2011_RM Soziale Verantwortung_Circus Maximus

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2011_RM Soziale Verantwortung_Circus Maximus

  1. 1. 30 Risk Management Circus Maximus Wenn hölzerne Räder und rundes Leder über (Finanz)- Krisen hinwegtrösten… Tauscht man die Tunika gegen das Trikot und bei dieser Gelegenheit auch gleich den Wagenlenker gegen den Fussball- spieler, so zeigen sich erstaunlich viele Parallelen zwischen der Spiel- begeisterung des antiken Roms und dem heutigen Fussball- fieber. Gehen wir das Risiko eines Vergleichs ein. Sinéad Graham
  2. 2. 31 W er soziale Unruhen vermeiden will, muss das Volk zufriedenstel- len. Eine Weisheit, die nicht nur die römischen Kaiser beherzigten. Gerade im Zeitalter globaler Vernetztheit sind Um- stürze manchmal nur ein Tweet entfernt. Dass Massenunterhaltung äusserst wirksam zur Beruhigung der Gemüter sein kann, hatte sich schon zu den frühen Anfängen Roms gezeigt. Romulus, der Stadtgründer Roms, hatte die ersten Wagenrennen abge- halten, um die Töchter und Schwestern der geladenen Sarden, welche das Rennen ge- bannt verfolgten, entführen zu können. Was aus Gründen eines gravierenden Frauen- mangels entstanden war, etablierte sich bis in unsere Zeit als wirkungsvolle Krisenab- wehrstrategie. Da können Pläne zur Stabili- sierung der Wirtschaft von noch so akade- misch-brillanter Komplexität sein, die Wirkung einer Fussballweltmeisterschaft bleibt ihnen verwehrt. Nichts bekämpft Krisenstimmung besser als die halsbrecheri- schen Wendemanöver der Wagenlenker, begleitet von einem nervösen Raunen der Menge. Vergleichbar sind nur die Jubel- schreie kreischender Fussballfans, wenn ein Tor geschossen wird. Ein «jeder» Römer liebt den Circus Auf dem Markt in den Strassen, angeb- lich sogar im Senat (wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand) vermochte kein ande- res Thema zu lebhafteren Diskussionen anregen als die Wagenrennen des Circus Maximus. Die Eingänge des Circus waren schon in den frühsten Morgenstunden von Tausenden von Fans belagert, denn der Eintritt war zwar frei, allerdings dement- sprechend schwer umkämpft. Wer sich erst einmal in den Circus gedrängt hatte, dem standen, zusammen mit rund 250 000 Circusbegeisterten, mindestens 24 Stunden purer Rennspass bevor. Der Spieltag begann mit einer pompösen Eröffnungsparade. Sie war den Göttern gewidmet, bot aber auch dem Veranstalter die Möglichkeit, sich laut- stark bejubeln zu lassen. Allerdings war sie eine äusserst seriöse Angelegenheit, die beim kleinsten Fehler komplett wiederholt wurde. Mit dem Start des ersten Rennens stieg der Lärmpegel ins Unermessliche. Ein Getöse, das alle Ferngebliebenen daran erinnerte, was ihnen entging. Doch nicht ganz Rom war vom Circus begeistert, es gab durchaus Kritiker die auf die Circusmanie ihrer Mit- menschen schimpften. Besonders Kirchen- väter hatten Grund zur Abneigung, war der Circus schliesslich heidnischer Brauch und in ihren Augen daher Götzenverehrung. Viele Christen nahmen dieses Risiko aber gerne auf sich und reihten sich in die Menschenschlange vor dem Circus ein. In dieser Hinsicht waren sie eben zuallererst Römer.
