Dr. Gerhard Schrader
”Der Vater der Nervenkampfstoffe?”
Stefan Martini
17. November 2011
Inhaltsverzeichnis
1. Dr. Gerhard ...
4. Das Erbe Schraders 17
4.1. Tabun . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
4.1.1. ...
1. Dr. Gerhard Schrader - Leben und Wirken
1.1. Kindheit
Abbildung 1: Elise und Heinrich Schrader
Gerhard Schrader wurde a...
1.2. Bildungsweg
Abb. 2: Der Studen Gerhard Schrader (Win-
tersemester 1926/27
Nach einem Umzug der Familie nach Klein
Stö...
Die Doktorwürde (Dr.-Ing.) wurde ihm am 16. März 1928 von der Technischen Hoch-
schule Braunschweig ”mit Auszeichnung” ver...
2. Schraders Beitrag zur Verbesserung der
Ernährungssituation in Deutschland - E 605
Nach dem Ende des 1. Weltkrieges best...
gelingt ”entdeckt” er zunächst 1938 Methylfluorophosphonsäureisopropylester, welches
später unter dem Namen Sarin zu Berühm...
weiteren 5 Jahren gelingt es der Forschungsgruppe schließlich im Februar 1952 Systox
zur Marktreife zu entwickeln, welches...
2.6. kritische Würdigung der Forschung nach dem Krieg
Neben diesen Ehrungen gab es auch durchaus kritische Stimmen zum Wer...
2.7. Ruhestand und Lebensabend
Die Tür seines Büros schließt Gerhard Schrader im Jahre 1967 ein letzes Mal, jedoch
schließ...
3. Sarin
Da es sich um den ”ersten Nervenkampfstoff” handelt, welcher nicht nur zufällig entdeckt
worden ist, wird an diese...
cholinesterase kommt es zu einer Überstimmulation der (Organ-)Muskeln, welche para-
sympathisch inerviert sind. Durch dies...
3.3. Therapie
Die Therapie der aktuen Sarin-Vergiftung folgt grundsäztlich einem ABCDE-Schema9:
• Alter Absorption / Admin...
bis zur Symptomfreiheit. Eine Überdosierung des Antidotes Atropin kann zu schweren
Komplikationen führen, welche den Outco...
2-PAM Pralidoxim wird seit 1956 als Antidot verwendet. Und ist dem Obidoxim bei
Sarinvergiftungen überlegen.
Hi-6 Weder Ob...
toinjektoren enthalten Atropin und ein Oxim 21. Ebenfalls sollen solche Autoinjektoren
für den Bereich des Katastrophensch...
4. Das Erbe Schraders
Neben Sarin entsprangen der Forschung Scharder weitere Orpanophosphate. Weitere
wichtige ”Verwandte”...
Haut eines Menschen diffundierte dieser durch sie hindurch in die Blutbahn und wurde
so schnell im ganzen Organismus vertei...
4.1.3. Iran / Irak
1980, setzte die irakische Armee zu Beginn des ersten Golfkriegs auf Weisung Saddam
Husseins chemische ...
4.1.4. Tokyo
Abb. 12: Shoko Asahara
(Quelle: TIME
Magazine)
Nevenkampfstoffe sind nicht nur von Interesse im inter-
oder in...
Abbildung 13: Sarin Anschlag in Tokio (Quelle: Vlka.cz)
21
Neben diesen Freitoden wurde auch über einige tödliche Unfälle mit Parathion berich-
tet. Einer der berühmtesten Unfäll is...
Ein weiterer spektakulärer Fall begab sich im Jahre 1972. In welchem ein unbekann-
ter Täter an Prominente und Wohlhabende...
4.4. Metasystox
Die Markteinführung von Metasystox erfolgte 1960. Durch die Verwendung von Sulfoxi-
den konnte die Toxizit...
5. Ethische Aspekte Schraders Arbeit
5.1. Pestizide und chemische Kampfstoffe
Auch wenn das Bestreben eines Forschers nobel...
immer frei verfügbar, so dass diese auch teilweise selbst hergestellt werden müssen. Um
„high-end“ Kampfstoffe herzustellen...
5.2.3. Duale Chemikalien
Eine Gefahr durch chemische Kampfstoffe steht in der teilweise leichten Beschaffbarkeit
der Grundsu...
Anhang
Literatur
André Kunz (26.08.2002): Tötungsfabrik ”Einheit 731”. die Tageszeitung 2002.
Bayer CropScience (15. Septe...
Hawley, Chris/Walter, Andrea A. (2008): Hazardous materials handbook:
Awareness and operations levels. Clifton Park and N....
Merck (01.06.2011): Gebrauchsinformation / Fachinformation Toxogonin: 002119-
D847-Toxogonin. No address in.
Murakami (200...
A. Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
1. Elise und Heinrich Schrader . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ...
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Hausarbeit im Rahmen der Vorlesung "Toxikologie 2" des Master Studiengangs Sicherheitstechnik.

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Dr Schrader - Vater der Nervenkampfstoffe ?

  1. 1. Dr. Gerhard Schrader ”Der Vater der Nervenkampfstoffe?” Stefan Martini 17. November 2011 Inhaltsverzeichnis 1. Dr. Gerhard Schrader - Leben und Wirken 3 1.1. Kindheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 1.2. Bildungsweg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 1.3. Der Einstieg in die Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 2. Schraders Beitrag zur Verbesserung der Ernährungssituation in Deutschland - E 605 6 2.1. Der Unfall - Die erste Synthese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 2.2. Insektizide und Sarin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 2.3. Inhaftierung - Das Ende des Krieges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 2.4. Die Nachkriegsjahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 2.5. Ehrungen Schraders für Pflanzenschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 2.6. kritische Würdigung der Forschung nach dem Krieg . . . . . . . . . . . . . 9 2.7. Ruhestand und Lebensabend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 3. Sarin 11 3.1. Pathophysiologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 3.2. Symptome . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 3.3. Therapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 3.4. Alter Absorption - Aufnahme unterbinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 3.5. Administer Antidote - Antidot(e) verabreichen . . . . . . . . . . . . . . . 13 3.5.1. Atropin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 3.5.2. Oxim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 3.5.3. Antidotkits - Autoinjektoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 3.6. Basics . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 3.7. Change Catabolysm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 3.8. Disturb Differently . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 3.9. Enhance Elimination . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 1
