Vorlesung 1.1. Einführung Organisation

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Vorlesung 1.1. Einführung Organisation

  1. 1. 1. Die Organisation – Konzepte und Modelle Betrachte ich mir die Bauten der frühen Menschheit frage ich mich oft, wie „der“ Mensch diese Kunstwerke mit seinen damals zur Verfügung stehenden Mitteln bewerkstelligt hat. Welche Organisation, Struktur, Management muss wohl dahinter gestanden haben, zahlreiche Menschen so zu organisieren, zu motivieren, solche Bauten zu bauen. Heute ist es für mich als Sozialwissenschaftler zwar immer noch (fast) rätselhaft, wie Ingenieure ihre Hochbauten, Brücken, und Tiefbauten realisieren, dennoch aber klar, welche Strukturen, Organisationsformen und welche Menschenführung und Abteilungen dahinterstehen. Wer sich mit „Organisation“ beschäftigt oder mit den Organisationswissenschaften, macht ein breites Feld auf. Die Organisationswissenschaften sind breit gestreut und in verschiedenen Disziplinen und Fachrichtungen anzusiedeln. Die BWL untersucht Unternehmen als Organisationen, wie sie sich entwickeln, bilden, judifiziert werden, sterben, saniert werden, verkauft und zerteilt werden. Den Soziologen interessieren hingegen eher die sozialen Bezüge: Wie gelingt es, viele Menschen an einen Ort zur Zusammenarbeit zu bewegen? Welche Strukturen bilden sich heraus und sind ratsam? Welche Rollen, Normen, Werte, Gruppen, etc. bilden sich heraus und wie arbeitet das soziale Aggregat zusammen? Den Psychologen interessieren auf verschiedenen Ebenen ganz unterschiedliche Dinge. In der Arbeits-, Betriebs- und Organisations(!)psychologie beschäftigt sich der Psychologe mit individuellen Phänomen wie Arbeitsaufmerksamkeit, Leistungsmotivation, Stellenanforderungen, Assessment-Verfahren. Auf der organisationalen Ebene, wie sich Organisationen entwickeln, wie sie sich verändern lassen, wie Menschen zu Veränderungen bewegt werden können und wie ein gelingender Change funktioniert. Den Ingenieur interessieren wiederum andere Dinge: Klassischerweise dem Taylorismus entsprungen geht der Ingenieur mit eher strukturellen Instrumenten an das Thema heran und auch mit den Menschen entsprechend um. Ingenieure haben oftmals eher maschinelle Denkweisen, die zuerst in Ursache-Wirkungskreisläufen gedacht werden müssen, später allerdings eher kybernetische Prinzipien an Organisationen anlegen. Kybernetik als eine Steuerungswissenschaft ist natürlich vor dem Hintergrund einer Regelungswissenschaft besonders für Ingenieure interessant. Pädagogen interessieren sich besonders für das Thema „Lernen“. So spielt in der Betriebspädagogik das Thema Weiterbildung/Personalentwicklung eine große Rolle; in der relativ, aber mittlerweile etablierten Organisationspädagogik steht organisationales Lernen im Vordergrund. Und so hat jeder seinen eigenen, sehr speziellen Blickwinkel auf das Thema, was oft zu einer babylonischen Sprachverwirrung führt, da jeder mit einem bestimmten Mindset sozialisiert worden ist und für die Phänomene auch unterschiedliche Begriffe verwendet werden. Jeder Organisationsberater muss sich dessen sehr gut bewusst sein, damit tatsächlich verstanden wird, was er/sie gemeint hat. Diese kommunikationspsychologische Banalität kennt jeder, in der Praxis hingegen überwiegen zu schnell Selbstverständlichkeiten oder „gedachte“ Selbstverständlichkeiten, sodass hinterher jedoch Missverstehen und Missverständnis produziert wurde. Deshalb werden im nächsten Kapitel einige Begriffe vorgestellt und aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive dargestellt. Wer sich mit Organisationen beschäftigt, findet allerdings noch weitere Perspektiven auf das Thema. Denken wir an „organisierte (!)“ Kriminalität, so registrieren wir, dass Kriminalität offensichtlich System haben kann, also eine Struktur, Organisation und ein Management involviert. Diese nicht-zufällige Form von Kriminalität bedient sich offensichtlich also einer Organisation, um krumme Geschäfte zu machen. Ebenso werden Organisationswissenschaften auch missbraucht bei der Organisation von Massenmorden, wie sie für das Dritte Reich, aber auch für die kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen
  2. 2. Jugoslawien beispiellos sind. Die Kriegsmaschinerie zielt auf die Vernichtung von Menschen und auf den Sieg anderer Menschen hin. Je nachdem auf welche Seite ich stehe, werde ich „Organisation“ als gut oder auch als schlecht empfinden. Organisation ist zunächst einmal an und für sich wertfrei. Organisation beinhaltet Techniken zur Strukturierung von Betrieben, Vereinen, Unternehmen, Krankenhäusern, Hilfsorganisationen, etc. Sie stellt Methoden zur Verfügung, die Wachstum einer Organisation bewirken, notwendige Veränderungen begleiten und ein Ziel zu verfolgen helfen. Genauso kann „Organisation“ als Realisationshilfe für gute Zwecke eingesetzt werden. Eine Hilfsorganisation kann humanitäre Hilfe in Krisengebieten überhaupt erst ermöglichen, wenn eine gut funktionierende Organisation