Regionalwährungen in Deutschland –Lokale Konkurrenz für den Euro?Gerhard Rösl(Fachhochschule Regensburg)DiskussionspapierR...
Herausgeber:                Heinz Herrmann                            Thilo Liebig                            Karl-Heinz T...
Abstract:In a surprisingly growing number of regions in Germany private “regional currencies” areissued as a cash substitu...
Non-technical summaryThere are now 16 regions in Germany where “regional currencies” are currently in circula-tion as a ca...
Nichttechnische ZusammenfassungIn mittlerweile sechzehn Regionen in Deutschland sind derzeit so genannte Regionalwäh-runge...
Inhaltsverzeichnis1. Einleitung und Aufbau der Arbeit                                    12. Regionalwährungen in Deutschl...
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Verzeichnis der Tabellen, Landkarten und AbbildungenIm AnhangTabellen1. Emittenten und Umlauf der Regionalwährungen in Deu...
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Regionalwährungen in Deutschland(Stand Juni 2006)      Schwundgeld (existierende Regionalwährung)                         ...
Sieht man vom „Knochengeld“, das 1993 für zwei Monate in Berlin, Prenzlauer Bergausgegeben wurde, und dem „Phoe“, der in A...
Tabelle 1: Offizielle und inoffizielle Gelder in Deutschland                                 Offizielle Gelder            ...
erfolgreichsten zu sein. Sein Umlaufswert dürfte sich derzeit auf rund 500.000 € unddamit auf mehr als das Doppelte der ge...
3. Ziele und Konzepte der Regionalgeldinitiativen in DeutschlandWie in der Übersichtskarte bereits angedeutet, lassen sich...
aus, der Geldkreislauf gerät ins Stocken, die Waren bleiben auf Lager undverderben. Daher sollte nach Auffassung Gesells G...
man mit der Emission von Schwundgeld heutzutage auch regionalwirtschaftliche,13demokratische, umweltpolitische und soziale...
Finanziert werden die Scheine wie die Klebemarken in der Regel gegen Verkauf vonEuro an die Emissionsstelle, die diese dan...
Konsumverzicht widerspiegelt. So ist es aller empirischen Erfahrung nach denGeldbesitzern – oder genauer den Sparern – nic...
Umfelds gestellt werden. Für Länder wie Deutschland, die seit Jahrzehnten stabilePreise oder moderate Inflationsraten real...
Bekämpfung der Geldhortens kritisch zu sehen. Denn auf diese Weise lässt sich eineanhaltende Erhöhung der monetären Gesamt...
Zudem helfen die gewährten Spenden eines Teils der Regionalbankgewinne an dieörtlichen (Einzel-)Unternehmer und kulturelle...
13 Prozentpunkte tatsächlich für Druckkosten aufgewandt werden müssen und dieRegionalbank keine versteckten Gewinne einbeh...
(„Geld der Anti-Globalisierer“30). Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung sindes jedenfalls „immer die gleichen“, die mi...
Man kann nicht ausschließen, dass sich die Schwundgeldverwender ihrer relativhohen Geldhaltungskosten zumindest zum Teil n...
einer gewissen Anlaufphase zunächst zahlenmäßig rapide angestiegen. Ihr Zuwachsnahm aber im weiteren Verlauf sukzessive ab...
6. Berechnung der Wohlfahrtsverluste der Schwundgeldemission.Die vorstehenden Ausführungen haben gezeigt, dass die Schwund...
(2)                                        ut         u(c t , m t )eine strikt konkave Nutzenfunktion des Haushalts, die n...
Die reale Vermögensänderung                           dA t dK t dMt 1(6)                            =    +                ...
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zusammenfassen. Im Optimum entspricht damit die marginale Substitutionsratezwischen realem Geldbestand und Konsum den Nutz...
„superneutral“. Zudem zeigt Gleichung (18), dass der optimale Konsumplan in derlangen Frist unabhängig von der Schwundrate...
Abbildung 3: Wohlfahrtkosten suboptimaler GeldhaltungBeginnen wir die Analyse in einem Umfeld stabiler Preise (           ...
Um       diesen     Wohlfahrtverlust    auszugleichen,     hat   die   Notenbank      nun   zweiAktionsparameter. Sie kann...
c δ(r + π + σ)(24)                v=     =                         m     1− δBei    fehlenden   Schwundkosten             ...
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Dies entspricht bezogen auf die deutsche Geldmenge M1 (Bargeld plus täglich fälligeGiroguthaben bei Banken in Deutschland)...
6.3.    Schwundgeldkosten in einem Parallelgeldsystem (offizielles Geld undschwundbehaftetes Regionalgeld)Bisher wurden di...
(38)                   uc (c,m,g) = λ(39)                   um (c,m,g) = λ(r + π)(40)                   ug (c,m,g) = λ(r +...
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Gerhard rösl   regional währungen in deutschland - lokale konkurrenz für den euro
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  1. 1. Regionalwährungen in Deutschland –Lokale Konkurrenz für den Euro?Gerhard Rösl(Fachhochschule Regensburg)DiskussionspapierReihe 1: Volkswirtschaftliche StudienNr. 43/2006Die in dieser Reihe veröffentlichen Diskussionspapiere spiegeln die persönliche Auffassung der Autorenund nicht notwendigerweise die der Deutschen Bundesbank wider.
  2. 2. Herausgeber: Heinz Herrmann Thilo Liebig Karl-Heinz TödterDeutsche Bundesbank, Wilhelm-Epstein-Straße 14, 60431 Frankfurt am Main,Postfach 10 06 02, 60006 Frankfurt am MainTelefon +49 69 9566-1Telex Inland Germany 41 227, Telex Ausland 4 14 431Bestellungen schriftlich erbeten an: Deutsche Bundesbank,Abteilung Externe Kommunikation, Postanschrift oder Telefax +49 69 9566-3077Internet http://www.bundesbank.deNachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.ISBN 3–86558–237–0 (Printversion)ISBN 3–86558–238–9 (Internetversion)
  3. 3. Abstract:In a surprisingly growing number of regions in Germany private “regional currencies” areissued as a cash substitute for the euro. Currently, these regional currencies are conceivedalmost exclusively as Schwundgeld (depreciative currency), which loses value on apredetermined timescale. This loss of value is intended to encourage the money owners tospend their money quickly in order to boost local demand. The paper shows that the issuanceof unofficial parallel currencies is not a fundamentally new phenomenon neither in Germanynor in other European countries. The theoretical assumptions of the Schwundgeld concept(Silvio Gesell (1862 – 1930)) are highly flawed and suboptimal from a welfare-theoreticalperspective. However, the current economic welfare losses resulting from the issuance ofSchwundgeld are negligibly small.Keywords: Regionalwährungen, Regionalgeld, Parallelgeld, Gesell, Währungssubstitution,Schwundgeld, Freigeld, currency substitution, private money, shadow economyJEL-Classification: E 40, E 41, E 42, E 50
  4. 4. Non-technical summaryThere are now 16 regions in Germany where “regional currencies” are currently in circula-tion as a cash substitute for the euro. This papers gives survey of recent developments inthis area. At present, the German regional currencies are conceived almost exclusively asSchwundgeld (depreciative currency), which loses value on a predetermined timescale. Thisloss of value is intended to encourage the money owners to spend their money quickly. It ishoped that this will produce a permanent stimulus to local demand. The issuance of unoffi-cial parallel currencies is not a fundamentally new phenomenon neither in Germany nor inother European countries. The theoretical assumptions of the Schwundgeld concept arehighly flawed, as demonstrated in this paper. The Schwundgeld concept is suboptimal froma welfare-theoretical perspective, too. However, given that the overall volume of regionalcurrencies in circulation in Germany amounts only to roughly € 200,000, the current eco-nomic welfare losses resulting from the issuance of Schwundgeld are negligibly small.
  5. 5. Nichttechnische ZusammenfassungIn mittlerweile sechzehn Regionen in Deutschland sind derzeit so genannte Regionalwäh-rungen als Bargeldersatz für den Euro im Umlauf. Dieses Papier gibt einen Überblicküber den aktuellen Stand der Verbreitung und Ausgestaltung dieser „Währungen“. Der-zeit sind die deutschen Regionalgelder fast ausschließlich als „Schwundgelder“ konzi-piert, die nach einem bestimmten zeitlichen Schema an Wert verlieren. Dieser Wertver-lust soll die Geldbesitzer anhalten, die Gelder schnell auszugeben. Davon erhofft mansich eine permanente Stimulation der örtlichen Nachfrage. Die Emission inoffizieller Pa-rallelgelder ist weder in Deutschland noch im europäischen Ausland ein grundsätzlichneues Phänomen. In diesem Papier wird auf einige ernsthafte theoretische Mängel in derArgumentation der Schwundgeldbefürworter hingewiesen. Auch aus wohlfahrtstheoreti-scher Sicht ist die Schwundgeldkonzeption suboptimal. Angesichts des Gesamtumlaufsder Regionalwährungen in Deutschland in Höhe von rund 200.000 € sind die gegenwärti-gen volkswirtschaftlichen Wohlfahrtsverluste aus der Schwundgeldemission allerdingsvernachlässigbar gering.