  2. 2. 4. Das Erbe Schraders 17 4.1. Tabun . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 4.1.1. chemische Kampfstoffe während dem ersten Weltkrieg . . . . . . . 17 4.1.2. Der Zweite Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 4.1.3. Iran / Irak . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 4.1.4. Tokyo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 4.2. Parathion - E605 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 4.3. Systox . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 4.4. Metasystox . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 4.5. Heutige Verwendung der Pflanzenschutzmittel . . . . . . . . . . . . . . . . 24 5. Ethische Aspekte Schraders Arbeit 25 5.1. Pestizide und chemische Kampfstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 5.2. Terrorismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 5.2.1. Herstellung chemischer Kampfstoffe durch Terroristen . . . . . . . 25 5.2.2. Binäre Kampfstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 5.2.3. Duale Chemikalien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Anhang 28 A. Abbildungsverzeichnis 31 2
  3. 3. 1. Dr. Gerhard Schrader - Leben und Wirken 1.1. Kindheit Abbildung 1: Elise und Heinrich Schrader Gerhard Schrader wurde am 25. Februar 1903 in Bortfeld als Sohn von Heinrich und Elise Schrader geboren.1. Der Vater Gerhards entstammte einer Bauernfamilie, blieb jedoch nicht dieser Familientradtion treu, sondern entschied sich für den Lehrerberuf und wurde Lehrer einer relativ großen Dorfschule. Gerhard hatte zwei ältere Schwestern; Else und Magdalena. Die Familie Schrader lebte zu Gerhards Kindheitstagen in Bortfeld, wo auch der Dienstsitz des Vaters war. Die Jugend Gerhard Schraders war auch durch die tiefe Religiösität seiner Eltern gekennzeichnet. Während dessen Jugend beschrieb Heinrich Schrader seinen Sohn mit den Eigenschaften: ”Zähigkeit und Ausdauer gepaart mit Phantasie und Klugheit.” ”Einmal, es war kurz vor Weihnachten, drängten sie (die Kinder) sich wieder um mich herum. Der kleine Gerhard, der wohl kaum 3 Jahre alt war, sah sich ausgeschlossen. Else sollte ihm Platz machen. Um seine Absicht zu erreichen, sprach er: ”Else, gehe ein bißchen nach Amerika.” Als diese ihm klar machte, daß das nicht ginge, wußte er gleich einen Rat. Gar wichtig sagte er zu seinem Schwesterlein: ”Else, laß mich zum Vater; der Weihnachtsmann bringt dir einen anderen”(Pfingsten (2003), S.11) 1 Pfingsten (2003), S. 9. 3
  4. 4. 1.2. Bildungsweg Abb. 2: Der Studen Gerhard Schrader (Win- tersemester 1926/27 Nach einem Umzug der Familie nach Klein Stöckheim, vor den Toren Braunschweigs, im Januar 1913 durchläuft Gerhard das Humanistische Wilhelm-Gymnasium und erhält 1923 sein Reifezeugnis. Nachdem er das Gymnasium ohne schulischen Schwie- rigkeiten besucht hat, beginnt er sein Che- miestudium in den harten Nachriegsjah- ren. Da seine Eltern ihn nicht finanziell unterstützen können, arbeitet der junge Chemiestudent in den Semesterferien als Gleisarbeiter bei der Bahn und unterlegt Gleise mit Schottersteinen. Trotz dieser widrigen Umstände ist der Abschluss des Studiums nach nur 8 Semestern im Jahre 1927 mit der Note ”sehr gut” erreicht. Heg- te Vater Heinrich Schrader zunächst den Wunsch das sein Sohn ihm in den Lehrer- beruf folgte um schnell auf eigenen Beinen zu stehen Ist er nach dem Abschluss seines Sohne doch begeistert. ”Bei der Bearbeitung kam mir auch Dein Zeugnis über Deine Diplom-Hauptprüfung vom Juni 1927 wieder zu Gesicht. Ich bin kaum im Stande zu äu- ßern, was ich empfinde, wenn ich da lese: Das Gesamturteil mit Auszeichnung bestanden und 5 mal in Pflichtfächern und Wahlfach das Urteil: sehr gut. Wohl selten ist ein solches Zeugnis ausgestellt. Du hast uns mit demselben seinerzeit eine unaussprechliche Freude bereitet.” (Pfingsten (2003), S.15) Seine Diplomarbeit verfasste Gerhard Schrader unter dem Titel ”Zur Chemie der Cyan- verbindungen des Rutheniums” und erhält die Note ”sehr gut”. Diese Benotungen spre- chen für sein Wissen. So berichtet ein Studienfreund: ”[...] Wir wußten, daß Gerhard gerade bei Fries in Chemie geprüft wur- de... Später erfuhren wir, Gerhard hatte bei einer Frage ganz beiläufig er- wähnt, daß ein bestimmtes Kobalt-Komplexsalz grün sei. Fries hatte korrie- gert, es sei violett. Als Gerhard wiedersprach, sagte Fries: » Wenn ich Ihnen sage, es ist violett, können Sie das ruhig annehmen. « Gerhard sagte: » Ja- wohl, das kann ich, aber es ist eben doch grün!« Die Bibliothek gab Gerhard recht...”(Pfingsten (2003), S.15) 4
  5. 5. Die Doktorwürde (Dr.-Ing.) wurde ihm am 16. März 1928 von der Technischen Hoch- schule Braunschweig ”mit Auszeichnung” verliehen. 1.3. Der Einstieg in die Forschung Im Oktober 1928 begann Gerhard Schrader seinen Berufsweg bei den IG Farbenwerken, einer Tochterfirma Bayers. Sein Arbeitsgebiet umfasste die gesamte Organische Chemie mit dem Schwerpunkt Naphthol-Farbstoffe. Den Ausgleich zu seiner Arbeit fand Schar- der in seiner Wohnung in der Nähe des Bahnhofes Vohwinkel. 1934 änderten sich Ar- beitsschwerpunkt und die Wohnung des noch jungen Forschers. Auf seine neue Aufgabe, der Erforschung von Schädlingsbekämpfungsmitteln folgte ein Umzug nach Lützenkir- chen. Der Wechsel des Aufgabengebietes war auch den wirtschaftlichen Anforderungen geschuldet, so kaufte das Deutsche Reich in den 30er Jahren für 30 Mio. Mark Schädlings- bekämpfungsmittel und erwartete eine entsprechende Weiterentwicklung dieser Stoffe. Abbildung 3: Dr. Gerhard Schrader mit seinem Mitarbeiter Kurt Küppers 5
  6. 6. 2. Schraders Beitrag zur Verbesserung der Ernährungssituation in Deutschland - E 605 Nach dem Ende des 1. Weltkrieges bestand für das Deutsche Reich die Notwendigkeit die Ernteerträge zur Ernährung der Bevölkerung zu steigern. Diese Notwendigkeit wurde bedingt durch mehrere Faktoren. Einerseits kam es nach Ende des 1. Weltkrieges zu Landesabtretungen, so das die zu bewirtschaftende Fläche sich verringerte. Weiterhin stieg die Bevölkerungszahl, bei einer sich ändernden Bevölkerungsaltersschichtung. Viele Junge, das Land bewirtschaftende, Männer starben im Krieg und fehlten nun bei der Bewirtschaftung des Landes. Das Deutsche Reich und die deutsche Industrie sah also die Notwendigkeit in die Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln zu investieren. Die Firma IG Farben beauftragte ihren jungen Forscher Gerhard Schrader mit der Forschung an geeigneten Stoffen. Das Ergebnis dieses Auftrages sollte nicht nur das Gebiet der Pflanzenschutzmittel ändern, sondern auch das Augenmerk des Militärs auf chemische Kampfstoffe lenken. 2.1. Der Unfall - Die erste Synthese Im Jahre 1936 nach bereits 2 Jahren Forschung an einem neuen Pflanzenschutzmittel auf Grundlage organischer Phosphorverbindungen wollte Schrader die Versuchsreihe bereits aufgeben, als er plötzlich Sehstörungen bemerkte. Diese ersten Symptome verschlimmer- ten sich so sehr, dass Schrader stationär im Krankenhaus aufgenommen werden musste und sich nur langsam wieder von seiner zufälligen Entdeckung erholte. Der Vater Gerhards schilderte den Unfall wie folgt: ”Im November erlitt Gerhard im Laboratorium einen schweren Unfall, der, wenn der Herr nicht seine schützende Hand über ihn gehalten hätte, leicht böse Folgen hätte haben können. 