Brownstone_BAArbeit5

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  1. 1. Bachelorarbeit Titel der Bachelorarbeit „Der Fall Bloch-Bauer: Kunstraub und Restitution in Österreich: Warum dauert es so lange?“ Verfasserin Miriam Brownstone Angestrebter akademischer Grad Bachelor of Arts Wien, im Januar 2011 Matrikelnummer: 0649335 Studienkennzahl lt. Studienblatt: A 033 624 Studienrichtung lt. Studienblatt: Politikwissenschaft Betreuer: Mag. Dr. Roman Pfefferle
  2. 2. 2 Eidesstattliche Erklärung Ich erkläre hiermit eidesstattlich, dass ich die vorliegende Bachelorarbeit selbständig und ohne fremde Hilfe verfasst, andere als die angegeben Quellen und Hilfsmittel nicht benutzt und die den benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe. Ich nehme zur Kenntnis, dass auch bei auszugsweiser Veröffentlichung meiner Bachelorarbeit der Arbeitsbereich und das Institut sowie die Leiterin bzw. der Leiter der Lehrveranstaltung, im Rahmen derer die Bachelorarbeit abgefasst wurde, zu nennen sind. . Ort, Datum Unterschrift
  3. 3. 3 Danksagung Ich möchte mich bei allen, die mich bei der Entstehung dieser Bachelorarbeit und somit meinem Titel als Bachelor unterstützt haben, ganz herzlich bedanken. Es war ein langer, nicht immer unschwieriger Weg, und ich danke allen, die mich begleitet haben. Besonderen Dank möchte ich meinem Betreuer Mag. Dr. Roman Pfefferle aussprechen. Er ist mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden, und hatte immer gute Ideen und Lösungen parat, wenn es mal holprig wurde. Da ich mich mit dieser Arbeit von dem politikwissenschaftlichen Institut der Universität Wien vorläufig verabschiede, möchte ich die Gelegenheit nützen auch allen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Lehrenden und Studierenden zu danken. Es war eine schöne Zeit, in der ich viel über das Fach Politikwissenschaft, über das Leben im Allgemeinen und über mich selbst gelernt habe. Der größte Dank gebührt meiner Familie, zu der auch mein Freund gehört. Sie hat während des Studiums immer an mich geglaubt, und mich ohne Ausnahmen unterstützt. Auch wenn es um späte Lernstunden oder Studienzeiten im Ausland ging, ich bekam immer vollste Unterstützung. Ohne meine Familie und die Motivation, Stärke und Liebe, die sie mir tagtäglich gibt, wäre ich nie halb so weit gekommen.
  4. 4. 4 Abstract Wiener Museen besitzen heute noch große Mengen an während der nationalsozialistischen Zeit enteigneter Kunst. Enteignete Privatsammlungen zahlloser Familien fehlen heute noch. Das Bezwingen bürokratischer Hürden und das jahrzehntelange Warten haben in den meisten Fällen noch immer zu keinem positiven Ergebnis geführt. In dieser Bachelorarbeit geht es darum zu analysieren, warum denn alles so lange dauert. Warum besitzt die Republik Österreich mehr als sechzig Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges noch immer unzählige Objekte? Wer sind die Verantwortlichen, und warum scheint es so, als gäbe es gar keinen Fortschritt? Dieses Thema umfasst natürlich viel mehr, als man in eine Bachelorarbeit fassen könnte. Deshalb schreibe ich über das Thema der Restitutionen in Österreich anhand des Falls Bloch-Bauer, also anhand der Geschichte der fünf Klimt Bilder, die erst 2006 der rechtmäßigen Eigentümerin Maria Altmann zurückerstattet worden sind. Da der Hauptteil dieser Arbeit aus Recherchen bestand, verwendete ich hauptsächlich die dialektische Methode. Ich konnte damit die Geschichte und auch den gegenwärtigen Stand der Dinge erklären, und somit die Forschungsfrage kritisch dialektisch angehen. Problematisch war, dass die Literatur zurzeit noch sehr limitiert ist. Es ist ein sehr aktuelles Thema, da die Bilder erst 2006 zurückerstattet worden sind. Seitdem sind dazu fast nur Presseartikel erschienen. Außerdem ist das Thema Restitution in Österreich sehr heikel, da meiner Meinung nach die „Opferrolle“ Österreichs gesellschaftlich noch nicht aufgearbeitet wurde. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es von Seiten der Republik Österreich kein wirkliches Interesse gibt zu restituieren, Wo es kein Interesse gibt, gibt es auch keinen Fortschritt.
  5. 5. 5 Inhaltsverzeichnis Eidesstattliche Erklärung................................................................................................ 2 Danksagung.....................................................................................................................3 Abstract...........................................................................................................................4 Inhaltsverzeichnis...........................................................................................................5 1. Einleitung....................................................................................................................7 1.1. Hypothesen.............................................................................................................. 10 2. Kunstraub und Restitution.......................................................................................... 11 2.1. Die Geschichte des Beuteraubs und der Restitution................................................12 2.2. Kunstraub und Restitution des Zweiten Weltkriegs................................................ 13 2.3. 1998..........................................................................................................................17 3. Gustav Klimt und seine Werke...................................................................................20 4. Arisierung................................................................................................................... 29 5. Maria Altmann: Ihre Geschichte und die ihrer Bilder................................................ 32 5.1. Maria Altmanns Kampf um ihre Bilder...................................................................33 6. Warum hat es so lange gedauert?................................................................................36 Quellenangabe.................................................................................................................40 Interview mit Sophie Lillie am 19.01.2011.................................................................... 47 Email von Klara Böhm am 20.01.2011.......................................................................... 52 Email von Julia Wachs am 20.01.2011...........................................................................53
  6. 6. 6 „Bis zum März 1998 ist das ein abgeschlossenes Kapitel gewesen. Wir hatten zwar unsere Erinnerungen – an Bad Ischl, wo wir immer auf Sommerfrische gewesen waren, sogar besonders schöne –, aber Hoffnungen hatten wir keine mehr. Da hieß es auf einmal, es gäbe den Wunsch nach Restitution und nach einem neuen Österreich, das gut machen wolle, was geschehen ist, und zurückgeben, was genommen wurde. Jetzt, nach der Entscheidung des 28. Juni 1999, als Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer eine Rückgabe von fünf Klimt- Gemälden meines Onkels verweigert hat, muß man sich fragen, wie echt dieses Bedürfnis zur Wiedergutmachung tatsächlich ist.“1 1 Vorwort von Maria Altmann, In: Czernin, Hubertus: Die Fälschung. Der Fall Bloch- Bauer. Band 1, Wien: Czernin Verlag, 1999, S. 9
  7. 7. 7 1. Einleitung „Ein Wandel im historisch-politischen Bewußtsein? Für die nachwachsende Generationen war die NS-Zeit kein Tabu mehr, sie wurden seit den siebziger Jahren in Schulen und Universitäten im Rahmen der Zeitgeschichte und Politischen Bildung mit NS-Verbrechen, mit NS-Opfern und - Gegnern konfrontiert. Nicht zuletzt hat auch die internationale Kontroverse um die Kriegsvergangenheit von Kurt Waldheim in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre in Österreich tiefgreifende Diskussionen und letztlich Veränderungen des historisch-politischen Bewußtseins herbeigeführt. [...] Der offizielle Durchbruch erfolgte durch die von Bundeskanzler Vranitzky namens der Bundesregierung im Juni 1991 im Nationalrat abgegebene Erklärung.“2 Dass Österreich ein Land ist, wo Kunst und Kultur wichtig sind, ist nichts Neues. In Wien alleine gibt es fast 300 Museen.3 Der Mensch braucht zum überleben Kunst, denn „ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“4 2 Neugebauer, Wolfgang, Zum Umgang mit den Opfern der NS-Rassenhygiene nach 1945, In: Forum Politische Bildung (Hrsg.) Wieder gut machen? Enteignung, Zwangsarbeit, Entschädigung, Restitution Österreich 1938-1945/1945-1999, Wien/Innsbruck: Studien Verlag, 1999, S. 69 3 Wiener Museen, In: www.wien.gv.at, 15.01.2011 4 Schiller, Friedrich: Wallensteins Lager. Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 2, München/Wien: Hanser Verlag, 2004, S. 274 Kunstgeschichte interessierte mich schon immer sehr. So sehr, dass ich es fast studiert hätte. Schon als kleines Mädchen ging ich oft und gerne ins Museum. Was erzählen uns Bilder? Jedes Bild hat mindestens zwei Geschichten. Die eine, die bildlich auf die Leinwand gemalt wurde, und die zweite, nämlich die des Gemäldes selbst. Nicht nur Kunstgeschichte ist eine meiner Leidenschaften, sondern auch Judaistik. Ich wuchs in einem jüdischen Haus auf, und hörte immer wieder Geschichten über den Holocaust, und Geschichten über das Leben danach. Ich kenne Geschichten, die man nicht in den Geschichtsbüchern liest; Geschichten, die einem erzählt werden, auch wenn man sie nicht hören will. Ich bin mit Aufzählungen groß geworden. Nicht nur von ermordeten Familienmitgliedern, sondern auch von enteignetem Besitz. Teure Kleidung, Antiquitäten, Kunst, wertvolle
  8. 8. 8 Sammlungen, Wohnungen, eine Fabrik. Was bekam man davon zurück? Nichts. Man freute sich, am Leben zu sein. Eigentlich taten sogar das nur die wenigsten. Man lebte sein Leben mit Schuldgefühlen. Man gehörte zum dem Drittel des jüdischen Volkes, welches überlebt hatte. Aber darüber gefreut hat man sich nicht wirklich. Die meisten hatten weder Eigentum noch Familie. Mit solchen Geschichten und Erzählungen wuchs ich auf. Es versteht sich also von selbst, warum mich das Thema so sehr interessiert. Es hat einen persönlichen Aspekt, den nur wenige verstehen können. Es ist aber nicht nur wegen diesen persönlichen Gründen – einerseits mein Interesse an Kunstgeschichte und andererseits meine jüdische Herkunft – die mich zur Wahl dieses Themas führten. Es gibt außerdem auch gesellschaftliche und politikwissenschaftliche Aspekte, die meine Wahl unterstützen. Der Nationalsozialismus und seine Geschichte sind unvorstellbar – wie Leute mittels Propaganda zu unmenschlichen Taten überreden werden konnten, und wie andere durch brutalste Arten ermordet wurden. Manche beschreiben die Zeit des Krieges wie eine Ausnahmesituation. Eine Massenmanie, die soziologisch unerklärbar ist und bleibt. Und doch gibt es heute noch Menschen und gar ganze Organisationen, die diese Taten und Verbrechen leugnen. Und auch wenn die Taten selbst nicht geleugnet werden, die Schuld daran sehr wohl. Maria Altmann beschreibt es so: „Die Österreicher versuchten sich später als Opfer darzustellen. Aber sie waren keine Opfer. Sie waren überglücklich. Sie jubelten. Die Kirchglocken wurden geläutet. Die Frauen warfen den Soldaten Blumen zu. Auf den Straßen fand eine unglaubliche Jubelfeier statt.“5 5 Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 Die Opferrolle Österreichs ist ein sehr heikles Thema. Eines, das nur vorsichtig angetastet werden darf, und eines, welches ich in dieser Arbeit versuchen werde zu vermeiden. Aber abgesehen von Opfer- und Täterrolle, es zog ein Krieg durch die Straßen Österreichs. Und er brachte den Tod, das Elend und die Grausamkeit mit sich. Es gibt so vieles, das noch erarbeitet und verarbeitet werden muss. So viel muss wieder gut gemacht werden, das nicht wieder gut gemacht werden kann. Die politische Geschichte eines Landes ist überaus wichtig für dessen politische Gegenwart. Die Schnelligkeit – beziehungsweise die fehlende Schnelligkeit – in der die Restitutionen in Österreich durchgeführt werden, zeigt die damalige sowie die heutige politische
  9. 9. 9 Haltung gegenüber dem Thema Nationalsozialismus, dessen Folgen und Konsequenzen und die Bedeutung der Restitutionen sehr deutlich. Der Nationalsozialismus ist ein häufig besprochenes Thema in Österreich. Die Zeit ab dem Anschluss Österreichs zum nationalsozialistischen Deutschen Reich im März 1938 bis zum Kriegsende im Mai 1945 ist in Geschichtsstunden, Diskussionen und Medien jeglicher Art ein häufig behandeltes Thema. Jedoch ist nicht nur diese Zeit der Geschichte als wichtig zu erachten, sondern auch das, was nach dem Krieg passiert ist. Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um das Leben der Menschen zu stabilisieren? Wie wurden die Menschen behandelt, die während des nationalsozialistischen Regimes vertrieben worden sind? Was wurde ihnen zurückgegeben und was nicht? „Die Frage der zumindest symbolischen Abgeltung für die Vertreibung 1938 und 1939, die Frage der Restitution von Vermögen, das die NS-Diktatur entzogen hat, die Frage der Entschädigung für Zwangsarbeit – alles das waren (und sind) Themen, die um (und nach) 2000 mehr politische Bedeutung haben als unmittelbar nach 1945.“6 6 Pelinka, Anton / Rosenberger, Sieglinde: Österreichische Politik. Grundlagen Strukturen Trends. 3., aktualisierte Auflage, Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG, 2007, S. 34-35 Ich möchte die Problematik der Restitution des NS-Kunstraubes in Österreich erforschen, und versuchen herauszufinden, warum die Restitutionen so lange dauern. Über dieses Thema könnte man Bücher, gar ein kleines Lexikon schreiben. Daher habe ich beschlossen, mich auf den Fall Bloch-Bauer zu konzentrieren, ihn genauer zu erforschen, und anhand dessen das Thema der Restitution in Österreich zu analysieren.
