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Eine Psychoanalyse ist vielleicht das Persönlichste, was ein Mensch erleben kann. Benja Thieme berichtet in diesem Buch von der erfolgreichen psychoanalytischen Behandlung ihrer Essstörungen, an denen sie seit ihrer Kindheit leidet.
Die Protagonisten der Erzählung sind Max Hirtberg, Psychoanalytiker, die Analysandin sowie die Figur der »Artistin«, bei der es sich um eine psychische Abspaltung der Essstörung handelt.
Die Geschichte dokumentiert die analytische Behandlung von der ersten bis zur letzten Stunde. Sie basiert auf Notizen, die nach den Stunden angefertigt wurden, und auf Gedanken, die zwischen den Sitzungen in unregelmäßigen Abständen skizziert wurden.
Während zunächst Rückblicke und beschreibende Passagen dominieren, gewinnt der Dialog zwischen dem Analytiker und der Analysandin rasch an Bedeutung, bis schließlich er es ist, der Erinnerungen und aktuelle Szenen dominiert.
Benja Thieme hat ein faszinierendes Protokoll ihrer Heilung verfasst, das Betroffenen Mut macht und Behandlern ganz neue Blicke auf ihr Tun eröffnet.

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  1. 1. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couch V © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  2. 2. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couch © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  3. 3. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen CouchBenja ThiemeReiz und Elendder cremefarbenen CouchTherapiegeschichte einer EssstörungVandenhoeck & Ruprecht © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  4. 4. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen CouchBibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.ISBN 978-3-525-31707-5ISBN 978-3-647-40102-7 (E-Book)© 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenVandenhoeck & Ruprecht LLC, Oakville, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigenschriftlichen Einwilligung des Verlages. Hinweis zu § 52a UrhG: Weder das Werk noch seineTeile dürfen ohne vorherige schriftliche Einwilligung des Verlages öffentlich zugänglichgemacht werden. Dies gilt auch bei einer entsprechenden Nutzung für Lehr- undUnterrichtszwecke. Printed in Germany.Satz: SchwabScantechnik, GöttingenDruck und Bindung: a Hubert & Co. Göttingen © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  5. 5. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couch InhaltProlog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7Hirtberg schweigt. Nicht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10Begegnung mit dem Zensor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21Das ist jetzt erst mal so . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29Empathie und Entlastung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39Ein Teil des roten Fadens: Zweifel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48Misshandlung und Verhöhnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56Möglichkeit zum Veto? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62Scampi-Pfanne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70Stabilität in der Verlorenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77Ganz nackt – einfach so . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83Sie müssen nicht sofort handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91Herzausreißer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101Experiment www . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114Verwaiste Sehnsüchte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123Ambivalenzprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133Versuch zu reisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143Vielfalt und Reichtum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164Reiz und Elend der cremefarbenen Couch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175Noch mehr Weib . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184Verheddert in der Themenlosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192Doch nur ein Tagebuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202Realitäten wie Sand am Meer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  6. 6. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen CouchAlltag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223Es ist nicht gut, dass ich da bin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234Das letzte Jahr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244Umzug, Stagnation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258Mehr und mehr auf mich allein gestellt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267Es geht um soziale Beziehungen, Verbindlichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280Ambivalenz als Tor zur Humanität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294Assoziationen und Einfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305Die Katze beißt sich in den Schwanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318Dazwischen, Zwischenzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333Können wir jetzt mit der Analyse beginnen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341Der Weg zurück in die Realität oder: Verzahnung der Welten . . . . . . . . . . . . 354Traumkäfig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366Irrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 6 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  7. 7. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couch PrologS ich einer psychoanalytischen Behandlung zu unterziehen, ist das eine; diese Behand-lung und deren Auswirkungen zu dokumentieren, das andere. Die Entscheidung,den analytischen Prozess schreibend zu begleiten, fiel unmittelbar nach der erstenBegegnung mit Max Hirtberg, meinem Analytiker. Das war im Spätsommer 2005. DieDatei trug den Namen Das-ist-jetzt-erst-mal-so.doc und stand in der Tradition einerReihe älterer Dateien, die ich über die Jahre angelegt und denen ich die Aufgabe einesTagebuches zugewiesen hatte. Zunächst ging es um nicht mehr als das stichwortartigeNotieren von Gedanken, wurzelnd in dem Bedürfnis, jederzeit nachvollziehen zukönnen, ob, und wenn ja, welche Wirkung unsere Gespräche haben würden. Der skizzenhafte Charakter meiner Notizen änderte sich, als ich dazu überging,Hirtbergs Schlüsselsätze wörtlich zu zitieren, weil sie sich wie Mantren in meinemKopf einnisteten. Bis heute sind diese Sätze für mich von übergeordneter Bedeutung.Langsam, aber kontinuierlich geriet das Schreiben zu einem konstitutiven Elementder Therapie. Dies nicht zuletzt, weil es immer wieder Dinge gab, die, so sehr sie nachaußen drängten, mir unaussprechlich, in ihrer vermeintlichen Unaussprechlichkeitjedoch zu wichtig schienen, um sie zu verschweigen. So ward das Unaussprechlichepräzise beschrieben und hernach Hirtberg zur Lektüre angedient oder auch ihmvorgetragen. Nach etwas mehr als einem Jahr – oder gut einhundert Stunden – drohten meineNotizen ihren zwar liederlichen, aber doch konsequent protokollierenden Charakterzu verlieren und zu verwässern, womit die Realisation der Idee bedroht war, Hirt-berg zum Abschluss der Analyse ein möglichst authentisches Verlaufsdokument zuübereignen. In dieser Phase dominierte Unlust, was meine Besuche bei Hirtberg, derEindruck von Stagnation, was die Behandlung betraf – mit der Konsequenz, dasses ein Höchstmaß an Überwindung und Disziplin bedurfte, wenigstens zwei, dreiSätze festzuhalten. Im Sommer 2008 bewilligte die Krankenkasse die letzten sechzig Stunden, womitmir die Endlichkeit der Therapie drastisch vor Augen geführt wurde. In diesemletzten Jahr nahm das Schreiben eine neue Dimension an und wurde zu einer glei-chermaßen faszinierenden Begegnung wie irritierenden Auseinandersetzung mit dembisher Geschehenen. Um Übersichtlichkeit bemüht, begann ich, meine Notizen zugliedern und systematisch mit Zwischenüberschriften zu versehen. Und dann habe © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  8. 8. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couchich gestrichen, gerungen, geschludert, geflucht und gesucht, gespeichert, gelöscht,dokumentiert, rekonstruiert, korrigiert, ja, auch gelacht. Über Hirtberg, über mich. Parallel dazu lief die Behandlung weiter, fand also jener Prozess seine Fortsetzung,der dazu geführt hatte, dass mein Symptom, die anorektische Bulimie, beinahe zurGänze von einem Leben abgelöst worden war, in dem die zwanghafte Beschäftigungmit Körpergewicht und Kalorien einer Verschiebung der Prioritäten zu Gunsten einerzunehmenden Wachsamkeit gegenüber sozialen und beruflichen Fragen gewichenwar. Daran gewöhnt, kunstwissenschaftliche Fachtexte zu publizieren, erlaubte ichmir nun die tollkühne Idee, an eine Veröffentlichung der ganzen Angelegenheit zudenken. Das Schreiben oder besser gesagt: die Arbeit am Text wurde beinahe zumLebensmittelpunkt, geriet zu einer Parallelwelt, in die ich mich zurückziehen, inder ich schwelgen konnte und in der ich mich bisweilen auch verlor. Systematisch,ja geradezu besessen eignete ich mir »das alles« noch mal an, wie Hirtberg sich aus-drückte, packte »einen Rucksack für später, wenn das hier« beendet sein würde. Ichbereitete nach – und mich gleichzeitig vor, ich materialisierte, verband mich mitErkenntnissen, Inhalten, Wünschen und Träumen. Nicht nur retrospektiv, sondern auch im Erleben war diese Zeit aus zwei Gründendie intensivste der vier Jahre umspannenden Behandlung: Erstens rekapitulierte ichdas Vergangene, betrachtete es aus einem anderen Blickwinkel. Zweitens befand ichmich nun in einem Stadium, in dem es weniger um die Beseitigung eines Symptoms,sondern vielmehr darum ging, mit dem Damoklesschwert des absehbaren Abschlussesder Analyse fertig zu werden, mit dem Ausstieg aus dieser Welt, die mir allein gehörte,mit dem Abschied von meinem Bündnispartner. Das spiegelt sich in den letztenKapiteln, in denen die Grund- oder Ausgangsproblematik von der Beschäftigung mitdem Ende überlagert wird, mit der Lösung von Max Hirtberg, den ich idealisiertewie einstmals Polyklet Doryphoros: bewusste Entscheidung einerseits, Resultat derGegebenheiten andererseits, skizziert und geformt nach seinen Vorgaben im Rahmender Behandlung, dieser Schnittmenge unserer Welten, dem Mikrokosmos, in demwir uns begegnet sind. Was ich meinem Bündnispartner zur dreihundertelften Stunde am 23. Dezember2009 überreichen konnte, war kein objektiver, geschweige denn seinem Wesen nachwissenschaftlicher Bericht, kein Fachtext. Weder einer, der sich mit der Psychoanalyseals geeigneter oder ungeeigneter Therapieform bei Essstörungen, noch einer, dersich mit Essstörungen und ihrer Therapierbarkeit befasst – nicht mal einer, der eineideale Analyse, falls es sie gibt, beschreibt. Es war das Manuskript zu diesem Buch,das andere ermutigen soll, die Reise zum eigenen Ich anzutreten, eine subjektive, inihrer Subjektivität jedoch absolut authentische Reflexion eines, ja, ich möchte sagen:belebenden Erkenntnisprozesses. Max Hirtberg möge die Niederschrift dieser Geschichte meiner – unserer – Ana-lyse vor allem als Dank begreifen, als Anerkennung und als »Liebeserklärung an diePsychoanalyse«. Die zurückliegenden Jahre waren, was meine bewusste Persönlich-keitsentwicklung betrifft, zweifellos die wichtigsten, auch die effizientesten meines 8 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  9. 9. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen CouchLebens. Die Essstörung, mit der ich gekommen bin, stellt sich heute in einer Formdar, die meine Lebensqualität nur unwesentlich beeinträchtigt. Ein Behandlungserfolg,für den ich mehr als dankbar bin. Dem Leser und Max Hirtberg erspare ich an dieser Stelle jeden theoretischenDilettantismus die Frage betreffend, ob man überhaupt jemals als »geheilt« aus einerAnalyse geht. Ein weites Feld, dass Berufenere als ich beackern. Festzuhalten gilt, dassich auf dem Weg bin, den hier beschriebenen Lebensabschnitt als beendet zu akzep-tieren. Ja, ich bin auf dem Weg: ausgestattet – Fluch und Segen gleichermaßen! – miteinem völlig unerwarteten Plus an emotionaler Erlebensfähigkeit, Kreativität undFantasie. Ein weiterer Behandlungserfolg. Der größte Gewinn jedoch ist, zu wissenund zu spüren, dass die Geschichte über das in der Analyse nicht Gewesene, überdas nicht Erlebte, Erkannte, Etikettierte, Gesagte, Gedeutete noch zu schreiben ist. Herr Hirtberg, sagen Sie jetzt nicht: »Sie gehen autonome Schritte und schauensich um, ob Sie zurückkommen dürfen«. Auch das: eine kostbare, gleichwohl späteErkenntnis. Sie haben alles – sorry: wohl das Meiste – richtig gemacht. Oder wir. Wiesonst sollte ich mir dieser Defizite, meiner eigenen und derjenigen des analytischenProzesses, bewusst sein? Der Existenz dieser Defizite bin ich mir bewusst, ihre Inhalteins Bewusstsein zu bringen, ist Aufgabe – ja, wessen? 9 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  10. 10. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couch Hirtberg schweigt. Nicht.Fünfzig Minuten lang lasse ich mich in unbekannte Sphären führen, spüre weichenSand unter meinen bloßen, an unnachgiebigen Asphalt gewöhnten Füßen, erahneWeite jenseits aller Mauern, Lebendigkeit jenseits der Starre. Mein angeschlagenesBild vom Psychotherapeuten erweist sich als korrekturbedürftig: Hirtberg erfasst in dieser knappen Stunde mehr als alle anderen mir bekanntenVertreter seiner Zunft zusammen. Umgeben von einer beinahe magischen Aura, einerMixtur aus Selbstbewusstsein, Empathie und Leichtigkeit, ist er geradezu prädesti-niert, Grenzen der Zeit zu überschreiten, Boden zu bereiten und mein enges Korsettbehutsam zu lösen. Mit seinem Charisma, seiner Wortgewandtheit und seinem Sinnfür Situationskomik springt er direkt in mein Herz. Die Artistin erschrickt. Viel zu dicht war unsere Verstrickung, um dieses Expe-riment früher zu wagen, stattdessen halbherzige Kompromisse. Vor einer Analysehatten wir beide Angst.»Frag deine Freundin Anna nach einem guten Therapeuten«, hatte Vincent amTelefon geraten, als ich im April endlich genügend Mut aufbrachte, ihn zu fragen,was ich, der Artistin überdrüssig, tun könnte. Mir ging es hundsmiserabel, erlebteich doch seit Wochen nicht einen einzigen Tag, an dem ich mich wie ein normalerMensch ernährte. »Zentral ist meiner Einschätzung nach eine emotional klärende Behandlung«,sagte er, »vielleicht später sogar eine Psychoanalyse, mit möglichst vielen Stunden.Lass dich auf die Sache ein, erwarte keine schnellen Fortschritte, sei beharrlich. Ganzgleich, was du machst: Es wird lange dauern, mehrere Jahre, und es wird teilweise sehrschmerzhaft werden und vielleicht Änderungen im Privatleben mit sich bringen.