14 Tage mußte Gerhard im Krankenhaus zubringen. Nach seiner Entlassung weilte er zu unserer großen Freunde mit Wiebke kurz vor Weihnachten fast 8 Tage bei uns. [...]”(Pfingsten (2003), S. 19) Bereits vor seiner Rückkehr ins Labor war Gerhard Schrader klar, dass er einen hoch toxischen und leicht herstellbaren Stoff entdeckt hatte. Die Isolation gelang im Februar 1937. Diese Entdeckung wurde am 05. Februar 1937 an Prof. Gross vom Gewerbehy- gienischen Institut Elberfeld gemeldet. Kurz nach dieser Meldung wurde Hauptmann v. Sicherer vom Heereswaffenamt eingeschaltet, welcher die weitere Entwicklung eines chemischen Kampfstoffes einleitet. Die Weiterentwicklung Schraders ”Pflanzenschutzmit- tels” zu einer chemischen Waffe, dem Tabun, übernimmt das Heereswaffenamt unter der Leitung von Ministerialdirigent Zahn. 2.2. Insektizide und Sarin Nach dieser Entdeckung nahm Schrader erneut die systematische Forschungen mit orga- nischen Phosphorverbindungen auf. Bevor ihm der Durchbruch im Bereich der Pestizide 6
  7. 7. gelingt ”entdeckt” er zunächst 1938 Methylfluorophosphonsäureisopropylester, welches später unter dem Namen Sarin zu Berühmtheit als Nervenkampfstoff kommen sollte. Ob es sich bei der Entwicklung um eine gezielte oder zufällige Entwicklung handelte, ist bis heute umstritten. Klar ist jedoch, dass Sarin wesentlich toxischer und militärisch bes- ser einsetzbar ist als Tabun. Nach diesem militärischen Durchbruch dauerte es weitere 4 Jahre, bis im Jahre 1942 das Team der Bayerwerke einen großen Erfolg mit Blandan feiern konnte. Dem Forscherteam ist es gelungen einen Pyrophosphorsäuretetaethylester zu synthetisieren, welcher weniger toxisch für den Menschen ist und gute Chancen hat, die bis zu diesem Zeitpunkt gebräuchlichen nikotinhaltigen Pflanzenschutzmittel abzulö- sen.2 Nach diesem ersten Erfolg konnte ein weiterer großer Schritt verbucht werden, es gelang eine sehr toxische und stabile Substanz zu synthetisieren. 1944 wurde Parathion oder auch E605 durch Schrader erfunden, welches weltweit als Pflanzenschutzmittel mit sehr großem Erfolg vertrieben werden sollte.3 Abbildung 4: E 605 forte (Quelle: Wikipedia) 2.3. Inhaftierung - Das Ende des Krieges Die Forschungen an E 605 sind noch nicht abgeschlossen, da erreichen im März 1945 amerikanische Kampftruppen Leverkusen und inhaftieren Dr. Schrader, welcher für 2 Jahre in Schloß Kranzberg (Taunus) interniert wird. 2.4. Die Nachkriegsjahre Nach seiner Freilassung setzt Schrader seine Forschungen fort, nun beginnt er eine für den Menschen weniger toxischer aber für Insekten nachhaltigeres Pflanzenschutzmittel zu syntehtisieren. Während seiner Forschung erhält Schrader am 06. August 1947 die Offerte seine Untersuchungen in England fortzusetzen. Dieses Angebot lehnt er ab. Nach 2 Pfingsten (2003), S. 21. 3 Bilder E 605 7
  8. 8. weiteren 5 Jahren gelingt es der Forschungsgruppe schließlich im Februar 1952 Systox zur Marktreife zu entwickeln, welches weiterhin ähnlich toxisch für den Menschen ist, wie E605, jedoch nachhaltiger auf Insekten wirkt und den großen Vorteil hat, in die Pflanze aufgenommen zu werden. Mittels dieses Insektizides konnte erfolgreich der Reisstengel- bohrer in Japan bekämpft werden, was auch in der Presse große Beachtung fand.4 Abb. 5: Der Baumwoll-Kapselkäfer Erst 1954 gelang es das Insektizid Me- tasystox zu entwickeln, welches für den Mensch und ”Warmblüter / Säugetiere” als wenig gitfig galt. Metasystox wur- de sehr erfolgreich gegen den Baumwoll- Kapselkäfer (Siehe Abbildung 5) einge- setzt. Nach diesem durchbruch folgten vie- le weitere Pflanzenschutzmittel wie: • Diptesex • Gusathion • Folidol • u.a. 2.5. Ehrungen Schraders für Pflanzenschutz Nach diesen Erfolgen im Bereich der Er- nährung und des Pflanzenschutzes wurden Gerhard Schrader diverse Ehrungen zu teil: • 1951 - Silberne Ehrennadel des Bundesministeriums für Ernährung, Land- und Forstwirtschaft • 1955 - Otto Appel-Gedenkmünze • 1956 - Adolf von Bayer Medallie der Gesellschaft Deutscher Chemiker • 1959 - Verleihung des Titels Dr. agr. hc. durch die Universität Bonn • 1963 - Verleihung des Titels Dr vet. med. h.c. durch die Tierärztliche Hochschule Hannover • 1977 - Verleihung des Titels Dr. rer. nat. h.c. durch die Universität Braunschweig 4 Keller (18. Dezember 1952). 8
  9. 9. 2.6. kritische Würdigung der Forschung nach dem Krieg Neben diesen Ehrungen gab es auch durchaus kritische Stimmen zum Werk Gerhard Schraders und dessen Verwendung in der Welt. Nach dem Mauerbau 1986 behauptete der Mikrobiologe Dr. Ehrenfried Petcas, welcher sich in die DDR abgesetzt hatte, Schrader habe bereits in den 30er Jahren im Auftrage Hitlers erfolgreich an Giftgasen geforscht. Angeheizt durch den Kalten Krieg fanden diese Anschuldigungen anklang, welche in die DDR Dokumentation ”Bonn bereitet den Giftkrieg vor” gipfelten.5 Bis heute gilt Schrade als ’Vater der Nervenkampfstoffe”. Zu dieser Berühmtheit äußert er sich nicht, lediglich die Forschung ist wichtig für ihn. Auch als ein Bild von ihn in einem Aufsatz des Spiegels mit der Bildunterschrift ” Hier wird ungeheuerlich gearbeitet”6 erscheint äußert er sich nicht. Jedoch wissen seine Freunde: ”Schrader ist tief verletzt. Aber er verteidigt sich kaum; er war ein Mann des Labors, weniger ein Mann des Schreibtisches oder gar des Rednerpultes. An den hitzigen Streitgesprächen der Studenten über Kriegsschuld und Giftgase hat er sich nicht beteiligt.”(Pfingsten (2003), S. 27) Abbildung 6: Dr. Gerhard Schrader nach seiner Pensionierung 5 Der Spiegel (1969). 6 Hersh (1969). 9
  10. 10. 2.7. Ruhestand und Lebensabend Die Tür seines Büros schließt Gerhard Schrader im Jahre 1967 ein letzes Mal, jedoch schließen sich niemals ganz die Tore der Bayer Werke. Ein Labor steht ihm weiterhin zur Verfügung, so das er auch als Pensionär noch einige Patente anmeldet7. Im Oktober 1988 stirbt seine geliebte Frau Gertrud und im Januar 1989 überraschend eine seiner beiden Töchter an den Folgen eines Verkehrsunfalls. ”[...] ”Mit Würde und in Fassung” - so Hans Umbach - trägt Gerhard Schra- der sein Los. Sein Lebensmut ist gebrochen. Am 10. April 1990 ist Gerhard Schrader in seinem Haus in Cronenberg eingeschlafen; neben ihm liegt die Bibel, die ihm wichtiger war als alle Bücher der Chemie. 4 Tage später, an einem Ostersamstag, wird Gerhard Schrader auf dem kleinen Friedhof zu Wuppertal-Cronenberg neben seiner Frau und seiner Tochter zur letzen Ruhe gebettet. [...]” (Pfingsten (2003), S. 28) Abbildung 7: Grab der Familie Schrader in Wuppertal-Cronenberg 7 Im Register der Deutschen Patent und Markenregisters finden sich 926 Einträge zu dem Suchbegriff ”Dr. Gerhard Schrader” (Stand. 15.11.2011) 10
