Prof. Dr. Otto Seifert, Leipzig
Die „vollkommene Ausmerze“ der Juden und die „Festigung des
deutschen Volkstums“ in Bresla...
in Berlin bis 1933, dann Häftlinge im KZ Auschwitz und lehrte nach 1945 als Professor
an der Humboldt-Universität, Berlin....
stellvertretenden Gauleiters, SA-Gruppenführer Fritz Bracht und der SS-Führung im
„Grenzlandgebiet und Tor zum Osten“ noch...
1936 hatten die Nazis bereits alle jüdischen Liberale, Wissenschaftler, Politiker,
Redakteure, Eigner von Medien, Künstler...
Aus den Aufzählungen im „Führerblatt“ geht hervor, dass die Genehmigungen zur
„Arisierung“ der jüdischen Unternehmen über ...
Preußag, Berlin, das Reederei und Schifffahrtsunternehmen von Josef Schalscha,
Breslau. Die größeren Banken, Bergwerke, In...
193ß ein „gekrönter“ Beitrag zu Luthers Geburtstag durch den „gottgesegnete Kampfes
des Führers“ für die völlige Befreiung...
Seine Hauptaufgabe war, die auf der Grundlage von Geheimverträgen mit der UdSSR
aus der UdSSR und dem Baltikum geholten Vo...
schaffe, die auf den Osten ausgerichtet sein müsse. Danach wurden die Städte und
Regionen festgelegt, die zu diesem Rüstun...
Durch die Niederlagen im Osten, Mangel an Rohstoffen, Massenvernichtung von
Menschen und gezielte Luftangriffe auf die ang...
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"Ausmerze“ der Juden in Breslau, Schlesien sowie Oberschlesien

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Vertreibung der Juden aus dem NS-Gau Breslau und ihre Täter.

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"Ausmerze“ der Juden in Breslau, Schlesien sowie Oberschlesien

  1. 1. Prof. Dr. Otto Seifert, Leipzig Die „vollkommene Ausmerze“ der Juden und die „Festigung des deutschen Volkstums“ in Breslau, Schlesien sowie Oberschlesien Die Stadt Breslau war im 18. und 19. Jahrhundert sowie noch 1933 ein lebendiges Zentrum jüdischen Lebens in Deutschland. Sie soll 1880 17 543 und 1933 rund 20 000 jüdische Bürger besessen haben. Mit ihrem Anteil an jüdischen Bürgern stand Breslau an dritter Stelle der deutschen Großstädte. Die gesamte Provinz Schlesien verzeichnete 1925 mehr als 40 000 Einwohner, die der jüdischen Religion angehörten. Am 17. Mai 1939 versandt Martin Bormann, Stabsleiter beim Stellvertreter Hitlers, Rudolf Hess, ein Rundschreiben an die NS-Gauleitungen, in dem er die noch zu verfolgenden Juden vorgab. Für den Gau Schlesien nannte er 17 257 Juden, 3 149 Mischlinge 1. Grades und 1 935 Mischlinge 2. Grades. 1 Obwohl der Anteil der Juden an der Bevölkerung von Breslau nur ca. 3,5% erreichte, beeinflussten Juden die Wirtschaftskraft sowie besonders das wissenschaftliche, geistige und kulturelle Leben weit über die Stadt hinaus. Das 1854 in Breslau gegründete Jüdische - Theologische Seminar (Fraenkelsche Stiftung) fördert das wissenschaftliche und religiöse Leben in Deutschland und viele Gelehrte, die die Geschichte und Traditionen des Judentums erforschten. Bis 1936 bildete es noch Rabbiner für ganz Deutschland aus. Heinrich Groetz, Dozent am Seminar und Professor an der Breslauer Universität schrieb eine elfbändige „Geschichte der Israeliten“, die von 1853 bis 1875 erschien. Im schlesischen Oppeln verfasste der Rabbiner Leo Baeck, später Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, Rabbiner in Berlin sowie Repräsentant der Juden Deutschlands bis zu seiner Einweisung in das KZ Theresienstadt 1943, ein Werk über „Das Wesen des Judentums“. Um Breslau herum bestanden in vielen Städten Schlesiens aktive religiöse Gemeinden mit beachtlichen Synagogen. Aus der Universität Breslau gingen international bekannte jüdische Wissenschaftler und Mediziner hervor. Zum Beispiel der Historiker, Professor Richard Körber, der 1933 gezwungen wurde, nach Palästina auszuwandern und der Neurologe, Professor Ludwig Guttmann, den die Nazis im gleichem Jahr die Arbeit an der Universität verboten. Auch der von den Nazis verfolgte Verfasser von Romanen, Biographien, Übersetzter und Herausgeber, der 1881 in Breslau geborene Emil Ludwig, musste Deutschland verlassen. Den aus Schlesien stammten Juden Arnold Zweig treiben die Nazis ebenfalls in die Emigration. Walter Laqueur, ein Sohn Breslaus, emigrierte 1933 nach Palästina, lebte später in London und in Washington, wo er als Vorsitzender im Internationalen Forschungsrat im Washingtoner Center for Strategic and international Studies wirkte. Seine Auseinandersetzung mit dem Wesen und Erscheinungen des Faschismus, Neofaschismus und Postfaschismus erschien in deutscher Fassung 1997 unter dem Titel „Faschismus gestern heute und morgen“. Der in Breslau geborene Student der Rechte und Geschichte der Universität Breslau, Hans Schäfer, Staatsekretär in der deutschen Regierung, ab 1932 Generaldirektor des Ullstein Verlages, wurde 1934 aus Deutschland gejagt. Aber auch Sozialdemokraten und Kommunisten waren unter den Juden zu finden. Ferdinand Lassalle stammte aus Schlesien und der in Breslau geboren Robert Alt unterrichtete an der Karl-Marx-Schule 1 Der Stellvertreter des Führers, Der Stabsleiter M. Bormann, Anordnung B 13/10, Betreff: Erfassung der Juden und Jüdische Mischlinge … 1939. 1