« Pause. Änderungen? Was für Änderungen? »Wie du weißt, arbeite ich mit der psychosomatischen Klinik in Bad Bramstedtzusammen. Dort kannst du eine stationäre Akutbehandlung machen«, fügte er hinzu,er würde sich auch dafür einsetzen, dass ich schnell einen Platz bekomme. »Vincent, wie stellst du dir das vor? Ich kann nicht einfach für ein paar Wochenaus meinem Job raus, … obwohl … nun … ehrlich gesagt: Ich bin seit Jahrzehntenreif für eine stationäre Behandlung … Wie lange dauert denn so was?« Statt konkret auf meine herumgestotterte Frage nach der Dauer zu antworten, riet © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  11. 11. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Coucher mir von der Alternative ab, mich sofort, also ohne vorherige stationäre Behandlung,einer Analyse auszusetzen. »Diese Idee, Benja, entschuldige, halte ich für ineffizient. Ein Analytiker, der keineumfassenden Erfahrungen und Ambitionen auf dem Gebiet der Essstörungen hat,nützt vermutlich kaum etwas. Am Ende weißt du beim Adlerianer, dass du schonimmer einen Minderwertigkeitskomplex und unsinnige Kompensationsbemühungenhattest. Ob sich das auf die Symptomatik auswirkt ist unklar. Am besten, du machsterst mal stationär Verhaltenstherapie, damit du aus dem Teufelskreis herauskommst.Wenn das gelingt, können wir gucken, was danach indiziert ist.«Nicht zuletzt dank meines Hanges zum magischen Denken glaube ich an alles, wasHilfe verspricht. Notfalls an die katholische Kirche, an eine Wallfahrt nach Lourdes,ein purgatives Bad im Ganges oder eine Audienz bei Benedictus XVI. Allem vertraueich mehr als mir selbst. Innerhalb weniger Tage fiel die Entscheidung zu Gunsten derKlinik, wobei das größte Problem darin bestand, eine Erklärung zu finden, warumich sechs Wochen im Job ausfallen würde. »Sag deinen Leuten im Job, Quandt und der Königin, du hättest eine Reihe medi-zinischer Untersuchungen durchführen lassen mit dem Ergebnis, dass dein Hausarztdringend zu Abklärung und Behandlung verschiedener psychosomatischer Symptomerät. Zu diesem Zweck überweise er dich in eine Klinik in Norddeutschland. DerAufenthalt dort würde voraussichtlich sechs Wochen betragen. Punkt, aus.«Der Versuch, mir Vincents diesbezüglichen Pragmatismus zu eigen zu machen, schei-terte immerhin nicht zur Gänze; und so verbrachte ich schließlich neun Wochen inBad Bramstedt. Mit dem Ergebnis, am Ende zwar nicht geheilt, doch endlich reif zusein für die Analyse, die mir als letzte Möglichkeit noch blieb.Vincent hatte mich gewarnt: »Der Analytiker setzt sich erst mal hin und schweigt.Wenn’s sein muss, fünfzig Minuten lang.« Hirtberg schweigt. Also erzähle ich. Von der Artistin, von Vincent, von Anna, von Silzer, die mirsämtlich, mit Ausnahme der Artistin, nahe gelegt haben, im Anschluss an die stati-onäre Therapie weiterzumachen. »Und Sie?« Hirtberg bricht sein Schweigen. »Wie, ich?« »Was wollen Sie?« »Ach so. Ich will die Analyse, sehe in ihr den einzigen Weg zu echter Freiheit jen-seits aller artistischen Attacken, deren Wurzeln in der Fixierung auf das Essverhaltenliegen. Das wiederum verdeckt, was wirklich ist – wie beispielsweise das vage Gefühl,dass in der Beziehung zwischen Timo und mir etwas nicht stimmt.« Vincent redete am Telefon von Scheidung. So weit bin ich noch lange nicht. 11 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  12. 12. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen CouchHirtberg schweigt. Nicht. Er hört mir zu. Das ist etwas ganz anderes. Er lächelt ab und zu, erfasst präzise dieSituation einer ihm vollkommen fremden Frau, beschreibt meine Situation am Endeunserer ersten fünfzig Minuten glasklar. An der Tür zum Sprechzimmer das Zitat vonCarl Valentin: »Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.«In meiner Wohnung hocke ich auf dem Sofa. Hirtberg hockt in meinem Kopf. UndJurij fehlt mir. Es gibt nichts, was ich mehr wünsche, als ein paar Tage wirklichmit ihm zusammen zu sein. Irgendwo, Paris, Moskau, New York, meinetwegenGelsenkirchen-Buer, mit dem, wie Vincent in Verkennung des Ruhrgebietes meint,Wismar Ähnlichkeit habe. Dort, in dieser pittoresken Hafenstadt, saßen wir, Vincent und ich, noch vorwenigen Wochen, am Vortag der Entlassung aus der Klinik, bei strahlendem Son-nenschein endlos lange am Hafenpier. Mit diesem Erinnerungsbild fällt mir ein Gemälde von Yannik Kryzakovskiy ein,»Hafenpier im Winter«, 1979, was wiederum meine Gedanken zu Jurij führt. Seit langer Zeit höre ich Musik. Laut. R.E.M. Sometimes, everybody hurts, sometimeseverything is wrong, hold on, hold on … Meine Gedanken schweifen von Jurij zurück zu Vincent, zu Hirtberg und schließ-lich zu Timo und Loschad.Als wir uns Anfang der 1980er Jahre kennen lernten, studierte Vincent im achtenoder neunten Semester Psychologie und stand kurz vor dem Examen. Ein bedäch-tiger, im Gespräch insistierender Typ mit einem kaum wahrnehmbaren Flattern derAugenlider, das er bis heute nicht verloren hat. Ich erinnere mich an endlose Spaziergänge, er kannte sich in der Gegend umMünster gut aus, und wir stiefelten auf dem alten Treidelpfad den Kanal entlang biszu einem im Wald gelegenen Moor, wo sich tote Stämme zackig in den morbidenWinterhimmel bohrten. Wir schlenderten die Werse entlang, die sich durch diewestfälische Landschaft schlängelt, gesäumt von gelb und weiß gesprenkelten Wiesen.Wir fuhren hinaus ins Grüne, ins Blaue, redeten und tranken draußen nur Kännchenund ich prokelte Löcher in rot-weiß karierte Kunstfasertischtücher. Auf dem ovalenTablett aus Edelstahl lag ein Deckchen aus gelblichem Plastik in Häkeloptik. Vincentführte mich in Lokale mit Regionalkolorit und urige Kneipen mit Eichentischen,Butzenscheiben und offenem Kamin, irgendwo weit draußen zwischen Kopfweidenund Acker, auf dessen fettglänzenden Schollen um Allerheiligen der erste Reif schim-merte und Krähen um die Überbleibsel des Herbstes zankten. Stundenlang saßen wir in seiner Wohnung unter dem Dach im Hause seiner Eltern,einem ziemlich spießigen Einfamilienhaus in guter Gegend mit Ligusterhecken, Mag-nolienbäumen, Rhododendren und Garagenzufahrten aus Waschbeton. Er erzähltevon Milton Erickson, Helm Stierlin, Jürgen Habermas, Humberto Maturana, JürgenKriz oder Paul Watzlawick. Selten besuchte Vincent mich in meinem Appartement, 12 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  13. 13. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couchdas im Süden der Stadt lag. Meistens lag ich rücklings platt auf seinem Teppich undließ psychologische Experimente zu, ließ mich faszinieren und in andere Welten tra-gen von seinen Geschichten, die er mit seiner sanften, bisweilen etwas hellen Stimmeerzählte, um die Imagination zu steuern. Nach der Studienzeit verloren wir uns. Es hatte ihn in den Osten Deutschlandsverschlagen, rund achthundert Kilometer von Assgart entfernt, meinem Empfindennach eine schier unüberwindliche geografische Distanz. Innerlich schloss ich mitihm, mit unserer Freundschaft ab. Nicht weil mir Vincent gleichgültig gewordenoder ich seiner überdrüssig geworden war: Es war die Resignation vor dem Raum.An diesem abgelegenen Ort schien Vincent nicht greifbar, nicht einmal im Notfall.Mit dieser – bei genauerer Betrachtung, der ich mich jedoch verweigerte – schmerz-haften Erkenntnis arrangierte ich mich und verfolgte zielstrebig meinen Weg derUnberührbarkeit. Ich schob Gedanken und Gefühle in die Rubrik Vergangenheitund schnürte mein Korsett noch etwas enger.Für welchen der Analytiker, die ich parallel in probatorischen Sitzungen besuche, ichmich entscheiden werde, ist nur scheinbar offen. Nehmen würden mich alle drei. Obdas als Kompliment aufzufassen ist, sei dahingestellt. Achterbach ist überhaupt nicht auf meiner Wellenlänge. Seine Praxis befindet sichim Dachgeschoß, ist folglich mit Schrägen ausgestattet, die dem Ganzen einen sehrengen Rahmen geben. Dieser Eindruck wird durch eine gewisse Makramee-Ästhetikgesteigert, die nicht nur das Ambiente, sondern in subtiler Art und Weise den ganzenMann umspannt. Der zweite, Hassler, ein soignierter älterer Herr, wirkt sehr akademisch, sensibel,fein und klassisch analytisch. Bei beiden Kandidaten tendiert die Gefahr, mich zuverlieben, gegen null. Hirtberg, der dritte, ist nur wenig älter als ich und so faszinierend, dass ich spä-testens am Ende der ersten Begegnung fürchte, meine Gefühle nicht dauerhaft unterKontrolle zu haben. Er ist frech, direkt und unkonventionell. Ich denke über kaum etwas anderes nach als über die Frage, in wessen Hände ichmein Schicksal legen soll. Das Gefühl zieht mich zu Hirtberg, der Kopf treibt michzu dem feinsinnigen Akademiker. Zu Hassler. Soll ich mich auf mein Bauchgefühlverlassen, wo ich doch mit dem Bauch so große Probleme habe? Gerade mit demBauch – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. In ihm ist beides: Angst und Mut.Leere und Fülle. Beides ist unangenehm. Ein ausgeglichener Zustand ist mir fremd. Mit Hassler rede ich über Kreativität, über das Malen und Schreiben, erzähle vonJurij und der Artistin. Er fragt nach Träumen, ja sicher, die gibt es! Ich sehe Bilder,nicht Szenen, was ihm einleuchtet: Bilder ließen sich kontrollieren, Handlungenund Szenen weniger. Ganz knapp thematisiert er Religiosität und Glauben. Es gingekünftig um Sinnfragen, sagt er, und darum, das Chaos in mir zu lichten. Einver-standen. Ich will weg von Egozentrik hin zu Übergeordnetem. Nach der drittenprobatorischen Sitzung bei dem schöngeistigen Akademiker geht dieser wohl davon 13 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  14. 14. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couchaus, dass ich mich für ihn entscheiden werde. Er – im Gegensatz zu diesem dreistenHirtberg – fragt nicht nach den Kollegen, die ich aufsuche, obwohl ich auch ihmgegenüber kein Geheimnis daraus mache. Hirtberg hingegen erkundigt sich unverblümt nach den Namen, die ich ihm,wenngleich widerstrebend, nenne, um es dann doch in Ordnung zu finden. Hassler, der Feinsinnige, spricht schnell über organisatorische und wirtschaftli-che Eckdaten: Frequenz drei Mal pro Woche, etwa drei Jahre lang, wobei es immerschwierig sei, das Ende zu finden. Um kassentechnisch Luft zu schaffen, schlägt ervor, dass ich eine Sitzung pro Woche privat bezahle – was ich mir zwar leisten kann,aber auch nicht ohne Weiteres. Die Idee an sich finde ich zwar befremdlich, abernicht dumm: Ein solches Vorgehen würde ja angesichts der Kassenleistungen, dienaturgemäß begrenzt sind, zeitlichen Spielraum schaffen. Er klärt mich auf über dieHandhabung von Urlaubszeiten und Ausfallstunden, wobei er immerhin die Kulanzeinräumt, dass unverschuldet versäumte Stunden – etwa bei Beinbruch oder Herz-infarkt – nicht von mir bezahlt werden müssten. An seiner Praxis komme ich jedenTag mindestens zwei Mal vorbei. Hirtbergs Praxis liegt im Süden der Stadt. Der Weg ist etwas weit, Parkplatzpro-bleme sind vorprogrammiert. Hirtberg schlägt einen Rahmen von zwischen ein- bisdreimal pro Woche vor, je nach Bedarf. Honorare und Kassenleistungen thematisierter gar nicht. »Ach, die Kassen …« Wegwerfende Handbewegung. Interessiert indes zeigt er sich an den Inhalten der Gespräche mit dem Feinsinnigen.Er ist nicht nur unverschämt und selbstsicher, sondern auch unverblümt neugierig.Er interessiert sich für das Wesentliche.Völlig durcheinander, weiß ich bald nicht mehr, was ich wem erzählt habe, geschweigedenn, zu wem ich will. Anna hilft mir bei der Entscheidung, indem sie schlicht fest-stellt, Hirtberg hätte angebissen, wenn er mir schon weitere Termine gegeben hätte. »Außerdem, Benja, nimm es mir nicht übel, aber du hast dich schon jetzt einwenig in deinen künftigen Analytiker verguckt.« Anna, ihres Zeichens Kinder- und Jugendanalytikerin, ist sehr direkt. »Nach gerade Mal vier Sitzungen? Du spinnst doch. Wie kommst du darauf?«Meine Entrüstung fällt etwas dünn aus. »Noch leide ich nicht, liebe Anna. Undsolange ich nicht leide, bin ich nicht verliebt.« Was ich für mich behalte: Genau vor dem Leiden, dieser unendlichen Sehnsucht,habe ich panische Angst. Ich will das nicht. Kann man nicht irgendwie vorher dieNotbremse ziehen? Bevor das Ganze in einer emotionalen Katastrophe endet? Andersgefragt: Was reizt mich an der emotionalen Katastrophe? Dass sie mich reizt, kannich selbst vor mir nicht verbergen.»Wie ist es Ihnen denn nach der letzten Stunde ergangen?«, fragt der Freche. »Nun, bereits in der zweiten Stunde fragten Sie, wie es mir nach der ersten Stunde 14 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  15. 15. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couchergangen ist. Meine Antwort war unvollständig, ich kam nicht auf den Punkt. Des-halb habe ich jetzt diese Karteikarte dabei, auf der ich notiert habe, was unter allenUmständen zur Sprache kommen muss.« »Und das wäre?« »Beispielsweise eine Frage, die ich mir eigentlich selbst beantworten könnte …Nun, ich bin unsicher«, druckse ich herum, »also: Wie offen darf oder soll ich sein?« Ohne seine Antwort abzuwarten, lasse ich ihn wissen, dass ich mich bereits beiunserer ersten Begegnung verstanden fühlte, mehr noch: in gewisser Weise durch-schaut. »Vor allem, als ich auf das Thema Alkohol zu sprechen kam?« »Ja. Ehrlich gesagt fasziniert mich Ihre Art, Ihre Unverblümtheit, Ihre Ironie undIhr Humor – was mich, wie Sie wissen, nicht davon abgehalten hat, einige IhrerKollegen zu konsultieren.« Mutig entschließe ich mich zu schonungsloser Offenheit, gestehe, dass ich dieseFaszination als riskant und bedrohlich empfinde, um sodann, gleichsam relativierendhinzuzusetzen, dass natürlich diese Faszination vermutlich nicht allein seiner Persongilt … »Keine Ahnung«, plappere ich weiter, »ob Sie, Hirtberg, etwas erwarten odernicht. Ich habe keine Ahnung, ob Sie, bliebe ich stumm, tatsächlich fünfzig Minutenschweigen würden. Das ist unfair: Sie sind Profi – im Schweigen und Aushalten.Können Sie mir nicht wenigstens sagen, ob Sie etwas erwarten, und wenn ja, was?