Europawettbewerb 2010
2010 – Europäisches Jahr zur Bekämpfung von Armut
und sozialer Ausgrenzung
Thema 3-1 Fremd in Europa...
Podiumsdiskussion zum Thema „Integration vor Ort“
Vorbemerkung
Integration ist ein vielschichtiger Aufgabenbereich, der au...
Herr Überblick:
Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren! Ich begrüße Sie herzlich zur heutigen
Podiumsdiskussion zum Th...
durch gelingende Integration bremsen können. Daher machen wir uns dafür stark, dass unsere
ansässigen Firmen gerade
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suchen. Eventuell könnten auch professionelle und inerkultrurell versierte Mediatoren hier Hilfe
leisten. Wir müssen beide...
uns jahrgangsübergreifende Kurse in Türkisch, Italienisch und Russisch und werden gut
angenommen. Problematisch ist weiter...
deutsche Kinderbücher und kindgerechte DVDs und CDs mit deutschsprachigen Liedern und
Märchen, die die Familien zuhause an...
schließlich und nur so funktioniert unser Zusammenleben in der Gesellschaft. Wir sind als
Jugendzentrum quasi eine „Gesell...
mitverursachten Aggressionen un dem Frust dieser Jugendlichen zum Opfer zu fallen. Wie
sollen sich unsere nichtdeutschen G...
Mitbürger mit Migrationshintergrund einbeziehen. Wollen wir nicht die Begrüßung
„Willkommen in der Stadt St. Toleranzien“,...
In diesem Sinne danke ich nun allen Zuhörerinnen und Zuhörern, aber auch allen, die hier aktiv
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Beitrag von Constanze Weber zum 57. Europäischen Wettbewerb

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  1. 1. Europawettbewerb 2010 2010 – Europäisches Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung Thema 3-1 Fremd in Europa Altersgruppe: 14 bis 16 Jahre (8. bis 10. Klasse) Podiumsdiskussion zum Thema „Integration vor Ort“ Vorgelegt von: Constanze Weber Marienschule Fulda Lehrer: Herr Berbée
  2. 2. Podiumsdiskussion zum Thema „Integration vor Ort“ Vorbemerkung Integration ist ein vielschichtiger Aufgabenbereich, der auf unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Ebenen Engangement und Kreativität erfordert. Weder kann der einzelne Bürger in seinem begrenzten Einflussbereich die komplexe Problematik von Zuwanderung und Integration lösen, noch kann die Politik allein durch gezielte Regelungen Entscheidendes bewirken – wenn die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung nicht vorhanden ist. Aus diesem Grund wähle ich für die Bearbeitung der Thematik die Form der Podiumsdiskussion. Vertreter verschiedener Institutuonen oder gesellschaftlicher Gruppierungen können an einer Art „rundem Tisch“ über neue Perspektiven in der Integrationspolitik diskutieren und auf diese Weise auch konkrete Umsetzungsmöglichkeiten entwickeln. Integration nämlich ist ein Thema, das alle angeht, und eine Aufgae, die zwar auf theoretische Argumente angewiesen ist, aber ohne praktische Verwirklichung eine leere Floskel bleibt. Ort der Veranstaltung1 St. Toleranzien, Kleinstadt im südlichen Teil Baden-Württembergs2 , ländlicher Raum Einwohnerzahl: 25.000, relativ geringe Arbeitslosenquote, der Anteil an Migranten beträgt ca. 5 Prozent; Bürgermeister: Dr. Markus Mühe Gesprächsteilnehmer  Kommunalpolitiker mit dem Aufgabenschwerpunkt „Migration und Integration“ (Herr Rechner)  Leiterin der örtlichen Grund- und Hauptschule (Frau Sanft)  Mitglied des Ausländerbeirates (Herr Gülzan)  Ehrenamtliche Mitarbeiterin des Jugendzentrums (Frau Jung)  Bürgerinnen und Bürger von St. Toleranzien Die Leitung der Diskussion übernimmt Herr Helmut Überblick. 1 http://www.migration-info.de/mub_artikel.php?id=080407 2 http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/Veroeffentl/Statistik_AKTUELL/803409002.pdf 2
