Dunkle Sonne, Lesungsprototyp, Kapitel 5

347 Aufrufe

Veröffentlicht am

Fantasy Roman-Epos von Leon Tsvasman mit Elementen von Utopie, Zivilisationskritik, Dichtung etc. Als Prototyp verfasst ursprünglich für szenische Lesungen.

Projektblog: http://dunklesonne.blogspot.com/

0 Kommentare
0 Gefällt mir
Statistik
Notizen
  • Als Erste(r) kommentieren

  • Gehören Sie zu den Ersten, denen das gefällt!

Keine Downloads
Aufrufe
Aufrufe insgesamt
347
Auf SlideShare
0
Aus Einbettungen
0
Anzahl an Einbettungen
2
Aktionen
Geteilt
0
Downloads
0
Kommentare
0
Gefällt mir
0
Einbettungen 0
Keine Einbettungen

Keine Notizen für die Folie

Dunkle Sonne, Lesungsprototyp, Kapitel 5

  1. 1. Das Ende vor dem Anfang „Wenn wir die Zinsen abschaffen, ändert sich nichts… Also muss das liebe Geld weg!“ Die Phrase kam von seiner Linken und bohrte sich in Maxs Ohr hinein, ohne ihren Sinn entfaltet zu haben. Von Rechts kam eine emotionale Tirade, die jedoch sofort in der groben Stimme des Türstehers erstickte: „Jungs… Ja, ja, ihr da! Habt ihr nicht mitbekommen, dass wir schließen? Also bitte raus, bewegt euch! Und zwar zack-zack!“ Die rechte Handfläche schmerzte. Als Max sie im grell wirkenden Licht der schließenden Bar vor seine Nase hielt, erschien sie ihm unnatürlich blau. „Infosomatische Magie?“ – brüllte Max, offensichtlich zu laut, denn die beiden Philosophiestudenten starrten ihn vom Schreck gezeichnet an, nachdem einer sagte: „Äh, cool! Was bist Du denn für einer? Geh Heim, die Party ist vorbei, Mann…“ Sein längeres Bärtchen auf dem mageren Gesicht wirkte historisch, als wäre er ein lungenkranker Trotzkist aus einem sowjetischen Propagandafilm der 30er Jahre. Max liebte die Stummfilmwoche. Der Kollege des Bärtigen sah unbedarft aus und hätte ein Frauenheld sein können, wäre er nicht so nachdenklich gewesen. „Teilzeit für alle ist die Lösung…“ – sagte er. Solange Max in ihrer Mitte auf dem ledernen Sofa rastete, lieferten sich die beiden über seinen Kopf hinweg filigrane Argumentgefechte. Jetzt wirkten sie zerstreut, als feilte jeder für sich an seiner Beweisführung. „Ich kann es echt nicht fassen,“ - sagte der Trotzkist, „warum die Welt leiden muss, damit ein
  2. 2. paar moralische Krüppel in ihrem Sandkasten spielen dürfen?“ – „Tja, - mischte Max sich ein, - weil Anarasten der Königin dienen! Sie liefert ihnen den Lebenssinn, sie ihr – die Energie…“ Der Türsteher wirkte genervt: „Habt ihr nicht verstanden? Also bitte, ihr könnt morgen ja wieder kommen! Oder draußen weiter labern!“ Max stand auf und schleppte sich in die frische Luft, begleitet von fassungslosen Blicken beider Philosophen. Max blickte in Gedanken zurück, auf die Tage voller Glück unter der dunklen Sonne und wollte nicht glauben, dass es ein Traum war. Er schaute seine blaue Hand wieder an und erinnerte sich an die letzten Momente vor dem Aufwachen. Tanga lag neben ihm und er küsste sie… „Nicht böse sein Max, aber Du musst kurz zurück, bevor Bhagyalakshmi ihren Teppich wieder ausrollt… Warum du? Na ja, lange Geschichte, Max. Du bist der einzige Mensch ohne Schicksal, der die Geltungsschleife verlassen konnte. Warum, verstehst du später…“ Ja klar. Max wusste Bescheid. Er musste kurz zurück: „Wir sehen uns ja!“ – sagte er monoton und lächelte zwanghaft, solange ihr ernsthafter Blick seine feuchten Augen streichelte. An dieser Stelle packte sie flugs seine rechte Hand und versank ihre ungemein kräftigen Finger an mehreren Stellen und in einer schnell wechselnden Kombination aus unterschiedlichen Druckmustern dutzende Male in der Sekunde in die Substanz seiner geschockten Extremität.