  10. 10. 10 1.1. Hypothesen „Ich wäre dafür, daß man die Sache in die Länge zieht. [...] Wir müssen auf verschiedene Dinge Rücksicht nehmen. Es gibt schon Leute, die das verstehen. Die Juden werden das selbst verstehen, da sie im klaren darüber sind, daß viele gegen sie Stellung nehmen.“7 Nach dem Krieg – von 1945 bis 1952 – fanden in der österreichischen Bundesregierung Diskussionen über die Entschädigung der Juden statt. In den Wertprotokollen kann man lesen, dass es kein Ziel war, etwas Gutes zu tun. Es ging nicht um Wiedergutmachung. Es ging nicht darum, den Juden und Jüdinnen ihr Leben wie sie es vor dem Krieg kannten zurückzugeben. Es ging lediglich darum das notwendige Minimum zu tun. Die oben angeführte Aussage von Oskar Helmer aus der 132. Ministerratssitzung vom 9. November 19488 sagt im Prinzip schon alles aus. Man wollte sich damals wie heute nicht mit dem Thema der NS-Zeit befassen. Weder womit, was während der Zeit passiert ist, noch was dazu geführt hat, aber schon gar nicht mit dessen Folgen. Die Kunsthistorikerin und Provenienzforscherin Sophie Lillie meint dazu: „Dass es nicht gelöst wird liegt daran, dass es kein Interesse gibt es zu lösen.“9 Genau damit hat sie Recht. Denn die finanzielle Lage Österreichs unmittelbar nach Kriegsende ist keine Entschuldigung. Wir reden nicht von 1945. Oder gar 1955. Wir reden von dem heutigen Stand der Dinge. Es geht so gut wie gar nichts weiter. Menschen warten und warten, und es vergehen nicht Tage oder Monate, sondern Jahre. Und es tut sich kaum etwas. Es liegt daran, dass die österreichische Regierung kein Interesse und keine Motivation hat die Restitutionen zu beschleunigen. 7 Knight, Robert: “Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen” Die Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung von 1945 bis 1952 über die Entschädung der Juden, Wien: Böhlau, 2000, S. 146 8 ebda., S. 146 9 Lillie, Sophie im Interview am 19.01.2011
  11. 11. 11 2. Kunstraub und Restitution „Es stellt sich die Frage, ob es tatsächlich sinnvoll ist, den Begriff ,Kunstraub’ durch einen wesentlich schwächeren wie etwa ‚Entziehung’ oder einen in seinen Bedeutungen sehr komplexen wie ‚Enteignung’ zu ersetzen. Das Argument, dass die Verwendung des Begriffes ‚Raub’ bei heutigen Generationen romantische Vorstellungen von Seeräubern und Wegelagerern oder Assoziationen von bildungsbürgerlichen Ikonen wie Friedrich Schillers ‚Räuber’ evozieren und damit den Blick auf die umfangreiche, systematische und gewalttätige Beraubung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten verstellen könnte, erscheint uns wenig überzeugend. Einem derartigen Mangel an historischem Bewusstsein lägen wohl gravierende Defizite anderer Art zu Grunde, die kaum durch eine Begriffskorrektur behoben werden könnten.“10 10 Anderl, Gabriele / Caruso, Alexandra (Hrsg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck/Wien/Bozen: Studien Verlag, 2005, S. 19 Um über das Thema Raubkunst zu sprechen, müssen zu allererst ein paar wesentliche Begriffe definiert werden. Raubkunst sind Kunstgüter, die während einem Krieg widerrechtlich erlangt beziehungsweise gestohlen werden. Jegliches Eigentum, das während eines Krieges jemandem widerrechtlich weggenommen wird, gilt als Raubgut. Handelt es sich um Kunstobjekte, dann wird das Wort Raubkunst verwendet. Restitution ist die Rückgabe von geplünderten Gütern an ihre frühren Besitzer und Besitzerinnen. Es gibt mehrere Gründe, warum genau das Thema der Restitution von NS-Kunstraub so interessant, wichtig und komplex ist. Es gibt zwei Hauptgründe dafür: erstens, dass es bis zum Zweiten Weltkrieg noch nie Plünderungen in solch einem Ausmaß gab. Und zweitens, dass zum ersten Mal überhaupt von Rückerstattung gesprochen wurde.
  12. 12. 12 2.1 Die Geschichte des Beuteraubs und der Restitution „Sechs Millionen Morde kann man nicht wiedergutmachen, Milliarden geraubte Vermögen nicht wirklich rückerstatten. Den Überlebenden ist nichts anzudienen, was ihrem Leben ohne Hitler, ohne dem Nationalsozialismus, ohne das Deutsche Gas entsprechen könnte. [...] Die Einzigartigkeit der Verbrechen Nazi- Deutschlands an den Juden Europas entzieht sich den vereinfachenden Kategorien juristischen Denkens.“ 11 Es gab seit dem Beginn der Menschheit immer schon Kriege; manche waren groß mit vielen Verlusten oder sogar mit Kolonialisierungen, und manche nur kleine Schlachten. Während Schlachten und Besiedlungen war es üblich, dass der Feind staatliche wie auch private Güter widerrechtlich mitnahm. Gebäude oder sogar ganze Städte wurden zerstört, zum Beispiel durch absichtlich gelegte Brände. Nachdem die Schlacht oder der Krieg vorbei war, ist nie eine Rede von Rückerstattung der gestohlenen Güter oder Wiedergutmachungsgelder gewesen. Die so genannten Sieger des Krieges hatten das Recht die Sachen, die sie während des Krieges mitgenommen hatten, zu behalten, und die Besiegten, die alles verloren hatten außer ihr Leben, hatten nicht zu widersprechen. Gegen wen sollten sie Einspruch erheben? Der Krieg war verloren, die Sachen und die Leben, die im Krieg verloren gingen, konnte man nicht zurückholen. Doch als sich die Kunst des Krieges entwickelte, vom Speer zu Atomwaffen und noch weiter, wurden auch die Verluste immer tragischer, immer extremer. Wenn der Krieg zwischen Menschen schon als so natürlich und unvermeidbar bezeichnet wird, und man akzeptiert, dass es immer Kriege geben wird, dann sollte es zumindest Gesetzte geben, die das Leid mildern. Mit diesem Gedanken entwickelten sich über die Jahre Kriegsgesetze. Obwohl der Krieg selbst ein grausamer und tragischer Zustand ist, haben sich Staatsoberhaupte zusammengesetzt, um ‚Regeln’ zu erstellen. Somit findet man inmitten einer inhumanen Sache namens Krieg humane Kleinigkeiten, welche zumindest manche grausame Taten 11 Stern, Frank: Rehabilitierung der Juden der Materielle Wiedergutmachung – Ein Vergleich, In: Forum Politische Bildung (Hrsg.): Wieder gut machen? Enteignung, Zwangsarbeit, Entschädigung, Restitution Österreich 1938-1945/1945-1999, Wien/Innsbruck: Studien Verlag, 1999, S. 113
  13. 13. 13 ausschließen. Der folgende Auszug dient zum Verständnis des Erfordernisses nach einer Gesetzesniederschreibung über den Landkrieg.: „... in der Erwägung, dass es nicht genügt, Mittel und Wege zu suchen, um den Frieden zu sichern und bewaffnete Konflikte zwischen den Staaten zu verhüten, sondern dass auch der Fall ins Auge gefasst werden muss, wo ein Ruf zu den Waffen durch Ereignisse herbeigeführt wird, in ihre Fürsorge nicht hat abwenden können, von den Wunsche beseelt, auch in diesem äußersten Falle den Gesetzen der Menschlichkeit und den sich immer steigernden Forderungen der Zivilisation zu dienen [...] in diesem Sinne zahlreiche Bestimmungen angenommen, die dem Zwecke dienen, die Gebräuche des Landkriegs näher zu bestimmen und zu regeln.“12 „Der Holocaust war nicht nur der größte Völkermord der Geschichte, sondern auch der größte Raubzug.“ 2.2. Kunstraub und Restitution des Zweiten Weltkriegs 13 Eines dieser Gesetze des Landeskrieges verbietet Plünderungen.14 12 Internationale Übereinkunft vom 29. Juli 1899 betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs (mit Reglement), Einleitung 13 Michael J. Bazyler, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 14 Internationale Übereinkunft vom 29. Juli 1899 betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs (mit Reglement), Art. 47 Während des Zweiten Weltkrieges wurden jedoch viele dieser Gesetze gebrochen, und nur eines davon war die Plünderung von privatem Eigentum. Noch nie zuvor hat es so eine breitgefächerte, systematische, totale Plünderung gegeben. Im Grunde genommen ging es bei diesen Plünderungen um nichts anderes als um Enteignung des jüdischen Volkes Juden im Deutschen Reich, etwas das die Nationalsozialisten „Arisierung“ nannten. Sie wurden aber nicht alle geregelt und vom Staat durchgeführt. Der Geschichtsprofessor Jonathan Petropoulos erzählt, wie es zu ‚wilden Arisierungen’ kam. „Spontane Aktionen, bei denen Juden und Jüdinnen von der Bevölkerung bestohlen wurden. Sie gingen in jüdische Läden, packten die Besitzer am Kragen, schmissen sie aus dem Laden und übernahmen
  14. 14. 14 das Geschäft. Jüdische Wohnungen, jüdischer Besitz wurde so beschlagnahmt.“15 Historikerin Tina Walzer erklärt weiter, wie das Naziregime erkannte, dass durch diese spontanen, von Bürgern und Bürgerinnen durchgeführten Aktionen viel von der Beute verloren ging. Darauf begann das Regime, die Juden und Jüdinnen systematisch zu enteignen.16 Der Staat merkte sofort, dass sie, um einen so großen Gewinn zu machen wie nur möglich, die Güter in Geld umwandeln mussten. Sie wollten die Objekte liquidieren, und handfestes Geld in den Händen haben. Papiere, Koten, Versicherungen, alles wurde systematisch und geplant durchgeführt. Es „erfolgte die systematische Enteignung von Geschäften und Firmen über Zwangsverkauf, Betriebsstilllegung oder den Entzug von Gewerbekonzessionen durch die Nationalsozialisten. Neben dem Ziel der Verdrängung der Juden und Jüdinnen aus der Wirtschaft sollte über die Enteignung von Häusern, Wohnungen, Grundstücken, Wertpapiere und Privatvermögen auch die systematische Verdrängung der jüdischen Bevölkerung aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens forciert werden.“17 So etwas hatte es noch nie in der Geschichte gegeben. Den Juden und Jüdinnen wurde das Recht zu besitzen genommen, und von einem Tag auf den nächsten hatten sie nichts. Maria Altmann erzählt von den schrecklichen Plünderungen, die durchgeführt wurde. „Sie kamen zu unserem Haus. Sie stellten ein paar Fragen und verlangten dann meinen Schmuck. Ich hatte tollen Schmuck zur Hochzeit bekommen, die wenige Wochen zurücklag. Ich hatte Angst, [...] deshalb sagte ich, dass ich noch mehr beim Juwelier hatte. Als alles herbeigebracht war, auch das Diamantenkollier des berühmten goldenen Porträts, steckten sie alles in einen Sack. Nichts wurde aufgeschrieben, Sie schütteten es in einen Sack. [...] Sie nahmen alles mit. Wir wussten nicht wohin. Es war einfach alles weg.“18 Nach dem Krieg, in dem mehrere Millionen Menschen ums Leben kamen, wusste 15 Jonathan Petropoulos, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 16 Tina Walzer, In: ebda. 17 Forum Politische Bildung (Hrsg.): Wieder gut machen? Enteignung, Zwangsarbeit, Entschädigung, Restitution Österreich 1938-1945/1945-1999, Wien/Innsbruck: Studien Verlag, 1999, S. 162 18 Maria Altmann, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007