  3. 3. 32 Risk Management Circus Maximus Die Welt in Begeisterung Mit Stolz wehen alle vier Jahre an sämtli- chen Fassaden, Balkonen oder Autos Flag- gen, die vor Augen führen, für welches Land gejubelt wird. Hupkonzerte, die den Pariser Abendverkehr zum Gemurmel eines Baches degradieren, machen die Frage, wer den Match gewonnen hat, überflüssig. Im Radio spielt nur ein Lied, immer und immer wie- der. Die ganze Welt ist in einer Begeisterung gefangen, in der Gespräche nur noch dann von wirklicher Bedeutung sind, wenn ein runder Gegenstand involviert ist. Mehr oder weniger heimlich wird «de Matsch» auf dem Computer verfolgt, nur um dann lauthals im Büro darüber zu diskutieren. Oder aber die ganze Belegschaft findet sich vor dem Fernseher wieder. Die Spiele beginnen mit einer gewaltigen Eröffnungsshow, die hauptsächlich dem Gastgeberland als Selbstvermarktung dient. Dabei wird mit modernster Schnitttechnik penibel Wert darauf gelegt, dass keine ungewollten Bilder weltweit über die Fernseher flimmern. Doch auch heute fehlen Kritiker nicht, die sich enthusiastisch über das ständige Gehupe, die Extraseiten in den bereits kulturarmen Tagesblättern und den Mangel von alterna- tiven Gesprächsthemen beschweren. Und noch immer finden ihre Argumente im Jubel der Masse kein Gehör. Die Treue galt der Farbe Fast jeder Römer hatte eine Circus- heimat, die Farbe, der er aus keinem noble- ren Grund als reiner Sympathie die Treue hielt. Wechselten auch die Wagenlenker immer wieder die Renngesellschaft, die Treue der Römer blieb bei «ihrer» Farbe. Man kann sogar davon ausgehen, dass, wenn die Wagenlenker mitten im Rennen die Farbe gewechselt hätten, die Fans ohne Zögern den neuen Träger ihrer Farbe unter- stützt hätten. Blau, Grün, Rot oder Weiss? Für die vier Renngesellschaften, die Wagen- lenker und Pferde stellten und in den Rennen gegeneinander fuhren, wurde ge- jubelt, gezittert, gewettet und wurden Dämonen angerufen. Diese wurden mithil- fe von Fluchtafeln beauftragt, die Pferde der Roten erblinden zu lassen oder die Wagen- räder der Grünen zu lösen. Ein nicht zu unterschätzendes Risiko, beachtet man, dass die Dämonen vielleicht bekennende An- hänger der Weissen waren. Die Treue gilt der Mannschaft Ein guter Fussballspieler kann sich viele Fehltritte erlauben, bringt er die erwartete Leistung auf dem Platz. Doch etwas werden ihm die Fans niemals verzeihen – den Wechsel zur gegnerischen Mannschaft. Für die eigene Mannschaft wird nicht nur laut- hals gejubelt oder ein Streit mit einem geg- nerischen Fan begonnen. Auch das Abste- cken des «Reviers» (Aufkleben von Mann- schaftslogos im Zug oder auf Geldscheinen) ist durchaus üblich. Mit Sprechchören und Make-ups in den Farben der Mannschaft wird dem Team Mut gemacht. Sollte die gegnerische Mannschaft dennoch die Ober- hand haben, wird dem mit Wurfgeschossen entgegengewirkt. Dies wird allerdings, an- ders als zur römischen Zeit, nicht gern gese- hen und gehört keineswegs zum Spielspass. Die Helden des Circus Mit dem Fallen des Starttuches schossen die Wagen aus ihren Startboxen bis zur weis- sen Linie auf geordneten Bahnen. Danach begann der riskante Kampf um die innerste Spur. Für die Wagenlenker, welche Sklaven waren, bot der Circus die Chance auf einen märchenhaften Aufstieg. Dem Gewinner wurde Ruhm und eine beachtliche Sieges- summe zu eigen. Die Fahrweise war entspre- chend aggressiv und unfair, wobei Fairness im Sport aber auch noch nicht erfunden war. Die waghalsigen Manöver führten nicht selten zum Highlight eines Rennens, einer Massenkarambolage. Ein erfolgreicher Wagenlenker war zwar Frauenschwarm und umjubelter Held, doch die Stars des Circus waren die Pferde. Ein jeder Römer konnte die Top-Pferde des Circus im Schlaf herun- terbeten – auf die Frage nach den Namen der Apostel mussten die meisten allerdings passen. Doch manch ein Kaiser trieb die Circusbegeisterung auf die Spitze. So liess es sich Nero nicht nehmen, selbst an den Rennen teilzunehmen. Ein Skandal, denn er begab sich nicht nur in die Reihe von Sklaven, sondern soll auch noch betrogen haben. Der Kaiser Caligula hingegen richte- te seine Leidenschaft alleinig auf die Pferde, angeblich wollte er gar den Hengst Incitatus zum Konsul ernennen. Doch so weit die Begeisterung für die tierischen und mensch- lichen Athleten auch reichte, war es die Farbe, die die Römer wirklich liebten. Mit einem Fassungsvermögen von 250 000 Zuschauern war der Circus Maximus das grösste Sportstadion aller Zeiten.
