"TK spezial" für Bremen 1-2014

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"TK spezial" für Bremen 1-2014

  1. 1. spezial Informationsdienst der Techniker Krankenkasse Nr. 1 2014 B r E M E N Interview mit Prof. Gerlach: Qualität wird nicht belohnt • Weniger ADHS-Medikamenten- verordnungen für Kinder und Jugendliche Forum „Gesunde Wirtschaft“ in Bremen JungeTalente fit für die Arbeitswelt von morgen Das Forum „Gesunde Wirtschaft“ setzte sich mit den Herausforderungen der modernen Arbeitswelt auseinander und gab einen Ausblick, wie Unterneh- men vorbeugen, schützen und fördern können. Bei der Zusammenkunft im Haus der Bremischen Bürgerschaft waren rund 120 Vertreter aus unter- schiedlichsten Branchen dabei. Die Veranstaltung wurde von Chris- tian Weber, dem Präsidenten der Bremischen Bürgerschaft, und Frank Storsberg, Mitglied des TK-Vorstands, eröffnet. Fortgesetzt wurde der Abend mit einem Impulsvortrag des Sport- ökonomen und Sportpsychologen Prof. Dr. Oliver Schumann zum Thema „Junge Talente – gesund und leis- tungsstark?“ Er vermittelte praxis- bezogene Erfahrungen in der Zusam- menarbeit mit Unternehmen. Talkrunde mit ehemaligem Fußballprofi Marco Bode In der anschließenden Talkrunde berichteten die Gäste über Best- Practice-Beispiele gesundheitsför- dernder Maßnahmen, gaben Tipps und Anregungen. Marco Bode, ehe- maliger Nationalspieler und Mitglied im Aufsichtsrat des SV Werder Bremen, nahm an der Diskussion teil und erläu- terte, wie wichtig Motivation, Freude und Gesundheit sind, um gerade junge Mitarbeiter fit für die Zukunft zu machen und junge Talente gesund zu erhalten. Hier konnte er spezielle Beispiele aus seiner Profikarriere nennen. Die Diskussionen verdeutlichten, dass der Unternehmenserfolg mit der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter steht und fällt. Viele Faktoren wirken auf die Gesundheit und damit auf die Kreativität der Belegschaft. Arbeits- platzbedingungen, Führungsverhalten und Unternehmenskultur haben maß- geblichen Einfluss auf das individuelle Wohlbefinden und den Leistungswillen der Mitarbeiter. Mehr informationen unter www.tk.de, Webcode: 615124 EdiToriAl Liebe Leserin, lieber Leser, der Koalitionsvertrag sieht in die- sem Jahr noch große Veränderungen im deutschen Gesundheitssystem vor. Wie die Koalitionspunkte, zum Beispiel das Präventionsgesetz, im Gesetzgebungsverfahren letztlich ausgestaltet werden, bleibt den- noch offen. Die TK-Landesvertretung macht sich auch zukünftig für ihre Versi- cherten in Bremen und Bremer- haven stark und setzt sich für inno- vative Leistungen und eine optimale medizinische Versorgung ein. Als zweitgrößte Ersatzkasse im Land Bremen betreuen wir schließlich mehr als 48.000 Mitglieder und zusammen mit den beitragsfrei mitversicherten Familienangehöri- gen sogar 65.000 Menschen. Brigitte Fuhst Leiterin der TK-Landesvertretung Bremen
  2. 2. TK spezial Bremen · 1/2014 | 2 Interview mit Professor Dr. med. Ferdinand M. Gerlach, Goethe-Universität Frankfurt am Main „Gebraucht werden Kümmerer, die Verantwortung übernehmen und anpacken“ TK spezial | Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, dessen Vorsitzen- der Sie sind, hat in seinem Gutachten 2009 darauf hingewiesen, dass Ge- sundheitsleistungen zukünftig besser koordiniert und auf die Bedürfnisse der Generationen und regionale Beson- derheiten abgestimmt werden müssen. Wo liegen die größten Hemmnisse in den Strukturen unseres Gesundheits- systems, dieVeränderungen verhindern? Prof. dr. med. Gerlach | Als Folge einseitiger Anreizsysteme beobachten wir im internationalen Vergleich extrem hohe Arzt-Patient-Kontaktfrequenzen in deutschen Praxen sowie im stationären Sektor Angebotskapazitäten und Fall- zahlausweitungen auf rekordniveau. Während strukturelle Fehlallokationen und falsche Anreize Mengenauswei- tungen provozieren, wird