  2. 2. in Berlin bis 1933, dann Häftlinge im KZ Auschwitz und lehrte nach 1945 als Professor an der Humboldt-Universität, Berlin. Viel bekannte Schriftsteller, wie Emil Ludwig, Stefan Zweig und andere stammten aus Schlesien und verbrachte dort ein Teil ihres Leben, bevor sie vertrieben und verfolgt wurden. Im schnell wachsenden wirtschaftlichen Raum Breslau leisteten Juden zudem Pionierarbeit im industriellen Sektor, im Rohstoffe verarbeitenden Gewerbe und im Handel Pionierarbeit. In den zwanziger Jahren nahmen antisemitische Äußerungen und Aktionen von rechtskonservativen, nationalistischen und christlichen Vertreten in Breslau und einigen Städten Schlesiens sprunghaft zu. Schlesien entwickelte sich zu einem Tummelplatz nicht nur von Nationalsozialisten sondern auch von nationalistischen, antisemitischen und die die Ostexpansion fördernden Organisationen und Verbänden. So veranstalte der der Stahlhelm, Bund deutscher Frontsoldaten im Mai 1931 einen Reichsfrontsoldatentag unter Beteiligung des preußischen Adels und der Reichswehr, wo neben der Ostexpansion, der Kampf gegen die Sozialdemokratie, die Abwehr „fremdrassiger Einflüsse“ im Zentrum der politischen Orientierung standen. Aktiv im Lande waren auch hunderte völkisch-rassistisch ausgerichtete sogenannte Stahlhelm- Pfarrer.2 Der Leipziger antisemitische Hammer-Verlag von Theothor Fritsch arbeitete für die Herausgabe des „Antisemiten-Katechismus“ von 1882 und die erweiterte Ausgabe des 550 Seiten starken „Handbuch der Judenfrage“ kurz vor 1933, eine Liste von zu verfolgender Juden, schon langfristig mit antisemitischen Verlegern und Theoretikern in Schlesien zusammen. Auch der antisemitische, nationalsozialistische Verleger Friedrich Lehmen aus München baute auf zahlreiche Autoren aus Breslau auf. So wirkte für ihn als antisemitischer Publizist seit 1914 Professor Freiherr von Freytagh- Loringhoven von der Universität Breslau, der nach 1933 zum Rassenexperten der NSDAP in Gau Schlesien aufstieg. Ebenso darf die aktive Förderung des Antisemitismus durch den Deutschen Volksverlages Dr. Boepple, München, dessen Chef später Staatssekretär im besetzte Polen wurde, nicht unterschätzt werden. Die meiste „Burschenschaften“ an der Universität Breslau hatte bereits schon 1925 fast alle Mitglieder jüdischer Abstammung aus ihren Reihen verstoßen. An der Schlesischen Friedrich-Wilhelm-Universität dominierten ab 1930 nationalkonservative und nationalsozialistische Organisationen und geistige Strömungen. Sie organisierten bereits 1932 eine Treibjagd gegen linke und jüdische Professoren. So zwangen sie 1932 den Professor für bürgerliches Recht und Zivilrecht, Ernst Cohn, seine Vorlesungstätigkeit an der Universität aufzugeben. Das Osteuropa-Institut der Universität Breslau entwickelte sich zu einem zuverlässigen Partner der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität, das der SS- Führer, Chef der Aufklärung beim SD, Prof. Dr. Alfred Six leitete. Die gut ausgerüstete „Russland-Abteilung“ der Universität, die bereits für die Wehrmacht spionierte, wurde zu einem Partner des „Wannsee-Instituts“, das der Chef des Reichssicherheitshauptamtes der SS, Reinhard Heydrich gezielt förderte.3 Breslau entwickelte sich zu einem Zentrum faschistischer Ostpolitik und des Antisemitismus. Die erstarkende NSDAP, SA und der NS-Studentenbund führten 1933 den Boykott jüdischer Geschäfte in Breslau und Umgebung mit extremer Härte durch. Willkürliche Eingriffe in Unternehmen mehrten sich. Aber die antisemitische Propaganda, die Erfassung und Vertreibung von Juden hatten nach Meinung des 2 Stahlhelmfibel, Berlin 1935. Stahlhelm-Kalender 1932, Berlin 1933, 3. 145 ff. 3 Vgl: Lutz Hachmeister: Gegnerforscher, Die Karriere des SS- Führers Franz Alfred Six, München 1998, S. 123, 125 ff. 2