  11. 11. 3. Sarin Da es sich um den ”ersten Nervenkampfstoff” handelt, welcher nicht nur zufällig entdeckt worden ist, wird an dieser Stelle beispielhaft näher auf Sarin eingegangen. Abbildung 8: Strukturformel Sarin 3.1. Pathophysiologie ” Die Hemmung der Acetylcholinersterase (AChE) ist die wohl wichtigste Reaktion bei Vergiftungen durch Organophosphare. Neben der Bindung an Butyrylcholinesterase (Plasmapseudocholinesterase), die sich in Leber, Pla- ma, Herz, Gehrin und Pankres findet und deren physiologische Bedeutung unklar ist, binden Organophosphare an die Acetylcholinesterase, die beim Menschen auch im hohen Maß auf der Oberfläche der Erythrozyten vor- kommt. Diese scheint die Aktivität der neuronalen und muskulären AChE gut wiederzuspiegeln. Organophosphare binden an die alkoholische Gruppe eines Serin-Restes im aktiven Zentrum der AChE, so dass die Funktion des En- zyms gehemmt wird. Während durch Carbamat-Insektizide gehemmte AChE innerhalb von Minuten bis Stunden regeneriert wird, dauer die Spontanreakti- vierung der phosphorylierten AChE sehr viel länger, so dass unter funktionel- len Gesichtspunkten von einem irreversibel gehemmten Enzym ausgegangen werden muss [...]. Die Acetylcholinanhäufung führt zur Überstimmulation an cholinergen Rezeporen und damit letzlich zu einer Unterbrechung der synap- tischen Transmission des peripheren und zentralen Nervensystems [...] Davon sind die Endigungen der postganglionären cholinergen Nerven (muskarinerg), die vegetativen sympathischen und parasympathischen Ganglien (nikotinerg) und die motorische Endplatte (nikotinerg) sowie das Zentralnervensystem be- troffen.” (Eyer et al. (2004)) Die schädigenden Mechanismen des Sarins, wie auch der anderen Organophosphate beruhen auf deren Hemmung der Acetylcholinesterase. Durch eine Hemmung der Acetyl- 11
  12. 12. cholinesterase kommt es zu einer Überstimmulation der (Organ-)Muskeln, welche para- sympathisch inerviert sind. Durch diese Überstimmulation kommt es zu einer schlaffen Lähmung. Eine lethale Folge ist die Erschlaffung des Hauptatemmuskels, des Zwerch- fells (Diaphragma), mit einhergehendem Atemstillstand. Nach aktuellen Forschungen, welche versuchen bis zu einer Neubildung der Acetylcholinesterase eine Sauerstoffversor- gung mittels einer künstlichen Beatmung aufrechtzuerhalten, kommt es im Folgenden zu tödlichen Krampfanfällen. Die pathophysiologischen Vorgänge sind jedoch bis heute weitgehend unbekannt. 3.2. Symptome Weitere klinische Symptome werden als Cholingerges-Syndrom beschrieben. Hierbei han- delt es sich um parasymphatisch imponierte Beschwerden, welche sich in nicotinerge und muscarine Symptome einteilen lassenWalter (2003).Die Symptome können anhand der Akronyme SLUDGE - MTWHF hergeleitet werden: Bei den muskarinen Sympthomen (SLUDGE) handelt es sich um: • Salivation - Vermehrter Speichefluss • Lacrimation - Tränenfluss • Urination - Urinfluss • Defecation - Defäkation • Gastroenteritis - Beschwerden des Magen-Darm-Traktes / Diarrhö • Emesis - Überkeit / Erbrechen Die nikotinergen Sympthomen (MTWHF) sind: • Mydriasis - kleine Pupillen (Stecknadelkopfgroß) • Tachycardia - Tachikardie (schneller Herzschlag) • Weakness - Schwäche • Hypertension - Hypertonie (hoher Blutrduck) • Fasciculation - (Gesichtsmuskel)Zittern Neben diesen Symptomen sind je nach aufgenommener Dosis weitere Beschwerden möglich. So berichteten die meisten Patienten des Tokioter Sarin-Anschlages über Schwin- del, Übelkeit und Kopfschmerzen8 8 Walter (2003). 12
  13. 13. 3.3. Therapie Die Therapie der aktuen Sarin-Vergiftung folgt grundsäztlich einem ABCDE-Schema9: • Alter Absorption / Administer Antidote • Basics • Change Catabolysm • Disturbe Differently • Enhance Elimination Hierbei handelt es sich um ein standardisiertes Vorgehen bei Vergiftungen mit mögli- cherweise unbekannten Toxinen. 3.4. Alter Absorption - Aufnahme unterbinden Nach Paracelsus und der Haberschen Relgel ist eine Unterbindung der weiteren Gift- aufnahme primär zu erzielen.10 Hierzu ist nach einer Rettung aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich eine Dekontamination zu erwägen. Bei diesen Überlegungen ist, falls bekannt, der Aggregatzustand des Gefahrstoffes miteinzubeziehen.11 Sollten Unklarhei- ten bestehen, ist im Zweifel eine Dekontamination durchzuführen. Ist die Entscheidung für eine Dekontamination getroffen, so ist ein Dekontaminationsmittel und -verfahren auszuwählen. Im Falle von Sarin ist eine milde Seifenlösung das Mittel der Wahl Für eine Personendekontamination. Chlorkalk ist geeignet für die Dekontamination von Ge- genständen und Orten, da Sarin in alkalischem Milieu schnell hydrolisiert und hierdurch inaktiviert wird. 3.5. Administer Antidote - Antidot(e) verabreichen Bei der Antidotgabe sind zwei Dinge zu berücksichtigen einerseits muss aggresiv das Cholinerge-Syndrom therapiert und die Vitalfunktionen erhalten werden, andereseits ist dem ”Altern” des Sarin-AChE Komplexes mittels eines Oxims zu begegnen. 3.5.1. Atropin Es wird eine symptomatische Therapie mit Atropin durchgeführt. Atropin wirkt als Pa- rasympatoholytikum, also antagonistisch an parasympathisch inervierten Organgen. Die Atropin Dosierung sollte sich an einer vorhandenen Klinik orientieren. Empfohlen wird eine initiale Dosis von 2-3 mg i.v. und eine weitere Auftitration um 1-2 mg alle 5 Minuten 9 Walter (2003), S.305 ff... 10 Reichl (2009). 11 Bei rein gasförmigen Kontaminationen ist eine Dekontamination nicht nötig. Hier darf jedoch nicht die Möglichkeit einer Ausbringung als Aerosol etc. vergessen werden. 13
