Das Rostocker Armeninstitut von 1803.                      Anspruch und Wirklichkeit                                      ...
2Inhalt1. EINLEITUNG ........................................................................................................
3   4.3 HERAUSBILDUNG VON ARMENORDNUNG UND INSTRUKTION ...........................................133      4.3.1 Verhandlu...
4         5.3.1.1 Einnahmen .......................................................................................260    ...
51. Einleitung1.1 Thema und Fragestellungen        „Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage,...
6         Es liegt auf der Hand, dass sich die praktische Ausgestaltung einer wie auch immer geartetenSozialfürsorge unter...
7den neuen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr in der Lage, derArmut Herr zu werde...
8unterschiedlicher Art trat jetzt der Versuch einer strukturellen Bekämpfung des gesamten PhänomensArmut. Der Schnittpunkt...
9administrativen Vorhaben kontrastiert werden durch eine Sicht „von unten“, die deutlich macht, wiesich Armut im Rostock d...
101.2 Forschungsstand1.2.1 Armut         Das Interesse an der Beschäftigung mit historischen Formen von Armut ist im Zuge ...
11sehr viel stärker ausgeprägt als in den Städten, und so ist die Erforschung der ländlichen Verhältnisse einweites Feld n...
12Massenarmut und Arbeiterelend sind sowohl in der sozialistischen als auch der bürgerlichen Forschungintensiv, wenn auch ...
13        Insgesamt zeigen Einzelforschungen zur städtischen Armenfürsorge im 18. und 19. Jahrhundertaber methodisch und s...
14nach, wenig Auskunft über die sozial am tiefsten stehenden Mitglieder der Gemeinschaft.33 So enthaltenauch diese Untersu...
15halfen, zu einem besseren Bild des damaligen Rostock zu kommen.42 Speziell zum Armenwesen findetsich jedoch nichts.     ...
16aus.49 Gleichwohl ist diese kurze Abhandlung für die Entwicklung des Armenfürsorgegedankens inRostock sehr instruktiv.  ...
17         Zunächst sind es nur einige Historiker, die sich dieser Form der Aufarbeitung von Quellenangenommen haben. Wede...
18Ansprüchen der statistisch arbeitenden Sozialwissenschaftler gerecht zu werden, also Methodenstrengezu bewahren und Vali...
19Sozialstruktur historischer Gesellschaften geliefert.66 Und es steht fest, dass ohne die flankierendeHeranziehung der „k...
20        Schließlich müssen die Ergebnisse dieses Teils der Untersuchung flankiert werden durchErkenntnisse, die sich aus...
21Absichten die Vertreter der unterschiedlichen Interessengruppen verfolgten, und vor allem auch welcheMenschen- und Weltb...
22niedrigem Bildungsgrad und Armut zu durchbrechen war. Ein weiteres Mal wurde das Thema akut, alsdasselbe 1819 den Abbruc...
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Das Muster für ein neues soziales Verhalten hatte 1788 die Patriotische Gesellschaft in Hamburg mit der Einrichtung ihrer Armenanstalt gegeben und das soziale Engagement im Armenwesen zu einer hervorragenden bürgerlichen Tugend gemacht. In seiner äußerst präzisen, quellengestützten Untersuchung analysiert Jan Straßenburg diesen Prozess in dichter Beschreibung für die Hansestadt Rostock. Er kann sich dabei auf ein umfassendes Archivmaterial stützen.

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Das Rostocker Armeninstitut von 1803 – Anspruch und Wirklichkeit

  1. 1. Das Rostocker Armeninstitut von 1803. Anspruch und Wirklichkeit Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doctor philosophiae (Dr. phil.) der Philosophischen Fakultät der Universität Rostockvorgelegt vonJan Straßenburg, geb. am 25.9.1972 in Flensburgaus SchleswigSchleswig, 06.11.2004
  2. 2. 2Inhalt1. EINLEITUNG ..................................................................................................................... 5 1.1 THEMA UND FRAGESTELLUNGEN ..............................................................................5 1.2 FORSCHUNGSSTAND .......................................................................................... 10 1.2.1 Armut..................................................................................................................... 10 1.2.2 Quantitative Methoden................................................................................................ 16 1.3 QUELLEN UND METHODEN .................................................................................. 20 1.3.1 Normative Quellen ..................................................................................................... 20 1.3.2 Serielle Quellen......................................................................................................... 232. RAHMENBEDINGUNGEN IN ROSTOCK ........................................................................ 29 2.1 POLITISCHE VERHÄLTNISSE .................................................................................. 29 2.2 WIRTSCHAFTLICHE VERHÄLTNISSE .......................................................................... 423. ARMUT UND ARMENFÜRSORGE IN ROSTOCK VOR 1803........................................... 46 3.1 ARMUT UND ARMENFÜRSORGE IN ROSTOCK VOM MITTELALTER BIS ZUR NEUZEIT ................... 46 3.1.1 Mittelalterliche Armenfürsorge....................................................................................... 46 3.1.2 Frühneuzeitliche Reformen in Rostock.............................................................................. 50 3.2 DIE ARMEN IN ROSTOCK – SUPPLIKEN ..................................................................... 55 3.2.1 Vorbemerkungen ........................................................................................................ 55 3.2.2 Ein Musterfall........................................................................................................... 58 3.2.3 Eheprobleme............................................................................................................. 61 3.2.4 Forderungen und Drohungen......................................................................................... 66 3.2.5 Prozesskosten ............................................................................................................ 70 3.2.6 Sozialkapital............................................................................................................ 79 3.2.7 Zusammenfassung ...................................................................................................... 89 3.3 ARMENFÜRSORGEKONZEPTE 1749-1788................................................................... 92 3.3.1 Ordnungen und Pläne ................................................................................................. 92 3.3.1.1. Finanzierung...................................................................................... 94 3.3.1.2 Verwaltung........................................................................................ 97 3.3.1.3 Versorgung ........................................................................................ 98 3.3.1.4 Arbeitsbeschaffung ..............................................................................101 3.3.1.5 Bettelverbot ......................................................................................102 3.3.2 Verhandlungen.........................................................................................................105 3.3.2.1 „E.E. Raths der Stadt Rostock Allmosen und Bettler Ordnung“ 1750 und „Rostocksche Allmosen und Bettler=Ordnung“ 1767 ...............................................................................105 3.3.2.2 „Entwurf eines Plans zur Abstellung der Betteley“ 1788..........................................110 3.3.3 Zusammenfassung .....................................................................................................1144. ENTSTEHUNG DES ARMENINSTITUTS VON 1803 ........................................................118 4.1. VORBEMERKUNG............................................................................................118 4.2 ARMENORDNUNG UND INSTRUKTION .....................................................................118 4.2.1 Vorbemerkungen .......................................................................................................118 4.2.2 Inhalte...................................................................................................................119 4.2.2.1 Verwaltung.......................................................................................119 4.2.2.2 Mittelbeschaffung................................................................................121 4.2.2.3 Personenkreis ....................................................................................124 4.2.2.4 Hilfsleistungen ...................................................................................124 4.2.2.5 Bettelei............................................................................................129
  3. 3. 3 4.3 HERAUSBILDUNG VON ARMENORDNUNG UND INSTRUKTION ...........................................133 4.3.1 Verhandlungsverlauf..................................................................................................133 4.3.2 Verhandlungsschwerpunkte ..........................................................................................147 4.3.2.1 Ziele des Instituts................................................................................147 4.3.2.2 Amtsdauer der Mitglieder......................................................................148 4.3.2.3 Spendensammlung ..............................................................................149 4.3.2.4 Kreis der Anspruchberechtigten...............................................................154 4.3.2.5 Arbeitsanstalt ....................................................................................155 4.3.2.6 Armenlisten ......................................................................................157 4.3.2.7 Krankenversorgung .............................................................................159 4.3.2.8 Kinder.............................................................................................161 4.3.2.9 Strafmaßnahmen.................................................................................164 4.3.2.10 Beschleunigung des Verfahrens ..............................................................165 4.4 ERÖFFNUNGSVORBEREITUNGEN ............................................................................167 4.5 ZUSAMMENLEGUNG DER ARMENFÜRSORGEEINRICHTUNGEN ...........................................172 4.5.1 Lazarett und Waisenhaus ............................................................................................172 4.5.1.1 Lazarett ...........................................................................................173 4.5.1.2 Waisenhaus.......................................................................................178 4.5.2 Kleinere Einrichtungen...............................................................................................185 4.6 ZUSAMMENFASSUNG .........................................................................................1865. INSTITUTSARBEIT 1804–1822........................................................................................194 5.1 SPENDER ......................................................................................................194 5.1.1 Klagen...................................................................................................................194 5.1.2 Ende der Freiwilligkeit ...............................................................................................197 5.1.3 Analyse der Spenderlisten ............................................................................................209 5.1.3.1 Vorbemerkung...................................................................................209 5.1.3.2 Spenderzahlen....................................................................................209 5.1.3.2.1 Populationsgröße ..........................................................................209 5.1.3.2.2 Familienstand der Frauen.................................................................212 5.1.3.2.3 Zusammensetzung nach Segmenten und Berufsgruppen.............................212 5.1.3.2.3.1 Alle Spender..........................................................................212 5.2.3.2.3.2 Nach Spendenarten ..................................................................213 5.1.3.3 Spendensummen.................................................................................215 5.1.3.3.1 Alle Spender................................................................................215 5.1.3.3.2 Fahnendetails...............................................................................217 5.1.3.3.3 Spendenhöhe pro Kopf ...................................................................218 5.2 ARME ..........................................................................................................219 5.2.1 Fallbeispiele ............................................................................................................219 5.2.2 Bettelei ..................................................................................................................233 5.2.3 Analyse der Armenlisten ..............................................................................................239 5.2.3.1 Vorbemerkungen................................................................................239 5.2.3.2 Gesamtpopulation...............................................................................240 5.2.3.3 Kontinuität und Dauer der Versorgung ......................................................243 5.2.3.4 Verlaufsdaten ....................................................................................245 5.2.3.4.1 Anzahl der Versorgten ....................................................................245 5.2.3.4.2 Familienstand und Beruf ..................................................................247 5.2.3.4.3 Auszahlungen...............................................................................248 5.2.3.5 Fremde Arme ....................................................................................256 5.3 FINANZEN UND BILANZEN...................................................................................257 5.3.1 Einnahmen und Ausgaben des Instituts............................................................................260
