreichende Grundkenntnisse aufweisen. Dies zeigt sich auch in4 Financial education is the process by which financial consumers/ investors improve their understanding of financialproducts and concepts and, through information, instruction and/or objective advice, develop the skills and confidenceto become aware of (financial) risks and opportunities, to make informed choices, to know where to go for help, and totake other effective actions to improve their financial well-being and protection. (OECD-Website: www.financial-education.org)Erste Bank Unvermögen Seite 29
  30. 30. der OECD Survey (OECD 2005b): Befragt nach der Einschätzung ihrer eigenen finanziellemAllgemeinbildung bezeichnen sich viele oftmals besser informiert, als es tatsächlich der Fall ist.So zeigte etwa eine australische Erhebung, dass sich 67 Prozent der Befragten für finanziellkompetent hielten, aber nur 28 Prozent ein entsprechendes Beispiel richtig lösen konnten.Das erweist sich hinderlich bei der Wissensvermittlung – da ja kein Wissensdefizitwahrgenommen wird, ist es auch schwieriger, den Menschen die eigentlich notwendigeBildung anzubieten und zukommen zu lassen.Ausserdem ist bei Abschluss eines Finanzgeschäfts nicht auszuschließen, dass Unklarheitenoder Missverständnisse unentdeckt blieben.Einkommensschwächere Gruppen haben dabei tendenziell ein noch geringeres Informations-und Wissensniveau – dies zeigen Erhebungen aus den USA, Australien und Großbritannien(ebenfalls dargestellt in OECD 2005b, 43).Allerdings: Zu wenig Wissen über Finanzbegriffe und Finanzprodukte findet sich auch beiAngehörigen höherer Bildungsschichten (etwa aufgrund mangelnden Interesses).‣ … und über einige Jahre auch von den Banken zu wenig beachtetAber nicht nur die KundInnen allein haben die Verantwortung für unzureichendes Wissen überFinanzdienstleistungen zu übernehmen. Während der Boomzeit der Finanzmärkte tendiertenzahlreiche Banken dazu, ihre Produkte immer komplexer zu gestalten und haben sichandererseits zu wenig an der Bildung der Allgemeinheit in Sachen finanzielles Wissen beteiligt.Mehr Wissens-Vermögen der Einzelnen nützt allen‣ Wissen bringt mehr Sicherheit für alleAusreichendes Finanzwissen ist für jede/n einzelne/n notwendig, um eine sichere undnachhaltige Gebarung der eigenen Finanzangelegenheiten zu gewährleisten.Eine gute Finanzbildung der einzelnen trägt somit in Folge dazu bei, dass durch individuellverantwortungsvoll geführte Finanzen auch die Realwirtschaft, der Sozialstaat und derFinanzstandort profitieren.‣ Finanzwissen ist gerade auch für Einkommensschwächere von BedeutungBezieherInnen geringerer Einkommen haben, wie dargestellt, spezielle Bedürfnisse hinsichtlichihrer Finanzprodukte. Gleichzeitig ist bei ihnen tendenziell das Finanzwissen geringerausgeprägt. Die Kombination aus geringem Wissen und geringem Einkommen kann dazuführen, dass sie nur Zugang zu sehr standardisierten, nicht bedarfsgerechten Instrumentenhaben, und dies unter Umständen zu einem zu hohen Preis: Any action to tackle the lack of financial literacy needs to take account of the fact that financial literacy and poverty are often considered to be interdependent. This is evident from the fact that lower income, poorer educated customers risk to get poorer qualityErste Bank Unvermögen Seite 30