  14. 14. bis zur Symptomfreiheit. Eine Überdosierung des Antidotes Atropin kann zu schweren Komplikationen führen, welche den Outcome negative beeinflussen.1213 3.5.2. Oxim Neben der Sympthomatischen Therapie ist ebenfalls eine kausale Therapie einzuleiten. So sollte möglichst führzeitig mit einer Oxim-Therapie begonnen werden. ” Während Atropin die Acetylcholinwirkung an den muskarin-sinsiblen Re- zeptoren kompetitiv antagonisieren kann, versagt es in therapeutisch mögli- chen Konzentrationen an der neuromuskulären Endplatte. Hiergegen hat man versucht, durch die kausal wirkenden Oxime [...] rechtzeitig die hejemmte Acetylcholinesterase zu reaktivieren, bevor eine irreversible Hemmung durch Abspaltung einer Alkoxygruppe vom phosphorylierten Enzym eintritt [...]” ( Eyer et al. (2004), S.327 ) Abbildung 9: Strukturformel Oxim Die Gruppe der Oxime ist beschrieben durch ihre C-N-OH Gruppe14. Durch die ein- gesetzen Oxime kommt es zu einer Umphosphorylierung der Cholinesterase. Ein Über- lebensvorteil für Patienten mit Oxim-Therapie konnte nachgewiesen werden1516. Jedoch fehlt bis heute der Nachweise, welches der verwendeten Oxime am besten geeignet ist. Derzeit gibt es drei gebräuchliche Oxim-Antidote17: • Obidoximchlorid • Pralidoxim • HI6 Obidoximchlorid ist in Deutschland unter dem Handelsnamen Toxogonin als Antidot gegen Vergiftungen mit Organophosphaten unter der Zulassungsnummer 6102841.00.00 vefügbar18. Empfohlen wird eine Initaldosis für Erwachsene von 1 Ampulle (250 mg), sowie 4-8 mg/kg Körpergewicht für Kinder. Dieser Intitaldosis soll eine Erhaltungsappli- kation von 750 mg über 24h bei Erwachsenen und 10 mg pro kg KG folgen. 12 Hermanns-Clausen/Stedtler (2010). 13 Walter (2003). 14 Clayden et al. (2001). 15 Kassa/Kunesova (2006). 16 Thompson et al. (1987). 17 Becker/Kawan/Szinicz (1997). 18 Merck (01.06.2011). 14
  15. 15. 2-PAM Pralidoxim wird seit 1956 als Antidot verwendet. Und ist dem Obidoxim bei Sarinvergiftungen überlegen. Hi-6 Weder Obidoxim noch Pralidoxim sind Blut-Hirn-Schranke-gängig und relativ in- nefektiv bei einer Soman-Vergiftung, so dass 1992 durch Hagedorn Forschungen nach einem neuen Antidot aufgenommen wurden. Ebenfalls wurde bei Versuchen festgestellt, das intubierte und beatmete Patienten, welche nicht frühzeitig mit einem Oxim behandelt wurden, an den Folgen von nicht terminierbaren cerebralen Krampfanfällen verstarben. Aus diesem Grund kam es zur Entwicklung einer neuen Gruppe von Antidoten auf Oxim Basis, den H-Oximen, welche Blut-Hirn-Schranke-gängig sein sollten.1920 3.5.3. Antidotkits - Autoinjektoren Abbildung 10: Autoinjektor Mark 1 Aufgrund der hohen Toxizität und teilweise sehr kurzen Alterungszeiten besteht bei kriegerischen Auseinandersetzungen die Notwendigkeit einer schnellen kameradschaftli- chen Hilfe. Zu diesem Zweck gehört zur Austattung des deutschen (und NATO) Soldaten ein Autoinjektor zur Verwendung nach Angriffen mit chemischen Kampfstoffen. Diese Au- 19 Becker/Kawan/Szinicz (1997). 20 Kassa/Bajgar (1998). 15
  16. 16. toinjektoren enthalten Atropin und ein Oxim 21. Ebenfalls sollen solche Autoinjektoren für den Bereich des Katastrophenschutzes in Deutschland angeschafft werden. Name Synonym ”Alterungs” - Halbwertszeit Soman GD ca. 2 Minuten Sarin GB ca. 5 Stunden Tabun GA mehr als 40 Stunden VX - mehr als 40 Stunden 3.6. Basics Wie bei jeder anderen Vergiftung retten qualitativ hochwertige Basismaßanhmen mehr Menschen als jedes Antidot.22 Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Beachtung der eigenen Sicherheit des Ersthelfers. Selbst bei einer reinen Gaskontamination kann es zu weiteren Vergifteten unter den Helfern kommen, wie dies in Tokio bereits geschah. Wei- terhin sind die Vitalfunktionen zu sichern und Verletze / Kontaminierte schnellstmöglich einer profesionellen Hilfe zukommen zu lassen. 3.7. Change Catabolysm Leider ist dieses Prinzip bei dieser Vergiftung nicht anwendbar. Es besteht nach aktuellem Stand der Wissenschaft keine Möglichkeit den Katabolismus des Stoffes so zu ändern, das ein ungiftiger oder zumindest weniger giftiger Metabolit entsteht. 3.8. Disturb Differently Auch die Umverteilung des Stoffes im Körper ist derzeit nicht anwendbar. Ein Beispiel für ein Vorgehen nach diesem Grundsatz, ist die Thearpie mittels Ethanol bei einer Methanol-Vergiftung. 3.9. Enhance Elimination Die Hämodialyse wurde im Zusammenhang mit Organophosphat-Vergiftungen häufig diskutiert. Bis heute konnt jedoch kein Nutzen nachgewiesen werden23, so dass auch eine Beschleunigung der Ausscheidung nicht anwendbar ist. 21 In dem deutschen und NATO Kits wird Obidoxim verwendet. Im amerikanischen Kit ist Pralidoxim enthalten. 22 Walter (2003). 23 Holstege/Dobmeier (2005). 16
  17. 17. 4. Das Erbe Schraders Neben Sarin entsprangen der Forschung Scharder weitere Orpanophosphate. Weitere wichtige ”Verwandte” sind das militärisch verwedete Tabun, sowie die Pflanzenschutz- mittel Parathion - E605 , Systox und Metasystox 4.1. Tabun Tabun war bereits vor der ersten Sarin-Synthese durch Schrader bekannt, es wurde zu- fällig durch einen Unfall Schraders entdeckt. Nach seiner Weiterentwicklung durch das Deutsche Militärs begann die Geschichte der Nervenkampfstoffe. Abbildung 11: Synthese von Tabun 4.1.1. chemische Kampfstoffe während dem ersten Weltkrieg Chemische Kampfstoffe sind keine Entwicklung des ersten Weltkrieges, bereits lange vor dem ersten Weltkrieg kam es zum Einsatz von Phosphor, um den Gegner zu schädigen und töten. Jedoch wurden im 20. Jahrhundert erstmals chemische Kampfstoffe im großen Maß von Bedeutung. Die eingesetzen Stoffe wurde bereits in der chemischen Industrie eingesetzt. Der Umgang mit den Stoffen war geübt, die Synthesevorgänge bekannt und häufig durchgeführt. Gase wie Arsenwasserstoff, Chlor, Cyanwasserstoff oder Phosgen waren in dieser Zeit für die damals noch „junge chemische Kriegsführung“ von großer Wichtigkeit. Jedoch bestanden bei der chemischen Kriegsführung weiterhin große Pro- bleme. Die Stoffe waren bekannt und gut verfügbar, jedoch mangelte es an Kenntnissen über eine möglichst effiktiven Ausbringung. Freigesetzte Gase konnte sich schnell gegen die eigenen Reihen wenden, sobald der Wind drehte und die Gaswolke in die eigenen Stellungen wehte. Andereseits war das Gas nicht sesshaft genug und verflüchtigte sich schnell. Später versuchte man diese Probleme durch die Verwendung von Flüssigkeiten zu lösen. Diese wurden als Aerosole versprüht und hatte somit den Vorteil, dass sie am Boden aber auch an Personen selbst haften blieben. Gelangte solch ein Stoff auf die ungeschützte 17
