Prof. Dr. Otto Seifert, Leipzig
Werkzeitschriften deutscher Verlage und Druckereien -
nationalsozialistische Führungsinstr...
eine Zulassung von der Reichspressekammer oder der Reichsschrifttumskammer, geistige Haltung im
Sinne der NSDAP, eine Ausb...
Rivalität in der Partei und dem Machtapparat wirkten auf die komplizierten und sich zum Teil
widersprechenden Organisation...
Deutschland reduzierte die Politik der NSDAP die Zahl der Verlage von 1932 mit 4050 auf 2000 im
Jahre 1941 und 1800 Anfang...
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Volksgemeinschaft des Dritten Reich...
die Pionierarbeit dieses Mannes für das Buch und sein geistiges und verlegerisches Schaffen
würdigte.
Auffallend berichten...
der Leistung des Unternehmens, der Haltung der Betriebsführer und der Lage der Belegschaft in dieser
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Die Spamer AG, ...
Druckerei und Buchbinderei dar. Gleichzeitig veröffentlichte sie einen Wiegendruck des Verlages von
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Aber auch Beri...
Rückblicke auf die Geschichte des BI, wie in der Nummer vom 1. August 1936 unter dem Titel „Von
der ‚Erfurter Vorstadt‘ in...
Der Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh verlegte bereits 1934 die erste „Bertelsmann-Illustrierte“.
Weitere Ausgaben folgten ...
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Beachtenswerte Aussagen bot die Werkszeitschrift der Firma C. Bertelsmann über umfang...
wichtige Rolle. Nach der NS-Wehrgesetzgebung vom Mai 1935 nahm der Druck auf eine geistige
Militarisierung und Kriegsvorbe...
In den Werkzeitschriften traten aber Tendenzen an den Tag, dass sich Teile des Management in ihrer
Unternehmensstrategie, ...
Hinzu kamen Zwänge, das fachliche Profil teilweise oder fast ganz zu verändern. Gleichzeitig wuchs
der Leistungsdruck auf ...
nur noch von auswärtigen Firmen hergestellt und dann vom Unternehmen versandt.68
Die Broschur
dominierte.
Andere grundsätz...
Während viele Werkzeitschriften die Masse der Bücher und Zeitschriften, die in die besetzten Gebiete
und an die Front ging...
Frontbuchhandlungen in Frankreich und Belgien nachdrücklich heraus, die Gründung der Zentrale der
Frontbuchhandlungen sei ...
Überalterung der noch vorhandenen Kräfte sowie eine Strukturveränderung in Folge des
anwachsenden Frauenanteils und von An...
Systembedingte Grenzen und Tabus
Die Werkszeitschrift von B. G. Teubner, die für die Entwicklung des Unternehmens eigentli...
und vor allem der SD, der direkt und über V-Leute ca. 400 Verlage überwachen ließ, konzentrierten
sich auf die antisemitis...
Werkzeitschriften als Führungsinstrument des NS-Systems
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Werkzeitschriften erschienen um 1935/36 im Buchhandel sowie in den mit ihm verflochtenen Bücher und Zeitschriften produzierenden Bereichen. Sie verschwanden Ende 1944 bis Anfang 1945. Die Funktion und den Inhalt von Werkzeitschriften industrieller Großunternehmen untersuchte Alexander Michel für die Zeit von 1890 bis 1945. Am Beispiel von fünf Werkzeitschriften großer Konzerne wie der I. G. Farbenindustrie AG analysierte er ihre Führungsrolle für das NS-System, den Großkonzern und als Propagandaorgan im Dienste nationalsozialistischer Weltanschauung.1 Über die gesamte Anzahl von diesen spezifischen Zeitschriften liegen unterschiedliche Angaben vor. Nach Angaben von Michel hätten 1936 nur 32 Firmen in Deutschland von ca. 3000 möglichen Unternehmen eine von der NSDAP sowie der Deutschen Arbeitsfront (DAF) inspirierte und von der Betriebsführung gegründete Werkzeitschrift herausgegeben. Für die Kriegszeit 1944 nannte er 670 mit einer Auflagenhöhe von insgesamt vier Millionen Exemplaren sowie einem geschätzten Leserkreis von 8 bis 10 Millionen, die Angehörigen mit eingeschlossen.2 Allein in den Jahren 1938/39 schuf das NS-System in annektierten Gebieten 11 neue Reichsgaue, in denen nach dem Muster des „Altreiches“ in Großbetrieben Werkzeitschriften entstanden. Mit Kriegsbeginn nahm die Zahl der Werkzeitschriften nochmals zu. Auch die NS-Unternehmen gaben eigene Werkzeitschriften heraus. Neben Verlagen der Deutschen Arbeitsfront und den von der NSDAP gesteuerten, begannen mehrere der über 50 Gau- und Presseverlage der NSDAP Werkzeitschriften zu editieren. Einige von ihnen erschienen mit dem Titel „Feldpost“. Mit Beginn des Krieges verschwanden verlässliche Aussagen über die Zahlen der Werkzeitschriften, oft aus Gründen der Geheimhaltung.

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Werkzeitschriften als Führungsinstrument des NS-Systems

  1. 1. Prof. Dr. Otto Seifert, Leipzig Werkzeitschriften deutscher Verlage und Druckereien - nationalsozialistische Führungsinstrumente der Medienunternehmen im NS-Staat Werkzeitschriften erschienen um 1935/36 im Buchhandel sowie in den mit ihm verflochtenen Bücher und Zeitschriften produzierenden Bereichen. Sie verschwanden Ende 1944 bis Anfang 1945. Die Funktion und den Inhalt von Werkzeitschriften industrieller Großunternehmen untersuchte Alexander Michel für die Zeit von 1890 bis 1945. Am Beispiel von fünf Werkzeitschriften großer Konzerne wie der I. G. Farbenindustrie AG analysierte er ihre Führungsrolle für das NS-System, den Großkonzern und als Propagandaorgan im Dienste nationalsozialistischer Weltanschauung.1 Über die gesamte Anzahl von diesen spezifischen Zeitschriften liegen unterschiedliche Angaben vor. Nach Angaben von Michel hätten 1936 nur 32 Firmen in Deutschland von ca. 3000 möglichen Unternehmen eine von der NSDAP sowie der Deutschen Arbeitsfront (DAF) inspirierte und von der Betriebsführung gegründete Werkzeitschrift herausgegeben. Für die Kriegszeit 1944 nannte er 670 mit einer Auflagenhöhe von insgesamt vier Millionen Exemplaren sowie einem geschätzten Leserkreis von 8 bis 10 Millionen, die Angehörigen mit eingeschlossen.2 Allein in den Jahren 1938/39 schuf das NS-System in annektierten Gebieten 11 neue Reichsgaue, in denen nach dem Muster des „Altreiches“ in Großbetrieben Werkzeitschriften entstanden. Mit Kriegsbeginn nahm die Zahl der Werkzeitschriften nochmals zu. Auch die NS-Unternehmen gaben eigene Werkzeitschriften heraus. Neben Verlagen der Deutschen Arbeitsfront und den von der NSDAP gesteuerten, begannen mehrere der über 50 Gau- und Presseverlage der NSDAP Werkzeitschriften zu editieren. Einige von ihnen erschienen mit dem Titel „Feldpost“. Mit Beginn des Krieges verschwanden verlässliche Aussagen über die Zahlen der Werkzeitschriften, oft aus Gründen der Geheimhaltung. Michels Beitrag zur Unternehmensgeschichte sowie die wenigen, begrenzten Äußerungen zu Werkszeitschriften konzentrieren sich auf Großkonzerne, besonders den industriellen Bereich. Die großen und mittleren Firmen des Verlages, des Buchvertriebes und der Herstellung von Büchern (Satz, graphische Gestaltung, Druck, Buchbindereien) sind nicht mit einbezogen. Einige wurden höchstens im Zusammenhang mit Untersuchungen einzelner Verlage genannt. Welche Funktion die Werkzeitschriften im Buchhandel und in Buch herstellenden Unternehmen im politischen System von 1933 bis 1945 besaßen ist kaum zusammenhängend analysiert. Von Interesse sind dabei Fragen nach der „Visitenkarte“ der Werkzeitschrift für das einzelne Unternehmen und wie sie den Platz, die Funktion und Ausstrahlung des Unternehmens im Propagandamechanismus reflektieren. Die nationalsozialistischen Rahmenbedingungen für die Werkzeitschriften geben einen ersten Einblick, wie weit die Zeitschriften gleichgeschaltet und gegängelt wurden. Sie vermitteln aber auch die ihnen zugedachten Aufgaben sowie die vorgegebenen Spielräume. Anfang Mai 1933 erklärte Reichsminister Goebbels vor den deutschen Zeitschriftenverlegern, dass die „Zeitschrift ein gewaltig wirkendes Medium der Propaganda“ sei. Sie müsse die neue nationalsozialistische Gesinnung und Politik als Mittler umsetzen. Strengste Maßstäbe seien an Verlage und Redaktionen zu stellen, die die Zeitschrift vorrangig als ein nationalsozialistisches „Volksbildungsmittel“ einsetzen müssten.3 Zugleich verkündete Goebbels: „Mit unerbittlicher Rücksichtslosigkeit und erbarmungsloser Strenge aber werden wir gegen jeden vorgehen, der bewusst diesen schweren Weg zu sabotieren versucht.“4 Dem folgte ein Schriftleitergesetz vom 4. Oktober 1933, das von Personen im Zeitschriftengewerbe 1 Alexander Michel: Von der Fabrikzeitung zum Führungsmittel. Werkzeitungen industrieller Großunternehmen von 1890 bis 1945. Stuttgart 1997 ( bes. S. 275 bis 378). 2 Alexander Michel:... S. 283, 288. Die „GD Nachrichten“ von Giesecke & Devrient vom November 1939 (S.2) gaben für 1939 550 Werkzeitungen in Deutschland an mit einer monatlichen Auflage von 3,5 Mill. Exemplaren. Johannes Mähnicke, stellvertretender Schriftleiter der „BGT“ von B.G. Teubner berichtet in dieser Zeitschrift (S. 11) im April 1942, dass die DAF Sachsen 80 Schriftwalter aus Sachsen in Meißen geschult hätte und im Gau Sachsen ca. 100 Firmen über eine Werkzeitschrift verfügten. 3 Die Zeitschrift, Berlin, 1933, H.1, S. 75 – 79. Ansprache Goebbels vor deutschen Zeitschriftenverleger. 4 Die Zeitschrift... S.78. 1
  2. 2. eine Zulassung von der Reichspressekammer oder der Reichsschrifttumskammer, geistige Haltung im Sinne der NSDAP, eine Ausbildung, arische Abstammung und nicht mit einer Person nichtarischer Abstammung verheirate zu sein, forderte.5 Nach einigen für die Werkzeitschriften sehr allgemeinen Weisungen, erließ der Präsident der Reichspressekammer, Reichsleiter der NSDAP und zugleich Direktor des Zentralverlages der NSDAP, Max Amann im Zusammenhang mit einer Anordnung über das Zeitschriftenverlagswesen (30.April 1936) eine besondere „Anordnung betr. Werkzeitschriften“ vom 22. September 1936. Die „Anordnung betr. Werkzeitschriften“ legte folgende Grundsätze und Inhalte für diese spezielle Art Zeitschrift fest: 1. „Für die vom Betrieb herausgegebene Werkzeitschrift trägt grundsätzlich der Betriebsführer die Verantwortung und hat auch für die aus ihrer Herstellung sich ergebenden wirtschaftlichen Verbindlichkeiten einzustehen. Der Betriebsführer bestimmt in Einvernehmen mit dem Presseamt der Deutschen Arbeitsfront aus den Reihen seiner Gefolgschaft einen Schriftwalter.“6 2. Die Werkzeitschrift ist ausschließlich für die Angehörigen des Betriebes bestimmt. Sie darf nicht an Kunden des Betriebes und zu Werbezwecken abgegeben werden. 3. Ihr Inhalt wird auf folgende Gebiete beschränkt: Das Betriebsleben, Verbreitung nationalsozialistischer Weltanschauung und Erziehung zur Betriebsgemeinschaft, Sozialpolitik des Betriebsführers und Bestrebungen der DAF, Nachrichten des Betriebsführers, sonstiges über Beschäftigte, Dienst an der Partei sowie ihren Gliederungen, KDF-Reisen und ähnliches. 4. Verboten sind tagespolitische Unterhaltungsteile und Anzeigen. Neugründungen von Werkzeitschriften bedürfen der Genehmigung des Presseamtes der DAF.7 Diese Anordnung der NS-Führung für Werkszeitungen zielte zudem darauf ab, sie taktisch einzusetzen, um die demokratischen freien Gewerkschaften restlos zu liquidieren, Unternehmensstrukturen mit demokratischen Beschlüssen von Führungsgremien aufzulösen und die Wirtschaft nach „soldatischen“, militärischen Prinzipien führen zu lassen. Am 20. Januar 1934 hatte die Reichsregierung das „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ in Kraft gesetzt. Bereits im ersten Paragraph schrieb es das Führer- und Gefolgschaftssytem für Betriebe vor. Der Führer des Betriebes (Betriebsführer) erhielt absolute Vollmachten. Er entschied über die Betriebsordnung, die Arbeitszeit, die Höhe des Lohnes, die Grundsätze für die Entlohnung, die Kündigungen, die Höhe und Art von Strafen sowie über das Vorgehen bei „Störung des Arbeitsfriedens“. Gleichzeitig sicherte die NSDAP ihren Einfluß auf die einzelnen Betriebe. Das Gesetz setzte deshalb im Grunde die Mitgliedschaft von Arbeitern und Angestellten in der DAF und ihre „Vertretung“ durch deren „Vertrauensmänner“ voraus. Schließlich garantierte es zudem eine Machtstellung der Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation (NSBO) in allen Unternehmen. Den Führer des Betriebes verpflichtete der § 8, dass er die „Liste“ der als „Vertrauensmänner“ (DAF-Mitglieder) der „Gefolgschaft“ vorgesehenen mit dem „Obmann der NSBO“ gemeinsam aufzustellen habe.8 In NS-Betrieben und Gliederungen der NSDAP herrschte grundsätzlich das Führerprinzip. Die Betriebsleitungen im Gesamtbuchhandel, den Druckereien und Buchbindereien hatten 1934 das Führer- und Gefolgschaftssystem relativ schnell eingeführt und es besonders genutzt, um die Betriebsangehörigen zu disziplinieren sowie die Arbeitsleistungen und die Gewinne zu steigern. Der Vorsteher des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler Wilhelm Baur war jedoch mit der geistigen Formierung der Belegschaft und ihrer Führer sowie deren aktiven nationalsozialistischen Propaganda „als Visitenkarte des Reiches“ noch nicht völlig zufrieden. Deshalb forderte er auf der Kantate des deutschen Buchhandels 1936 in Leipzig: „Vom Betriebsführer sowohl als auch vom Gefolgschaftsmitglied wird unbedingte restlose Einfügung in den nationalsozialistischen Gedanken gefordert.“ 9 Schon am 25. September 1934 hatten der Vorsteher Wilhelm Baur und der Geschäftsführer Dr. Heß für die Geschäftsstelle des Börsenvereins mit ihren ca. 150 Mitarbeitern (einschließlich der Bibliographischen Abteilung, die auch die Verbotslisten für Literatur und Autoren entwarf) verfügt, die Führer- und Gefolgschaftsordnung, verbunden mit einer neuen Betriebsordnung, einzuführen. Den Geschäftsführer der Geschäftsstelle des Börsenvereins, Dr. Heß, berief Baur zusätzlich zum Betriebsführer. 5 Handbuch der Zeitungswissenschaft. Hrsg.: Walter Heide, Leipzig 1940, S. 509 ff. 6 Pressehandbuch. Gesetze, Anordnungen, Erlasse, Bekanntmachungen. Hrsg.: Reichsverband der deutschen Zeitungsverleger. Berlin 1938, S. 84, 85. 7 Pressehandbuch....S. 85 - 86. 8 Hans Crone: Das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit. München, Berlin, Leipzig 1934, S. 137 – 152. 9 Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Leipzig, 22. Mai 1936, S. 454, (Verhandlungsniederschrift). 2