  3. 3. Herr Überblick: Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren! Ich begrüße Sie herzlich zur heutigen Podiumsdiskussion zum Thema „Integration vor Ort“. Seit einiger Zeit ist, wie Sie alle wissen, das Thema Migration in den Medien und insgesamt in der Öffentlichkeit ständig präsent. Auch hier vor Ort, in unserer Kleinstadt St. Toleranzien, werden wir immer häufiger mit Menschen konfrontiert, deren Wurzeln in einer fremden Kultur liegen. Wenn wir uns die Berichterstattung in den Medien anschauen, können wir meinen, Migration habe ausschließlich negative Konsequenzen. Auch in unserer Tageszeitung, dem „Stadtboten“, lesen wir beispielsweise öfter von kriminellen Taten, an denen junge Migranten beteiligt waren, oder von aktuellen Streitfragen wie derjenigen nach dem Bau der neuen Moschee in der Deutschhaussstraße. Aber ist das nicht eine sehr einseitige Sichtweise? Sind wir nicht alle verantwortlich dafür, dass die ausländischen Mitbrüger hier bei uns Fuß fassen und sich zuhause fühlen? Was können wir dafür tun? Darum soll es am heutigen Abend gehen, und ich bitte jetzt die Gesprächsteilnehmer um ihre Statements! Den Anfang möge bitte Herr Rechner machen, der uns im Rahmen seiner Aufgabe als Kommunalpolitiker die nötigen Hintergrunddaten für eine fachlich kompetente Diskussion liefern kann. Herr Rechner: Guten Abend! Unsere Stadt St. Toleranzien liegt, wie allseits bekannt, im Bundesland Baden- Württemberg, das mit 24,8% den höchsten Bevölkerungsanteil an Personen mit Migrationshintergrund hat. Auch wenn wir als Kleinstadt davon weniger betroffen sind als etwas die industriellen Ballungsräume Stuttgart, Mannheim und Heilbronn, erhöhen sich auch bei uns die Quoten an den genannten Personengruppen. Wir sind in unserer Fachgruppe gerade damit beschäftigt, auf diese neue Situation zu reagieren und ein Konzept zu entwicklen, das Integration als gesamtstädtische und ressortübergreifende Aufgabe versteht. Deshalb sind wir auf Sie alle angewiesen: Auf die Sozialarbeiter im Jugendzentrum, auf die Lehrer der Schulen, auf Sie als Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Wir müssen auf allen Ebenen ansetzen: In den Bereichen Bildung und Sprache, im Bereich Arbeit und Beschäftigung, im Bereich der Beratung und Beteiligung. Wir als Politiker sehen dies alles nicht primär durch die rosarote Brille reiner Mitmenschlichkeit, denn unsere ausländischen Mitmenschen brauchen nicht nur unsere Hilfe. Wir brauchen nämlich auch diese Mitbürger dringend, um unsere lokale Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Der starke Geburtenrückgang wird uns in den nächsten Jahrzehnten unmittelbar betreffen und es wird ein massiver Arbeitskräftemangel entstehen, den wir nur 3
  4. 4. durch gelingende Integration bremsen können. Daher machen wir uns dafür stark, dass unsere ansässigen Firmen gerade auch Jugendlichen mit Migrationshintergrund Ausbildungsplätze anbieten, und fördern dies besonders durch entsprechende Prämien und Begleitangebote. Aber auch wir selbst gehen mit gutem Beispiel voran: In unserer Verwaltung weden mittlerweile mehrere Auszubildende mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen beschäftigt. Aber auch unser übriges Personal wid seit einiger Zeit durch Fortbildungen im Bereich interkultureller Kommunikation geschult, so dass wir als Gemeinde sensibel mit den Bedürfnissen und Schwierigkeiten unserer Mitbürger, ob deutsch oder mit Migrationshintergrund, umgehen können. Durch diese heterogene Zusammensetzung unserer Verwaltung bauen wir aktiv Barrieren abe, auch