Dunkle Sonne, Lesungsprototyp, Kapitel 4

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Fantasy Roman-Epos von Leon Tsvasman mit Elementen von Utopie, Zivilisationskritik, Dichtung etc. Als Prototyp verfasst ursprünglich für szenische Lesungen.

Projektblog: http://dunklesonne.blogspot.com/

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Dunkle Sonne, Lesungsprototyp, Kapitel 4

  1. 1. Ein Schattenpfad Die wenigen Tage, die Max unter der Dunklen Sonne auf der schwimmenden Burg des Alten der Dämmerung verbrachte, veränderten sein Gemüt. Langsam verstand er es, ein Mensch in einer lebenden Welt zu sein: Die hartnäckigen Anarasten-Zwänge schuppten von seinem Herz, gefolgt von ganzen Bretterpaletten, die von seinen Augen fielen. An ihrer Stelle nisteten sich Gewissheiten ein, deren Selbstverständlichkeit keinen Zweifel zuließ. Ein Gerüst der Verantwortung gegenüber dieser wesenhaften Welt verdichtete sich. Die seiner angeblichen Truppe zugehörenden langhaarigen Frauen gingen ihren spektakulären Übungen unbekleidet nach, ließen sich – so scheu wie sie ansonsten wirkten – aber nicht in der Nähe des Decks blicken. „Die Zeit kommt von Winden der Ferne getrieben, da lernst du die Töchter der Dämmerung lieben!“ – wann immer der Alte Enya-Anki seinen außerweltlichen Gast bei der nostalgischen Beobachtung ihrer seltsamen Rituale ertappte, rezitierte er diesen Vers, als wäre er ein provinzieller DJ, der auf diese Weise ein tragendes Pattern seiner neuen Hiphop-Komposition übte, um passend dazu weitere Spuren komponieren zu können. Das mittlerweile heftig kochende Gewässer um die schwarze Barke schoss dicke Dampfstrahlen in die
  2. 2. Höhe, die sich bald in den niedrig hängenden Wolkenklumpen auflösten. Ab und zu fielen feuchtölige Klackse, die nach Bergharz rochen, auf Maxs Gesicht. Hier, im Schattenreich der Wilden Magister, über die sich der Alte der Dämmerung bisher trotz Maxs exzessiver Neugierde nur vorsichtige Bemerkungen erlaubte, schien die Natur verrückt zu spielen. Doch offensichtlich gehörten solche Regionen zu einer lebenden Welt, die ihre Wirklichkeiten auf dem gärenden Mist halber Wahrheiten züchtete, ganz im Sinne von Menschen, die sich freiwillig der schützenden Wonne der Dunklen Sonne entzogen, um ihren sonderlichen Wegen nachzugehen. Diese „Wilden Magister“ stellte Max sich wie gruselige Außenseiter vor. Doch schienen sie in dieser Welt einen besonderen Respekt zu genießen. Enya nannte sie ab und zu „Die Hüter des Anderen“, und das hörte sich ehrerbietig an. Noch wusste Max aber nicht, mit welchen skurrilen Erscheinungen die Natur ihr inniges Verhältnis zum Wesen dieser hochmütigen Typen manifestierte und genoss den Weitblick, der sich zunehmend trübte. „Wow! Mir gefällt es hier… Feiern wir vielleicht?“ – Max wollte seiner Begeisterung Ausdruck verleihen, verzerrte sein Gesicht jedoch sofort, als diese Worte sorglos aus seiner Kehle schossen. Denn irgendwie passte sein Wunsch nach Losgelöstheit nicht zum Moment. Nicht, dass Spannung angesagt war, doch hier verlangte eine lebende Welt etwas Respekt.