  18. 18. Haut eines Menschen diffundierte dieser durch sie hindurch in die Blutbahn und wurde so schnell im ganzen Organismus verteilt. Gegen diese Stoffe konnten auch die damaligen Gasmasken keinen ausreichenden Schutz bieten, nur ein Ganzkörperschutzanzug stellte einen ausreichenden Schutz dar. „Ich verstehe die Zimperlichkeit bezüglich des Einsatzes von Gas nicht. Ich bin sehr dafür, Giftgas gegen unzivilisierte Stämme einzusetzen“, ließ er verlauten. Das eingesetzte Gas müsse ja nicht tödlich sein, sondern nur „große Schmerzen hervorrufen und einen umfassenden Terror verbreiten“. Winston Churchill (Gellermann (1986)) Die Verwendung von chemischen Waffen erregte die ganze Welt. Zwar war schon vor dem Ersten Weltkrieg deren Einsatz durch die Haager Landkriegsordnung geächtet, de- ren Formulierung bot jedoch ausreichend Spielraum zu verschiedenen Auslegungen, so dass der Einsatz von Giftgas nicht eindeutig verboten war. Angesichts der Gräueltaten des Ersten Weltkrieges wurde 1925 im Genfer Protokoll die Anwendung von Giftgasen und bakteriologischen Mitteln ausdrücklich verboten. Die USA traten diesem Vertrag allerdings erst am 10. April 1975 bei.24 4.1.2. Der Zweite Weltkrieg Während des Zweiten Weltkrieges fand dieses Protokoll, chemische und biologische Waf- fen zur Kriegsführung einzusetzen, nur auf dem europäischen Kriegsschauplatz Beach- tung. Hier versuchte man sich lediglich durch die Androhungen der Verwendung von chemischen Waffen gegenseitig einzuschüchtern.25 Die einzige Nation, die während des Zweiten Weltkrieges chemische Waffen einsetzte, war das Kaiserreich Japan. Sie setzten sie zusammen mit biologischen Waffen in China sowohl gegen chinesische Truppen als auch zur gezielten Massentötung von Zivilisten ein.26 Deutschland hatte Ende der dreißiger Jahre als erste Nation die großtechnische (in- dustrielle) Produktion von Nervengasen entwickelt, war also als einzige Kriegspartei zur Herstellung von Nervengasen im Kilogramm- und Tonnenbereich in der Lage. Dieser Umstand, gekoppelt mit der Verfügbarkeit modernster Trägersysteme wie der V-2 Ra- kete, hätte die politische Führung in die Lage versetzt, einen strategischen Gaskrieg zu entfesseln, der unter Umständen von der Tragweite her ähnlich gravierend hätte sein können wie die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Zu einem Gaskrieg kam es glücklicherweise nicht, dennoch wurden in Deutschland chemische Kampfstoffe massenweise in den Gaskammern der deutschen Vernichtungslager eingesetzt. Hier wur- den viele Opfer des Holocaust mit dem blausäurehaltigen Insektizid Zyklon B und mit Motorabgasen (Kohlenstoffmonoxid) ermordet. 24 International Committee of Red Cross (1925). 25 Harris/Paxman (1985). 26 André Kunz (26.08.2002). 18
  19. 19. 4.1.3. Iran / Irak 1980, setzte die irakische Armee zu Beginn des ersten Golfkriegs auf Weisung Saddam Husseins chemische Waffen gegen den Iran ein. So warf die irakische Luftwaffe bereits 1980 speziell dafür entwickelte Kanister mit Sarin über iranischen Stellungen ab. Be- kanntheit erlangte der Giftgasangriff auf die Fernverkehrsstraße am 9. August 1983 in Rawanduz–Piranshahr.27 Während des Golfkriegs wurden insgesamt ca. 100.000 iranische Soldaten Opfer von Gasangriffen, meist durch Senfgas. Da Giftgas während der Kämpfe auch auf Stellungen und Posten abgeworfen wurde, die sich in oder um Dörfer befanden und deren Einwohner keine Möglichkeit hatten sich gegen die Gase zu schützen, gab es auch unter der Zivil- bevölkerung sehr viele Opfer. Außerdem wurden durch den Einsatz verschiedener Gase Gebiete mit gefährlichen chemischen Schadstoffen kontaminiert. Der Irak setzte chemische Waffen auch gezielt ein, um Zivilisten zu töten. Tausende wurden bei Giftgasangriffen auf Dörfer, Städte und Frontkrankenhäuser getötet. Bekann- testes Beispiel ist der Giftgasangriff auf Halabdscha am 16. März 1988, bei dem etwa 5000 irakische Kurden getötet und 7000 bis 10.000 so schwer verletzt wurden, dass viele von ihnen später starben. Die irakischen Streitkräfte setzten mehrere verschiedene Gase gleichzeitig ein. Dazu gehören Nervengase wie Tabun, Sarin und möglicherweise VX aber auch Senfgas und ein Zyanidkampfstoff. 27 Fürtig (1992). 19
  20. 20. 4.1.4. Tokyo Abb. 12: Shoko Asahara (Quelle: TIME Magazine) Nevenkampfstoffe sind nicht nur von Interesse im inter- oder innerstaatlichen Konflikt sondern auch für terro- ristische Gruppen. Galt lange das Dogma, dass terrori- stiche Einheiten nicht in der Lage sein würden Chemi- sche Kampfstoffe herstellen und einsetzen zu können28, musste man am 20. März 1995 umdenken. An diesem Tag bestiegen fünf Anhänger der Aum Sekte29 bestückt mit kleinen mit Sarin gefüllten Plastikbeuteln die Tokio- ter U-Bahn während des Berufsverkehrs. Diese Plastik- beutel wurden auf dem Boden deponiert und mit Re- genschirmspitzen geöffnet. Dieser Anschlag forderte 12 Tote. Über 5000 Personen wurden verletzt.30 Wie spä- ter festgestellt werden konnte handelte es sich bei die- sem Anschlag nur um den medienwirksamsten letzten Akt. Bereits seit 1990 betrieb die Sekte ein groß ange- legtes Forschungsprojekt zur Hestellung eigener biologi- scher und chemischer Waffen. Ein erster Sarin Anschlag erfolgte am 27. Juni 1994 in Matsumoto. Es starben 7 Menschen und über 58 weitere wurden verletzt.31 Le- diglich die Ungeduld des damaligen Sektenführers Shoko Asahara sorgte dafür, dass keine wesentlich größere Zahl an Toten zu beklagen war. So wäre die Sekte mit Hilfe ihres ”Wissenschaftsministers” Hideo Murai in der Lage gewesen reineres Sarin zu produzieren und es effizienter zu verteilen. 4.2. Parathion - E605 Neben dieser militärischen oder terroristischen Verwendung der Erfindung Schraders fand seine Erfindung auch große Verwendung als hochpotente Pflanzenschutzmittel3233, als welches es ursprünglich entwickelt wurde. Doch auch bei diesen zivilen Produkten gab es neben dem imensen Nutzen Schattenseiten. So erlangte E605 eine traurige Berühmtheit als Mittel zum Suizid. Innerhalb kurzer Zeit lösste es das damals für den Freitod häufig verwendeten ”Schlafmittel” ab.34 Jedoch stieg nicht wie zunächst die Anzahl der Suizide, es kam lediglich zu einer starken Verlagerung der Todesarten. Einige Autoren befürchteten bereits, dass es durch ein nun sehr leichtes Verfahren für den eigenen Tod zu einer Selbstmordpsychose gekommen sei.35 28 Kelle/Schaper (2001). 29 Õmu Shinriky¯o 30 Murakami (2002). 31 Murakami (2002). 32 Diggle/Gage (1951). 33 DIGGLE/Gage (1951). 34 Maresch (1957). 35 Maresch (1957), S.5. 20
  21. 21. Abbildung 13: Sarin Anschlag in Tokio (Quelle: Vlka.cz) 21