  6. 6. Inhaltsverzeichnis1. Einleitung und Aufbau der Arbeit 12. Regionalwährungen in Deutschland – ein neues Phänomen? 13. Ziele und Konzepte der Regionalgeldinitiativen in Deutschland 64. Kritische Analyse des Schwundgeldkonzepts 9 4.1. Zins als Sondergewinn der Kapitalisten? 9 4.2. Exogenes Güterangebot? 10 4.3 Überwindung der Nachfragelücke durch eine höhere Umlaufgeschwindigkeit des Geldes? 10 4.4. Regionalförderung durch künstliche Kaufkraftbindung vor Ort? 12 4.5. Emission eines „sozialen“ Geldes? 135. Determinanten der Nachfrage nach Regionalgeld und Abschätzung 14 der zukünftigen Entwicklung6. Berechnung der Wohlfahrtsverluste der Schwundgeldemission 18 6.1. Sidrauski-Modell mit Geldschwund in stetiger Zeit 18 6.2. Inflationsäquivalente Wohlfahrtskosten eines 25 reinen Schwundgeldsystems 6.3. Schwundgeldkosten in einem Parallelgeldsystem (offizielles Geld und schwundbehaftetes Regionalgeld) 297. Zusammenfassung der Ergebnisse 33Literaturverzeichnis 34Anhang 39 Exkurs 1: Regionalwährungen – Gutschein oder Geld? 45 Exkurs 2: Geldhaltungskosten und Regionalbankgewinn 47
  7. 7. Verzeichnis der Tabellen, Landkarten und AbbildungenIm laufenden TextTabellen1. Offizielle und inoffizielle Gelder in Deutschland 42. Zustimmung zum Euro und die Entwicklung der Regionalwährungen 143. Arbeitslosenquoten in Gebieten mit Regionalwährungen 154. Volkswirtschaftliche Grenzwohlfahrtskosten von Schwundgeld 285. Volkswirtschaftliche Wohlfahrtskosten von Schwundgeld 28Landkarten1. Regionalwährungen in Deutschland 2Abbildungen1. Vergleich der realen Verzinsung von Bargeld, Bankeinlagen und Staatsanleihen 112. Gründung nicht-gewerblicher Tauschringe in Deutschland 173. Wohlfahrtskosten suboptimaler Geldhaltung 24
  8. 8. Verzeichnis der Tabellen, Landkarten und AbbildungenIm AnhangTabellen1. Emittenten und Umlauf der Regionalwährungen in Deutschland 392. Emittenten und Umlauf der Regionalwährungen im restlichen Europa 403. Schwundgeldvarianten in Deutschland 41Landkarten1. Regionalwährungen in Europa (ohne Deutschland) 422. Regionale Verteilung identifizierter nichtgewerblicher Tauschringe 43 in DeutschlandAbbildungen1. Baptisttaler 442. Chiemgauer 443. Kann Was 444. Urstromtaler 445. Kategorisierung von Zahlungsmitteln 456. Bilanzielle Erfassung der Regionalbankgewinne 48
  9. 9. Regionalwährungen in Deutschland – Lokale Konkurrenz für den Euro? ∗)1. Einleitung und Aufbau der ArbeitSeit fünf Jahren kann man in einigen Teilen Deutschlands seine Einkäufe anstatt inEuro auch mit so genannten Regionalwährungen bezahlen. Diese Bargeldsubstitutesollen nach Auffassung der Herausgeber unter anderem die regionale Wirtschaft ineiner zunehmend globalisierten Welt stärken. Die folgende Arbeit analysiert dieBeschaffenheit und Verbreitung dieser regionalen Gelder in Deutschland und gehtder Frage nach, ob diese den an sie gestellten Anspruch erfüllen können.Kapitel zwei untersucht die Verbreitung von Regionalwährungen in Deutschland undprüft, in wieweit es sich hierbei um ein neues Phänomen der privaten Geldausgabehandelt. Kapitel drei beschäftigt sich mit den Zielen und Konzepten der heimischenRegionalgeldemission. Dabei werden neben den Regionalgeldinitiativen, die aufeinen inkorporierten Wertschwund verzichten wollen, vor allem die so genanntenSchwundgelder in ihren verschiedenen Erscheinungsformen untersucht und kategori-siert. Kapitel vier setzt sich mit dem Schwundgeldkonzept kritisch auseinander.Kapitel fünf zeigt die Determinanten der Regionalgeldnachfrage auf. Auf Basis einerformal-theoretischen Analyse in Kapitel sechs werden die inflationsäquivalentenWohlfahrtskosten der Schwundgeldemission berechnet. Ein kurzes Fazit fasst dieErgebnisse in Kapitel sieben zusammen.2. Regionalwährungen in Deutschland – ein neues Phänomen?Wie die folgende Graphik zeigt, waren im Juni 2006 in 16 Regionen DeutschlandsRegionalwährungen in Umlauf. Zudem wollen in 49 weiteren GegendenDeutschlands solche Parallelgeldinitiativen an den Start gehen. Dabei konzentriertsich die Regionalgeldausgabe nicht ausschließlich auf ländliche Regionen wie etwaden bayerischen Chiemgau oder das badische Markgräfler Land, auch in Groß-städten wie Bremen und Berlin wird in einigen Läden regionales Geld akzeptiert.∗) Für wertvolle Hinweise danke ich Hans Bauer, Jörg Döpke, Hugo Godschalk, Heinz Herrmann, Michael Krause, Julian Reischle, Jens Rubart, Ralph Setzer, Karl-Heinz Tödter, Jens Weidmann, Andreas Worms und den Teilnehmern des Donnerstagsseminars der Deutschen Bundesbank. 1
  10. 10. Regionalwährungen in Deutschland(Stand Juni 2006) Schwundgeld (existierende Regionalwährung) Schwundgeld (Initiative)01 Bremen 16 Hamburg 31 Wiehl-Hennef Roland Hansemark Bergische Mark Starttermin unklar Starttermin unklar02 Prien 17 Hamburg 32 Königsstein/Ts. Chiemgauer Alto/Altonaer Krone (noch kein Name) 1. Januar 2003 Starttermin unklar Starttermin unklar03 18 Meppen 33 Fulda Kann Was Emstaler Fuldaer Mark 1. Januar 2004 Starttermin unklar Starttermin unklar04 19 Hildesheim 34 Weimar 3 Braktus März 2004 Starttermin unklar Starttermin unklar05 Ainring 17 20 35 Stollberg/Zwönitz Sterntaler 16 Augusta Stollberger 1 Erzgebirgsregio 1. April 2004 23 2006 Starttermin unklar 21 2206 Heitersheim 18 21 Hitzacker 36 Dresden Markgräfler III 12 Wendländer Elbtaler Juli 2004 II 7 Starttermin unklar Starttermin unklar I 2407 22 Neustadt/Dosse 37 Kamenz Urstomtaler 19 25 Havel-Taler Kamenzer 26 Starttermin unklar 2004 (Testumlauf)08 Witzenhausen 27 28 20 23 Joachimsthal 38 Hoyerswerda Kirschblüte 13 38 Joachimstaler Lausitzer b 37 29 15 Starttermin unklar Starttermin unklar 30 V 8 34 3609 24 Potsdam 39 Creglingen Hallertauer IV 31 33 35 Havelblüte (noch kein Name) 4 14 XI Starttermin unklar Starttermin unklar VI X10 Wolfsratshausen 32 25 Belzig 40 Stuttgart Mittel-Mark Rössle VII Starttermin unklar 2006 IX11 Karlsruhe 26 Bielefeld 41 Calw Carlo Teutotaler Nahgold VIII 39 Starttermin unklar Starttermin unklar XIX12 Berlin 11 XII 27 Duisburg 42 Laupheim Berliner 40 Duisburg-Justus Schwaben-Taler XIII 9 XVIII Starttermin unklar Starttermin unklar XIV 4113 Hagen a 28 Wuppertal 43 Freiburg XV Breisgauer bzw. VolmeTaler XVI 42 Bergtaler Freitaler 43 XVII 2 Starttermin unklar Starttermin unklar 6 10 514 Reinstädt 44 29 Düsseldorf 44 Schopfheim Landmark Rheingold DreyEcker Starttermin unklar Ende 200615 Kassel 30 Vollmerhausen Bürgerblüte 23. April 2006 Starttermin unklar Regionalgeld ohne Wertverlust Regionalgeld ohne (existierende Regionalwährung) Wertverlust (Initiative)a b Delitzsch Baptisttaler (noch kein Name) 27. November 2004 Starttermin unklar Weitere identifizierte Regionalgeldinitiative ohne Kenntnis der Organisationsstruktur I Nordhorn II Hannover III IV Aachen V Siegen Leine-Kies Allertaler Sandstreuer Sieg-Taler Starttermin unklar Starttermin unklar 2006 Starttermin unklar Starttermin unklar VI Altenkirchen VII Bell VIII Pirmasens IX Darmstadt X Eichenzell (Wohl) Hunsrücker De Pälzer (noch kein Name) Eichenzeller M.A.R.K. Starttermin unklar Starttermin unklar Starttermin unklar Starttermin unklar Starttermin unklar XI Hermsdorf XII Schwäbisch-Hall XIII Heidenheim XIV XV Freudenstadt (noch kein Name) Heller Brenztaler Schwarzwälder Blüte 2006 Starttermin unklar Starttermin unklar Starttermin unklar Starttermin unklar XVI Villingen-Schwenningen XVII Überlingen XVIII Augsburg XIX Regensburg Wandertaler (Wohl) Bodenseer LechTaler (noch kein Name) Starttermin unklar Starttermin unklar Starttermin unklar Starttermin unklarQuelle: http://www.regionetzwerk.org, eigene Recherchen. 2
  11. 11. Sieht man vom „Knochengeld“, das 1993 für zwei Monate in Berlin, Prenzlauer Bergausgegeben wurde, und dem „Phoe“, der in Arnstadt bei Erfurt 1999 kurzzeitig inUmlauf war, einmal ab, so kann die Einführung der Regionalwährungen in derBundesrepublik Deutschland auf das Jahr 2001 datiert werden.1 Die derzeitigeökonomische Bedeutung dieser Gelder ist mit einem aggregierten Umlauf von rund200.000 € (Mitte 2006) auf gesamtwirtschaftlicher Ebene noch sehr gering.2 Beim„Vorzeigeprojekt" im Chiemgau akzeptieren derzeit nach Vereinsangaben 1300 Mit-glieder, davon 430 Unternehmen den „Chiemgauer“ (vgl. Tabelle A1 im Anhang). Beianderen Projekten ist die Akzeptanz sogar deutlich geringer. Neben der Konstruktionvieler Regionalwährungen als „Schwundgeld“3 dürfte hierzu auch die nur für denKleinzahlungsverkehr geeignete Denomination der ausgegebenen Scheinebeitragen. So werden die Regionalgelder praktisch ausschließlich als Papiergeldausgegeben, ihr Nennwert überschreitet nicht 50 Regionalgeldeinheiten (mit einemWertäquivalent von 50 €). Regionale Giralgeldsysteme, die das selbst geschöpfteBuchgeld ausschließlich Teilnehmern mit Sitz in der Region vorbehalten, sinddagegen noch überwiegend in der Planungsphase.Die folgende Gegenüberstellung verschiedener Geldarten in Deutschland zeigt, dassdas Phänomen der privaten inoffiziellen