  3. 3. Rivalität in der Partei und dem Machtapparat wirkten auf die komplizierten und sich zum Teil widersprechenden Organisationsstrukturen im Nationalsozialismus, besonders auch auf das Umfeld der Werkzeitungen von Verlagen, Druckereien, Buchbindereien und Buchvertrieb. Der Gesamtbuchhandel, den Nationalsozialisten als Mittler nationalsozialistischer Kultur, als „geistiges Schwert“ des Nationalsozialismus, sowie als wichtigen Teil der Propaganda und Kultur ansahen, hatte sie bereits aus der Organisation der Wirtschaft ausgegliedert und dem Ministerium von Goebbels unterstellt. Es bestand für Verleger von Büchern und deren Angestellte sowie Vertriebsunternehmer und deren Angestellte die Pflichtmitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer, ein Teil von Verlegern von Zeitschriften mussten sich in der Reichspressekammer organisieren. Für andere Verleger und Angestellte existierte eine Pflichtmitgliedschaft in der Reichsmusikkammer und für einige wenige sogar in der Reichskammer der bildenden Künste. Betriebsleiter großer Druckereien dagegen gehörten oft dem Fachbereich Druck und Papier der Reichsgruppe Industrie an und deren Beschäftigte der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Die Mehrzahl der Eigentümer dieser Firmen oder deren im Handelsregister eingetragenen Geschäftsführer besaßen ein doppelte Mitgliedschaft, zählten obendrein als Mitglied des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig und waren dort auch aktiv. Der Präsident der Reichspressekammer Max Amann versuchte, sowohl abgestimmt mit der Reichsschrifttumskammer, als auch im Alleingang, meist gestützt auf das Presseamt der DAF, die Werkzeitschriften in diesem Bereich relativ einheitlich zusteuern. Verleger von Zeitschriften, die in die Leitung der Reichsschrifttumskammer und den Reichsverband Deutscher Zeitschriften Verleger e.V. von der NS-Führung berufen worden waren, unter ihnen der „alte Kämpfer“, Pg. Willi Bischoff vom Brunnen und Widder-Verlag, der Spitzenfunktionär des Alldeutschen Verbandes, Förderer von Hitler seit 1922 sowie extremer Propagandist der Rassentheorie mittels Zeitschriften und Büchern, Dr. Friedrich Lehmann vom J. F. Lehmann Verlag und der SA-Obersturmbannführer, Teilnehmer am Hitlerputsch gegen die demokratische Republik, Mitglied der Leitung des Deutschen Verlegervereins, des Aktionsausschusses, später des Großen Rates des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler, Leiter der Fachschaft Verlag des Börsenvereins und der Fachschaft Verlag Gruppe Buchhandel, Karl Baur vom Verlag Callwey sowie ab 1936 Geschäftsführer im bekannten Verlag B.G. Teubner nach dessen „Teilarisierung“, unterstützten aus ihrer geistigen und politischen nationalsozialistischen Positionen heraus das NS-Projekt Werkzeitschriften. Gleichzeitig traten sie für einen engen, begrenzten Bewegungsraum für sie ein, um mögliche wachsende Konkurrenz auf den Zeitschriftenmarkt zu unterbinden. Aber auch Prof. Dr. Gerhard Menz, ehemaliger Hauptschriftleiter des Börsenblattes für den Deutsche Buchhandel, enger Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Börsenvereins für wirtschaftliche Fragen und Bildungspolitik sowie vom Börsenverein finanzierter Professor (mit Seminar) an der Handelshochschule Leipzig für Buchhandelsbetriebslehre, ordnete der Werkzeitschrift die Funktion zu, „Pionierdienste für die Idee des Dritten Reiches zu leisten“. Er setzte sich zunehmend dafür ein, diese Zeitschriften in vielen Betrieben entstehen zulassen, mehr zu beachten, aber deren Profil von den anderen Zeitschriften abzugrenzen.10 Schließlich bestimmte die Grundorientierung der Nazis für die Betriebsführer und die Belegschaft, Träger, Mittler nationalsozialistischer Politik und Ideologie zu seien, die Aufgaben im Betrieb und die Funktion der Unternehmen im NS-Herrschaftssystem. Das erforderte, den NS-Geist zu verbreiten und zugleich alle von der NS-Führung festgelegten geistigen Gegner mit zu bekämpfen, sogar zu vernichten. Anfangs galten als wichtigster Gegner der Marxismus, seine verschiedenen Vertreter sowie „Gottlose“. Nach und nach rückte aber das bereits von Goebbels auf der Kantate der Buchhändler und Verleger 1933 unter deren Beifall verkündete „Wesen des Kampfes“ in den Mittelpunkt. Er charakterisierte es als autoritär, rassistisch und soldatisch, auf Führertum orientiert, vor allem aber grundsätzlich „antiinternational, antipazifistisch und antidemokratisch“. Ein Hauptanliegen sei, im deutschen Buch den „liberalen Individualismus“ auszumerzen.11 Dies ergänzte eine weitere Absicht der deutschen Faschisten, das Judentum im deutschen und danach im europäischen Buchhandel zu vernichten. Das hatte ein System von Listen über Verbote von Büchern, Autoren und Unternehmen sowie auch Listen für zu fördernde Literatur und Autoren zur Folge. In 10 Gerhard Menz: Die internationale Lage des Zeitschriftenwesens. In: Der Zeitschriften-Verleger (bis Oktober 1933 Die Zeitschrift), Berlin, 1934, H.2, S. 9 ff. Gerhard Menz: Grundfragen der Publizistik und der Zeitschriftenkunde. In: Der Zeitschriften -Verlger, Berlin, 1936, H.48, S. 585 ff. u. 1939, H.8, Vortragsankündigung von Prof. Dr. G. Menz zum Thema Werkzeitschriften. 11 Börsenblatt...16. Mai 1933, S. 353, 355, ( Kantate 1933, Rede von Goebbels). 3
  4. 4. Deutschland reduzierte die Politik der NSDAP die Zahl der Verlage von 1932 mit 4050 auf 2000 im Jahre 1941 und 1800 Anfang 1943.12 Im Jahre 1938 existierte kein jüdisches Buchhandelsunternehmen in Deutschland mehr. In gleichen Jahr beseitigten die Nationalsozialisten in Österreich in kurzer Zeit und mit großer Härte alle jüdischen Verlage und Buchhandlungen und zum großen Teil ihre Besitzer. Allein im Sächsischen Staatsarchiv Leipzig befinden sich ca. 60 Firmenakten des Börsenvereins von Verlagen und Buchhandlungen aus der Stadt Wien, die alle von vor 1938 zusammengetragene Vermerke zur „Rassenzugehörigkeit“ und zur politischen Gesinnung tragen und dem Antisemitismus dienten.13 All diese Liquidationen brachten den im NS-System verbliebenen Buchhandelsunternehmen anfangs einige Schwierigkeiten aber auch weniger Konkurrenz und einen riesigen Markt mit wachsenden Gewinnen. Werkzeitschriften traditioneller Verlage, der mit ihnen verbundenen Druckereien sowie Buchbindereien Unter den traditionellen, historisch gewachsenen Unternehmen des Gesamtbuchhandels, ihren großen Verlagen, Druckereien und Buchbindereien gab es sechs, die beachtenswerte und aussagefähige Werkzeitschriften für ihre Mitarbeiter herstellten und verbreiteten. Es waren die „BGT“ von B. G. Teubner, Leipzig, Dresden, „Der Fabianer“ von F. A. Brockhaus, Leipzig, die „Meyers Nachrichten“ vom Bibliographischen Instituts, Leipzig, der „Spamer-Bote“ von der Spamer AG, Leipzig, die „Bertelsmann-Illustrierte“ vom C. Bertelsmann, Gütersloh und die „GD Nachrichten“ von Giesecke & Devrient, Leipzig, Berlin.14 Zwei weitere Werkzeitschriften, die „GD Gemeinschaft“ von der C. Dünnhaupt KG, Dessau sowie „Das Pressehaus meldet“ vom Droste Verlag, Düsseldorf, deren Hefte heute nur sehr begrenzt verfügbar sind, haben deshalb nur in Detailfragen einen Aussagewert.15 Die Anordnung für die Werkzeitschriften legte fest, sie besonders auf Probleme des Betriebes zu konzentrieren. Dazu gehörten die Unternehmensgeschichte, die historische und aktuelle Entwicklung der Firma, die Produktion, die Verlagstätigkeit, die Führungsstrategien der Betriebsführungen, Maßnahmen, um die Beschäftigten der Unternehmensstrategie unterzuordnen, sie an das Unternehmen zu binden, das Betriebsklima und vor allem die Rolle der Firma in der NS-Zeit. Sie lieferten auch verwertbare Anhaltspunkte aus der Vergangenheit für die schnelle Gleichschaltung dieses sensiblen Gewerbes 1933. Das Titelblatt der ersten Werkzeitschrift von B.G. Teubner, die „BGT“, zierte das Bild des Gründers des Unternehmens, Benediktus Gotthelf Teubner, geboren am 16. Juni 1788, in guter Qualität. Ein Geleit zu der im Mai 1936 erschienenen Nummer 1 schrieb der Betriebsführer Dr. Alfred Giesecke. Er knüpfte an die vergangenen 125 Jahre des Unternehmens an, das mit zahlreichen Autoren gearbeitet habe, deren Schriften durch Satz Gestalt erhielten und die dann Bogen um Bogen gedruckt und zu 12 Sächs. Staatsarchiv Leipzig, BV I 600/599 (W. Baur, Zur Lage im Buchhandel), Adressbücher des Deutschen Buchhandels 1932 bis 1936. 13 Nicht verständlich ist, daß Jan-Pieter Barbian erneut in seinem Beitrag Der Börsenverein in den Jahren 1933 bis 1945 in: Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels 1825 – 2000. Ein geschichtlicher Aufriss“, Frankfurt am Mai 2000, S. 91 ff. die Existenz der Mitglieds- und Firmenakten leugnet und gegen Aussagen aus ihnen polemisiert, obwohl er in diesem Archiv gearbeitete hatte. 14 BGT, Leipzig, Dresden. Werkzeitschrift der Betriebsgemeinschaft B.G. Teubner. Schriftleitung: Dr. Hermann Gieslbusch, später Johannes Mähnicke, Leipzig 1936 bis 1944, (die erste Nummer noch mit der Bezeichnung Hauszeitung). Der Fabianer. Werkzeitschrift der Betriebsgemeinschaft F. A. Brockhaus. Verantwortlich: Dr. Georg Bock, Leipzig 1936 bis 1944, (vorhanden erst ab Nr. 9). Meyers Nachrichten. Werkzeitschrift der Betriebsgemeinschaft des Bibliographischen Institutes AG, Leipzig. Verantwortlich: Dr. Otto Mittelstaedt, Schriftleitung: Werner Schmidt, dann Heinz Walbrück, ab 1942/3 Ernst Pinther, Leipzig 1935 bis 1944, (die 1. Nr. noch als Werkzeitung). Spamer-Bote. Mitteilungen für die Betriebsgemeinschaft der Spamer AG, Leipzig. Schriftleitung: Wilhelm Eule. Leipzig 1936 bis 1943. Bertelsmann-Illustrierte, Werkzeitung des Verlages C. Bertelsmann, Gütersloh, oft als Gemeinschaftsarbeit der Gefolgschaft unter freundlicher Mitarbeit aus dem Autorenkreis, später als Werkzeitung und Soldatengruß bezeichnet. Schriftwalter: Theodor Berthoud. Gütersloh 1934 bis 1943/44. GD Nachrichten. Betriebszeitung der Firma Giesecke & Devrient AG, Leipzig, Berlin. Hrsg. v. Betriebsleiter, Schriftwalter: Otto Schmidt. Leipzig 1935 bis 1943. 15 CD Gemeinschaft. Werkzeitung der Hofbuchdruckerei C. Dünnhaupt K.-G. Dessau. Verantwortlich: Betriebsführer Heinrich Dünnhaupt. Dessau 1937 bis 1944 (nur einige Hefte ab 1939 verfügbar). Pressehaus, Werkzeitschrift. Werkzeitschrift des Droste Verlages Düsseldorf. Verantwortlich: Heinz Gorrenz. Düsseldorf 1941 bis 1942/43 (nur begrenzt verfügbar). 4
