Fatale Bewegungen | Auto + Musik

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konkursbuch 42, "Auto"
hrsg. von Gerburg Treusch- Dieter, Claudia Gehrke & Ronald Düker, Tübingen 2004

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Fatale Bewegungen | Auto + Musik

  1. 1. [ Musik][Fatale Bewegungen: Auto und Musik]juttafranzen | 2004 CC BY-NC-ND
  2. 2. juttafranzen | 2004 [Fatale Bewegungen: Auto und Musik][Fatale Bewegungen: Auto und Musik]Auto-Mobil und Musik ziehen mich in den Bann durch ein Spiel von Still-Stand undBewegung: Vier Szenarien: in allen spielen Auto-Mobil und Musik die bewegenden Rollen.Mehr als bloße Hilfsmittel zur Überwindung von Raum und zur Erzeugung von Klang,agieren sie als Medien, magische Vermittler eines Geschehens, das seine Spuren an denDingen und mir hinterlässt.Auto-Mobil und Musik ziehen mich in den Bann durch ein Spiel von Still-Stand undBewegung: das Auto-Mobil ist für mich die "Zelle", in der "einsitze", um mich fort zubewegen- immobil kann ich das Auto-Mobil als meine Selbst- Bewegung er-fahren.Musik lässt alles um mich herum verstummen - die "Welt" steht still und ich lasse mich in dieBewegung, den Rhythmus und Klang der Musik ziehen.Still- Stand und Bewegung von Auto-Mobil und Musik entfalten ihre Magie in Szenarieneigentümlicher Er-fahrungen: im Videoclip eröffnet das play> der Musik mit den Bildern desAuto-Mobils eine Story fataler Bewegungen; im RL [Real Life] einer Autofahrt verdichten sichAuto-Mobil und Musik zum Geschehen, das mich (nicht nur fort) bewegt.1. Szenario ["My favourite game", Version 1]: play> "My favourite Game" Musik: The CardigansEin schwarzes Cabrio steht am Rande eines Highways startbereit: Regie : Jonas Akerlund 1998aus dem Radio warnt eine Stimme vorsichtig zu fahren. Eine junge http://youtu.be/ktmMAad7NTYFrau am Fahrbahnrand sucht einen der dort liegenden Steine ausund legt ihn auf das Gaspedal. Sie steigt in das Auto, das Radio verstummt, Musik setzt einund mit ihr beginnt eine rasende Fahrt. Im Song wiederholt sich ein bestimmter Rhythmusund der Refrain: "And Im losing my favourite game". Während der Fahrt verursacht die Fraumehrere Unfälle, drängt andere Autos von der Bahn, überfährt Menschen, setzt aber ihreFahrt ungehindert und ohne Zögern fort. Sie steht zwischendrin auf oder lenkt mit denFüßen. Als sie einen Kleintransporter entgegenkommen sieht, stellt sie sich mitausgestreckten Armen hin, gibt das Steuer frei und lässt ihr Auto auf den anderen Wagenzurasen. 2 CC BY-NC-ND
  3. 3. juttafranzen | 2004 [Fatale Bewegungen: Auto und Musik]Was zunächst nach der Schilderung einer Autofahrt aussieht, wird mit dem Einsatz derMusik und dem Ausblenden der Umgebungsgeräusche zu einer Erzählung, in der sich eineeigene Welt eröffnet. Der Musikclip "My favourite Game" (Musik: The Cardigans; Regie :Jonas Akerlund 1998) zeigt eine Bildabfolge, die nicht die Ereignisse einer Autofahrtabbildet, sondern erst die Ereignisse inszeniert, die es nur im Musikvideo und seiner Storygibt. Auto und Musik spielen dabei besondere Rollen: die Musik setzt einen Schnitt, der dieBilder von den Geräuschen dessen, was zu sehen ist, trennt und mit dem Ablauf derErzählung verbindet. Anders als die Filmmusik referiert die Musik des Clips nicht aufKörper/Bilder und die von ihnen initiierten Handlungsabläufe, sondern stellt ein solchesSzenario erst her.Das Auto-Mobil wird zur Metapher für die fatale (Selbst-) Bewegung und Steuerung auf dem"Highway" des Lebens, der Linearität und Kontinuität vorgibt. Sie wird durch dieKontingenzen, die Zu/Un/fälle der einzelnen Autos und das heißt der einzelnen "Schicksale"nicht unterbrochen. Die Fahrt geht weiter, die Zeitdimension ist das vorwärts gerichtete play>der Musik und der Bildabfolge.Im Clip sind es zunächst