  3. 3. Draußen war es bereits hell. Ein mulmiges Gefühl des grauen Alltags vergiftete seine Sinne. In der linken Jeanstasche drückte etwas, und als Max einen festen Gegenstand daraus hervorzog, glaubte er seinen Augen nicht. Es war eine schwarze Puppe mit gesenktem Kopf, die dem Namenlosen Magister ähnelte. Nur rätselte Max, wie konnte die Magisterpuppe in seine Tasche gelangt sein und vor allem wofür? Er erinnerte sich an den unheimlichen Glanz seiner stahlblauen Augen, die er sonst unter den schweren Lidern versteckte. Max schauderte. Bald ging er die leere Strasse entlang, die er noch vor wenigen Stunden willenlos in Begleitung der mysteriösen Tangakanta passierte, völlig überwältigt von ihren jenseitigen Gaben und wirren Offenbarungen. Zu hause pennte er sofort ein, schlief kurz und traumlos. Als Max am nächsten Morgen an einem Zeitungsstand vorbei lief, wunderten ihn die Titel lokaler Zeitungen. Denn in einer hieß es: „Dummer Zufall fordert kluge Opfer!“ In der anderen stand: „Ganzes Team tot! Keiner schuld?“. Die dritte räsonierte: „Mysteriöses Forscher-Sterben: Mehrere Zufälle mit fatalen Folgen.“ Die Zeit verging hier nicht, dachte Max, solange er Zigaretten kaufte. Diese „Infosomatische Magie“ hatte was in sich: würde er sie jemals beherrschen? Na ja, aber vielleicht überblickte er immerhin diese ad Perfektum gebrachte Frauenlogik oder wie sie noch hieß. Er erinnerte sich an Tangas spektakuläre
  4. 4. Deutungskunst am Beispiel seiner Gestalt, die sie wie folgt erklärte: „Es ist eine ganz gewöhnliche Frauenlogik, Max. Doch bei mir ist sie vollkommen. Ich muss meine Eindrücke weder analysieren noch rechtfertigen... Die infosomatische Logik, Max, bei uns beherrschen sie sogar Kleinkinder beider Geschlechter.“ Jedes Wort ihrer knappen Beschreibung prägte sich in sein Gedächtnis und war jederzeit abrufbereit, weil diese eine Deutung wie ein verschlüsseltes Lehrbuch war, in dem die ganze Lehre der infosomatischen Logik steckte, vorausgesetzt der Lerner war Max selbst: „Kein Mensch kann etwas wissen. Aber ich lese Gestalten. Allein der Anblick, wie jemand unter knutschenden Teenies mit einer warmen Flasche Starkbier zwischen den Beinen pennt… Das ist die Musterpose von Leuten, die von Horror Vacui gezeichnet sind. Diese ganz spezielle manische Furcht, diesen Abscheu von der Leere, kennen die praktizierenden Anarasten nicht, also bist du schon deshalb keiner von ihnen. Außerdem bist du 39, dunkel, aber kontrastbewusst gekleidet, trägst gemütliche Schuhe aus hellem Wildleder, einen stilvollen Silberring mit einem Kunstrubin auf dem rechten Mittelfinger und… deine Rauchmuster deuten auf jene kindliche Atemschwäche, die seltsame Alpträume hervorruft…“ Max schaute vor sich hin und betrachtete die vorbeigehende hübsche Frau. Sie trug Markenklamotten, die nicht zu ihrem Körper, aber zu ihrem Gemüt passten. Überlagert von den reichlich
  5. 5. verdichteten Medienklischees, die dieses Outfit im Kopf eines durchschnittlichen Mannes hervorrief, erschien ihr Körper deshalb makellos, aber auch lieblos dahin gestellt. Mit Abscheu stellte Max fest, was das Gemüt dieser Dame verkörperte. Nicht die Ästhetik dieser voluntaristischen Geisteshaltung, sondern ihre Wesenheit verdichtete sich in ihrer Gestalt: verkappt, selbstsicher, kalt. Sie trug keine Symbolik, aber Max wusste genau, dass sie kein Herz hatte. Jedenfalls nicht dafür, einem Menschen die Chance zu gönnen, sein Menschsein zu leben, nicht mal ihrem gestressten Freund, einem perfekten Versorgertyp. Der einzige Lebenszweck des Armen war, den