  5. 5. einem Buch zusammengefügt wurden. Darauf aufbauend betonte der Betriebsführer, die NS- Volksgemeinschaft des Dritten Reiches im Betrieb (das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit) durchzusetzen, besonders die Ein- und Unterordnung der Werksmitarbeiter sowie deren Verbundenheit zum Betrieb zu festigen. „So greift immer eins in das andere, und dieses Gefühl zu wecken und zu stärken in uns allen, dazu will die BGT Zeitung helfen.“ Johannes Mähnicke, der DAF-Betriebswalter der Firma in Leipzig, schrieb im Geleit, dass es Aufgabe der Werkzeitschrift sei, die Gefolgschaft enger an die Betriebsführung zu binden, ein „Gemeinschaftsbewußtsein“ zu entwickeln und den Geist von Adolf Hitler umzusetzen. Ähnliches verkündete Franz Stitzel, der Betriebsführer der Zweigstelle in Dresden. 16 Die Nummer 2 von 1936 der „BGT“ widmete sich unter der Überschrift „Die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen Betriebsführung und Gefolgschaft“ nochmals konzentriert diesem Thema. „Der Nationalsozialismus hat aus dem Unternehmer den Betriebsführer gemacht, aus dem Arbeiter den Gefolgsmann. Nicht von ungefähr hat der Nationalsozialismus die Begriffe Betriebsführer und Gefolgschaft eines Betriebes geprägt. Diese Wortbilder entstammen den Sprachschatz und dem Empfindungsgut einer Armee und sind soldatischem Verbundenheitsdenken entlehnt. Warum? Ja, Betriebsführer und Gefolgschaft sind in Wahrheit eine Armee.“17 Dieser Grundgedanke durchzog nicht nur die „BGT“ in den verschiedensten Ausgaben, sondern auch die anderen Werkzeitschriften, manchmal etwas verschlüsselter oder sogar in noch härteren, offeneren Form. Im Festprolog zur Feierstunde „125 Jahre BGT“ in der Nummer 1/1936 stellte Paul Melzer wiederholt eine nationalsozialistische, völkische Orientierung von B.G. Teubner in das Zentrum. Betriebswalter Johannes Mähnicke interpretierte die Geschichte des Unternehmens zudem in einer sehr einseitigen, auf den NS-Geist zugeschnittenen Auslegung. Er überreichte dem Betriebsführer eine „Büste des Führers“ im Namen der Gefolgschaft. Martin Giesecke dankte im Namen der Betriebsführung für dieses Geschenk und verband dies mit einem erneuten Treuegelöbnis an den Führer. All das verweist darauf, dass die Betriebsführung das Unternehmen relativ stark selbst gleichgeschaltete wurde. Die jüngeren Führungsschicht, insbesondere der 1932 berufene, einst national-konservative Geschäftsfrühere, Dr. Gerhard Aengeneydt, pflegten sehr frühzeitig den Führerkult. Dr. Alfred Giesecke sprach in seinem Referat auf dem Fest „125 Jahre BGT“ den Arbeitern den Dank der Leitung aus, beschrieb Entwicklungsrichtungen der Firma sowie für die im Geiste „deutscher Idealen“ zu gestaltenden Bücher, Zeitschriften und besonders des Schulbuchverlages. Dem schloss er eine aufschlussreiche Bilanz des Unternehmens an. Für 1934 meldete er eine Druckleistung in Leipzig und Dresden von 43 165 000 Drucken, davon 1 650 000 Bücher und 915 000 Zeitschriften. 1935 habe B.G. Teubner 2 250 000 Bücher ausgeliefert, 10 000 lieferbare bereitgestellt und täglich sogar durchschnittlich 1200 eingehend Bestellungen realisiert. Der Verlag allein besaß 193 Angestellte, saisonbedingt sogar zeitweise 257 Beschäftigt. Der technische Bereich in Leipzig beschäftigte 389 Personen, davon ca. 9 Prozent Angestellte. In Dresden verfügte die Firma über 131 Personen, davon ca. 10 Prozent Angestellte.18 Der relative zeitige und schnelle Aufschwung von B.G. Teubner, im Vergleich zu anderen Betrieben des Gesamtbuchhandels in den ersten Jahren der NS-Zeit, führte dazu, dass zum Stammhaus des Verlages in Leipzig und zum Ausbau in Dresden am 5. Februar 1935 eine „Verlags-Redaktion Berlin“ in Berlin, Mohrenstraße 13/14 gegründet wurde, deren Aufgabe darin bestand, Verbindungen zur NSDAP, ihren Gliederungen, staatlichen Stellen, der Wehrmacht, der Reichsschrifttumskammer und den „Prüfstellen“ für Literatur herzustellen.19 In die Geschichte des Buches und des Verlages geben die Beiträge zu „45 Jahre Verlagsarbeit“ mit Angaben zur Gliederung des Verlages, seinen geisteswissenschaftlichen sowie naturwissenschaftlichen Schwerpunkten und „30 Jahre Schulbuch-Abteilung“, zurückverfolgt oft bis 1900, größere Einblicke.20 Dagegen tragen die Veröffentlichungen anlässlich des 70. Geburtstages von Dr. Alfred Giesecke in der Werkzeitschrift vom November 1938 fast ausschließlich propagandistischen Charakter. In der Juni Nummer von 1943, wo große Teile der Schrift dem 75. Geburtstag von Dr. Alfred Giesecke gewidmet sind, findet sich, neben Treuerklärungen an das NS- Regime und einem Glückwunschtelegramm von Reichsminister Goebbels, ein umfangreicher Teil, der 16 BGT,...1936, Mai, 1 u.2. 17 BGT... 1936, Dezember, Nr. 2, S. 3. 18 BGT... 1936, Mai, Nr. 1. S. 8 bis 16. 19 BGT... 1937, Dezember, Nr. 4, S.6 / 7. 20 BGT... 1938, April, Nr. 5, S. 3 - 5. (G. Aengeneyndt: 45 Jahre Verlagsarbeit). BGT...1938, April, Nr. 5, S. 5-7 (W. Oltmanns: 30 Jahre Schulbücher-Abteilung). 5
  6. 6. die Pionierarbeit dieses Mannes für das Buch und sein geistiges und verlegerisches Schaffen würdigte. Auffallend berichten die „GD Nachrichten“ der Firma Giesecke & Devrient (seit 1931 Aktiengesellschaft), dass das Führer- und Gefolgschaftssystem relativ schnell im Betrieb durchgesetzt wurde. Diesen Prozess forcierte besonders der Betriebsführer Ludwig Devrient. Er äußerte, dass sich der „nationalsozialistische Umbruch“ revolutionierend auf das Unternehmen ausgewirkt habe. „Mit Befriedigung kann festgestellt werden, dass diese ‚Umschaltung‘ ohne nennenswerte Störungen vor sich gegangen ist.“21 Der Bericht zum Geschäftsjahresabschluss 1938/39 hob hervor: „Unsere Gesellschaft ist Mitglied der Wirtschaftsgruppe ‚Druck‘ und ‚Papier‘ und der ihr unterstellten zuständigen Fachgruppen. Sie gehört außerdem dem Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig, der Reichskulturkammer und mit der gesamten Gefolgschaft der Deutschen Arbeitsfront an.“22 Oft gaben politisch abgesegnete, vorbereitete Artikel Einblicke in die Geschichte des 1852 gegründeten traditionsreichen Unternehmens. Dazu zählten beispielsweise Ausführungen in den „GD Nachrichten“ vom Juli 1935 zur Geschichte der Firma, vom Oktober 1935 zu Aspekten der Entwicklung von Führungskräften, vom August 1937 erneut zur Geschichte der Firma, die Gedanken zum siebzigsten Geburtstag von Dr. Alfred Giesecke, der Artikel von Ludwig Devrient „Zehnjahre Aktiengesellschaft“ vom Dezember 1941 und viele andere. Besprechungen von Appellen, Betriebsversammlungen, die Berichte zum Geschäftsjahresabschluss 1935/36 (März 1937) und 1938/39 (Juli 1940) ergänzen Einsichten in innere Vorgänge. Sie informierten zum Beispiel darüber, daß der wirtschaftliche Aufschwung für das Unternehmen eigentlich erst 1935/36 einsetzte, daß das weltweite Geschäft zurück ging und es sich immer mehr - neben Ausnahmen - auf das NS-Regime in Deutschland und das faschistische Europa konzentrierte. So belieferte die Firma von Anfang an die gegen die Republik putschende Franko-Regierung mit Banknoten. Am 8. März 1941 zeichnete die spanische Regierung als Belohnung dafür Ludwig Devrient mit dem Titel eines Vizekonsuls und als Chef der Leipziger spanischen Vertretung aus.23 Aber auch die „Balkanstaaten“ standen im Mittelpunkt von Auslandsgeschäften. Das Ustascha-Sytem in Kroatien, das sich mit starker deutscher militärischer und geistig-materieller Hilfe sowie Unterst6ützung Italiens als Staat konsultierte, belieferte die Firma von den ersten Tagen an mit Banknoten und Wertpapieren. In einem umfangreichen Artikel der Betriebsführung unter der Überschrift „Kroatien, das jüngste Land Europas“, der die Leistungen des Unternehmens für das faschistische Kroatien gegenüber der Belegschaft eine Begründung geben sollte, lobte sie „die Erneuerung des kroatischen Volkes“ und stellte die Ustascha als SA dieses Staates hin. Wohlwollend wurde geschlussfolgert: „Aus diesem Grunde wird auch die Judenfrage in Kroatien in gleicher Weise wie in Deutschland behandelt.“24 Die „GD Nachrichten“ meldeten zwar weiter über die Herstellung von Wertpapieren (Banknoten, Aktien, Briefmarken, Pfandbriefe, Beitragsmarken, zum Beispiel für die DAF, Karten u.a.), aber mit dem Kriegsverlauf immer mehr äußerst allgemein. Nur manchmal finden sich Hinweise über Auftraggeber, das Hauptgeschäft im Zusammenhang mit der NS-Politik und der Kriegsführung sowie die wechselnden Länder als Auftraggeber. Unerklärlich ist bei der Durchsicht der einzelnen Ausgaben der „GD Nachrichten“, warum ein Pfeiler des Unternehmens lediglich indirekt genannt und dessen Produkte sogar nicht aufgeführt wurden. So berichtete die Betriebsführung über den Ausbau der Setzerei, des Buchdruckes, darüber hinaus für 1939 über eine neu beschaffte moderne „Buchdruck-Zweifarbmaschine“ und 1941 über neue modernste „Maschinen für den Offsett- und Buchdruck“.25 Ebenso zeigte die Werkzeitschrift an, die Betriebsführung habe Buchdrucker aus dem Bereich Buchdruck, Buchbinder aus der Buchbinderei ausgezeichnet sowie Lehrlinge in den beiden Zweigen ausgebildet.26 An keiner Stelle sind jedoch die Bücher und Broschüren, deren Titel, die Auftraggeber und selbst die durch verwandte Personen bestehende Geschäftsverbindungen zu B.G. Teubner genannt. Bei aller kritischer Sicht, liefern die „GD Nachrichten“ einzelne Mosaiksteine für ein Bild zur Geschichte des Buches, des Buchhandels, 21 GD Nachrichten. Werkzeitschrift für die Angehörigen der Firma Giesecke & Devrient AG, Leipzig und Berlin. Leipzig, 1941, Dezember, S. 4 u.5. (Ludwig Devrient: Zehn Jahre Aktiengesellschaft). 22 GD Nachrichten... 1940, Juli, S. 5. 23 GD Nachrichten... 1941, August, S. 12 u. Dezember, S. 2. 24 GD Nachrichten... 1941, August, S. 6 u.7. 25 GD Nachrichten... 1940, Juli, S. 6 u. 1941, Dezember, S. 3. 26 GD Nachrichten... 1940, Juli, S. 8. 6
  7. 7. der Leistung des Unternehmens, der Haltung der Betriebsführer und der Lage der Belegschaft in dieser Zeit. Die Spamer AG, Leipzig veröffentlichte ab 1. Januar 1936 den „Spamer-Bote“ mit ansprechender drucktechnischer Qualität. Gustav Kirstein vom Verlag E. A. Seemann, Leipzig, der als Mitglied des Verlagsausschusses des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig die Festschrift des Vereins für Hundert Jahre Börsenverein langfristig vorbereitet hatte, lobte im März 1925 bereits die „buchgewerbliche“ und „drucktechnische “ Leistung, besonders auch bei den 135 Abbildungen, des Spamerschen Unternehmen für die Festschrift.27 Zum Geleit der 1. Nummer des „Spamer-Bote“ schrieb der Betriebsführer Arnold Petersmann: „Jährlich gleiten 120 Millionen Druckbogen, sorgfältig überwacht, durch unsere Druckpressen und gehen hinaus, um deutschen Geist und den Ruf deutscher Ware in die Welt zu tragen. Still tritt hinter dem Inhalt das schöne Buch oder der künstlerischen Werbung unsere eigene Arbeit zurück[...].“28 Noch formulierte der Betriebsführer die Aufgabe, mittels des „Spamer-Boten“ zu helfen, das Führer- und Gefolgschaftssystem umzusetzen, zurückhaltend. Das sollte sich schrittweise ändern und unter dem Geschäftsführer Otto Schaffer einen Höhepunkt erreichen. Ein Teil der Gefolgschaft steckte man, wie auch das Titelbild der Nummer Mai 1938 zeigte, in Uniformen. Die Betriebsführung verlangte in den Mitteilungen für die Betriebsgemeinschaft im März 1943 unter dem Motto „Dienst im Spamer-Haus ist fortan Kriegsdienst“ von der Gefolgschaft den zivilen Lebensstandard noch mehr einzuschränken, vorbildlich alle Aufgaben zu erfüllen, „Einsatzbereitschaft bis zum Äußersten“, zusätzliche Arbeitsgebiete und Arbeiten zu übernehmen sowie die geforderten Arbeitsstunden zu leisten. „Was bisher als ein verhältnismäßig unbedeutender Verstoß gegen die Betriebsordnung galt, wird künftig nach neuen schärferen Richtlinien geahndet werden müssen.“29 Betrachtungen zur Geschichte der Spamer AG und deren Gründer und Leiter fanden oft in besonders hervorgehobenen Mitteilungen einen relativ großen Platz. Schon die erste Nummer (Januar 1936) stellte das Spamer-Haus vor. Die vom Mai 1938 setzte historische Betrachtungen unter der Überschrift „Erst Kohlgartendorf, dann Buchdruckerviertel“ fort. Ausführungen zum 75. Geburtstag des Seniorchef Dr. Josef Petersmann im Januarheft von 1939 boten weitere Einblicke in die Firmengeschichte. Im gleichen Heft begann eine interessante Analyse von Arno Kapp zum Thema „Aus der Entstehungsgeschichte des Spamer-Hauses“, die im Septemberheft 1939 sich fortgesetzte. Sie beschreibt die Buchhändlerlehre von Otto Spamer und seinen Weg nach Leipzig. Dabei stellt er einen umfangreichen Brief Otto Spamers vom 15. Dezember 1844 an die Stadt Leipzig vor, in dem er mit „größter Ehrerbietung“ den Stadtrat bat, ihm gegen Gebühren die Schutzrechte der Stadt zu erteilen, um Rosamunde Adelheide Schmidt heiraten zu können. Der Rat verlangte eine zusätzliche Befragung Spamers und die Vorlage seines Vermögens.30 Nach dem Spamer weitere Unterlagen vorzeigen musste, der Rat der Stadt ein Zeugnis der Polizei anforderte, er einen Militärbefreiungsschein zusätzlich erbrachte, erhielt der Antragsteller am 22. Januar 1845 den Schutzschein der Stadt. Mit weiteren Quellen belegte Kapp, dass Otto Spamer erst am 17. November 1845 das Bürgerrecht von Leipzig erhielt und erst danach eine eigene Buchhandlung gründen durfte.31 Dieser faktenreiche Bericht öffnet den Blick dafür, dass es selbst für vermögende und gelernte Buchhändler langwierig und mit vielen bürokratischen Hürden verbunden war, in der Buchstadt Leipzig vom Rat der Stadt die Genehmigung für ein Unternehmen im Buchhandel erteilt zu bekommen. Im Zusammenhang mit dem Gutenberg-Jahr stellte die Spamer AG im Oktober 1940 in ihren Mitteilungen zusammen gefasst die Etappen des 1847 in Leipzig gegründeten Verlages und seine Wandlung zu einer modernen 27 Gustav Kirstein: Hundert Jahre. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Leipzig, 31. März 1925, S. 5446. Die Festschrift: Friedrich Schnulze: Der deutsche Buchhandel und die geistigen Strömungen der letzten hundert Jahre. Leipzig 1925. Den Inhalt des Artikels von Kirstein vom 31. März 1925 wertete in der NS-Zeit die Geschäftsführung des Börsenvereins und der Geschäftsführer Dr. Heß als nicht zutreffend, jüdisch. (Sächsisches Staatsarchiv Leipzig. BV I, 771, S. 1 ff.). Gustav Kistein starb 1934, seine Frau, (Jüdin) nahm sich vor dem Verhör durch die Gestapo 1939 das Leben. 28 Spamer-Bote, Mitteilungen für die Betriebsgemeinschaft der Spamer AG, Leipzig, 1936, Januar, S. 1. 29 Spamer-Bote...,1943, März, S. 2. 30 Spamer-Bote...,1939, Januar, S. 5 u. 6. 31 Spamer-Bote...,1939, Mai, S. 12 u. 13. 7