  4. 4. 4 5.3.1.1 Einnahmen .......................................................................................260 5.3.1.2 Ausgaben .........................................................................................264 5.3.2 Vermögensbilanzen....................................................................................................266 5.4 PERSONAL ....................................................................................................269 5.5 KRANKENVERSORGUNG .....................................................................................272 5.5.1 Krankenversorgung....................................................................................................272 5.5.2 Jahresberichte des zweiten Ausschusses .............................................................................280 5.6 KINDER .......................................................................................................282 5.6.1 Die Lehr- und Industrieschule des Armeninstituts ...............................................................282 5.6.1.1 Grundvoraussetzungen .........................................................................282 5.6.1.2 Realisierungsmaßnahmen ......................................................................284 5.6.1.3 Arbeitsaufnahme.................................................................................300 5.6.1.4 Probleme .........................................................................................312 5.6.2 Jahresberichte des dritten Ausschusses ..............................................................................322 5.7 ARBEITSANSTALT UND WARENLAGER......................................................................325 5.7.1 Entstehung..............................................................................................................325 5.7.2 Einrichtung.............................................................................................................328 5.7.3 Probleme ................................................................................................................330 5.7.4 Jahresberichte des vierten Ausschusses ..............................................................................341 5.8 RUMFORDSCHE SUPPENKÜCHE .............................................................................345 5.9 ZUSAMMENFASSUNG .........................................................................................3496. AUSBLICK BIS 1826........................................................................................................3827. ABBILDUNGEN UND TABELLEN...................................................................................387 7.1 TABELLENVERZEICHNIS ......................................................................................387 7.2 ABBILDUNGSVERZEICHNIS ...................................................................................388 7.3 ABBILDUNGEN UND TABELLEN .............................................................................390 7.3 ABBILDUNGEN UND TABELLEN .............................................................................3908. QUELLEN UND LITERATURVERZEICHNIS ..................................................................439 8.1 VERZEICHNIS DER UNGEDRUCKTEN QUELLEN ............................................................439 8.2 VERZEICHNIS DER GEDRUCKTEN QUELLEN................................................................441 8.3 LITERATUR ...................................................................................................4509. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS .......................................................................................473ANHANG............................................................................................................................475 1. ROSTOCKER ALMOSEN- UND BETTLERORDNUNG 1750...................................................475 2. ROSTOCKER ALMOSEN- UND BETTLERORDNUNG 1767...................................................485 3. ROSTOCKER ALMOSEN- UND BETTLERORDNUNG 1788...................................................495 4. ENTWURF ROSTOCKER ARMENORDNUNG 1801...........................................................507 5. ROSTOCKER ARMENORDNUNG 1803 .......................................................................526 6. INSTRUKTION FÜR DAS ARMENKOLLEGIUM 1803 ..........................................................545 7. KARTE ..........................................................................................................547THESEN ..............................................................................................................................548
  5. 5. 51. Einleitung1.1 Thema und Fragestellungen „Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, daß du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande.“ (5. Mose 15, 11) 1995 richteten Abgeordnete und die Fraktion der SPD eine Große Anfrage an die damaligeBundesregierung, in der sie Aufschluss über den sozialpolitischen Zustand der Gesellschaft und dieMaßnahmen der Regierung gegen etwaige Missstände forderten. Sie ging davon aus, dass „privateResignation, individuelle Verelendung und sozialräumliche Ausgrenzung“ die Gesellschaft belasten würden und„politische Apathie“ das politische System auf eine schwere Probe stelle.1 Gut ein halbes Jahr späterantwortete die Bundesregierung nicht nur mit einer ganze Reihe von Daten, sondern auch mit eineraufschlussreichen Klarstellung darüber, was man heute von offizieller Seite unter Armut in derBundesrepublik Deutschland versteht:2 „Armut ist [...] nicht als Mangel an Mitteln zur Befriedigung von Grundbedürfnissen wie Nahrung, Kleidung und Unterkunft zu verstehen. Die Sicherstellung dieser Grundbedürfnisse ist in der Bundesrepublik Deutschland gewährleistet. Armut kann aber auch nicht – wie es die vorliegende Anfrage unterstellt – als Unterschreitung eines bestimmten gesellschaftlichen Durchschnittseinkommens verstanden werden. [...] Als arm können nach Ansicht der Bundesregierung sinnvoll [...] z.B. Menschen in Lebenslagen beschrieben werden, in denen sie aufgrund vielfältiger Benachteiligungen daran gehindert sind, ihre Grundanliegen in einem Maße zu verwirklichen, das innerhalb der Gesellschaft als Mindestmaß für eine menschenwürdige Existenz oder als Minimum der Teilhabe an den Ressourcen und Lebenschancen dieser Gesellschaft angesehen wird.“31 BT-Drucksache 13/1527 v. 30.5.1995. Große Anfrage der Abgeordneten [...] und der Fraktion der SPD. Armut in der BundesrepublikDeutschland, Bonn 1995.2 BT-Drucksache 13/3339 v. 28.11.1995. Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der Abgeordneten Konrad Gilges, GerdAndres, Ernst Bahr, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD – Drucksache 13/1527 – Armut in der Bundesrepublik Deutschland,Bonn 1995.3 BT-Drucksache 13/3339 v. 28.11.1995. Die Bundesregierung spielt auf einen immer wieder anzutreffendeArmutsdefinition an, die die Grenze der Einkommensarmut ansetzt bei 50% des durchschnittlich verfügbaren Einkommens.Zu den Feldern heutiger staatlicher Unterstützung in einer guten schematischen Übersicht: BLEY, Helmar: Sozialrecht,Frankfurt am Main 1988, S. 17. Allgemein zu diesem Thema und den Problemen von Armutsdefinitionen auch: BT-Drucksache 13/11368 v. 25.8.1998: Bericht über die Lebenssituation von Kindern und die Leistungen der Kinderhilfen in Deutschland– 10. Kinder- und Jugendbericht – mit der Stellungnahme der Bundesregierung“, Bonn 1998, S. 89f.; BECKERMANN, Wilfried: „Themeasurement of poverty“, in: Aspects of Poverty in Early Modern Europe, hrsg. v. Thomas Riis, Alphen aan den Rijn u.a. 1981, S.47-63; ADAMY, Wilhelm / Johannes STEFFEN: Abseits des Wohlstands. Arbeitslosigkeit und neue Armut, Darmstadt 1998;HANESCH, Walter u.a. Armut und Ungleichheit in Deutschland. Der neue Armutsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, des DGB und desParitätischen Wohlfahrtsverbands, Reinbeck bei Hamburg 2000; HRADIL, Stefan: Soziale Ungleichheit in Deutschland, Opladen1999; KAUFMANN, Franz-Xaver: Herausforderung des Sozialstaates, Frankfurt am Main 1997. Zur Entstehung des Sozialstaatesund seiner gesetzlichen Grundlagen neben den genannten auch HACKENBERG, Helga: „Die Entwicklung der Sozialhilfe vonder Armenfürsorge zur Arbeitsmarktpolitik“, in: Sozialpolitische Trends in Deutschland in den letzten drei Dekaden. Eva-ElisabethSchewe zum 70. Geburtstag, hrsg. v. Frank Schulz-Nieswandt, Berlin 2000, S. 125-141. (=Sozialpolitische Schriften, Bd.81). Zu den Grundlagen des Solidaritäts- und Subsidiaritätsgedankens, der dem Sozialsystem zugrunde liegt: SCHULIN,Bertram: „Solidarität und Subsidiarität“, in: Handbuch Sozialpolitik, hrsg. v. Bernd von Maydell / Walter Kannengießer,Pfullingen 1988, S. 85-93. Zum derzeitigen Stand der Diskussionen: ROHLEDER, Christoph: Armut, Arbeitsmarkt- undSozialpolitik. Eine kritische Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen und politischen Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland, Phil.Diss., Paderborn 1998; zum Problem einer historischen Definition von Armut: MYLNIKOW, Aleksandr S.: „Die Armut – ein
  6. 6. 6 Es liegt auf der Hand, dass sich die praktische Ausgestaltung einer wie auch immer geartetenSozialfürsorge unter diesen Bedingungen weitaus komplizierter gestaltet, als mittelalterliche Konzepteeiner christlich fundierten Symbiose aus dem durch das Geben eines Almosens zum Heil geführtenEinzelnen und dem durch dieses Almosen schlicht am Leben gehaltenen Bettler.4 Heute steht nicht mehrnur das bloße Überleben im Vordergrund, das vielmehr als selbstverständlich und nicht mehr derDiskussion wert erachtet wird. Es geht um ein menschenwürdiges Leben, dessen Inhalte relativ zurübrigen Gesellschaft definiert werden. Zu einem solchen muss auch derjenige gelangen können, der esaus eigener Kraft nicht schaffen kann. Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gilt als Umbruchzeit zwischen der feudal-ständischenGesellschaft der Frühen Neuzeit und dem bürokratischen Industriestaat der Moderne5. Mit ihr war dieDiskussion um die vermeintlich oder wirklich zunehmende Armut6 und um die geeigneten Mittel ihrerBekämpfung voll entbrannt. Die alten Konzepte der rein privaten oder privat organisierten, wie auchder kirchlichen Armenfürsorge,7 die die vorhergehenden Jahrhunderte beherrscht hatten, waren unterrelativer Begriff“, in: Hunger und Elend in Ländern des Mare Balticum. Zum Pauperismus im Ostseeraum zwischen 1600 und 1900,hrsg. v. Kai Detlev Sievers, Neumünster 1998, S. 25-32.4 Zum mittelalterlichen Armenwesen allgemein: MOLLAT, Michel: Die Armen im Mittelalter, München 1984; Fischer,Wolfram: Armut in der Geschichte. Erscheinungsformen und Lösungsversuche der ‚Sozialen Frage’ in Europa seit demMittelalter, Göttingen 1982; SACHßE, Christoph / Florian TENNSTEDT: Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland, Bd. 1: VomSpätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg, 2. Auflage Stuttgart / Berlin / Köln 1998, S. 29f.; OEXLE, Otto Gerhard: „Armut,Armutsbegriff und Armenfürsorge im Mittelalter“, in: Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung. Beiträge zu einer historischenTheorie der Sozialpolitik, hrsg. v. Christoph Sachße / Florian Tennstedt, Frankfurt am Main 1986, S. 73-100; POHL, Hans:„Einführung. Sozialpolitik vom Mittelalter bis zur Gegenwart“, in: Staatliche, städtische, betriebliche und kirchliche Sozialpolitikvom Mittelalter bis zur Gegenwart, hrsg. v. Hans Pohl, Stuttgart 1991, S. 7-63, hier: S. 16ff.; PALME, Rudolf: „StädtischeSozialpolitik bis zum 16. Jahrhundert“, in: Staatliche, städtische, betriebliche und kirchliche Sozialpolitik vom Mittelalter bis zurGegenwart, hrsg. v. Hans Pohl, Stuttgart 1991, S. 45-64. (=VSWG Beiheft 95); BRINKER, Anne Kathrin: Armenfürsorge alsSozialpolitik im frühmodernen dänischen Staat, Hamburg 1994. (=Beiträge zur deutschen und europäischen Geschichte, Bd. 11),S. 7ff.; BRÄUER, Helmut: „Almosenausteilungsplätze – Orte der Barmherzigkeit und Selbstdarstellung, des Gesprächs undder Disziplinierung“, in: Die Stadt als Kommunikationsraum. Beiträge zur Stadtgeschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.Festschrift für Karl Czok zum 75. Geburtstag, hrsg. v. Helmut Bräuer / Elke Schlenkrich, Leipzig 2001, S. 57-100;KNEFELKAMP, Ulrich: „Sozialdisziplinierung oder Armenfürsorge? Untersuchung normativer Quellen in Bamberg undNürnberg vom 14. bis zum 17. Jahrhundert“, in: Die Stadt als Kommunikationsraum. Beiträge zur Stadtgeschichte vom Mittelalter bisins 