Geldemission auch hierzulande nichtgänzlich neu ist.4 So können prinzipiell Verrechnungsforderungen nicht-gewerblicherTauschringe und Barter-Clubs ebenso als Privatgeld gesehen werden, wie einige(auf Dritte übertragbare) Forderungen an Unternehmen. Dabei fallen dieRegionalwährungen in ihrer ökonomischen Bedeutung nicht nur weit hinter dasoffizielle Geld zurück, sondern nehmen auch im Bereich der sonstigen inoffiziellenPrivatgelder nur einen marginalen Platz ein.51 Die Regionalwährungen dürfen nicht mit Tauschringgeldern, die als Verrechnungsforderungen in nicht-gewerblichen Tauschverbünden zirkulieren, verwechselt werden. Diese datieren bereits auf Anfang der 90er Jahre in Deutschland zurück. Vgl. hierzu Rösl (2005), S. 188 ff.. Vor dem zweiten Weltkrieg liefen in einigen Gegenden Deutschland ebenfalls Regionalwährungen als Notgeld um (z.B. Ulmer und Erfurter „Wära“).2 Vgl. Tabelle A1 im Anhang. Berechnung durch überschlagsweise Hochrechnung der verfügbaren Einzeldaten.3 Zur Diskussion des Schwundgeldkonzepts vgl. Kapitel 3 und 4.4 Zur Abgrenzung der Regionalwährungen gegenüber Gutscheinen vgl. Exkurs 1 im Anhang, S. 45.5 Allerdings darf der Vergleich mit den Unternehmensgeldern wie etwa Payback-Punkte nur mit Einschränkungen geführt werden, da je nach Ausgestaltung dieser Zahlungsmittel die Geldfunktionen nur sehr eingeschränkt erfüllt werden. Vgl. hierzu im einzelnen Rösl (2005), S. 189. 3
  12. 12. Tabelle 1: Offizielle und inoffizielle Gelder in Deutschland Offizielle Gelder Private inoffizielle Gelder In gesetzlichen Gesetzliches Werteinheiten Zahlungsmittel denominierte Regional- Tauschring- Unternehmens-Geldformen (Euro) private Gelder währungen währungen gelder Fluggesellschaften, Nicht-gewerbliche ggf. Telefonanbieter, Inländische Tauschringe (TR) Tankstellen,Emittent Eurosystem offizielle Banken Regionalvereine und Barter-Clubs Payback Buchgeld Bargeld (in Form überwiegend ohne Buchgeld ohneArt der Gelder einer Papiernote inkorporierten inkorporierten(typischerweise) Bargeld Buchgeld mit Wertschwund) Geldschwund Geldschwund Breit. Formal nur Gesetzliches Mitglieder. Zahlungsmittel mit Breit, aber ohne Regional Nur Mitglieder (meist Nur MitgliederAkzeptantenkreis Annahmezwang Annahmezwang begrenzt. regional) (überregional)Geldfunktionen Sehrerfüllt ? Uneingeschränkt Uneingeschränkt Eingeschränkt Eingeschränkt eingeschränkt So gut wie Formal nurZahlungsmittel Uneingeschränkt uneingeschränkt Mitglieder Nur Mitglieder Nur Mitglieder Nur sehr einge- schränkt: nach Prinzipiell Verausgabung der unendlich, Prinzipiell unendlich, Mittel bei Dritten Prinzipiell Prinzipiell faktisch deutlich faktisch deutlich Rückfluss zumGeldkreislauf unendlich unendlich begrenzt begrenzt Emittenten Selbst definiert. Selbst definiert. Selbst definiert. (z.B. Offizielle Offizielle Meist WK zu Euro Meist auf Zeitbasis LH-Flugmeilen,Recheneinheit Recheneinheit Recheneinheit 1:1 (1 VE = 1 Std). Payback-Punkte) Eingeschränkt, da Eingeschränkt. meist laufender Gegeben, aber Emittent kann Wertschwund und beschränktes Güter- ProgrammWertauf- Bei Preisstabilität Bei Preisstabilität Malus bei und Dienstleistungs- einstellen. Meist gibtbewahrungsmittel uneingeschränkt uneingeschränkt Rücktausch angebot es Verfallsdaten.QuantitativeBedeutung Groß Groß Sehr gering Sehr gering Gering 726 Mrd. € 146 Mrd. € (tägl. fällige (dt. Anteil am €- Einlagen bei dt. K. A. (Bei Payback: Umlauf, April Banken, April Ca. 200.000 € knapp 27 Mio.Umlauf 2006) 2006) (Juni 2006) K. A. Kartenbesitzer) Grob 15 Mio. € nicht-gewerbl. TR (2005). Zu Barter- K. A. (Bei PaybackUmsatz 2246 Mrd. € (BIP in 2005) K. A. Clubs k. A. 140 Mio. € (2003))Quelle: Darstellung in Anlehnung an Rösl (2005).Auch ist die Ausgabe von Privatgeld im europäischen Kontext kein rein deutschesPhänomen.6 So laufen im übrigen Europa ebenfalls eine Reihe inoffiziellerPrivatgelder als Bargeldersatz zum staatlichen Zahlungsmittel um (vgl. hierzu dieKarte und Übersichtstabelle A2 im Anhang). Hierbei scheint der „Credito“, der imnord-italienischen Valchiusellatal auch als Buchgeld ausgegeben wird, am6 Des weiteren können eine Reihe inoffizieller Privatgelder in Nordamerika sowie in Japan identifiziert werden. Vgl. http://www.schumachersociety.org/cur_grps.thml und Lietaer (2004). 4
  13. 13. erfolgreichsten zu sein. Sein Umlaufswert dürfte sich derzeit auf rund 500.000 € unddamit auf mehr als das Doppelte der gesamten deutschen Regionalwährungenbelaufen. Zudem zeigt die Regionalgeldemission im Vereinigten Königreich, die inGrenzen sogar staatlich legitimiert ist, dass auch ein „autonomes“Parallelgeldvolumen, das eine Größenordnung von mehreren Millionen erreicht,stabilitätspolitisch beherrschbar sein kann.7In der Literatur ist die parallele Existenz verschiedener Zahlungsmittel in einemWirtschaftsraum bereits intensiv untersucht worden.8 So beleuchten die Arbeiten zurWährungssubstitution („Currency substitution“) im Allgemeinen entweder die relativeAkzeptanz der Zahlungsmittel als Transaktionsvehikel („Dollarisierung“,„Euroisierung“) oder – wie bei den portfoliotheoretischen Arbeiten – die Eigenschaftder Gelder als Wertaufbewahrungs- und Spekulationsmedium zum Schutz vorVermögensverlusten bei Wechselkursänderungen und deren Implikation für dieheimische Geldnachfrage. Diesen Studien liegt jedoch die nahe liegende Annahmezugrunde, dass keines der untersuchten Gelder dem jeweils anderen in allenEigenschaften, die üblicherweise Geld zugerechnet werden, „überlegen“ ist, also als„echtes“ Substitut eingesetzt werden kann. Wie die folgenden Ausführungen jedochzeigen, trifft diese Voraussetzung für die Regionalgelder in Deutschland nicht zu, dadiese lokalen Gelder gegenüber dem Euro im Hinblick auf die Erfüllung dertraditionellen Geldfunktionen (Tauschmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrungs-mittel) in allen Belangen schlechter abschneiden. Mit den üblichen Modellen derWährungssubstitution lässt sich die Existenz der Regionalgelder deshalb nichterklären. Für eine entsprechende modelltheoretische Integration dieser regionalenZahlungsmittel ist eine umfassende Identifizierung der Determinanten derRegionalgeldnachfrage erforderlich.7 Hierbei handelt es sich überwiegend um offizielle Pfund Sterling-Banknoten (GBP) mit eigenem Design, die einige Privatbanken aus historischen Gründen ausgeben dürfen. Zwar kontrolliert die Bank of England die Emission dieser Regionalnoten indirekt, da der ganz überwiegende Teil dieser Noten durch spezielle nur für den Interbankenverkehr bestimmte Banknoten der Bank of England gedeckt sein müssen. Das ungedeckte „autonome“ Eigenemissionsvolumen dürfte ca. 5 Mio. GBP betragen (gesamter GBP-Banknotenumlaufs in 2005 rund 35 Mrd. GBP). Vgl. http://www.scotbanks.org.uk.8 Vgl. z.B. für europäische Länder Deutsche Bundesbank (1995), Müller (1999), Nielsen (2001) und Genberg (2004). 5
  14. 14. 3. Ziele und Konzepte der Regionalgeldinitiativen in DeutschlandWie in der Übersichtskarte bereits angedeutet, lassen sich die deutschenRegionalgeldinitiativen hinsichtlich ihrer Konstruktionsprinzipen in zwei Gruppeneinteilen: Regionalgelder ohne intendierten Wertschwund und so genanntesSchwundgeld. Beide Lager wollen nach eigenen Angaben mit der Ausgabe lokalerZahlungsmittel die Wirtschaft in der heimischen Region stärken. Wie man der TabelleA1 im Anhang entnehmen kann, hat das wohl bislang einzige in Deutschlandumlaufende Regionalgeld, das wie das Euro-Bargeld auf einen inkorporiertenWertschwund verzichtet, der „Baptisttaler“9 in Gröbenzell bei München, bislang keinenennenswerte Größenordnung erreicht. Offenbar stand man bereits ein halbes Jahrnach dem Start mit nur noch 20 teilnehmenden Geschäften praktisch vor dem Aus,weshalb man wohl davon ausgehen kann, dass derzeit kaum noch Baptisttalerumlaufen.10 Verbreiteter sind hingegen die Schwundgelder. Schwundgeld, bekanntauch unter den Namen Schrumpfgeld oder Freigeld, ist so gestaltet, dass diesesnach einem im Voraus bekannten Zeitpfad an Wert verliert. Hierdurch will man dieKonstruktionsmängel des herrschenden Geldsystems überwinden, die sich nachSilvio Gesell (1862-1930) – dem deutsch-argentinischen Urheber des Schwundgeld-konzepts – wie folgt darstellen:11In arbeitsteiligen Volkswirtschaften stellen die Produzenten (und damit letztlich dieArbeiter) Waren her, die ihren Eigenbedarf (fast) gänzlich übersteigen. Da sie diehergestellten Produkte nicht alle selbst konsumieren können (und wollen), sind siefaktisch gezwungen, ihr Warenangebot am Markt permanent anzubieten. Denn eineLagerung ist langfristig nicht sinnvoll, da die produzierten Güter durch Rost, Fäulnisund Verderb an Wert verlieren. Diesem ständigen Strom an zu Markte getragenenGütern steht die Nachfrage der Endverbraucher gegenüber, die die Waren gegenGeld erwerben. Steht nun wegen Geldhortung (sei es aus Gründen derErsparnisbildung, der Spekulation oder der Absicherung gegen Krisen) nicht mehrausreichend Geld als Tauschmittel zur Verfügung, so fällt die monetäre Nachfrage9 Vgl. Abbildung A1 im Anhang.10 Vgl. Fürstenfelder Tagblatt vom 30.8.2005.11 Vgl. Silvio Gesell (1949), S. 181 ff. und S. 235 ff.. Gesell selbst spricht nur von „Freigeld“, da es als reines Tauschmittel die Güternachfrage vom Willen der Geldbesitzer befreit. Vgl. Silvio Gesell (1949), S. 208 und S. 238. Erste Ausführungen Gesells datieren bereits auf 1911 zurück und sind 1929 auch in englischer Sprache erschienen. Vgl. Gesell (1911, 1929). 6