bei den hiesigen Unternehmern, die bei uns sehen, dass Vielfalt eher bereichert als bremst. Herr Gülzan, ich frage Sie als Mitglied des städtischen Ausländerbeirates, sind Sie zufrieden mit unserem kommunalpolitischen Engagement? Herr Gülzan: Sie gehen in Ihrem Aufgabenbereich mit gutem Beispiel voran. Allerdings sehen wir im Bereich der politischen Arbeit durchaus noch Nachholbedarf, bis eine Gleichstellung der nichtdeutschen Mitbürger erreicht ist. Wir sehen es beispielsweise als ein enormes Defizit an, dass nach wie vor in unserer Stadt, so wie leider fast überall in der Bundesrepublik, das kommunale Wahlrecht nicht für alle unsere Einwohner gilt. Migranten aus den sogenannten Nicht-EU-Ländern, etwa aus der Türkei, aus Afrika oder dem Iran, müssen bei uns zwar Steuern zahlen, aber sie dürfen nicht bei der Wahl, die ja auch bei uns bald wieder ansteht, mitentscheiden, wofür wir als Gemeinde diese Steuern ausgeben! Das müssen wir dringend ändern, auf Deutschlandebene! Abgesehen davon lautet unser Vorschlag, eine kommunale Antidiskriminierungsbehörde ins Leben zu rufen. Durch vielfältige Kontakte zu Mitbürgern mit Migrationshintergrund und auch durch eigene Erfahrungen weiß ich, dass auch heute noch Fälle von Diskriminierung in unserer Stadt vorkommen, auch wenn unsere Bemühungen um Toleranz und gegenseitige Wertschätzung Früchte tragen. Es sind dabei nicht immer nur die extremen Vorfälle, wie der gewalttätige Übergriff alkoholisierter Jugendlicher auf einen iranischen Familienvater vor einigen Wochen. Auch durch Ignorieren oder abschätzige Blicke, durch Benachteiligung bei der Jobsuche oder bei der Vermietung von Wohnungen werden mitunter Barrieren von Fremdheit und Misstrauen geschaffen, die ein Zusammenleben erschweren. Eine zentrale Behörde als Anlaufstelle für betroffene Migranten könnte solche Fälle objektiv prüfen und Möglichkeiten zur Vermittlung und verbesserten Kommunikation zwischen Einheimischen und zugewanderten 4
  5. 5. suchen. Eventuell könnten auch professionelle und inerkultrurell versierte Mediatoren hier Hilfe leisten. Wir müssen beide Seiten für die Schwierigkeiten und möglicherweise vorhandenen Ängste des Gegenübers sensibilisieren. Wichtig ist dabei, dass wir unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund selber zu Wort kommen lassen und nicht etwa über ihre Köpfe hinweg „Integrationspolitik“ betreiben. Mein Vorschlag wäre daher, verschiedene Evaluationsmöglichkeiten auszuprobieren, die uns wichtige Informationen über den Stand der Integration der Zuwanderer aller Generationen liefern können. Fragen wir unsere nichtdeutschen Mitbürger doch einfach selbst: Wie geht es ihnen in unserer Stadt, fühlen sie sich wohl, wo sehen sie Verbesserungsbedarf, welche Ideen haben sie für ein gelingendes Zusammenleben? Wir könnten zum Beispiel Fragebögen entwickeln, die die Bürger mit Migrationshintergrund anonym ausfüllen und bei uns abgeben können. Ganz wichtig ist natürlich auch ein breiteres Angebot an Integrations- und Sprachkursen, denn Sprache ist der Zugangsschlüssel zur Teilnahme am Gemeindeleben. Ohne den Abbau von Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten bleiben alle übrigen integrativen Bemühungen wirkungslos: Sprache und Integration gehören untrennbar zusammen. Ganz wichtig ist daher die Arbeit der Kindergärten und Schulen, denn hier wird schon in jungen Jahren der Grundstein für gelingende Integration gelegt. Ich freue mich nun auf den Beitrag der Grund- und Hauptschulrektorin Frau Sanft, die uns aus ihrer täglichen schulischen Arbeit heraus innovative Vorschläge zur verbesserten Integration unterbreiten wird! Frau Sanft: Herzlichen Dank für diese freundliche Anmoderation, Herr Gülzan! Tatsächlich sehen wir uns in der Grund- und Hauptschule St. Toleranzien seit einigen Jahren neuen herausforderunge gegenübergestellt. Wir haben mittlerweile in allen Jahrgangsstufen Schülerinnen und Schüler, die einen Migrationshintergrund haben, wobei ganz verschiedene Kulturkreise und Religionen aufeinandertreffen. Viele dieser Kinder sind in der deutschen Sprache nicht gefestigt, sondern haben relativ geringe deutsche Sprachkenntnisse, da zuhause die jeweilige Muttersprache gesprochen wird. Andererseits wissen wir durch wissenschaftliche Untersuchungen, dass es ein gravierender Fehler wäre, der Muttersprache keinen Raum in der Schule einzuräumen und ausschließlich auf die Vermittlung der deutschen Sprache zu setzen. Wir signalisieren damit nicht nur mehr oder weniger, dass wir die Muttersprache der Kinder als eine Art Hindernis für das Deutschlernen sehen, sondern auch ein relativ geringes Maß an Respekt und Wertschätzung gegenüber nichtdeutschen Kulturen. In unseren pädagogischen Konferenzen haben wir daher beschlossen, unbedingt auch muttersprachlichen Unterricht anzubieten. Momentan laufen bei 5
  6. 6. uns jahrgangsübergreifende Kurse in Türkisch, Italienisch und Russisch und werden gut angenommen. Problematisch ist weiterhin auch, dass ein im Vergleich zu deutschen Jugendlichen relativ geringer Prozentsatz den Übertritt zu Gymnasium und Realschule schafft. In unseren Hauptschulklassen sind daher überproportional viele Jugendliche mit Migrationshintergrund, und leider verlassen einige von ihnen unsere Schule ohne einen Abschluss. Darauf müssen wir reagieren, indem wir sowohl außerschulische Faktoren (die etwas mit der sozialen Herkunft und dem Bildungsstatus der Eltern zusammenhängen) als auch die in unserem Schulsystem selber verankerten Schwachstellen berücksichtigen. Bekannt ist uns allen, dass wir ein stark selektives Schulsystem haben, das die Kinder viel zu früh in unterschiedliche Schulformen aufteilt. So haben die Kinder mit Migrationshintergrund häufig gar nicht die Chance, sprachliche Defizite rechtzeitig zum Übertritt aufzuarbeiten. Nachdem ein Großteil ihrer deutschen Mitschüler dann die Grundschule in Richtung Realschule und Gymnasium verlässt, wird ein gegenseitiges Lernen und Verständigen schon im Ansatz blockiert. Und es ist nichts demotivierender als die Aussicht, nach dem Hauptschulabschluss ohne Ausbildungsplatz dazustehen. Viele unserer älteren Schülerinnen und Schüler sehen sich als Verlierer des Bildungssystems und sind schon mit fünfzehn Jahren frustriert und mutlos. Wir haben es uns daher zur vorrangigen Aufgabe gemacht, diese Schüler durch spezielle Begleitangebote in Ausbildungsgänge zu vermitteln. Dazu kooperieren wir mit Betrieben unserer Region, die uns ein umfangreiches Angebot an Praktikumsstellen zur Verfügung stellen und bereit sind, die Migrationsjugendlichen ihre Talente und Fähigkeiten ausprobieren und entdecken zu lassen. Wichtig ist es aus unserer Perspektive heraus, den Jugendlichen ein Netz an Unterstützung und Beratung anzubieten, das von verschiedenen Beteiligten getragen wird. Eine bedeutende Rolle spielen dabei auch die Eltern. Viele Eltern nichtdeutscher Herkunft haben große Hemmungen, sich aktiv an der Schullaufbahnplanung ihrer Kinder zu beteiligen oder die Lehrer um Rat zu fragen. Seit kurzem setzen wir schon bei der Anmeldung der Kinder an, indem wir ein Anmeldungsgespräch mit den Eltern und dem Kind führen. Dabei erklären wir, wie unser Schulsystem aufgebaut ist, was auf das Kind zukommt, wie unsere pädagogische Arbeit aussieht und wie die Eltern ihr