20. Jahrhundert. Festschrift für Karl Czok zum 75. Geburtstag, hrsg. v. Helmut Bräuer / Elke Schlenkrich, Leipzig 2001,S. 515-533. Speziell zu dem mittelatlerlichen Ausgleichssystem von Geben und Nehmen und der damit zusammenhängendenWerkgerechtigkeit: ANGENENDT, Arnold: Geschichte der Religiosität im Mittelalter, Darmstadt 1997, S. 586ff.; SCHERPNER,Hans: Theorie der Fürsorge, Göttingen 1962, S. 123.5 Dazu KOCKA, Jürgen: Weder Stand noch Klasse. Unterschichten um 1800, Bonn 1990. (=Geschichte der Arbeiter und derArbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bd. 1), S. 25ff.; GALL, Lothar: Von der ständischen zurbürgerlichen Gesellschaft, München 1993, S. 53f.6 Dazu vor allem ABEL, Wilhelm: Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Deutschland, Göttingen 1986 und ders.:Massenarmut und Hungerkrisen im vorindustriellen Europa. Versuch einer Synopsis, Hamburg / Berlin 1978.7 Zur Geschichte der Armenfürsorge allgemein vor allem RIIS, Thomas (Hrsg.): Aspects of Poverty in Early Modern Europe,Alphen aan den Rijn u.a. 1981; FISCHER, Armut; SACHßE, Christoph / Florian TENNSTEDT (Hrsg.): Bettler, Gauner undProleten. Armut und Armenfürsorge in der deutschen Geschichte. Ein Bildlesebuc, Reinbeck bei Hamburg 1983; dies. (Hrsg.): SozialeSicherheit und soziale Disziplinierung. Beiträge zu einer historischen Theorie der Sozialpolitik, Frankfurt am Main 1986; KOCKA,Stand; GEREMEK, Bronislaw: Geschichte der Armut. Elend und Barmherzigkeit in Europa, München 1991; JÜTTE, Robert: Povertyand deviance in early modern Europe, Cambridge 1994; HIPPEL, Wolfgang von: Armut, Unterschichten, Randgruppen in der frühenNeuzeit, München 1995. (=Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 34); SACHßE / TENNSTEDT, Armenfürsorge; GLÜBER,Wolfgang: Darstellung von Armut und bürgerlicher Armenfürsorge im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, Phil. Diss., Frankfurtam Main 2000 (mit stark kunsthistorischer Ausprägung); RHEINHEIMER, Martin: Arme, Bettler und Vaganten. Überleben in der Not1450-1850, Frankfurt am Main 2000; RICHTER, Johannes: Frühneuzeitliche Armenfürsorge als Disziplinierung. Zursozialpädagogischen Bedeutung eines Perspektivenwechsels, Frankfurt am Main u.a. 2001; GRELL, Ole Peter (Hrsg.): Health Care and
  7. 7. 7den neuen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen nicht mehr in der Lage, derArmut Herr zu werden. Gleichzeitig fand aber auch ein Bewusstseinswandel statt: Man war nicht mehrWillens, sich mit diesen Gegebenheiten abzufinden.8 „Sicherheit“, „Arbeit“, „Erziehung“, „Würde“, „Ordnung“ waren die Schlagwörter, die Zeit undDiskussionen des gesamten 18. Jahrhunderts prägten.9 Ausgehend von Großbritannien vollzog sich inEuropa ein tiefgreifender Wandel im Umgang mit den unterbürgerlichen Schichten, vor allem mit densesshaften und nichtsesshaften Armen. Auch wenn das Herzogtum und spätere GroßherzogtumMecklenburg-Schwerin von den zunehmenden Veränderungen vor allem wirtschaftlich-industrieller unddamit einhergehend auch politischer Art wenig ergriffen wurde,10 blieb die angesprochene geistigeEntwicklung unter der sich formierenden bildungsbürgerlichen Elite auch hier nicht aus. Vor allem inSchwerin und Rostock begann man Ende des 18. Jahrhunderts verstärkt den Diskussionen undEntwicklungen in Göttingen und Hamburg zu folgen, die beide in Bezug auf eine zeitgemäße, das heißtinstitutionalisierte und bürokratisierte Armenfürsorge eine Vorreiterrolle einnehmen sollten.11 Manifestationen der neuen Überlegungen zur Behandlung von Armen und Bettlern waren abernicht nur Zucht- und Arbeitshäuser12, sondern vor allem die Armenanstalten, die, meist städtisch oderlandesherrlich organisiert und eingerichtet, in erster Linie dazu dienen sollten, die Bettelei abzustellen.Als wirksames Mittel dagegen wurde angesehen, ihnen Arbeit zu verschaffen und sie und vor allem ihreKinder zur „Industriosität“13 zu erziehen. Neben die traditionelle punktuelle HilfeleistungPoor Relief in 18th and 19th Century Northern Europe, Aldershot u.a. 2002; CUNNINGHAM, Hugh / Joanna INNES (Hrsg.):Charity, Philantropy and Reform. From the 1690s to 1850, Houndmills / New York 20028 Dazu BLESSING, Werner K.: „Gedrängte Evolution: Bemerkungen zum Erfahrungs- und Verhaltenswandel in Deutschlandum 1800“, in: Deutschland und Frankreich im Zeitalter der Französischen Revolution, hrsg. v. Helmut Berding / Etienne Francois /Hans-Peter Ullmann, Frankfurt am Main 1989, S. 426-451.9 Ähnlich auch METZ, Karl H.: „Staatsräson und Menschenfreundlichkeit. Formen und Wandlungen der Armenpflege imAncien Régime Frankreichs, Deutschlands und Großbritanniens“, in: VSWG 72 (1985), S. 1-26., hier: S. 1. Siehe auch RITZ,Hans-Günther / Volker STAMM: „Funktionen staatlicher Sozialpolitik im Übergang zum Frühkapitalismus“, in: Zähmen undBewahren. Die Anfänge bürgerlicher Sozialpolitik, hrsg. v. Christian Marzahn / Hans-Günther Ritz , Bielefeld 1984, S. 91-136,hier: S. 96f.; SONNTAG, Michael: ‚Das Verborgene des Herzens’. Zur Geschichte der Individualität, Reinbek bei Hamburg 1999, S.152ff.; SACHßE / TENNSTEDT, Armenfürsorge, S. 131f.10 SCHULTZ, Helga: „Zur Herausbildung der Arbeiterklasse in Rostock in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, in:Wissenschaftliche Zeitschrift der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock 21 (1972), Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe, H.2, S. 237-244.11 Mehr als 20 Städte übernahmen das Hamburger Modell. Siehe dazu KOCH, Charlotte: Wandlungen der Wohlfahrtspflege imZeitalter der Aufklärung, Erlangen 1933, S. 158; auch HERZIG, Arno: „Vom ‚Hamburger Modell’ zum ‚Elberfelder System’“,in: Bernhard Mehnke: Armut und Elend in Hamburg. Eine Untersuchung über das öffentliche Armenwesen in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, Hamburg 1982, S. III-XVI. (=Ergebnisse 17). Für Göttingen: HERRMANN, Ulrich: „Armut – Armenversorgung– Armenerziehung an der Wende zum 19. Jahrhundert“, in: ‚Das pädagogische Jahrhundert’. Volksaufklärung und Erziehung zurArmut im 18. Jahrhundert in Deutschland, hrsg. v. Ulrich Herrmann, Weinheim / Basel 1981, S. 194-218, hier: S. 159f.(=Geschichte des Erziehungs- und Bildungswesens in Deutschland, Bd. 1). Insgesamt dazu auch MANKE, Matthias: „‚Daß denArmen geholfen, und die Betteley abgestellet werde.’ Inhalt, Aufgaben und Probleme der Armengesetzgebung in Rostock(1803-1822)“, in: Städtisches Gesundheits- und Fürsorgewesen vor 1800, hrsg. v. Peter Johanek, Köln u.a. 2000, S. 243-274.(=Städteforschungen, Reihe A, Bd. 50), hier: S. 248ff.12 Darauf hoben besonders SACHßE / TENNSTEDT, Armenfürsorge, S. 113ff. und METZ, Staatsraison, S. 11ff. ab. Sachße /Tennstedt konnten zwar mit den Schlagwörtern der „Kommunalisierung“, „Pädagogisierung“, „Rationalisierung“ und„Bürokratisierung“ ein Beschreibungsschema der Veränderungen innerhalb der Armenfürsorge im Zuge der Frühen Neuzeitschaffen, das sich gut nachvollziehen lässt – und dem auch in der vorliegenden Arbeit stellenweise gefolgt wird –, dem aberauch aufgrund ihrer Zentrierung auf Preußen und einer allzu Konzentierung auf die repressiven Elemente des Sozialsystemskritisch gegenüber getreten werden muss. Siehe dazu HIPPEL, Armut, S. 101f u. 109ff.13 Siehe ausführlich dazu Kapitel 5.6.
  8. 8. 8unterschiedlicher Art trat jetzt der Versuch einer strukturellen Bekämpfung des gesamten PhänomensArmut. Der Schnittpunkt beider Bemühungen waren die Armeninstitute. Wenn im Titel der vorliegenden Arbeit von Anspruch und Wirklichkeit die Rede ist, so ist mitAnspruch eben jene geistige Auseinandersetzung, sind jene Gedanken gemeint, die die Zeit bestimmtenund die Anlass und Ansporn gaben, solche Armeninstitute zu gründen. Dass in Rostock ein solchesInstitut mit dem 1.1.1804 seine Arbeit aufnahm14 ist kein Unikum, sondern passt vollkommen in dasBild, das sich einem in vielen Städten Mitteleuropas bietet. Auch die Organisation im Einzelnen ist fastmusterhaft mit bereits bestehenden Instituten anderer Städte vergleichbar.15 Ein Augenmerk dieser Untersuchung liegt daher, neben dem Charakter einer stadt- undregionalgeschichtlichen Grundlagenforschung, auf dem Spannungsfeld zwischen den theoretischenAnsprüchen und dem Versuch ihrer Umsetzung in die Praxis. Dabei wird angestrebt, das Bild sodetailgetreu wie möglich wiederzugeben, da „die in der Forschung vertretenen Wirkungsmodelle solange eindimensional bleiben [müssen], als nicht genauer untersucht wird, wie die mit der Publikation, der Anwendung und allenfalls der sanktionsbewehrten Durchsetzung dieser Gesetze befaßten Behörden, Amtsträger und Gerichte die Bestimmungen aus den Policeyordnungen handhabten, nutzten oder übergingen.“16 Durch die außerordentlich günstige Quellenlage für die Stadt Rostock besteht die Möglichkeit,eine institutionalisierte, städtische Armenanstalt der Zeit vor dem Pauperismus einer solchen Analyse zuunterziehen. Der Zeitraum der Untersuchung umfasst zum Einen die Jahre 1804 bis 1822, in der dasRostocker Armeninstitut durch freiwillige Spenden finanziert wurde, am Ende aber von diesem PrinzipAbstand nehmen musste und sich gezwungen sah, beim Rat und der Bürgerschaft die Einführung einerSteuer zugunsten der Armen zu erwirken. Zur Klärung der Frage nach den Ursprüngen derBestimmungen der Armenordnung von 1803 wird die Untersuchung zum Anderen ergänzt um dieDarstellung der vorangegangenen Versuche einer Reform des Sozialsystems in Rostock, diezurückreichten bis in das Jahr 1750. In den Jahren zwischen 1750 und 1803, so stellte sich heraus, hatteman sich drei Mal – 1750, 1767 und 1788 – bemüht, zu einer Umgestaltung der Armenversorgung zukommen, war aber damit aus unterschiedlichen Gründen gescheitert. Darüber hinaus können durcheinen umfangreichen Fundus an Suppliken, die von Bedürftigen beim Rat eingegeben wurden, diese14 Allgemein wird in den Quellen und in der Literatur vom „Armeninstitut von 1803“ geredet, auch wenn es erst mit dem1.1.1804 seine Arbeit aufnahm. Die Gründungsbeschlüsse und die Publikation der Armenordnung fallen aber in das Jahr1803.15 Auf eine eingehende Beschreibung der allgemeinen Entwicklung der Armenfürsorge und anderer Armenfürsorgeanstaltenwird daher in der vorliegenden Arbeit auch verzichtet. Der Fokus der Darstellung richtet sich – wie bereits erwähnt –weniger auf einen überregionalen Vergleich, als vielmehr – im ersten Teil – auf die Analyse der innerstädtischen Genese derneuen Armenordnung als Bürokratisierungsprozess. Die allgemeine Geschichte der Armenfürsorge und ihrerunterschiedlichen Ausprägungen ist inzwischen in zahlreichen Überblickswerken gut zusammengefasst. Dort findet sich auchdie weiterführende Literatur, ohne dass sie in der vorliegenden Arbeit nocheinmal ausgebreitet werden müsste. SieheAnmerkung 7.16 HOLENSTEIN, André: „Die Umstände der Normen – die Normen der Umstände. Policeyordnungen im kommunikativenHandeln von Verwaltung und lokaler Gesellschaft im Ancien Régime“, in: Policey und frühneuzeitliche Gesellschaft, hrsg. v. KarlHärter, Frankfurt am Main 2000, S. 1-46. (=Ius Commune, Sonderhefte, Nr. 129), hier: S. 8.
  9. 9. 9administrativen Vorhaben kontrastiert werden durch eine Sicht „von unten“, die deutlich macht, wiesich Armut im Rostock des 18. Jahrhunderts manifestierte. Es soll aber nicht nur eine Lücke in der Stadtgeschichtsschreibung für Rostock geschlossenwerden, sondern auch ein von der Forschung bisher noch wenig beachteter Ansatz verfolgt, indemzusätzlich eine statistische Analyse von historischen Massendaten sowohl zu den Armen selbst als auch zuden Spendern aus der Rostocker Einwohnerschaft vorgenommen wurde. Es kann so exemplarischvorgeführt werden, wie diese Grunddaten für Aussagen zur Sozialfürsorge genutzt werden können. Den Kern der Untersuchung bildet schließlich eine detaillierte Darstellung der Herausbildungder Armenadministration. Im Mittelpunkt steht dabei der in der Forschungsliteratur oft vernachlässigteAspekt der Entstehung der Armenordnung als neuer Norm und weniger deren Implementierung. Dazuzählen auch die ideengeschichtlichen Grundlagen der selbstgesetzten Ziele und die praktiziertenFürsorgemodalitäten. Eingerahmt werden die Hauptpunkte der vorliegenden Arbeit durch eineDarstellung der allgemeinen Umstände wirtschaftlicher und politischer Art, in denen das Armeninstitutverortet war. Im Mittelpunkt stehen also zwei Fragenkomplexe:1.) Geschichte, Funktion und Wirkung o Welche Vorläufer der untersuchten institutionalisierten Armenfürsorge gab es, und welche Unterschiede können ausgemacht werden? o Welche Faktoren hatten einen Einfluss auf die Gründung, die Ausgestaltung und die Arbeit des Instituts? o Lassen sich Bemessungsgrundlagen für die ausgegebenen Hilfen aus der Praxis des Instituts ableiten? o Wie reagierten die Armen, die ehemaligen und die neuen Träger auf die neue Verwaltungsform sozialer Fürsorge? o Welche Probleme stellten sich unabhängig von theoretischen Vorgaben aus der Arbeit der Armenanstalt heraus? o Welche Faktoren bewirkten, dass sich das auf dem Solidaritätsgedanken beruhende Prinzip der freiwilligen Spenden 1822 nicht mehr aufrechterhalten ließ?2.) Stratifikation und Geschlechtsspezifik o Gab es berufs- oder schichtbedingte Unterschiede und Veränderungen im Spenden- verhalten oder in der Zusammensetzung der Empfängergruppen in sowohl synchroner, als auch diachroner Hinsicht? o Wurden Männer auf andere Art und Weise versorgt als Frauen? o In welcher Form und Häufigkeit wurden Kinder unterstützt? o Wie war die Häufigkeitsverteilung zwischen den Geschlechtern in der Gruppe der Empfänger, und welche Zumessungsunterschiede lassen sich aufzeigen?