  15. 15. 15 niemand, was der nächste Schritt sein sollte. Es war, als wäre die Welt von einem Alptraum aufgewacht, und konnte die vergangene Nacht einfach nicht wahrhaben. Aber es musste sein. Es war kein Traum. Der Krieg, der Holocaust, war geschehen. Schon vor den Krieg hatten sich viele Menschen das Leben genommen. Maria Altmann erklärt es sehr gut, wenn sie meint, „vor Leuten, die kein Geld hatten und keine Fremdsprachen konnten, hing ein schwarzer Vorhang und hinter diesem Vorhang war nichts. Was blieb ihnen übrig?“19 Andere nahmen sich das Leben nicht selbst, sondern es wurde ihnen genommen. Konzentrations- und Vernichtungslager wurden für die systematische Massenermordung gebaut. Und doch gab es auch Menschen, die überlebten. Juden und Jüdinnen, die mit nichts zurückkamen. So viele hatten nach dem Krieg weder Familie noch sonst etwas, woran sie sich festhalten konnten. Sie hatten weder Geld, noch Besitz oder Eigentum. Es war für alle klar, dass etwas gemacht werden musste. Daraufhin begann man über das Thema der Entschädigung der Juden und Jüdinnen zu reden. Zwischen 1946 und 1949 wurden acht Rückstellungsgesetzte (RG) beschlossen, die sich mit der Restitution von verschiedenem Eigentum befassten. „Das 1. RG vom 26. Juli 1946 betraf das vom Deutschen Reich entzogene und nach 1945 in der Verwaltung der Republik Österreich oder der Bundesländer befindliche Vermögen, das 2. RG vom 6. Februar 1947 behandelte das im Eigentum der Republik befindliche entzogene Vermögen und das 3. RG vom 6. Februar 1947 das in privatem Besitz befindliche, zwischen 1938 und 1945 entzogene Vermögen, und jene Fälle, die nicht durch das 1. und 2. RG geregelt werden konnten. Der größte Teil der Rückerstellungsverfahren fiel unter das 3. RG. Weitere Rückerstellungsgesetze regelten die Rückerstellung entzogener Rechte, z.B. Gewerberechte, Ansprüche aus Dienstverhältnissen u.ä.“20 19 Maria Altmann, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 20 Forum Politische Bildung (Hrsg.): Wieder gut machen? Enteignung, Zwangsarbeit, Entschädigung, Restitution Österreich 1938-1945/1945-1999, Wien/Innsbruck: Studien Verlag, 1999, S. 172 Da Österreich nach dem Krieg von den Alliierten besetzt und aufgeteilt wurde, tritt die Frage auf, warum diese sich nicht um die Rückerstattungen und den korrekten Ablauf der Verfahren kümmerten. Dies geschah aus politischen und taktischen Gründen. Die Alliierten hatten soeben einen Krieg mit Deutschland und Österreich beendet, und wollten diese Länder als Freunde und nicht
  16. 16. 16 als Feinde haben. Die Beutekunst, welche die Alliierten fanden, gaben sie den Ursprungsländern zurück, mit der Idee, dass diese sie selber an die rechtmäßigen Eigentümer und Eigentümerinnen zurückgeben würden. „Die USA ließen Österreich ungeschoren davonkommen. Wegen des Kalten Krieges wollten sie Österreich auf der Seite des Westens. Daher untersuchten die USA die Rolle Österreichs im Dritten Reich und während der Nachkriegszeit nicht.“21 Theoretisch waren Rückerstattungen also möglich. Doch wie die Geschichte uns lehrt, schaut die Praxis anders aus. Die Israelitische Kultusgemeinde hatte vor 1938 um die 200.000 Mitglieder. Nach 1945 lebten in Wien weniger als 5000 Juden und Jüdinnen.22 Der Rest, der im Holocaust nicht gestorben war, ist ins Ausland gegangen. „Wieviele aus Österreich vertriebene Menschen nicht zurückkehrten, weil sie keine Möglichkeit sahen, hier wieder Wohnung uns Existenz zu finden, wird sich wohl nie feststellen.“23 Bezüglich Rückerstattung konnte man aus dem Ausland schwer bis gar nichts unternehmen. Man hätte jemandem die Sache anvertrauen müssen. Aber wie wusste man, wer in Wien oder gar noch am Leben war? Und wem konnte man noch vertrauen? Auch wenn einem der Besitz theoretisch rückerstattet würde, gab es plötzlich Regelungen, die den Export der Gegenstände nicht zuließen. Bilder wurden für die Ausfuhr gesperrt. „Die schwierigsten und größten Hindernisse der Restitution waren der Schutz des Kulturerbes und das Exportembargo für österreichische Kunst.“24 21 Jonathan Petropoulos, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 22 Forum Politische Bildung (Hrsg.): Wieder gut machen? Enteignung, Zwangsarbeit, Entschädigung, Restitution Österreich 1938-1945/1945-1999, Wien/Innsbruck: Studien Verlag, 1999, S. 168 23 ebda., S. 109 24 Sophie Lillie, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 Was also konnte man machen, um doch einige Gegenstände aus dem früheren Besitz wiederzubekommen? Der internationaler Anwalt Willi Korte erklärt diesen Prozess sehr deutlich: „Um Kunstgegenstände zu exportieren, mussten sie einen Deal mit der österreichischen Regierung machen und etwas ‚spenden’. [...] Dann durften sie erst den Rest außer Landes führen. Wenn man sich
  17. 17. 17 einige dieser Fälle ansieht, ging es da wie auf einem Basar zu.“25 Diese Bitten um die Spenden wurden natürlich in den meisten Fällen nur angedeutet, und es wurde nie niedergeschrieben. Auch Sophie Lillie erzählt im Interview, wie diese Verhandlungen zugingen. „‚Das was du willst kannst du nicht haben, aber wir geben dir etwas, was wir nicht brauchen.’ [...] Diese ganzen Verhandlungen beziehungsweise Erpressungen stehen ja selten in den Akten drinnen. Die Beamten und Beamtinnen wussten ja, dass sie sich auf dünnem Eis bewegten. Es wird oft angedeutet oder insinuiert. Sozusagen, man könnte schenken und dann würde sich was anderes tun. Aber da gibt es keinen Briefwechsel darüber was man von jemandem mittels Erpressung bekommen kann.“26 „Da werden lauter Lügen oder Halbwahrheiten verbreitet.“ 2.3. 1998 27 Die Anzahl der Restitutionen, aber auch die Bemühungen etwas weiterzubringen stagnierten. Es gab Rückerstattungsgesetze und theoretisch auch die Möglichkeit, geraubtes Gut wiederzubekommen. Praktisch hatte man aber aufgegeben. Man hielt den Zug für abgefahren, und man freute sich über die Sachen, die man doch wiederbekommen hat. Jedoch kam es 1998 zu einer neuen Welle der Hoffnung. „Zunächst war es die so genannte ‚Mauerbach-Affäre’, dann um die Jahreswende 1997/1998 der Konflikt um die zwei Schiele-Bilder, die die Stiftung Rudolf Leopold für eine Ausstellung nach New York verliehen hatte, und die von den amerikanischen Behörden als ehemals jüdisches Eigentum beschlagnahmt wurde.“28 25 Willi Korte, In: ebda. 26 Lillie, Sophie im Interview am 19.01.2011 27 Leopold, Rudolf, In: Petsch, Barbara: Restitution: „Lauter Lügen und Halbwahrheiten!“, Wien: Die Presse, 25.03.2008 28 Anderl, Gabriele / Caruso, Alexandra (Hrsg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck/Wien/Bozen: Studien Verlag, 2005, S. 11 Die „Mauerbach- Affäre“ – oder wie von der internationalen Fachzeitschrift ARTnews genannten „Vermächtnis der Schande“ („Legacy of Shame“) – war der Skandal rund um den Bestand von NS-Raubkunst in der Kartause Mauerbach, die jahrzehntelang als Depot
  18. 18. 18 verwendet wurde. Jahrzehntelang war die Kartause für Besucher geschlossen, und beherbergte um die 8.000 von den Nazis geplünderten Gegenstände. Sie galten als herrenlos, obwohl dies eine nie untersuchte Tatsache war. Dies war der Stand der Dinge bis Simon Wiesenthal 1969 das Bundesdenkmalamt dazu brachte eine Liste der Gegenstände zu veröffentlichten. Damals wurden 1.231 Gegenstände zurückgefordert, wovon letztlich nur 72 rückerstattet worden sind. 1984 wurde der Fall durch den Artikel „Legacy of Shame“ medial bekannt.29 Der Herausgeber der Zeitschrift, Milton Esterow, besuchte Mauerbach und bekam das ganze Depot zu sehen. Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Andrew Decker brachte er daraufhin die Geschichte weltweit an die Öffentlichkeit. Der damalige Bundeskanzler Fred Sinowatz konnte nicht viel dazu sagen. Er wird auch oft genug für seinen Ausspruch „Es ist alles sehr kompliziert“ zitiert.30 Wieder wurde eine Gegenstandsliste veröffentlicht, und diesmal wurden mehr als 3.000 Gegenstände zurückgefordert. Nur 22 davon wurden rückerstattet. Einer der Fälle wurde von einer Frau aus New Jersey ins Rollen gebracht, die von der Republik ein Gemälde zurückforderte. Sie wisse, dass das Bild 24 mal 27 groß sei, und sogar was auf der Rückseite stand. Österreich lehnte die Klage jedoch ab, weil die tatsächlichen Maße 25 mal 29 waren. „Wie soll sie sich denn bitte an die exakte Größe erinnern, fünfzig Jahre später? Aber so reagierten die Österreicher allgemein.“31 Die Republik deklarierte die Gegenstände für herrenlos, und akzeptierte die Ansprüche der Leute nicht. „Österreich machte keine Anstalten, etwas zu unternehmen.“32 Im Jahr 1996 entschied sich die Republik für eine von Christies durchgeführte Auktion. Die Sammlung Mauerbach wurde für über 14 Millionen Dollar verkauft. Sie ging in erster Linie an die israelitische Kultusgemeinde Wien. „Das Mauerbach-Lager zeigt, dass Österreich jahrzehntelang die eigene Nazivergangenheit und die Restitutionsfrage ignorierte.“33 1998, also nur zwei Jahre später, wurde die internationale Kunstwelt von einem neuen 29 Decker, Andrew: A Legacy of Shame, New York: ARTnews, December 1984 Nr. 83, S. 55-75 30 Fred Sinowatz verstorben, In: www.oesterreich.ORF.at, 11.08.2008 31 Milton Esterow, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 32 ebda. 33 Jonathan Petropoulos, In: ebda.