  31. 31. advice, they usually have access only to standardised products which do not meet their needs well and are likely to pay more when applying for loans. (Habschick et al 2007, 7)Ihr Finanzwissen zu erhöhen ist dabei nicht nur aus sozialen Motiven notwendig: Ein besseresWissen über verschiedene Möglichkeiten und mögliche Risiken hilft, auch prekärere finanzielleSituationen besser steuern zu können.Weniger Menschen, die finanzielle Schwierigkeiten haben, bedeuten schlicht und einfach auchfür den Sozialstaat weniger Kosten und Aufwand. Finanzielle Allgemeinbildung und damit einausreichendes finanzielles Vorsorgedenken sind somit aus individueller wiegesamtwirtschaftlicher Perspektive wichtige Investitionen in die Zukunft.‣ Finanzwissen vermeidet unnötige volkswirtschaftliche VerlusteEine Studie des deutschen Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft undVerbraucherschutz hat ergeben, dass in Deutschland durch unsachgemäße Finanzvermittlungjährlich mehrere Milliarden Euro verloren gehen. Der Nutzen bzw die Kosten einer finanziellenEntscheidung wären von den meisten VerbraucherInnen kaum zu erfassen oder zu bewerten – man tendiert dazu, dem Berater die Entscheidung zu überlassen.Ein unzureichendes Verständnis über Finanzgeschäfte führt zu Unsicherheiten und einemwenig rationalen Anlageverhalten der KundInnen. Die Studie zeigt, dass der deutschenWirtschaft durch mangelhafte Finanzberatung ein jährlich geschätzter Vermögensschaden von20 bis 30 Mrd Euro entsteht (Habschick et al. 2008, 10) – das wären etwa ein Prozent desdeutschen Bruttoinlandsproduktes.‣ Vorsorge ist besser abgesichert ...Wenn die BürgerInnen mehr Eigenverantwortung für ihre Altersvorsorge, Gesundheit,Ausbildung übernehmen sollen, bedeutet dies vermehrt Auswirkungen auf das Risikoprofil derprivaten Haushalte und damit auch auf die Stabilität des Finanzsystems. Grundlegend für mehrEigenverantwortung ist die Bereitstellung von Wissen und Finanzielle Allgemeinbildung amgesamten Bildungsweg. Die steigende Verschuldung von Privatpersonen, die Unfähigkeit ein ausgeglichenes Budget zu erstellen oder die Unkenntnis über einfache Abläufe im Finanzwesen verdeutlichen diese Probleme. Aber auch in Hinblick auf die Altersvorsorge gewinnt diese Thematik mit der steigenden Lebenserwartung an Dringlichkeit. Es wird immer wichtiger die eigenen Finanzen sorgfältig und vor allem langfristig zu planen, um auch im Alter noch über genügend finanzielle Mittel zu verfügen. (Stäheli 2008)‣ … und unerwünschte Dynamiken können besser vermieden werdenEine Folge von verstärkten Finanzausbildung kann auch die Forderung nach mehr Transparenzbzw bessere Erklärungen bei Finanzbelangen sein. Diese Aufgabe muss qualitätsvoll von deneinzelnen Finanzinstituten übernommen werden, da sie sonst zu einem interessanten GeschäftErste Bank Unvermögen Seite 31
  32. 32. für wenig seriöse Beratungsunternehmen wird, mit zum Teil unangenehmenvolkswirtschaftlichen Effekten: Wie sich die mangelnde Finanzkenntnis weiterer Teile der Bevölkerung insgesamt auf die Stabilität des Finanzsystems auswirkt, ist offen. Es ist jedoch zu vermuten, dass durch „Herdenverhalten“ spekulative Blasen verstärkt werden, deren Platzen dann zu gravierenden Störungen der Volkswirtschaft führen können. (Stäheli 2008)Wie kann die Finanzielle Allgemeinbildung verbessert werden?