  10. 10. 101.2 Forschungsstand1.2.1 Armut Das Interesse an der Beschäftigung mit historischen Formen von Armut ist im Zuge der stärkeran sozialgeschichtlichen Fragen orientierten Geschichtsauffassung in den letzten Jahrzehnten gestiegen.Im Mittelpunkt dieses Interesses standen zunächst Fragen nach den Formen von Armenfürsorge in denbedeutenderen Städten des Reiches, deren Innovationskraft dank universitärer oder wirtschaftlicherBeziehungen im Allgemeinen größer war, als die ländlicher Ansiedlungen. Die Weiterentwicklung einerzentralisierten und bürokratisierten Armenfürsorge im 18. und 19. Jahrhundert wird dabei bereits alseine dritte Welle von Reformen angesehen,17 nach einer ersten im Spätmittelalter im Zusammenhangmit der Pest und einer zweiten im 15. und 16. Jahrhundert im Zusammenhang mit derKonfessionalisierung von Politik und Lebensumwelt und dem Trend zu einer stärkerenSozialdisziplinierung (G. Oestreich)18 oder Zivilisierung (N. Elias).19 Der Übergang zum bürgerlichenZeitalter war demgegenüber geprägt durch eine intensivere Konzentration auf den Arbeitsgedanken, derzum grundlegenden Paradigma der Armenfürsorge dieser Jahrhunderte wurde.20 Neuere Forschungsansätze konzentrieren sich weniger auf die Bemühungen der Obrigkeiten umdie Bekämpfung der Armut, als sie versuchen, Leben und Umfeld der Armen selbst in den Mittelpunktzu rücken.21 Hier zeigte sich, dass diese nicht nur die Hilfe staatlicher oder städtischer Institutionen inAnspruch nahmen, sondern sich in unterschiedlichem Maße auch gegenseitig unterstützten, also überentsprechendes „soziales Kapital“ (P. Bourdieu) verfügten.22 Diese Erscheinung war dabei auf dem Lande17 HIPPEL, Armut, S. 104ff.18 OESTREICH, Gerhard: „Strukturprobleme des europäischen Absolutismus“, in: ders.: Geist und Gestalt des frühmodernenStaates. Ausgewählte Aufsätze, Berlin 1969, S. 179-197 [Zuerst in: VSWG 55 (1969), S. 329-347] und „Policey und Prudentiacivilis in der barocken Gesellschaft von Stadt und Staat“, in: ders.: Strukturprobleme der frühen Neuzeit. Ausgewählte Aufsätze,Berlin 1980, S. 367-379. [Zuerst in: Barock-Symposium 1974, hrsg. v. Albrecht Schöne, München 1976, S. 10-21]. ZurDiskussion um Oestreichs Ansatz siehe Anmerkung 28.19 ELIAS, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2 Bde., Frankfurt am Main1998. Zum Zivilisationsprozess: RICHTER, Armenfürsorge, S. 25ff.; SMUDITS, Alfred: „Öffentlichkeit und der Prozeß derZivilisation“, in: Der unendliche Prozeß der Zivilisation, hrsg. v. Helmut Kuzmic, New York 1991, S. 113-136; BUCHHOLZ,Werner: „Anfänge der Sozialdisziplinierung im Mittelalter. Die Reichsstadt Nürnberg als Beispiel“, in: ZHF 2 (1991), S. 129-147, hier: S. 131f.; BURKE, Peter: „Zivilisation, Disziplin, Unordnung: Fallstudien zu Geschichte und Gesellschaftstheorie“,in: Die Frühe Neuzeit in der Geschichtswissenschaft. Forschungstendenzen und Forschungserträge, hrsg. v. Nada Boskovska Leimgruber,Paderborn u.a. 1997, S. 59-69, hier: S. 59f. und 64ff. Burke äußert seine Kritik an Elias sehr pointiert: „Elias könnte man vorallem vorwerfen, daß er zuviel Zeit am Tisch verbrachte und sich zu intensiv mit dem beschäftigte, was einer seiner Schüler ‚die Zivilisierungdes Appetits’ nennt. Das geht auf Kosten der Selbstbeherrschung und anderer Bereiche.“; ebenda, S. 66; LILIENTHAL, Markus: „NorbertElias. Über den Prozeß der Zivilisation (1937-39)“, in: Gerhard Gamm u.a.: Hauptwerke der Sozialphilosophie, Stuttgart 2001,S. 134-147; LINDEMANN, Gesa: „Die reflexive Anthropologie des Zivilisationsprozesses“, in: Soziale Welt. Zeitschrift fürsozialwissenschaftliche Forschung und Praxis 52 (2001), H. 2, S. 181-198; zum Zusammenhang von Zivilisationsprozess undErziehung: RUTSCHKY, Katharina: „Erziehung als Fortschritt ohne Erfahrung“, in: Schwarze Pädagogik. Quellen zurNaturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, hrsg. v. Katharina Rutschky, Frankfurt am Main, Berlin 1977, S. XVII-LXV, hier: S.XXXIIff.; HARRINGTON, Joel F.: „Bad Parents, the State, and the Early Modern Civilizing Process“, in: German History 16(1998), No 1, S. 16-28, v. a. S. 18f.20 Zur Wandlung der Bedeutung von Arbeit siehe HIPPEL, Armut, S. 107; MÜNCH, Paul: Lebensformen in der frühen Neuzeit,Berlin 1998, S. 304ff.; über die Herausbildung einer „universelle[n] Pädagogik der Arbeit“ FOUCAULT, Michel: Überwachen undStrafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 1994, S. 156ff.21 JÜTTE, Poverty, S. 2f.22 Bourdieu fasst diesen Begriff wesentlich weiter, als es im Verlauf dieser Arbeit geschehen kann. Diese Form des Kapitalssteht im Zusammenhang mit seinem Habitus-Konzept neben ökonomischem, kulturellem und symbolischem Kapital. Ziel
  11. 11. 11sehr viel stärker ausgeprägt als in den Städten, und so ist die Erforschung der ländlichen Verhältnisse einweites Feld noch zu leistender historischer Arbeit.23 Darüber hinaus werden im Forschungsfeld vonPoliceyordnungen und obrigkeitlichen Regulationsbemühungen in letzter Zeit Veränderungen imSelbstverständnis von Herrschaft und in den Begründungszusammenhängen für deren Umgang mit denArmen untersucht. Im Wesentlichen geht es hier um die Veränderungen in den für diesen Bereichzentralen Begriffen „Eigennutz“ und „Gemeinnutz“ (W. Schulze),24 die beide für Verhaltensbegründungenkonstitutiv waren. Der gemeine Nutzen war letztlich auch das Ziel der Armenfürsorge, die nicht nur dieöffentliche Sicherheit erhöhen, sondern auch mit der Verknüpfung von Armuts- und Arbeitsgedankendie Produktivität der Gesellschaft insgesamt steigern sollte. Hinter diesen Bemühungen stand nun abernicht mehr der Selbstzweck oder eine transzendente Ordnungsvorstellung von einer gut eingerichtetenGesellschaft, vielmehr ging es nun um die gerechte Verteilung von Arbeit und Entlohnung. Arbeiten zum 18. Jahrhundert beschäftigen sich zumeist mit der Idee, Entstehung undArbeitsweise von Zuchthäusern, und hier wiederum mit einem Fokus auf die Verhältnisse in Preußen. Inder Arbeit von Christoph Sachse und Florian Tennstedt wird dies deutlich.25 Dabei konnten die Autorenaber mit den Begriffen „Kommunalisierung“, „Bürokratisierung“, „Pädagogisierung“ und „Rationalisierung“ eineweit über diesen räumlich beschränkten Themenkreis hinaus anwendbare Systematik schaffen, die beialler notwendigen Differenzierung im Einzelfall der jeweils untersuchten Städte und Länder denGrundzug der Veränderungen in der Armenfürsorge während der Frühen Neuzeit auf den Punkt zubringen vermögen.26 Die Forschung zur Armenfürsorge im 19. Jahrhundert konzentriert sich dagegen vornehmlichauf die Auswirkungen der industriellen Revolution, die im Begriff des Pauperismus erfasst werden.beim Einsatz dieser Kapitalformen ist innerhalb der sozialen Felder ein Kampf um Macht und gesellschaftliche Positionierung.Die bewusste oder unbewusste Kapitalisierung des Sozialen macht die in den sozialen Netzwerken gemachten dauerhaftenBeziehungen nutzbar. Dazu GAMM, Gerhard: „Pierre Bourdieu: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft (1980)“, in:ders. u.a.: Hauptwerke der Sozialphilosophie, Stuttgart 2001, S. 225-248, hier: S. 239ff.; als Primärtext kann dienen BOURDIEU,Pierre: „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital“, in: Soziale Ungleichheit, hrsg. v. Reinhard Kreckel, Bd.2, Göttingen 1983, S. 183-198; auch das Kapitel „Der Habitus als Vermittlung zwischen Strukturen und Praxis“, in:BOURDIEU, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt am Main 1997; zur Verwendung dieser Ansätze in denGeschichtswissenschaften: SCHINDLER, Norbert: Widerspenstige Leute. Studien zur Volkskultur in der frühen Neuzeit, Frankfurt amMain 1992, vor allem das Kapitel „Jenseits des Zwangs? Zur Ökonomie des Kulturellen inner- und außerhalb derbürgerlichen Gesellschaft“, S. 20ff.; REICHARDT, Sven: „Bourdieu für Historiker? Ein kultursoziologisches Angebot an dieSozialgeschichte“, in: Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte, hrsg. v. Thomas Mergel / ThomasWelskopp, München 1997, S. 71-94; MERGEL, Thomas: „Geschichte und Soziologie“, in: Geschichte. Ein Grundkurs, hrsg. v.Hans-Jürgen Goertz, Reinbeck bei Hamburg 1998, S. 621-651, hier: S. 644ff.; DROSTE, Heiko: „Habitus und Sprache.Kritische Anmerkungen zu Pierre Bourdieu“, in: ZHF 29 (2001), H. 1, S. 95-120; ebenso RHEINHEIMER, Arme, S. 96ff.;DINGES, Martin: „Frühneuzeitliche Armenfürsorge als Sozialdisziplinierung?“, in: GG 17 (1991), S. 5-29, hier: S. 20ff. undJÜTTE, Poverty, S. 83ff. Zum Habitus-Konzept: KRAIS, Beate / Gunter GEBAUER: Habitus, Bielefeld 2002.23 Siehe dazu HIPPEL, Armut, S. 67ff.24 SCHULZE, Winfried: „Vom Gemeinnutz zum Eigennutz. Über den Normenwandel in der ständischen Gesellschaft derFrühen Neuzeit“, in: HZ 243 (1986), S. 591-626. Siehe dazu auch MÜNKLER, Herfried / Harald BLUHM: „Einleitung:Gemeinwohl und Gemeinsinn als politisch-soziale Leitbegriffe“, in: Gemeinwohl und Gemeinsinn. Historische Semantik politischerLeitbegriffe, hrsg. v. Herfried Münkler / Harald Bluhm, Berlin 2001, S. 9-30; VOLLHARDT, Friedrich: „Eigennutz –Selbstliebe – Individuelles Glück“, in: Entdeckung des Ich. Die Geschichte der Individualisierung vom Mittelalter bis zur Gegenwart,hrsg. v. Richard van Dülmen, Köln u.a. 2001, S. 219-242, hier v.a. S. 226ff. und 230ff; SONNTAG, Individualität, S. 160ff.25 SACHßE / TENNSTEDT, Armenfürsorge. Kritik zum „marxistisch inspirierten“ und die repressiven Momente des Wandels inder Armenfürsorge allzusehr betonenden Ansatz der Autoren: HIPPEL, Armut, S. 109.26 Ähnlich HIPPEL, Armut, S. 47. Siehe dazu aber auch die Bemerkungen in Anmerkung 12.