Kind unterstützen können. Wir bemühen uns dabei auch, bei eventuellen Sprachschwierigkeiten einen Dolmetscher zur Verfügung zu haben, etwa einen Verwandten oder einen unserer Schüler mit guten Deutschkenntnissen. Auf speziellen Elternabenden versuchen wir gezielt, den jeweiligen kultuellen Hintergrund, die Erfahrungen und auch offene Fragen zum deutschen Schulsystem anzusprechen und konkrete Vorschläge für ein gemeinsames Deutschlernen im Rahmen der Familie zu machen. Wir verleihen daher auch deutsche Kinderbücher und kindgerechte DVDs und CDs mit deutschsprachigen Liedern und 6
  7. 7. deutsche Kinderbücher und kindgerechte DVDs und CDs mit deutschsprachigen Liedern und Märchen, die die Familien zuhause anschauen und anhören können. Aber wir veranstalten auch regelmäßig Vorleserunden, in denen wir etwa die türkischsprachigen Elern in den Unterricht einladen und sie selber ausgewählte Texte in ihrer Herkunftssprache vorstellen und vorlesen lassen. Es ist immer ein Gewinn, junge Menschen, ob deutsch oder nichtdeutsch, für Sprachen, aber auch für „Fremdheit“ und „Nichtverstehen“ zu sensibilisieren, nie ein Verlust! Für die Zukunft wünschen wir uns, dass mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund den Lehrerberuf ergreifen. Das liegt natürlich nicht allein in unserer Hand, hier ist unsere Landesregierung gefordert, um durch gezielte Werbekampagnen deutlich zu machen: Wir brauchen Lehrer, die die Erfahrung gemacht haben, zwischen zwei Kulturen und Sprachen zu leben, die als Vorbilder für gelingende Integration unseren Migrationsjugendlichen Mut machen können!3 Frau Jung, Sie sind als Mitarbeiterin des Jugendzentrums ganz nah dran an den Lebensverhältnissen der nichtdeutschen Jugendlichen! Was können Sie in Ihrem Bereich dazu beitragen, den Jugendlichen den Einstieg in unsere Gesellschaft zu erleichtern? Frau Jung: Wir haben in unserem Jugendzentrum „Brücke“ die einmalige Gelegenheit, ganz unverbindlich und ohne institutionelle Zwänge mit „unseren“ Jugendlichen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen. Dabei verstehen wir uns als ein Angebot an alle Kinder und Jugendliche, die Freizeitbeschäftigung und Spaß, aber auch Beratung und Unterstützung in ihrem Alltag oder bei familiären Problemen suchen. Wichtig ist es für uns, die Jugendlichen mit ganz unterschiedlicher kultureller Herkunft miteinander in Kontakt kommen zu lassen und es zu verhindern, dass sich sozusagen „nationale“ Grüppchen bilden. Leichter als durch das Gespräch funktioniert das häufig durch gemeinsames Tun: Besonders unsere gemeinsamen Kochaktionen unter dem Stichwort „Essen rund um die Welt“ kommen bei den Jugendlichen gut an. Sie alle können ihre eigenen Lieblingsgerichte und damit auch ein Stück ihrer eigenen „Vergangenheit“ einbringen. Häufig erreichen wir damit auch die Eltern, besonders auch die Mütter, die uns ganz stolz ihre „Spezialgerichte“ präsentieren: etwa eine türkische „Kuru Fasülye“, eine Bohnensuppe, ode russische Teigtaschen. Aer es geht uns nicht nur darum, immer die Unterschiede zwischen den Jugendlichen zu betonen. Wir suchen immer auch nach gemeinsamen Zielen und Interessen. Ganz besonders gut funktioniert das beim gemeinsamen Sporttreiben. Die Jugenldichen lernen dabei ganz nebenbei Solidarität und gegenseitiges Rücksichtnehmen, Teamgeist und Fairplay. Nur so funktionieren unsere sportlichen Spiele 3 Vgl. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,409577,00.html 7
