Identität und Privatsphäre

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Impulsvortrag beim Collaboratory "Privatheit und Öffentlichkeit", 10.6.2011, Berlin (http://collaboratory.de/initiative-04)

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  • In dem Zusammenhang wohl das beste Werk, welches viele der hier genannten Gedanken erstmals systematisch analysiert und benannt hat: Digitale Identitäten von Stephan Humer (http://www.amazon.de/Digitale-Identit%C3%A4ten-Stephan-Humer/dp/3981141733/)
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    1. 1. Identität und Privatsphäre Einige soziologische Anmerkungen <ul><ul><li>Dr. Jan-Hinrik Schmidt </li></ul></ul><ul><ul><li>Wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation </li></ul></ul><ul><ul><ul><li>Berlin, 10.6.2011 </li></ul></ul></ul>
    2. 2. Gang der Argumentation <ul><li>Identität bzw. das Selbst bildet sich in sozialen Situationen der Selbst-Offenbarung und des Rückzugs heraus. </li></ul><ul><li>Binäre oder zwiebelschalenartige Vorstellungen von Privatsphäre sind also nicht angemessen, weil sich die Grenzziehung zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen immer situationsspezifisch vollzieht. </li></ul><ul><li>Begriff der informationellen Selbstbestimmung sollte aus dem juristischen Fachdiskurs herausgelöst und erweitert werden, um diese situationsspezifische Kontrolle als Leitbild, Praxis und Kompetenz zu erfassen. </li></ul><ul><li>Wer in dieser Hinsicht vom Kontrollverlust spricht, kapituliert voreilig . </li></ul>
    3. 3. Klassiker der soziologischen Identitätstheorie (1/2) <ul><li>Charles H. Cooley: </li></ul><ul><li>„ Looking-Glass self“:Mensch erkennt die eigene Identität im „Spiegelbild“ der anderen </li></ul><ul><li>„ Selbstbild“ und „Fremdbild“ </li></ul><ul><li>George H. Mead: </li></ul><ul><li>Das „Selbst“ entsteht im Wechselspiel von „Me“ und „I“ </li></ul><ul><ul><li>„ I“: Das innere Ich </li></ul></ul><ul><ul><li>„ Me“: Das Ich, wie es von den anderen wahrgenommen wird </li></ul></ul><ul><li>Identität ist ohne Andere nicht möglich. </li></ul>
    4. 4. Klassiker der soziologischen Identitätstheorie (2/2) <ul><li>Georg Simmel: </li></ul><ul><li>Individualität entsteht aus der für jeden Menschen einzigartigen Kombination von Rollenbeziehungen, aus seiner Position im Schnittpunkt „sozialer Kreise“ </li></ul><ul><li>Erving Goffman: </li></ul><ul><li>Soziale Situationen umfassen Prozesse des „impression management“, in denen Menschen Hinweise über ihre Identität vermitteln </li></ul><ul><ul><li>bewusst (wenngleich meist routinisiert): „cues given“ </li></ul></ul><ul><ul><li>unbewusst: „cues given off“ </li></ul></ul><ul><li>Metaphern der „Vorderbühne“ und „Hinterbühne“, um auf Umgang mit Rollenzwängen und Rückzug hinzuweisen </li></ul><ul><li>Identität ist nicht statisch, sondern wird durch Interaktionen beständig (re-)produziert </li></ul>
    5. 5. Identität und Privatsphäre <ul><li>Identität ist „a fluid, ongoing process, something that is permanently ‚under construction’. (…) [I]dentity is something we do , rather than simply something we are “.(*) </li></ul><ul><li>Das simple Konzept von „Privatsphäre“ als Rückzugs- oder Schutzraum, in dem Menschen „ganz bei sich“ sind, ist daher zweifach problematisch: </li></ul><ul><ul><li>Es legt eine Dichotomie „Öffentlichkeit vs. Privatheit“ oder „Zwiebelschalenmodelle“ von Sphären unterschiedlicher Öffentlichkeit und Privatheit nahe, wo doch die Entscheidung zwischen Selbstdarstellung oder Rückzug immer in Bezug auf spezifische Rollenkontexte bzw. Bezugsgruppen zu verstehen ist </li></ul></ul><ul><ul><li>Privatsphäre ist nicht einfach so „da“, sondern muss beständig hergestellt bzw. gewährleistet werden: „Doing Privacy“ umfasst die selektive und situationsspezifische Kontrolle über den Zugang zum Selbst bzw. über die Preisgabe von Informationen über das Selbst. </li></ul></ul>(*) Buckingham, D. (2008): Introducing Identity. In: Youth, Identity, and Digital Media. Boston. S. 1-22. Hier: S.8.