  12. 12. 12Massenarmut und Arbeiterelend sind sowohl in der sozialistischen als auch der bürgerlichen Forschungintensiv, wenn auch mit deutlich unterschiedlichen Ergebnissen historisch analysiert worden.27 Dass dieJahrhundertwende auch zugleich den Übergang zu einem neuen Armenfürsorgekonzept mit sichbrachte, ist dabei erstaunlicherweise weder in der einen noch in der anderen Forschungsrichtungausreichend bedacht worden. Strittig ist weiterhin, ob es überhaupt möglich ist, strukturelle Konzepte wie dieSozialdisziplinierung mit den aus den qualitativen und quantitativen Quellen abzulesenden realenVerhältnissen abzugleichen, selbst wenn die bereits angesprochenen Probleme mit den Quellen zuUnterschichten beachtet werden.28 Im Kern bemängeln die Gegner eines solchen strukturellen Ansatzes,dass dieser allzu realitätsfern sei. Quellen würden durch den Fokus des Konzeptes interpretiert und soausgewählt und zurechtgelegt, dass sie von vornherein die eigentlich erst zu überprüfenden Hypothesenstützen. Befürworter des Ansatzes halten dem entgegen, dass sich gesellschaftsstrukturelleVeränderungen, die sich über einen langen Zeitraum erstrecken, nie in wirklich reiner Form in actuwiederfinden lassen, sondern auf dem Weg zur Konkretisierung im Einzelfall notwendigerweise imDetail aufgelöst werden müssten. Exemplarisch ist dieser Streit zwischen Martin Dinges und RobertJütte ausgetragen worden.2927 Dazu HIPPEL, Armut, S. 56f.; JÜTTE, Poverty, S. 102ff.; allgemein zu den unterschiedlichen Ausprägungen der historischenForschung in der BRD bzw. der DDR BUCHHOLZ, Werner: „Vergleichende Landesgeschichte und Konzepte derRegionalgeschichte von Karl Lamprecht bis zur Wiedervereinigung im Jahre 1990“, in: ders.: Landesgeschichte in Deutschland.Bestandsaufnahme – Analyse – Perspektiven, Paderborn u.a. 1998, S. 11-60.28 Zu diesem Thema ist insbesondere heranzuziehen: SCHULZE, Winfried: „Gerhard Oestreichs Begriff ‚Sozialdisziplinierung’in der Frühen Neuzeit“, in: ZHF 14 (1987), S. 265-302; DINGES, Armenfürsorge; JÜTTE, Robert: „‚Disziplin zu predigen isteine Sache, sich ihr zu unterwerfen eine andere’ (Cervantes). Prolegomena zu einer Sozialgeschichte der Armenfürsorgediesseits und jenseits des Fortschritts“, in: GG 17 (1991), S. 92-101; BUCHHOLZ, Sozialdisziplinierung, v.a. S. 132ff.;LOTTES, Günther: „Disziplin und Emanzipation. Das Sozialdisziplinerungskonzept und die Interpretation derfrühneuzeitlichen Geschichte“, in: WestF 42 (1992), S. 64-74; BOGNER, Ralf Georg: „Arbeiten zur Sozialdisziplinierung in derFrühen Neuzeit. Ein Forschungsbericht für die Jahre 1980-1994. Erster Teil“, in: Frühneuzeit-Info 7 (1996), H. 1, S. 127-142;MÜLLER, Christa: „Arbeiten zur Sozialdisziplinierung in der Frühen Neuzeit. Ein Forschungsbericht für die Jahre 1980-1994.Zweiter Teil“, in: Frühneuzeit-Info 7 (1996), H. 2, S. 240-252; Hippel, Armut, S. 110f.; REINHARD, Wolfgang:„Sozialdisziplinierung – Konfessionalisierung – Modernisierung. Ein historiographischer Diskurs“, in: Die Frühe Neuzeit in derGeschichtswissenschaft. Forschungstendenzen und Forschungserträge, hrsg. v. Nada Boskovska Leimgruber, Paderborn u.a.1997, S.39-55, hier: S. 39ff.; WEBER, Matthias: „Bereitwillig gelebte Sozialdisziplinierung? Das funktionale System derPolizeiordnungen im 16. und 17. Jahrhundert“, in: ZRG GA 115 (1998), S. 420-440, hier: S. 421ff.; SCHILLING, Heinz:„Profil und Perspektiven einer interdisziplinären und komparatistischen Disziplinierungsforschung jenseits einer Dichotomievon Gesellschafts- und Kulturgeschichte“, in: Institutionen, Instrumente und Akteure sozialer Kontrolle und Disziplinierung imfrühneuzeitlichen Europa, hrsg. v. Heinz Schilling, Frankfurt am Main 1999, S. 3-36. (=Ius Commune, Sonderhefte, Nr. 127);KRÜGER, Kersten: „Policey zwischen Sozialregulierung und Sozialdisziplinierung, Reaktion und Aktion – Begriffsbildungdurch Gerhard Oestreich 1972-1974“, in: Policey und frühneuzeitliche Gesellschaft, hrsg. v. Karl Härter, Frankfurt am Main2000, S. 107-119. (=Ius Commune, Sonderhefte, Nr. 129); HÄRTER, Karl: „Soziale Disziplinierung durch Strafe?Intentionen frühneuzeitlicher Policeyordnungen und staatliche Sanktionspraxis“, in: ZHF 26 (1999), S. 365-379; TILGNER,Daniel: Sozialdisziplinierung und Sozialregulierug. Die Policeyordnungen für Schleswig-Holstein von 1636 und für das Amt Bergedorf von1623, Münster / Hamburg / London 2000. (=Veröffentlichungen des Hamburger Arbeitskreises für Regionalgeschichte, Bd.3), S. 27-54 mit einem guten Forschungsüberblick; BRIETZKE, Dirk: Arbeitsdisziplin und Armut in der Frühen Neuzeit. Die Zucht-und Arbeitshäuser in den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck und die Durchsetzung bürgerlicher Arbeitsmoral im 17. und 18.Jahrhundert, Hamburg 2000. (= Beiträge zur Geschichte Hamburgs 59), S. 24-33; RHEINHEIMER, Arme, S. 110ff.; FREITAG,Winfried: „Mißverständnis eines ‚Konzeptes’. Zu Gerhard Oestreichs ‚Fundamentalprozeß’ der Sozialdisziplinierung“, in:ZHF 28 (2001), S. 513-538; RICHTER, Armenfürsorge, S. 27ff.29 DINGES, Armenfürsorge und im selben Heft der GG JÜTTE, Disziplin.
  13. 13. 13 Insgesamt zeigen Einzelforschungen zur städtischen Armenfürsorge im 18. und 19. Jahrhundertaber methodisch und strukturell große Ähnlichkeit, die sich wohl aus der relativen Gleichheit solcherAnstalten in Aufbau und Struktur und der damit einhergehenden Quellengleichheit ergibt. Sowohl RalfTappe für Goslar als auch Günter Riemeier für Lemgo und Wieland Sachse für Göttingen haben zumeinen Verwaltungsakten der jeweiligen Institute und Stadträte ausgewertet, zum anderen inunterschiedlichem Maße Massendaten über die Spender und vor allem die Empfänger analysiert.30 Sieberücksichtigten dabei notwendigerweise auch die wirtschaftlichen, politischen und sozialenRahmenbedingungen in den Städten, die Entwicklung vor der Gründung des Instituts und sonstigeAusprägungen von Armenfürsorge, wie Hospitäler und Waisenhäuser. Die meisten Forschungen zur Armut oder zur Lage der Unterschichten stehen aber fastunterschiedslos vor dem Problem, dass ihnen eine feste Datengrundlage fehlt. Die quantitative Seite desArmutsproblems steht in der Sicherheit der vorliegenden Erkenntnisse weit hinter der deradministrativen Strukturen zurück.31 Zahlen werden kaum präsentiert; zumeist sind sie der einschlägigenLiteratur von Wilhelm Abel, Wolfram Fischer oder Hans-Ulrich Wehler entnommen32 oderentstammen vorliegenden Detailstudien anderer Orte oder Zeiträume. Dabei ist dieser Umstand in den meisten Fällen dem Fehlen von geeignetem Quellenmaterialanzulasten, das eine gesicherte Aussage zu quantitativen Aspekten der Armut zulassen würde. Die in denletzten Jahren verstärkt als Grundlage für stratifikatorische Untersuchungen zur Gesellschaft der FrühenNeuzeit herangezogenen Kontributionsregister und Volkszählungen bieten, der Natur ihrer Entstehung30 TAPPE, Ralf: Der Armuth zum besten. Das Goslarer Armen- und Waisenhaus und die Sozialpolitik der Freien Reichsstadt im 18.Jahrhundert, Bielefeld 1997; RIEMEIER, Günter: 700 Jahre Armenfürsorge in Lemgo, Lemgo 1993; SACHSE, Wieland: „ÜberArmenfürsorge und Arme in Göttingen im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Eine Skizze“, in: Theorie und Empirie inWirtschaftspolitik und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift für Wilhelm Abel zum 80. Geburtstag, hrsg. v. Karl HeinrichKaufhold / Friedrich Riemann, Göttingen 1984, S. 217-242. (=Göttinger Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte,Bd. 11).31 Als Beispiele seien hier angeführt: JÜTTE, Poverty; DORN, Ulrike: Öffentliche Armenpflege in Köln von 1794-1871, Köln undWien 1990; RHEINHEIMER, Martin: „Armut in Großsolt (Angeln) 1700-1900“, in: ZSHG 118 (1993), S. 21-134; JÜTTE,Robert: „Health care provision and poor relief in early modern Hanseatic towns. Hamburg, Bremen and Lübeck“, in: HealthCare and Poor Relief in Protestant Europe 1500-1700, hrsg. v. Ole Peter Grell / Andrew Cunningham, London u. New York1997, S. 108-128; SACHSE, Armenfürsorge und Arme in Göttingen; GRÜNDER, Horst: „Kommunale Armenfürsorge im 19.Jahrhundert am Beispiel der Stadt Münster“, in: Kommunale Leistungsverwaltung und Stadtentwicklung vom Vormärz bis zurWeimarer Republik, hrsg. v. Heinrich Blotevogel, Köln / Wien 1990, S. 59-70. (=Städteforschung, Reihe A, Bd. 30); imselben Band auch REULECKE, Jürgen: „Die Armenfürsorge als Teil der kommunalen Leistungsverwaltung undDaseinsvorsorge im 19. Jahrhundert“, S. 71-80; WEISBROD, Bernd: „Wohltätigkeit und ‚symbolische Gewalt’ in derFrühindustrialisierung. Städtische Armut und Armenpolitik in Wuppertal“, in: Vom Elend der Handarbeit. Probleme historischerUnterschichtenforschung, hrsg. v. Hans Mommsen / Winfried Schulze, Stuttgart 1981, S. 334-354. (=GG 24); OBERMEIER,Anita: „Findel- und Waisenkinder. Zur Geschichte der Sozialfürsoge in der Reichsstadt Augsburg“, in: ZHVSchwaben 83(1990), S. 129-162; SCHULZ, Günther: „Armut und Armenpolitik in Deutschland im frühen 19. Jahrhundert“, in: HJb 115(1995), S. 388-410; WÜST, Wolfgang: „Die gezüchtigte Armut. Sozialer Disziplinierungsanspruch in den Arbeits- undArmenanstalten der ‚vorderen’ Reichskreise“, in: ZHVSchwaben 89 (1998), S. 95-124; GRZYWATZ, Berthold: „Armenfürsorgeim 19. Jahrhundert. Die Grenzen der kommunalen Daseinsvorsorge“, in: ZfG 47 (1999), S. 583-614; MEUMANN, Markus:„Kinderfürsorge in nordwestdeutschen Städten des 17. und 18. Jahrhunderts zwischen landesherrlicher Reglementierung undkommunalem Eigeninteresse“, in: Städtisches Gesundheits- und Fürsorgewesen vor 1800, hrsg. v. Peter Johanek, Köln u.a. 2000,S. 181-198. (=Städteforschungen Reihe A, Bd. 50).32 ABEL, Massenarmut Europa; WEHLER, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Erster Band: Vom Feudalismus des AltenReiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära 1700-1815, München 1996; FISCHER, Armut. An dieser Stelle sindinzwischen auch SACHßE / TENNSTEDT, Armenfürsorge zu erwähnen.
  14. 14. 14nach, wenig Auskunft über die sozial am tiefsten stehenden Mitglieder der Gemeinschaft.33 So enthaltenauch diese Untersuchungen nur wenig Material für gesicherte Aussagen über die Anzahl der Armen undeine „Morphologie der Armut“34. Wegweisend sind solche Arbeiten aber auf methodischem Gebiet. Sowohl Fragen derQuellenkritik an überlieferten seriellen Daten, also auch die sich daraus ergebenden Analysemethodenwerden vor allem in den Untersuchungen zur Sozialstruktur der Städte Göttingen35, Altona36 undRostock37 intensiv behandelt, während die Armutsproblematik leider randständig bleibt. Umgekehrtkranken die Untersuchungen zur Sozialfürsorge oft an unreflektierter Benutzung vorliegendenZahlenmaterials, das zur flankierenden Darstellung der gesellschaftlichen Gegebenheiten herangezogenwird. Die Forschungslage zum Rostocker Armenwesen im Speziellen, aber auch zur RostockerStadtgeschichte im Allgemeinen schließlich ist sehr ungünstig. Die letzte Monografie aus diesem Themenbereich erschien 2003 unter der HerausgeberschaftKarsten Schröders –derzeit Leiter des Archivs der Hansestadt Rostock.38 Durchaus unterfachwissenschaftlicher Beteiligung entstanden, verfolgen die Autoren aber gezielt einepopulärwissenschaftliche Grundlinie: „Auf eine wissenschaftliche Geschichte der alten Hanse- undUniversitätsstadt an der Warnow müssen die Leser [...] weiter warten.“39 Die Geschichte der Armenfürsorgeoder die Armenanstalt von 1803 werden darüber hinaus gar nicht angesprochen. Eine weitere mono-graphische Überblicksdarstellung stammt von Karl Friedrich Olechnowitz aus dem Jahr 1968, der nochganz der marxistisch-leninistischen Geschichtstheorie verbunden ist, aber weiterhin ein unverzichtbaresGrundlagenwerk darstellt.40 Ähnliches gilt für Helga Schulz, die mit ihrer Darstellung voninnerstädtischen Unruhen im 18. Jahrhundert, unabhängig von der weltanschaulichen Ausrichtung derDeutungen, wichtige Hinweise auf die politischen und sozialen Grundlagen in Rostock liefert.41 Für den Zeitraum um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert liegen neuere Arbeiten vor.Tilo Propp hat in seinem Versuch einer dichten Beschreibung der Ereignisse des „RostockerButterkriegs“ von 1800 wichtige und interessante Details zum Leben und zur Sozialstruktur geliefert, die33 MANKE, Matthias: Rostock zwischen Revolution und Biedermeier. Alltag und Sozialstruktur, Rostock 2000. (= Rostocker Studiezur Regionalgeschichte, Bd. 1).34 SACHSE, Armenfürsorge und Arme in Göttingen, S. 233.35 SACHSE, Burkhard: Soziale Differenzierung und regionale Verteilung der Bevölkerung Göttingens im 18. Jahrhundert, Hildesheim1978; SACHSE, Wieland: Göttingen im 18. und 19. Jahrhundert. Zur Bevölkerungs- und Sozialstruktur einer deutschen Universitätsstadt,Göttingen 1987.36 BRANDENBURG, Hajo: Die Sozialstruktur der Stadt Altona um 1800, Rostock 2000. (= Rostocker Studien zurRegionalgeschichte, Bd. 3).37 MANKE, Rostock.38 SCHRÖDER, Karsten (Hrsg.): In deinen Mauern herrsche Eintracht und allgemeines Wohlergehen. Eine Geschichte der Stadt Rostockvon ihren Ursprüngen bis zum Jahr 1990, Rostock 2003.39 Ebenda, S. 12.40 OLECHNOWITZ, Karl Friedrich: Rostock von der Stadtrechtsbestätigung im Jahre 1218 bis zur bürgerlich-demokratischen Revolutionvon 1848/49, Rostock 1968.41 SCHULTZ, Helga: Soziale und politische Auseinandersetzungen in Rostock im 18. Jahrhundert, Weimar 1974. (= Abhandlungenzur Handels- und Sozialgeschichte, Bd. XIII).
