Bericht 3

367 Aufrufe

Veröffentlicht am

City or village, what's the real China? Here is what we find in a Chinese city.

Veröffentlicht in: Reisen
0 Kommentare
0 Gefällt mir
Statistik
Notizen
  • Als Erste(r) kommentieren

  • Gehören Sie zu den Ersten, denen das gefällt!

Keine Downloads
Aufrufe
Aufrufe insgesamt
367
Auf SlideShare
0
Aus Einbettungen
0
Anzahl an Einbettungen
5
Aktionen
Geteilt
0
Downloads
1
Kommentare
0
Gefällt mir
0
Einbettungen 0
Keine Einbettungen

Keine Notizen für die Folie

Bericht 3

  1. 1. Ab sieben Uhr jeden Morgen brodelt bereits das Leben in dem Gebäude mit denKolonnaden (siehe Bild). Es ist so überfüllt, dass man kaum gehen kann, ohne die anderenan die Füße zu treten. In der Luft rauschen Rufe und Schreie. Unterschiedliche Sorten vonGemüse liegen auf Verkaufsständen oder auf aufgelegten Säcken am Boden. DieFarbenpracht lässt einen an die Palette eines Malers denken... Das Gebäude ist eigentlich ein großer Kunstgewerbemarkt in meiner Stadt.Allerdings von sieben bis zehn Uhr täglich, also bevor die Läden aufgemacht werden,findet auf dessen Innenhof ein Lebensmittelmarkt statt, der eher als Morgenmarkt bekanntist. Lebensmittelmärkte sind weit verbreitet und beliebt in ganz China. Meine Großmutter kauft hier alles Gemüse und Fleisch für den Haushalt ein.Manchmal helfe ich ihr beim Tragen. Ich gehe gerne auf den Markt, weil er aus meinerSicht Menschen mit dem wichtigsten für die Lebenserhaltung versorgt – Nahrung. Und diegroße Auswahl der Waren veranschaulicht, dass wir heute nicht nur satt, sondern auchgesund und darüber hinaus genußvoll essen können. Außerdem fühlt man sich auf demMarkt trotz des wirren, lärmenden Treiben bei Weitem nicht so beengt undzusammengequetscht wie in einem supermarkt. Meine Großmutter bevorzugt auch den 1
  2. 2. Markt, weil sie einfach daran gewöhnt ist, glaube ich. Der erste Supermarkt kam in meineStadt im Jahre 1993, während der „normale“ Markt in unendliche Vergangenheitzurückreicht. Um zehn Uhr ist die „Schichtwechsel“ – die Händler packen ihre Stände wiederzusammen und ziehen weg, Putzfrauen räumen den Müll auf und kehren den Boden,während die Besitzer der Kunstartikelläden langsam kommen um das Geschäftaufzumachen. Das Gebäude wird sauberer, leiserer und leerer. Aber man täuscht sich,wenn man meint, dass das laute Getriebe aufgehört hätte. Nein, es hört nicht auf. ImGegenteil, es geht in der Stadt draußen weiter – in verzehnfachter Dimension. Lebensmittelmarkt wird bald zum Kunstgewerbemarkt Städte in China sind besonders geräuschvoll. Das liegt nicht nur an den zahlreichenund immer mehr werdenden Autos sowie deren Huplärm. Auch die Werbemethoden dertausenden Geschäfte und Restaurants sind sehr „öffentlich-akustisch“. VieleBekleidungsgeschäfte lassen Werbesprüche über Lautsprecher gegen die Straße abspielen,damit jeder Vorübergehende mitbekommt, dass deren Kleidungsstücke am modischstensind, die beste Qualität haben und trotzdem das geringste kosten. Dagegen erschallt 2