  8. 8. schließlich und nur so funktioniert unser Zusammenleben in der Gesellschaft. Wir sind als Jugendzentrum quasi eine „Gesellschaft im Kleinen“ und daher bemühen wir uns auch, zusammen mit den Jugendlichen, ob deutsch oder nichtdeutsch, für alle akzeptable, dann aber auch wirklich verbindliche Regeln und Prinzipien festzulegen. Es gilt: Kein Alkohol, keine Gewalt, keine Drogen, keine Respektlosigkeit im gegenseitigen Umgang. Das funktioniert auch ganz gut. Außerdem haben wir eine Reihe ehrenamtlicher Mitarbeiter, die den Kindern und Jugendlichen nachmittags bei ihren Hausaufgaben helfen können und ihnen so einen Weg zeigen, wie sie – trotz häufig nicht vorhandener Unterstützung durch die Eltern – den Schulalltag meistern können. Ich wende mich an dieser Stelle auch an die hier versammelten Bürger und bitte Sie, uns in unserer Arbeit zu unterstützen: durch Geldspenden für Schulmaterial und Sportgeräte, aber auch durch praktische Mitarbeit! Herr Überblick: Und mit diesem Appell von Frau Jung lade ich jetzt die hier versammelten Bürgerinnen und Bürger ganz herzlich dazu ein, ihre eigenen Ideen, ihre Kritik und ihre Vorschläge zum Thema „Integration vor Ort“ einzubringen! Trauen Sie sich! Wir brauchen Ihre Kreativität! Bürger Herr P.: Es hört sich ja recht gut an, was Sie hier alles vorschlagen… Aber haben wir denn überhaupt die finanziellen Mittel dazu? Das Vereinshaus des Schützenvereins braucht dringend ein neues Dach, der Rathausplatz muss neu gepflastert werden… ja, das ganze Rathaus hätte dringend eine Renovierung nötig. Und dann sollen wir noch Geld ausgeben für irgendwelche Multi-Kulti- Kurse für die Verwaltungsbeamten in unserer Stadtverwaltung…? Nur weil die Ausländer keine Lust dazu haben, selbst ordentlich Deutsch zu lernen und sich hier zurechtzufinden? Irgendwie sehe ich das nicht ein. Bürgerin Frau D.: Lieber Herr P., ich glaube, Sie bauen mit Ihrer Argumentation gerade mehr Schranken auf als sie unserer Gemeinde gut tun. Unsere ausländischen Mitbürger sind doch kein eigenes „Anhängsel“ unserer Gemeinde, sondern sie sind ein wichtiger Teil von ihr. Deshalb halte ich es durchaus nicht für eine Fehlinvestition, für Integrationsmaßnahmen Geld auszugeben. Herr Rechner hat in seinem Statement doch schon auf die Bedeutung hingewiesen, die gut ausgebildete junge Migranten für unsere Wirtschaft haben. Außerdem möchte ich, dass meine Kinder auch in Zukunft sicher durch St. Toleranziens Straßen laufen können, ohne den von uns 8
  9. 9. mitverursachten Aggressionen un dem Frust dieser Jugendlichen zum Opfer zu fallen. Wie sollen sich unsere nichtdeutschen Gemeindemitglieder denn hier wohlfühlen, wenn wir immer neue Barrieren aufbauen, schon in unseren Worten? Bürger Herr W.: Ich vermute, dass hier vor allem Berührungsängste ein bedeutende, vielleicht aber auch unbewusste Rolle spielen. Wir sind in St. Toleranzien relativ spät mit ausländischen Mitbürgern konfrontiert worden. Die ersten Gastarbeiter, die vor Jahrzehnten in unser Land gekommen sind, waren in Siedlungen außerhalb der Stadt untergebracht, und alle gingen davon aus, dass dies ohnehin nur ein vorübergehender Zustand sei und sie bald in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Wir haben lange die Augen davor verschlossen, dass wir selbst mit anpacken müssen, um die Kulturen miteinander in Kontakt zu bringen und für gegenseitigen Respekt zu sorgen. Meine Frage an meine Mitbürger: Haben Sie denn Ideen, was wir dafür in Zukunft konkret tun können? Bürgerin Frau O.: Wir müssen bei unseren Kindern schon anfangen! Das halte ich für ganz wichtig… denn wo erst gar keine Berührungsängste entstehen, müssen wir später keine Barrieren abbauen. Es klingt vielleicht naiv, aber ich habe drei kleine Töchter und spreche da aus unmittelbarer Erfahrung. Meine Kleinen spielen sehr gerne mit Puppen, und