  15. 15. 15halfen, zu einem besseren Bild des damaligen Rostock zu kommen.42 Speziell zum Armenwesen findetsich jedoch nichts. Die Arbeit von Matthias Manke zur Stadtgeschichte zwischen Revolution und Biedermeierumfasst ebenfalls diesen Zeitraum.43 Er untersucht detailliert die Sozialstruktur und den Alltag in derHansestadt und konzentriert sich dabei nicht nur auf wirtschaftliche und politische Zusammenhänge,sondern geht beispielsweise auch auf Themen des Alltags wie der Straßenreinigung oder derStadtbeleuchtung ein. In einem Kapitel seiner Dissertation44 liefert Manke einen ersten Überblick überEntstehung, Entwicklung und Struktur des Rostocker Armeninstituts. Es ist aber für die gedruckteFassung der Arbeit wieder gestrichen worden, so dass dieser Teil der Öffentlichkeit nur schwerzugänglich ist. Manke hat eine leicht überarbeitete und etwas ausgebaute Fassung zwar als Aufsatzveröffentlicht,45 der aber im wesentlichen keine neueren Erkenntnisse liefert, zumal es dem Autorennicht möglich war, auf ungedruckte Quellen des Stadtarchivs Rostock zurückzugreifen.46 Zusammen mit Holger Sasnowski hat Matthias Manke schließlich auch noch einen Aufsatz zurquantitativen Analyse der Armengeldlisten verfasst, in dem die Autoren versuchen, aus einerstichprobenartigen Anzahl von Jahren sozialtopographische und stratifikatorische Erkenntnisse zugewinnen.47 Ihrem Ansatz kann nicht in allen Teilen gefolgt werden. Sie haben die wirtschaftlicheLeistungskraft der Beitragszahler über die gleichmäßige Verteilung der Haushalte auf Dezilen zuermitteln versucht und kamen dabei unter anderem zu dem Ergebnis, dass der ermittelteKonzentrationskoeffizient der Beitragshöhen der Haushaltsvorstände bis 1810 sank, danach bis 1814wieder anstieg und bis 1822 schließlich wieder absackte. Manke und Sasnowski sahen in dieserEntwicklung eine Veränderung der sozialökonomischen Unterschiede in der Stadt Rostock. Es ist aberzweifelhaft, ob aus diesen Zahlen bereits auf eine reale Entwicklung sozialer Schichtung geschlossenwerden kann. Da bis 1821 die Zahlungshöhe der Beiträge auf individueller Selbsteinschätzung beruhte,gab der ermittelte Koeffizient strenggenommen nur das Maß der Ungleichverteilung derSpendenbeiträge wieder, nicht der wirtschaftlichen Kraft der Spender. Davon abgesehen stellt aber auchdieser Aufsatz einen wichtigen methodischen Beitrag zur Analyse des Armeninstituts dar.48 Kersten Krüger und Heiko Schön schließlich beschäftigen sich in einem Aufsatz mit derArmenfürsorge bis zum 19. Jahrhundert, sparen also die hier interessierende Zeit nach 1803 vollständig42 PROPP, Tilo: Der Rostocker Butterkrieg. Kollektives Handeln im Tumult vom 29./30. Oktober 1800, Rostock 2000. (= RostockerStudien zur Regionalgeschichte, Bd. 2).43 MANKE, Rostock.44 MANKE, Matthias: Rostock zwischen Revolution und Biedermeier. Alltag und Sozialstruktur, Phil. Diss, Hamburg 1998.45 MANKE, Armengesetzgebung.46 Durch langjährige Umstrukturierungsmaßnahmen der Bestände des Archivs war es der Fachwissenschaft trotz mehrfacherIntervention durch Mitglieder des Historischen Instituts der Universität Rostock nicht möglich, Einblick in den jetzigenBestand „Armen- und Sozialwesen“ zu nehmen. Manke musste sich deshalb auf die Auswertung von gedrucktem Materialbeschränken.47 MANKE, Matthias / Holger SASNOWSKI: „Die quantitative Analyse der Rostocker Armengeldlisten (1804-1822)“, in:Quantität und Struktur. Festschrift für Kersten Krüger zum 60. Geburtstag, hrsg. v. Werner Buchholz und Stefan Kroll,Rostock 1999, S. 261-281.48 Die Autoren waren so freundlich, mir ihre Datenbank zu überlassen. Sie wurde um die fehlenden Jahre ergänzt und soerreicht, dass für die statistischen Analysen der Daten auf die Grundgesamtheit aller Spender und Empfänger in den Jahren1804 bis 1822 zurückgegriffen werden konnte. Siehe Kapitel 1.3.2.
  16. 16. 16aus.49 Gleichwohl ist diese kurze Abhandlung für die Entwicklung des Armenfürsorgegedankens inRostock sehr instruktiv. Ist die Forschungslage zu neueren Arbeiten zur Armenfürsorge in Rostock als sehr dünn zubetrachten, so kann für die ältere Literatur kein besseres Urteil gefällt werden. Eine einzige längereAuseinandersetzung mit dem Institut liegt vor. Sie stammt von Dethloff Ludolf Eobald Karsten aus demJahr 1835 und muss selbst quellenkritisch gelesen werden, auch wenn der Autor zahlreiche Einzelheitenaus der Entstehung und der Geschichte des Instituts liefert, die in dieser Form aus den Quellen nichtersichtlich waren.501.2.2 Quantitative Methoden „Im Laufe der vergangenen Generation ist eine Reihe von Historikern zu der Erkenntnis gekommen, dass Zählen, sofern die Umstände es erlauben, bei der Erklärung einer begrenzten Gattung historischer Probleme hilfreich sein kann.“51 Vor 35 Jahren formulierte der britische Historiker William O. Aydelotte diesen Satz, der imHinblick auf die in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geführten Auseinandersetzungen umChancen und Risiken von quantitativen Methoden in der Geschichtswissenschaft eher wie das Ende alsder Anfang einer Zeit des Methodenstreits klang. Mehrere Einschränkungen der Möglichkeit einesEinsatzes quantitativer Methoden wurden hier bereits angesprochen, die gegenwärtig in der historischenForschung allgemein akzeptiert sind und einiges an Schärfe aus der Auseinandersetzung genommenhaben:5249 KRÜGER, Kersten / Heiko SCHÖN: „Policey und Armenfürsorge in Rostock in der frühen Neuzeit“, in: Land am Meer.Pommern im Spiegel seiner Geschichte. Roderich Schmidt zum 70. Geburtstag, hrsg. v. Werner Buchholz / Günter Mangelsdorf,Köln / Weimar / Wien 1995, S. 537-559.50 KARSTEN, Dethloff Ludolf Eobald: Unsere Armenversorgung wie sie war und ist, Rostock 1835. Die Abhandlung von WIGGERS,Moritz: Die Entwickelung der Armenpflege in Rostock und die Notwendigkeit ihres weiteren Ausbaues, Rostock 1912 enthält nurInformationen aus dem Aufsatz von Karsten. Syndikus Karsten war ein intimer Kenner der Rostocker Verhältnisse, weil erals Mitglied der Reformkommission zur Neustrukturierung des Armenwesens in den Jahren 1824-26 zugriff auf dieArchivquellen hatte. So ist seine gedruckte Abhandlung mit dem Kommissionsbericht vom 20.1.1826 [AHR 1.1.3.16, Nr.33] passagenweise identisch. Zu der erneuten Reform siehe ausführlich Kapitel 6.51 AYDELOTTE, William O.: „Quantifizierung in der Geschichtswissenschaft“, in: Geschichte und Soziologie, hrsg. v. Hans UlrichWehler, Königsstein im Taunus 1984, S. 259-282. (Zuerst als: „Quantification in History“, in: American Historical Review 71(1966), S. 803-825), hier: S. 259.52 HOBOHM, Hans-Christoph: „Historia ex machina. Der EDV-Einsatz in der Geschichtswissenschaft und eine Erinnnerung anseine Voraussetzungen“, in: Neue Methoden der Analyse historischer Daten, hrsg. v. Heinrich Best / Helmut Thome, St.Katharinen 1991, S. 363-375, hier: S. 363f. Allgemein zur Diskussion innerhalb der Geschichtswissenschaften eine kleineAuswahl aus der unübersehbar gewordenen Literatur in chronologischer Reihenfolge: LÜCKERATH, Carl August:„Prolegomena zur elektronischen Datenverarbeitung im Bereich der Geschichtswissenschaft“, in: HZ 207 (1968), S. 265-296;IRSIGLER, Franz (Hrsg.): Quantitative Methoden in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Vorneuzeit, Stuttgart 1978. (=HSF, Bd.4); darin vor allem WEYRAUCH, Erdmann: „Methodische Überlegungen zum Einsatz der EDV im Arbeitsvorhaben‚Sozialschichtung in Städten’“, S. 9-23; JARAUSCH, Karl Heinz / Gerhard ARMINGER / Manfred THALLER (Hrsg.):Quantitative Methoden in der Geschichtswissenschaft. Eine Einführung in die Forschung, Datenverarbeitung und Statistik, Darmstadt1985; zur Geschichte als historischer Sozialwissenschaft und der Quantifizierung in den Geschichtswissenschaften: MEYER,Robert: „Die Sozialstruktur der Stadt Oldenburg nach der Vermögensbeschreibung von 1630“, in: Sozialstruktur der StadtOldenburg 1630 und 1678. Analysen in historischer Finanzsoziologie anhand staatlicher Steuerregister, hrsg. v. Kersten Krüger,Oldenburg 1986, S. 9-180, hier: S. 15-19; zum Komplex der Methoden und Quellenkritik: BOELCKE, Willi A.: Wirtschafts-und Sozialgeschichte. Einführung, Bibliographie, Methoden, Problemfelder, Darmstadt 1987, S. 91-106; BEST, Heinrich: „HistorischeSozialforschung und Soziologie. Reminiszenzen und Reflektionen zum zwanzigsten Geburtstag der Gründung der
  17. 17. 17 Zunächst sind es nur einige Historiker, die sich dieser Form der Aufarbeitung von Quellenangenommen haben. Weder hat sich die Analyse von Massendaten als Königsweg der Disziplinherausgestellt noch als universell einsetzbares Mittel der historischen Forschung. Diearbeitsökonomischen Schranken mögen zwar durch die in den letzten Jahrzehnten immer leichterhandhabbare Technik weitgehend abgebaut worden sein, aber die methodischen Anforderungen sinddadurch nicht geringer geworden.53 Es besteht heute vielmehr die Gefahr, sich durch leicht benutzbareProgramme zur Analyse solcher Massendaten über diese Schwierigkeiten hinwegtäuschen zu lassen.54 Nicht alle Bereiche historischer Forschung eignen sich für den Einsatz von quantitativenMethoden.55 Gerade in den letzten Jahrzehnten haben sich Teildisziplinen wie Mentalitätsgeschichte,Oral History, Psychohistorie oder historische Semantik herausgebildet, deren Fragestellungen in eineandere Richtung zielen und deren Quellengrundlagen für den Einsatz numerischer Datenverarbeitungungeeignet sind. Aber auch im Kerngebiet des Einsatzes quantitativer Methoden, der historischenSozialforschung, haben die Diskussionen der 70er und 80er Jahre um Sinn und Unsinn des Einsatzes vonMassendatenanalysen zur Klärung historischer Problemstellungen beigetragen. Niemand würde heutebehaupten, dass der Einsatz dieser Techniken grundsätzlich ein höheres intellektuelles Niveau bedeute,als rein diskursives Vorgehen.56 Quantitative Methoden sind akzeptiert als geschichtswissenschaftlichesMittel zum Zweck der Klärung spezifischer Fragen, die sich ohne dieses Mittel nicht beantwortenließen.57 Schon früh stellte sich heraus, dass der Streit zwischen „Quantifizierern“ und „Hermeneutikern“im Wesentlichen ein Kommunikationsproblem war,58 das sich aus der jeweils verwendetenWissenschaftssprache und der unterschiedlichen Definition von Methodenstrenge ergab. Es führte dazu,dass sich gegenseitig unterstellt wurde, den jeweiligen Alleinvertretungsanspruch der „richtigen“historischen Methode zu behaupten. Hinzu trat der Anspruch, die Disziplin zu „verwissenschaftlichen“, washeißen sollte, zu „vernatur-/ oder versozialwissenschaftlichen“.59 Ausgehend von dem Vorsatz, denArbeitsgemeinschaft QUANTUM“, in: HSF 21 (1996), Nr. 2, S. 81-90; HORVATH, Peter: Geschichte Online. NeueMöglichkeiten für die historische Fachinformation, Köln 1997. (=HSF, Suppl. 