  15. 15. aus, der Geldkreislauf gerät ins Stocken, die Waren bleiben auf Lager undverderben. Daher sollte nach Auffassung Gesells Geld mit einer zeitabhängigenGebühr belegt werden, um jede andere Verwendung als die nachfragewirksameVerausgabung des Geldes zu bestrafen. Zudem gelänge es damit auch, denArbeitern den ihnen zustehenden, weil von ihnen erwirtschafteten Mehrwert ihrerArbeit vollständig zukommen zu lassen. Da Geld nicht verdirbt, haben die Sparer (inder Terminologie Gesells die „Geldbesitzer“ oder „Kapitalisten“), die nicht ihr ganzesEinkommen sofort konsumieren, einen strukturellen Verhandlungsvorteil gegenüberden die Waren produzierenden Arbeitern. Während letztere ihre produzierten Warenwegen des drohenden Verderbs verkaufen müssen, können die Geldbesitzer(Kapitalisten) hingegen entscheiden, ob sie die Waren kaufen oder ihr Geld lieber zurBank bringen und dort Zinsen bekommen. Dabei werden die Zinserträge derKapitalisten letztlich wiederum von den Arbeitern bezahlt, da diese gezwungen sind,sich das durch das Sparen dem Wirtschaftskreislauf entzogene Geld auf demLeihwege von den Banken zu besorgen. Damit kann nach Gesell der Zins alsSondergewinn der Kapitalisten verstanden werden. Dieser sei nicht mit dem üblichenHandelsgewinn zu verwechseln, vielmehr gründe er sich auf die stofflicheÜberlegenheit „unverderblichen“ Geldes gegenüber den am Markt angebotenenverderblichen Waren und die Wahlfreiheit der Geldbesitzer bezüglich derVerausgabung ihrer Geldmittel für Konsum oder Sparen. Der Wertschwund, der beimSchwundgeld-Konzept dem umlaufenden Geld per Konstruktion auferlegt wird, sollnun diesen strukturellen stofflichen Vorteil des Geldes gegenüber den verderblichenWaren aufheben. Damit entfiele der Anreiz für die Kapitalisten, ihr Geld zur Bank zubringen. Stattdessen wird das Geld für Warenkäufe verwendet, es bleibt demKreislauf erhalten, die Nachfrage der Arbeiter (Warenbesitzer) nach Geld bei denBanken geht zurück und das Zinsniveau wird infolgedessen auf Null sinken. Damitverbleibt den Arbeitern ihre ganze Wertschöpfung, da sie nun keine Zinszahlungenan die Kapitalisten zu leisten haben.Im Vergleich zu diesem traditionellen Ansatz wird das Schwundgeldkonzept derheutigen Regionalgeldemittenten weniger explizit begründet. Meist kritisiert man die„Vermehrung des Geldes der Kapitaleigner durch Zins- und Zinseszins“12. Zudem will12 Vgl. z.B. http://www.roland-regional.de/WARUM__/warum__.html. 7
  16. 16. man mit der Emission von Schwundgeld heutzutage auch regionalwirtschaftliche,13demokratische, umweltpolitische und soziale Ziele verwirklichen.14 So soll dieNachfrage nach regionalen Produkten durch die Wertschwund induzierte,permanente Verausgabung der Regionalgelder gestärkt und damit die lokaleWirtschaft gefördert werden. Deshalb beschränkt man den Einsatz derSchwundgelder allein auf die Region, in dem man nur örtliche Unternehmen, nichtaber Supermarktketten oder ähnliches am Zahlungssystem teilnehmen lässt. Aufdiese Weise will man ein regionales Gegengewicht zur Globalisierung schaffen,Absatzwege verkürzen und der vor allem von Renditeüberlegungen gelenktenweltweiten Kapitalallokation entgegentreten. Die aus der Regionalgeldemissionerzielten Gewinne sollen zumindest teilweise sozialen und ökologischen Zweckenzur Verfügung gestellt werden. Auch werden in gewissem UmfangUnterstützungsleistungen für örtliche Unternehmen und Gewerbetreibende gewährt.Hierüber entscheidet gegebenenfalls ein Währungsrat bzw. die Mitglieder desRegionalgeldvereins durch mehrheitliche Abstimmung.Die für notwendig erachtete Belegung der Geldbestände mit einer zeitabhängigenNutzungsgebühr („Umlaufsicherung“) wird auf ganz unterschiedliche Weiseverwirklicht (vgl. Tabelle A3 und die Abbildungen A2 bis A4 im Anhang). Am meistenverbreitet ist gegenwärtig in Deutschland das Markengeld, welches typischerweisegegen Euro in Umlauf gebracht wird.15 Hier muss der Besitzer der Geldscheine zumWerterhalt kleine Klebemarken auf den Geldschein anbringen, um so die Gültigkeitdes Zahlungsmittels für eine bestimmte Zeitperiode zu sichern.16 Zudem soll auch dieam Ende der Gesamtlaufzeit der Scheine anfallende Um- bzw. Rücktauschgebühr inneue Regionalgeldscheine bzw. in Euro die zeitnahe Verausgabung der Scheinefördern. Dabei verlieren die Markengelder typischerweise 2-3 % pro Quartal an Wert.Ihre Regellaufzeit beträgt 3 Monate mit Verlängerungsoption auf insgesamt 1 Jahr.Spätestens dann fallen weitere 5 % des Nennwerts beim Rücktausch in Euro an.13 Dies steht im krassen Gegensatz zur ursprünglichen Lehre Gesells, die gerade den Freihandel propagiert. Vgl. Silvio Gesell (1949), S. 242.14 Vgl. z.B. http://www.chiemgauer.info.15 Beim Sterntaler können teilweise auch gegen Leistungserbringung im örtlichen Tauschring erworbene Gutschriften („Talente“) in Regionalwährung ausbezahlt werden. Beim mittlerweile kaum noch umlaufenden Justus in Gießen verteilte man einen Teil der Scheine auf die teilnehmenden Unternehmen gegen ein wechselseitiges Akzeptanzversprechen.16 Gesell schlug hierbei eine wöchentliche Entwertung der Geldscheine in Höhe von 1 ‰ des Nennwerts vor, was einem Klebeaufwand von 52 Marken pro Jahr und einem Kaufkraftverlust von ca. 5 % pro Jahr entspricht. Vgl. Gesell (1949), S. 241. 8
  17. 17. Finanziert werden die Scheine wie die Klebemarken in der Regel gegen Verkauf vonEuro an die Emissionsstelle, die diese dann entweder in Bargeld verwahrt oderverzinslich auf einem Tagesgeldkonto17 angelegt. Beim Tabellengeld hingegen istder Wertschwund des Geldes direkt am Geldschein ablesbar, sei es über eine aufder Rückseite der Note aufgedruckte Tabelle oder anhand eines Balkendiagramms.Als dritte Schwundgeldvariante wird in Deutschland noch das Ablaufgeldausgegeben. Hier verzichtet man auf einen laufenden Geldschwund. Vielmehr willman allein über eine begrenzte Gültigkeitsdauer der Scheine (bis 1 Jahr) inKombination mit einer am Ende der Laufzeit drohenden Um- bzw. Rücktauschgebührdie permanente Verausgabung des Regionalgelds sicherstellen.4. Kritische Analyse des SchwundgeldkonzeptsIn der Folge wird untersucht, in wiefern die Argumente der Schwundgeldbefürwortertragfähig sind.4.1. Zins als Sondergewinn der Kapitalisten?Nach Gesell ist der Zins ein Sondergewinn der Geldbesitzer (Kapitalisten), derseinen Ursprung findet in der stofflichen Überlegenheit des Geldes gegenüberverderblichen Waren und dem Wunsch der Geldbesitzer, diesen Umstandauszubeuten. Stellt man jedoch diesen Prozess in den Kontext eines Geldkreislaufs,dann wird der eben noch ausgebeutete Warenbesitzer (Arbeiter) nach Verkauf derWare selbst zum Ausbeuter, da er nun das Geld besitzt (Kapitalist). Bei deranschließenden Verausgabung des Geldes ist er dann erneut der Ausgebeutete undsein Kontraktpartner der Ausbeuter usw.. Damit kollabiert das Ausbeutungsszenarioin einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtungsweise zu einem Nullsummenspiel ohneNetto-Gewinner und -Verlierer, weshalb auch der unterstellte Ausbeutungsgewinnletztlich verschwindet.Zudem ignoriert die Theorie Gesells vollständig die realwirtschaftliche Dimension desZinses, die sich in der realen Entlohnung der Kapitalgeber für den geleisteten17 So z.B. beim Chiemgauer. Vgl. http://www.Chiemgauer.info. 9