  3. 3. stellvertretenden Gauleiters, SA-Gruppenführer Fritz Bracht und der SS-Führung im „Grenzlandgebiet und Tor zum Osten“ noch nicht den erwarteten Stand erreicht. Der Gauleiter Josef Wagner holte den Kreisbeauftragten des Rassenpolitischen Amtes des Gau Sachsen für Leipzig, Dr. Fritz Arlt, bekannt geworden durch „neue Wege“, um Leipzigs Juden restlos zu erfassten, als Leiter des Rassenpolitischen Amtes nach Schlesien. Später ernannter er ihn obendrein zum „alleinigen Beauftragten für alle Fragen der Sippenforschung und Sippenkunde“. Der Chef des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, Dr. Walter Groß, stellte 1937 Arlt als sehr bewährten „Mitarbeiter“ vor.4 Arlt organisierte Gautagungen, Ausstellungen sowie Schulungen zur Rassenpolitik. Er lies massenhaft rassistische Publikationen vertreiben sowie antisemitische Verhaltensweisen und Richtlinien, besonders im „Führerblatt, Gau Schlesien der NSDAP“, in Form von Weisungen, verkünden. Arlt konzentriert sich auch wieder auf die „Erforschung und Erfassung“ von “Rasse Volk Erbgut in Schlesien“ und gab dazu „besondere Schriften heraus. In Schlesien ging die organisierte hysterische antisemitische Propaganda so weit, dass selbst vor dem Schriftsteller Ludwig Ganghofer gewarnt wurde, da er als „Salontiroler“ Juden „süßlich verharmlost“ hätte. Kirchenspiele legten „Familienbücher und Dorfsippenbücher“ an. „Ehrenamtliche Mitarbeiter“ würden, so Arlt, in ca. 6 500 Kirchenspielen wirken, in 15 sei die Aktion schon abgeschlossen. Er veranlasste, ab 1938 alle „Quellen zur Bestandsaufnahme“ von Ariern und Juden auszuforschen. Die „Schlesische Zeitung“ schrieb am 7. März 1939, dass Personalakten von Lehrern, Matrikel, Schüleralben Konferenzniederschriften, Reifeprüfungsakten, Schulzeugnisse, Klassenbücher, Angaben über Geburt, Religion und Stand des Vaters der Schüler in den Schulen und Archiven nach „Fingerzeigen“ für die Abstammung durchsucht würden. Aber dies alles reichte den fanatische Antisemiten Arlt nicht. Er wollte auch den „letzten Juden“ und ehemalige Angehörigen der jüdischen Religion für die Endlösung erfassen. Auf einer Tagung der Archivpfleger, Anfang 1939 in Breslau, berichteten Vertreter der Staatsarchive über ihre Suche nach Juden. Ein Oberkonsistorialrat der evangelischen Kirche Schlesiens erklärte, „fachliche Kräfte“ hätten schon länger Unterlagen sichergestellt und die Kirchenbücher für diese Zwecke fotokopiert und geordnet. Der Beauftragte des Fürtsbischöflichen Generalvikars, Konsistorialrat Dr. Engelbert versicherte sogar, dass sie diese „Arbeit“ schon lange, in „enger Fühlungnahme mit dem Reichsamt für Sippenforschung“, durchführen. Die Gauleitung der NSDAP erfasste „biologische Daten“ von allen Schlesiern sowie „Fremdstämmigen“ und stellte eine „Judenkartei“ auf. Am 1. Januar 1940 legte Arlt Normen für den Umgang mit Kriegsgefangenen fest. Gleichzeitig warnte er vor Rassenmischung „als politische Gefahr“ für das „Volk in Kriegszeiten“. Arlt stieg zu einer führenden Einsatzkraft der SS für die von Hitler und Himmler angestrebte „ethnologischen Neuordnung“ Osteuropas auf. 5 4 Walter Groß, war eine der zentralen Figuren der NSDAP, die die Rassenpolitik, insbesondere den Antisemitismus propagierten und umsetzten. Er scharte bis 1938/39 vorwiegend promovierte NSDAP- Mitglieder sowie Mediziner als unmittelbaren Untergebenen um sich. Selbst die Redaktion seines rassenpolitischen Propagandablattes „Neues Volk“ war mit promovierten Ärzten besetzt. 5 Fritz Arlt: NSDAP seit 1932, Promotion 1936 bei NS-Amtsleiter der Universität Leipzig, Prof. Dr. Arnold Gehlen, 1940 Leiter des „Gruppendezerat Bevölkerungswesen und Führsorge“ im besetzten Polen, zuständig für An- und Umsiedlungen, Ukrainer als Verbündete, Gettoisierung von Juden, zudem Schulungsleiter der NSDAP; 1940/41 von Himmler als SS-Obersturmbannführer und Stabsführer des Reichsführers SS, Himmler, für die „Festigung des deutschen Volkstums“ Oberschlesiens ernannt, vertrieb Polen und Juden, siedelte Deutsche an, zusätzlich Leiter des Zentralinstituts für Oberschlesische Landesforschung (NS-Propagandist), zeitweise Schulungsleiter der NSDAP sowie Leiter des Rassenamtes; 1944 im SS-Hauptamt, „Freiwilligenstelle Ost“, 3