    6. 6. Informationelle Selbstbestimmung (1/2) <ul><li>„ Informationelle Selbstbestimmung“ scheint daher besser geeignet als „Privatsphäre“ </li></ul><ul><li>… normatives Konzept , da sie Bestandteil der verfassungsmäßigen Ordnung (und in Datenschutz-regelungen etc. näher spezifiziert) ist und zudem als zumindest diffuse Erwartung bei vielen Nutzern vorliegt; </li></ul><ul><li>… ausgeübte Praxis , da Nutzer sie (mehr oder weniger kompetent, reflektiert, evtl. auch scheiternd) ausüben, wenn sie sich in den vernetzten persönlichen Öffentlichkeiten des Social Web bewegen; </li></ul><ul><li>… notwendige Kompetenz , weil das eigenständige Wahrnehmen des „Rechts auf Privatheit”, die informierte Einwilligung in Datenverarbeitung oder auch die informationelle Autonomie bestimmte Wissensformen und Fertigkeiten voraussetzt. </li></ul>Sollen Tun Können
    7. 7. Informationelle Selbstbestimmung (2/2) <ul><li>Informationelle Selbstbestimmung als Praxis kann die Preisgabe von persönlichen Informationen…. </li></ul><ul><ul><li>zur Identitätsbildung in Netzwerken (inkl. Reputation, Prominenz, …), </li></ul></ul><ul><ul><li>zur Koordination sozialen Handelns oder </li></ul></ul><ul><ul><li>zur Teilhabe an gesellschaftlich-öffentlichen Belangen </li></ul></ul><ul><li>… genauso umfassen wie der Schutz vor bzw. Rückzug gegenüber </li></ul><ul><ul><li>spezifischen Anderen (Eltern, Kollegen, Vorgesetzte, …) oder </li></ul></ul><ul><ul><li>unspezifischen Anderen (der „Öffentlichkeit“, dem Voyeur). </li></ul></ul>
    8. 8. Kontrollverlust? I wo! <ul><li>These vom „Kontrollverlust“ angesichts konvergenter digitaler Medien mag durch individuelle Erfahrung gestützt sein, ist aber normativ falsch </li></ul><ul><ul><li>Wir verlieren nicht die Kontrolle, wir verzichten höchstens (und unnötigerweise!) auf ihre Ausübung! </li></ul></ul><ul><li>Digitale Medien und ihre Auswirkungen sind und bleiben gesellschaftlich gestaltbar </li></ul><ul><ul><li>Wir benötigen die gesellschaftliche Debatte über die Regelungsstrukturen digitaler Medien (Recht, Verträge, Code, soziale Normen)! </li></ul></ul><ul><li>Das Bedürfnis nach Privatsphäre im hier beschriebenen Sinne (selektive Kontrolle über den Zugang zum Selbst) gehört zur Tiefenstruktur moderner Gesellschaft </li></ul><ul><ul><li>Wenn wir digitale Medien nicht so gestalten, dass Menschen dieses Bedürfnis erfüllen können, werden Menschen auf die Nutzung der digitalen Medien verzichten – oder sich geschlossene Systeme suchen, die diese Bedürfnisse anbieten! </li></ul></ul>
    9. 9. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! <ul><li>Dr. Jan-Hinrik Schmidt </li></ul><ul><li>Hans-Bredow-Institut </li></ul><ul><li>Warburgstr. 8-10, 20354 Hamburg </li></ul><ul><li>[email_address] </li></ul><ul><li>www.hans-bredow-institut.de </li></ul><ul><li>www.schmidtmitdete.de </li></ul><ul><li>www.dasneuenetz.de </li></ul>
    10. 10. Abbildungsnachweise <ul><li>http://commons.wikimedia.org/wiki/File:CharlesCooley.jpg </li></ul><ul><li>http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mead.jpg </li></ul><ul><li>http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Simmel_01.JPG </li></ul><ul><li>http://en.wikipedia.org/wiki/File:Erving_Goffman.jpg </li></ul><ul><li>http://www.flickr.com/photos/exlibris/2144876980 [Ex libris; CC BY-NC-ND 2.0] </li></ul>

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