  19. 19. 19 Skandal erschüttert, der in New York seinen Anfang nahm. Das New Yorker Museum of Modern Art hatte im Oktober 1997 die größte Schiele-Ausstellung Amerikas eröffnet. Kurz darauf begannen Gerüchte rund um Rudolf Leopold – von dessen Sammlung 152 Werke ausgeliehen wurden – und um seine Vergangenheit. Am 7. Jänner 1998 wurden die Werke Porträt von Wally und Tote Stadt III von dem Bezirksstaatsanwalt Robert Morgenthau beschlagnahmt, da es sich seiner Meinung nach um Nazi-Beutekunst handelte.34 „Plötzlich konnte man Bilder beschlagnahmen lassen, und sie damit tatsächlich an sich nehmen. Das macht einen bleibenderen Eindruck, als mit einer Klage zu drohen.“35 „Es waren die durch die erwähnte Beschlagnahme der Schiele-Bilder in Gang gekommenen politischen und öffentlichen Debatte sowie der immer stärker werdende internationale Druck, die 1998 zur Einrichtung der Kommission für Provenienzforschung und zur Verabschiedung des Kunstrückgabegesetzes geführt haben.“36 Dieser internationale Skandal setzte die Republik Österreich natürlich unter einen enormen Druck etwas zu unternehmen. Es war klar, dass in Österreich sehr viele Bilder und andere Kunstgegenstände noch in unrechtmäßigem Besitz standen. Die damalige Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Elisabeth Gehrer, schlug ein neues Restitutionsgesetz vor. Noch im Dezember 1998 wurde das Bundesgesetz über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen verabschiedet.37 34 Schieles Wally wieder im Leopold Museum, In: www.art-port.cc, 20.07.2010 35 Willi Korte, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 36 Anderl, Gabriele / Caruso, Alexandra (Hrsg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck/Wien/Bozen: Studien Verlag, 2005, S. 11 37 Restitutionsgesetz 1998, In: Schoenberg, E. Randol / Gulner, Stefan (Hrsg.): Causa Bloch-Bauer, www.adele.at, 02.04.2007 Dieses neue Restitutionsgesetz sollte Österreich dazu bringen auch jene Werke zurückgeben, deren Schenkung man im Tausch gegen Ausfuhrerlaubnisse erzwungen hatte. Ministerin Gehrer stellte ein Komitee für Provenienzforschung zusammen, das sich nur mit der Herkunftsgeschichte von NS- Raubkunst beschäftigen sollte. Dazu kam es wegen der Washingtoner Erklärung, die am 3. Dezember 1998, also nur einen Tag vor der Verabschiedung des neuen Restitutionsgesetzes, von 44 Staaten unterschrieben wurde. Diese Erklärung verpflichtet
  20. 20. 20 alle unterzeichnenden Staaten die rechtmäßigen Eigentümer aller Kunstwerke, die während des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, zu finden. Im Falle einer Klage durch einer Person, die ein Werk für sich beansprucht, sind diese Provenienzforscher dazu verpflichtet, den Fall zu untersuchen. Sie beraten dann die Ministerin, die endgültig darüber entscheidet. „Das Gesetz berechtigt die Kultusministerin, Werke zurückzugeben, die heute Österreich gehören. Sie aus dem Staatsbesitz zu nehmen und jemandem zu geben. Die Ministerin hat ein Komitee, das sie in Restitutionsfällen berät. Wenn sich das Komitee gegen eine Restitution entscheidet, bleibt es im Staatsbesitz. Kläger haben kein Recht, Widerspruch einzulegen.“38 “Aus unseren schweren Herzen kamen die leichten Witze, aus unserem Gefühl, daß wir Todgeweihte seien, eine törichte Lust an jeder Bestätigung des Lebens: an Bällen, am Heurigen, an Mädchen, am Essen, an Tollheiten jeder Art, sinnlosen Eskapaden, an selbstmörderischer Ironie...” 3. Gustav Klimt und seine Werke 39 Gustav Klimt, geboren am 14. Juli 1862 in Baumgarten bei Wien, war das zweite von sieben Kindern des Ehepaares Anna und Ernst Klimt. Mit vierzehn Jahren begann er die Wiener Kunstgewerbeschule des K.K. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie zu besuchen. Bald begann Klimt gemeinsam mit seinem Bruder Ernst und einem Mitschüler Franz Matsch wichtige Aufträge zu bekommen, darunter die Gestaltung des Festzuges anlässlich der kaiserlichen Silberhochzeit 1879, die Dekorationsarbeit für das Stadttheater in Fiume, Jugoslawien 1883, die Dekorationsarbeit des Wiener Burgtheaters 1886, und die Dekorationsarbeiten im Kunsthistorischen Museum 1890, wofür sie die allerhöchste Anerkennung bekamen. 1897 wurde die Wiener Secession durch Joseph Maria Olbrich, Joseph Hoffmann und Gustav Klimt gegründet, in der 1902 der Beethoven-Fries ausgestellt wurde. Er ist heute noch dort zu 38 Tina Walzer, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 39 Gustav Klimt, In: www.Artikel32.com, 15.01.2011
  21. 21. 21 besichtigen. Klimt beteiligte sich an mehreren Kunstschauen, wie auch an der Wiener Kunstschau 1909, bei der er die Goldene Medaille für Die drei Lebensalter erhielt. Außerdem nahm er auch an der internationale Kunstschau 1909, der Biennale in Venedig 1910, der internationale Kunstausstellung in Rom 1911, und der Großen Kunstausstellung in Dresden 1912 teil. 1912 wurde Klimt Präsident des Österreichischen Künstlerbundes, und 1917 wurde er ein Ehrenmitglied der Akademie der Bildenden Kunst Wien. Am 6. Februar 1918 starb Klimt, nachdem er ein paar Wochen zuvor in seiner Wohnung einen Gehirnschlag erlitten hatte.40 Gustav Klimt war aber nicht nur ein Künstler der bildenden Kunst, sondern auch des Lebens. Er war ein Liebhaber, ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft und ein Erschaffer neuer Ideen. Noch heute ist Klimts Fingerspitzenwerk in vollstem Detail in Wiens Jugendstilbauten zu sehen. Beim Betrachten seiner Bilder ist die Liebe zum Leben, zur Kunst und vor allem zu den Frauen stark spürbar. Klimt war bekanntlich ein Liebhaber; um ihn herum kreisten immer Gerüchte über Affären mit seinen Porträtierten.41 Er malte mit so viel Liebe, Hingabe und Können, dass seine Bilder schnell zu Lebzeiten bekannt wurden. Klimt war in seinen gesellschaftlichen Kreisen sehr beliebt und hatte viele Freunde, die ihn unterstützten. Dies war einer der Gründe, warum Ferdinand Bloch-Bauer sechs Gemälde von Klimt in Auftrag gab. Das Bildnis Amalie Zuckerkandl wurde noch kurz vor der Arisierung von Ferdinand Bloch-Bauer an Amalie Zuckerkandls Tochter, Hermine Müller-Hoffmann übergeben.42 Im Gegensatz zu Oskar Kokoschkas Werken galten die von Gustav Klimt nicht zur entarteten Kunst, sie waren im Gegenteil außerordentlich beliebt. 1943 fand im Wiener Künstlerhaus die bis dato größte und umfangreichste Klimt Ausstellung statt.43 40 Fliedl, Gottfried: Klimt, Köln: Taschen Verlag, 2003, S.230 - 233 41 Monica Strauss, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 42 Lillie, Sophie: Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens, Wien: Czernin Verlag, 2003, S. 204 43 Being Gustav Klimt, In: Datum, Nr. 04/04 Seiten der Zeit, September 2004 „Und zwar in Österreich unter der Schutzherrschaft der Nazis. Das Porträt von Adele Bloch- Bauer hieß dort nur ‚Dame in Gold’. Wegen der vielen Diebstähle und
  22. 22. 22 Beschlagnahmungen von Bildern hatten sie tatsächlich fast Klimts Gesamtwerk vor Ort.“44 44 Monica Strauss, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007
  23. 23. 23 Die fünf Werke, welche Maria Altmann 2006 von der Republik Österreich zurückerstattet bekam, waren die zwei Portraits ihrer Tante (Adele Bloch-Bauer I, Adele Bloch-Bauer II) und die drei Landschaften Birkenwald, Apfelbaum und Häuser in Unterach am Attersee.45 Diese fünf Bilder wurden alle im Auftrag von Ferdinand Bloch-Bauer gemalt, und hingen bis zur Arisierung im Palais der Familie in der Elisabethstraße Nr. 18, im ersten Wiener Gemeindebezirk. Seit Adele Bloch-Bauers Tod im Januar 1925 hingen die Bilder in ihrem alten Zimmer, und erinnerten stark an die in der Gesellschaft sehr beliebte Dame. Das Porträt Adele Bloch-Bauer I, besser bekannt unter dem Namen Goldene Adele wurde von Gustav Klimt im Jahre 1907 gemalt. Klimt wurde 1912 nochmals für ein zweites Portrait, Adele Bloch-Bauer II, unter Vertrag genommen. Beide sind Portraits der Frau Adele Bloch-Bauer, Ehefrau von Zuckerfabrikant Ferdinand Bloch-Bauer und Tochter des Generaldirektors des Wiener Bankvereins Moritz Bauer. Adele Bloch-Bauer und Gustav Klimt standen schon seit 1899 in enger Freundschaft. Interessanterweise wurde sie als Einzige zweimal von Gustav Klimt portraitiert. Weniger bekannt ist, dass sie 1901 als Modell für Klimts Halbakt zur biblischen Figur Judith I und 1909 für Judith II diente. Die drei Landschaftsbilder sind bekannte Beispiele für Klimts Gemälde, die er draußen in offener Natur gemalt hatte. Er hielt sich oft mit der Familie Flöge am Attersee auf, und genoss dort viele Tage, an denen er malen konnte, worauf er gerade Lust hatte. „Klimt bleibt stets der Erotiker. Die ganze Erde bekommt unter seinen Händen etwas Ätherisches, backfischhaft Zartes, Sonnenstrahlen spielen verliebt auf den schlanken Stämmen junger weißer Birken, auf verträumten Weihern, auf jungem, knospenden Wiesengrün.“46 45 Traumpreis für Gustav Klimt, In: Bronner, Oscar (Hrsg.): Der Standard, 20.6.2006 46 Muther, Richard, Rosenhagen, Hans (Hrsg.): Klimt. Aufsätze über bildende Kunst. Band 1, Berlin: J. Ladyschnikow Verlag, 1914, S. 186 Seine Landschaftsbilder waren damals bis heute wunderschöne Meisterwerke, die eine Atmosphäre, die nur draußen in der freien Natur herrscht, in ein Zimmer hereinbringen können.