  4. 4. 1936 hatten die Nazis bereits alle jüdischen Liberale, Wissenschaftler, Politiker, Redakteure, Eigner von Medien, Künstler, Musiker und Anwälte vertrieben. Jüdische Beamte und Angestellte der Verwaltungen, Vereinigungen und Stiftungen waren ebenso vor 1935 ausgegrenzt worden. Die „Liquidation der Kulturjuden“, die SS-Gruppenführer Hans Hinkel, Leiter des 1938 geschaffenen Sonderreferates Reichskulturwalter Hinkel. Betr.: Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet im Auftrage von Goebbels steuerte, erledigte der Propagandaapparat in Schlesien vorfristig. 6 Die wenigen Juden, mit „Ausnahmeregelungen“ von Hinkel und unter strenger Kontrolle für eine Tätigkeit nur für und unter Juden, so zum Beispiel zwei Verlage und einige Buchhandlungen, existierten schon Monate vor den November 1938 nicht mehr. Gauamtsleiter von Streischwerdt für Handwerk, Handel und Wirtschaft forderte im Oktober 1936 vor Vertreten der Wirtschaft Breslaus, das „gesamte Judentum“ müsse nun „bekämpft und vernichtet“ werden. Zur „Lösung der Judenfrage“ verbreitete er 1936 ein „Teilverzeichnis Jüdische Geschäfte in Breslau“, mit 450 „bekannten jüdischen Firmen“ im Handwerk und Handel Breslaus von angeblich 2 000. Die einzelnen Geschäfte der Juden führte die Hetzschrift geordnet nach Zweigen der Wirtschaft, Namen des Besitzers, Bezeichnung des Unternehmens und Anschrift auf. Über 30 Seiten waren in der Schrift zusätzlich mit primitiven antisemitischen Losungen versehen. Am Schluss der Broschüre befahl die Gauleitung der NSDAP den unmittelbaren Boykott aller Juden. Im Juli 1937 verteilte die Gauleitung „nur für Mitglieder der NSDAP“ und angeschlossenen Verbänden das „Teilverzeichnis 2, Jüdische Geschäfte in Breslau“. In ihm nannte sie 1 325 jüdische Firmen, darunter 20 Kaufhäuser, 54 Filialen und 36 Vertreter, die noch zu liquidieren seien. Im dem Verzeichnis befanden sich auch Industriebetriebe, Gruben, Hütten, Großhandelsfirmen, Betriebe der Schifffahrt sowie Hotels. Die Gauleitung Schlesien, Amt für Gesundheit, erließ am 1. 9. 1938 ein Verbot für die Tätigkeit jüdischer Ärzte in Schlesien (außer für Juden), entzog ihnen die „Bestallung“ auch für das Ausland. Arztpraxen, Krankenhäuser und Bäder wurden (vorerst mit Ausnahmen bei Eigentum von jüdischen Gemeinden) geraubt. Der hohe Gewinn des NS-Staat und die neuen Eigentümer blieben in diesen Fällen völlig geheim. Im Oktober 1938 veröffentlichte das „Führerblatt Gau Schlesien der NSDAP“ die seit März 1938 „genehmigten“, „Arisierte Wirtschaftsunternehmen in Schlesien“. Davon 207 in Breslau, 34 in Beuthen, 24 in Hindenburg, 17 in Gleiwitz und 3 in Görlitz. In den Monaten November und Dezember 1938 sowie im Januar, März, Mai, Juni, und September 1939 folgten weitere Meldungen, über insgesamt über 450 „arisierte“ Unternehmen. Sie enthielten jedoch keine Angaben über Beschäftigte, Angehörige, Angestellte, das Gesundheitswesens, der Bereiche Kultur und Medien, und von einigen Großunternehmen sowie Banken. Das Führerblatt informierte dagegen mit genauen Meldungen über den Zeitpunkt der Genehmigung der Arisierung durch die Gauleitung, die Arisierung sowie welche Person oder welches Unternehmen sich das jüdische Unternehmen angeeignet hatte.7 Führung von Balten, Ukrainer, Kroaten und Weißrussen in SS-Verbänden, koordinierte „verdeckten Kampf“ für nach 1945; 1945 Führung eines SS-Kampfverbandes mit Ausländer im „Endkampf“. Nach eigenen Angaben: 1945 bis 1948 Spezialist für „die Amerikaner“ in München in Sachen „psychologischer Kriegführung“ und Ostpolitik, dann Kanzler Adenauers Ostexperte, später Spitzenkraft der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände und Institutionen der Wirtschaft; 1996 erhob er sich zum Vorkämpfer für die Freiheit der Völker im Osten. 6 Nachrichtenblatt des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, Berlin, 9. April 1938. 4
  5. 5. Aus den Aufzählungen im „Führerblatt“ geht hervor, dass die Genehmigungen zur „Arisierung“ der jüdischen Unternehmen über 70 Prozent vor der Anweisung Hermann Görings zur Arisierung und Vertreibung alle Juden aus der Wirtschaft vom 9. November 1938 erteilt waren. Auch die geheime Anweisungen des Stellvertreters des Führers R. Heß vom 6. Dezember 1938 an die NSDAP, mit der Aufforderung, Görings Anordnung bedingungslos zu folgen oder schärfte Bestrafung, unabhängig von der Person, zu erhalten, erfolgte erst viele Monte nach dem Vorgehen der Gauleitung Schlesien.8 Weil aber eine „Genehmigung“ der Gauleitung zur „Arisierung“ erst nach „Untersuchungen und Bewertungen“ des jüdischen Unternehmens, Gutachten von Banken, Gerichten und Kammern sowie finanzieller und politischer Prüfung des Gewinners aus der „Arisierung“ erfolgte, kann geschlussfolgert werde, dass die Gauleitung schon lange vor dem 9. November 1938 die Enteignung der restlichen aufgeführten jüdischen Betrieb einleitete. Das „Führerblatt“ meldete für Breslau 207 (alle schon 1938 „genehmigt“), für Beuthen 37, Hindenburg 24 und für Gleiwitz 17 „Arisierte Wirtschaftsunternehmen“ in Schlesien“. Die angeführten 450 Opfer waren zum Beispiel wie folgt in den Listen aufgeführt: „Jüdisches Unternehmen: Übernehmer: Genehmigt:“ Breslau Awebe-Aktiengesellschaft für Web- Herbert F. W. Tengelmann, waren und Bekleidung, Breslau Berlin u. H. Hintzen, Herford 18. 