da wir ja unsere Spielzeugfabrik Kindermann hier direkt vor Ort haben, kaufe ich die Puppen direkt im Werksverkauf. Vielleicht wäre es eine Idee, wenn solche Spielzeughersteller Puppen nicht so standardisiert, sondern mit ganz unterschiedlichem Aussehen und vielleicht auch entsprechender Kleidung herstellen würden. Ein türkisches Puppenbaby, eine kleine Chinesin, ein italienischer Puppenjunge… Dann lernen unsere Kinder quasi nebenbei, dass Menschen ganz unterschiedlich sind… und was einem vertraut ist, das macht keine Angst. Ich denke, die Zurückhaltung gegenüber fremden Kulturen hat ihre Wurzeln häufig in der Angst vor dem „Anderen“. Ich werde nächste Woche mal bei der Firma Kindermann anfragen, was die Verantwortlichen von meiner Idee halten. Herr Rechner: Frau O., das ist eine hervorragende Idee! Mir ist da auch gerade noch ein Einfall gekommen… Herr P. hatte doch eben von der dringend nötigen Sanierung und Neugestaltung des Rathausplatzes gesprochen. Ich denke auch, dass dies dringend nötig ist. Und wenn wir das schon machen, dann wäre es doch hervorragend, wenn wir schon in die Gestaltung unsere 9
  10. 10. Mitbürger mit Migrationshintergrund einbeziehen. Wollen wir nicht die Begrüßung „Willkommen in der Stadt St. Toleranzien“, die bis jetzt ausschließlich auf Deutsch auf den Platz gepflastert ist, auch in den Muttersprachen aller hier lebenden Bürger anbringen? Rumänisch, Türkisch, Polnisch, Russisch, Mazedonisch… ein Rathausplatz voller Sprachen und voller Leben! Herr Überblick (lächelnd): Herr Rechner, Sie geraten ja richtig ins Schwärmen. So etwas kennt man ja gar nicht von Ihnen! Aber was halten die anderen hier versammelten Bürger davon? Bürgerin Frau S.: Eine grandiose Idee! Und zur Einweihung des neuen Rathausplatzes feiern wir dann ein tolles Integrationsfest! Vielleicht hätte Frau Jung ja auch Ideen, wie sie mit ihren Jugendlichen im Jugendzentrum dazu beitragen könnte. Theaterstücke, Literaturlesungen, Sketche, Malaktionen… Frau Sanft: Also, ich hätte da auch sehr viele Ideen, wie wir vonseiten unserer Schule dazu Beitäge liefern könnten! Wir werden die diesjährigen Projekttage dazu nutzen, jahrgangsübergreifende Aktionen und Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Die Ergebnisse werden wir dann auf dem Integrationsfest vorstellen, das ist schließlich eine zusätzliche Motivation für unsere Schülerinnen und Schüler! Herr Gülzan: Liebe St. Toleranzier! Sie beeindrucken mich! Wir haben heute Abend unglaublich viele gute Ideen zusammengetragen. Herr Überblick wird das alles dann in der nächsten Ausgabe des „Stadtboten“ in Stichpunkten zusammenfassen, hat er mir gerade mitgeteilt. Denn Worten müssen Taten folgen! Und ich schlage vor, dass wir ab jetzt jedes Jahr einen Abend wie den heutigen veranstalten, um zu schauen, welche unserer Ziele wir umgesetzt haben und wo es noch etwas zu verbessern gibt! Un dann werden wir auch frühzeitiger und gezielter unsere nichtdeutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger informieren und einladen. Sie sicn nämlich leider auch heute Abend auf dieser Veranstaltung deutlich unterrepräsentiert… Herr Überblick: 10
  11. 11. In diesem Sinne danke ich nun allen Zuhörerinnen und Zuhörern, aber auch allen, die hier aktiv mitgewirkt haben, für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Engagement. „Integration vor Ort“ war das Leitmotiv dieser Diskussion. Lassen wir also unseren Worten Taten folgen, wei Herr Gülzan eben so treffend gesagt hat! Auf Wiedersehen! _____________________________________________________________________________ 11

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