  8. 8. Druckerei und Buchbinderei dar. Gleichzeitig veröffentlichte sie einen Wiegendruck des Verlages von 1877.32 Aber auch Berichte über Betriebsversammlungen, Appelle und Feiern gaben Aufklärungen über die Entwicklung des Betriebes von 1933 bis 1944. Selbst die Strukturen der DAF in der Spamer AG sowie die personelle Zusammensetzung der Leitung und der fünf Zellen des Unternehmens in Leipzig (mit ca. 1200 Mitarbeitern (?) Anfang 1937 in Leipzig) wurden aufgelistet.33 Nach den Krisenjahren expandierte das Unternehmen und verzeichnete zunehmend Wachstum. Es baute auf Qualität im Druck und der Buchbinderei auf. 1937 erlangte das Spamer-Haus auf der Internationalen Ausstellung in Paris eine Goldene Medaille.34 Gleichzeitig wuchs aber ebenso die Stellung des Hauses im NS- Propagandamechanismus. So besuchten bereits am 20. Juli 1936 der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, Robert Ley, der sächsische Reichsstatthalter Martin Mutschmann mit einem Stab von Nazigrößen, feierlich von der Betriebsführung begrüßt, die Spamer-Betriebe und ließen sie als ein vorbildliches NS-Unternehmen erscheinen.35 Die äußere Aufmachungen und die Texte des „Spamer- Boten“ unterstrichen bis 1944 dieses Bild. „Meyers Nachrichten“, Werkszeitschrift für die Betriebsgemeinschaft des Bibliographischen Instituts AG, Leipzig (die ersten Nummern trugen die Bezeichnung Werkzeitung), erschien anläßlich des 1. Mai 1935. Gleich die erste Nummer spiegelt demonstrativ wider, dass das Unternehmen sich völlig auf das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit ausgerichtet hatte. Der Betriebsführer verkündete der Gefolgschaft den 1. Mai 1935 als Tag der Arbeit und ließ die nationalsozialistische Maifeier im Krystall-Palast von Leipzig stattfinden. Zugleich stellte sie die ab 1933 tätige Betriebsführung, den Vorstand der AG und die Führer des NS-Apparates vom Betriebszellenobmann, Propagandawalter über den Pressewalter bis zu den Betriebswarten vor. Die Mai Ausgabe der Werkzeitschrift von 1937 drückte diese Entwicklung im Betrieb noch stärker aus. Der Leitartikel zum Tag der Arbeit verlangte eine Hebung der „qualitativen Arbeit“ als unbedingte Pflicht der Gefolgschaft. Teil der Pflichten sei aber auch „Drohnen und Maden“ im „noch kranken Volkskörper“ zu bekämpfen. Dem schlossen sich Grundsatzartikel zur „Bereitschaft zur neuen Zeit“, „Warum ‚Drittes Reich‘“ („Das Dritte Reich ist das Reich der Erfüllung deutscher Sendung“) und „Volksgemeinschaft - Betriebsgemeinschaft“ an. Der letzte Beitrag hob die Aufgabe des Betriebsleiters, gegen Drohnen im Betrieb vorzugehen und fleißige, treue, richtige Arbeitsbienen zu fördern, nochmals hervor. „Mitteilungen der Betriebsführung und der Betriebsgemeinschaft“ erklärten die Teilnahme am Aufmarsch zum 1. Mai zur Ehrenpflicht. Das mit dem Lohn ausgegeben „Betriebsfeier-Abzeichen“ sei unbedingt zu tragen, um in die Maifeier, mit fester Platzordnung, eingelassen zu werden. Schließlich meldete die Zeitschrift: „Den Posten des Werkzeitungs-Schriftleiters übernimmt ab 1. Mai, auf Anordnung des Betriebsführers, der Betriebskamerad Pg. Prof. Dr. Heinrich Schmitz, Lexikon-Redaktion.“36 „10 Jahre nationalsozialistischer Aufbau im Bibliographischen Institut (BI) 1933 – 1943“ faßten zusammen: „Am 1.Oktober 1934 trat die erste Fassung der Betriebsordnung des BI in Kraft, die den äußeren Rahmen der neuen Betriebsgemeinschaft im nationalsozialistischen Geist festlegte.“37 Diese Art Bilanz in „Meyers Nachrichten“ vom 30. Januar 1943, versehen mit einem Großen Titelbild von Adolf Hitler, unterstrich die Bedeutung der Übernahme des Führer- und Gefolgschaftssytem für die Unternehmensführung, verbunden mit dem Vorgang, dass die alte Führung durch eine „neue Generation“, durch Dr. Helmut Bücking und Dr. Otto Mittelstaedt im Betrieb und Vorstand abgelöst worden war. In der von Dr. Mittelstaedt sodann verantwortlich gezeichneten Werkzeitschrift trat die Tendenz zutage, dass in den Jahren nach 1938 der Betrieb zunehmend offen wie eine militärische Einheit geführt wurde. Diskussionen über Arbeitszeit (nach 1943 bis zu 12 Stunden), Löhne, Freistellungen und Urlaub waren, wie in anderen Betrieben, untersagt. Schließlich verbreitete später die Werkzeitschrift, die Gefolgschaft sei wie Soldaten der Pflichterfüllung unterworfen, da seit Kriegsausbruch die gesamte Belegschaft auch „Dienstverpflichtet“ sei.38 32 Spamer-Bote... 1940, Oktober, S. 2. u. .3. 33 Spamer-Bote... 1942, September, S. 12. 34 Spamer-Bote... 1938, September, Titelblatt. 35 Spamer-Bote... 1936, September, Titelblatt u. S.1 ff. 36 Meyers Nachrichten. Werkzeitung (später Werkzeitschrift) für die Betreibsgemeinschaft des Bibliographischen Instituts AG, Leipzig, Verantwortlich: Dr. Otto Mittelstaedt, Schriftleitung: Walter Schmidt, Leipzig, 1937, 1. Mai, S. 8. 37 Meyers Nachrichten... 1943, Januar, S. 2. 38 Meyers Nachrichten... 1944, August, S. 1. 8
  9. 9. Rückblicke auf die Geschichte des BI, wie in der Nummer vom 1. August 1936 unter dem Titel „Von der ‚Erfurter Vorstadt‘ in Gotha zum Täubschenweg“, waren selten zu finden. Dagegen erschienen Artikel und Erklärungen im Stile „10 Jahre nationalsozialistischer Aufbau im BI“ und zur Verbreitung der NS-Ideologie. Widersprüchlich entwickelte sich die Sozialpolitik des Unternehmens. Einerseits wuchs ein Zwang, die zerstörten demokratischen Spielräume der Werktätigen und den wachsenden Leistungsdruck, verbunden mit erhöhter Arbeitszeit, weniger Urlaub, keine Kündigungsrecht u.a., durch einige soziale Zugeständnisse zu mindern. Andererseits zeigten sich Erscheinungen, die darauf verwiesen, dass Aspekte der von Hermann Julius Meyer begründeten Sozialpolitik nach 1933 fortbestanden. So legte die Betriebsleitung Anfang 1938 ein „Großes Umbauvorhaben der BI-AG“ vor, das insbesondere den Ausbau des Dachgeschosses des riesigen Gebäudes des BI für soziale Einrichtungen (Freiterrasse, Kaffee, Bad u. a.) vorsah. Mit den Umbauten begann das Unternehmen noch im April 1938.39 Ebenso führte das BI Hermann Julius Meyers „Stiftung für Erbauung billiger Wohnungen in Leipzig“ fort. Bis 1937 entstanden durch diese Stiftung 290 Häuser mit 2687 für einfache Leipziger Bürger bezahlbare Wohnungen und einer für damaligen Verhältnisse guten Ausstattung. Die „Wohnhauskolonien“ in Lindenau und Kleinzschocher verfügten über Park- und Spielflächen. Den Plan, diesen Beitrag zur Lösung der Wohnungsfrage in Leipzig durch weitere Bauten auf einem Gelände des BI an der Russenstraße fortzusetzen, verhinderte die Kriegsvorbereitung.40 Das BI informierte, im Vergleich mit anderen Betriebszeitschriften der Branche, mehr und offener über seine Produkte. In der Dezembernummer von 1940 stellte es zum Beispiel die gesamten „diesjährigen Herbstneuerscheinungen“ vor, die allein schon auf eine große Leistungsfähigkeit des Unternehmens schließen ließ. In der Bilanz (10 Jahre BI) von 1933 – 1943 führte es die verlegten Zeitschriften, Lexika, einschließlich der Neu- und Nachauflagen, der Wörterbücher, der Nachschlagwerke, Duden und Atlanten auf. Dabei trat ein, bei der Durchsicht nur der Werkzeitschrift nicht voll durchschaubarer, Widerspruch auf. Die Handschrift und das liberale, humanistische Grundanliegen des Verlegers Hermann Julius Meyer durchdrang noch einige Verlagswerke, wie das umfangreicher Meyers Lexikon. Gleichzeitig nahm die geistige und politische Anpassung an den Nationalsozialismus zu und bestimmte den Grundgehalt vor allem vieler neuer Ausgaben. Es erschienen neben Lexika, Handbüchern, der „Atlas des deutschen Lebensraums“, „Soldatenblätter“, „Schlag nach“ für Soldaten oder allein im Herbst 1940 zehn „Schlag nach“, die in über 17 von den Nazis besetzten Gebieten oder mit ihnen sympathisierenden Länder als Handbücher dienen sollten.41 Das gesamte Programm an Handbüchern und Karten für die Wehrmacht und die SS wurde jedoch nicht veröffentlicht. Zudem finden sich widersprüchliche Einschätzungen und Meldungen der Betriebsführer. Einerseits propagierten sie eine schnelle und große Wende mit Erfolgen für das Unternehmen durch den Nationalsozialismus. Andererseits tauchten verstreute, oft versteckte Einschätzungen der BI-Leitung auf, die mit der nach außen propagierten großen Wende und den schnellen Erfolgen durch den Nationalsozialismus nicht übereinstimmten. So fasste ein Bericht zusammen: „Das Jahr 1933 fand das graphische Gewerbe in seiner tiefsten Depression, die sich in besonders großer Arbeitslosigkeit und außerordentlich gedrückten Preisen zeigte. Und die mit der nationalsozialistischen Machtergreifung notwendigen Maßnahmen in Presse und Kulturleben zur Schaffung einer einheitlichen Willensbildung (Einstellung von Zeitschriften, Ausmerzung jüdischer und judenhöriger Autoren usw.) schienen zunächst die Lage des graphischen Gewerbes eher zu erschweren als zu erleichtern. Und unser BI befand sich in einer besonders schwierigen wirtschaftlichen Situation: Seit 1932 (bis 1937) konnten keine Dividende ausgeschüttet werden, im Gegenteil das BI arbeitete mit Verlust [...].42 An anderer Stelle hieß es, daß im BI im Jahre 1939 die Verlagsproduktion noch vorwiegend der Frieden bestimmt und der Krieg in das wirtschaftliche und soziale Leben der Firma tief eingegriffen hätte.43 Gleichzeitig erfolgten aber wachsende Investitionen und ab 1935 stieg die Anzahl der Beschäftigten sprunghaft an (1933 noch 522, 1935 bereits 711, 1939 schon 987).44 39 Meyers Nachrichten... 1938, April, insbes. Skizze S. 1. 40 Meyers Nachrichten... 1937, Dezember, S. 1 - 3. 41 Mayers Nachrichten... 1940, November, S. 3 ff u. Dezember S.11 ff. 42 Meyers Nachrichten... 1943, Januar, S. 2. 43 Meyers Nachrichten... 1943, Januar, S .7. 44 Mayers Nachrichten... 1943, Januar, S. 2 u. 7. 9
  10. 10. Der Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh verlegte bereits 1934 die erste „Bertelsmann-Illustrierte“. Weitere Ausgaben folgten in großen Abständen. Im Impressum trug sie im Vergleich zu den anderen Werkzeitschriften den Vermerk: „Sie ist eine Gemeinschaftsarbeit der Gefolgschaft unter freundlicher Mitwirkung aus dem Autorenkreis“.45 Nach 1939 folgte der Zusatz „Soldatengruß und Werkzeitung“. In der Nummer von 1934 wurde noch christliche Literatur, die, neben anderen Büchern und der Schriftenreihe „Christentum und Judentum“ eine wichtige Säule des Verlages einst war, besprochen. Aber im Beitrag von Werner von Langsdorf begannen sich schon „Flieger am Feind“, alte Frontkämpfer, das Dritte Reich und die Losung „Luftfahrt ist Not“ in den Mittelpunkt zu schieben. Die „Illustrierte“ von 1935 gewährte in einen offenen Brief von Dr. H. Martin Elster nur „volksverbundene Dichtung“ Existenzberechtigung auf dem Buchmarkt. Elster hob hervor: „Ich bin gewiß, daß alle ebenso denken, die sich der Worte des Führers in seiner Kulturrede zu Nürnberg erinnern.