  3. 3. „Was feiern?“ – fragte der Alte, wobei seine auch sonst immer heitere Miene noch glücklicher wurde. „Na, meine Befreiung… diese wunderbare Reise, und dass wir bald im Reich der Wilden Magister ankommen… Und außerdem wurde ich nach der Offenbarung der düsteren Pupillenfrau zum stolzen Hüter eines Geheimnisses, das uns die lang ersehnte Wahrheit verspricht… Gründe genug!“ „Tja, lieber Max… Wir feiern, indem wir leben. Außerdem bist du nicht mehr in der gequälten Lebenswelt der Anarasten, die Überleben anstelle des Lebens praktizieren. Mir reicht es, wenn ich in jedem Moment die bestmögliche Wahrheit genieße. Bewusstheit macht Spaß, das Feiern – Kopfweh!“ „Das mit dem Feiern war ein Witz!“ – bereute Max sein Vorstoß vom ganzen Herzen, und die beiden lachten wohlig: der Alte, weil er ahnte, was Max wusste. Und Max, weil er sich ohnehin glückselig fühlte. Das Flussdelta wimmerte von kleinen und mittleren Schiffchen, die trotz des erstaunlichen Formenreichtums sehr ähnlich wirkten. Nachdem Max aus einem inneren Drang heraus die Steuer übernahm, betrat die schwarze Barke des Enya- Anki ein engeres Flussarm, das Max aus der Offenbarung der düsteren Pupillenfrau kannte. Enya nickte billigend, ohne ein Wort zu singen.
  4. 4. Bald beanspruchte die sich wandelnde Landschaft die ganze Aufmerksamkeit der Besatzung für sich. Auch Tanga, die in der Mitte des Decks – von einer goldenen Nebelwolke umhüllt – ihre winzige Harfe zum feenhaften Schwingen brachte, schaute nun regungslos in die Ferne, wie ein wildes Eichhörnchen, das fremde Geräusche erhört hat und nun aufpassen muss. Zwischen den zerfetzten Nebelfeldern hingen, wie aus dünnen Smaragdscheiben ausgeschnitten, groteske Figuren. Ihre menschenähnlichen Gestalten, konnten Opfer einer seltsamen Naturkatastrophe sein. Dennoch spürte Max keine Gewalt in der dunkelfrischen Luft und wusste, dass diese Schatten niemals lebende Menschen waren. In dieser Gestalt wurde die Landschaft für eine Weile zur monotonen Kulisse, deren Sonderart die abwechslungsverwöhnten Sinne von Max zunehmend überforderte. Er kehrte in sich und konnte sich bald wieder auf seine Mission konzentrieren. „Na gut!“ – sagte Max pathetisch und schlüpfte spontan in die dürftig visualisierte Identität eines Häuptlings aus dem Computer-Spiel seiner Jugend. Solange Tanga haltlos kicherte und der heitere Enya- Anki wieder an einem überdimensionierten Pinienkern knabberte, wählte Max sorgfältig die Worte: Seine Muttersprache störte ihn bereits, denn sie hörte sich hier an wie ein bombastisches Oratorium während eines romantischen Dates. Der sensible Sprachgesang dieser
  5. 5. Gegend war Max noch wenig vertraut. Als er dann sprach, befand er sich in der Rolle eines wissenden Laien unter den scheinbar ahnungslosen Weisen: „Also wir suchen nach einem Orden, dessen Jünger mit einer unbegreiflichen Passion verkappte Anarasten spielen. Sein namenloser Magister hat den Wirkungsbereich der Dunklen Sonne vor einer Ewigkeit verlassen und die Nebelfelder dafür genutzt, seinen eigenen Wirkungsbereich zu schaffen. Er soll auf seinem Erkenntnispfad an eine Gewissheit gelangt sein, die uns einen Schlüssel zu Bhagyalakshmis Natur geben kann… Weiter kommen wir nur zu Fuß, wenn ich die Allegorien richtig verstand. Wie – keine Ahnung, aber das Wasser endet in wenigen Meilen…“ Maxs unentschlossene Miene erstarrte, denn etwas Unerwartetes trat in sein Blickfeld ein. „Pass auf Max. Du sollst aufpassen!“ – die Worte des Enya-Anki erreichten Max nicht mehr, denn eine zügellose Sirene dröhnte bereits in seinem Kopf, wobei ein gewaltiger schwarzer Blitz zeitgleich die derweil dichte Nebelgrütze durchbrach. Sogleich wurde eine riesige Wölbung sichtbar, die sich in wenigen Momenten in die ganze Landschaft ausbreitete und bald einem exorbitanten Regenbogen ähnelte. Der innere Raum des Bogens, der gänzlich von dem goldmilchigen Anstrich des Nebels verschont blieb, versprach dem neugierigen Beobachter einen Einblick in einen düsteren Tunnel. Beim näheren Betrachten