Lebensraum seiner Geliebten zu erweitern, ihre Feinde zu eliminieren und „Loser“ aus ihrer Nähe zu vertreiben, denn alle anderen Männer sollten in der Lage sein, diese Funktion zu ersetzen, würde der Typ ausfallen. Männer waren für sie eine Funktion. Die Härte, der Willen, das Überleben galt. Die Suche, der Zweifel, das Leben waren unnütz. Hätte Max ihr das gesagt, wäre sie ihm an die Kehle gegangen. Käme er als ihr Typ in Frage, würde sie ihm zu Füssen liegen. Die Mitte gab es nicht. Keine halben Wahrheiten, keine Kompromisse, kein anderes Bier. An dieser Stelle verbot sich Max, Gestalten zu lesen. In der kostenlosen Wochenzeitung, deren Anzeigenseite nach oben schaute, bemerkte er eine Annonce: „Die Girlband ‚Die Töchter der Dämmerung’ sucht nach einem fähigen Produzenten.“ Maxs Herz klopfte und in den Augen wurde es kurz dunkel. Komisch war, dass der Name der Band abgedruckt war, denn
  6. 6. normalerweise waren solche Anzeigen anonym. Die Gestalt der Situation gab Max die Gewissheit dessen, dass diese Girlband seine jenseitige Truppe war. „Würden sie hier auch nackt rumlaufen?“ – wie immer in Situationen, die unheimlich wirkten, dachte Max an die erotische Seite des Lebens. Das erdete und gab seinen Sinnen adäquates Format. So konnte er handeln, ohne in den abgründigen Reflexionen abzusacken. Man feiert, indem man lebt. Der schlichte Aphorismus des Weisen der Dämmerung passte. Irgendwie war ihm nicht danach, den Elan eines Weltenretters auf Mission zu empfinden, aber mit großer Zufriedenheit durfte er bemerken, dass sich diese Welt allein durch seine Präsenz veränderte. Auf direktem Wege zu seiner Truppe, die irgendwo in der Südstadt quartierte, tastete er durch die Zeichen der letzten Erlebnisse, um an den Schlüssel zu Bhagyalakshmis Geheimnis zu gelangen. Also war sie ein Engel, eine Einbildung und ein Feld. Drei Wörter für eine Wesenheit, die makabre Täuschung einer abwegigen Sprache. Ihr Teppich – die Waffe der Rache, des einzigen unbedingten Reflexes einer vergewaltigten Welt. Ja, das passte. Wäre er in einer Talkshow nach Bhagyalakshmis Geheimnis gefragt worden, würde er antworten: „Sie ist die Botschafterin des Weltuntergangs. Ein Resonanzfeld der Dunklen Sonne, die Chance vor Geltung schützt. Sie ist ein Symptom der Krankheit und gleichzeitig ein Schlüssel zum Heilweg. Unsere rücksichtslose Sprache trennt diese Dinge, nur sind sie eins: Symptom ist Schlüssel. Die
  7. 7. Seele dieser Welt streikt, weil sie keine Lust mehr hat, Geltungschleife zu spielen. Sie kann es nicht weiter, als Raum für Anarastentreiben zu dienen, die an ihrer übernatürlichen Königin basteln. Sie selbst ist die wahre Königin, und der Mensch – ihr einziger König. Wäre sie im Wirkungsbereich der Dunklen Sonne, würde sie es verhindern können, dass Menschen zu Anarasten werden, dass ihr einziger wahrer König zum Lustsklaven einer parasitären Chimäre verkrüppelt wird…“ Die konspirative Bleibe der wackeren Töchter der Dunklen Sonne, eine für die Gegend untypische, da auf mediterrane Art schäbige, mit unnatürlich grünem Efeu üppig bewachsene Jugendstilvilla, zählte vier Etagen. Vor dem Eingang stehend, weiß der immer noch irdische Max Art, ein Mensch ohne Schicksal, dass hier ein Kapitel seiner Lebensgeschichte zu Ende geht. Noch ein Schritt ins Ungewisse, und er verwandelt sich endgültig in den ewig anderen Max Art, den Glücklichen mit der Heerschar, den Schicksalslosen Magister von Tausenden Namen, den Unendlichen - in seiner zeitlosen Potenzialität - Graf Oran Max Art, Gebieter einer reizenden Kraft, die Welten erlösen wird.

×