“46 Dann propagierte die Zeitschrift der Betriebsführung Heimatdichter, lobt völkische und nordische Literatur und kaum noch christliche. Ein Jahr danach (1936) stellte die „Bertelsmann-Illustrierte“ den von Goebbels außerordentlich geförderten und vom Hauptschriftleiter des „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“, Hellmuth Langenbucher als Dichter der nationalsozialistischen Schicksalswende sowie als Verkünder des „Opfertodes als Vollendung von Leben“ gefeierten P .C. Ettighoffer als die Visitenkarte des Verlages vor. Der Bertelsmann Verlag editierte bis 1937/38 neun Schriften von Ettighoffer, „Verdun - Das große Gericht“ allein mit einer Auflage von 200 000.47 Die Verlagsarbeit, hieß es weiter, sei immer unter Vorsitz von Herrn Mohn gestanden, die die Autoren wie Hans Grimm, Werner Bergengruen, Heinz Steguweit und auch Will Vesper gewonnen habe.48 Vesper schrieb 1943 einen großen Aufsatz in der Werkszeitschrift zum 1. Mai. Er lobte die Rolle Hitlers und verlangte Entschlossenheit, äußerste Anstrengungen und höchste Leistungen für das Vaterland von der Gefolgschaft. Will Vesper, NS- Dichter, Reichsredner war auch Herausgeber der Zeitschrift „Die neue Literatur“, die in Leipzig in den zu den NS-Verlagen zählenden Avenarius Verlag erschien. Vesper hetzte die Leser nicht nur zur Verfolgung von linken und liberalen Autoren und zur Vernichtung deren Schriften auf, sondern er propagierte auch einen extremen Antisemitismus, der manchmal den von Goebbels überholte. So verbreitete er in seiner Zeitschrift im Januar 1938 eine Liste der in Österreich vorhandenen „Judenverlage“ und feierte im Mai 1938 die Liquidierung „des jüdischen und undeutschen Verlegertums in Wien“ und ganz Österreich als „Befreiung“.49 Den Geist der Verlagsarbeit charakterisierend schrieb der Betriebsführer Heinrich Mohn, unterstützt von seinem Betriebsobmann: „Mit seinem Werk ‚Mein Kampf‘ schenkte der Führer der deutschen Nation ein solches Buch, das Buch, dessen Erkenntnisse zu den heiligsten Gütern gehören, die uns zur geistigen Entscheidung rufen und um die letztlich heute das Ringen der Völker geht.“50 Anschließend forderte er seine Werkleute auf, zu geloben, die „Herstellung und Betreuung deutschen Buchschaffens“ im Sinne des Führers als „Waffenträger der Nation“ zu leisten. Die Werkzeitschriften (abgesehen von der Werkzeitschrift der Betriebsgemeinschaft F. A. Brockhaus, Leipzig, „Der Fabianer“, die erst ab Nr. 9 / 139 verfügbar ist) reflektieren die Gleichschaltung der Firmen bereits schon in den ersten Jahren der NS-Herrschaft. Sie öffnen zudem ein Fenster für innere Vorgänge in den einzelnen Betrieben. Alle Betriebsführungen übernahmen zügig die nationalsozialistischen Herrschaftsmethoden im Unternehmen und wandelten sich, mit Nuancen, zu Stützpunkten und Multiplikatoren nationalsozialistischer Ideologie und Politik. 45 Bertelsmann-Illustrierte. Gemeinschaftsarbeit der Gefolgschaft unter freundlicher Mitarbeit aus dem Autorenkreis, Schriftwaltung: Theodor Berthoud. Gütersloh, 1934 bis 1943. 46 Bertelsmann-Illustrierte... 1936, S. 2. 47 P. C. Ettighoffer: Wo bist du – Kamerad?. Essen 1938, Anhang des Verlages C. Bertelsmann. Hellmuth Langenbucher: Volkhafte Dichtung der Zeit. Berlin 1940, S. 531, 532, 537. 48 Bertelsmann-Illustrierte...Kriegsweihnachten 1942. 49 Die neue Literatur. Leipzig, 1938, Heft 1 (Januar), S. 45/46 u. Heft 5 (Mai), S. 264. Heinz Steguweit, Hans Grimm, Will Vesper und viele andere NS-Autoren spielten nach 1945 eine wichtige Rolle in der Remilitarisierung, der rechten und rechtsextremen Medienwelt sowie in der „Gründergeneration“ der rechtsextremen Zeitschrift „Nation Europa“, die in Coburg erschien. Vgl.: Peter Dehoust: 50 Jahre Nation & Europa. In: Nation Europa, Coburg, 2001, Heft 1, S. 6. 50 Bertelsmann-Illustrierte...1943, (Nationaler Feiertag des deutschen Volkes). 10
  11. 11. Schub zur Modernisierung der Technik Beachtenswerte Aussagen bot die Werkszeitschrift der Firma C. Bertelsmann über umfangreiche Neu- und Erweiterungsbauten für die Druckerei, den Verlag und Versand in den Jahren 1937/1938.51 Dabei stellte sie auch einige soziale Maßnahmen vor. Den umfangreichen technischen Ausbau des Betriebes deutete dagegen das Führungsblatt der Betriebsleitung nur an. Andere Werkzeitschriften berichteten ebenso über Aus- und Neubauten sowie über neue oder erweiterte Zweigstellen. Bei ihnen rückt aber meist die technische Erneuerung, die abgesehen von Ausnahmen 1935/1936 einsetzte, mehr in den Vordergrund. Die Betriebsleitung von Giesecke & Devrient fasste ihre Investitionen wie folgt zusammen: „Es erfolgte die Vermehrung des Schriftenbestandes, die Anschaffung moderner Maschinen für den Offset- und Buchdruck bis in die letzte Zeit vor Kriegsbeginn hinein. Im Zusammenwirken mit der Schnellpressenfabrik Koenig & Bauer in Würzburg gelang die Entwicklung einer neuen deutschen Zweifarben-Zweitourenpresse. Die Reproduktionsphotgraphie und Photolithographie wurden vollständig erneuert, die Offsetdruckerei durch Aufstellung großer Mehrfarbenschnelläufer in ihrer Leistungsfähigkeit erheblich gesteigert. Neu aufgenommen wurde der maschinelle Kupferdruck mit Runddruckmaschinen, um auf diesem Gebiet im Ausland die englische und amerikanische Konkurrenz zu brechen und der wertvollen Technik den Inlandsmarkt zu erschließen. Die Entwicklung eines besonderen Sicherheitsschecks vervielfachte die Aufträge der Banken auf diesem Gebiet.“52 Zu dem richtete das Unternehmen ein eigenes chemisches Forschungslabor ein und erklärte, daß die technischen Erweiterungen weniger neuen Raum erforderten, als die damit verbundenen neuen Arbeitskräfte und deren Handarbeit. BG Teubner, bereits ein leistungsfähiges Unternehmen, modernisierte vor allem 1937/1938, wie beispielsweise die „BGT“ vom April 1938 gesondert berichtete, umfangreich seine technischen Betriebe, vor allem durch einen modernen Maschinenpark. Aus dem „Spamer-Bote“ kann ebenso entnommen werden, dass die Spamer AG sich räumlich ausdehnte, Vertretungen in Stuttgart, Dresden, Hamburg, Bremen, Rodenkirchen besaß und ihren Sitz in Berlin in das Europa-Haus in der Wilhelmstraße verlegte.53 Noch im Frühjahr 1939, wenige Monate vor Kriegsbeginn, hob der „Spamer-Bote“ hervor, dass, über „10 Wochen dauernd“, eine völlig neue Mehrfarben-Tiefdruck- Rotationsmaschine aufgebaut wurde, ein „Gigant aus Eisen und Stahl“ von 2000 Zentner und einer Länge von 23 Meter. Die Firma F.A. Brockhaus unterrichtete ihre Mitarbeiter über die Entwicklung der Druck- und Bildtechnik in der Form von Fortbildung in den Nummern der „Der Fabianer“ vom April 1939 bis Oktober 1939, um die Arbeiter an die neue Technik heranzuführen. Bei allen Grenzen der Aussage der Werkzeitschriften privater Buchandelsgroßunternehmen und ihrer Druckereien, kann aber geschlussfolgert werden, dass sich von 1935/1936 bis Sommer 1939 eine schnelle und zugleich auf wenige Jahre konzentrierte Expansion der Unternehmen vollzog, die vor allem ein außerordentlicher Prozess der technischen Modernisierung charakterisierte. Selbst wenn dieser Vorgang im Zusammenhang mit dem gesamten Entwicklungsprozess (Säuberung, Verfolgung, Anpassung usw.) gesehen wird, kann er als großer, sich in einem kurzen Zeitabschnitt durchsetzender technischer Schub angesehen werden. Den internationalen Vorsprung konnten deutsche Firmen jedoch nur im Rahmen des Krieges und der besetzten europäischen Länder kurzfristig nutzen. Er zerbrach an den furchtbaren Auswirkungen des faschistischen Krieges für Deutschland. Kriegsvorbereitung und differenzierte Reaktion Fast alle Werkzeitschriften reflektierten unterschiedlich die Wirkungen einer Politik von Kriegsvorbereitung und Krieg auf den Verlag, das Buch, den Buchmarkt sowie die Herstellung und Gestaltung des Buches. Kriegsverherrlichende Schriften spielten in der Weimarer Republik schon eine 51 Bertelsmann-Illustrierte...Kriegsweihnachten 1941, Bilder u. 1943,(Nationaler Feiertag des deutschen Volkes), Bilder mit Text über soziale Einrichtungen. 52 GD Nachrichten...1941, Dezember, (Zehn Jahre Aktiengesellschaft), S. 3. 53 Spamer-Bote... 1937, Mai, S. 8 und 1938, August, S. 7. 11
  12. 12. wichtige Rolle. Nach der NS-Wehrgesetzgebung vom Mai 1935 nahm der Druck auf eine geistige Militarisierung und Kriegsvorbereitung zu. Das „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandels“ begann im Oktober 1935 eine Artikelserie über ihre Vorstellungen und die der Wehrmacht zu verbreiten, wie die Literatur für die Truppenteile und die Massenmanipulation für einen Krieg inhaltlich gestaltet sein sollte. 1937 gab das Reichskriegsministerium inhaltliche Schwerpunkte (Tapferkeit, Heldentum, Disziplin, Gehorsam, Todesbereitschaft usw.) für deutsches Schrifttum bekannt. Im Frühjahr legte das OKW eine Liste der von ihm geförderten und zu förderten Bücher dem Börsenverein vor und begann, verstärkt selbst Verlage zu beeinflussen. Der General von Cochenhausen referierte auf der Kantate des deutschen Buchhandels im April 1939 vor den Mitgliedern des Börsenvereins und der Gruppe Buchhandel der Reichsschrifttumskammer über die Bedeutung von Wehrerziehung und Schrifttum für das Militär und stimmte indirekt auf den bevorstehenden „Polenfeldzug“ ein.54 Zweifellos wuchs die Zahl der Schriften, die direkt und indirekt der geistigen Kriegsvorbereitung dienten. Ebenso verbreitete sich die NS-Rassentheorie in den Werkzeitschriften und der Buchproduktion. „Mayers Nachrichten“ stellten in redaktionellen Grundsatzartikeln fest, dass dieser Geist, der über Deutschland „weht“, Volksgeist wäre. „Und schon beginnt er, die Brudervölker zu erfassen und sich über die Erde zu breiten. Aus der deutschen Wiedergeburt wächst das Erwachen Europas und damit das erwachen der weißen Rasse, unerbittlich, unaufhaltsam.“55 Sie sprach ganz im Sinne der Goebbelspropaganda von einer angeblichen „Wiedergeburt der heldischen Seele des Nordens“, einer neuen Sendung. Betriebsführer Martin Giesecke überreichte demonstrativ Gauleiter Martin Mutschmann, SS-Obergruppenführer Udo von Woyrsch und einem NS-Kreisleiter die extra handgebundenen Schriften „Das Bauerntum als Lebensgemeinschaft“ vom NS-Rassentheoretiker Hans F. K. Günther.56 „Mayers Nachrichten“ berichteten im Januar 1936 „Über die Liebe zu unserem Acker und zu unseren Waffen“ und stellten einem Monat darauf den „Heldengedenktag“ heraus. In den genannten Beiträgen der „Meyers Nachrichten“ befandet sich jedoch immer wieder Illusionen über den „Willen Deutschland zum Frieden“. Auch ließ die Werkzeitschrift erkennen, dass sie die Eingliederung Österreichs und ein „Großdeutsches Reich“ als Taten des Führers bejubelte, aber ebenso so, dass sie „ohne Opfer an Blut“, ohne Krieg geschah.57 „Der Fabianer“, die Werkzeitschrift der Betriebsgemeinschaft F.A. Brockhaus befürwortete die Annexion des Sudetenlandes, den Wachstum des „Großdeutschen Reiches“ und seine Bedeutung für das graphische Gewerbe, verbreitete jedoch gleichfalls Vorstellungen über eine zukünftige mögliche friedliche Entwicklung. Hier sind Tendenzen verborgen, die Hinweise geben, warum eine Reihe Unternehmen des Gesamtbuchhandels, die über eine breite Palette von Printmedien verfügten, sich nicht oder nicht voll auf den Kriegsbeginn 1939 eingestellt hatten und eine allgemeine bedenkenlose Kriegsbereitschaft selbst unter ihnen nicht erreicht worden war. Das von der Reichsleitung der NSDAP gewünschte extreme Feindbild war in den Köpfen von einigen Betriebsführern noch nicht voll herangereift. Im Jahre 1938 ergab sich eine politische und geistige Situation in Deutschland, dass sich Hitler gezwungen sah, selbst einzugreifen. Er ließ am 10. November 1938 ca. 400 deutsche Journalisten und namhafte Verleger in München versammeln, um seine neue Linie in der Propaganda nachdrücklich durchzudrücken. Nur aus taktischen Gründen hätte er, so Hitler, einen deutschen Friedenswillen vor allem nach außen vertreten. Das habe bei vielen Menschen Auffassungen erzeugt, dass sein Regime unter allen Umständen Frieden wolle. Das Volk hätte die Propaganda psychologisch eingestellt, dass bestimmte Dinge mit friedlichen Mitteln oder aber mit Gewalt erreicht werden müssten. Jetzt soll das Volk zur Geschlossenheit, zum Selbstbewusstsein und zum absoluten Glauben an die Führung beeinflusst werden. Es müsse „so fanatisch an einem Endsieg“ glauben, dass selbst Niederlagen es nicht davon abbringen könnten. Hitler rückte die Gewalt, den Krieg als nun sein einziges Mittel seiner Politik in den Mittelpunkt. Der „ungeheuren Macht der Presse“, den Medien als „Instrument der Führung“ erteilte jetzt Hitler die Aufgabe, das Volk in diese Richtung zu manipulieren.58 54 Otto Seifert: …, S. 87 u. 88. 55 Mayers Nachrichten...1937, Mai, S. 3. 56 BGT...1941, Dezember, S. 3. 57 Mayers Nachrichten... 1938, April, S. 1 u.3. 58 Hitler vor Vertretern der deutschen Presse am 10. November 1938 in München. In: „Es spricht der Führer“. 7 exemplarische Hitler-Reden. Herausgegeben von Hildegard von Kotze, Helmut Krausnick. Gütersloh 1966, S. 268 – 286. Noch im Juni 1936 hatte der Stellvertreter des Führers R. Heß, abgestimmt mit dem Reichsschatzmeister der NSDAP, die Dienststellen der Partei angewiesen, die im Zentralverlag der NSDAP 12