  4. 4. 33 Die Helden des Platzes Alle vier Jahre wieder endet die Fussball- weltmeisterschaft damit, dass sich ein Spieler in die Herzen von Millionen Men- schen gespielt hat. Nicht nur Adidas und Nike stürzen sich sogleich auf den neuen Top-Fussballer, auch Frauenherzen und Männersympathien sind den Helden des Platzes sicher. Dabei ist eine Gemeinsamkeit mit den Helden des Circus Maximus zu fin- den. Stars werden nur jene, die durch Leistung, nicht aber durch Unfälle auffallen. Im Circus Maximus, weil die meisten nicht wieder aufstanden. Im Fussball, weil keiner Simulanten mag. Dabei ergattern die Spieler längst nicht mehr nur durch ihre Ballgefühl Aufmerksamkeit. Privatleben, Aussehen oder zu Schrott gefahrene Luxusfahrzeuge sind meist vielen Bewunderern eher bekannt als die Anzahle von Toren, die geschossen wurden. Wichtig wird diese Information dann aber wieder, wenn ein Spieler eine Transfersumme im zweistelligen Millionen- bereich erzielt. Da stellt sich die Frage, ob ein Athlet wirklich so viel wert sein kann genauso wie die Frage, ob ein Pferd für das Leben als Politiker geeignet ist. Schlangen, Wahrsager und florierende Geschäfte Wie erwähnt, war nicht ganz Rom vom Circus begeistert und manch einer störte sich an dem Lärm, den ein Viertel der römi- schen Bevölkerung im Circus Maximus ver- anstaltete. Kaiser Elagabal, der wohl kein grosser Circusfan war, liess sogar Schlangen in die Menge werfen. Das Publikum hatte ihn wohl verärgert, weil es sich am frühen Morgen lärmend auf den Weg zum Circus gemacht und ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Die Geschäfte, die um den Circus Maximus angesiedelt waren, freuten sich dagegen auf die Menschenmenge. Die Eingänge zum Circus waren zugepackt mit Ständen, an denen Teller und Münzen mit Gravuren der Wagenrennen angeboten wur- den – die Überreste der billigen Souvenirs stehen heute in Museen. Oder es gab Kissen und Holzschemel zu kaufen, die eigentlich die Marmorbänke hätten komfortabler machen sollen. Nicht selten landeten sie am Kopf eines Wagenlenkers. Besonders das Wettgeschäft erfreute sich hoher Beliebtheit – so wurden erst Wahrsager und Astrologen befragt, bevor einer sein letztes Geld aufs Spiel setzte. Aber auch für die Verpflegung war gesorgt. Fast schon lebensmüde Ver- käufer nahmen das Risiko auf sich und be- gaben sich in das Gedränge der Zuschauer- ränge, um ihre hungrige Kundschaft zu be- dienen. Fanartikel und Wurfverbot Mit Flaggen und Trikots des jeweiligen Landes bewaffnet, tauchen die Glücklichen, die Karten für ein Spiel ergattern konnten, die Ränge in ein Meer aus Farbe. Doch auch die Fernsehzuschauer rüsten sich mit Fanartikeln aus und tauschen fleissig Spieler um das Stickerheft vor dem Finalspiel zu vervollständigen. Es gibt WM-Kuchen oder «Hopp-Schwiiz»-Aktionswochen. Die aus- Gesellschaft Sponsoren Spieler Management Klub Die «friedliche» Auseinandersetzung zwischen Mannschaften wird emotionell so aufgeladen, dass Spötter von einem «Kriegsersatz» sprechen. Die Identifi- kation mit einem Klub oder einer Farbe offeriert ein Gemeinschaftserlebnis, welches den Einzelnen in ein grösseres Ganzes einbindet. Die herausragen- den Figuren unter den Wagenlenkern oder den Helden des Balls verführen zu jenen Träumen, die den Alltag vergessen lassen. Wagenrennen wurden von ambitionierten Politikern finanziert, heute sind eini- ge der grossen Klubs börsenkotiert. Das sind Investments mit grossem Risiko- potenzial, denn der Abstieg in eine untere Liga oder der Tod eines umjubelten Pferdes und seines Lenkers pulverisiert den Effekt. Ziel war es aber immer, einen ganz bestimmten Teil der Gesellschaft zu binden und zu beeindrucken. Erfolgreiche Wagenlenker/Fussballspieler überspringen oft mehrere Stufen der sozialen Leiter. Sie werden zu Identifikationsfiguren. Wer hoch steht, fällt tief. Die Sympathien der Massen sind launisch. Das Vermitteln von Pferden, Wagenlenkern, Fussballspielern und Fussball- trainern ist eines der lukrativen Geschäfte im Hintergrund. Das Risiko besteht darin, eine «erfolgreiche Pipeline» junger Talente zu generieren. Das Wagenlenkergeschäft wie das Fussballergeschäft ist ein Ineinander- greifen vieler risikobehafteter Faktoren zwischen visionärer Führung bis hin zur Kultur der Nachwuchsförderung und zur Pflege des Fanclubs. Das war im alten Rom genau gleich wie in unserer modernen Welt. Brot und Spiele als Faktor der Social Responsability Das Risikoprofil von Brot und Spielen gelassene Stimmung verlockt, Geld für Dinge auszugeben, die nach dem Finalspiel plötzlich nicht mehr lebensnotwendig schei- nen. Auch für das Wettgeschäft sind viele deutlich offener. Statt Geld in die Hände von Wahrsagern oder Astrologen zu geben, wird lieber auf den Tipp eines weisen Tintenfisches gesetzt, der zugegebenermas- sen eine erstaunliche Trefferquote hatte. Die Regelung der «Mitbringsel» ist im Stadion heute streng geregelt. Wer nur 90 Minuten auf unbequemen Sitzen ausharren muss, ist schneller dazu verführt, Getränkeflaschen zu werfen als wenn er länger als 24 Stunden dort sitzt. ■

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