  24. 24. 24 Adele Bloch-Bauer I 1907 Öl, Silber- und Goldauflagen auf Leinwand 138 x 138 cm Neue Galerie, New York
  25. 25. 25 Adele Bloch-Bauer II 1912 Öl auf Leinwand 190 x 120 cm Privatsammlung
  26. 26. 26 Birkenwald 1903 Öl auf Leinwand 110 x 110 cm Gemäldegalerie, Dresden
  27. 27. 27 Apfelbaum 1912 Öl auf Leinwand 110 x 110 cm Privatsammlung
  28. 28. 28 Häuser in Unterach am Attersee 1916 Öl auf Leinwand 110 x 110 cm Wolfgang Gurlitt Museum, Linz
  29. 29. 29 4. Arisierung Die Arisierungen während des nationalsozialistischen Regimes waren nichts anderes als ein offizieller Raub des jüdischen Volkes, der systematisch von den Behörden geleitet und ausgeführt wurde. Als das Regime merkte, dass es einen Profit mit der Beschlagnahmung jüdischen Besitzes machen konnte, wurde es sofort in Angriff genommen. Kleidung, Musikinstrumente, Porzellan, Silber, Schmuck, Gemälde, Wohnungen, Häuser und ganze Firmen. Es gab keine Grenzen. Sogar Goldzähne wurden von Konzentrationslagern zurückgeschickt. Jüdische Familien mussten Inventarlisten ihres Besitzes schreiben, wodurch es den Nazis noch leichter gemacht wurde, wertvolle Gegenstände zu finden und zu beschlagnahmen. Wertgegenstände wurden auch (?) versteigert, und es floss viel Geld. Nicht nur das Regime alleine machte Profit, sondern auch das Auktionshaus Dorotheum. „Das Dorotheum, das sehr unbedeutend gewesen war, bevor die Nazis kamen, wurde zu einem großen Auktionshaus. Dank den Nazis und ihrer Notwendigkeit, ihre Kunstbeute zu Geld zu machen.“47 Wegen der Arisierungen von jüdischen Unternehmen fielen auch wichtige Konkurrenten des Dorotheums weg, welches im Jahre 1938 eine Monopolstellung im Wiener Auktionswesen erlangt hatte. Unter den arisierten Auktionshäusern zählen Albert Kende (Kärntnerstraße Nr. 4) und Samuel Kende (Rotenturmstraße Nr. 14), welche vom Dorotheum übernommen wurden. Obwohl Auktionen von Objekten, Wohnungen und Häusern natürlich keine Erfindung der Nationalsozialisten waren, war es die Methode und Art der Durchführung sehr wohl. Das Dorotheum kündigte die Versteigerungen unter dem Titel „Freiwillige Versteigerung einer vornehmen Wohnungseinrichtung“ an; Das Wort „freiwillig“ viel natürlich bei Zwangsversteigerungen, die zwischen Juli 1938 bis Herbst 1940 am häufigsten waren, weg.48 47 Willi Korte, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 48 Caruso, Alexandra: Raub in geordneten Verhältnissen, In: Anderl, Gabriele / Caruso, Alexandra (Hrsg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck: Studienverlag, 2005, S. 91 Es waren in den meisten Fällen jedoch keine Zwangsversteigerungen. Wenn ganze Wohnungen und deren Inhalte versteigert wurden, handelte es sich meistens um
  30. 30. 30 leerstehende Wohnungen, deren Eigentümer deportiert worden waren. Tina Walzer erzählt, wie das Dorotheum Auktionen sogar in den Häusern der Opfer veranstaltete. Sie luden Kaufinteressenten und Kaufinteressentinnen in Privathäuser ein, und versteigerten vor Ort alle Gegenstände, von Möbel bis Kunstwerke.49 Hiermit wurden alle Grenzen von Menschlichkeit und Moral überschritten. Nach der Deportierung fanden nur Tage später in ihrem eigenen Zuhause Auktionen statt – dieser Gedanke ist unvorstellbar absurd, aber dennoch eine traurige Wahrheit. Zwischen März und Dezember 1938 wurden durch das Dorotheum 32 Hausauktionen durchgeführt. Im Vergleich fanden in demselben Zeitraum ein Jahr zuvor nur sieben statt. Schaut man sich die Adressen der Hausauktionen an, dann fallen bestimmte Muster auf, wie zum Beispiel das wiederholte Auftreten in bestimmten Gegenden. „Es handelt sich bei den genannten Vierteln um Teile der Stadt, die sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das assimilierte jüdische Großbürgertum mit den alteingesessenen wohlhabenden Bürgen und Aristokraten geteilt hatte.“50 Der Anschluss Österreichs zum nationalsozialistischen Deutschen Reich 1938 zwang Ferdinand Bloch-Bauer zur Flucht nach Tschechien, zu seinem Schloss in die Nähe von Prag. Doch als auch die Tschechoslowakei besetzt wurde, war Bloch-Bauer wieder auf Schon als 1938 alles anfing, wurde Juden und Jüdinnen nicht nur das Betreten des Dorotheums verboten, sondern auch die indirekte Teilnahme an Auktionen durch Mittelspersonen. Es entstand ein Markt an Kunstgegenständen, Möbeln, und jegliche sonstige Wohnungsgegenstände, den es zuvor noch nie gegeben hatte. Zusammen mit dem wachsenden Markt entstand auch die Vugesta, die Verwertungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Gestapo. Diese gab jene Kunstobjekte, die den Wert von RM 1.000,- überstiegen, an das Dorotheum weiter, und handelte selbst mit den weniger wertvollen Objekten im Freihandverkauf. Eine Gesamtschätzung des Wertes der vom Staat gestohlenen Güter während des zweiten Weltkriegs ist fast unmöglich, das Ausmaß der Verbrechen ist jedoch immens. 49 Tina Walzer, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 50 Caruso, Alexandra: Raub in geordneten Verhältnissen, In: Anderl, Gabriele / Caruso, Alexandra (Hrsg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck: Studienverlag, 2005, S. 91
  31. 31. 31 der Flucht. Es gelang ihm nach Zürich zu fliehen, wo er bis zu seinem Tod 1945 blieb. Während seines Aufenthaltes in Zürich wurden ihm hohe Steuerstrafen zugeschrieben. Das Strafverfahren gegen Ferdinand Bloch-Bauer basierte auf „Hinterziehung, Verheimlichung, Gefährdung der Körperschafts-, Einkommens-, Vermögens-, Krisen- sowie Sicherheitssteuer für die Jahre 1927 bis 1937.“51 Sein Vermögensverwalter und Rechtsanwalt Dr. Erich Führer, zu dem Bloch-Bauer ein ambivalentes Verhalten hatte, wurde als sein Vertreter eingesetzt, um die finanziellen Angelegenheiten zu regeln.52 Im Oktober 1938 wurden drei Gemälde arisiert, 1939 wurden weitere 43 Gegenstände durch den Wiener Magistrat „sichergestellt“. Die Auflösung der Sammlung Bloch-Bauer wurde durch eine Kunstschau im Palais Bloch-Bauer in der Elisabethstraße in die Wege geleitet, zu dem Vertreter mehrerer Galerien eingeladen wurden, wie zum Beispiel das Kunsthistorische Museum, die Österreichischen Galerien, und das Kunstgewerbemuseums. Andere Objekte wurden an den „Sonderauftrag Linz“ verkauft oder über das Wiener Kunst- und Auktionshaus „Kärnterstraße“ versteigert, wie zum Beispiel 400 Objekte der kostbaren Porzellansammlung, die vom 23. bis 25. Juni 1941 versteigert wurden. Die Klimt-Bilder wurden direkt über Dr. Erich Führer vermittelt. 1941 wurden die Gemälde Adele Bloch-Bauer I und Apfelbaum I von der Österreichischen Galerie übernommen. Das Gemälde Birkenwald verkaufte Führer 1942 an die Städtischen Sammlungen, und 1943 ging auch Adele Bloch-Bauer II an die Österreichischen Galerien. Das Gemälde Häuser in Unterach am Attersee behielt Führer in seinem Besitz bis zu seiner Verhaftung 1945, als die Alliierten es Ferdinand Bloch-Bauers Neffen, Karl Bloch-Bauer, übergaben. Er jedoch wurde aus anderen Vereinbarungsgründen gezwungen, das Bild 1948 an die Österreichischen Galerien zu übergeben. 51 Lillie, Sophie: Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens, Wien: Czernin Verlag, 2003, S. 204 52 Hess, Burkhard: Altmann v. Austria. Ein transatlantischer Rechtsstreit um ein weltberühmtes Gemälde Gustav Klimts im Wiener Belvedere, In: Grenzüberschreitungen. Beiträge zum Internationalen Verfahrensrecht und zur Schiedsgerichtbarkeit. Festschrift für Peter Schlosser zum 70. Geburtstag, Tübingen: Mohr Siebeck, 2005, S. 262
  32. 32. 32 5. Maria Altmann: Ihre Geschichte und die ihrer Bilder „Entweder haben wir recht oder Maria Altmann. Dazwischen gibt es nichts.“53 Als über Maria Altmann plötzlich weltweit in den Medien zu lesen war, fragten sich viele: „Wer ist denn diese Maria Altmann überhaupt?“ Der Rechtsanwalt Gustav Bloch und sein Bruder, der Zuckerfabrikant Ferdinand Bloch, heirateten ein Schwesternpaar, Therese und Adele Bauer, und so entstand die Familie Bloch-Bauer. Maria Altmann née Bloch-Bauer wurde 1916 als Tochter des Rechtsanwaltes Dr. Gustav und seiner Gattin Therese Bloch-Bauer in Wien geboren. Maria Altmann ist die Nichte und einzige lebende Erbin von Adele und Ferdinand Bloch-Bauer. Sie war erst neun Jahre alt, als ihre Tante Adele starb. Später meinte sie, dass Adele zwar wenig Kontakt zu ihr und ihren Geschwistern, aber trotzdem ein fabelhaftes Verhältnis zu ihnen hatte.54 Die Nationalsozialisten nahmen alles, was die Familie Bloch-Bauer vor dem Krieg besessen hatte, aber niemand meldete sich wegen einer Restitution, Rückerstattung oder Wiedergutmachung. Nicht nur aus dem Palais Bloch-Bauer wurden Objekte beschlagnahmt, sondern auch aus dem Hause Altmann. Das Diamantcollier, das im Maria Altmann heiratete 1937 den Opernsänger Fritz Altmann. Die Familie Bloch-Bauer war einerseits Teil der Wiener Oberschicht, aber gleichzeitig auch sehr präsent in der jüdischen Gesellschaft Wiens. Der Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich machte die gesamte Bloch-Bauer Familie zu einem großen Ziel antisemitischer Verfolgung. Fritz Altmann wurde zuerst in Wien inhaftiert, und dann in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Er kam aber nach kurzer Zeit frei, und flüchtete daraufhin mit Maria über Frankreich nach Großbritannien, und schließlich in die USA. Sie erreichten Los Angeles, Kalifornien, wo Maria Altmann heute noch lebt, im Jahre 1942, und erhielten 1945 die amerikanische Staatsbürgerschaft. 53 Gottfried Toman, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 54 Vorwort von Maria Altmann, In: Czernin, Hubertus: Die Fälschung. Der Fall Bloch- Bauer. Band 1, Wien: Czernin Verlag, 1999, S. 7