‣ Wissensvermittlung soll Kunden und nicht Anbieter in den Vordergrund stellenSowohl OECD (2005b) als auch die Europäische Kommission 5 nennen eine Anzahl vonEmpfehlungen für eine verbesserte finanzielle Allgemeinbildung.Vorrangig dabei: Die finanzielle Allgemeinbildung soll unverfälscht, ohne Eigeninteresse und gutkoordiniert sowohl von öffentlichen als auch privaten Einrichtungen, angeboten werden. Undsie soll zielgruppenspezifisch sein, zugeschnitten auf verschiedene Personengruppen oderunterschiedliche Lebensumstände.‣ Wissensvermittlung sollte auch als Teil des Konsumentenschutzes verstanden werdenDie Wissensvermittlung soll kostenlos und leicht zugänglich sein. Auch die Möglichkeiten desInternets sollten dabei ausgeschöpft werden.Bei einem Bankgeschäft liegt es vor allem in der Verantwortung der VertriebsmitarbeiterInnenund BankberaterInnen sich davon zu überzeugen, dass die Kundin / der Kunde dieInformationen und Geschäftsbedingungen verstanden hat. Formulierungen solltendementsprechend nicht zu kompliziert sein und generell sollte auf das „Kleingedruckte“verzichtet werden (siehe auch OECD 2005b, 4).Anstrengungen in Richtung vermehrter finanzieller Allgemeinbildung gehen daher eng einhermit Konsumentenschutz und der Regulierung und Kontrolle der Finanzinstitutionen.‣ Wissensvermittlung soll bereits bei Kindern startenWissensvermittlung über das Thema Finanzen soll so früh wie möglich, am besten bereits in derSchule, starten. Auch Kinder und Jugendliche verfügen bereits über Taschengeld, ein Sparbuchoder eine Bankomatkarte, die einen verantwortungsvollen Umgang erfordern. Financial education should start at school. People should be educated about financial matters as early as possible in their lives. (OECD 2005b)5diese vor allem im Rahmen des bereits zitierten FES-Projekts „ Finanzielle Allgemeinbildung und verbesserter Zugangzu adäquaten Finanzdienstleistungen als Beitrag zur Prävention und Bekämpfung von Überschuldung“Erste Bank Unvermögen Seite 32
  33. 33. ‣ Wissensvermittlung kann über unterschiedliche Ansätze erfolgenJe nach Interessenlage und Umfeld können unterschiedliche Anknüpfungspunkte gefundenwerden, über die Finanzwissen vermittelt werden soll. In der Literatur finden sich dafürbeispielsweise folgende inhaltliche und damit auch kommunikative Ansätze (Piorkowsky 2010,9):- Volkswirtschaftlich-makroökonomischer Ansatz: Märkte, Geld und Kredit, Institutionen der Marktwirtschaft, insbesondere des Finanzsektors- Hauswirtschaftlich-mikroökonomischer Ansatz: Wirtschaften im Haushalt mit gegebenen Mitteln, Prävention der Verschuldung;- Finanzwirtschaftlich-betriebswirtschaftlicher Ansatz: Geldmanagement, Vermögensaufbau, Risikovorsorge‣ Evaluation und Vernetzung sind auch bei der Wissensvermittlung notwendigDie Evaluation der Programme, ihre stetige Anpassung und Weiterentwicklung sindnotwendiger Bestandteil einer erfolgreichen Wissensvermittlung und -verbreitung, auch imFinanzbereich.Ebenso ist auch hier eine gut funktionierende Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure, wieBeratungsstellen, Bildungseinrichtungen, Behörden und Finanzinstitutionen Voraussetzung desnachhaltigen Erfolgs.Erste Bank Unvermögen Seite 33