  18. 18. Konsumverzicht widerspiegelt. So ist es aller empirischen Erfahrung nach denGeldbesitzern – oder genauer den Sparern – nicht egal, ob sie einen Teil ihresEinkommens bereits heute oder erst später konsumieren (positive Zeitpräferenzrateder Sparer). Wie wichtig aber diese reale Determinante für die Zinsbestimmung ist,zeigt schon das Beispiel einer geldlosen Tauschwirtschaft, in der es per se keinGeld, aber dennoch einen Zins gibt.184.2. Exogenes Güterangebot?Des Weiteren ist die Gleichsetzung zwischen Geldbesitzern und Kapitalisteneinerseits beziehungsweise Warenbesitzern und Arbeitern andererseits in denAusführungen Gesells irreführend.19 Die sprachlich gebotene Trennung zwischenGeldbesitzern und Sparern würde hier genauso schnell die Inkonsistenzen in derGesell’schen Argumentationsführung aufzeigen wie die erforderliche expliziteBerücksichtigung des Unternehmenssektors. Denn gerade das volkswirtschaftlicheGüterangebot ist keineswegs ein exogener Strom, der sich autonom aus derArbeitsteilung speist, und sich „ohne jede Rücksicht auf Gewinn und Verlust“20einstellt, und eine „vom Willen der Warenbesitzer losgelöste Sache“21 ist. Vielmehrpassen sich in der Realität die Unternehmen endogen an sich änderndeNachfragebedingungen am Gütermarkt an.4.3. Überwindung der Nachfragelücke durch eine höhere Umlaufgeschwindigkeit des Geldes?Zwar sind die Überlegungen Gesells hinsichtlich des Hortens von Geldbeständenund die daraus resultierenden negativen Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftlicheNachfrage in der Literatur durchaus ernst genommen worden.22 Allerdings sollte dieRelevanz dieser These in den Kontext eines (zumindest drohenden) deflationären18 Vgl. etwa die Situation einer Urwirtschaft, in der ein Schmied einem Bauern zeitlich befristet seinen Pflug überlässt und dafür als Entlohnung aus der (mit Hilfe des Pfluges vergleichsweise ertragreicheren) Ernte einen Sack Kartoffeln als Verzinsung aus der Überlassung des Realkapitals Pflug erhält. Vgl. auch Issing (1993) und Färber (1997).19 Vgl. insbesondere Gesell (1949), S. 240.20 Gesell (1949), S. 191.21 Gesell (1949), S. 238.22 Vgl. Gesell (1911) und (1949), S. 191 f.. Hier nahm Gesell in der Tat eine wichtige Überlegung der zeitlich erst rund 25 Jahre später formulierten keynesianischen Theorie vorweg, was ihm in der Folge einige wohlwollende Bemerkungen Keynes sicherte. Vgl. Keynes (1936), S. 353 ff.. Ähnliche Überlegungen finden sich auch bei Fisher (1933). 10
  19. 19. Umfelds gestellt werden. Für Länder wie Deutschland, die seit Jahrzehnten stabilePreise oder moderate Inflationsraten realisieren, ist eine solche Situation jedoch nichtgegeben. Sparen in Form von Geld ist hier vergleichsweise unrentabel, da einerseitsüber die Inflation der Realwert der Banknoten im Zeitablauf sinkt (negativeVerzinsung) und andererseits die ebenfalls zur Geldmenge zählenden Bankeinlagender privaten Haushalte und Unternehmen in der Regel nicht mehr als einenInflationsausgleich bieten (praktische reale Nullverzinsung). So kann, wie diefolgende Abbildung 1 zeigt, ein Sparer, der seine Mittel für – sagen wir 10 Jahre –anlegen will, anstatt in Geldanlagen auch in Staatsanleihen investieren ohne hierbeiein größeres Risiko einzugehen.23 Ein Geldzins-induzierte Nachfragelücke ist fürDeutschland jedenfalls nicht nachweisbar. Abbildung 1: Vergleich der realen Verzinsung von Bargeld, Bankeinlagen und Staatsanleihen Vergleich der realen Verzinsung von Bargeld, Bankeinlagen und Staatsanleihen 3,00 2,00 1,00 0,00 2003 Jan 2004 Jan 2005 Jan 2006 Jan Mrz Mai Jul Sep Nov Mrz Mai Jul Sep Nov Mrz Mai Jul Sep Nov Mrz Mai -1,00 -2,00 -3,00 Reale Verzinsung Bundeswertpapiere (Restlaufzeit 9-10 Jahre) Reale Verzinsung von Einlagen bei deutschen Banken mit einer Laufzeit bis zu 1 Jahr Reale Verzinsung von BargeldQuelle: Eigene DarstellungDoch selbst wenn durch Horten (sei es aus Spar-, Vorsichts- oderSpekulationsgründen) tatsächlich eine Nachfragelücke am Gütermarkt entstünde, sowäre die Belegung der Geldbestände mit einer konstanten Schwundrate zur23 Die Zinsdifferenz liegt damit im wesentlichen in der Liquiditätsprämie begründet. 11
  20. 20. Bekämpfung der Geldhortens kritisch zu sehen. Denn auf diese Weise lässt sich eineanhaltende Erhöhung der monetären Gesamtnachfrage (Produkt aus Geldmengeund Umlaufgeschwindigkeit) nicht erreichen. Zwar steigt – wie im Rahmen einesmodelltheoretischen Ansatzes noch explizit dargestellt werden wird24 – in einemsolchen Schwundgeldsystem tatsächlich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes,dafür nimmt aber in entsprechendem Umfang die Geldmenge wegen dervergleichsweise hohen Geldhaltungskosten ab, so dass kein anhaltendstimulierender Gesamteffekt auf die Güternachfrage zu erwarten ist. Denn diesgelänge nur, wenn analog wie bei der Finanzierung von staatlichenAusgabenprogrammen über eine inflatorische Geldmengenexpansion derGeldschwund-bedingte Kaufkraftverlust von den Geldhaltern im Vorgriff nichtantizipiert werden würde.25 Die umfangreiche empirische Erfahrung zeigt jedoch,dass diese Annahme nicht haltbar ist.264.4. Regionalförderung durch künstliche Kaufkraftbindung vor Ort?Neben der Bekämpfung der Konstruktionsmängel des herrschenden Geldsystemsdurch Schwundgeld will man durch die Ausgabe von Regionalgeld auch die lokaleWirtschaft stärken, indem man den Einsatz dieser Zahlungsmittel auf die Regionbeschränkt, um die Kaufkraft künstlich am Ort zu binden.27 Ein solches, letztlichbewusst auf regionale Abschottung zielendes System – sollte es überhauptlängerfristig existieren – behindert jedoch den überregionalen Handel, ohne den sicheine Region nicht weiterentwickeln kann. Zudem schädigt man durch Abschottungnicht nur sich selbst, sondern auch den potenziellen Handelspartner, dem manebenfalls Wachstumschancen nimmt. Der ökonomische Grund hierfür liegt imbeiderseitigen Verzicht auf eine an komparativen Vorteilen orientierte überregionaleArbeitsteilung und auf integrierte Absatzmärkte, die großvolumiger sind als dieSumme der regionalen Einzelmärkte.2824 Vgl. dazu die Ausführungen in Kapitel 6, insbesondere Seite 23 und 26.25 So auch Läufer (2003). Zur Diskussion verschiedener Erwartungsbildungshypothesen vgl. Sargent (1993) und Evans/Honkapohja (2001).26 Vgl. z.B. Muth (1961), Lucas (1972), Sargent/Wallace (1975) und Schöler (1985).27 Vgl. z.B. Kennedy/Lietaer (2004).28 So auch Harper, der die Lokalgeldemission in den USA vor dem zweiten Weltkrieg analysiert. Vgl. Harper (1948), S. 141. 12
  21. 21. Zudem helfen die gewährten Spenden eines Teils der Regionalbankgewinne an dieörtlichen (Einzel-)Unternehmer und kulturellen Initiativen bestenfalls kurzfristig. In derlangen Frist sind die solche Subventionen erfahrungsgemäß kein geeignetesInstrument, um die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit gegen die Marktkräfte zustärken. Ohnehin bleibt unverständlich, weshalb man im Bedarfsfall derartigeLeistungen nicht gleich in Euro gewährt. Immerhin würde man sich dann die höherenTransaktionskosten der Parallelgeldverwendung sparen.Nicht auszuschließen jedoch ist die Möglichkeit, dass die Regionalgelder einengewissen Werbeeffekt für die Region generieren. Dieser liegt aber nicht originär inder Geldeigenschaft dieser lokalen Zahlungsmittel, sondern vielmehr im Kuriosum,dass in Zeiten der fortschreitenden Internationalisierung des Geldsystems eine neueGeldform mit dezidiert regionalem Bezug bereitgestellt wird.4.5. Emission eines „sozialen“ Geldes?Gerade mit der Möglichkeit einen Teil der Erträge aus der Schwundgeldemission angemeinnützige Einrichtungen zu spenden, will man dem Regionalgeld auch sozialeZiele verwirklichen. Ob auf diese Weise wirklich der soziale Zusammenhalt in derGemeinde gestärkt wird, soll hier offen bleiben. Auf jeden Fall ist Schwundgeld fürdie Geldbesitzer im Vergleich zu normalem nicht-schwundbehafteten Geld sehrteuer, was für sich genommen schon den sozialen Charakter dieser Währungen inZweifel zieht. Von diesem Schwundgeldsystem profitiert vor allem die emittierendeRegionalbank.29 In Bezug auf die Gewinnverwendung geben die Regionalgeld-vereine jedoch in der Regel (vgl. Tabelle A3 im Anhang) nur an, dass sie bezogenauf den Nennwert ihrer ausgegebenen Scheine 3 % an gemeinnützige Einrichtungenspenden. Zwar ist dies gemessen an der fünfprozentigen Rücktauschgebühr (Malus),die am Ende der Laufzeit der Scheine fällig wird, recht viel. Gerade beim Markengeldwird aber der größte Teil der Einkünfte der Regionalbank über den Verkauf derKlebemarken (i.d.R. 8 % des Nennwerts pro Jahr) und der Anlage der erhaltenenEuros auf verzinsten Tagesgeldkonten (derzeit ca. 2 % p.a.) erzielt, so dass sich dieGesamteinkünfte zu rund (5% + 8% + 2 % =) 15 % des Nennwerts der umlaufendenRegionalgeldscheine pro Jahr addieren. Nehmen wir an, dass hiervon29 Vgl. hierzu den Exkurs 2 zum Regionalbankgewinn im Anhang, S. 47. 13
  22. 22. 13 Prozentpunkte tatsächlich für Druckkosten aufgewandt werden müssen und dieRegionalbank keine versteckten Gewinne einbehält. Wäre es aus sozialenGesichtpunkten dann nicht sinnvoller, die vorhandene Zahlungsbereitschaft derRegionalgeldhalter effizienter zu nutzen als zur Finanzierung von Druckkosten?5. Determinanten der Nachfrage nach Regionalgeld und Abschätzung derzukünftigen EntwicklungDie bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass die derzeit in Deutschlandumlaufenden Regionalgelder nicht zuletzt wegen ihrer (fast ausschließlichen)Konstruktion als Schwundgelder sehr teuer sind. Dabei stellt sich die Frage, warumdiese lokalen Zahlungsmittel überhaupt eingesetzt werden. Die nahe liegendeVermutung, dass der Grund hierfür die allgemeine Skepsis gegenüber dem Euro sei,kommt jedenfalls nicht in Betracht. Zwar nahm den Umfragen der EuropäischenKommission zufolge seit 2002 die Zustimmung zum Euro in der Eurozone insgesamtab, doch gerade in Deutschland ist die anfänglich kritische Haltung gegenüber derneuen Gemeinschaftswährung mittlerweile erkennbar zurückgegangen, währendparallel dazu die Anzahl der Regionalwährungen sukzessive angestiegen ist. Tabelle 2: Zustimmung zum Euro und die Entwicklung der Regionalwährungen Anzahl der Zustimmung Ablehnung Zustimmung Ablehnung Regional- zum Euro in gg. Euro in zum Euro in gg. Euro in währungen in EWU gesamt EWU gesamt Deutschland Deutschland Deutschland2001 - - - - 12002 54% 32% 39% 52% 12003 52% 36% 42% 52% 22004 53% 36% 41% 50% 102005 51% 39% 47% 48% 15Quelle: European Commission (2005, 2004, 2003, 2002), eigene Recherchen.Vielmehr dürfte wohl eher die Nachfrage nach Regionalgeld in deren Eigenschaft alsKuriosum in Zeiten der zunehmenden Internationalisierung der Geldwesens liegenund im Glauben der Regionalgeldhalter begründet sein, durch den Einsatz derLokalgelder die regionale Wirtschaft zu fördern. Zudem bieten diese Gelder eineMöglichkeit für die Besitzer, sich durch den Einsatz der Regionalgelder demonstrativzur Region zu bekennen und damit ein Zeichen gegen die Globalisierung zu setzen 14