die anderen Autos, mit denen die Protagonistin zusammentrifft, dievon der Straße abkommen, während sie, teilweise durch riskante Wendemanöver weiterdem Highway, ihrem "Favourite Game" des Lebens folgt. Ihr Auto-Mobil, ihre Form derBewegung durch das Leben ist eine Selbstbehauptung gegen alle Widerstände und Formender Beziehung zu anderen. "...in the end its always me alone". Die Botschaft des Songs "Imloosing my favourite game" kündigt indes den finalen Verlust an, die fatale wie tödlicheBewegung des Auto-Mobils, als die Fahrerin die Steuerung aufgibt und dasZusammentreffen mit einem anderen (Auto-Mobil), nahezu magisch angezogen, zulässt.Mit dem Zusammenprall der aufeinander zufahrenden Autos endet die Musik, und es sindwieder Stimmen aus dem Radio zu hören. Die Fahrerin liegt bewegungslos außerhalb desAuto-Mobils auf der Fahrbahn. Dann erfolgt ein <<rewind, eine Rückbewegung und einerneutes Spiel, im Doppelsinn des play> der Musik und der Bildabfolge sowie des "Game"mit verschiedenen Varianten der Schlussszene. Die Musik setzt erneut ein und die Fahrtvom Loslassen des Steuers bis zur fatalen Begegnung der beiden Auto-Mobile wiederholtsich.Neben der ersten "Dead- Version", bei der die Fahrerin auf der Fahrbahn liegen bleibt, gibtes zwei weitere Todesfassungen: Die "Head- Version" zeigt im Stil eines Splatter- Movie denabgetrennten Kopf der Frau auf dem Asphalt. In der "Stone- Version" richtet sich die Fahrerin 3 CC BY-NC-ND
  4. 4. juttafranzen | 2004 [Fatale Bewegungen: Auto und Musik]zunächst wieder auf und wird erst dann von dem Stein tödlich getroffen, den sie auf dasGaspedal gelegt hatte und der durch den Aufprall mit ihr aus dem Auto geschleudert wird. Inder "Walkaway"- Version steht die Fahrerin auf und geht von der Fahrbahn und aus demBild.Das <<rewind stellt eine zeitliche Bewegung zurück her, von der aus die Ereignisse andersinszeniert werden können. Doch mit dem erneuten Sprung in den play> Modus der Musikund der Fahrt des Auto-Mobils auf dem Highway werden zwar nicht dieselben Ereignisse,aber ihre Linearität und Eindimensionalität wiederholt. Es gibt nur Varianten im Ablauf des"Games" Leben, seiner Kontingenz und Finalität. Die "Walkaway"- Version ist nicht das"Happy- End", sondern nur eine weitere Form des "loosing my favourite game", indem auchdas game im Verlassen des Highway und das heißt des Lebens endet. Das Auto-Mobil bleibtimmobil, zerstört zurück. Die Musik lässt nicht verstummen, sondern verstummt selbst. "What it feels like for a girl"2. Szenario ["What it feels like for a girl"]: play> Musik: Madonna Regie: Guy RitchieZwei Frauen bereiten sich zum Ausgehen vor: die junge "styled" 2001 http://youtu.be/2lS780CWph0sich, die alte Frau wartet, während sie ein Puzzle legt, in ihrem"guten" Kleid darauf, dass man ihr aus dem Rollstuhl hilft. ImHintergrund ist die Stimme der jungen Frau zu hören."... you think that being a girl isdegrading. But secretly youd love to know what its like. Wouldnt you. What it feels like for agirl." Die Musik dringt in den Vordergrund, die junge Frau steigt in das Auto und holt die alteFrau zu einer gemeinsamen Fahrt ab. Foto: juttafranzen 2004Der Rhythmus der Musik und das hektische Geschehen verbinden sich zu einem intensivenSzenario, durch das der Refrain klingt, "Do you know what it feels like for a girl. Do you knowwhat it feels like in this world. For a girl." Die Autofahrt durch eine Stadt gerät zur gezieltenAttacke gegen männliche Personen, deren Autos die junge Frau mit ihrem Auto rammt, die 4 CC BY-NC-ND