7. 1938 Bauer, Egon, Breslau-Corlowitz Paul Wiese & Co., Breslau 1. 6. 1938 Autoschlosserei Brauer, Hermann, Teichstraße 11 Gertrud Klytta, geb. Kurz, 29. 7. 1938 Hotelbetrieb Breslau Notenberg, Max, Gräbschner Georg Nawroth, Breslau 21. 4. 1938 Straße 19, Kaufhaus Schalscha, Josef, OHG., Preußag, Berlin 25. 10. 1938 Herrenstraße 24, Reederei und Schiffahrtsunternehmen Görlitz Wurm & Co., An der Weißen Alfons Herzig, Görlitz 13. 10. 1938 Mauer 11. Holzgroßhandlung Die überwiegende Anzahl der jüdischen Unternehmen ( rund 90 %) eigneten sich Einwohner und Unternehmen aus Breslau und Schlesien an. Einige jüdische Firmen übernahmen Firmen und Personen in Berlin, Sachsen und Bayern. So schluckte zum Beispiel die Firma Edgar Sachs, Berlin, die Metallhüttenwerke und den Metallgroßhandel von Hoffmann & Markus , Breslau, das Unternehmen Herbert F. W. Tengelmann, Berlin die Awebe AG (Webwaren und Bekleidung), Breslau und die 7 Diese Übersicht könnte eine Ursache sein, warum im Grunde kein Interesse besteht, diese Dokumente zu veröffentlichen. 8 Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Der Stellvertreter des Führers, Rundschreiben 203/38, Geheim, 16. Dezember 1938. 5
  6. 6. Preußag, Berlin, das Reederei und Schifffahrtsunternehmen von Josef Schalscha, Breslau. Die größeren Banken, Bergwerke, Industriebetriebe und Transportfirmen enteigneten die Nazis, meist stillschweigend über NS-Führer zentral. Die „Arisierung“ verlief öffentlich unter Leitung der NSDAP sowie mit großer Beteiligung von Unternehmern, Beamten, und Teilen der Bevölkerung. Der gesamt Umfang der Enteignung von Juden blieb aber im Dunkeln. Buchhandlungen, Verlage, Theater, insgesamt alle Juden, die im Bereich der Kultur tätig waren wurden separat vom Ministerium von Goebbels, der Reichskulturkammer, mit Hilfe der SS und des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler liquidiert.9 Die Angaben der Nationalsozialisten in ihren Führungsblättern müssen aber auch kritisch bewertet werde. So führten sie für Breslau nur 250 jüdische Gewerbe auf. Die Gauleitung sprach aber im Dezember 1936 von über „2 000 Handels- und Handwerksbetrieben in jüdischer Hand“.10 Die Nazis entrechteten, gettoisierten und schlossen die Juden Breslaus und Schlesiens von der Erwerbstätigkeit 1939 völlig aus. Beachtet werden muss auch, dass der faschistische Terrorapparat zahlreiche Betriebe und künstlerische Einrichtungen von Juden einfach zerstörten. Hinzu kam, dass ihnen auch ihre religiösen Stätten genommen wurden. In Breslau hatten SA und SS die Synagoge in Brand gesteckt, „planmäßig abgebrochen“, und verwendbares Material, so die „Schlesische Zeitung“ vom 27. April 1939, gewinnbringend verkauft. Am 9. und 10. November steckten die Faschisten auch die Synagogen in Oppeln, Carlsruhe, Landsberg, Rosenberg, Groß-Strehlitz, Tost, Gleiwitz, Hindenburg, Beuthen und anderen größeren Orten in Brand. Sie erschlugen bei dieser Aktion zahlreiche Juden, „demolierte Geschäfte“, so der SD, und verschleppten die verhafteten Juden zu Hunderten in das KZ Buchenwald. Damit waren entscheidende Grundlagen für den Holocaust gelegt. Die ersten Wochen des Jahres 1939, so die „Schlesische Zeitung“ vom 16. Februar 1939, konzentrierten sich Vertreter der NSDAP, des Staates und der Banken darauf, sogenannte Ausgleichsabgaben oder „Gewinne aus der „Endjudung“ einzukassieren. Die NSDAP wollte zwar den „Anreiz zum Ankauf jüdischer Unternehmen“ erhalten, bestand aber nachdrücklich darauf, dass die erzielten Gewinne dem Staaten zuflossen. Die Gelder aus der Vernichtung von jüdischen Unternehmen wurden für die Kriegsvorbereitung zusammengerafft. Die Vorbereitung des Krieges begann bereit auf den Leichen von ermordeten Juden. Das reichte aber den fanatische Nazis nicht. So begann der Apparat der Gauleitung und staatliche Stellen der jüdische Bevölkerung alle Edelmetalle, wertvollen Schmuck und andere Wertgegenstände auch aus den Wohnungen zu rauben. Die Nationalsozialisten organisierte bis in den letzten Verein eine noch nicht gekannte Welle antisemitischer Propaganda und Hetze, um ein Klima für eine massenhafte Verfolgung von Menschen und die Unterwerfung Europas durch Krieg und Terror vorzubereiten. So begann bereits die sächsische evangelische Landessynode unter Bischof Coch und die Synode von Thüringen den Antisemitismus seit 1933 offen zu verbreiten. Der Landesbischof von Thüringen Martin Sasse gab 1938 eine gut vorbereitete antisemitische Hetzschrift „Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen !“ heraus. In der Schrift schrieb er, dass das Brenne der Synagogen im November 9 Vgl.: Otto Seifert, Die große Säuberung des Schrifttums. Der Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig 1933 – 1945, Leipzig 2000, s. 136 ff. Otto Seifert, Der „dritte Kriegsschauplatz“, Berlin 2009, S.152 ff. 10 Jüdische Geschäfte in Breslau, Teilverzeichnis, Breslau 1936, S. 3. 6
  7. 7. 193ß ein „gekrönter“ Beitrag zu Luthers Geburtstag durch den „gottgesegnete Kampfes des Führers“ für die völlige Befreiung“ von Juden sei. 11 Am 6. Mai 1939, wenige Monate vor dem Kriegsbeginn, gründete die evangelisch Kirche mit Hilfe des Reichssicherheitsdienstes auf der Wartburg ein Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben. 12 Der Wissenschaftliche Leiter des Institutes, Prof. Dr. Walter Grundmann, Mitglied der NSDAP seit vor 1933 , Fördermitglied der SS, Mitarbeiter des SD, stieg vom sächsischen Oberkirchenrat zum Professor und Forschungsdirektor des Institutes auf. 13 Das Institut meldete, dass über 260 Bischöfe, Kirchenbeamte und Pfarrer aktiv dem Institut dienten, es unzählig antisemitische Schriften in den folgenden Jahren verbreitete und auch den Wehrmachtpropagandakompanien diente. Unter den aktiven Mitarbeiter stammten ein ganze Reihe aus den Gauen Niederschlesien und Oberschlesien. Mit einem Befehl Adolf Hitlers vom 27. Januar 1940, unterzeichnet von R. Heß, wurde der Gau Schlesien in Niederschlesien und Oberschlesien geteilt. Dem Gau Oberschlesien gliederten die Nazis wichtige Teile des besetzten Polens als sogenanntes wiedergewonnenes deutsches Land an. Damit übernahm der NS-Gau Oberschlesien ein große Anzahl von polnischen Bürgern und Juden. Der neue Gauleiter Fritz Bracht, SA-Obergruppenführer sowie ehemaliger Stellvertreter des Gauleiters von Schlesien, so „Das Amtliche Organ der NSDAP, Der oberschlesische Wanderer“, vom 26. Januar 1942, erklärte, dass er dafür sorge dass „das polnische Gesindel ausgemerzt werde“ und „aus Oberschlesien verschwinde“. Sein Zeil war die Germanisierung des neuen Reichsgaues. Bereits in einem Schreiben vom 30. April 1936 der Reiseministerien des Inneren, für Volksaufklärung und Propaganda, des Auswärtigen Amtes, des Stellvertreters des Führers sowie des Rassenpoltischen Amtes an alle Dienstellen des Reiches, teilten sie mit, dass auf Vorschlag von „Stuckart – Globke“ die Rassengesetze auf „Juden und Artfremden“ auch auf die europäischen Länder ausgedehnt werde. Ausgenommen sei die Türkei.14 damit war die Vernichtung von Juden auch im besetzte Polen und die Vertreibung von Polen vorbestimmt. Ab 1941/42 begannen die Gauleitungen von Nieder- und Oberschlesien mit Hilfe der SS, systematische schlesische und polnische Juden in Vernichtungslager in das Generalgouvernement zu deportieren. Während im in Polen gebildeten Gau Wartheland ein „neues deutsches Bauernland“ geschaffen werden sollte, hatte die NS-Führung in Oberschlesien große landwirtschaftliche Gebiete und einen strategisch wichtigen industriellen Raum total zu unterwerfen. Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, holte in seiner Eigenschaft als Reichskommissare für die Festigung des deutschen Volkstums, den in der faschistischen Bevölkerungspolitik im Generalgouvernement bewährten Dr. Fritz Arlt nach Oberschlesien. Himmler ernannte Arlt zum SS-Sturmbannführer, der dem SS- Hauptamt/Reichskommissarführer unterstand und setzte ihn als Oberbereichsleiter und Stabsführer im neugeschaffenen Gauhauptamt für Volkstumsfragen in Oberschlesien ein. 11 Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen !, Herausgegeben von Landesbischof Sasse, Freiburg im Breisgau 1938. 12 Vgl.: Verbandsmitteilungen. Institut zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben, Nr. 1, 1939, ff. 13 Ernst Klee, Das Personen Lexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2003. Auf Seite 2o6 berichtet Klee, dass Grundmann nach 1945 aktiv in der evangelischen Kirche in Thüringen und später in der DDR, Rektor eines Katechetenseminars in Eisenach zur Ausbildung von kirchlichen Nachwuchs, 1974 Kirchenrat war und sogar zeitweilig einen Lehrauftrag an der Universität Leipzig besessen habe. 14 Auswärtiges Amt, An sämtliche Reichsministerien,einschließlich Reichskanzlei und Präsidialkanzlei, 30. April 1936 .Erweitert am 27. Mai 1936 an alle Körperschaften des Reiches bis zu den Handwerkskammern. 7