  33. 33. 33 Gemälde Adele Bloch-Bauer I zu sehen ist, gab Ferdinand seiner Nichte Maria als Hochzeitsgeschenk. Dieser Diamantcollier wurde samt Ohrringe von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, und gelangte in den Besitz von Hermann Göring, der den Schmuck seiner Frau Emmy als Geschenk überreichte. Wo sich der Diamantcollier heute befindet ist unbekannt. Das gleiche gilt für das von dem Geigenbaumeister Antonio Stradivari gebaute Cello, das Marias Vater Gustav gehörte. Das Cello wurde wenige Tage nach dem Einmarsch der Truppen von der Gestapo mitgenommen. „Es war, als hätte man ihm den Lebensfaden durchtrennt. Er starb ein paar Monate später. Seine Lebensfreude, seine Lebenskraft waren ihm genommen worden. Das ging vielen so.“55 Maria Altmann, die eine Familie hatte, um die sie sich kümmern musste, hatte anderes im Kopf als die Rückerstattung ihres einstigen Eigentums. „Was während des Krieges mit den Bildern passierte, kann ich nicht sagen. Als ich wieder etwas über sie hörte, hingen sie wieder im Museum. Ich lebte damals hier in Hollywood. Ich wohnte in einem kleinen Haus und hatte zwei noch sehr kleine Kinder. Mein einziges Interesse war, meine Kinder großzuziehen. Das Letzte, an was ich dachte, waren Besitztümer, Schmuck und Gemälde.“56 „Wie ich mich fühle, vor Gericht zu gehen? Um mich um etwas zu streiten, dass eigentlich uns gehört? Ich bin keine Kämpferin. Ich mag das nicht.“ 5.1. Maria Altmanns Kampf um ihre Bilder 57 Nach dem Krieg konnte das Klima in Wien nicht als sehr judenfreundlich bezeichnet werden. Die Überlebenden wurden nicht mit offenen Armen empfangen. Viele nicht- jüdische Österreicher waren unmittelbar nach Kriegsende der Meinung, dass früheres jüdisches Eigentum nicht rückerstattet werden soll, und die Juden und Jüdinnen nicht wieder so reich werden sollen wie früher. Auch der damalige Bundespräsident Karl 55 Maria Altmann, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 56 ebda. 57 Gottfried Toman, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007
  34. 34. 34 Renner war stark gegen die Idee einer Wiedergutmachung, und sprach sich deutlich aus: „Selbst wenn es Platz gäbe, glaube ich nicht, dass Österreich in seiner jetzigen Stimmung Juden noch einmal erlauben würde, diese Familienmonopole aufzubauen.“58 Doch 1998 wurde das Bundesgesetz über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus den Österreichischen Bundesmuseen und Sammlungen beschlossen. Dieses wurde von vielen, die bisher geschwiegen hatten, mit Aufmerksamkeit betrachtet. Maria Altmann kontaktierte den Rechtsanwalt E. Randol Schoenberg, Enkel der beiden österreichischen Komponisten Arnold Schoenberg und Eric Zeisl, der in kürzester Zeit der Rechtsvertreter aller Bloch-Bauer Erben wurde. Es wurde sofort brieflicher Kontakt mit Frau Bundesministerin Elisabeth Gehrer aufgenommen, aber erst der dritte Brief wurde von ihr beantwortet. Zwischen 13. September 1998 und 20. April 1999 wurden insgesamt 27 Briefe an Bundesministerin Fr. Elizabeth Gehrer, Sektionschef Dr. Rudolf Wran und Universitätsprofessor Dr. Ernst Bacher geschrieben. Es gab Rückerstattungsgesetze, die praktisch bedeutungslos waren, und es gab Abmachungen, die nie niedergeschrieben wurden. Es gab Ausfuhrverbote und geschenkte Bilder. Was es nicht gab, war Gerechtigkeit. 59 Die Antworten waren nicht Erfolg versprechend. Obwohl die Republik Österreich bereit war, 16 Klimt Zeichnungen und 19 Porzellan Gedecke zurückzuerstatten, wurde ein absolutes „Nein“ zu dem Thema der Klimt-Gemälde verlautbart. Journalist Hubertus Czernin meinte in seinem Buch über Gehrer: „Vielleicht war sie schlecht beraten, vielleicht hatte sie Angst vor der eigenen Courage.“60 Als Argumentation wurde das Testament Adele Bloch-Bauers verwendet, das aber rechtlich gesehen kein Gewicht hat. „Meine 2 Porträts und die 4 Landschaften von Gustav Klimt bitte ich meinen Ehegatten nach seinem Tode der österreichischen Staatsgalerie in Wien zu hinterlassen.“61 58 Renner, Dr. Karl, 1946, In: Czernin, Hubertus: Die Fälschung. Der Fall Bloch-Bauer. Band 2, Wien: Czernin Verlag, 1999 vierte Umschlagseite 59 Letters to the Ministry of Education and Culture, In: Schoenberg, E. Randol / Gulner, Stefan (Hrsg.): Causa Bloch-Bauer, www.adele.at, 02.04.2007 60 Czernin, Hubertus: Die Fälschung. Der Fall Bloch-Bauer. Band 2, Wien: Czernin Verlag, 1999, S. 475 Adele Bloch-Bauer starb 1925. Ihr Ehemann 61 Rabl, Christian: Der Fall Klimt/Bloch-Bauer, In: Österreichische Notariatszeitung. Monatsschrift für Notariat und freiwillige Gerichtsbarkeit 09/2005, Wien: Manz Verlag,
  35. 35. 35 schenkte das Gemälde Schloß Kammer am Attersee III 1936 den österreichischen Galerien, und dieses Gemälde ist auch keines der umstrittenen Bilder. Der Streitpunkt und einziger Anhaltspunkt der Österreichischen Regierung war der, dass die Bilder gemäß Adeles Willen den österreichischen Galerien übergeben wurde. „Adele verfasst im Januar 1923, als junge Frau, ein Testament. Sie ernannte Ferdinand zu ihrem Alleinerben. Sie bat ihn, die Bilder nach seinem Tod der Österreichischen Galerie zu vermachen. Ich glaube nicht, dass die Porträts tatsächlich ihr gehörten. Erstens scheint Ferdinand sie in Auftrag gegeben zu haben oder sie bezahlt zu haben. Zweitens benachteiligte die österreichische Gesetzgebung Frauen in der Zwischenkriegszeit. […] Es handelte sich um eine Bitte, nicht um eine Verpflichtung. Sie gehörten nicht ihr.“62 Maria Altmann gab der Republik Österreich eine faire Chance. In ihren Briefen schrieb sie wiederholt, dass sie nicht unbedingt alle Klimt-Bilder in ihrem Besitz haben musste. Sie wollte jedoch die Anerkennung, dass die Bilder rechtmäßig ihr gehören. Außerdem wurde ausdrücklich gesagt, dass kein Wunsch auf ein Gerichtsverfahren bestehe. Es kam jedoch zu keiner positiven Antwort von österreichischer Seite, und Maria Altmann sah keinen anderen Weg, um an das rechtmäßige Erbe zu gelangen, als ein Gerichtsverfahren einzuleiten. Maria Altmann erhob am 29. Mai 2002 gegen die Republik Österreich Anklage. im Endeffekt waren die Bilder bis zur Arisierung 1938 im Besitz von Ferdinand Bloch-Bauer. In dessen Testament steht, dass er alles an die Kinder seines Bruders Gustav vererbt. 63 2005, S. 259 62 Jonathan Petropoulos, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 63 Deposition Altmann, In: Schoenberg, E. Randol / Gulner, Stefan (Hrsg.): Causa Bloch- Bauer, www.adele.at, 02.04.2007 Das Gerichtsverfahren „Maria Altmann vs. the Republic of Austria“ fand in Kalifornien statt und begann im Februar 2004. Fast zwei Jahre später, am 16. Jänner 2006 urteilte das Gericht zugunsten von Maria Altmann. Am 14. Februar 2006 wurden die fünf Klimt-Bilder aus der österreichischen Galerie entfernt und nach Los Angeles in den Besitz von Maria Altmann gebracht. Der Weg war lang, und das erzwungene Gerichtsverfahren zwischen der Republik Österreich und Maria Altmann sehr hässlich. Doch sie kämpfte für Gerechtigkeit, genau wie sie es von Anfang an versprochen hatte:
  36. 36. 36 „Ich bin die Tochter eines Rechtsanwaltes, und vielleicht habe ich deshalb ein gutes Gefühl für Gerechtigkeit. Ich bin auch nicht mehr die Jüngste, aber mein Alter wird mich nicht daran hindern, für diese Gerechtigkeit zu kämpfen.“64 „Wer sich in Österreich darauf beruft, dass die Klimts Teil der nationalen Identität sind, sollte lieber überlegen, dass der Umgang mit der eigenen Vergangenheit mindestens ebenso sehr Teil der Identität ist.“ 6. Warum hat es so lange gedauert? 65 Der erste Grund ist, dass die Republik Österreich dachte einen wahrhaftigen Anspruch auf die Bilder wegen Adele Bloch-Bauers Testament zu haben. Die Republik fühlte sich nicht im Unrecht, als sie die Bilder übernahm, und auch sechzig Jahre nach dem Krieg noch nicht, als sie über die Unmöglichkeit der Rückgabe sprach. Aus ihrer Sicht waren die Bilder zwar auf Papier Eigentum Ferdinand Bloch-Bauers, aber in der Realität gehörten sie Adele, die sie den Österreichischen Galerien schenken wollte. In der Hitze des Gefechts kam es auch zu unwahren Aussagen, wie zum Beispiel durch den damaligen Museumsdirektor der Österreichischen Galerien Gerbert Frodl. Er meinte, dass die Bilder Nach intensiver Beschäftigung mit diesem Thema, reiflicher Überlegung und der Niederschrift dieser Arbeit, kann ich mit Überzeugung sagen, dass es mehrere Gründe gibt, warum es in Österreich so lange gedauert hat die Klimt-Bilder zu restituieren. Ich sehe drei Hauptgründe für die Weigerung der Rückgabe, und diese drei Gründe befinden sich auf verschiedene Ebenen. Der erste Grund liegt vordergründig in der naiven Überzeugung der österreichischen Regierung im Recht zu sein. Der zweite basiert auf finanzielle Motive, und der dritte auf tiefe und schmerzempfindliche Stellen fast jedes Österreichers und jeder Österreicherin. 64 Vorwort von Maria Altmann, In: Czernin, Hubertus: Die Fälschung. Der Fall Bloch- Bauer. Band 1, Wien: Czernin Verlag, 1999, S. 9 65 Tilmann, Christina: „Stealing Klimt“: Die goldene Tante, In: Der Tagesspiegel, 06.09.2007
  37. 37. 37 noch vor dem Krieg gespendet worden sein. Seiner Meinung nach wurde das Bild Adele Bloch-Bauer I 1936 gespendet, und Adele Bloch-Bauer II sogar schon 1928.66 Auf der oberflächlichen Ebene ist der zweite Grund auch nicht viel überzeugender, jedoch vielleicht verständlicher. Ich kann mir eher vorstellen, dass der Grund ein finanzieller war. Der Verlust dieser fünf Klimt-Bilder hätte einen starken wirtschaftlichen Verlust auslösen können. Die „goldene Adele“ war im Wiener Belvedere Museum eine – wenn nicht die – Hauptattraktion. Hunderte, an Spitztagen sogar 1.500 Touristen und Touristen strömten täglich alleine ihretwegen ins Museum und ließen sich von ihr verzaubern. Am letzten Wochenende der fünf Klimt-Bilder in Wien im Februar 2006 besuchten 8.000 Menschen das Museum, um sie noch ein letztes Mal zu bestaunen. Man war sich so sicher, dass die Bilder rechtmäßig dem Staat gehörten, dass sie deswegen so aggressiv und ohne jeglichem Respekt vorgingen, wie Maria Altmann es beschreibt. Dass es aber wirklich so war, dass die Österreichischen Galerien von ihrem Recht überzeugt waren, wage ich stark zu bezweifeln. 67 Wenn man sich die Besucherzahlen des Belvederes der letzten zehn Jahre anschaut, käme man nie darauf, dass fünf angeblich essentielle Bilder dem Haus genommen wurden. 2007, also im Jahr nach der Restitution der Klimt-Bilder, besuchten zusätzliche 160.000 Menschen das Museum als im Jahr davor. 2008 waren es wiederum 200.000 Besucher und Besucherinnen mehr.68 Man kann also mit Sicherheit sagen, dass das Museum keine finanziellen Verluste seit der Rückerstattung der Bilder einstecken musste. Auch die Neue Galerie in New York besuchen mehr Leute als je zuvor – drei Mal so viele seitdem Adele Bloch-Bauer I 2006 dort ausgestellt ist.69 66 Milton Esterow, In: Chablani, Jane / Smith, Martin (Regie): Stealing Klimt, Wien: Filmladen, 2007 67 Erben beraten Vorgangsweisen, In: www.oesterreich.ORF.at., 06.02.2006 68 Böhm, Klara in einer Email am 20.01.2011 69 Wachs, Julia in einer Email am 20.01.2011 Die Bedeutung dieser Zahlen und deren Interpretieren ist unklar. Das neue Zuhause der goldenen Adele hat seit ihrem Einzug drei mal so viele Besucher, aber auch die Besucherzahl des Belvederes hat sich in der selben Zeit fast doppelt. Klimt-Experte Wolfgang Fischer riet damals Elisabeth Gehrer die Bilder hier zu behalten, und nannte die „goldene Adele“ die „Mona Lisa Österreichs“.