  34. 34. Best Practice 6 : FrankreichIn Frankreich gibt es seit 2006 den gemeinnützigen Verein IEFP Institut pour l’éducationfinancière du public (Institut für finanzielle Allgemeinbildung). Auf seiner Website „La financepour tous“ (Finanz für alle) informiert er über seine Bildungs- und Informationsprojekte.Vor der Gründung wurde umfassend erhoben, wie es um die finanzielle Allgemeinbildung derBevölkerung steht, welche Personengruppen einen besonderen Bedarf an Finanzbildunghaben, und welche Wissensinhalte sinnvoll wären. Der Verein erarbeitet und fördert daraufaufbauend Bildungs- und Informationsprojekte, veranstaltet Konferenzen und führtEvaluationen durch.Das Zusammenbringen der verschiedenen Stakeholder als Ansprechstelle ist unter anderemauch für die Ressourcenvergabe zielführend.Best Practice: Nordrhein-WestfalenDas „Netzwerk Finanzkompetenz Nordrhein-Westfalen“ wurde 2006 vomVerbraucherschutzminister ins Leben gerufen und besteht aus mehreren Arbeitsgruppen, diefür verschiedene Zielgruppen spezifische Programme entwickeln:Allgemeinbildung für Grundschulkinder:Das Projekt „MoKi – Money & Kids“, bei dem Kinder zwischen sechs und zehn Jahren aufspielerische Weise den Umgang mit Geld und Konsum erlernen, erfüllt den Anspruch dermöglichst frühen Bildungsförderung.Broschüren, Filme und Spielmaterialien zielen auf die Themen Taschengeld, Geldkreislauf,Wünsche, Werbung und ähnliches ab.Allgemeinbildung für junge Familien:Besondere Bedürfnisse und Anliegen in Finanzfragen lassen sich bei jungen Familienidentifizieren. Die eigene Existenzgründung stellt diese Personengruppe vor besonderefinanzielle Herausforderungen.Um diese Zielgruppe umfassend auch mit Finanzbildungsprogrammen zu erreichen, hat sichdie Zusammenarbeit mit Familienzentren, wo verschiedene Beratungsangebote genutzt werdenkönnen, als sehr effektiv erwiesen.Allgemeinbildung für BerufsanfängerInnen:Der Start in das Erwerbsleben bedeutet oft, sich erstmals intensiver mit Finanzdienstleistungenauseinanderzusetzen. Das Führen eines Gehaltskontos, die finanzielle Starthilfe für denBerufseinstieg und der verantwortungsvolle Umgang mit den eigenen Finanzen stehen beidieser Zielgruppe daher im Fokus.6In Kapitel 5 werden die auch häufig als best practice genannten Aktivitäten zur finanziellen Allgemeinbildung inÖsterreich vorgestellt.Erste Bank Unvermögen Seite 34
  35. 35. 5. Unvermögen in ÖsterreichIn Kürze zusammengefasst …Um die Themen „Finanzzugang“, „Financial Literacy“ und Mikrokredite“ für Österreichstatistisch zu analysieren wurden zunächst Daten vor allem der EU-SILC Sondererhebung zuVerschuldung und finanzielle Ausgrenzung ausgewertet:‣ Eine Million Menschen in Österreich ist armutsgefährdet (mit einem Einkommen von weniger als 950 Euro im Monat pro Person), etwa 400.000 davon dauerhaft. Jeder fünfte österreichische Haushalt kann sich (zumindest phasenweise) nicht ausreichend am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Alltag beteiligen.‣ Wer nur mangelhaft sozial und wirtschaftlich integriert ist, gerät leichter in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten. Nicht überraschend korrelieren daher finanzielle Schwierigkeiten mit niedrigem Einkommen, prekärem Erwerbsstatus, niedriger Bildung aber auch mit Sprach- und Kulturbarrieren.‣ Die Schuldnerlandschaft hingegen ist deutlich heterogener: Kredite sind weitverbreitet, auch das Konto ist in fast jedem fünften Haushalt überzogen. In den unteren Einkommensgruppen zeigt sich jedoch eine geringere Kreditnutzung – sei es aus dem Wissen über das eigene Unvermögen einer regelmäßigen Rückzahlung oder aufgrund restriktiver Handhabung durch die Bank.‣ Wenngleich die meisten Menschen in Österreich ein Konto haben, gibt es doch in zwei Prozent der österreichischen Haushalte kein Konto und in sechs Prozent keine Haushaltsversicherung – ärmere, sozial schwächere Haushalte sind dabei wieder überrepräsentiert. Dieser mangelnde Zugang wird auch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Die öffentliche Meinung ist zu fast 90 Prozent dafür, dass Basisfinanzdienstleistungen zum Mindeststandard gehören und und entsprechend zu ermögliche sind.