  5. 5. juttafranzen | 2004 [Fatale Bewegungen: Auto und Musik]sie ausraubt und mit deren gestohlenem Auto sie schließlich gegen einen Laternenpfostenrast.Der Clip "What it feels like for a girl" (Musik: Madonna, Regie: Guy Ritchie 2001) inszenierteine Story, in der das Auto die genderspezifische Form des Selbst und seiner Bewegunginnerhalb eines urbanen sozialen Kontextes symbolisiert. Die Oberfläche des Aussehens derjungen Frau und der Autos werden als Zeichen für Verhaltensmuster und Praktikenaufeinanderbezogen, die als typisch weiblich und als typisch männlich codiert sind. DieMusik setzt die Schnitte, von denen aus die Story als das zwangsläufige Aufbrechen derOberflächen inszeniert wird. Unterbrochen vom Refrain des weiblichen Chors und derStimme der jungen Frau treibt ihr Rhythmus die aggressive Bewegung der Auto-Mobilevoran bis zum finalen Zerbersten der Oberflächen.Das "Make-Up" der jungen Frau entspricht den üblichen Erwartungen an ein positivbewertetes weibliches Äußeres. Gegenüber der alten Frau zeigt sie sich fürsorglich, undeiner weiblichen Serviceperson steckt sie das zuvor einem Mann geraubte Geld zu. InDifferenz dazu steht ihr Verhalten beim Fahren der Auto-Mobile, deren glänzende undebenfalls "aufgemotzte" Oberfläche in Form und Ausstattung die Clichés von Penis-Symbolund "Macho" -Attitude bedienen.Die junge Frau übernimmt, sobald sie hinter dem Lenkrad sitzt, die den Auto-Mobilenzugeordnete aggressive, männlich codierte Pose als ihre eigene Selbstbewegung. Sieimitiert das Verhaltensmuster, das sie zugleich angreift. Ihr weibliches Aussehen wird nurmehr zum Mittel, das sie gezielt bei ihren Attacken auf die männlichen Personen bzw. Auto-Mobile einsetzt, etwa wenn sie ihnen erst zuzwinkert, bevor sie sie mit ihrem Auto-Mobilrammt.Das Durchdrehen der Räder beim aufheulen lassen des Motors symbolisiert die fataleBewegung, in die sich das Geschehen in rasender Fahrt und im raschem Rhythmus derMusik steigert. Das Auto -Mobil bewegt nicht fort und nicht weiter, sondern auf dengewaltsamen Still-Stand von Auto-Mobil und Musik zu. „Karma Police“ Musik: Radiohead3. Szenario ["Karma Police"]: play> Regie: Jonathan Glazier 1997Mit dem Einsetzen der Musik schweift der Blick durch das www.youtube.com/watch?v=IBH97ma9YiIleere Innere einer Limousine. Es sind Schritte und dasZuschlagen der Tür zu hören. Das Auto-Mobil setzt sich in Bewegung. Aus der Sicht hinterdem Lenkrad rollt das Auto-Mobil geradeaus einen Highway entlang, einem dunklen Horizontentgegen. Nach einer Weile ist im Scheinwerferkegel ein Mann zu erkennen, der vor dem 5 CC BY-NC-ND
  6. 6. juttafranzen | 2004 [Fatale Bewegungen: Auto und Musik]Auto-Mobil davon läuft. Schließlich bleibt er stehen und dreht sich um. Die Limousine weichtzurück und hinterlässt auf dem Asphalt eine Benzinspur. Zitternd und hinter seinem Rückenverborgen zündet der Mann ein Streichholz an und wirft es auf die Benzinspur, die sofortFeuer fängt. Das Auto-Mobil, in dem zwischenzeitlich im Fond ein Mitfahrer, aber nie einePerson hinter dem Lenkrad zu sehen war, gleitet weiter zurück, wird aber von den Flammeneingeholt, die die nun wieder leere Karosse umschließen.In "Karma Police" ( Musik: Radiohead; Regie: Jonathan Glazier 1997) ist das Auto ein Auto-Mobil im engen Sinn der Selbstbewegung: es gibt keine Person, die es steuert. Umgekehrtsteuert es vielmehr das Verhalten der Person außerhalb, die vor ihm davon läuft.Der Refrain des Songs "This is what you get. When you mess with us," verstärkt die diffuseDrohung, die in der Machtbeziehung liegt, die vom Auto-Mobil ausgeht. Die Musik inszeniertmit ihrem langsamen Rhythmus und der Monotonie des Gesangs die Beharrlichkeit desAuto-Mobils, das sie als unentrinnbares und kontrollierendes Karma erscheinen lässt. Diekontinuierliche, fast immobile Bewegung des Auto-Mobils lässt den Mann auf dem Highwaynicht los, holt ihn aber auch nicht ein, überfährt ihn nicht, obwohl sie es könnte.Mit dem Still-Stand des Mannes kehrt sich die Machtbeziehung um. Er unterbricht dieWirkung des Auto-Mobils und seiner fatalen Bewegung, die sein Verhalten zwanghaftsteuerte. Der Mann stellt sich seinem Karma. Das Auto-Mobil weicht zurück und gibt dieEnergie frei, mit der der Mann aktiv werden und die fatale Bewegung des Auto-Mobilsendgültig im Feuerring bannen kann.Der Blick in das Auto-Mobil zeigt es wieder leer: die Macht des Auto-Mobils war die Ohn-Macht des Mannes und seiner Flucht- Bewegung. Die Musik, die die Machtbeziehung mit-bewegt hat, verstummt im Auflodern der Flammen, deren Geräusch an ihre Stelle tritt. 6 CC BY-NC-ND