  38. 38. 38 Artur Rosenauer verglich die Beziehung der „goldenen Adele“ zu Österreich mit Velazquez Meninas zu Spanien oder Rembrandts Nachwache zu den Niederlanden.70 Ich denke aber vielmehr, dass ein Stück nationaler Stolz an diesen Bildern gehangen ist. Nicht unbedingt, weil die Bilder so wichtig für Österreich sind, sondern eher, weil man in ihrem Besitz die dunkle Geschichte leichter vergessen konnte. Der dritte Grund ist meiner Meinung nach der wichtigste und tiefgreifendste Grund: nämlich die Weigerung, sich mit dem Thema des Nationalsozialismus zu befassen. Es hat damit zu tun, dass Österreich zugeben muss nicht nur ein Opfer-Rolle, sondern auch eine große Täter-Rolle während des Krieges gespielt hat. Weiters bedeutet es, dass mit dem Schuldeingeständnis durch die Republik Österreich in gewisser Weise die Österreicher und Österreicherinnen selbst auch als schuldig erklärt werden. Mit dem Zitat „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“ Diese Werke haben alle eine große finanzielle Bedeutung für ihr jeweiliges Heimatland. Es bestand die Angst, dass mit den Klimt Gemälden nicht nur ein Stück Kultur verloren geht, sondern auch ein Anteil an staatlichem Einkommen. 71 70 Dusini, Matthias: Adele, ade!, In: Falter. Stadtzeitung Wien 04/2006, 25.1.2006 71 Knight, Robert: “Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen” Die Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung von 1945 bis 1952 über die Entschädung der Juden, Wien: Böhlau, 2000, S. 146 ist schon vieles gesagt. Man wollte sich damals wie heute nicht mit der Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich beschäftigen. Doch es ist an der Zeit, dass erkannt wird was geschehen ist, und dass die Schäden diskutiert und analysiert werden müssen, sodass sie auch in Zahlen erfasst werden können. Restitutionen funktionieren nicht ohne das Bekennen zu Rückerstattung und Wiedergutmachung. Es gibt noch immer tausende Fälle, die unbearbeitet sind. In den drei letzten Wochen der Klimt-Bilder in Wien wurden Plakate aufgehängt, Artikel geschrieben und Diskussionen geführt, wie man so etwas zulassen dürfe – und mit „so etwas“ war die Restitution gemeint, nicht die Arisierung fast siebzig Jahre zuvor. Die Bilder wurden mit einer bösen Grimasse restituiert; man sah kein Zugeständnis von Schuld und auch kein Verständnis für die Notwendigkeit der Rückerstattung. Man kann daraus schließen, dass die verbrecherische Vorgangsweise, wodurch das Museum an die Bilder angelangt war, absolut vergessen und vielen egal war.
  39. 39. 39 Österreich hat noch einen langen Weg vor sich bis nicht nur Restitutionen und Wiedergutmachungen durchgeführt, sondern auch die Geschehnisse und Verbrechen, die während der NS-Zeit passiert sind, endgültig verarbeitet werden. Die Schandtaten, die während des Nationalsozialismus geschahen, kann man nicht verdrängen und letztendlich vergessen, sondern man muss sie aufarbeiten. Oft braucht es einen Blick zurück um einen Schritt nach vor gehen zu können.72 Das Thema ist für niemanden angenehm, doch es wird unangenehmer, wenn immer wieder solche Skandale passieren, die eigentlich schon längst in die Vergangenheit gehören. Die fünf Klimt-Bilder und Maria Altmann haben meiner Meinung nach diesen Prozess ins Rollen gebracht, und mit der Zeit wird Österreich eine passende Methode und den richtigen Weg finden um mit der Vergangenheit umgehen zu können. Echte Wiedergutmachung gibt es nicht, aber man kann und vor allem man muss sein Bestes tun, um es zumindest zu versuchen. 72 Gyisi, Gregor: Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn, Hamburg: Hoffmann und Campe, 2001, Titel
  40. 40. 40 Quellenangabe Gedruckte Quellen Anderl, Gabriele / Caruso, Alexandra (Hrsg.): NS-Kunstraub in Österreich und die Folgen, Innsbruck/Wien/Bozen: Studienverlag, 2005 Bertz, Inka / Dorrmann, Michael (Hrsg.): Raub und Restitution: Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute, Göttingen: Wallstein, 2008 Bronner, Oscar (Hrsg.): Traumpreis für Gustav Klimt, In: Der Standard, Zeitungsdruckauflage 20.6.2006 Brückler, Theodor: Kunstraub, Kunstbergung und Restitution in Österreich 1938 bis heute, Wien: Böhlau, 1999 Czernin, Hubertus: Die Fälschung. Der Fall Bloch-Bauer. Band 1, Wien: Czernin Verlag, 1999 Diendorfer, Gertraud (Hrsg.): Vugesta, In: Demokratiezentrum Wien, www.demokratiezentrum.org Dusini, Matthias: Adele, ade!, In: Falter. Stadtzeitung Wien 04/2006, Wien: Falter Zeitschriften Gesellschaft, 25.1.2006 Fliedl, Gottfried: Klimt, Köln: Taschen Verlag, 2003 Forum Politische Bildung (Hrsg.): Wieder Gut Machen? Enteignung Zwangsarbeit. Österreich 1938-1945/1945-1999. Entschädigung Restitution, Innsbruck/Wien: StudienVerlag, 1999
  41. 41. 41 Gyisi, Gregor: Ein Blick zurück, ein Schritt nach vorn, Hamburg: Hoffmann und Campe, 2001 Hess, Burkhard: Altmann v. Austria. Ein transatlantischer Rechtsstreit um ein weltberühmtes Gemälde Gustav Klimts im Wiener Belvedere, In: Grenzüberschreitungen. Beiträge zum Internationalen Verfahrensrecht und zur Schiedsgerichtbarkeit. Festschrift für Peter Schlosser zum 70. Geburtstag, Tübingen: Mohr Siebeck, 2005 Internationale Übereinkunft vom 29. Juli 1899 betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs (mit Reglement) Lillie, Sophie: Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens, Wien: Czernin Verlag, 2003 Muther, Richard, Rosenhagen, Hans (Hrsg.): Klimt. Aufsätze über bildende Kunst. Band 1, Berlin: J. Ladyschnikow Verlag, 1914 Pelinka, Anton / Rosenberger, Sieglinde: Österreichische Politik. Grundlagen Strukturen Trends. 3., aktualisierte Auflage, Wien: Facultas Verlags- und Buchhandels AG, 2007 Rabl, Christian: Der Fall Klimt/Bloch-Bauer, In: Österreichische Notariatszeitung. Monatsschrift für Notariat und freiwillige Gerichtsbarkeit 09/2005, Wien: Manz Verlag, 09/2005 Schiller, Friedrich: Wallensteins Lager. Sämtliche Werke in fünf Bänden. Band 2, München/Wien: Hanser Verlag, 2004 Weyringer, Johannes (Hrsg.): Being Gustav Klimt, In: Datum, Nr. 04/04 Seiten der Zeit, September 2004
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  47. 47. 47 Interview mit Sophie Lillie am 19.01.2011 Miriam Brownstone (B): Guten Tag, vielen lieben Dank, dass Sie sich für mich Zeit genommen haben. Es bedeutet mir wirklich viel, denn ich bin an Ihrer Meinung zu dem Thema Restitution in Österreich sehr interessiert. Sophie Lillie (L): Ja bitte gerne, ich freue mich auch sehr, und hoffe Ihnen weiter helfen zu können! B: Fangen wir dann gleich mit dem Hauptthema an. Restitution in Österreich. Warum meinen Sie, dass es seit 1998, also seitdem es das neue Restitutionsgesetz gibt, nichts mehr weiter geht? L: Also seit 1998 ist zwar viel passiert, aber es ist sozusagen für den einzelnen Fall noch immer zu wenig. Wenn man das hoch rechnet wie viele Objekte pro Jahr restituiert werden, also diese Summer die publiziert werden, dann wenn man das genauer anschaut geht es meist um Fotografien und Porzellane und so viele kleine einzelne Objekte. Aber von den großen Sachen sind es relativ wenige. Ich weiß jetzt nicht was die genaue Zahl ist. Wie viel die Kommission pro Jahr behandelt, aber wenn man sich das dann anhand von Einzelfällen anschaut, dann sieht man dass es einfach zu wenig ist. Ein Fall mit dem ich mich jetzt viel beschäftige, Richard Neumann, da sind jetzt einfach viele, viele, viele Jahre wo letztendlich noch nichts passiert ist. Die Bilder sind nach wie vor im Museum, jetzt sind sie zwar schon soweit dass sie restituiert werden sollen, aber sozusagen diese ermüdende Bürokratie laufen sehr langsam. B: Wessen Schuld ist das, dass es so langsam läuft? Wer ist dafür verantwortlich? L: Verantwortlich dafür ist das Unterrichtsministerium, und die tun auch, aber man sieht auch bei wirklich großen Fällen, wo es sich dann auch um viel Geld geht, dann ist noch einmal alles viel komplizierter und schwerfälliger. Es ist jetzt nicht so als nicht gearbeitet