« Die ganze Situation macht mich extrem verlegen, und ich fürchte, dauerte seinSchweigen auch nur eine Minute länger, dass ich kommentarlos den Raum verlassenwürde. »Was bezwecken Sie damit? Sie müssen doch merken, dass mir das unangenehmist. Noch etwas: Sie fragten, ob die Symptomatik nach den Besuchen bei Ihnen oderHassler intensiver oder in zeitlichem Zusammenhang aufträte, was ich verneinte.Warum? Weil mir die Courage fehlte, zuzugeben, dass dem so ist … Es wird immerextrem schwierig sein, über diese Sache zu sprechen. Es ist wichtig, dass Sie verstehen:Es ist der peinlichste, der delikateste Punkt in meinem Leben – dicht gefolgt vonSex. Alkohol und Medikamente – Sie fragten nach der Quantität: Glauben Sie mirnicht? Ich bin clean.« Seine Mimik studierend frage ich mich, warum er auf dem Bild im Internet jün-ger aussieht als in Wirklichkeit, mit dem vorläufigen Ergebnis, dass es daran liegenwird, dass man das Foto angeschnitten hat, seine Augen und sein Lächeln damitbildbestimmend sind. »Ist irgendwas?«, fragt er und reißt mich aus dem Tagtraum. Fühle mich ertappt. Darüber vergesse ich, ihn zu bitten, die Indikationen für dieBehandlung noch mal zusammenfassen. Da gibt es den Komplex um Schuld undScham, was war noch? Sexualität? Und mein Pferd, Loschad? Oder wie?Tränen tropfen auf die Tastatur. Seit langer Zeit weine ich. Etwas bemüht noch, aber 15 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  16. 16. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couchimmerhin. Sehne mich zurück nach dem, was mit Timo war. Ich meine, ihn zu lieben,begehre aber den Körper, den er früher hatte. Mir fehlt schon lange jede Lust auf Sexmit ihm. Das einzugestehen schmerzt umso mehr, als gleichzeitig mein Inneres nachJurij kreischt, der anruft, um mich zu überreden, nach Brüssel zu kommen, wo erim Musée des Beaux Arts einen Vortrag halten wird. »Gott sei Dank, Wenja, chabe schon mehrmal angerufen, aber du warst nie zuChause«, brüllt er, kaum das ich mich melde, »chörrrr bitte zu, du musst kommen,ich chabe dein Einladung, bitte komm …« »Ach, ich weiß nicht …« Warum sage ich nicht einfach: Jurij, du kannst mich mal? Sehne mich, will aber hart sein, ihm heimzahlen, dass er in all den Jahren nie Zeitund kein wirkliches Interesse an mir hatte. Vielleicht finden wir uns, eines Tages, wenner endlich kürzer tritt … Aber dann ist da Bernie, seine Frau, die ihn auch will, undTimo, der mich will und den, so versuche ich mir einzureden, ich noch immer liebe. Auf die Fahrt nach Brüssel verzichte ich und begleite stattdessen Timo zumGeburtstag meiner Mutter, die den etwas altmodischen Namen Dietlinde trägt. Esgeht mir um ihn, Timo, nicht um meine Mutter. Nach Brüssel zieht es mich sowiesonicht, und mich in Frack und Fummel werfen? Nein, ich will das alles nicht. Wasich will, ist Jurij. Aber nicht um den Preis des bettelnden, kostümierten Hündchens.Ergebnislos grübele ich, wie ich mir den Zensor, den Hirtberg ins Feld führt, konkretvorzustellen habe. Ein Zensor, der von mir verlangt, mich so oder so oder anderszu verhalten, der mich ständig straft, der viel zu viel und obendrein das Falsche vonmir verlangt? Es gelingt mir nicht, den Zensor von mir abzukoppeln. Er ist ich. Der Zensor und ich, wir sind wie siamesische Zwillinge miteinander verwachsen.Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir es nicht von Geburt an,sondern dass wir, der Zensor und ich, ursprünglich eigenständige Individuen waren.Wessen Forderungen habe ich so internalisiert, dass ich dem Trugschluss aufsitze, esseien meine eigenen? Sind diese Forderungen überhaupt jemals explizit formuliertworden?Zerrissen in der Mitte des Lebens, traurig, unglücklich. Die Artistin hat mich längsteingeholt, was ich Vincent, mir selbst und auch Silzer, meinem Bad BramstedterBezugstherapeuten, dem ich versprochen hatte, von mir hören zu lassen, nicht ver-schweige. Es sei der Verdienst der Verhaltenstherapie, schreibe ich ihm in einer Mail, dassjetzt endlich ich bereit sei für die Analyse, in der ich lerne wahrzunehmen und zuweinen, Musik zu hören und zu schreiben, statt mit Atosil Gefühle zu töten oder derArtistin zu erlauben, Brot nachzuschieben, dass ich Loschad nach Liefem holen undwieder reiten werde, obschon Timo vor der zeitlichen und emotionalen Belastungwarnt, die auf mich zukommen wird, weil ich ebenso wenig wie früher ertragen werde, 16 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  17. 17. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couchdass Loschad, statt auf üppigen Weiden mit Stuten zu flirten, im Stall herumstehtund auf mich wartet.Was Timo betrifft, komme ich nicht umhin, mir sehr gemischte Gefühle einzuge-stehen. Es tut weh und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, dass ich an ihmhänge, er aber nicht mit mir redet, jedenfalls nicht richtig. Timo widersetzt sichkonsequent einer ernsthaften Auseinandersetzung. Ich erkläre mich bereit, mit ihmwandern zu gehen – er wandert gern. Ich hasse wandern. Verlange, als Gegenleistungsozusagen, dass er endlich kreativ wird, fordere ihn auf, sich vorzustellen, was passiert,wenn wir uns nicht aufeinander zu bewegen: nämlich nichts. »Lass uns im Gespräch bleiben«, sage ich. »Unsere Probleme löse ich nicht alleinmit meinem Analytiker. Mit dieser Annahme machst du es dir zu leicht.« Timo bildet seit sechzehn Jahren ein Gegengewicht zu meinen Sehnsüchten undinnerem Aufbegehren, bewahrt mich vor Risiken, schützt mich vor dem, was seinkann, aber nicht sein darf. In ihm finde ich Ergänzung und Widerpart, Unterstützung und Herausforderung.Wir geben uns Geborgenheit und Sicherheit und fühlen uns verantwortlich, einerfür den anderen. Wir planen unser gemeinsames Alter – so mich denn die Artistin nicht vorzeitigins Gras zu beißen zwingt – und sorgen in gutbürgerlicher, konventionell-ehelicherManier vor: Timo hat ein Mehrfamilienhaus in Jena kernsarniert und gut vermietet.Möglich, dass wir uns eines fernen Rententages in den Osten der Republik absetzenwerden. Ein hübsches Haus in attraktiver Wohnlage, erbaut zu Beginn des 20. Jahr-hunderts, Jugendstil, nachweislich und eindeutig. Mit wachsender Begeisterung und Sinn für ökonomische und ökologische Fragenkümmert sich Timo um Sparverträge, Geldanlagen, Zusatzrenten, Fördermittel. Wirträumen von einer kleinen, feinen Chocolaterie oder einem intellektuell angehauchtenCafé, in dem die Musik ausschließlich von Schallplatten käme und das gleichzeitigals Galerie für möglichst abgedrehte Kunst fungieren soll. Ich jedenfalls träume. FürTimo dann gleich mit. Doch neben aller Freiheit und Gleichklang der Seelen brauche ich Lebendigkeit,Flexibilität, Fantasie und Kreativität. Ich wünschte mir einen Timo, mit dem ichschöpferisch sein würde, mit dem sich ein gemeinsames Buchprojekt realisieren, einResthof restaurieren oder eine Galerie betreiben ließe. Selbst schwimmen, laufen,kochen, stricken, was weiß ich, würde mir gefallen. Nur wandern eben nicht.Das Wochenende habe ich für mich allein. Mit meinem kleinen Therapeuten –Loschad – verfüge ich mich in den Liefemer Wald und erzähle ihm, wie übel dieArtistin mit mir spielt, wie sehr sie mich in ihrer Gewalt hat, dass sie nun auch nochmeinen Körper ins Visier nimmt, meinen Rachen zum Bluten bringt. Später, in derBox, erzähle ich ihm von Hirtberg. Loschad genießt das Rascheln trockenen Laubes und hört aufmerksam zu, ohne 17 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  18. 18. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couchetwas zu entgegnen, mich zu unterbrechen, mir Ratschläge zu erteilen, Richtli-nien vermitteln zu wollen. Lässt sich die Mähne kraulen und schnaubt, als ich ihnzum Galopp auffordere, buckelt zweimal, sammelt sich dann und zieht an vor demBaumstamm, der, quer liegend, uns den Weg zu versperren scheint, setzt über undich fühle seinen Stolz, obwohl es für ihn keine große Leistung ist. Aber er ist stolz,kann Stolz empfinden. Im Gegensatz zu mir, die vor lauter Schuldgefühlen und innerer Unsicherheit diepositiven Aspekte in der Beziehung zu Timo nicht sieht: Er restauriert die Holzfensterseiner Genossenschaftswohnung und ich gehe mit Loschad in den Wald. Ich malemir in meinem neuen Kelleratelier die Artistin vom Hals. Wo ist das Problem? Ist es Dietlindes Stimme, die sich suggestiv erkundigt, ob daseine intakte Beziehung sei? Sind es die Stimmen der Medien, die der Psychologenund ich weiß nicht von wem, die mich glauben machen wollen, eine Beziehung seinur intakt, wenn möglichst viel gemeinsam gelebt wird? Gebricht es mir an Mut undSelbstbewusstsein, unsere Beziehung nicht als solche in Frage zu stellen, sondern siezu leben in eben den Zeitfenstern, die sich uns öffnen? Oder gebricht es uns an Liebe?Mit Hirtberg lässt sich so wunderbar lachen! Sein staubtrockener Humor geht Handin Hand mit einem ausgeprägten Sinn für Ironie und Situationskomik – was bleibtihm in seinem Job auch anders übrig. »Ich konsultiere Sie nicht, um mich zu amüsieren.« »Vergnügen gehört nicht hierher? Wir sind ja auch nicht zum Spaß auf der Welt.Erst die Arbeit, dann, wenn überhaupt, das Spiel.« »Trotzdem, ich fürchte, die Sache hier nicht mit hinreichender Seriosität anzu-gehen. Wie kann ich sicher sein, dass Sie mich und meine Sorgen und Probleme soernst nehmen, wie Sie mir sind?« Mir ist es wichtig, ganz klar zu machen, dass es um eine Symptomatik geht, derenBehebung als Resultat unserer Psychochirurgie im Mittelpunkt zu stehen hat. »Ich möchte, Hirtberg, den Eindruck vermeiden, etwas auf die leichte Schulter zunehmen. Ich möchte Ernsthaftigkeit. Weder vordergründige noch tatsächliche Ver-gnügtheit bedeutet, dass Vergnügungssucht Motivation zur Analyse ist. Ich kommenicht mit dem Ansinnen, mich zu vergnügen!« Vergnüge mich aber trotzdem.Wir reden über Jurij, oder besser: Ich erzähle, dass ich ihn jahrelang entsetzlich ent-behrte, wie ich schreien wollte und weinen, toben und mich in der Luft zerreißen.Und wie ich, statt Letzteres zu tun, Schokolade in mich hinein stopfte, Kekse, Brot,mich des altbewährten Verhaltensmusters bediente, Wut, Enttäuschung und Ungeduldherunterschluckte. Während ich mich stopfend selbst betäubte, glaubte ich zu wissen,warum ich es tat und versuchte zu spüren, wie der Schmerz unerfüllten Begehrensder Betäubung wich. Während Timo Pakete für den Hermes-Versand austrug, starrte ich auf den Fern- 18 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  19. 19. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couchsehbildschirm und folge halbherzig den flimmernden Bildern aus einer besserenWelt. Statt zu verstehen, ging ich ins Bad und entledigte mich meiner Betäubung. Ich erzähle von einem typischen Abend, an dem ich verdrossen Mineralwasserund eine Flasche Bier für Timo aus dem Keller holte und bei der Gelegenheit aufmeine ersten russischen Lehrbücher stieß: bebilderte Fibeln, anhand derer ich mirautodidaktisch die Schrift und die einfachsten Redewendungen beigebracht habe.Im Fernseher lief eine meiner Lieblingsserien, nach kaum zehn Minuten schalteteich den Apparat aus: Selbst trivialsten Handlungssträngen zu folgen, war ein Dingder Unmöglichkeit. Andere Leute lösen Kreuzworträtsel oder lernen Adressverzeich-nisse, rückwärts gelesen, auswendig, um sodann bei »Wetten, dass …?« zu brillieren.Ich lernte Kalorientabellen auswendig und russische Vokabeln. Es ging alles viel zulangsam, Ungeduld machte mir zu schaffen. Jahre später gab ich auf. Bis heute binich der russischen Sprache nicht mächtig. Während die Hoffnung ungebrochen war, schwand der Glaube, dass Jurij anrufenwürde, von Minute zu Minute. In diesem Gefühlscocktail aus Zorn, Enttäuschungund Ungeduld konnte nur Arbeit helfen. Entschieden schmiss ich mich aufs Sofa,korrigierte missmutig schlecht lesbare Druckfahnen und versuchte mich zu beruhi-gen, indem ich mich auf die Bedeutung der Organisation besann, in deren Auftragimmerhin ich dies tat: Sie würde mir noch viele Möglichkeiten, meine Lust aufdie Welt zu befriedigen, bieten und dem Willen, Verantwortung zu übernehmen,Rechnung tragen. Dass dem nie so sein würde, ahnte ich nicht. Russland stand für eine unendliche Sehnsucht nach einem aufregenden, anderenLeben, für Lebenslust, Unabhängigkeit, Freiheit, Erleben, stand für do what you wantwherever you want. Ich kostete jede Form von Abwechslung in vollen Zügen aus, warungeheuer neugierig, beobachtete das Petersburger Leben, als hätte man mir soebeneine Augenbinde abgenommen. Oft wünsche ich mir jemanden, der ähnlich guckt und denkt und fühlt, jemanden,der weniger passiv, rezeptiv und konservativ ist als Timo. Jurij entspricht diesem Bild:aktiv, mutig, kreativ, ständig unterwegs, voller Tatendrang. Ich webte mein eigenes Netz von Vorstellungen aus kaleidoskopartigen Teilkennt-nissen der russischen Kultur, der Lektüre von Zeitungsartikeln und Romanen. Dos-tojewski, Nabokov, Bulgakov, Gorki. Nicht eine TV-Reportage ließ ich aus, GerdRuge war deutlich präsenter, als mein Vater es je war. Meine Fantasie spazierte durcheine mentale Tundra, die mir allein gehörte. Die innere Anspannung sank in dem Maße, in dem ich begriff – ein Prozessübrigens, der sich über Jahre hinzog –, wie die Geschichte zwischen diesem Russenund mir lief: nämlich gar nicht. Ich wollte ihn nicht aus meinem Leben verbannen,als reale Person jedoch wollte ich ihn auch nicht unbedingt. Was ich wollte, war diese Geschichte. Ganz für mich allein. Deswegen ist es soschwer, der Geschichte ein Ende zu setzen. Ich halte sie fest, die bittersüße Fantasieund bewege mich frei darin herum, wann immer es mir langweilig ist. Es war mein 19 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  20. 20. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen CouchGeheimnis, doch ich weiß, es war nur eines: Das Leben hält genug davon parat, ichwerde immer eines für mich finden. Augen auf und Mund zu.Wäre die Artistin nicht so viel früher als Jurij auf den Plan getreten, läge die Vermutungnahe, ihre Existenz stünde in ursächlichem Zusammenhang mit Jurijs Erscheinen –und dem damit verbundenen Gefühlschaos. Andersherum wäre natürlich darüber zu spekulieren, ob sie sich, gleichsam frust-riert angesichts einer Partnerschaft in vermeintlicher Totalharmonie, verzogen hätte,wäre nicht Jurij aufs Parkett gekommen. Dieser laienpsychologische Ansatz ist mir allerdings in seiner geballten Banalkau-salität zu schlicht, abgesehen davon – und jetzt kommt’s – sträubt sich in mir alles,dies zu glauben, weil es in Konsequenz bedeuten würde, einen von beiden in dieWüste schicken zu müssen. Übrig bliebe ich allein, die Artistin hätte auch nichts mehr zu tun.Fakt ist: Neben Timo gab es jemanden, mit dem mich zunächst nichts als Beruflichesverband. Jurij und ich wurden zu einem guten Team, verschachern uns gegenseitigAufträge, realisieren Buch- und Ausstellungsprojekte und halten uns auf dem Laufen-den über das, worüber die Szene munkelt, wobei Jurij derjenige mit dem ultimativenPlus an mehr oder weniger aufregenden Informationen ist. Unsere persönliche Bezie-hung bewegte sich quantitativ auf einem Level, das sich bequem verschweigen ließ. 20 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  21. 21. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couch Begegnung mit dem ZensorW ährend ich über den Zensor nachdenke, den abzuspalten – um zu erkennen,wo mein Über-Ich agiert – mir partout nicht gelingen will, fällt mir auf, dass ich ananderer Stelle bereits eine Abspaltung praktizierte: indem ich die Artistin erschuf. DerKampf gegen meine eigene Schöpfung hat eine neue Dimension gewonnen, besiegtist sie damit noch nicht. Die Artistin beobachtet mich aus dem Hinterhalt, grinsthämisch und zwackt mir in den Hüftspeck.Das schmerzhafteste Wort, das Hirtberg an diesem Tag gebraucht, ist Verwahrlosung.Das Schlüsselwort ist Bestandsaufnahme. Erst mal gucken, was ist. Sein Eindruck:Intimität gebe es zwischen Timo und mir nicht. Meiner ist anders, aber darüberwerden wir noch sprechen. »Timo ist zu dick«, würge ich das Unsägliche hervor. Nicht genug, dass ich mich für meine eigene vermeintliche Dickleibigkeit schäme,ich schäme mich auch noch für die meines Partners. »Angenommen, er wäre bis März wieder knackig und stellte dann entsprechendeForderungen. Vielleicht wird es Ihnen gar nicht recht sein. Sie haben ein Arrange-ment«, stellt Hirtberg sachlich fest. »Wenn Sie verrückt wären nach dem Mann under nach Ihnen: Sie fänden einen Weg, zusammen zu leben.« »Wir wollen das aber nicht.« Was wollen wir eigentlich? Ein Paar sein? Freunde? Ein erneuter Versuch, mitTimo zu reden, ist fällig.Mir ist alles zu viel. Tatsächlich: alles. Einerseits erschlagen von Problemen, die sichin den verschiedenen Themenkreisen wie Partnerschaft, Sex, Job, Pferd, Kreativitätverbergen, will ich andererseits alle, am besten sofort, lösen, was Hirtberg durch seineGesprächsführung allerdings effektiv zu verhindern weiß: Jedes Detail gerät zumSelbstläufer, zu einem in sich wiederum verzweigten Komplex. Die großen Themen gehen unter. Erst mal. »Da ist er, der innere Zensor«, triumphiert Hirtberg, »Ihre Probleme bleibenungelöst, Sie müssen auch hier etwas leisten, wir sind ja schließlich nicht zum Ver-gnügen hier … eine sehr protestantische Weltsicht übrigens. Sie haben noch keinenroten Faden.« © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  22. 22. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couch Natürlich höre ich den Vorwurf: Sie haben ja immer noch keinen roten Faden!»Meine Aussage ist wertfrei: Sie haben noch keinen roten Faden. Punkt. Nicht mehrund nicht weniger. Ich helfe Ihnen jetzt mal: Es gibt zwei Ebenen, auf denen Sie sichbewegen, mit denen Sie agieren. Die eine ist die des authentischen Ichs, die anderedie des Über-Ichs, die der Zensor als seine Plattform nutzt …« »… und auf der rede ich in der zweiten Person Singular: Du hängst vor demFernseher, anstatt zu malen, zu reiten, zu lesen oder sonst etwas Sinnvolles zu tun.« »Was ist denn so sinnvoll am Malen, Lesen oder Reiten?«, fragt Hirtberg undbringt mich damit massiv ins Schleudern. »Weiß ich nicht … Es kommt etwas dabei heraus.« »Was denn?« »Nun, Lesen beispielsweise dient der Bildung – vorausgesetzt, die Lektüre ist vonentsprechendem Niveau –, Reiten der Konstitution des Pferdes, vielleicht auch meinereigenen … Beim Malen entsteht bekanntlich ein Bild. Das kann man im Gegensatzzu Bildung und Körperkonstitution auch noch sehen und anfassen. Jedenfalls han-delt es sich am Ende um eine messbare Leistung oder um ein bewertbares Produkt.Fernzusehen indes macht dick, doof und träge, aber was erzähle ich Ihnen …« »Das sagt der Zensor. Was sagen Sie denn dazu? Was sagt Ihr authentisches Ich?« »Weiß ich auch nicht.« Um nicht völlig sprachlos dazusitzen, versuche ich zu formulieren, was ich nurschemenhaft und äußerst formlos wahrnehme: die enge Verknüpfung nämlich vonlustvollem Erleben – beispielsweise im kreativen Tun – und dem gleichzeitigen Gefühlder Verpflichtung zum Schreiben, zum Lesen, zum Reiten und letztlich auch zumLieben. »Der innere Zensor verlangt die systematische Abarbeitung eines vorgeschriebenenProgramms«, übersetzt Hirtberg mein Gestammel. »Die von Ihnen beschriebene Ver-zahnung entspricht der Verkoppelung von Ich und Über-Ich. Ihre Über-Ich-Strengeüberlagert alles, auch das lustvolle Erleben.« Beeindruckt von seiner klaren Sicht auf die Verhältnisse sitze ich stumm undstaunend da. »Jetzt haben Sie den roten Faden«, sagt er und lächelt mit den Augen. »Das ist derrote Faden, um den es immer wieder, in allen anderen Themenbereichen, gehen wird. Inunserer Begegnung projizieren Sie die Erwartungen und Anforderungen Ihres Über-Ichsauf mich, womit Sie den Zensor externalisieren. Unter psychohygienischen Gesichts-punkten ist das positiv: Die extrem enge Kongruenz von Ich und Über-Ich ist damitzumindest temporär und partiell aufgehoben, wodurch es möglich wird, die Identifika-tion des Ich mit dem Über-Ich zu hinterfragen. Projektion und Übertragung bedeutetEntlastung des Ich, indem Sie die Forderungen des Über-Ichs als Forderungen IhresGegenübers interpretieren, womit sie, die Forderungen, außerhalb Ihrer selbst sind.« »Hmm, möglicherweise handelt es sich ja so gesehen bei dem magischen Denkenum eine erfundene und irrationale Größe außerhalb meiner selbst, um eine ArtKontrollinstanz?« 22 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  23. 23. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couch Wir kommen nicht mehr dazu, das Thema zu vertiefen. »Ist es in Ordnung, wenn ich Ihnen per Mail zukommen lasse, was ich über meinmagisches Denken geschrieben habe?« »Ja. Das ist in Ordnung. Wenn es ein längerer Text ist, werde ich den Zeitaufwandzur Lektüre als Stunde verrechnen«, fügt er hinzu und greift damit meinen Vorschlagauf, das so zu handhaben.Ein Fest im Stall, der Mais steht hoch und schützt, stolpernd in den Sonntag. Früh-stück in der Sonne, dann: allein. So wohlig müde nach dem Reiten, so schwer,so leicht – zugleich. Die Blutung, Erklärung und Markstein in der Grübelwüste.Heiligenkalender, Gedenktage. Schwarz, kraus, rau. Krude Suche nach einer magi-schen Legitimation für den Anfang eines selbstbestimmten Lebens: ab Neujahr …Weihnachten, Ostern, Geburts- und Namenstag – Augen auf, es gibt doch mehr:Allerheiligen, Pfingsten, Himmelfahrt, Fronleichnam, Geburts-, Namens-, Weltspar-,Weltfrauen-, Weltgesundheitstag, Tag der Deutschen Einheit, Nationalfeier- undpersönliche Jahrestage, singuläre Ereignisse, die sich jähren oder ob ihres einzigar-tigen Charakters unvergesslich sind, erster, zweiter, dritter, vierter Advent … JederFeiertag verfügt über Erinnerungspotenzial und magische Kräfte, Reformationstag,datumsgleich mit Halloween, Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag … Zahlen, Diagramme, ja grafische Muster, die sich aus der tabellarischen Visuali-sierung von Gedanken und Handlungen ergeben. Das Gelingen eines Tages hängtdavon ab, ob sich der Haken in der grafisch-tabellarischen Dokumentation des Ess-verhaltens ästhetisch plausibel zu anderen Zeichen – etwa denen einer Sporteinheit –verhält. Rote Punkte