  13. 13. In den Werkzeitschriften traten aber Tendenzen an den Tag, dass sich Teile des Management in ihrer Unternehmensstrategie, im Gegensatz zur Rüstungsindustrie, nicht mit dem nötigen Tempo und aller Konsequenz auf einen Krieg eingestellt hatten, sogar eventuell noch Illusionen über die Politik Hitlers besaßen. In einem Rückblick vermerken die „GD Nachrichten“, dass kriegsbedingte Hindernisse und Schwierigkeiten, neue Gesetzte und die neue Lage, sich auf das Unternehmen ausgewirkt hätten.59 Später meldete der Geschäftsbericht, dass der Inlandsumsatz in den folgenden Jahren zwar eingehalten werden konnte, jedoch nicht der Auslandsumsatz. Der „Ertrag“ wäre deshalb insgesamt niedriger.60 „Meyers Nachrichten“ fassten diese Problematik zusammen: „Der Krieg hat in das wirtschaftliche, technische und soziale Leben des BI tief eingegriffen. Immer mehr Mitglieder der Gefolgschaft wurden zur Fahne gerufen oder für die Rüstungsindustrie dienstverpflichtet. Viele Verlagsplanungen und Aufgaben des Friedens wurden verzögert und verhindert; an ihre Stelle traten kriegswichtige Aufgaben, die einen immer größeren Teil der Kräfte des BI in Anspruch nahmen. Nach vorübergehender Kurzarbeit im Herbst 1939 stiegen die Anforderungen bald so sehr an, daß die tägliche Arbeitszeit in fast allen Abteilungen auf 10 Stunden erhöht werden mussten. Es war notwendig, die wegen Einberufung oder Dienstverpflichtung ausscheidende Gefolgschaftsmitglieder möglichst weitgehend zu ersetzen, vor allen durch Frauen und zuletzt durch ausländische Arbeitskräfte.“61 Die „Bertelsmann-Illustrierte“ stellte in einem Werksbericht Zwänge zur Veränderungen in der Produktion und Schwankungen in der Gefolgschaft fest. Das habe ergeben, „daß die Zahl der Männer, die vor zwei Jahren noch fast die Hälfte der ganzen Gefolgschaft ausmachte, nun unter einem Drittel gesunken ist. Unter den weiblichen Gefolgschaftsmitgliedern sind viele verheiratete Frauen, die oft nur halbtagsweise ihre Kraft zur Verfügung stellen können, außerdem 63 Jugendliche unter 18 Jahre.“ 62 Über die Werkzeitschrift „CD Gemeinschaft“ vom April 1940 teilte die C. Dünnhaupt K.G, Dessau der „Betriebsgemeinschaft“ mit: „Bei Beginn des Krieges gab es für die verschiedenen Betriebe unseres Gewerbes keine anwendbaren Lösungen, wie man die Lage meistert, sondern es war ureigenste Aufgabe jedes einzelnen Betriebes, mit den auftretenden Schwierigkeiten fertig zu werden.“ Auf Grund des einsetzenden Produktionsrückgangs sei für die Monate September bis November 1939 eine erhebliche Minderbeschäftigung entstanden und die Gefolgschaftsstärke sogar um 30 Prozent zurückgegangen. Insgesamt brachen fast alle technischen Erneuerungen in den Betrieben 1939/40 ab. Differenzierte Sicht von Kriegsfolgen Die Werkzeitschriften geben (zum Teil differenzierte) Einblicke in bestimmte länger wirkende negative Folgen des faschistischen Krieges für die Unternehmen. Sie nennen stetige Verluste an qualifizierten Arbeitskräften, die sich bereits schon 1938 bemerkbar machten und ansteigenden Mangel an Nachwuchs, da Lehrlinge, die gerade ihre Lehre abgeschlossen hatten, die Wehrmacht oder der Arbeitsdienst sofort einzogen. Zudem veränderte sich einschneidend die Sozialstruktur in Verlagen und im graphischen Gewerbe durch den anwachsenden Frauenanteil, oft ohne Facharbeiterabschluss. Lehrausbildung und Teilqualifizierung entwickelten sich zu einer stetigen Führungsgröße des Managements. Schon in der Weihnachtsausgabe 1939 berichtete die Spamer AG, dass es notwendig gewesen sei, ein „Berufserziehungswerk“ zu schaffen, wo die Lehrlinge zusätzliches praktisches und theoretisches Wissen sowie eine „systematische weltanschauliche Schulung“ vermittelt bekamen. Von der Betriebsführung des Unternehmens B.G. Teubner ging sogar 1942 die Initiative aus, für Leipziger Betriebe „Gemeinschaftslehrwerkstätten“ zu gründen, in denen in drei gesonderten Lehrwerkstätten Buchbinder, Buchdrucker und Schriftsetzer eine qualifizierte Ausbildung erhielten. Für diese Werkstätten, die in Absprache mit Leipziger graphischen und papierverarbeitenden Betriebe und der DAF entstanden, stellte Teubner, so die „BGT“ vom November 1942, sogar fast die gesamten Räume und Neuausbauten zur Verfügung. gedruckte Broschüre „Hitlers Kampf um den Weltfrieden“ zu vertreiben und möglichst große Sammelbestellungen zu erwirken. Vergl.: Führerblatt. Gau Schlesien der NSDAP, Breslau, 1936, 1. Juni, S.15. 59 GD Nachrichten...1941, Februar, S. 2. 60 GD Nachrichten... 1943, August, S. 7. 61 Meyers Nachrichten... 1943, Januar, S. 2. 62 Bertelsmann-Illustrierte...1941, Kriegsweihnachten, Werksberichte. 13
  14. 14. Hinzu kamen Zwänge, das fachliche Profil teilweise oder fast ganz zu verändern. Gleichzeitig wuchs der Leistungsdruck auf die verfügbaren Arbeitskräfte, die erst 10 später sogar 12 Arbeitsstunden pro Tag zu leisten hatten, ab 1943/44 oft verbunden noch mit Wach- und Luftschutzdienst.63 Alle Werkzeitschriften signalisierten, wenn auch in unterschiedlicher Form und Intensität, daß die Papierkontingentierung sowie die Qualität des Papiers auf den Umfang und den Inhalt sowie die Endprodukte von Druckerei und Verlag nachhaltig einwirkten. Die Wehrmacht verfügte im Verlaufe des Krieges über das größte Kontingent an Papier, aber auch die Waffen SS, die Organisation Todt und die Reichsbahn verteilten Anteile. Der riesige NS-Medienkonzern mit ca. 160 Unternehmen (einschließlich der Gauverlage) sowie zahlreichen neugegründeten Verlagen in den besetzten Gebieten besaßen einen eigenen, undurchschaubaren Zugriff auf Papier und nutzten zudem auch das Kontingent der Wehrmacht. Der Kampf um den „neu geordneten“ Buchmarkt Europas Ausgehend davon, daß die Wehrmacht und die SS den größten Teil von Europa besetzt sowie faschistischen Regime in Europa sich mit Deutschland verbundenen hatten, begann ein Schlacht um diesen großen, meist mit Schließungen, Verboten, Vertreibung und Vernichtung, mit Gewalt geschaffenen Buchmarkt. Der Vorsteher des Börsenvereins und Leiter der Gruppe Buchhandel der Reichsschrifttumskammer forderte bereits Anfang 1941 vom deutschen Verlagsbuchhandel, er solle seine „Neuproduktion“ in „Normalschrift, der sogenannten Antiquaschrift“ herstellen, da die „Frakturschrift“ außerhalb der Reiches schlecht angenommen werde und so der Konkurrenz helfe. Vor dem deutschen Buchhandel und dem Börsenverein bestehe nun das Ziel, im Zusammenhang mit der politischen europäischen Neuordnung eine „einheitliche europäische Buchhandelsordnung“ unter deutscher Führung durchzusetzen.64 So stellten beispielsweise nach dieser Vorgabe der „Spamer-Bote“ und die „Meyers Nachrichten“ in der folgenden Zeit den Schriftsatz der Werkzeitschriften um. Noch 1936 hob das Spamer-Haus hervor: „Bücher sind nicht nur zum Lesen da, sonder auch zum Betrachten.“65 Gutenbergs Erbe müsse heute auch durch das künstlerisch gestaltete Wort und Bild im Buch gepflegt werden. Eine Reihe andere Verlage und graphische Unternehmen versuchten gleichfalls, diese Tradition weiter zu führen. Im Verlaufe des Krieges verbot die NS-Führung erst „Brachtbände“, danach gebundene Bücher (mit Ausnahmen für den Export, Kunst- und Bildbände sowie speziellen Einbänden für Bibliotheken) und forderte sogar die Verlage, Druckereien und den Versand im September 1944 auf, alle gebundenen Bücher an den Vertrieb der Gaue zu veräußern sowie die in Ganz- oder Halbleinen gebundenen an die Firma Lühe & Co nach Ölsnitz im Vogtland abzuliefern. Die Masse des Schrifttums sollte nur noch broschiert verlegt werden.66 Lühe & Co war zum größten Vertriebsunternehmen des Zentralverlages der NSDAP und andere NS-Verlage aufgestiegen. Es steuerte ab 1943 maßgeblich die Frontbelieferung. Der Börsenverein beteiligte sich mit einem Drittel am Kapital des Unternehmens sowie an dessen Gewinn. Der Geschäftsführer des Börsenvereins Dr. Heß galt als geheimer, vertraglich festgelegter Berater des Unternehmens der NSDAP.67 In der Werkszeitschrift des Bibliographischen Instituts informierte die Betriebsleitung allgemein über die Verlagsneuerscheinungen und Nachauflagen nach Sachgebieten und mit Kurztiteln. Die von Brockhaus und Teubner publizierte ihre Veröffentlichungen jedoch zurückhaltender. Der Droste Verlag Düsseldorf nannte in seinem „Pressehaus“ beispielsweise im Januar/Februar 1944 „Neue Bücher des Droste Verlages“, gab aber nur den Autor, den Titel, seinen Verlag und kurz den Inhalt an, aber nicht die Art des Einbandes. Nur die „Bertelsmann-Illustrierte“ meldete Ende 1941 offen die Veränderungen in der Buchgestaltung. Die Arbeit in der Buchbinderei sei gemindert, Halbleineneinband existiere noch, aber mehrere Maschinen in der Buchbinderei hielten „zugedeckt den Winterschlaf“. Die gesamten Feldausgaben – so der Bericht „Aus unserer Buchbinderei“ - würden 63 GD Nachrichten...1943, S.6. 64 W. Baur: Ansprache des Leiters des Deutschen Buchhandels auf der Kundgebung. In: Der Deutsche Buchvertreter, Leipzig, Nr. 11/12, 5. Juni 1941, S. 64. 65 Spamer-Bote...1936, Januar, S. 5. 66 Beilage zum Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Leipzig, Nr. 70, 9. September 1944. Merkblatt zur totalen Mobilmachung des Buchhandels (bes. Absch.I.a). Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, BV I 735. Weisung des Goebbelsministeriums „schöngeistige Schriften“ nur noch broschiert herzustellen. 67 Otto Seifert:...S. 237 u. 138. 14
  15. 15. nur noch von auswärtigen Firmen hergestellt und dann vom Unternehmen versandt.68 Die Broschur dominierte. Andere grundsätzliche Vorgaben für inhaltliche Schwerpunkte in der Literaturproduktion reflektieren die Werkzeitschriften so gut wie nicht. Nach der geförderten Welle der Publikationen zur NS- Ideologie und Politik sowie zur Kriegspropaganda korrigierte die NS-Führung nach den ungeheuren Verlusten im Krieg diese Richtlinie. So verkünde der Vorsteher des Börsenvereins Wilhelm Baur auf der Sitzung der Kleinen Rates des Börsenvereins und der Gruppe Buchhandel am 5. Mai 1943 noch etwas halbherzig, dass der Führer die Unterhaltungsschriften als kriegswichtig eingestuft habe.69 Ministerialrat Wilhelm Haegert von der Schrifttumsabteilung des Reichsministeriums für Propaganda und Volksaufklärung verlangte am 9. März 1944 energisch von den Verlegern, die „Flut der sogenannten ‚politischen‘ Werke“ zu drosseln, endgültig mehr unterhaltende Schriften herzustellen und bei militärischen Schriften nicht nur Kampfhandlungen zu schildern.70 Nur ganz selten geben die Werkzeitschriften Hinweise, dass Verlage und Druckereien sich auf kriegswichtige Bücher, Broschüren, Truppenhandbücher, Handbücher für Regionen, Landkarten u. a. konzentrierten. Dieser Bereich unterlag der Geheimhaltung. Der „Spamer-Bote“ vermerkte ganz im diesem Sinne 1943: „Der Betrieb ist seit langem in stärkstem Maße für wichtige Sonderaufgaben eingesetzt und hat sich in vorbildlicher Erfüllung dieser Aufgaben ausgezeichnet.“71 Vom Unternehmen Giesecke & Devrient richtete die Werkzeitschrift die Aufmerksamkeit in der Nummer vom August 1941 auf Kroatien. Mit Hilfe der deutschen Wehrmacht sei hier das „jüngste Land Europas“ entstanden, geführt von Ante Pawlowitsch, der mit seiner Ustascha die Serben vertrieben hätte, an der Seite Deutschlands stehe und in gleicherweise wie in Deutschland die Judenfrage löse. Der Sinn dieses Artikels, der gezielt auf die Beschäftigten einwirken sollte, wird erst im Zusammenhang mit dem Berichte des Betriebsführers klar. Für Kroatien stellte die Firma die gesamten Wertpapiere und andere Druckerzeugnisse her.72 „Meyers Nachrichten“ lassen im April 1943 durchblicken, dass in den Lehrwerkstätten Landkarte im Maßstab von 1:160000 gedruckt werden. Über F. A .Brockhaus vermerkten die einzelnen Ausgaben der Werkzeitschrift nur Leistungen für spezielle Handbücher für einzelne besetzte Gebiete. Selbst in den Verlagsunterlagen von F. A. Brockhaus tauchte nur ein Hinweis über die Fertigung von speziellen Fliegerkarten für Nachtjäger auf.73 Die Werkzeitschriften boten für die Erforschung der Fertigung von sogenannten kriegswichtigen Druckerzeugnissen kaum ausreichende Anhaltspunkte. Die wenigen meist verschlüsselten Andeutungen, sind, wegen der damaligen Geheimhaltungspflicht mit Vorsicht zu verwerten. Auf die veränderten Vertriebsstrukturen von Büchern und Zeitschriften in der Zeit des Krieges reagierten die Werkzeitschriften nur mit vereinzelten Hinweisen.74 Ein Brief von Hans Langewiesche aus Eberswalde, Buchhändler und Mitglied des Kleinen Rates des Börsenvereins, an Wilhelm Bauer, Vorsteher des Börsenvereins und Leiter des deutschen Buchhandels, vom Dezember 1944 richtete die Aufmerksamkeit auf diese Problematik. Er klagt an, daß die Schüler, Schulbüchereien, die Volksbüchereien, die Werkbüchereien und die Zentrale des Frontbuchhandels (mit einem Anteil von über 50 Prozent) am Sortiment vorbei beliefert werden, das Sortiment aber höchstens nur noch 5-6 Prozent der zum Vertrieb freigegebene Bücher erhalte.75 Seine Aufstellung übersah die Belieferung der deutschen Volksbibliotheken in Deutschland und im Ausland, der NSDAP-Bibliotheken, der Bibliotheken der Wehrmacht, der SS, der Organisation Todt, der DAF, bes. in den neuen Gauen und in den besetzten Gebieten, der Bibliotheken der Lazarette sowie der Auslandsorganisation der NSDAP. Langewiesche schlussfolgerte im Zusammenhang mit der Gesamtrichtung der Buchhandelspolitik des Börsenvereins in seinem Schreiben, dass sie in eine Katastrophe führe und die Akteure Totengräber des Buchhandels genannt werden könnten. 68 Bertelsmann-Illustrierte...1941, Kriegsweihnachten. 69 Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, BV I 735. 70 Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, BV I 733. 71 Spamer-Bote...1943, März, S. 2. 72 Spamer-Bote... 1941, Dezember, S. 3. 73 Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, Teilbestand F. A. Brockhaus, 569/1 (Schreiben über vorgesehene Aufträge). 74 Einen ersten Einblick in die gewandelten Vertriebsstrukturen, besonders in den Frontbuchhandel bietet: Otto Seifert....S.249 –252. Einige größere Einblicke bieten die „Deutschen Zeitungen“ in den besetzten Gebieten und in mit den Nazis verbundenen Staaten sowie die Truppenzeitungen. 75 Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, BV I 738, Brief H. Langewiesche an W. Baur vom 29.12. 1944. 15