  6. 6. konnte man um seine drohend wirkende Finsternis eine dunkelblaue Aura erkennen. Sie schien die in ihren Bereich drängenden Nebelklumpen mit einem filigranen Ornament zu vernetzen, woraufhin diese verschwanden. Als das kochende Gewässer zäh wurde, kam das Schiff in der Nähe eines kleinen Felsens, der aus der dumpfigen Suppe herausragte, zum Stehen. Max sprang – selbst überrascht von seiner albernen Abenteuerlust – von dem Deck auf den fest geglaubten Felsenstein. Forsch trat er in den Bereich des Bogens ein, der die Wahrheitssuchende Truppe seit seiner Erscheinung wie ein Regenbogen begleitete. Maxs heroische Stimmung verflüchtigte sich gänzlich, als er von der unheimlich zähen Luft im Inneren des blauschwarzen Regenbogens überwältigt war. An dieser Stelle erreichten ihn die begeisterten Rufe Tangas, deren Sinn er nicht mehr verstehen konnte, denn das Verweilen in dieser äußerst unfügsamen Umgebung beanspruchte seine ganzen Sinne. Sämtliche Körperreaktionen verlangsamten sich, als schwämme er in einem Behälter voll Öl, das man zwar seltsamerweise einatmen konnte, man brauchte dafür aber die volle Aufmerksamkeit und eine Menge Kraft. Der Tunnel pulsierte in dem Takt von Maxs Herzschlägen. Jede Bewegung wurde zur unnachahmbaren Meisterleistung einer höllischen Sportart, die in ihrer Komplexität etwa dem Eiskunstlauf ähnelte, nur betraf sie vor allem die
  7. 7. inneren Körpermuskeln. Allein um seine Atemzüge zu kontrollieren, musste Max kunstvolle Pirouetten mit seiner Lunge anstellen und diese noch in seinem Rachen so auffangen, dass nicht nur das Einatmen halbwegs funktionierte, sondern auch die Luft wieder raus konnte. Er riss die Kleidung von seinem Leib. Dies erfrischte und gab seinen Sinnen mehr Spielraum. Wäre er in der Lage gewesen, Lust zu empfinden, hätte er es höchst reizend gefunden, plötzlich ein Dutzend der wackeren Töchter der Dämmerung überraschend an seiner Seite zu entdecken. Zum ersten Mal durfte er ihre würdevoll entfalteten Körper aus der Nähe weniger Schritte erblicken, in ihre leicht schielenden Augen schauen, die in allen Tönen des zarten Ultramarins reinstes Wohlwollen strahlten. In der Ferne offenbarte der Tunnelblick eine hellere Fläche, die wie eine von grauem Riesenschimmel bewachsene Wiese aussah. Max erstarte, als wäre er eine Fliege, die in einer Schüssel mit flüssigem Honig stehen blieb. Sofort bildeten die Frauen einen Kreis um ihn herum und blieben so ruhen, nicht regungslos, aber gespannt in die Richtung der grauen Lichtung blickend. Der namenlose Magister – seine Gestalt erkannte Max an dem gesenkten kahlen Kopf – stand wie ein Bernsteininsekt gefangen in der verdichtenden Atmosphäre seines lebensfeindlichen Tunnels und trug etwas vor. Seine durchsichtige Gestalt erschien nah und