  7. 7. juttafranzen | 2004 [Fatale Bewegungen: Auto und Musik]4. Szenario [Real Life]: Go!Mit dem Umdrehen des Zündschlosses schalte ich die Musik in meinem Auto-Mobil ein. DerMotor kann starten, die Fahrt beginnt. Ich befinde mich in einem Raum, der meinen Körperwie eine Zelle umschließt: Stahl, Kunststoff und Glas trennen mich von meiner Umwelt, dieich allein durch die Sichtfenster und die Rück- und Seitenspiegel wahrnehme. Der Klang derMusik sperrt die Geräusche der Umgebung aus und lässt mich nur die des Motors gedämpftwahrnehmen. Der Differenz nach außen entspricht nach innen die Wirkung, dass die Zellemir einen Schutzraum bietet, für meinen physischen Körper sowie für eine Welt, die sich mirdurch den Vorgang des Fahrens eröffnet. Ich sitze am Steuer und an den Hebeln, die michmit der Maschine verschalten. Ich kontrolliere und lenke die Energie des Auto-Mobils, sodass seine Bewegung zu meiner wird.Die Musik lässt die Außen-Welt verstummen. Sie stellt eine Auto- Welt her, in der Klang undRhythmus der Musik mit der Praktik und dem "feeling" des Fahrens verschmelzen. DieBewegung und das Tempo von Auto-Mobil und Musik erzeugen in mir jenes lustvolle Gefühleines "Flow", das sich bis zum Rausch steigern kann. Das Geschehen und die Ereignisseaußerhalb meiner Zelle reduzieren sich auf Punkte, die ich hinter mir lasse. Ich beachte sienur, um zu verhindern, dass sie in meine Auto- Welt eindringen.Was und wer auch immer ich "draußen" bin, im Auto-Mobil bin ich zugleich Subjekt undObjekt der Energie, die von der Maschine ausgeht und der Musik, die sie und mich seit ihremStarten begleitet. Ich nutze sie für meinen Weg, indem ich mich von ihnen be- wegen lasse. Foto: juttafranzen 2004"Nichts bewegt Sie wie ein Citroen", verheißt auch der Werbe-Slogan für eine Automarke,deren berühmtestes Modell DS einst als "Déesse", "Göttin", bezeichnet wurde. (RolandBarthes, Mythologies, 1957) Das Auto-Mobil ist mehr als ein bloßes Transportmittel, es"erschafft" mir eine eigene Welt, während es mich transportiert. Es verändert die Muster, mit 7 CC BY-NC-ND
  8. 8. juttafranzen | 2004 [Fatale Bewegungen: Auto und Musik]denen ich meine Außenwelt und meine Innenwelt wahrnehme. Wie ich Geschwindigkeit undMobilität er-fahre, so kann ich mich selbst er-fahren, als stark, als aggressiv, als schwach.Die Differenz von Innen und Außen, durch die das Auto-Mobil zur Zelle (m)einer eigenenWelt wird, ist indes instabil und trügerisch.Das Auto-Mobil ist immer auch eine potentielle Todeszelle. "Reality sucks."Der physische Körper und die Materialität des Auto-Mobils bleiben Wider- Stände gegenüberden fatalen Bewegungen und ihrer lustvollen Er-fahrung. Geschwindigkeit, Rhythmus undKlang der Musik erscheinen als Spiel und sind doch kein play>, das ein <<rewind, dieBewegung zurück, zuließe.Still- Stand im "Real life" ist blutiger Still- Stand.# Aus dem Autoradio tönt der Werbespruch eines Senders: "...Massenkarambolage auf derAutobahn. ...Auffällig... Alle hatten denselben Musiksender eingestellt.." #Veröffentlicht in:konkursbuch 42, "Auto"hrsg. von Gerburg Treusch- Dieter, Claudia Gehrke & Ronald Düker,Tübingen 2004 8 CC BY-NC-ND

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