  16. 16. Während viele Werkzeitschriften die Masse der Bücher und Zeitschriften, die in die besetzten Gebiete und an die Front gingen, nur mit allgemeinen propagandistischen Äußerungen oder mit einzelnen Beispielen von Frontbuchhandlungen oberflächlich behandelten, gingen nur wenige direkt auf den Frontbuchhandel ein. Der Hauptlektor des C. Bertelsmann Verlages berichtete in der „Bertelsmann- Illustrierten“ ausführlich über die „Feldpostausgaben“ des Unternehmens. Die Reihen würden sich in drei Sammlungen unterteilen: Bertelsmann-Feldpostausgaben, Kleine Feldpost-Reihe und Bertelsmann-Feldposthefte.76 Zu den einzelnen Reihen erfolgte eine fast genaue Nennung von Autoren und Titeln, mit Hinweisen auf Lizenzen und Preise. Zahlreiche Druckereien und Buchbindereien hätte die Firma für diese Aufgabe herangezogen. “Fast die Hälfte der Produktion wurde und wird in den besetzten Gebieten und auch in einigen befreundeten Ländern hergestellt. Insgesamt sind bis jetzt rund zehn Millionen Bertelsmann Feldpostausgaben verbreitet worden. Weitere neuneinhalb Millionen befinden sich in der Herstellung.“77 Viele Werkszeitschriften vermittelten, dass das Unternehmen aktiv in die NS-Literaturpolitik und die neuen Vertriebsstrukturen einbezogen waren. Obendrein berichtete C. Bertelsmann in einer von anderen Unternehmen nicht bekannten Offenheit über seine Arbeit in der Zeit des Krieges (Produktion von mehr als 20 Mill. Feldpostausgaben) und bot und bietet auch für heute einmalige Informationen. Verbindungen des Verlages Bertelsmann mit dem NS-System, die für einen derartigen Massenvertrieb notwendig waren, bleiben im Dunkeln. Wenn es gelang, daß selbst die „Deutsche Polarzeitung“ für das besetzte Nord-Norwegen allein in ihrer Ausgabe vom 9. September 1942 für sieben Titel des Verlages von P. C. Ettinghofer warb, können die Beziehungen nicht gering gewesen sein. Interessant ist zudem, dass die Werbung sich mit einem Text von Ettinghofer verknüpfte, der mit einem Glaubensbekenntnis an Hitler, dessen Sieg und an das Soldatentum endete. Über Leistungen der Firma F.A. Brockhaus für das Frontbuchgeschäft finden sich nur Vermerke in den Verlagsunterlagen. Sie sagen aus, dass allein im Januar 1944 noch diverse Aufträge und Anforderungen für ca. 710 000 Feldpostausgaben und für ca. 530 00 Druckerzeugnisse mit Sonderzuweisungen vorlagen.78 Ein Vorläufiger Bericht der Zentrale der Frontbuchhandlungen stellte einen Jahresumsatz von 35 000 000 RM für 1943 fest. Hinzu kamen noch Verluste „durch Zerstörungen“ von 1 500 000 RM.79 Diese Angaben betreffen ausschließlich den Frontbuchhandel, die Lieferungen an die Front- und Truppenbüchereien (Goebbels plante 1939 60 000, im Januar 1941 sollen es bereits 41 000 gewesen sein), Lazarettbüchereien, die Einrichtungen der Militär- und Zivilverwaltungen in Ost und West und die von Organisationen und Personen betriebenen organisierten Postsendungen klammerte der Bericht aus. Abgesehen von Ausnahmen, sind die Werkzeitschriften von privaten Firmen (die NS- Firmen ausgeklammert) nur minimale oder eingeschränkte Quellen zur Erforschung des gesamten Frontbuchhandels sowie des riesigen Geschäftes der Verlage im Krieg am Sortiment vorbei. Wilhelm Baur, der Vorsteher des Börsenvereins und Leiter des Deutschen Buchhandels hatte am 17. Oktober 1939 im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel die Gründung einer Zentrale der Frontbuchhandlungen bekannt gegeben. In den Gremium saßen anfangs das Oberkommando der Wehrmacht, das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, die Deutsche Arbeitsfront, die Reichsschrifttumskammer und der Börsenverein. Diese Zentrale mit Sitz in Berlin unterschied sich von der Frontbuchorganisation im 1. Weltkrieg, wo die Oberste Heeresleitung im Grunde die alleinige Führung besaß. „Die Brücke“, für Front und Heimat, Werkzeitschrift des Verlages der Deutschen Arbeitsfront und der Büchergilde Gutenberg, Berlin stellte in einem größeren Bericht über 76 Es muss vermerkt werden, dass die einzelnen Bezeichnungen oft sehr willkürlich oder ungenau verwand wurden. Für die Front und die Truppe in den besetzten Gebiete existierten die Namen Frontbücher, nach und nach alle in Broschur, (broschierte) Feldpostbücher, (gekürzte) Bücher, Tornisterbücher, Feldposthefte und auch Feldpostbriefe, die durch ihr sehr geringes Gewicht auch verschickt werden konnten. Zudem produzierte man Bücher für die Frontbücherein. 77 Bertelsmann- Illustrierte...Nationaler Feiertag des deutschen Volkes 1943. Gustav Dessin: Unsere Feldpostausgaben. In einer Art Bilanz der Leistungen verschiedener Verlag für die Feldpostausgaben kamen die Straßburger Neuesten Nachrichten vom 18. 12. 1943 zu dem Schluss: „Vorbildlich auf dem Gebiet der Feldpostausgaben wirkt der Verlag C. Bertelsmann, der fast seine ganze Kraft nur noch dieser Aufgabe widmet.“ 78 Sächsisches Staatsarchiv Leipzig. Teilbestand Verlag F. A. Brockhaus, 569/1, Bericht von F.A. Brockhaus vom 24. 1. 1944 an das Arbeitsamt Leipzig. 79 Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, BV I 792. Vorläufiger Bericht über das Geschäftsjahr 1943 der Zentrale der Frontbuchhandlungen. 16
  17. 17. Frontbuchhandlungen in Frankreich und Belgien nachdrücklich heraus, die Gründung der Zentrale der Frontbuchhandlungen sei eine „einzigartige Idee“ von Wilhelm Baur gewesen.80 Sie war somit ein Gründungsakt der Reichsleitung der NSDAP durch ihren Hauptamtsleiter der Reichsleitung Baur, des Goebbelsministeriums und des dominierenden Zentralverlages der NSDAP mit den Verlagen der Gliederungen der Partei, der Gaue und der von der NSDAP beherrschten Verlagen. Sie sicherte die Führungsrolle und die Kontrolle dieser Institutionen über den riesigen Markt im Unterschied zum 1. Weltkrieg. Baur ließ die Zentrale in den Verlag der Deutschen Arbeitsfront setzen und bestellte den Chef dieses Verlages Eberhard Heffe, Parteimitglied der NSDAP seit 1921, zum Leiter der Zentrale. Baur sicherte seine Führungspositionen zudem als Vorsteher des Börsenvereins über die Kompetenzen des Vereins doppelt ab. So mussten alle Verlage und Auftraggeber beim Börsenverein einen Antrag für Rabatt für die auszuliefernden Frontbücher stellen. Dazu entwickelte der Börsenverein Grundsätze und führte Listen über die größten Rabattgenehmigungen, den Auftraggeber für die Ware sowie die Auflagenhöhe, die oft über 100 000 bis 200 000 lag.81 Die Höhe der Rabatte hing in der Regel vom Papierkontingent ab. Selbst das SS-Hauptamt, Verbände der SS und die von der SS geführten KZ mußten sich Genehmigungen einholen. Aus diesen Vorgängen und den Meldungen „Der Brücke“ wird ersichtlich, daß sich die NS-Führung mit der Zentrale in Berlin sowie mit Hilfe des Börsenvereins die Kontrolle, die Führung und vor allem das Hauptgeschäft auf dem Markt des Frontbuchhandels gesichert hatte. Im Vergleich zu den privaten Unternehmen, lieferten die Werkzeitschriften von NS-Druckereien und Verlagen, von eingegliederten großen Firmen wie Ullstein, später Deutscher Verlag, Berlin, Gliederungen der NSDAP und der Masse der Gauverlage (1939 ca. 59) zum Teil sondenhafte, insgesamt jedoch mehr Informationen über den riesigen Medienkonzern der NSDAP und vor allem über das riesige Geschäfte mit dem Frontbuchhandel und in den besetzten Gebieten. Kriegsverluste und Durchhaltepolitik Alle Werkzeitungen der privaten Verlage und Buchdruckereien gewährten einen Einblick in das damals in den einzelnen Firmen organisierte, vorherrschende geistige Klima. Einen großen Platz nahm der vor allem seit Kriegsbeginn verstärkt propagierte Führerkult ein, verbunden mit dem Ziel, die Massen so zu manipulieren, dass sie Adolf Hitlers Politik „fanatisch“ bis in den Tod folgten. Neben Texten zu dieser Thematik zierte das Titelblatt von „Meyers Nachrichten“ vom Dezember 1940 ein groß aufgemachtes Hitlerzitat und das vom April 1941 ebenso. „Der Fabianer“ brachte auf der ersten Seite der Nummer vom Juli 1943 groß heraus, die Firma Brockhaus habe vom „wohl größte(n) lebende(n) deutsche(n) Bildhauer“, Fritz Klimsch, eine Büste von ihrem Autor Sven Hedin, der auch die nationalsozialistische Neuordnung Europas in der Presse verteidigte, Adolf Hitler zum Geburtstag geschenkt. Die Titelseite veröffentlichte zugleich das Schreiben an die Herren Dr. Fritz und Hans Brockhaus, in dem Hitler den Herren und dem Verlag für die „große Freude“ herzlichst dankte. Im „Spamer-Bote“ fanden sich bereits 1937 und 1939 Bilder von Hitler auf der Titelseite, die Mai- Nummer von 1940 verlangte auf der ersten Seite alles für den Führer zu tun und stellte auf der nächsten Seite die Losung auf: „Führer befiehl, wir folgen!“, im Mai 1943 zierte die Titelseite erneut ein großes Führerbild. Dieser Kampagne schloss sie eine Propaganda zur noch stärken Verbreitung des nationalsozialistischen Ungeist an. Wichtige Aussagen liefern die Werkzeitschriften über den Verlust an einst mit großem Aufwand gut ausgebildeten Arbeitskräften. So schrieb der „Spamer-Bote“ vom Juli 1941, es wären Feldpostbriefe von 87 aus der Druckerei und 40 aus der Buchbinderei zur Wehrmacht Eingezogenen eingegangen. Im März erhielt er über 150 „Feldpost- Eingänge“ von ehemaligen Beschäftigten aus der Druckerei und von über 90 aus der Buchbinderei. Wenn die zunehmenden Dienstverpflichteten, die zum Arbeitsdienst Eingezogen und die angewachsene Zahl der im Krieg umgekommenen, die nicht mehr alle in der Werkzeitung gemeldet wurden, beachtet werden, entsteht ein Bild vom ungeheuren Aderlaß an Fachkräften im Verlag, in der Druckerei und Buchbinderei, einer schnell wachsenden 80 Die Brücke, Für Front und Heimat. Werkzeitschrift des Verlages der Deutschen Arbeitsfront und der Büchergilde Gutenberg, Berlin, 1940, August, Buchhandlungen in Frankreich und Belgien. S.1-4. 81 Sächsisches Staatsarchiv Leipzig, BV I, 792, Stellungnahme, Rabattabkommen, Anträge, Schreiben zum Vertrieb. 17