  22. 22. Neben diesen Freitoden wurde auch über einige tödliche Unfälle mit Parathion berich- tet. Einer der berühmtesten Unfäll ist der Tod von 24 Kindern in Peru. Ihre Schulmilch wurde versehentlich nicht mit Milchpulver sondern E-605-Pulver versetzt. Neben diesen Unfällen gelangte Parathion auch im Zusammenhang mit Morden in die Presse. In Zusammenhang mit der als ”Giftmörderin” bezeichneten Christa Lehmann ge- langte E-605 im Jahr 1954 in die Schlagzeilen der Tagespresse. Christa Lehmann tötete zunächst ihren Mann und dann ihren Schwiegervater, indem sie Ihnen das Pflanzenschutz- mittel ins Essen gab. Die Todesursache des Mannes wurde angegeben als Durchbruch eines Magengeschwürs. Für einen bekannten Alkoholiker durchaus plausibel. Die Todes- ursache des Schwiegervaters lautete Kreislaufzusammenbruch nach Fahrradfahren. Erst als die Mutter einer Freundin bei dieser Anhäufung an Todesfällen mißtrauisch wurde, machte Christa Lehmann einen entscheidenen Fehler. Sie präparierte eine Pralline mit E605 und nahm diese mit zu ihrer Freundin. Sich selbst und ihrer Freundin gab sie die nicht präparierten Prallinen. Die Mutter der Freundin erhielt die tödliche Süßigkeit. Da das potentielle Opfer jedoch diese Praline nicht essen wollte, verwahrte sie die tod- bringnde Süßware in ihrer Küche auf. Am nächsten Tag nahm ihre anhungslose Tochter die Pralinie und teilte diese mit dem Familienhund. Als die Mutter in die Küche kam waren sowohl ihre Tochter als auch ihr Hund tot. Die folgende Obduktion überführte die Mörderin, welche im Folgenden auch die andern Morde gestand. Am 22. September 1954 wurde sie in Mainz zu einer dreimal lebenslänglichen Haft verurteilt.3637 Abbildung 14: Silverstone Bonnekamp (Quelle: Imie Tomek) 36 Klee (1995). 37 Klee (1977). 22
  23. 23. Ein weiterer spektakulärer Fall begab sich im Jahre 1972. In welchem ein unbekann- ter Täter an Prominente und Wohlhabende besondere Weihnachtspräsente versendete. So waren die als Weihnachtsgeschenke übergebene Fläschchen ”Silverstone”-Boonnekamp mit E605 versetzt. Das Besondere an dieser Anschlagsserie ist, dass bei nahezu allen Fäl- len nicht das vermeintliche Anschlagsziel vergiftet wurde. Der erste bekanntgewordene Fall ist der des Dieter Wagner, welcher Anfang des Jahres 1972 bei einem Treffen mit Da- gobert Lindau vergiftet wurde. Nach seinem Treffen mit Lindau zeigte Wagner plötzlich Vergiftungszeichen und verstarb kurze Zeit später. Es konnte nachgewiesen werden, dass Wagner sich sein Vergiftung an einer zum Abschlied getrunkenen Flasche Bonnekamp zu- gezogen hatte. Diese Flasche war eigentlich der Ärztin Dr. Ursula Schmidt-Tintemann, der Lebensgefährtin Dieter Wagners, als Weihnachtsgeschenk übergeben worden. Diese Anschlasserie währe fast nicht entdeckt worden, da der Tod des jungen Dieter Wagner zunächst als Herzinfarkt abgetan wurde.38 Abbildung 15: Strukturformel E-605 4.3. Systox Das 1952 marktreife Systox Diäthylthionophosphorsäureester, welches wegen seiner Be- schaffenheit weniger toxisch war, wurde nicht durch seine Verwendung als Gift berühmt. Die Besonderheit dieses Mittels war sein schnelles Eindringen in die Pflanze und so ein Schutz ”von Innen”. Es musste also nicht wie E605 immer wieder von aussen aufgebracht werden sondern wurde lediglich bis zu Sättigung angegossen. Durch diese neue Handha- bung kam es zu weniger Vergiftungen als bei E605.39 Abbildung 16: Strukturformel Systox 38 Der Spiegel (1972). 39 Naeve (1955). 23
  24. 24. 4.4. Metasystox Die Markteinführung von Metasystox erfolgte 1960. Durch die Verwendung von Sulfoxi- den konnte die Toxizität für den Menschen wesentlich gesenkt werden. Abbildung 17: Strukturformel MetaSystox 4.5. Heutige Verwendung der Pflanzenschutzmittel Von der Food and Agricultural Organization of the United Nations (FAO) werden sowohl Parathion als auch Methy-Parathion als sehr gefährliche Pestizide eingestuft und von de- ren Verwendung abgeraten40. Am 15. September 2011 hat Bayer offiziell verkündet, dass die Produktion der partahionhaltigen oder änlichen Pflanzenschutzmittel 2012 einstellt. Nach Konzernangaben gibt es inzwischen genügend ungefährlichere Alternativen.41. Bei dem bisherigen Absatzgebiet handelte es sich um die USA, Südamerika und Afrika. In der Europäischen Gemeinschaft sind Parathion und ähnliche Pestizide seit dem 09. Ju- li 2001 verboten.42 Nicht zu vernachlässigen sind allerdings die immer noch vorhanden Restbestände. 40 Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO). 41 Bayer CropScience (15. September 2011). 42 Kommision der Euopäischen Gemeinschaft. 24
  25. 25. 5. Ethische Aspekte Schraders Arbeit 5.1. Pestizide und chemische Kampfstoffe Auch wenn das Bestreben eines Forschers nobel ist, so können Entwicklungen immer auch missbraucht werden. Nach seiner Entdeckung einer der gefährlichsten Kampstoffe, etwickelte Schrader viele weitere Pflanzenschutzmittel, welche insbesondere in strucktu- rellschwächeren Regionen eine Verbesserung der Ernährungssituation darstellten. Anders als LOST, welches als Kampfstoff entwickelt wurde, entdeckte Schrader Tabun zufällig und versuchte fortwährend es weniger giftig für den Menschen zu machen. Wenngleich Tabun und Soman schon lange verboten sind, werden seine Pflanzenschutzmittel doch bis 2012 produziert und weiterhin eingesetzt. Ausserdem bildeten Sie die Grundlage für viele weiterentwicklungen. 5.2. Terrorismus Wie der Anschlag der Aum-Sekte43 zeigt, sind Anschläge mit chemischen Kampfstoffen möglich. Syntheseverfahren von chemischen Kampfstoffen sind verfügbar und mit Kent- nissen der präparativen Chemie gut nachvollziehbar. Weiterhin gibt es diverse Möglichkei- ten der Ausbringung. Gegenüber konventionellen Waffen und unkonventionellen Spreng und Brandvorrichtungen besteht jedoch eine geringere Effizienz. Lediglich bei einer An- häufung von vielen Personen könnte eine große Menschenmenge getötet werden. Nicht zu vernachlässigen ist jedoch der psychologische Aspekt einer Freisetzung von Nervenkampf- stoffen. Auch ist im Vergleich zu nuklearen, radiologischen oder biologischen Waffen ist der Umgang wesentlich sicherer. Binäre Kampfstoffe sind ohne die große Gefahr einer Infektion oder Aufnahme einer hohen Strahlendosis, wie bei biologischen oder radiolo- gischen Waffen, sicher zu transportieren. Duale Kampfstoffe sind leicht zu beschaffen. Diesen Tatsachen geschuldet hat sich die ehemalige Bezeichnung ABC-Waffen gewandelt in CBRN(E)-Stoffe. Die Abkürzung steht für chemisch, biologisch, radiologisch, nukle- ar und explosiv. Einerseits wurde hier getrennt nach radiologischen (z.B. ”Dirty-Bomb’) und nuklearen (z.B. taktischer Sprengkörper) Stoffen und andererseits wurde eine neue Gewichtung der Gefährdung vorgenommen. War nach damaligen Erkenntnissen während des Kalten Krieges der Einsatz einer Atombombe die größte Gefahr geht man nun davon aus, dass der Einsatz eines chemischen Stoffes am wahrscheinlichsten ist. 5.2.1. Herstellung chemischer Kampfstoffe durch Terroristen Um chemische Kampfstoffe herstellen zu können, wird ein ”Rezept”, ein entsprechend ausgestattetes Labor, Zugang zu diversen Ausgangsmaterialien und entsprechend aus- gebildetes Personal benötigt. Obwohl die Herstellungsverfahren von chemischen Kampf- stoffen gut bekannt und relativ frei verfügbar sind, ist deren Herstellung recht komplex, und nahezu unmöglich für Personen ohne gute (auch praktische) Chemiekenntnisse. Ein weiteres Problem ist die Verfügbarkeit der Ausgangsmaterialien. Diese sind meist nicht 43 siehe auch Abschnitt 4.1.4 25