für das Blut, Haken für jeden Sieg in rhythmischem Wechselmit blauen Punkten für jede Niederlage. Nichts passt: weder ein Haken noch einPunkt und am allerwenigsten die Jeans. Je häufiger die Siege, umso zwanghafter dasverzweifelte Zerren am Netz von Absolution und Vergebung – ein Gedanke, der mirim Schwimmbad, Bahn 68, kommt, Stöpsel im Ohr, nichts hören als den Herzschlag,Chlor in den Augen, nichts sehen als das Blau und fühlen, auf der Haut, am Körper,so leicht, nichts als das Wasser … Das bittersüße Spiel mit Ereignissen und Zahlen– mentales Stützgerüst, es hält und schützt. Obschon der Suche nach Daten und magischen Zusammenhängen extrem über-drüssig, versuche ich zu eruieren, wie lange das genau mit der Artistin schon geht.Weil mir der Beginn des Dilemmas nur schemenhaft in Erinnerung ist, krame ichalte Tagebücher hervor. Doch so sehr ich mich auch mühe: Das Datum, an dem eineEntdeckung zum Auftakt eines Jahrzehnte dauernden Martyriums geraten sollte, hatsich aufgelöst in einer Erinnerung, die keine ist. Den Recherchen zu Folge gab es imSommer 1982 bereits massive Verhaltensauffälligkeiten, idealer Nährboden für einesich schleichend und heimtückisch entwickelnde bulimische Symptomatik.»Waren Sie am Montag im Krankenhaus?«, erkundigt sich Hirtberg unvermittelt, sodass ich zunächst überhaupt nicht verstehe, worauf er hinaus will. 23 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  24. 24. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couch »Warum? Ich weiß nicht … Nein, war ich nicht.« Im Geiste prüfe ich sicherheits-halber, ob ich wirklich nicht im Krankenhaus war. Es hätte ja sein, ich einen Filmrisshaben können …Hirtberg hat meine Notizen tatsächlich gelesen, es darf natürlich keine Kollisiongeben – darauf will er hinaus: Offiziell, also zur Abrechnung für die Krankenkasse,hatten wir einen Termin. Auf der Couch liegt der Ausdruck, rote Schrift. Ich fragemich, ob es von Bedeutung ist, dass er die Farbe nicht geändert hat, so wie er michzuvor fragte, ob es eine Bedeutung hätte, dass ich in Rot geschrieben habe. »Sie verschaffen sich Stabilität und Sicherheit durch Ihr magisches Denken, weilSie sich selbst nicht vertrauen. Haben Sie heute Abend einen Essanfall?« »Ich weiß nicht.« »Waren Sie am Montag im Krankenhaus? Sie vertrauen sich selbst nicht.« »Deshalb trage ich dieses magische, mentale Korsett, anderenfalls würde ich zer-fließen, meine Grenzen würden sich auflösen. Das magische Denken hält mich,schützt mich davor, mich komplett zu verlieren, dämpft allzu große Anspannung.« »Achten Sie doch mal auf Ihre Atmung, wenn Sie wieder so angespannt sind, undmachen Sie sich das Atosil zunutze, das Silzer Ihnen verordnet hat.« »Wie kommen Sie denn auf den Quatsch? Das passt überhaupt nicht zu Ihnen.« »Was?« Na, mir eine konkrete Handlungsanweisung zu geben, noch dazu eine, die ichmehr als befremdlich finde. Sorry, Sie sind doch kein Verhaltenstherapeut. Na ja,wie dem auch sei, nein, ich möchte das Zeug eigentlich nicht, weil es extrem müdemacht. Es geht nicht von jetzt auf gleich. Es ist, wie es ist. Hirtberg, mir ist das alleszu viel, was Sie machen. Was hier geschieht, ist ein gigantischer emotional overkill.Ich kann nicht so schnell …« Ich fühle mich gehetzt. Hirtberg ist es nicht, der mich hetzt. Im Gegenteil. Ruhigabwartend sieht er mich an. »Und jetzt müssen Sie hier auch schon wieder was leisten … Wissen Sie, wannSie geheilt sind? Wenn Sie herkommen, sich hinsetzen und sagen: Ach, heute habeich gar nix Besonderes, jetzt bin ich erst mal da und das ist schön und dann sehenwir, was es sonst noch gibt.« Dem Universum bin ich näher als dieser Gelassenheit! »Der innere Zensor sagt: Wenn du jetzt nicht …, dann bist du im Alter einsam,wenn du jetzt nicht bei Timo sein willst, kannst du gleich zum Scheidungsanwalt!« »Und dazwischen gibt es nichts?« Ich beneide ihn um seine Fähigkeit, scheinbar komplexe Sachverhalte auf einegeniale Art und Weise herunterzubrechen, auf das, was sie sind, nämlich oft genugganz simpel. »Wie machen Sie das?« »Ich oszilliere lediglich zwischen Identifikation und Distanz«, erklärt er. »Und: Esgeht nicht um Timo. Es geht darum, wie Sie mit Ihrem Gewissen umgehen. Vielleicht 24 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7
  25. 25. Benja Thieme, Reiz und Elend der cremefarbenen Couchbetrachten Sie es erst mal, werden ruhig, identifizieren den inneren Zensor und gehendann adäquat mit ihm um.« Eine interessante Strategie. Hoffentlich lerne ich im Laufe dieser Veranstaltung,wie mit einem Zensor adäquat umzugehen ist.»Wo ist der rote Faden geblieben?«, frage ich, als es plötzlich um meinen Umgangmit Nahrungsmitteln geht. »Vordergründig ist es Ihr Umgang mit Nahrungsmitteln, tatsächlich – hintergrün-dig, wenn Sie so wollen – geht es um Fülle.« »Allein das Wort – Nahrungsmittel – verursacht das quälende Gefühl des Vollseins.« »Es geht nicht um physische, sondern um geistige und seelische Fülle, die sich inForm von Gedanken, Ideen und Gefühlen ausdrückt, die im kreativen Prozess eineTransformation erfährt und als Text oder Bild Gestalt gewinnt. Damit kann mansich dann auseinandersetzen.« Die sich assoziativ aufdrängende Parallele zum physiologischen Verdauungsprozessvon Nahrungsmitteln bringt mich nicht weiter. Trotzdem fühle ich mich in meinerganzen Abgedrehtheit auf eine sehr diffuse Art und Weise verstanden, ernst genom-men. Hirtberg bringt mir Respekt entgegen. Es ist etwas in Bewegung gekommen, wogt in mir und wabert wie Nebel um michherum. Ein Effekt von gerade mal zehn, zwölf Stunden? »Wenn das so weitergeht, bin ich die Artistin schneller los, als mir lieb ist, undverliere mit ihrem Verschwinden jede Legitimation, mit Ihnen zu reden.« »Ist das nicht so ähnlich wie mit Ihrem Essverhalten? Kaum geht es ein paar Tagegut, wissen Sie nicht mehr, worum Sie kämpfen sollen. Ihr Denken ist bestimmt vomRingen um Gesundheit, gleichzeitig fürchten Sie die Normalität. Sie wollen etwas,das Sie aber doch nicht wollen.« Noch mal: Wo ist der rote Faden geblieben?Zu Hause setze ich mich an den Rechner und wühle mich durch Dateiverzeichnisse.Gut organisiert und dank einer gewissen Zwanghaftigkeit finde ich mühelos dasGesuchte. Manche Dateien sind so alt, dass ich sie erst konvertieren muss. Doch,hier habe ich sie digital, fortgesetzte Versuche, den Hintergründen meiner Neuroseauf die Spur zu kommen. Natürlich wird das ganze Elend in der Kindheit wurzeln,doch offenbar verfügte keiner meiner Therapeuten über geeignetes Werkzeug, um tiefgenug zu graben. Was mir blieb, war Resignation auf der ganzen Linie. Erst mal. Noch wenige Monate bevor ich mich entschied, in die Klinik zu gehen, waren mirdie Ursachen schnuppe, die Suche zu anstrengend, die Ergebnisse zu wenig konkret.Die Artistin fürchtete ihren Rausschmiss, riet mir von jeder wie auch immer geartetenTherapie nachdrücklich ab und ich pflichtete ihr nur zu gern bei. Außer der Essstörunghatte ich keine nennenswerten Probleme. Vor dem Hintergrund dieser Überzeugungkonnte ich keinen Therapeuten gebrauchen, der in meinem Inneren herumbuddelt 25 © 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen ISBN Print: 978-3-525-40102-6 — ISBN E-Book: 978-3-647-40102-7

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