  23. 23. („Geld der Anti-Globalisierer“30). Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung sindes jedenfalls „immer die gleichen“, die mit Regionalwährungen bezahlen.31 Auchdürfte die oftmals mit dem Kauf der Regionalgelder einhergehende Spende anörtliche soziale Einrichtungen und Vereine für die Geldhalter einen gewissenPrestigegewinn darstellen. Im Gegensatz zu anderen Formen des Spendens (z.B.Spendenpartys), bei denen die Teilnehmer in ähnlicher Weise nicht nur dasüberteuerte Produkt selbst, sondern gleichzeitig auch die Aufmerksamkeit anderer„kaufen“, kann im Falle der Regionalwährungen der Geldhalter selbst wählen, wannund wo er die empfundene soziale Anerkennung durch die Bezahlung mitRegionalgeld erhält. Dabei scheint die Zahlungsbereitschaft für ein solchesRegionalgeld gerade in Gegenden mit niedrigen Arbeitslosenquoten vergleichsweisestärker ausgeprägt zu sein. Dort kann man sich offenbar den „Luxus“ Schwundgeldeher leisten als in strukturschwächeren Regionen. Tabelle 3: Arbeitslosenquoten in Gebieten mit Regionalwährungen1) 20 18 16 14 12 10 8 6 4 2 0 Urstromtaler / Güsen Berliner / Berlin Bürgerblüte / Kassel Landmark / Reinstädt Roland / Bremen Volmetaler / Hagen D gesamt Witzenhausen Justus / Gießen Carlo / Karlsruhe Kann Was / Bad Sterntaler / Ainring Regio im Oberland / Baptisttaler / Chiemgauer / Prien Markgräfler / Hallertauer / Paffenhofen Heitersheim Gröbenzell Kirschblüte / Wolfratshausen Oldesloe1 Bezogen auf alle Erwerbspersonen im einschlägigen Meldekreis der Bundesagentur für Arbeit. Angaben November 2004, dain diesem Jahr am meisten Regionalgelder entstanden sind. Quelle: Bundesagentur für Arbeit.30 Die Zeit vom 5.8.2004.31 Süddeutsche Zeitung vom 9.6.2005. 15
  24. 24. Man kann nicht ausschließen, dass sich die Schwundgeldverwender ihrer relativhohen Geldhaltungskosten zumindest zum Teil nicht bewusst sind. So wird ihnen vonSeiten der Emittenten nahe gelegt, dass man den Schwundkosten ja leicht entgehenkann, wenn man das Geld einfach zügig wieder ausgibt, und den Unternehmenverspricht man wegen des schwundbedingten schnellen Umlaufs dieser Währunghöhere Umsätze und Gewinne.32 Hier sollte man nicht vergessen, dass wie beijedem Schneeballsystem auch hier der Letzte in der Reihe die Rechnung zahlt!Insgesamt kann man wohl davon ausgehen, dass die Schwundgeldkosten immerstärker in das Kalkül der Geldhalter eingehen werden, je größer derSchwundgeldumlauf wird. Insofern dürfte gerade der Geldschwund dieExpansionsmöglichkeit dieser lokalen Zahlungsmittel letztlich stark begrenzen.33Allerdings kann man sich durchaus vorstellen, dass, solange der jeweilige individuellgehaltene Regionalgeldbestand keine substantiellen Größenordnungen erreicht, voneinigen diese Kosten allein schon wegen des Spaßes, einmal mit Regionalgeldgezahlt zu haben, gerne getragen werden.34 So bleiben die Verluste für denEinzelnen in Absolutwerten gemessen ja durchaus überschaubar, wenngleich sie inProzent zum Nennwert gerechnet, nach wie vor als sehr teuer zu bezeichnen sind.Doch selbst wenn die deutschen Regionalgeldinitiativen die hohenGeldhaltungskosten durch Marketing kaschieren, so dürfte doch schon allein die nurauf die Region begrenzte Einsetzbarkeit der Regionalwährungen sowiemöglicherweise aufkommende Zweifel an der Solidität der Regionalbanken einevolkswirtschaftlich bedenkliche Verbreitung dieser Gelder verhindern.Gleichwohl kann man nicht ausschließen, dass die bloße Anzahl derRegionalgeldprojekte in der nahen Zukunft deutlich zunimmt. Dies wird jedoch allerVoraussicht nach nichts an der gesamtwirtschaftlich nur marginalen Bedeutung derRegionalgelder ändern. Diesen Schluss lässt zumindest der Vergleich mit den seitAnfang der 90er Jahre in Deutschland existierenden Tauschringen zu. Wie diefolgende Abbildung zeigt, sind diese ähnlich wie die Regionalwährungsvereine nach32 In Kapitel 6 wird modelltheoretisch gezeigt, dass durch die Einführung von Schwundgeld die monetäre Gesamtnachfrage jedoch nicht anhaltend erhöht werden kann.33 Vgl. auch Harper (1948), Timberlake (1987) und Godschalk (2001).34 Dies dürfte insbesondere für Touristen gelten. So überrascht es nicht, dass gerade im Voralpenland mit dem Chiemgauer und dem Sterntaler Regionalgelder im Wert von mehreren zehntausend Euro umlaufen. Auch für Sammler sind die Regionalgelder von Interesse. 16
  25. 25. einer gewissen Anlaufphase zunächst zahlenmäßig rapide angestiegen. Ihr Zuwachsnahm aber im weiteren Verlauf sukzessive ab. Doch trotz der mittlerweile fastflächendeckenden Verbreitung dieser Tauchverbünde (vgl. die Landkarte im Anhang)ist die Wertschöpfung in diesen Verbünden gesamtwirtschaftlich eher geringanzusehen. Sie dürfte 15 Mio. € pro Jahr nicht wesentlich übersteigen.35 Abbildung 2: Gründung nicht-gewerblicher Tauschringe in Deutschland Gründung nicht-gewerblicher Tauschringe in Deutschland 60 50 40 30 20 10 0 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004Quelle: Eigene Darstellung. Analyse auf Basis verfügbarer Einzeldaten von 278 nicht-gewerblichenTauschringen.35 Diese Berechnung ist nur als sehr grobe Abschätzung zu verstehen, vgl. Rösl (2005). In Großbritannien gibt es ebenfalls rund 400 nicht-gewerbliche Tauschringe (Local Exchange Trade Systems, Lets) mit durchschnittlich ca. 85 Mitgliedern und einem Handelsvolumen von rund 70 GBP pro Kopf und Jahr bzw. 2,1 Mio. GBP pro Jahr. Vgl. Seyfang (2000), S. 228. 17
  26. 26. 6. Berechnung der Wohlfahrtsverluste der Schwundgeldemission.Die vorstehenden Ausführungen haben gezeigt, dass die Schwundgeldkonzeptionbereits in ihrer traditionellen Formulierung von Gesell hochgradig defizitär ist. Auchüberzeugen die Argumente der Regionalförderung durch Schwundgeld nicht. Injedem Falle ist die Regionalgeldhaltung sehr teuer. Die Finanzierung derRegionalbankerträge sind jedoch nicht die einzigen Kosten, die dieSchwundgeldhalter zu tragen haben. Dies zeigen die folgenden Ausführungen zuden gesellschaftlichen Wohlfahrtskosten, die in Analogie zum Kaufkraftverlust beiInflation im Zuge der Schwundgeldemission auftreten.36 Dabei wird alsAnalyserahmen ein nutzentheoretischer Ansatz gewählt, der das bekannte Sidrauski-Modell37 um eine Abschreibungsrate auf die nominalen Geldbestände(„Schwundrate“) erweitert. Auf diese Weise kann nicht nur gezeigt werden, wie sichdie Nachfrage nach Geldbeständen und die Umlaufgeschwindigkeit des Geldesinfolge einer Erhöhung der Schwundrate verändert, auch können die Kostenberechnet werden, die entstünden, wenn der gesamte Geldumlauf in Deutschlandauf Schwundgeld umgestellt werden würde. Im Anschluss daran werden dieseFragen im Rahmen eines Parallelgeldansatzes analysiert, in den neben demgesetzlichen Zahlungsmittel auch Schwundgeld integriert wird.6.1. Sidrauski – Modell mit Geldschwund in stetiger ZeitAusgangspunkt sei ein repräsentativer Haushalt, der seinen abdiskontiertenLebenszeitnutzen (W) maximiert:38 ∞(1) W= 0 u(c t , m t )e − θt dtDabei sei θ die Diskontierungsrate (Zeitpräferenzrate) und36 Der Verfasser dankt sehr herzlich Karl-Heinz Tödter für die wertvollen Anmerkungen.37 Vgl. Sidrauski (1967).38 Vgl. im folgenden Sidrauski (1967), Blanchard und Fischer (1989), Engels (2004). Die vereinfachende Annahme eines unendlich lebenden Haushalts spielt für die folgenden Ergebnisse keine entscheidende Rolle, da die drei ersten Bedingungen erster Ordnung hiervon unberührt bleiben. 18