  48. 48. 48 wird. Die Frage ist wird genug gemacht. Und sie haben sich schon professionalisiert. Also über die Jahre haben sie auch neuen Vorsitz, wo dann viele Leute wie die Eva Blimlinger hinein gekommen, und das hat schon seine Vorteile. In der Außenkommunikation, in der Professionalität, wie Recherchiert wird, aber auch so passiert wenig. Jedes Einzelobjekt erfordert wahnsinnig viel Recherchen und Entscheidungen, und bis das alles zu Stande kommt vergehen Jahre. B: Gibt es aber bei Bildern nicht genaue Unterlagen durch welche Hände das Bild gegangen ist? Vom Mahler zum gegenwärtigen Besitzer? L: Manchmal ja, und manchmal nein. Es gibt Fälle die meiner Meinung nach total eindeutig sind, die schon auch am Papier schriftlich stehen, und die trotzdem nicht entschieden werden. Weil was macht das? Der Antragsteller muss es mal wissen. Dann schreibt er einen Brief, dann kommt das zur Kommission, dann recherchiert man aber nicht nur das eine Bild dann, sondern gleich die ganze Sammlung. Und es wird an alle Museen geschickt, die sollen doch auch recherchieren. Und dieses eine Bild, was klar ist, muss sozusagen warten. Also so eine Recherche dauert nicht eine Woche oder einen Monat – denn es gibt ja sehr viele – und das dauert dann Jahre. Es hat ja auch mit den Ressourcen zu tun. Ich weiß nicht was das Budget ist von der Kommission für Provenienzforschung, aber in den verschiedenen Museen ist es normalerweise eine Person die das macht. Es kommt darauf an in welchen Häusern, aber im Belvedere ist das eine wirkliche Knochenarbeit. Die Nationalbibliothek wiederum hat bewiesen dass es auch anders geht. Weil die haben wirklich viele Einzelobjekte gehabt. Also sie haben wirkliche eine Gesamtautopsie gemacht von allen Büchern – vorderrangig von denen, die man in der Zeit zwischen 1938 und 1945 erworben hat – aber dann auch die, die seit 1945 erworben wurden. Aber das bedeutet, das tausende, tausende, tausende Bücher. Also wirklich jedes Buch aufschreiben, katalogisieren, ex libris, Widmungen, das haben sie alles gemacht. Und sie haben auch wahnsinnig viel restituiert. Da sieht man dann auch, es kommt schon darauf an, wie ein Haus dazu steht, und wie wird das alles kommuniziert. Sie haben auch Ausstellungen gemacht. Aber insgesamt sind es ganz schwere Mechanismen. Es muss alles ganz genau sein. Natürlich ist es auch logisch dass alles
  49. 49. 49 ganz genau sein muss. Man muss sich auch als Kommission auch klar und deutlich haben und sich unanfechtbar machen. Aber für den einzelnen Antragssteller ist das unerträglich. Richard Neumann ist für mich wirklich ein gutes Beispiel, weil die ihren Antrag ungefähr 2001 gestellt haben. Und es läuft noch immer. Es ist ein bisschen ein komplexerer Fall, das muss man der Ehrlichkeit halber sagen. Weil das sind sechs Objekte im Kunsthistorischem Museum, die unter dem alten Rückgabegesetz nicht restitutionsfähig sind. Weil das Restitutionsgesetz vorgesehen hat dass nur solche Objekte zurückgegeben werden wenn es keine Gegenleistung gab. Also dass der Staat im Zuge der Restitutionsverhandlungen nach dem Krieg keine Gegenleistung getan oder gezahlt hat. Also da reden wir jetzt über die fünfziger Jahre. Wie auch in dem Fall Bloch-Bauer, dafür das Ausfuhransuchen gegeben wurde, andere Bilder geschenkt wurden. Oder es gab auch Fälle wo man etwas gesperrt hat für die Ausfuhr, aber der Staat einen Tausch gemacht hat. Beim Fall Neumann war das eine Kombination. Einerseits hat er Geld bekommen, und andererseits hat er ein Tauschobjekt bekommen – eine Dublette vom Kunsthistorischen Museum. ‚Das was du willst kannst du nicht haben, aber wir geben dir etwas, was wir nicht brauchen.’ Im Gesetzt steht ‚unentgeltlich erworben,’ und deshalb konnten diese Sachen nie rückerstattet werden. Das war die Position des Ministeriums. Und unter dem novellierten Kunstrückgabegesetz darf auch Kunst wo es eine Gegenleistung zurückgegeben werden. Und dieses Gesetz gibt es seit letztem Jahr. Also deswegen kann der Fall Neumann jetzt endlich zu einem Ende kommen. Für ihn subjektiv dauert es jetzt schon fast zehn Jahre. Es ist ein ewiger Kampf. Zuerst kam keine Entscheidung, dann kam eine negative Entscheidung und jetzt endlich kam doch eine positive Entscheidung. B: Warum ist der Fall Bloch-Bauer beziehungsweise der Fall Maria Altmann so bekannt? Was war, oder was ist, daran besonders? L: Also zuerst einmal sind es natürlich die Bilder selber. Das sind fünf Klimt Werke aus dem Belvedere in einer Größenordnung die dem entspricht was die Republik Österreich überhaupt für Restitutionsforderungen zur Verfügung gestellt wird unter diesen amerikanischen-österreichischen Vereinbarungen. Also es hat eine gewaltige
  50. 50. 50 Größenordnung. Zweitens wurde das medial so hochgespielt von dem Anwalt den Randol Schoenberg. Der hat das der Presse sehr geschickt, sehr gut kommuniziert um was es sich da geht. Er hat einen sehr schwierigen Fall so präsentiert, dass er für Leute verständlich war und einsichtig war. Und der Fall hat natürlich in anderer Hinsicht Bilder involviert die jeder gekannt hat. Also es waren Bilder wo man sozusagen einen nationalen Stolz berührt hat. Und der war sehr gut verwendbar dafür. Es war eine gute Geschichte. In Amerika wurde das in Presse so wie David und Goliath gebracht. Eine alte fragile Dame die einen Staat klagt. Es hat auch alle Elemente einer guten Story. Die Elisabeth Gehrer hat auch ihren Part gespielt mit ihrer Schludrigkeit und das sie immer das übertrumpft hat mit irgendeiner impertinenten Meldung. B: Warum hat Maria Altmann nicht früher schon etwas gemacht? Warum nicht gleich nach dem Krieg? L: Das ist eine schwierige Geschichte. Da gibt es zwei Versionen. Das müssen wir uns noch überlege welche die offizielle ist und welche nicht. Eine Version ist natürlich, dass die Familie sehr wohl etwas nach dem Krieg gemacht hat. Aber dass sie die Bilder geschenkt haben. 1948 oder 1949. Und ganz offiziell die Bilder dem Belvedere gegeben haben. Und somit der Fall im Prinzip erledigt war. Und die Frage ist dann natürlich, wie man das bewertet. Wollte die damalige Familie tatsächlich dass die Bilder in Wien bleiben, oder haben sie das gemacht weil sie keine Alternative hatten, um andere Sachen rauszubekommen. Diese ganzen Verhandlungen beziehungsweise Erpressungen stehen ja selten in den Akten drinnen. Die Beamten wussten ja, dass sie sich auf dünnem Eis bewegten. Es wird oft angedeutet oder insinuiert. Sozusagen, man könnte schenken und dann würde sich was anderes tun. Aber da gibt es keinen Briefwechsel darüber was man von jemandem mittels Erpressung bekommen kann. Es gibt in diesem Fall keine Ausfuhrsperre. Das ist auch etwas Interessantes. Weil es gibt auch solche Fälle wo wenn die Familie nach dem Krieg einen Ausfuhr beantragt hätten, hätten sie diese nicht bekommen. Es gab eine Entscheidung nach dem Krieg. Und die Familie hat entschieden sie sollten ins Belvedere gehen. Und dann in den neunziger Jahren wie das Thema noch einmal aktuell wurde durch das Kunstrückgabegesetz, durch die Beschlagnahmung der
  51. 51. 51 zwei Leopold Bilder und natürlich auch durch die Öffnung der Archive hat sich das Bild geändert. Es hat sich die juristische Situation geändert. Es war ja so, dass man konkret auch wenn man wusste dass etwas in einem österreichischen Museum war, man nichts dagegen tun konnte. Es gab keine Handhabe, hauptsächlich wegen der Verjährung. B: Es gibt eine Verjährungsfrist? L: Gab es. Jetzt nicht mehr. Aber das ist natürlich ein Grund warum das so lange gedauert hat. Und sicher in den neunziger Jahren. Warum das damals aktuell wurde. Das war nicht nur Kunst Das hat sich langsam aufgebaut Da waren Schweizer Bankkonten, es gab Versicherungen, es gab die Mauerbach Aktion. Es hat sich immer mehr hinzugespitzt und es immer mehr wurde klar das es Bereiche gibt wo nichts passiert war. Sachen die vorher nicht berücksichtigt wurden. Weil es gibt ja genug Beispiele von Leuten die auch unmittelbar nach dem Krieg Anträge gestellt haben auf Bilder, und sie trotzdem nicht bekommen haben. Entweder weil ihr Anspruch nicht anerkannt wurde oder weil die Bilder vom Dorotheum versteigert worden waren. Das österreichische Gesetzt sagt dann eben dass alles was bei einer öffentlichen Aktion verkauft wird, wurde gutgläubig erworben und dann gab es keine Rückstellungsmöglichkeit. Oder die Familien haben etwas zurückgestellt bekommen, aber konnten es wiederum nicht ausführen. Es gibt sozusagen diese ganz verschiedenen Szenarien warum letztendlich die Leute nicht zu ihrem Recht gekommen sind. B: Ich bedanke mich vielmals für das Interview. Noch als abschließende Frage: In kürze, warum dauern die Restitutionen in Österreich so lange? L: Dass es nicht gelöst wird liegt daran, dass es kein Interesse gibt es zu lösen. Ich bedanke mich ebenfalls sehr und wünsche noch alles Gute für die Arbeit.
  52. 52. 52 Email von Klara Böhm am 20.01.2011 von Böhm Klara <K.Boehm@belvedere.at> an Miriam Brownstone <miriam.brownstone@gmail.com> Datum Do, Jan 20, 2011 um 16:21 Betreff AW: Besucherzahlen Sehr geehrte Frau Brownstone, im Folgenden übermittle ich Ihnen wie gewünscht die Besucherzahlen des Belvedere seit dem Jahr 2000. Für Fragen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung. Mit freundlichen Grüßen, Klara Böhm Besucherzahlen Belvedere 2000-2010 2000: 496 649 2001: 352 772 2002: 386 024 2003: 360 932 2004: 365 823 2005: 419 746 2006: 432 575 2007: 594 678 2008: 807 283 2009: 752 588 2010: 812 522 Mag. (FH) Klara Böhm Presse Österreichische Galerie Belvedere Wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechts Prinz Eugen-Straße 27 1030 Wien T: +43 1 79 557 177 F: +43 1 79 557 250 www.belvedere.at
  53. 53. 53 Email von Julia Wachs am 20.01.2011 von Julia Wachs <jwachs@neuegalerie.org> an Miriam Brownstone <miriam.brownstone@gmail.com> Datum Do, Jan 20, 2011 um 17:52 Betreff RE: Visitor Count Dear Ms. Brownstone, Unfortunately we don’t share our numbers but I can tell you that they have almost tripled since 2006. Best regards, Julia Wachs Director of Visitor Services Neue Galerie Museum for German and Austrian Art 1048 Fifth Avenue New York, NY 10028 Tel.: (212) 994-9493 Fax: (212) 628-8824 www.neuegalerie.org

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