8), hier vor allem S. 52-70 und zuletzt BISTE, Bärbelund Rüdiger HOHLS (Hrsg.): Fachinformation und EDV-Arbeitstechniken für Historiker. Einführung und Arbeitsbuch, Köln 2000.(=HSR Suppl. 12), darin insbesondere: HOHLS, Rüdiger: „Eine (Kurz-)Geschichte des Computers und seinerNutzbarmachung in den Geschichtswissenschaften“, S. 23-50.53 Ein plastisches Bild des erheblich höheren technischen und organisatorischen Arbeitsaufwandes einer statistischenUntersuchung noch Mitte der 80er Jahre bietet MEYER, Oldenburg, S. 75; einige Jahre später hatten sich die Bedingungenschon wesentlich verbessert: KRÜGER, Kersten (Hrsg.): Die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst nach der Steuererhebung von1744, Teil 1: Berufliche Gliederung und Veranlagung der Steuerpflichtigen, Oldenburg 1988. (=Inventare und kleinere Schriftendes Staatsarchivs in Oldenburg, Heft 31), S. XIIIf.; dazu auch HOHLS, (Kurz-)Geschichte, S. 45f.54 HOBOHM, Historia, S. 363.55 AYDELOTTE, Quantifizierung, S. 277.56 THALLER, Manfred: „Von der Mißverständlichkeit des Selbstverständlichen. Beobachtungen zur Diskussion über dieNützlichkeit formaler Verfahren in der Geschichtswissenschaft“, in: Frühe Neuzeit – Frühe Moderne?, hrsg. v. Rudolf Vierhaus,Göttingen 1992, S. 443-467. (=Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 104), hier: S. 444.57 Zur Diskussion um die EDV als historische Hilfswissenschaft LÜCKERATH, Prolegomena, S. 292f.58 JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 198, ähnlich auch ebenda, S. 1f.59 LeRoy Ladurie kommentierte: „Geschichte, die nicht quantifizierbar ist, kann nicht behaupten, wissenschaftlich zu sein.“, zitiertnach JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 193f; demgegenüber hat Hans-Jürgen Goertz dezidiertausgeführt: „Die Geschichtswissenschaft ist keine empirische Wissenschaft.“, GOERTZ, Hans-Jürgen: „Geschichte – Erfahrung und
  18. 18. 18Ansprüchen der statistisch arbeitenden Sozialwissenschaftler gerecht zu werden, also Methodenstrengezu bewahren und Validität, Falsifizierbarkeit, Vergleichbarkeit und Kritisierbarkeit der Ergebnisse zugewährleisten,60 liefen zwei Stränge der Auseinandersetzung parallel: Durch den Einsatz vonstatistischen, also mathematischen Verfahren sollten bessere Antworten auf historische Problemegefunden werden, und zugleich wurde die vermeintliche Theoriearmut der Geschichtswissenschaftenbemängelt.61 Beide Diskussionen sind gegenwärtig nahezu zum Erliegen gekommen.62 EinMethodenpluralismus hat sich im Zuge der weiteren Ausdifferenzierung der Teildisziplinen historischerForschung etabliert. Als eine mögliche Arbeitsweise existiert der Einsatz von Quantifizierungen miteiner weitgehend akzeptierten, aber gegenüber den ursprünglichen Forderungen „entschärften“ Strengean Theorie und Methode.63 Darüber hinaus ist der Einsatz von Computern in den Geschichtswissenschaften keineswegsmehr gleichzusetzen mit der Anwendung statistischer Methoden. Andere Bereiche des Rechnereinsatzessind hinzugekommen und genießen große Aufmerksamkeit.64 Heute stehen Einsatzmöglichkeitendigitaler Editionen, multimedialer Lernumgebungen, historischer Geoinformationssysteme und neuerKommunikationswege im Zentrum des Interesses. Verquickungen sind dabei in vielen Bereichen zuerkennen, so bei der Nutzung von digitalen Präsentationsmöglichkeiten der Ergebnisse quantitativausgewerteter historischer Quellen. Durch die Vernetzung der Universitäten undForschungseinrichtungen ergeben sich darüber hinaus vielseitige Erleichterungen beim Austausch deraufgenommenen Daten, bei der schnellen Nutzbarmachung für weitere Vorhaben und derÜberprüfbarkeit der Ergebnisse. Die Forschungsrelevanz der „Zählungen“, die von einigen Historikern unter gegebenenUmständen einer begrenzten Gattung von Quellen unter spezifischen Fragestellungen vorgenommenwurden, ist vielfältig dokumentiert und akzeptiert.65 Die Auswertungen von Volkszählungslisten,Kontributionsregistern, Kirchenbüchern oder Aushebungslisten haben wichtige Erkenntnisse zurWissenschaft“, in: Geschichte. Ein Grundkurs, hrsg. v. Hans-Jürgen Goertz, Reinbeck bei Hamburg 1998, S. 15-41, hier: S. 34;zu diesem „Paradigmenwechsel“ auch HORVATH, Geschichte Online, S. 41f.60 Eine sehr gute Einführung in die Methoden und Ansprüche der Sozialwissenschaften, die ja weiterhin auch als Vorbild jederstatistisch arbeitenden Disziplin gelten können, gibt HUBER, Oswald: Das psychologische Experiment. Eine Einführung, Bern u.a.1987, S. 28-62. Zu diesem Thema auch JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 188f.61 Zur Verflechtung von Theoriediskussion und dem Einsatz quantitativer Methoden JARAUSCH / ARMINGER / THALLER,Quantitative Methoden, S. 184ff.; MEYER, Oldenburg, S. 15; BOELCKE, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 107.62 HOHLS, (Kurz-)Geschichte, S. 41 und 50.63 BOELCKE, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 93 führt zwar an: „Mangel an Methode kennzeichnet den Amateur.“, schwächtdiese Aussage aber gleich darauf mit dem Hinweis auf die zu beachtende „subjektive Wertkomponente“ wieder ab.64 Dazu derzeit der beste Überblick bei BISTE / HOHLS, Fachinformation; einen Ausblick auf zukünftige Einsatzmöglichkeitenvon „Elektronenrechnern“ gab schon LÜCKERATH, Prolegomena, S. 284-290; JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, QuantitativeMethoden, S. 2.; HOBOHM, Historia, S. 366ff.65 KAUFHOLD, Karl Heinrich: „Die historische Gewerbestatistik im Rahmen einer historischen Statistik von Deutschland (bis1914)“, in: Wirtschaftsstruktur und Ernährungslage 1770-1870. Anthropometrische, gewerbe- und agrarstatistische Forschungsansätze,hrsg. v. Jörg Baten / Markus A. Denzel, St. Katharinen 1997, S. 7-20. Beispiele computergestützter Forschungen beiHORVATH, Geschichte Online, S. 57ff. und 66f.; MINCHINTON, Walter: „Die Veränderung der Nachfragestruktur von 1750bis 1914“, in: Europäische Wirtschaftsgeschichte. Bd. 3: Die Industrielle Revolution, hrsg. v. Carlo M. Cipolla, Stuttgart / NewYork 1976, S. 47-115.
  19. 19. 19Sozialstruktur historischer Gesellschaften geliefert.66 Und es steht fest, dass ohne die flankierendeHeranziehung der „klassischen“ qualitativen Überlieferungen die statistischen Analysen von Massendatenoberflächlich bleiben müssen, wenig aussagekräftig sind und als bloße „Technikspielerei“ dastehen.67 Esbesteht aber weiterhin ein erhebliches Defizit an systematischen Untersuchungen zu den Eigenschaftenserieller Quellen.68 Festzuhalten bleiben folgende Grundsätze:69 Die erkenntnisleitende Fragestellung, die zu prüfenden Hypothesen und die daraus abgeleitetenForschungsmethoden müssen selbstverständlich auf das vorliegende Material abgestimmt werden.70 Nurdann ist der zu leistende Arbeitsaufwand einer quantitativen Analyse von Massendaten gerechtfertigt. 71 Die statistischen Methoden müssen beherrscht werden.72 Gerade hier liegt, wie schon erwähnt,eine große Gefahr in der relativ leichten Handhabbarkeit moderner Analyseprogramme. So erfreulich esist, dass durch diese Entwicklung Schranken in der Bereitschaft zur Anwendung solcher Verfahrenabgebaut wurden, so kommt der Bearbeiter doch nicht darum herum, sich über den Sinn und Zweck dereinzelnen statistischen Analyseverfahren Klarheit zu verschaffen, bevor er an die Auswertungen geht.Nicht alle Verfahren sind für jeden Gegenstand geeignet, auch wenn die Ergebnisse scheinbarinteressante Tatsachen liefern. Deren Aussagekraft hängt im Wesentlichen davon ab, ob auch die richtigeMethode auf die vorliegenden Daten im Hinblick auf die zu prüfenden Hypothesen angewandt wordenist.73 Historische Massendaten müssen wegen des weitgehenden Fehlens grundsätzlicherUntersuchungen einer eingehenden Quellenkritik durch den jeweiligen Bearbeiter unterworfenwerden.74 Zu beachten bleiben trotz scheinbarer Objektivität der Angaben die gleichen Aspekte wie beiqualitativem Material: Wer erstellte die Quelle, zu welchem Zweck, zu welchem Zeitpunkt, mitwelchem Ziel etc.?66 Zur Methodik dieser Forschungen KRÜGER, Oldenburg, S. XI-XXVIII; GREVE, Klaus: „Volkszählungen undLandgewerbelisten in Schleswig-Holstein in dänischer Zeit- Quellenmaterial zur Berufsstatistik?“, in: Schleswig-Holsteins Wegin die Moderne. Zehn Jahre Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holstein, hrsg. v. Ingwer E. Momsen,Neumünster 1988, S. 363-378. (=Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins, Bd. 15).67 Dazu AYDELOTTE, Quantifizierung, S. 278.68 Grundlegend dazu FISCHER, Wolfram / Andreas KUNZ (Hrsg.): Grundlagen der historischen Statistik von Deutschland. Quellen,Methoden, Forschungsziele, Opladen 1991.69 Ähnliche Grundsätze bereits bei LÜCKERATH, Prolegomena, S. 272; ebenso WEYRAUCH, Methodische Überlegungen, S.14f. und S. 19; zum formalisierten Forschungsprozess JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 13ff.70 Dazu auch schon AYDELOTTE, Quantifizierung, S. 261f.; ähnlich auch HOBOHM, Historia, S. 374; vor allem JARAUSCH /ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 188ff.71 AYDELOTTE, Quantifizierung, S. 268; JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 5f., 11f. und 201.72 Grundlegend für statistische Methoden bleibt weiterhin „Der Bortz“: BORTZ, Jürgen: Statistik für Sozialwissenschaftler, Berlin/ Heidelberg 1999. Einen kurzen Überblick über statistische Methoden für Historiker bei KRÜGER, Kersten: „HistorischeStatistik“, in: Geschichte. Ein Grundkurs, hrsg. v. Hans-Jürgen Goertz, Reinbeck bei Hamburg 1998, S. 59-82. ZurNotwendigkeit der Beherrschung dieser Methoden auch für quantitativ arbeitende Historiker bereits AYDELOTTE,Quantifizierung, S. 265; JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 183f.73 AYDELOTTE, Quantifizierung, S. 266 spricht in diesem Fall von einer Situation, die in Fachkreisen als „GIGO“ bekannt ist:„garbage in and garbage out“. Daran hat sich bis heute nichts geändert.74 JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 4 und 12f.; eingehende Quellenkritik vonVolkszählungslisten bei GREVE, Volkszählungen, S. 365ff.; zu den Umständen und den Bedingungen der Entstehunghistorischer Statistiken in Deutschland: SACHSE, Wieland: „Die publizierte Statistik bis um 1860. Grundzüge undEntwicklungstendenzen“, in: Grundlagen der historischen Statistik von Deutschland. Quellen, Methoden, Forschungsziele, hrsg. v.Wolfram Fischer / Andreas Kunz, Opladen 1991, S. 3-14, hier vor allem S. 6f. und S. 12ff.