  26. 26. immer frei verfügbar, so dass diese auch teilweise selbst hergestellt werden müssen. Um „high-end“ Kampfstoffe herzustellen, benötigt man eine entsprechende Laborausstattung. Es ist aber davon auszugehen, dass es (wie bei der Drogenherstellung) möglich ist ein illegales Labor einzurichten. Desweiteren werden Apparate zum Ausbringen der Stoffe benötigt. Sind diese nicht „ausgereift“ wird kein maximaler Effekt erzielt.44 ”[...] The Aum Shinrikyo cult in Japan is a perfect example, as they were a group with millions of dollars in assets and full chemical and biological lab and production facilities. [...] They used sarin nerve agent twice, the first ti- me in Matsumoto, Japan, in which seven people were killed and 200 injured. The dissemination method used in Matsumoto attack was much more effec- tive than the one used in Tokyo subway attack.”(Hawley/Walter (2008), Chapter 7) 5.2.2. Binäre Kampfstoffe ”Aus Gründen der Lagerungs- und Transport- und Handhabungssicherheit und ggf. der einfacheren Vernichtung wurden Kampfstoffwaffen entwickelt (USA seit 1987), die nicht den Kampfstoff selbst, sondern dessen weniger toxische Vorläufer enthalten, aus denen erst im Einsatz durch eine chemische Reaktion der eigentliche Kampfstoff entsteht [...]” (Schäfer (2003), S.15) In die Entwicklung binärer Kampfstoffe wurde viel Zeit investiert, da sie taktisch wert- voll sind. Die Möglichkeit der eigenen Verluste durch falsche Handhabung sind minimal und die Handhabung kann durch einfache Soldaten erfolgen. Es ist nicht erforderlich das hoch qualifiziertes Personal in unmittelbarer Nähe des Kampfstoffes ist um diesen auszubringen und zu transportieren. Ein Beispiel für einen binären ausführbaren Kampfstoff ist Sarin. Abbildung 18: Sarin als Binärer-Kampfstoff 44 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 26
  27. 27. 5.2.3. Duale Chemikalien Eine Gefahr durch chemische Kampfstoffe steht in der teilweise leichten Beschaffbarkeit der Grundsubstanzen, da Grundstoffe meist legal zivile Verwendung haben. Der beste Kampfstoff ist der, der auch in Kriegszeiten einer hohen Verfügbarkeit unterliegt. Um eine hohe Verfügbarkeit sicherzustellen haben sich Kampfstoffe durchgesetzt, welche mit- tels gebräuchlicher Syntheseverfahen hergestellt werden. Weiterhin sollten sie möglichst aus gebräuchlichen Grundstoffen hergestellt werden können, da hier von einer hohen Kompetenz der Produzenten ausgegangen werden kann. 27
  28. 28. Anhang Literatur André Kunz (26.08.2002): Tötungsfabrik ”Einheit 731”. die Tageszeitung 2002. Bayer CropScience (15. September 2011): Bayer CropScience wird verbliebende Formulierungen der WHO-Klasse 1 bis Ende 2012 auslaufen lassen. Monheim. Becker, G./Kawan, A./Szinicz, L. (1997): Direct reaction of oximes with sarin, soman, or tabun in vitro. Archives of Toxicology, 71, Nr. 11, 714–718, ISSN 0340– 5761. Clayden, Jonathan et al. (2001): Organic chemistry. Oxford: Oxford University Press, ISBN 9780198503460. Der Spiegel (1969): Um Gottes willen, wir kommen in Teufels Küche. Der Spiegel, Nr. 49, 154–162. Der Spiegel (1972): Aus der Ferne. Der Spiegel, Nr. 25, 77. Diggle, M. W./Gage, J. C. (1951): Cholinesterase Inhibition in vitro by 00- Dietyhl 0-p-nitrophenyl Thiophosphate (Parathion, E 605). Nature, 49, 491–494, ISSN 0028–0836. DIGGLE, W. M./Gage, J. C. (1951): Cholinesterase Inhibition by Parathion in vivo. Nature, 168, Nr. 4284, 998, ISSN 0028–0836. Eyer, F. et al. (2004): Aktuelle Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie von Ver- giftungen mit insektiziden Organophosphaten. Intensivmedizin und Notfallmedizin 41, Nr. 5, ISSN 0175–3851. Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO): Protecting human health and the environment: A guide to the Rotterdam Conven- tion on hazardous chemicals and pesticides. No address in. Fürtig, Henner (1992): Der irakisch-iranische Krieg 1980-1988: Ursachen, Verlauf, Folgen. Berlin: Akademie Verlag, ISBN 3–05–001905–0. Gellermann, Günther W. (1986): Der Krieg, der nicht stattfand: Möglichkeiten, Überlegungen und Entscheidungen der deutschen Obersten Führung zur Verwen- dung chemischer Kampfstoffe im 2. Weltkrieg. Koblenz: Bernard & Graefe, ISBN 3763758046. Harris, Robert/Paxman, Jeremy (1985): Eine höhere Form des Tötens: D. unbe- kannte Geschichte d. B- u. C-Waffen. Von d. Autoren aktualisierte Ausg. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag, ISBN 3423103728. 28
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  31. 31. A. Abbildungsverzeichnis Abbildungsverzeichnis 1. Elise und Heinrich Schrader . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2. Der Studen Gerhard Schrader (Wintersemester 1926/27 . . . . . . . . . . 4 3. Dr. Gerhard Schrader mit seinem Mitarbeiter Kurt Küppers . . . . . . . . 5 4. E 605 forte (Quelle: Wikipedia) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 5. Der Baumwoll-Kapselkäfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 6. Dr. Gerhard Schrader nach seiner Pensionierung . . . . . . . . . . . . . . . 9 7. Grab der Familie Schrader in Wuppertal-Cronenberg . . . . . . . . . . . . 10 8. Strukturformel Sarin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 9. Strukturformel Oxim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 10. Autoinjektor Mark 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 11. Synthese von Tabun . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 12. Shoko Asahara (Quelle: TIME Magazine) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 13. Sarin Anschlag in Tokio (Quelle: Vlka.cz) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 14. Silverstone Bonnekamp (Quelle: Imie Tomek) . . . . . . . . . . . . . . . . 22 15. Strukturformel E-605 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 16. Strukturformel Systox . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 17. Strukturformel MetaSystox . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 18. Sarin als Binärer-Kampfstoff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 31

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