  3. 3. durchdringende Technomusik vor den Modegeschäften, die auf junge Kunden setzen.Kaum ist man diesen Nervensägern entkommen, wird man schon von einem oder zweijungen Kerlen aufgehalten, die einen zu überreden versuchen, in den Laden oder dasRestaurant ihres Chefs reinzukommen. Selbst wenn man endlich wieder zu Hause ist, heißtes noch nicht, dass man Ruhe genießen kann. Ich wohne im Stadtzentrum neben einerEinkaufsstraße und die Werbesprüche aus irgendeinem einem Brillenladen setzt sich ganzoft erbarmunglos durch meine Fenster und dringt in mein zimmer ein... Es ist eigentlich nichts neues in China, dass man zu Hause Rufe von draußen hört.Als ich noch ein Kind war, gab es viele Handarbeiter, Verkäufer oder andereDienstleistende, die keine bestimmte Arbeitsstätte hatten, sondern rufend durchWohngegenden wanderten. All ihre Werkzeuge oder Waren hatten sie auf einem Fahrradoder einem Dreirad, das sie mit sich schoben. Erst beim Rückruf aus Wohnungsfensternhielten sie auf. Dann kam der Kunde auf sie zu, um ihre Dienste wahrzunehmen. Danachzogen sie weiter... Diese Wanderer, die vom Messerschleifen, Getränkeverkaufen,Rücknahme der abgebrauchten Gegenstände oder Säuberung der Dunstabzugshaubenlebten, verkündeten ihre Ankunft immer mit Rufen in fremden, unverständlichen und sichwiederholenden Dialekten. Jedoch verstand ich, was sie sagten, weil ich schon genauwußte, was sie machten. Sie sind ein Teil meiner Kindheitserinnerung. Die Stadt war leisedamals. Man hörte von zu Hause nichts außer diesen Rufen, drei vier mal täglich. Ichwünschte am liebstem jedem Ruf zu folgen und diese Menschen zu sehen, obwohl sieeigentlich immer gleich aussahen: alt, regungslos, mit verknittertem Gesicht, dukelgekleidet. Heute sind sie fast alle verschwunden. Und die Rufe der verbleibenden sind übertöntvon Lärmen, die viel lauter und andauernder sind. Chinesische Städte sind viel zu schnell gewachsen, viel schneller, als Chinesenmitwachsen können. In einem Zeitraum von 30 Jahren hat man geschafft, das Kapital, dieKonsumwaren und die Kosumkultur der Industrieländer in zahlreiche ehemaligehalbmoderne Kleinstädte zu importieren. Aber Chinesen leben heute weiter mit altenGewohnheiten aus der Vergangenheit. Jeder ruft und hupt, wann er das zu brauchen meint. 3
  4. 4. Wie sollen sie sich auch so schnell ändern? Bloß nun hat sich alles verzehnfacht: Autos,Keuzungen, Läden, Restaurants, Kaufkraft...Was sich ergeben hat, ist, dass man in diesemrauschenden Lärm nichts hört und von niemandem gehört wird. Das gleiche passiert mit der Architektur. Täglich schießen zahlose Bauten wie Pilzeaus dem Boden, ganz planlos und ohne Rüchsicht auf die Umgebung. Die Stadt wirddadurch zum Versuchsfeld für einfallsreiche Bauentwerfer und Kampfarena fürwetteifernde Investoren. In diesem Bauwahn scheint man zu glauben, dass nur dasExtravagante und Dominate eine Chance hat, auszustechen. So sind aus eintönigen,reservierten Kleinstädten stillose, groteske und bedrückende Großstädte geworden, indenen Riesen in Paraden mit verzerrten Gesichtern schreiend auf die Menschenherabschauen. Eingang einer Fachhochschule in Taiyuan 4
  5. 5. Eingang eines Regierungsgebäudes Hotel 5
  6. 6. EinkaufszentrumRestaurant mit Spa 6
  7. 7. Kaufmänner-ClubWiener Secession in China? 7