  20. 20. 20 Schließlich müssen die Ergebnisse dieses Teils der Untersuchung flankiert werden durchErkenntnisse, die sich aus vorhandenen qualitativen Quellen ergeben haben.75 Qualitative Forschungkann zwar ohne jede quantitative Analyse auskommen, aber nicht umgekehrt. Das bekannteste Beispielfür diese Forderung dürfte der berühmte statistisch signifikante Zusammenhang zwischen Geburtenrateund Storchenpopulation in ländlichen Gebieten sein, der ohne Beachtung des „qualitativen“ Aspekts derUmweltbeschaffenheit zu falschen Schlüssen führen muss.761.3 Quellen und Methoden1.3.1 Normative Quellen Erstmalig wurde es für die vorliegende Arbeit möglich, eine Geschichte zur Armenfürsorge inRostock auf eine hinreichend große Anzahl von Archivmaterialien zu stellen. Dabei handelte es sich vorallem um den Bestand „Rat, Armen- und Sozialwesen“ des Archivs der Hansestadt Rostock (AHR).77 Siebilden zusammen mit den Akten der Hundertmänner, der bürgerschaftlichen Vertretung in zweiQuartieren den Kern der für die vorliegende Untersuchung herangezogenen ungedruckten Quellen. Es fand sich ein bereits aus dem Jahr 1750 stammender Entwurf einer Armenordnung für dieStadt Rostock, der als der erste bis jetzt nachweisbare Versuch gelten muss, ein Versorgungssystem zuinstallieren, das bereits große Ähnlichkeiten mit der erst 1803 verwirklichten Einrichtung zeigte. EinVergleich zwischen diesem Vorläufer, zwei weiteren ebenfalls erst jetzt aufgefundenen Versuchen ausden Jahren 1767 und 1788 und schließlich dem Armeninstitut von 1803 gab nicht nur darüberAufschluss, dass die meisten Ideen in Rostock selbst entwickelt wurden und der Einfluss vonauswärtigen Vorbildern daher erheblich relativiert werden muss. Es konnte auch der Prozess aufgezeigtwerden, der in dem halben Jahrhundert zwischen dem ersten Versuch einer Neuordnung und derDurchführung ablief und dieses erst ermöglichte. Was für Hindernisse konnten überwunden werden?Welche diskursiven Veränderungen lassen sich aufzeigen? Rückten andere Schwierigkeiten in denDiskussionen in den Mittelpunkt? Die Klärung dieser Fragen wird auch dadurch begünstigt, dass zu denVorgängen jeweils Aktenstücke der Ratsseite und derjenigen der bürgerschaftlichen Vertretungvorliegen. Nachdem 1800 das 1. Quartier der Bürgerschaft erneut eine Modernisierung der Fürsorgeangeregt hatte, setzte ein Reformprozess ein, der eine Unmenge Aktenmaterial produzierte, das heutenoch vorliegt und ausgewertet wurde. Dadurch wurde es möglich, detailliert nachzuzeichnen, welche75 AYDELOTTE, Quantifizierung, S. 275; JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 183; MEYER,Oldenburg, S. 17; KRÜGER, Historische Statistik, S. 70; BOELCKE, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 98 schreibt dazupointiert: „Die statistische Zahl kann vollends zur Chimäre werden, wenn man über alle Quantitäten die gegebenen Qualitäten vergißt,wenn Menschen wie ‚Gurken und Tomaten’ gezählt werden [...].“76 JARAUSCH / ARMINGER / THALLER, Quantitative Methoden, S. 184.77 Bei der Zitation von handschriftlichen Quellen wurden Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik des Originals nurin den Fällen modernisiert, in denen es sich offensichtlich um Flüchtigkeitsfehler handelte, wenn es für das Verständnis desInhalts unabdingbar notwendig war oder Missverständnissen vorgebeugt werden musste. Das gilt vor allem für dieWiedergabe von Teilen der Suppliken, da bei diesen die Fehlerhaftigkeit der Rechtschreibung selbst ein Merkmal desSchreibers war. Streichungen in den handschriftlichen Originalen wurden ebenfalls beibehalten. Eine jedesmaligeKennzeichnung zum Zitat kann daher entfallen.
  21. 21. 21Absichten die Vertreter der unterschiedlichen Interessengruppen verfolgten, und vor allem auch welcheMenschen- und Weltbilder hinter den Beiträgen zur Diskussion standen. Der Reformprozess war einmühevoller Weg aus immer wieder abgehaltenen Verhandlungen, aus den Ab- und Eingaben derQuartiere an den Rat, aus Propositionen des Rates zu einzelnen Punkten des Gesamtwerkes, aber auchaus Eingaben einzelner Gewerke beim 2. Quartier, wenn zünftische Interessen verletzt zu werdendrohten. Diese Versuche der Besitzstandswahrung stellten sich in der Folge auch als eines derdauerhaften Probleme des Armeninstituts heraus. Die Auseinandersetzungen mit den Ämtern derWeber und der Tuchmacher wegen der im Werkhaus von arbeitsfähigen Armen verrichtetenTätigkeiten überdauerte den gesamten Zeitraum und wurden alle paar Jahre wieder aufgefrischt. Auf folgenden Gebieten lagen die Schwerpunkte der Probleme der praktischen Tätigkeit desInstituts in den Jahren 1804 bis 1822: Einziehung der übrigen Armenspenden und Integration in dasInstitut, Personalfragen, das Verhältnis von Armenschule und Elternschaft und Nutzbarmachung vonneuen Finanzquellen. Vor allem der letzte Punkt machte einen Großteil des Schriftverkehrs und derVerhandlungen aus. Es ging dabei nicht nur um die Aufforderung zum Spenden bei der Erlangung desBürgerrechts, bei Stadtbuchschriften, die Erhebung eines Pflichtbeitrags zugunsten der Armen vonSchauspielern, bei Maskeraden, Bällen und von fremden Schiffern. Überraschend war vor allem dieTatsache, dass man bereits 1808 die Forderung nach der zwangsweisen Eintreibung von Beiträgenerhob. Die Diskussion um diesen Punkt riss bis zur Einführung dieser Armensteuer 1822 nicht ab undmündete schließlich in eine Reform der gesamten Anstalt. Eine Untersuchungskommission wurdeeingesetzt, die die Einrichtung einer Revision zu unterwerfen hatte. Die Abstattung ihres umfangreichenBerichtes im Jahr 1826 markiert zugleich den Endpunkt des Untersuchungszeitraumes. Als zweiter großer Themenkomplex in der Untersuchung des Armeninstituts stellte sich dieLehr- und Industrieschule heraus, die 1803 statt des Waisenhauses im Kloster St. Katharineneingerichtet wurde. Zur Geschichte der Vorgängereinrichtung liegen ebenfalls zahlreiche Aktenstückevor, die ergänzend ausgewertet wurden. Nach langen und gut dokumentierten Diskussionen, in dieschließlich auch der Landesherr einbezogen wurde, hatte man sich gegen das Fortbestehen desWaisenhauses entschieden und die Kinder auf Pflegefamilien verteilt. Auslöser dafür dürfte nicht zuletztdie oft erhobene Kritik an der schlechten Administration gewesen sein, die im Zuge derAuseinandersetzungen mit den Vorstehern ausführlich dargelegt wurde. Im letzten Jahrzehnt des 18.Jahrhunderts kam es zu weitreichenden Plänen einer Revision der ganzen Anstalt, die aber zu keinemKonsens führten. Sie wurden schließlich gegenstandslos, als die Entscheidung gefallen war, dasWaisenhaus aufzulösen. Erneute Auseinandersetzungen, ebenfalls hervorragend im Archiv der Stadt Rostockdokumentiert, entstanden bereits in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts, als das Armeninstitut zumeinen die Katharinen-Kirche säkularisieren lassen wollte, zum anderen im Waisenhaus die dorterrichtete Lehr- und Industrieschule für arme Kinder auszubauen plante. Beide Vorgänge waren miterheblichen Kosten verbunden, die zusammen mit der Frage nach der Notwendigkeit einer solcheSchule von verschiedenen Seiten bemängelt wurden. Das Institut wiederum sah es als eine seinervornehmsten Aufgaben an, für den Unterricht der Kinder zu sorgen, da nur so der Kreislauf von
  22. 22. 22niedrigem Bildungsgrad und Armut zu durchbrechen war. Ein weiteres Mal wurde das Thema akut, alsdasselbe 1819 den Abbruch der Kirche vorschlug. Sie sollte durch einen zweckmäßigeren Neubauersetzt werden. Die nötigen Geldmittel gedachte man durch ein Aktiensystem aufzubringen. Dagegenopponierte vor allem das 2. Quartier der Bürgerschaft, das erhebliche Vorbehalte gegen eine solcheFinanzierung vorbrachte. Man einigte sich schließlich auf den Verkauf des Gebäudes an das Zucht- undWerkhaus. Der innere Aufbau der Schule, ihr Zweck und die Inhalte des Lehrplanes bargen weiteresKonfliktpotential. Aus dem Jahr 1803 liegen jetzt zwei detaillierte Schulpläne vor, deren einzelne Teilein der Folge intensiv diskutiert worden sind. Hier werden unterschiedliche, zeitgenössisch auchüberregional diskutierte pädagogische und bildungspolitische Ansätze deutlich, die es möglich machen,exemplarisch nachzuzeichnen, wie diese auf der untersten Ebene zu realisieren versucht wurden undwelche Widerstände dabei zu überwinden waren. Aus dem ausgewerteten Material kann darüber hinaus erschlossen werden, welcheSchwierigkeiten sich aus dem alltäglichen Betrieb einer solchen Schule ergaben. Ähnlich wie bei derArbeitsanstalt waren auch die in der Industrieschule angefertigten Waren kaum abzusetzen. DieserUmstand führte dazu, dass sich die finanzielle Lage der Einrichtung zunehmend verschlechterte.Flankiert wurden diese Probleme auch hier von Auseinandersetzungen mit einzelnen Ämtern des 2.Quartiers der Bürgerschaft, die sich in ihren Zunftrechten beeinträchtigt sahen. Beschwerden über dieLehrkräfte, über die Verwaltung der Schule und den ungenügenden Bildungsgrad der Kinder auf dereinen und über das Verhalten der Eltern auf der anderen Seite traten noch hinzu. Insgesamt ließ sichhier, wie bei der Arbeit des ganzen Instituts, jenseits von rein normativen Vorgaben und Ordnungenauch das tägliche Leben einer Armenschule zu Beginn des 19. Jahrhunderts darstellen, was in derForschung bislang nicht in allen Fällen genügend zur Ausführung gebracht worden ist. Im Gegensatz zu den bisher angeführten Themenkomplexen besteht eine oft konstatierteSchwierigkeit, Quellen ausfindig zu machen, die einen Einblick in die Welt der Armen selbst gewähren.Das Armeninstitut hat nach 1803 jeden, der um Unterstützung gebeten hat, einer genauen Prüfungunterworfen. Die zugestandene Beihilfe basierte also auf Einzelfallentscheidungen auf der Grundlage vonerstellten Verhörprotokollen. Diese wären ein hervorragendes Mittel gewesen, um Aufschluss über dieLebenssituation der Armen zu erlangen. Wie sich herausstellte, sind sie leider nicht überliefert.Allerdings fanden sich in den Beständen des Rates umfangreiche Sammlungen von Bittschriften. Eshandelt sich dabei um gut 150 Suppliken aus dem Zeitraum von 1770 bis 1833, die von RostockerBürgern selbst an den Rat gerichtet wurden. Diese Art von Quellen ist nur selten in einem solchenUmfang erhalten geblieben.78 Die Auswertung lässt einen Blick auf die Sicht der Betroffenen, aufindividuelle Ausprägungen von Armut und auf Verhaltensstrukturen ihr gegenüber zu. Dadurch konntensowohl die interindividuellen und verallgemeinernden Ergebnisse der quantitativen Analysen, als auchdie beschriebenen Stücke aus der behördlichen Sicht „von oben“ kontrastiert und abgeglichen werden.78 Siehe auch KARWEICK, Jörg: „‚Tiefgebeugt von Nahrungssorgen und Gram’. Schreiben an Behörden“, in: ‚Denn dasSchreiben gehört nicht zu meiner täglichen Beschäftigung’. Der Alltag kleiner Leute in Bittschriften, Briefen und Berichten aus dem 19.Jahrhundert. Ein Lesebuch, hrsg. v. Siegfried Grosse u.a., Bonn 1989, S. 17-89, hier: S. 25.

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