  8. 8. Seine Hauptaufgabe war, die auf der Grundlage von Geheimverträgen mit der UdSSR aus der UdSSR und dem Baltikum geholten Volksdeutschen, in Oberschlesien anzusiedeln und die polnische Bevölkerung, insbesondere in ländlichen Gebieten zu vertreiben. Dazu legte er ein umfangreiches Konzept vor. Es erschien , leicht geändert, 1942 unter dem Titel „Siedlung und Landwirtschaft in den eingegliederten Gebieten Oberschlesiens“ 1942 in Berlin, mit einem Vorwort von SS-Brigadeführer (später SS- Obergruppenführer und Generalleutnant der Polizei) Ulrich Greifelt, gefördert von der Haupttreuhandstelle Ost des Reichskommissars. Damit billigte im Grunde Himmler, über seien beauftragten, die Vorstellungen von Arlt. Eingangs betonte Arlt, dass Oberschlesien „uraltes deutschen Siedlungsland“ sei. Dann vermerkte er, dass aber vor dem 1. Weltkrieg im „Ostodergebiet von Oberschlesien“ „57 von Hundert des gesamten Bodens“ in Händen von Großgrundbesitzer“ gewesen sei und nennt Beispiele von Eignern mit über 83 000 Hektar bis um die 20 000 Hektar, darunter Fürst Pleß, Ernst Fürst zu Stellburg – Wernigerode, Prinz zu Hohenlohe, , Guido Graf Henkel von Donnersmark auf Neustadt und andere.15 Fast alle dies großen Güter seien mit billigen Arbeitskräften unrentabel geführt worden. Für Oberschlesien forderte er: Höfe mit 20 bis 25 Hektar besetzt mit Deutschen und Volksdeutschen zu schaffen, die Familien der polnischen Bauern zu vertreiben, die polnischen Kleinbetriebe unter 5 Hektar zu liquidieren, den bäuerlichen Raum von industriellen total zu trenne, um „Arbeitersiedlungen“ sowie ordentliche Bauern entstehen zulassen. 16 Stabsführer, SS- Sturmbannführer Arlt führte die Vertreibung von Polen und die Ansiedlung von Deutschen mit Hilfe von „Sonderkommandos „zügig“ und mit „voller Anerkennung“ durch. Schon am 22. März 1941, meldete „Der oberschlesische Wanderer“ vom 23. März 1941, dass Arlt „Presseleute“ von NS-Zeitungen und Rundfunk durch die Beskiden geführt habe, um dort seine „Umsiedlungsaktion“ vor Ort zu zeigen. Dr. Arlt berichtete auf der Gauschulungsburg der NSDAP in Butsche vor NS-Führer an einem Beispiel , dass er die Aussiedlung von Polen besonders in den Kreisen Sybusch und Bielek bereits schon abgeschlossen und dort 775 Familien von Galiziendeutschen sowie 131 galiziendeutsche Handwerksfamilien „zur Festigung des Deutschtums“ angesiedelt habe. Damit wolle er „einen undurchbrechbaren Wall gegen die immer wieder andrängenden Flut fremden Volkstum“ errichten.17 Die Eindeutschung und Vertreibung waren nur der eine Grund für die Bildung des Gaues Oberschlesien. Den schon am 7. April 1940 begann die NSDAP in Oberschlesien in den NS-Medien die Losung zu verbreiten: Oberschlesien wird zur Rüstungsschmiede der Wehrmacht. Am 18. April 1941 schickte die Reichsleitung der NSDAP einen ihrer Reichsleiter, Werner Diatz nach Kattowitz, der dort auf eine Großen Tagung die Rolle Oberschlesiens bei der „wirtschaftlichen Neuordnung Europas“ verkündetete. An dieser Zusammenkunft nahmen wichtige Vertretern der Wehrmacht, der Wirtschaft, Technik und der Politik aktiv teil. 18 In den nächsten Tagen forderte die Wehrmacht in Oberschlesien, in einem angeblichen „luftkriegsfreien Raum“, ein zweites Ruhrgebiet, eine große Rüstungschmiede zu 15 Fritz Arlt, Siedlung und Landwirtschaft in den eingegliederten Gebieten Oberschlesiens, Berlin, 1942, S. 19 -30. 16 Fritz Arlt, …, S. 34/35. 17 Der oberschlesische Wanderer, Amtliches Organ der NSDAP, Gleiwitz, 25. Juni 1941 18 Der oberschlesische Wanderer, ..., 19 April 1940. 8