  8. 8. Rücksicht ist das, was den chinesischen Städten fehlt. Das, und nicht ökonomischeStärke, ist der entscheidende Unterschied zwischen chinesischen und europäischen Städten.In letzteren ist die Wirtschaft seit über hundert Jahren auf Industrie und Handel aufgebaut,bei denen alle ökonomischen Branchen unvermeidlich ineinander verkettet sind. Auch dieGesellschaftsmitglieder können nicht umhin, miteinander zusammenzuarbeiten und, imHinblick auf die Sozialproduktion, voneinadner abhängig zu werden. Der Schlüssel fürdiese Koordination ist die ausgeprägte Rücksicht. Die Situation ist anders in China. Wie ich im letzten Bericht erklärt habe, habenIndustrie und Handel eine wesentlich kürzere Geschichte in China und musste schon alsSäugling hungern, weil sie – verbunden mit „Gier“ und „Betrug“ im ethischenBewusstsein der Chinesen – für lange Zeit von der Regierung unterdrückt wurden. Selbstdie in der jüngsten Vergangenheit entstandene Industrie und Handel sind zum größten Teilentweder Erzeugnisse der Planwirtschaft oder der vetterwirtschaftlichen Begünstigung(Korruption). In anderen Worten, es gibt bis heute keine Industrie- und Kommerzkultur inChina, weil die Bedingungen dafür nicht gegeben sind. Daher ist Rücksicht auf solchhoher und komplexer wirtschaftlich-kulturellen Ebene, wie es in der Stadt der Fall ist, denmeisten Chinesen noch fremd. Der Geltungsbereich der Rücksicht der Chinesenbeschränkt sich immer noch an der ersten Stelle in der Familie. Chinesische Intellektuelleführen dieses Phänomen meistens auf die kleinbäuerliche Wirtschaft Chinas zurück, wo dieProduktionseinheit einzelne blutverwandte Familie ist und jede solche Einheit inwirtschaftliche Autarkie arbeitet und lebt. Es gibt keine Koexistenz außerhalb der Familieund die dafür erforderliche Rücksicht ist unbekannt. Trotz der märchenhaften Wirtschaftsentwicklung zählt keine einzige chinesischeStadt zu erstrangigen Weltmetropolen. Meiner Meinung nach liegt das v. a. an derAtmosphäre der chinesischen Städte, die einen eher an Lebensmittelmarkt als an moderneStadt denken lässt. In chinesischen Städten hat sich alles geändert bis auf die Märkte. Dort ist nichtsgewachsen, alles ist klein und niedrig geblieben wie vor zwanzig Jahren (außer derAuswahl und den Preisen): Die Waren liegen auf zusammen gebastelten Holzbrettern oder 8
  9. 9. gar auf aufgelegten Säcken am Boden. Es gibt keine Mülltonnen. Man wirft ungenießbareGemüseteile einfach auf den Boden. Kommunikation funktioniert nur durch Rufe undSchreie. Es ist laut, dicht gedrängt, erdig und unordentlich... Nichts ist organisiert, aberalles funktioniert – mit dem scharfen Instinkt, das die jahrtausende alte, einzigartige,hochentwickelte chinesische Agrazivilisation geschaffen hat. Diese Märkte sind lebendeKulturreliquien, die nicht abgerissen worden sind und nicht abgerissen werden können,weil sie auf nichts materiellem angewiesen sind. Hingegen haben viele alte Häuser, Tempelund Gebräuche schlimmeres Schicksal bereits hinter oder noch vor sich... Ich gehe gerne auf den Markt, weil nur dort Chinesen zu sehen sind, die die ihnenauferlegte Maske der Modernisierung absetzen und die eingene Kultur ausleben können.Nur dort sind sie wirklich ein Bestandteil der Umgebung, der Realität. Und allein dieserUmstand gibt mir die Lust, Menschengesichter mit Genuß zu betrachten und meineGedanken von denen mitnehmen zu lassen... 9
  10. 10. 10
  11. 11. 11
  12. 12. 12
  13. 13. 13

×