  18. 18. Überalterung der noch vorhandenen Kräfte sowie eine Strukturveränderung in Folge des anwachsenden Frauenanteils und von Angelernten. Eine zusätzliche Funktion übten alle Werkzeitschriften seit Kriegsausbruch aus. Sie wirkten als „Brücke“ zwischen „Heimat und Front“ sowie geistiger Betreuer von Soldaten, um vor allem die Kriegsbereitschaft zu stimulieren. Dem schließen sich vielfältige Aussagen an, die erkennen lassen, wie das Management und der politische Apparat die Betriebe zur „inneren Front“ gestalteten. Diese politische Grundorientierung der NS-Führung nahm auch der Börsenverein auf. Er verlangte in seinem Börsenblatt, eine „Innere Front“ im Gesamtbuchhandel gegen die „internationalen jüdischen Kriegshetzer“ zu schaffen und schrieb: „Die Front im Inneren wird ihre Mission darin sehen, mit ihrem Fanatismus und ihrer Opferwilligkeit der deutschen Nation zweite Schutzstellung zu sein, angetreten nach dem Befehl des Führers, erfüllt von den Ideen der nationalsozialistischen Bewegung - ein unerschütterlicher Wall des deutschen Lebenswille zu sein.“82 Ähnliche Ideen verbreitete „Der Fabianer“ auf seine Titelseite vom Oktober 1939. In der Weihnachtsausgabe 1939 des „Spamer- Boten“ legte die Werkleitung ihr Konzept über die „Aufgaben der inneren Front“ der Spamer AG vor. Teubners „BGT“ charakterisierte in der Juliausgabe 1940 die Mission der Betriebsgemeinschaft im Kriege und der „Sparmer-Bote“ vom März 1943 erklärte: „Dienst im Spamer-Haus ist fortan Kriegsdienst.“ Alle Werkzeitung geben in Leitartikeln, Aufsätzen, Bilanzen, Berichten von Werkappellen, Werkscharen, Werkfrauengruppen ausführlich über die Aktivitäten des Management, der NS-Organisationen beim Ausbau der „Inneren Front“, der Militarisierung der Betriebe und das sich dabei entwickelnde Betriebsklima tiefe Einblicke. In diesem Zusammenhang gilt für die Werkzeitschriften des graphischen Gewerbes und der Verlage die von Alexander Michel getroffen Feststellung, dass die Zeitschriften fest in die „Kriegs- und Durchhaltepropaganda“ des Regimes eingebunden waren.83 Hitler und Goebbels beschworen wiederholt in ihren Reden, einen neuen November 1918 in Deutschland mit den Mitteln der geistigen Manipulation, einer straffen, totalen Organisation und des Terrors auszuschalten. Das „Börsenblatt für den Deutsche Buchhandel“ erklärte dazu: „Diese Innere Front wird etwas anderes sein als die Heimat unsere Kämpfer von 1914 bis 1918, sie wird nicht eine Stätte der Mutlosigkeit, eine Sammelstelle der innerlich Schwachen sein, sondern sie wird [...] dem Begriff einer inneren Front Ehre machen.84 Ganz in diesem Sinne setzte „Der Fabianer“ im Januar 1942 auf die Titelseite: „In diesem Krieg gibt es nur eine Front: jeder ist in sie eingerückt und tut seine Pflicht auf dem Platz, an den er gestellt ist [...] Wie der Soldat mit der Waffe in der Hand die Stellung hält, angreift und siegt, so wankt die Front in der Heimat nicht und schafft weiter. Einen 9. November gibt es für Deutschland nie wieder.“ Im Gegensatz zu einigen nur schwach behandelten Problemen, unterrichten die Zeitschriften gründlicher über die Art und Weise der geistigen Manipulation der Arbeiter und Angestellten, die sich in den einzelnen Betrieben mit entsprechenden Führungsmaßnahmen sowie auf der Basis des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit und dessen extensiven Auslegung vollzog. Unterschiedlich zeigte sich das Ende der Werkzeitschriften an. Es fiel mit dem differenzierten, in wenigen Monaten verlaufenden Zusammenbruch der meist erst vor fünf, sechs Jahren modernisierten Verlage, Druckereien und Buchbindereien zusammen. Der „Spamer-Bote“ erschien im September 1943 als letzte Nummer, vor dem Luftangriff am 4. Dezember 1943 auf Leipzig und besonders auf das graphische Viertel. Ebenso gab Giesecke & Devrient im Mai 1943 die letzte Ausgabe der Werkzeitschrift heraus, in der noch Ludwig Devrient die Mitarbeiter seines Unternehmens zum „totalen Krieg“ aufrief, bevor der Krieg mit voller Härte auf das Unternehmen zurückschlug. Die Dünnhaupt KG, Dessau konnte dagegen 1944 noch drei Hefte verbreiten und forderte sogar noch fast Ende 1944 im 3. Heft mit „Kraft“ und „Stolz“ den „Opfer Sieg“ von der Belegschaft. Aus der Werkzeitschrift des Droste Verlages Düsseldorf vom August 1944 wird ein anderer Vorgang ersichtlich. Der Verlag führte in diesem Monat mit noch 340 Belegschaftsmitgliedern den letzten Betriebsappell durch, weil er seine Hauptprodukte an die Gauleitung Düsseldorf und deren Verlag überstellen musste. 82 Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel...Nr. 208, 7. September 1939, S. 641 (Die Innere Front). 83 Alexander Michel... S. 289. 84 Börsenblatt, ebenda. 18
  19. 19. Systembedingte Grenzen und Tabus Die Werkszeitschrift von B. G. Teubner, die für die Entwicklung des Unternehmens eigentlich von grundsätzlicher Bedeutung waren, behandelte beispielsweise viele betriebsinterne Veränderungen nicht. Nach 1936 traten Martin Giesecke als Betriebsführer und später der Geschäftsführer Dr. Gerhard Aengeneyndt immer mehr in den Vordergrund. Dr. Hermann Gieselbusch und Dr. Hans Ehlers dagegen erhielt 1939/40 eine Einberufung. Weshalb erhielt gerade sie keine Freistellung, die möglich war? Nach dem Luftangriff im Dezember 1943, der auch für B.G. Teubner großen Schaden gebracht hatte, erschien die Werkzeitschrift „BGT“ in veränderter Form, mit kleinerem Format und mit anderem Papier sowie mit Aufrufen zum Durchhalten und „Sieg“, deren Inhalt aber immer mehr vorrangig NS-Vertreter bestimmten, wie Johannes Mähnicke, Betriebswalter und Betriebsobmann, ehemals auch Schriftwalter der „BGT“, oder Paul Melzer. Zwar setzt B.G. Teubner einige Elemente der traditionellen Verlagspolitik seiner Gründer fort, vermerkte aber kaum in der Zeitschrift, daß das Unternehmen bereits in den zwanziger Jahre begann, sich geopolitischen, völkischen und sogenannten Grenzlandfragen verstärkt zu widmete. Über das frühzeitig errichtete Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie ist ebenso nichts vermerkt. B. G. Teubner übergab es 1922 an den die NSDAP fördernden und rassistisch orientierten Verlag J. F. Lehmann, München im guten Einvernehmen.85 Nach 1933 profilierte sich der Verlag besonders auf dem Gebieten der NS-Rassenpolitk, der nationalsozialistischen Vererbungslehre und Rassenhygiene. So legt er beispielsweise die Schrift von Wilhelm Grau, „Die Judenfrage in der Geschichte“ in fünf Auflagen und mehrere Schriften des NS-Rassentheoretikers Hans F. K. Günther auf. Der Verlag entwickelte sich zudem zu einem wichtigen Herausgeber von Schriften der nationalsozialistischen Geopolitik, Außenpolitik und Schulpolitik.86 Schon allein diese wenigen Beispiele verwiesen auf eine einschneidende Veränderung des Profils des Unternehmens, die in der Werkzeitschrift sowie in der in Leipzig 1961 erschienenen Festschrift zum 150. Jahrestag des Betriebes nicht erkennbar ist.87 Auch die Halbmonatszeitschrift für politische Bildung „Der Zeitspiegel“ verwandelte sich 1933 schrittweise in ein Organ für die NS-Pressepolitik und Fragen der Massenpropaganda. Ab 1934 brachte dann der Verlag B. G. Teubner, Leipzig und Berlin die Monatszeitschrift der Nordischen Bewegung „Rasse“ in Verbindung mit dem Nordischen Ring und führenden Rassentheortiker besonders von Hochschulen heraus, die die angebliche Überlegenheit der Nordischen Rasse und einen „weltanschaulichen“ Kampf, einen extremen Antisemitismus propagierten. Nach und nach stieg diese Zeitschrift zum Sprachorgan führender faschistischer Rassenpolitiker, wie Hauptdienstleiter Prof. Dr. W. Groß, Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, SS Obergruppenführer Hildebrandt, Chef des Rassen- und Siedlungshauptamtes der SS und anderer maßgebliche NS-Rassentheoretiker auf.88 Auf Grund dieses Verlagsprogrammes, der Möglichkeiten und Tendenz des Verlages sowie des graphischen Betriebes wuchsen Aktivitäten nationalsozialistischer Politiker im und um das Unternehmen. Die Werkszeitschrift geklammerte diese Vorgänge völlig aus. Karl Baur, Leiter des Georg D.W. Callwey Verlages, München schrieb in seinen taktisch geschickt formulierten Erinnerungen, dass er 1935 bei B. G. Teubner „einstieg“.89 Karl Baur war Freikorpskämpfer, Teilnehmer am Hitlerputsch, Blutordensträger der NSDAP, SA-Obersturmbannführer, zeitweise Mitglied des Aktionsausschusses des Börsenvereins und der Leitung des Verlegervereins, Mitglied der Leitung des Reichsverbandes Deutscher Zeitschriftenverleger, dann Mitglied des Großen Rates des Börsenvereins, Vertreter der Fachschaft Verlag im Börsenverein und Leiter der Fachschaft Verlag in der Gruppe Buchhandel der Reichsschrifttumskammer. Wilhelm Baur, den sogenannten Leiter des Deutschen Buchhandels, NS-Spitzenfunktionär und Vorsteher des Börsenvereins kannte er schon seit 1925 ebenso andere hohe Führer der NSDAP. Mit den faschistischen Rassengesetzen von 1935 trat nach den „Säuberungen“ von politisch Unliebsamen die Verfolgung von Juden im Buchhandel in den Mittelpunkt der Arbeit der Reichsschrifttumskammer und des Börsenvereins. Aber auch die Gestapo 85 Fünfzig Jahre Dienst am Deutschtum 1890 – 1930, J. F. Lehmann Verlag, München 1930, S. 42 ff. 86 Vgl.: Verlegerkartei der Deutschen Bücherei, Leipzig. 87 Teubner, B. G.: Festschrift zum 150 jährigem Bestehens des Verlages und des Graphischen Betriebes B. G. Teubner. Leipzig 1961. 88 Rasse. Monatszeitschrift für den Nordischen Gedanken. Leipzig, 1944, H.3. 89 Karl Baur: Wenn ich so zurückdenke. Ein leben als Verleger in bewegter Zeit. München 1985, S. 227. Den Einstieg in andere Verlage gilt es noch zu untersuchen. 19
  20. 20. und vor allem der SD, der direkt und über V-Leute ca. 400 Verlage überwachen ließ, konzentrierten sich auf die antisemitischen Aktionen.90 Für den 8. Dezember 1936 vermerkte das Amtsgericht Leipzig im Handelsregister den „Einstieg“ Karl Baurs bei Teubner als Geschäftsführer, ohne - auch später - eine Kapitalbeteiligung oder eine Verflechtung von Firmen zu registrieren. Im gleichem Jahr forderte Herr Freyer von der Geschäftsführung des Börsenvereins, die auch die Geschäfte des Bundes Reichsdeutscher Buchhändler wahrnahm, in deren Namen vom Leipziger Amtsgericht Auskünfte über die Beziehungen der Herren Domherr Hofrat Dr. Ing. Alfred Ackermann und Erich Ackermann zur Firme Teubner. Dr. Alfred Ackermann und Dr. Alfred Giesecke galten 1932 als die persönlich haftenden Geschäftsführer der eingetragenen Firma B.G. Teubner mit der Teubnerbuchgesellschaft und Teubner-Redaktions- Gesellschaft mit gleichen Aufgaben und Zweigniederlassungen. Erich Ackermann war an der Firma B. G. Teubner zu 50 Prozent beteiligt. Auf einer Liste der Reichsschrifttumskammer, die mit dem Stand vom 15. März 1937 noch 260 Juden oder mit Juden Verheiratete im Buchhandel führte, erschienen Dr. A. Ackermann als mit einer Halbjüdin verheiratet und E. Ackermann als mit einer Vierteljüdin verheiratet. Zu beiden lautete der Vermerk, daß ein Verfahren gegen sie laufe und Druck auf Verkaufsverhandlungen geführt werde.91 Im Handelsregister und im Adressbuch des Deutschen Buchhandels verschwanden nach diesem Zeitpunkt die beiden Namen, dagegen tauchte der des Verlegers und Blutordensträgers Karl Baur auf. B. G. Teubner hatten die Nazis mit willigen Helfern von „Artfremden ausgemerzt“. Im Sommer 1944 setzte Karl Baur, der sich selbst als Opfer nach 1945 präsentierte und dies in verschiedenen Schriften gestützt bekam, kurzerhand die Geschäftsführer und Direktoren der Teubner-Redaktions-Gesellschaft Dr. Gerhard Aengeneyndt und Dr. Hans Ehlers, der Dienst bei der Wehrmacht leistete, ab und kündigte den beiden Geschäftsführern fristlos. Karl Baur teilte sein Vorgehen im Namen der „Gesellschaft“ dem Amtsgericht Leipzig am 28. Juli 1944 mit. Ein von einem Münchner Notar beigefügtes Schreiben beglaubigte die wegen „wichtigen Gründen“ vorgenommene fristlose Kündigung (Gesellschafterbeschluss einer Person) und informierte, dass K. Baur als Geschäftsführer mit allen notwendigen Maßnahmen betraut sei.92 Die hier angeführten wenigen Beispiele verweisen nachdrücklich auf die Grenzen der Aussagefähigkeit der Werkzeitschrift von B. G. Teubner, die die Eigentümer, die Betriebsführung, die NSBO und die Führungsgremien des nationalsozialistischen Literaturapparates gezogen hatten. Aber auch „Meyers Nachrichten“ waren mit Tabus von der Betriebsführung belegt. Sie ließen einfach aus, daß das BI in den Krisenjahren ab 1934 bis 1939 regelmäßig ihre Geschäftsberichte der Gauleitung Sachsen übergab und sie über interne Probleme des Betriebes informierte. Da das BI in seinen Lexika Grundfragen der nationalsozialistischen Politik und Ideologie abhandelte, musste es inhaltliche Fragen mit NS-Dienststellen abstimmen. Die enge Bindung an den NS-Apparat wird auch daran erkennbar, dass der Reichstatthalter und Gauleiter von Sachsen einen Kapitalzuschuss (für finanzielle Probleme und Grundstückkauf) am 29. Oktober 1937 für das BI bewilligte.93 In anderen Firmen vollzogen sich ähnliche Vorgänge. Welche Verbindungen und Abhängigkeiten dabei von der NSDAP, dem Staatsapparat und der Wehrmacht entstanden, blieben für die Öffentlichkeit zum großen teil bis heute Tabu. Bis zum bitteren Ende Die „Meyers Nachrichten“ verfolgten das Schicksal des BI bis in die letzte Ausgabe am 15. Februar 1945. Im Heft vom März 1944 berichteten sie bereits detailliert über den Bombenangriff vom 3. Dezember 1943 und seine Folgen für das Unternehmen. Sie schilderten ebenso, wie sich die Beschäftigten unter schwierigen Umständen einsetzten, um die größten Schäden zu mindern. Für die Generation, die diese Zeit nicht miterlebte, sind sie ein wichtiges Zeitzeugnis. Wenige Tage nach dem Angriff im Dezember 1943 nahm der Betriebsführer Dr. Mittelstaedt die Gefolgschaft auf den Hof der Firma zusammen und versicherte, den Betrieb in Leipzig teilweise wiederherzustellen. Gleichzeitig sagte er, dass die Betriebsführung schon vor dem Angriff Ausweichbetriebe in Leipzig und außerhalb 90 Vgl.: Leitheft Schrifttumswesen und Schrifttumspolitik. Reichsführer SS, Chef des Sicherheitshauptamtes, (Berlin) 1937. Leitheft Verlagswesen. Der Reichsführer SS, Der Chef des Sicherheitshauptamtes, (Berlin) 1937. 91 Bundesarchiv, Reichsschrifttumskammer, R 56 V/102, Reichsschrifttumskammer, Liste der noch tätigen Juden, Halbjuden..., Stand 15. März 1937. 92 Sächsisches Staatsarchiv Leipzig. Amtsgericht Leipzig, Handelsregister, HR B 370, HR A 243. 93 Sächsisches Hauptarchiv Dresden, Wirtschaftsministerium 1653, Bibliographisches Institut AG Leipzig. 20

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