Qualität in der regel nicht belohnt. Eine sehr inef- fiziente Konkurrenz zwischen Kliniken und Praxen verhindert zielgerichtete und gerade im Interesse chronisch Kranker notwendige sektorübergrei- fende Kooperationen. TK spezial | Gibt es ein Erfolgsrezept für besonders erfolgreiche innovative Versorgungsmodelle? Prof. dr. med. Gerlach | Es gibt dazu leider viel zu wenige Versorgungsfor- schungs-Studien. In unserem Projekt „Innovative Versorgungsmodelle“ (siehe Kasten) sammeln und analy- sieren wir erfolgreich implementierte neue Versorgungskonzepte. Wichtige Erfolgsfaktoren dieser Modelle liegen vor allem im organisatorischen und im zwischenmenschlichen Bereich. Gebraucht werden „Kümmerer“, die Verantwortung übernehmen und an- packen. Günstig sind darüber hinaus eine schon vorher bestehende gute Zusammenarbeit, Vertrauen, respekt, Verbindlichkeit, personelle Kontinuität aller Akteure, aber auch hohe Moti- vation und Frustrationstoleranz. TK spezial | Welche sind die häufigs- ten Gründe, wenn Modelle scheitern? Prof. dr. med. Gerlach | Die Umset- zungsbarrieren liegen ebenfalls häufig im zwischenmenschlichen Bereich. Ein Scheitern wird wahrscheinlicher, wenn Konkurrenzdenken und Neid vorherrschen, Probleme mit der Ab- gabe von Kompetenzen bestehen und mangelnde risikobereitschaft sowie unterschiedliche Arbeitstempi verschiedener Akteure nicht überwunden werden. Auch ein Mangel an Personal, räumlichkei- ten, finanzielle Mitteln sowie mangelnde Unter- stützung in Politik oder Bevölkerung stellen wichtige Barrieren dar und können gute Ansätze zum Scheitern bringen. TK spezial | Welche Akteure zeigen im Moment die größte Innovations- und risikobereitschaft, intelligente neue Versorgungskonzepte zu erar- beiten? Prof. dr. med. Gerlach | Vor allem direkt Betroffene haben einen ent- n sprechenden Handlungsdruck: Haus- ärzte ohne Nachfolger, Kassenärztliche Vereinigungen, die den Sicherstellungs- auftrag bald nicht mehr erfüllen können, Gemeinden und Landkreise, die von Ärztemangel bedroht sind. TK spezial | Welche wich- tigen Akteure zögern noch und wie kann man sie überzeugen mitzumachen? Prof. dr. med. Gerlach | Neben den Akteuren vor Ort zögern auch die Kostenträger. Es ist für alle Beteiligten ein Ärgernis, dass das Bundesversi- cherungsamt durch rigide Prüfungen den Abschluss innovativer Verträge vielleicht ungewollt, auf jeden Fall aber systematisch behindert. Die aktuelle gesetzliche regelung besagt, dass die Vertragspartner schon bei Vertragsabschluss nachweisen müs- sen, dass keine beitragssatzrelevante Wir haben heute das größte Angebot dort, wo wir es am wenigsten benötigen.“ ZUr PErSoN Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach wurde 1961 in Marsberg (Nordrhein-Westfalen) geboren. Er studierte Humanmedizin und Public Health an der Universität Göttingen und an der Medizinischen Hochschule Hannover. Von 1992 bis 1993 arbeitete er als wissenschaftlicher Geschäfts- führer des Norddeutschen Forschungsverbundes Public Health sowie von 1991 bis 2000 als Leiter des Arbeitsbereichs Qualitätsförderung an der Me- dizinischen Hochschule Hannover. Seit 1993 arbeitet Ferdinand Gerlach regelmäßig als Hausarzt in Ge- meinschaftspraxen mit, früher in Bremen und Kiel, heute in Frankfurt am Main. Von 2001 bis 2004 war Prof. Gerlach Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Seit 2004 ist er Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität Frankfurt am Main. Professor Gerlach engagiert sich als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienme- dizin (DEGAM). Seit 2007 ist er Mitglied im Sachver- ständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, 2011 wurde er stellvertretender Vorsitzender und im Juli 2012 übernahm er den Vorsitz. Seit 2013 ist Professor Gerlach zudem Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats derTechniker Krankenkasse.