  27. 27. (2) ut u(c t , m t )eine strikt konkave Nutzenfunktion des Haushalts, die neben dem realen Pro-Kopf –Konsum (ct) auch den realen Geldbestand pro Kopf (mt) umfasst.39 Der Haushaltbesitze reales Vermögen (At) in Form von Sachkapital (Kt) und in Form seines mitdem Preisniveau (Pt) deflationierten nominalen Geldbestandes ( Mt ): Mt(3) At Kt PtSein Realeinkommen beziehe er aus Arbeit ( w tNt ), Kapital ( rtK t ) undverwendungsungebundenen Transfereinkommen von Seiten der Regierung40 ( X t ): dA t Mt(4) Ct t w tNt rt K t Xt dt PtDabei steht w t für den Reallohnsatz, Nt für die Anzahl der Haushaltsmitglieder, rt fürdie Kapitalrendite und Kt für den realen Kapitalbestand.41 Verwendet wird diesesEinkommen für Konsumausgaben Ct und zur Finanzierung der Entwertung der realenGeldbestände aufgrund der (nominalen) Schwundrate t . Ein Überschuss bzw.Fehlbetrag erhöht bzw. senkt das Vermögen des Haushalts ( dA t / dt ). In realen Pro-Kopf – Größen geschrieben lautet die Budgetrestriktion damit: dA t 1(5) ct tmt wt rt k t xt dt N twobei c t C t / Nt , k K t / Nt , m t (Mt / Pt ) / Nt und x t X t / Nt .39 Zur Aufnahme von Geld in die Nutzenfunktion vgl. Patinkin (1965), Sidrauski (1967), Feenstra (1986).40 Dies entspricht der Rückschleusung der Seigniorage aus der Geldemission (inkl. realer Ressourcentransfer an den Geldproduzenten aufgrund nominalen Geldschwunds).41 Um die Argumentation möglichst einfach zu halten, sei der Zins im folgenden exogen. Es kann gezeigt werden, dass eine Endogenisierung der Zinsen (über die Einführung einer Produktionsfunktion) das Modell in seiner Substanz nicht ändert. Aus ähnlichen Gründen bleiben auch Abschreibungen auf den Kapitalbestand unberücksichtigt. 19
  28. 28. Die reale Vermögensänderung dA t dK t dMt 1(6) = + dt dt dt Ptpro Kopf des Haushalts ist: dA t 1 dK t 1 dMt 1(7) = + . dt Nt dt Nt dt PtNtBezeichnet man die Wachstumsrate des Haushalts bzw. bei fixer Anzahl derHaushalte die Wachstumsrate der Bevölkerung mit nt = (dNt/dt)/Nt und dieInflationsrate mit πt, so kann man dafür schreiben: dA t 1 dk t dm t(8) = + ntk t + + π tmt + ntm t dt Nt dt dtDamit lässt sich die Budgetrestriktion (5) auch ausdrücken als dk t dm t(9) ct + + ntk t + + π t m t + n t m t + σ t m t = w t + rt k t + x t dt dtbzw. unter Verwendung des realen Pro-Kopf-Vermögens (a = k + m , bzw.da = dk + dm ) wie folgt als Differenzialgleichung schreiben: da t(10) = [(rt − n t )a t + w t + x t ] − [c t + (rt + π t + σ t )m t ] dtDie Veränderung des realen Pro-Kopf-Vermögens setzt sich zusammen aus demEinkommen des Haushalts (aus Kapitaleinkünften (r-n)a, Arbeitseinkünften w undTransfers x) und dem Gesamtkonsum. Letzterer besteht aus dem Güterkonsum (c)und dem Konsum von Gelddiensten, wobei (r + + ) die Nutzungskosten desGeldes sind. Diese setzen sich wiederum aus dem nominalen Zinsentgang (r + ),der durch die Haltung von Geld statt Kapital entsteht, sowie der Schwundrate desGeldes ( ) zusammen. 20
  29. 29. Zudem soll zu Beginn der Periode das reale Pro-Kopf-Vermögen einen beliebigen(nicht notwendigerweise positiven) Wert(11) a(0) = a0 ,und am „Ende“ des Planungshorizonts keinen negativen Wert annehmen:42(12) lim a( t )e − θt ≥ 0 t →∞Die mit dem Maximierungsproblem verbundene Hamilton – Gleichung ist:(13) H = {u(c, m) + λ[[(r − n)a + w + x ] − [c + (r + π + σ)m]]}e − θtDabei wurde soweit nicht zwingend erforderlich der Zeitindex t zur Vereinfachung derNotation weggelassen. Die Bedingungen erster Ordnung für ein Maximum lauten:43(14.1) uc (c, m) = λ(14.2) um (c, m) = λ(r + π + σ) dλ(14.3.) = θλ − (r − n)λ dt − θt = 0(14.4) lim aλe t →∞Im allgemeinen sind der Grenznutzen des Güterkonsums und der Grenznutzen desVerbrauchs von Gelddiensten Funktionen von c und m. Die beiden erstenBedingungen lassen sich zu um(15) =r +π+σ uc42 Dies ist die sog. No-Ponzi-Game Bedingung, die sicherstellt, dass der repräsentative Haushalt „am Ende“ keine Schulden hat.43 Zur Herleitung vgl. Pontryagin et al. (1962), Barro und Sala-i-Martin (2004), Chiang und Wainwright (2005). 21
  30. 30. zusammenfassen. Im Optimum entspricht damit die marginale Substitutionsratezwischen realem Geldbestand und Konsum den Nutzungskosten des Geldes. Auchergibt sich aus den Optimalitätsbedingungen (14.1) und (14.3) die bekannte Keynes-Ramsey-Regel du c / dt(16) = n+θ−r, ucwonach der nutzenmaximierende Haushalt im Zeitverlauf seinen Konsumplan immerso wählt, dass die Grenzrate der Substitution des Konsums φ(c ) zwischen zweiZeitpunkten immer der Grenzrate der Transformation entspricht. Äquivalent lässt sichdamit (16) auch ausdrücken als optimaler Wachstumspfad für den Konsum:44 dc / dt(17) = φ(c ) ⋅ [r − θ − n] cZuletzt kann die Transversalitätsbedingung (14.4) – etwas vereinfacht – dahingehendinterpretiert werden, dass der nutzenmaximierende Haushalt optimalerweise am„Ende“ seines Planungshorizonts sein Vermögen vollständig konsumiert habenwird.45Im langfristigen Gleichgewicht (steady state) ist dλ/dt = 0, so dass aus (14.3) diemodifizierte Goldene Regel46 folgt(18) r = θ+nd.h. der Realzins entspricht der Summe aus Diskontierungsrate und Bevölkerungs-wachstumsrate. Dieses Ergebnis ist wie im traditionellen Ramsey- und Sidrauski -Modell unabhängig von der Wachstumsrate der Geldmenge, d.h. Geld ist langfristig44 Blanchard und Fischer (1989), S. 40.45 Genau genommen muss dies aber nicht so sein. So wäre die Transversalitätsbedingung auch bei positivem Endvermögen ( a ∞ > 0 ) nicht verletzt, nämlich dann, wenn der Gegenwartswert des Grenznutzens dieses Endvermögens Null ist ( λ ∞ ⋅ e − θ⋅∞ = 0 ). M.a.W. ein sehr weit in der Zukunft liegendes Vermögen stiftet heute keinen zusätzlichen Nutzen.46 Die Goldene Regel selbst ist die Bedingung r = n , die den steady state Pro-Kopf-Konsum maximiert. Blanchard und Fischer (1989), S. 45. 22
  31. 31. „superneutral“. Zudem zeigt Gleichung (18), dass der optimale Konsumplan in derlangen Frist unabhängig von der Schwundrate ist. Die von den Anhängern derFreigeldlehre erhoffte nachhaltige Stimulierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfragedurch eine Erhöhung der Schwundrate erweist sich damit als nicht stichhaltig.Im langfristigen Gleichgewicht ist auch die Veränderung der realen Pro-Kopf-Geldmenge gleich Null ( dm / dt = (μ − π − n) ⋅ m = 0 ). Dies wiederum impliziert, dassdie gleichgewichtige Inflationsrate durch die Wachstumsrate der Geldmenge(korrigiert um das Bevölkerungswachstum n) bestimmt wird:(19) π = μ −nDie Inflation ist daher in diesem Modellrahmen also ein langfristig rein monetäresPhänomen. Nimmt man weiterhin an, dass die Grenzkosten des Gelddruckens(näherungsweise) Null sind, dann gilt im steady state für den privaten Grenznutzendes Geldes ( um = 0 = λ(r + π + σ) ) in (14.2):(20.1) −π=r+σbzw. äquivalent(20.2) −σ =r +πDies ist eine um die Geldschwundrate erweiterte Verallgemeinerung der Friedman-Regel, wonach – bei Abwesenheit von Geldschwund ( = 0) – die Deflationsrate demRealzins entsprechen ( −π = r ) bzw. der Nominalzins Null sein sollte ( r + π = 0 ).47Dahinter steht die Vorstellung, dass die Geldhalter wegen der positivenOpportunitätskosten der Geldhaltung eine wohlfahrtstheoretisch suboptimale, da zuniedrige Geldhaltung anstreben. Graphisch lässt sich dies anhand der folgendeneinfachen linearen Geldnachfrage darstellen.47 Vgl. Friedman (1969). 23
  32. 32. Abbildung 3: Wohlfahrtkosten suboptimaler GeldhaltungBeginnen wir die Analyse in einem Umfeld stabiler Preise ( = 0), der Realzins seiNull ( r = 0 ) und das Zahlungsmittel soll zunächst keinem nominalen Geldschwund( σ = 0 ) unterliegen. Auch wollen wir die Grenzkosten des Gelddruckens alsvernachlässigbar klein ansehen. Aus Sicht der Geldhalter ist in diesem Fall der „Preisder Geldhaltung“ (gemessen als Opportunitätskosten) ebenfalls gleich Null, weshalbsie die Geldmenge m 0 nachfragen werden. Nehmen wir nun an, der Realzins stiegeauf einen positiven Wert. Da die Geldhalter jetzt auf die Verzinsung alternativerAnlagen verzichten, werden sie ihre Geldnachfrage soweit einschränken bis dieGrenzkosten der Geldhaltung erneut dem Grenznutzen der Geldhaltungentsprechen. Damit sinkt die Konsumentenrente,48 die vorher in Höhe der Flächem 0 D0 erzielt werden konnte, nunmehr auf das Dreieck ADG. Da dieser Rückgangjedoch nicht im vollen Umfang durch einen entsprechenden Anstieg anProduzentenrente (von Null auf m1 AG0) kompensiert wird, verbleibt ein Netto-Wohlfahrtsverlust in Höhe des Dreiecks m 0 A m1 . Nochmals größer wird derWohlfahrtverlust bei Inflation ( > 0) bzw. bei Einführung einer positivenSchwundrate ( > 0) in Höhe der Trapeze m1 AB m 2 bzw. m 2 BC m 3 . Dies zeigt, dassdie Schwundgeldkosten nutzentheoretisch genauso zu behandeln sind, wie dieWohlfahrtskosten von Inflation und realem Zinsverzicht.48 Zum Konzept der Konsumentenrente als Wohlfahrtsmaß vgl. Bailey (1956), Fischer (1981), Tödter und Ziebarth (1997) sowie die Lehrbuchdarstellung in Bofinger, Reischle und Schächter (1996), S. 76 ff.. 24