‣ Dennoch haben auch ärmere Haushalte Vermögen: Haushalte mit einem Haushaltseinkommen von weniger als 1.000 Euro im Monat haben im Schnitt 146.000 Euro an Immobilienvermögen (mit einem großen Stadt-Land Unterschied). Die Hälfte der Haushalte mit einem Monatseinkommen von weniger als 750 Euro im Monat haben ein Nettogeldvermögen (also abzüglich Schulden) von mehr als 3.000 Euro. Finanzinstitute haben gegenüber dieser Gruppe eine besonders hohe Verantwortung, sie bei der Veranlagung und Absicherung dieser (wenn auch nur geringen) Vermögen gut und nachhaltig zu begleiten.Erste Bank Unvermögen Seite 35
  36. 36. Österreich zeichnet sich durch einige Best Practice Beispiele im Bereich des Social Bankingsaus.‣ Zu nennen sind hier zunächst die Zweite Sparkasse bzw das Zweite Chance Konto, die die Basisdienstleistungen von Girokonto und Sparbuch anbieten um so auch die Rückkehr in den „normalen“ Finanzalltag zu erleichtern.‣ Finanzielle Ausgrenzung besteht aber auch, wenn einkommensschwache oder verschuldete Personen keinen Kredit mehr bei einer Bank bekommen. Daher wurde auf Initiative des BMASK und in Kooperation mit der Erste Bank & Sparkassen das österreichische Mikrokreditprogramm ins Leben gerufen. Über 100 Kredite wurden seit seinem Beginn 2010 vergeben, bereits heute finanziert sich das Programm zu etwa der Hälfte selbst. Es werden davon ca 1,26 neue Beschäftigungsverhältnisse pro Gründungsprojekt erwartet.‣ Auch Bildung bzw Mangel an derselben ist hochkorreliert mit der Armutsgefährdung. Ein niedrigeres Bildungsniveau erhöht das Risiko eines erschwerten Zugangs zu Basisfinanzdienstleistungen wie einem Kontozugang oder Versicherungen sowie Verschuldung und finanziellen Schwierigkeiten. Bei einem Pflichtschulabschluss liegt die Armutsgefährdung bei 18 Prozent, bei Universitätsabschluss „nur“ bei 3 Prozent. Finanzbildung korreliert stark mit dem Bildungsniveau – daher sind Programme zur Stärkung der finanziellen Allgemeinbildung ein wichtiger Schritt zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Geld und wirken präventiv Armut entgegen.Insgesamt gibt es also in Österreich in den Bereichen Finanzzugang, Mikrofinanzierung undFinanzbildung bereits einige gut funktionierende Best Practice Beispiele. Es wäre aberdurchaus im Interesse aller (der KonsumentInnen, der Banken und desWirtschaftsstandortes) diese noch auszuweiten (regional und auf mehr Zielgruppen) undauszubauen (mehr Anbieter und Geldmittel). Dazu zählen vor allem das Recht auf leistbareBasisfinanzdienstleistungen, ausreichende Mikrokreditprogramme und die Vermittlung vonFinanzwissen allen zugänglich zu machen.Erste Bank Unvermögen Seite 36
  37. 37. Fragestellung‣ Ein Porträt für Österreich ...Im Folgenden sollen nun die bislang dargestellten Themen „Finanzzugang“, „Financial Literacy“und „Mikrofinanzierung“ im österreichischen Kontext betrachtet werden. Wo zeigen sich hierbesondere Probleme, was kann als Best Practice Lösung gesehen werden, lassen sichZusammenhänge zwischen Deprivation 7 und mangelndem Zugang zu Finanzdienstleistungenbzw mangelnden Finanzkenntnissen belegen?