Prozesse auf das gemeinsame Ziel hin koordiniert und Menschen „kanalisiert“. Organisationswissenschaften liefern quasi „nur“ Erkenntnisse, wie Organisationen funktionieren, erklären Zusammenhänge und beschreiben zahlreiche Phänomene. Was mit Organisation allerdings angestellt wird, wofür (!) sie eingesetzt wird, das bleibt Frage einer grundlegenden ethischen Überzeugung. Als Berater muss ich also meinen eigenen Standpunkt definieren, damit ich weiß, für wen ich mich engagiere und für wen nicht. Schließlich unterstütze ich als Berater explizit oder implizit evtl. eine Kriegsmaschinerie, mafiöse Strukturen, Scientology, einen Pornoring oder die nächste Terrorzelle. Es wäre schön, aber zu einfach, zu sagen, dass Berater sich für das Schöne, Wahre und Gute einsetzen sollten. Die Sittlichkeit eines aufgeklärten Humanisten, der sein Geld als Berater verdient, entzieht jeglichem Söldnertum den Boden und richtet alle kreative Energie eines Beraters auf eben solche förderungswürdigen Ziele. Organisation wird seit etlichen Jahren auch in der Biologie erforscht. Die Bionik hat wunderbare Beispiele gefunden, wie Prinzipien der Natur auf den Menschen und dessen Alltagsbewältigung (oder besser dessen Überleben) übertragen werden. So lässt es sich mit Flossen eben schneller schwimmen, als ohne. So entspricht der Klettverschluss am Laufschuh wunderbar einem natürlichen Pflanzenvorbild. Deshalb werden Flugzeuge so gebaut, wie sie nun mal aussehen, weil Vögel eben auch so in der Luft bleiben. Die Biologie und deren naturwissenschaftlichen Unterdisziplinen liefert seit Jahren Ideen, die in den Organisationswissenschaften adaptiert werden. Welche Prinzipien liegen einem Ameisenstaat zugrunde? Wie organisiert eine Affenherde ihr „soziales“ Miteinander? Wie koordiniert ein Bienenstaat sein Überleben? Ziehen wir einen fazitären Strich darunter, lässt sich zweifellos sagen, dass die Natur als Ideen- und Lebensspender hervorragend funktionierende Prinzipien bereitstellt, die sich auf Organisationen und deren Überleben übertragen lassen. Eine der frühesten Adaptionen dieses Gedanken findet sich bereits in der Bibel, im ersten Korintherbrief, Kapitel 12, Vers 14 bis 26: „Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele. Wenn aber der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte er deshalb nicht Glied des Leibes sein? Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte es deshalb nicht Glied des Leibes sein? Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib? Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer. Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand; denn die anständigen brauchen`s nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen.
  3. 3. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ Der symbiotische Charakter menschlichen Zusammenagierens kommt hier sehr deutlich zum Vorschein. Die systemischen Prinzipien, die im Folgenden auch dargestellt werden, entspringen sehr häufig biologischen Quellen. Kein Wunder, wenn man Organisationen als selbstreferentielle, autopoietische Systeme begreift, die sich selbst „irgendwie“ weiterentwickeln. Es geht dann doch immer irgendwie weiter, obwohl vielfach die Krise und die Apokalypse prognostiziert wurde. Das menschliche Dasein scheint nicht auslöschbar mit allen dazugehörigen Organisationen – zu komplex sind der Überlebenswille und die Selbsterhaltungsfähigkeit. Betrachten wir uns bspw. eine Zelle, die sich in ihrer relevanten Umwelt am Leben hält, vielleicht weiterentwickelt und sich bewegt. Sie hat einen natürlichen Austausch mit der Umwelt, bezieht Nahrung aus derselben durch ausgeklügelte Kanäle, gibt selbst wiederum Stoffe nach draußen, verarbeitet die Nahrung von draußen innen weiter, „spuckt“ nährwertloses Material wieder aus und behält das Relevante im Zellinneren. Jeder Organismus funktioniert so. Warum nicht auch Menschen, Organisationen und Teams? Diese Erkenntnis findet leider aktuell hohe Bedeutung in den Terrorzellen weltweit, die sich schnell verändern, wechseln, der Umgebung anpassen – unauffällig, um dem polizeilichen Raubtier nicht aufzufallen. Jagen und gejagt werden scheint das Überlebensprinzip, das wir für Organisationen im Markt und Wettbewerb sportlich untersuchen sollten. Manchmal geht den Sicherheitsdiensten eine Zelle ins Netz. Diese stirbt zwar oder wird vorübergehend eingesperrt, in die Quarantäne verwahrt, an anderen Stellen jedoch „emergieren“ (entstehen) allerdings neue Zellstrukturen. Wie ein Krebsgeschwür durchsetzt es den Körper und fordert die Abwehrkräfte heraus. Die Bezüge zur Biologie sind für Organisationen also hinreichend nachvollziehbar. In der Vorlesung selbst werden wir an etlichen Stellen darauf stoßen und die Grundprinzipien menschlichen Lebens und Organisierens immer wieder neu und anders kennenlernen, mit unterschiedlichen Begriffen das Gleiche ausdrücken und mit Sprache einen verständlichen Ausdruck verleihen.

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