  33. 33. Um diesen Wohlfahrtverlust auszugleichen, hat die Notenbank nun zweiAktionsparameter. Sie kann entweder, wie in (20.1) gezeigt, durch entsprechendeGeldversorgung (19) eine Deflationsrate in Höhe der Summe aus Realzins undGeldschwundrate realisieren, oder eine negative Schwundrate in Höhe derNominalzinsen generieren, also – in genauem Gegensatz zur Forderung Gesells –letztlich eine positive Verzinsung auf die Geldhaltung zahlen. Freilich wäre auch eineLinearkombination aus Deflations- und (negativer) Schwundrate denkbar.6.2. Schätzung der inflationsäquivalenten Wohlfahrtskosten eines reinen SchwundgeldsystemsUm eine Schätzung der Wohlfahrtskosten von Schwundgeld vornehmen zu können,wird eine konkrete Nutzenfunktion benötigt. Im einfachsten Fall könnte dies eineNutzenfunktion vom Cobb-Douglas-Typ sein.(21) u = c δm1− δDamit folgt aus den beiden ersten Bedingungen erster Ordnung dieNachfragefunktion nach realen Geldbeständen: 1− δ c(22) m= δ r +π+σDie reale Geldnachfrage ist also proportional zum Konsum und umgekehrtproportional zu den Nutzungskosten der Geldhaltung. Damit gilt auch: je höher dieSchwundrate des Geldes, desto geringer die reale Geldnachfrage pro Kopf: dm 1 1(23) =− <0 dσ m r +π+σund desto höher die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes49 (v):49 Dies deckt sich mit den Beobachtungen Harpers zu den Schwundgeldern (stamp scrip) während der großen Depression in den USA. Vgl. Harper (1948), S. 142. 25
  34. 34. c δ(r + π + σ)(24) v= = m 1− δBei fehlenden Schwundkosten (σ = 0) beträgt die Umlaufgeschwindigkeitv o = δ(r + π) /(1 − δ) . Deshalb lässt sich die Umlaufgeschwindigkeit allgemein auchwie folgt ausdrücken: σ(25) v = v o ⋅ (1 + ) r+πD.h. bei 12 % Schwundkosten p.a. und einem Nominalzins von 5 % p.a. ist dieUmlaufgeschwindigkeit um den Faktor 1+0,12/0,05 = 3,4 größer als bei fehlendemGeldschwund.Setzt man die optimale Geldnachfrage (22) in die Nutzenfunktion ein, so erhält manfolgende inverse Beziehung zwischen dem Nutzen und den Kosten der Geldhaltung(26) u = κc(r + π + σ) −(1− δ)wobei c das optimale Konsumniveau und κ = [(1 − δ) / δ]1−δ eine Niveaukonstante ist.Daraus folgt als relative Nutzenänderung bei einer Änderung der Schwundrate: du 1 1− δ(27) =− <0 dσ u r+π+σSie gibt an, um wie viel Prozent der Nutzen des repräsentativen Haushalts sinkt,wenn die Schwundrate um einen Prozentpunkt erhöht wird. Wie stark müsste nunder Konsum steigen, um den repräsentativen Haushalt für den Nutzenverlust (27) zukompensieren, der bei einer Erhöhung der Schwundrate entsteht? Setzt man dietotale Ableitung der Nutzenfunktion (21) du dc dm(28) =δ + (1 − δ) u c m 26
  35. 35. gleich Null, so folgt unter Verwendung der Semi-Schwundelastizität derGeldnachfrage (23) die zur Kompensation des Nutzenverlusts erforderlicheWachstumsrate des Konsums: dc 1 − δ dm 1 − δ 1(29) =− = dσ c δ m δ r +π+σGleichung (22) erlaubt eine grobe Abschätzung von δ: c(30) δ= c + (r + π + σ)mDieser Kostenanteil lässt sich empirisch schätzen. Der Private Verbrauch inDeutschland betrug Ende 2005 etwa 1300 Mrd. €. Der Geldumlauf (2005:4) im Euro-Währungsraum belief sich auf rund 530 Mrd. € (Bargeldumlauf, M0) 3.500 Mrd. € (Geldmenge M1) 7.100 Mrd. € (Geldmenge M3).Der deutsche Beitrag wird auf 30 % veranschlagt. Der Realzins wird mit r = 3 % unddie Inflationsrate mit π = 2 % angesetzt. Für die Geldmenge M1 erhält man bei einerSchwundrate von Null: 1300(31) δ≈ = 0,96 1300 + 0,05 ⋅ (0,3 ⋅ 3500 )Damit erhält man als volkswirtschaftliche Wohlfahrtskosten einer Erhöhung derSchwundrate des Geldes um 1 Prozentpunkt: dc 0,04 1(32) = 1% = 0,8% c 0,96 0,05 27
  36. 36. Dies entspricht bezogen auf die deutsche Geldmenge M1 (Bargeld plus täglich fälligeGiroguthaben bei Banken in Deutschland) etwa 10 Mrd. € bzw. 130 € pro Kopf derBevölkerung in jedem Jahr! Tabelle 4: Volkswirtschaftliche Grenzwohlfahrtskosten von Schwundgeld Erhöhung der Schwundrate um 1 Prozentpunkt M0 M1 M3 in % des Konsumniveaus 0,1 0,8 1,6 in Mrd. € pro Jahr 1,6 10,5 21,3 in € pro Kopf und Jahr 20 130 270 Angaben gerundetNehmen wir nun an, dass bei einer Inflationsrate von 2 % p.a. die Schwundrate desGeldes – wie gegenwärtig beim Regionalgeld „Kann Was“ in Bad Oldesloe – 1 %pro Monat oder 12 % p.a. beträgt. Übertragen auf die derzeit umlaufende offizielleGeldmenge würde dies die folgenden kompensierenden Erhöhungen des Konsumserfordern: Tabelle 5: Volkswirtschaftliche Wohlfahrtskosten von Schwundgeld bei einer jährlichen Schwundrate von 12 % M0 M1 M3 in % des Konsumniveaus 1,5 9,7 20 in Mrd. € pro Jahr 20 130 250 in € pro Kopf und Jahr 240 1600 3200 Angaben gerundetWürde beispielsweise die ganze Geldmenge M1 in Deutschland auf Schwundgeldumgestellt, würde dies die deutsche Volkswirtschaft Wohlfahrtsverluste von jährlich130 Mrd. € kosten, was einem Pro-Kopf Betrag von 1600 € entspräche. DiesesBeispiel zeigt, wie teuer Schwundgeld auch aus wohlfahrtstheoretischer Sicht imGrundsatz letztlich ist. 28
  37. 37. 6.3. Schwundgeldkosten in einem Parallelgeldsystem (offizielles Geld undschwundbehaftetes Regionalgeld)Bisher wurden die volkswirtschaftlichen Wohlfahrtskosten berechnet, die sichergeben würden, wenn als alleiniges Zahlungsmittel Schwundgeld umliefe. Imweiteren Verlauf wird diese Annahme gelockert und ein System untersucht, in demeinerseits offizielles Geld ohne Schwund (M) und andererseits schwundbehaftetesRegionalgeld (G) parallel in Umlauf sind. Beide Geldarten seien substituierbar, abernicht unendlich leicht substituierbar. Regionalgeld wird als eigenständiges Argumentin die Nutzenfunktion des repräsentativen Geldhalters aufgenommen, da imfolgenden unterstellt wird, der Geldverwender glaube an die Wirksamkeit derRegionalförderung durch die Verwendung von Schwundgeld:(33) u t = u(c t , m t , g t )wobei gt und mt der reale Bestand an Regionalgeld bzw. offizielles Geld pro Kopf ist.Analog zum Fall mit nur einer Geldart lässt sich das Optimierungsproblemformalisieren als ∞(34) max W = 0 u(c t , m t , g t )e −θt dt u.d.B. da t(35) = [(rt − n)a t + w t + x t ] − [c t + (rt + π t )m t + (rt + π t + σ t )g t ] dt(36) a(0) = a0(37) lim [a( t )e − θt ] ≥ 0 t →∞Zusammen mit der Transversalitätsbedingung50 folgen aus der Hamilton-Gleichungdie Bedingungen erster Ordnung: − θt = 0 lim aλe50 t →∞ 29
  38. 38. (38) uc (c,m,g) = λ(39) um (c,m,g) = λ(r + π)(40) ug (c,m,g) = λ(r + π + σ) dλ(41) = θλ − (r − n)λ dtwobei sich die ersten drei Gleichungen zusammenfassen lassen zu:(42.1) um = u c (r + π)(42.2) u g = u c (r + π + σ)Die marginale Substitutionsrate zwischen dem Konsum und den realenGeldbeständen entspricht den jeweiligen Nutzungskosten des Geldes. DieSubstitutionsrate zwischen den beiden Geldarten ist gleich den relativenGeldhaltungskosten: ug r +π+σ(43) = um r+πBei einer Nutzenfunktion(44) u = c δmυgγ ; δ+υ+ γ =1ergeben die drei ersten Bedingungen erster Ordnung die folgendenNachfragefunktionen nach realen Geldbeständen: υ c(45.1) m= δ r+π γ c(45.2) g= δ r +π+σBeide reale Geldnachfragen sind proportional zum Konsum und umgekehrtproportional zu den jeweiligen Nutzungskosten der Geldhaltung. Setzt man dieoptimalen Geldnachfragen in die Nutzenfunktion ein, so erhält man: 30
  39. 39. (46) u = κ c (r + π)−υ (r + π + σ)−γ mit κ = (ν / δ) ν ⋅ ( γ / δ) γDaraus folgt als relative Nutzenänderung bei einer Änderung der Schwundrate desRegionalgeldes: du 1 γ(47) =− <0 dσ u r +π+σUm nun den Nutzenverlust, der sich bei einer Erhöhung der Schwundrate ergibt,quantifizieren zu können, wird erneut die totale Ableitung der Nutzenfunktion du dc dm dg(48) =δ +υ +γ u c m ggleich Null gesetzt. Da m nicht von abhängt und aus Gleichung (45)dg / g = −dσ /(r + π + σ) folgt, ergibt die Auflösung nach der Änderungsrate desKonsums: dc γ 1(49) = dσ c δ r +π+σGleichung (49) gibt an, mit wie viel Konsum der repräsentative Haushalt entschädigtwerden müsste, um den Nutzenverlust aus einer Erhöhung der Schwundrate umeinen Prozentpunkt auszugleichen.Um den Nutzenverlust zu quantifizieren, werden Schätzungen der Parameter γ und δbenötigt. Diese können im Prinzip aus den Ausgabenanteilen ermittelt werden: c(50.1) δ= = 0,96118297452 c + (r + π)m + (r + π + σ)g (r + π + σ)g(50.2) γ= = 0,00000002074 c + (r + π)m + (r + π + σ)gwobei zur Parametrisierung folgende Werte verwendet wurden. Die offizielleGeldmenge in Deutschland wird auf 30 % des EWU-Geldmengenaggregats M1 31
  40. 40. ( m = 0,3 ⋅ 3500 = 1050 Mrd. €) veranschlagt (2005:4), die zum Jahresendeumlaufende Regionalgeldmenge wird mit 165.000 € angesetzt. Der Realzins (r) sollerneut 3% p.a., die Inflationsrate ( ) 2 % p.a. und die Schwundrate desRegionalgelds soll in Anlehnung an den „Kann Was“ 12 % p.a. betragen. Derprivate Verbrauch in Deutschland (2005:4) wird auf 1300 Mrd. € beziffert.Damit beträgt der in Konsumeinheiten ausgedrückte marginale relativeNutzenverlust: dc 0,0000000207 4 1(51) = 1% = 0,0000001269 2% c 0,96116306 0,03 + 0,02 + 0,12Dies entspricht bei einem derzeitigen Konsumniveau in Deutschland von 1300 Mrd. €einem volkswirtschaftlichen Grenzverlust bei einer Erhöhung der Schwundrate umeinem Prozentpunkt von rund 1650 € pro Jahr. Bei einer Schwundrate von 12 % p.a.kommt dies einem jährlichen Gesamtwohlfahrtsverlust von ca. 20.000 € gleich –bislang freilich eine im gesamtwirtschaftlichen Maßstab zu vernachlässigende Größe. 32

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