  9. 9. schaffe, die auf den Osten ausgerichtet sein müsse. Danach wurden die Städte und Regionen festgelegt, die zu diesem Rüstungszentrum um Kattowitz gehören sollten. Schon am Anfang November 1940 fand bereits eine große Tagung der Eisenhüttenindustrie, unter starker Beteiligung von Großunternehmen in Kattowitz statt. Auf ihr wurde nachdrücklich die Funktion des Oberschlesischen Zentrums für den Osten und Südosten bei der Neuordnung Europas hervorgehoben.19 Wehrmacht und Industrie kritisierten dabei die mangelhafte Bildung der aus dem Baltikum und Westgebieten der UdSSR eingeführten deutschen Arbeiter und auch von Polen, die mit differenzierten, begrenzten Bildungsmaßnamen ausgeglichen werden sollten. Die Bergwerksgesellschaft schuf aus diesem Grund, abgestimmt mit den Propagandaamt der NSDAP, Büchereien zur begrenzten Weiterbildung in einzelnen Schwerpunktbetrieben. 20 So inspizierte der Rüstungsminister Albert Speer, wie das Amtliche Organ der Gauleitung vom 1. Juli 1942 berichtete, das Rüstungszentrum, das für den Krieg im Osten und sein Ausstrahlung auf die Ukraine von großer Wichtigkeit sei. Wenige Tage danach, am 22. Juli 1942, rief Gauleiter Bracht zum Leistungskampf der Industrie in Oberschlesien für die „Kriegsrüstung“ auf. Da die vorhanden Menschen für das expandierende Rüstungszentrum nicht ausreichten, errichteten die Faschisten mit Hilfe der DAF, so ein Bericht von Goebbels, in Oberschlesien 700 Großlager für je 1500 bis 1800 vorwiegend Zwangsarbeiter aus dem besetzten Europa. 21 Im Zusammenhang mit den Mangel an Arbeitskräften wurden teilweise die Ausweisungen, Juden in das Generalgouvernement zur Vernichtung auszuweisen, gestoppt und sogar, was zu Streitereien mit NS-Experten führte, aus dem besetzten Polen Juden wieder nach Niederschlesien und vor allem nach Oberschlesien zur Vernichtung durch Arbeit zurückgeführen. So entstand in Breslau ein Arbeitslager mit ausschließlich Juden für die Kruppschen Werke. In Oberschlesien wuchsen derartige Arbeitslager in Kattowitz für das Panzerbauprogramm, für Hüttenwerke und die Reichsbahn. 22 Aus drei Städte Oberschlesiens, die in dem annektierten Gebieten lagen, trieben die Faschisten 11 000 Juden in „Arbeitskommandos bis zu 3000 Personen. „Schließlich war Oberschlesien regelrecht mit Arbeitslagern überzogen.“23 Das „Verordnungsblatt der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, Gau Niederschlesien“, Breslau, veröffentlichte im August 1943 folgende, eine den Holocaust charakterisierende, unmenschliche Anordnung: „Durch Hereinbringen jüdischer Arbeitskommandos in den Gau ist die Frage der Beerdigung verstorbener Juden aufgetaucht. Da die Unterbringung in unseren Friedhöfen nicht in Frage kommt und die Bestattung auf ehemaligen jüdischen Friedhöfen die Auflassungszeiten dadurch verlängert werden, empfiehlt es sich, mit den Kommandanten der Kriegsgefangenenlager Fühlung aufzunehmen. Die Juden können zweckmäßig mit den zu bestattenden Sowjetkriegsgefangenen begraben werden. Lichtenstein, Gauamtsleiter.“ 24 Für den Holocaust waren nicht nur die Führer der NSDAP und der SS verantwortlich, er wurde ebenso von den unteren Gliederungen der NSDAP, dem Staatsapparat, der Wehrmacht, der Organisation der Wirtschaft, Konzernen und vielen Bürgern gefördert. 19 Der oberschlesische Wanderer..., 17. November 1940. 20 Gau oberschlesien, NSG Nationalsozialistischer Gaudienst, Kattowitz, 9. November 1943. 21 Oberschlesische Wanderer..., 29. September 1943. 22 Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Frankfurt am Main 1939, Bd. 1., S. 264, 265. 23 Raul Hilberg, …, Bd. 2, S. 461, 463. 24 Verordnungsblatt der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, Gau Niederschlesien. Hrsg. Gauleiter Hanke, Breslau, August 1943, S. 25. 9
  10. 10. Durch die Niederlagen im Osten, Mangel an Rohstoffen, Massenvernichtung von Menschen und gezielte Luftangriffe auf die angeblich „luftsichere Region“ begann das Rüstungszentrum und Aufmarschgebiet für den Krieg im Osten und Südosten zusammen zu brechen. Schon Anfang 1943 schloss die Gauleitung , wie „Der oberschlesische Wanderer“ vom 2. Februar 1943 bekannt gab, alle „nichtkriegswichtige Betriebe“, die „entbehrt werden“ konnten. Am 9. September 1944 erklärten die NS-Gauleitung den „totalen“ Kriegszustand für Oberschlesien und begann mit den Schließungen von Institutionen, Behörden und zahlreichen Betrieben.25 Ab 30. September war der Verkauf von Lebensmitteln für die Bevölkerung nur noch stundenweise möglich. Am 18. Januar erklärte NS-Gauleiter Bracht, Kattowitz zum „stählernen Bollwerk“, das, wie der gesamte Gau Oberschlesien, in Trümmern versank.26 25 Gau Oberschlesien, NSG... 194/44, 9. September 1944, S. 1 ff. 26 Gau Oberschlesien, NSG...14/45, 17. Januar 1945. 10

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