  3. 3. TK spezial Bremen · 1/2014 | 3 Kostensteigerung entsteht. Das ist natürlich ein Unding. Jede Innovation braucht Anfangsinvestitionen. Ein Pra- xisnetz beispielsweise benötigt eine EDV-Infrastruktur und Personal für eine professionelle Geschäftsführung. Der Sachverständigenrat hat dazu in Form eines Darlehensmodells bereits einen Vorschlag gemacht. Darüber hinaus raten wir dringend, die unsinnige refinanzierungsklausel im Gesetz ersatzlos zu streichen. TK spezial | Welche Versorgungs- strategien eignen sich für den länd- lichen raum? Prof. dr. med. Gerlach | Wir kennen inzwischen verschiedene Strategien, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen: 1. die Förderung von Landkreisen als Gesundheitsregionen (zum Beispiel in Niedersachsen), 2. der Zusammenschluss regionaler Akteure zu Gesundheitsnetzwer- ken (beispielsweise im Bereich Geriatrie), 3. die Gründung von Gesundheits- zentren (zum Beispiel das Schaaf- heimer Arzt- und Apothekenzent- rum in Hessen). Falls bereits Ärzte fehlen, kommen Filialpraxen-Modelle, Delegations- modelle (zum Beispiel mit Gemeinde- schwestern) und Mobilitätskonzepte, die den Arzt zum Patienten oder den Patienten zum Arzt bringen, infrage. TK spezial | Was muss sich in den Großstädten und den Ballungsräumen bewegen? Prof. dr. med. Gerlach | Wir haben heute das größte Angebot dort, wo wir es am wenigsten benötigen: in den wohlhabenden Quartieren der Großstädte. Insbesondere in schwä- cher strukturierten Vierteln leben viele Menschen, die einen besonders hohen gesundheitlichen Versorgungs- bedarf haben. Zur reduktion sozialer Ungleichheit muss hier eine Umsteu- erung erfolgen. TK spezial | Wie reagieren die Pati- enten auf die neuen Versorgungsfor- men, insbesondere wenn sie anstelle des Arztes von medizinischem Fach- personal betreut werden? Prof. dr. med. Gerlach | Nach unseren Erfahrungen in den meisten Fällen sehr positiv. Patienten sind nach anfäng- licher Skepsis zum Beispiel froh, dass größere Praxen erweiterte Öffnungs- zeiten haben und damit besser erreich- bar sind. Es geht auch nicht darum, dass medizinisches Fachpersonal Ärzte einfach ersetzt. Das wäre angesichts komplexer Anforderungen bei Multi- morbidität und Multimedikation auch gar nicht möglich. Es geht vielmehr darum, dass (Haus-)Ärzte und Medizi- nische Fachangestellte, ggf. mit einer Zusatzqualifikation als Versorgungsassis- tentin in der Hausarztpraxis (VErAH), oder Pflegekräfte in arbeitsteilig orga- nisierten Teams zusammenarbeiten. Das führt im Idealfall zu einer Entlas- tung der Hausärzte und gleichzeitig zu einer besseren Versorgung insbeson- dere chronisch Kranker. iNforMATioN Projekt InGe – Innovative Gesundheitsmodelle Das Institut für Allgemeinmedizin an der Johann-Wolfgang-Goethe- Universität in Frankfurt am Main informiert seit Januar 2013 in einem Onlineverzeichnis über neue Versorgungsmodelle, die bundes- weit in Deutschland entstehen. Im rahmen des Projekts „Innovative Gesundheitsmodelle“ (InGe) baut das Institut eine umfassende Daten- bank und ein Beratungsangebot für diejenigen auf, die neue Versorgungs- ideen in ihrer region umsetzen wollen. Das Projekt wird von der robert-Bosch-Stiftung gefördert. Interessierte können auf den Inter- netseiten des „InGe“-Projekts zahl- reiche innovative Beispiele für neue Versorgungsmodelle abrufen, die sich unter anderem auf medizinische, pflegerische, geriatrische oder pallia- tive Versorgung, Wohnen, Mobilität und Prävention beziehen. Mit einer Suchfunktion kann gezielt nach Mo- dellen aus unterschiedlichen regi- onen sowie nach verschiedenen Schwerpunkten und Organisations- formen gesucht werden. Wer sich für ein besonderes Modell interessiert, kann mit den angege- benen Projektmitarbeitern Kontakt aufnehmen und eine ausführliche Beratung in Anspruch nehmen. Im Gespräch wird dann geklärt, ob das ausgesuchte Modell für die Bedin- gungen in der eigenen region wirk- lich „passend“ ist. Die Datenbank und das Beratungsangebot werden laufend erweitert. Weiterführende Informationen: www.innovative- gesundheitsmodelle.de
  4. 4. I

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