‣ … mit folgenden Fragestellungen ...Zunächst ist es notwendig, darzustellen, welche Personengruppen in Österreich in Armuts-bzw Prekariatsbedingungen leben: Was ist Armut und wer ist arm?Auch ärmere Haushalte können Geld- und/oder Immobilienvermögen besitzen – wie sieht hierdie Vermögenssituation aus?Welche Daten gibt es zu Finanzieller Ausgrenzung und Finanzieller Allgemeinbildung,insbesondere von ärmeren Haushalten?Und was kann letztendlich zur Beseitigung von Unvermögen in Österreich getan werden (hierfällt dann auch die Frage der Mikrofinanzierung hinein)?‣ … und folgenden QuellenBei der statistischen Beschreibung der Fragen wurde vor allem auf EU-SILC zurückgegriffen,eine Erhebung, durch die jährlich Informationen über die Lebensbedingungen derPrivathaushalte in der Europäischen Union gesammelt werden. Rund 4.500 Haushalte nehmenjährlich an dieser Erhebung teil, die Statistiken sind zum einen auf Haushaltsbasis, zum anderenauf Basis der in diesen Haushalten lebenden Personen ausgewertet.Von besonderem Interesse für die Fragestellungen in der vorliegenden Analyse ist dabei eine2008 durchgeführte Sondererhebung von EU-SILC über Verschuldung und finanzielleAusgrenzung – ihre Ergebnisse werden im Detail dargestellt um Rückschlüsse auf dierelevanten Zielgruppen von Mikrofinanzierungen ziehen zu können. Es wurde bei der Analysedabei besonders auf jene Gruppen fokussiert, die sich im Erwerbsalter befinden, da dieseGruppe am ehesten von Dienstleistungen und Förderungen, die über rein sozialstaatlicheTransfers hinausgehen, profitiert (anders gesagt: Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert für dieseGruppen deutlich besser als für PensionistInnen).7 Definition siehe nächste Seite.Erste Bank Unvermögen Seite 37
  38. 38. Was ist Armut und wer ist in Österreich arm?Armutsgefährdung und Deprivation – Definitionen‣ Wie wird Armutsgefährdung berechnet?Wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen (Median-)Einkommens als laufendesEinkommen hat, gilt in Österreich und auch nach der Definition der Europäischen Union alsarmutsgefährdet.Dabei handelt es sich nur um das laufende Einkommen; Vermögensbestände,Vermögensauflösungen oder Schulden bleiben unberücksichtigt. Weiters wird dasHaushaltseinkommen mittels einer Äquivalenzrechnung bestimmt.Dauerhaft armutsgefährdet sind jene Haushalte, die über die vergangenen zwei bis drei Jahrearmutsgefährdet waren.‣ Was ist finanzielle Deprivation?Ein etwas anderes Armutskonzept stellt die finanzielle Deprivation dar: Hierbei wird weniger aufEinkommensarmut, sondern auf die Teilhabemöglichkeiten von Personen und Haushalten amgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alltagsleben abgestellt. Nicht die absolute Höhe desEinkommens steht im Vordergrund, sondern die Frage, ob bestimmte Deprivationsindikatorenzutreffen.Infobox „Definition Deprivation“: Mindestlebensstandard in ÖsterreichIn Österreich 8 gilt ein Haushalt als depriviert, wenn er sich mindestens zwei der folgendenAusgaben nicht leisten kann:- unerwartete Ausgaben zu tätigen,- Freunde zum Essen einzuladen,- jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine vergleichbare vegetarische Speise zu essen,- neue Kleider zu kaufen,- Zahlungen rechtzeitig zu begleichen,- die Wohnung angemessen warm zu halten- oder einen notwendigen Arztbesuch zu absolvieren.8 Die österreichischen Indikatoren unterscheiden sich geringfügig von jenen des Europäischen Eingliederungszieles.Erste Bank Unvermögen Seite 38

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