  8. 8. äußerst präsent, wobei eine erhebliche Distanz zwischen ihnen klaffte, die Max nicht mal mit Hilfe seiner reizenden Truppe zu überwinden wagte. Max hatte den Verdacht, dass die Gestalt eine Art Aufnahme war, denn der Sermon schien sich in einer Schleife zu wiederholen. Auch bewegten sich seine Lippen nicht passend. Als erstes hörte er eine Phrase, die offensichtlich der Schlusssatz einer Schleife war. Der berüchtigte wilde Magister sprach lethargisch in Maxs Muttersprache und ganz ohne den Gesangakzent des Alten Enya-Anki: „Das fremde Wissen ist sinnlos, aber praktisch, wenn man keine Wahrheit zu verlieren hat.“ Dann wurde es für eine Weile still. Als er wieder zu deklamieren anfing, vollkommen fad und träge – wobei seine zierliche Figur auf eine ganz ausgefallene Art sympathisch wirkte – hörte Max mit Bedacht zu. „Es verkörpert die Selbsterfüllende Prophezeiung. Es ist ein Kraftfeld, in dem Ängste wahr werden. Die Anarasten haben dieses Kraftfeld generiert, indem sie ihre Wirklichkeit medialisiert haben. So schufen sie ein Umfeld, indem Menschen von Orientierungszwang befreit wurden, um ohne Gewissheit leben zu können.“ Hier erzählte er seine Version dessen, was mit Maxs Ex- Kolleginnen geschah. Die an sich absurde Kurzschlussreaktion, die sie in das Unglück stürzte, trete dann ein, wenn Ängste mehrerer Menschen gemeinsame Komponenten hätten. Die Einzelheiten
  9. 9. ersparte er Max, als wolle er ihn schonen, nur wusste er nicht, dass Max gar kein Mitleid mit seinem ehemaligen Team empfand und mittlerweile einen leisen Verdacht pflegte, eine unergründliche Seelenverwandtschaft mit dem düsteren Pupillenmädchen zu haben, was die ganze Sache noch komplizierter machte. Das Gefühl der Mitschuld beunruhigte Max, und zum ersten Mal in der Wonne der Dunklen Sonne schmerzte sein Herz. Nach einer kurzen Pause sprach der kahlköpfige Magister weiter, offensichtlich handelte es sich jetzt um Bhagyalakshmis Teppich, wobei er kein einziges Mal ihren Namen nannte. Entweder wusste der selbst Namenlose Magister ihn nicht oder es hielt ihn besonderer Aberglaube davon ab, diesen Namen auszusprechen. „Soll mich die rechte Gewissheit nicht täuschen, ist ihre bunte Stoffrolle nicht leer. Sie trägt etwas in sich. Ich werde es aber nie wissen, denn als ich mich für meinen Erkenntnisweg entschied, blockierte ich mir damit die Anderen, so dass mir Vieles für immer unergründlich bleiben wird. Aber auch eine profane Mitteilung reicht mir, falls ihr jemals eine Gewissheit erlangen solltet. Schließlich leben Anarasten ohne Gewissheit. Und das ist ihr Geheimnis. Das fremde Wissen ist sinnlos, aber praktisch, wenn man keine Wahrheit zu verlieren hat.“ Hier erinnerte sich Max an die pathetischen Worte eines spleenigen Freundes seiner Eltern: „Las dir eine Welt niemals erklären, denn außer deiner Wahrheit gibt es keine.“ Dann erschien der Alte Enya vor seinem
  10. 10. geistigen Blick, der seit gestern ein und die selbe Phrase vor sich her sang, wobei er genau Maxs Augen studierte: „Wahrheit ist Leben! Lass sie nicht beheben!“ Also leben die Anarasten nicht? – donnerte ein Einfall in Maxs Kopf. „Nicht als Menschen, - flüsterte darin etwas, - aber sie lassen die Königin leben: Ein höheres Wesen, dessen Wahrheit unergründlich ist! Wir werden uns bald in ihr auflösen!“ – es war die Stimme des Namenlosen Magisters, die nun begeistert in Maxs Gehirn blubberte. Mit „wir“ meinte er offenbar sich und seine Jünger. „Königin? Ach so…Tanga nennt sie „Maschine“... Und bei uns hat man sie manchmal „System“ genannt…“ „Ihr seid zu egoistisch, Max, gemein, oberflächlich und banal menschlich… Es lebe die Königin!“ Als Abschiedsgeste hob der Magister sein Haupt und blendete Max mit dem unheimlichen Glanz seiner stahlblauen Augen, die er sonst unter den schweren Lidern versteckte. Max schauderte kurz und verlor die Orientierung, denn der Tunnel fing an zu verblassen. Nur die Mädels standen nach wie vor um ihn herum in einer merkwürdigen Kampfbereitschaft, die Max für überflüssig hielt, denn nichts deutete auf einen Kampf. Vielleicht waren sie nur da, und ihre Manöver lediglich dafür nötig, um Max als Orientierungshilfe zu dienen.

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