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Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler

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  1. 1. 22 6 | 2012via Erfahren Interview Sam Keller Viele Menschen trauen sich nicht in eine Galerie oder ein Museum. Ist Kunst halt doch elitär? Eigentlich ist Kunst für alle da. Wie die Höhlenmale- rei beweist, existiert die Kunst seit es Menschen gibt, weil sie unseren Bedürfnissen entspricht, einen Aus- druck zu finden für das, was wir denken und fühlen, aber wofür wir keine Worte haben. Kunst wird als eli- tär empfunden, wenn sie als Machtinstrument einge- setzt wird, wie dies während Jahrhunderten von der Religion, den Königshäusern und Staaten gemacht wurde. Kunst wurde präsentiert nach dem Vorbild antiker Tempel: prachtvoll und Ehrfurcht gebietend. Und das ist heute nicht mehr so? Eigentlich nicht. Hier hat mit der mo- dernen Kunst ein radikaler Wandel stattgefunden: Museen bieten Work- shops, Führungen und Künstlergesprä- che an. Apps und Audioguides erklären die Kunstwerke. Die Fondation Beyeler beispielsweisebetreutjährlichHunder- te von Schulklassen sowie mehr als Tausend Gruppen und Vereine. Unsere Aufgabe ist es, das breite Publikum für ModerneKunstzuinteressieren.Kunst- vermittlung ist demokratischer denn je. Trotzdem: Gerade zeitgenössische Kunst, so scheint es, will immer irritieren. Kann sie nicht einfach schön sein wie Mona Lisa? Vieles, was wir heute als «schön» be- zeichnen oder als grosse Kunst, war in der Zeit der Entstehung umstritten oder wurde gar abgelehnt. Das gilt für Künstler aus der Renaissance wie Leonardo Da Vinci, später auch für Monet, van Gogh oder Picasso. Das Werk bedeutender Künstler hat zu Lebzeiten das ästhetische Empfinden der Zeitgenossen meistens herausge- fordert. Kunstwerke erzählen immer etwas über die Zeit und die Umstän- de, in der sie entstanden sind: Das können schöne Dinge sein, aber auch hässliche und geheimnisvolle. Der Betrachter muss also Zeit ha- ben, um sich mit einem Werk vertraut zu machen. Wie geht das? Bekanntlich führen viele Wege nach Rom. Oder zur Kunst. Aber: Nicht jedes Kunstwerk sprichtjedermannanundschongarnichtaufdieglei- che Weise. Die spannendsten Kunstwerke sind oft jene, die sich uns nicht auf den ersten Blick erschliessen. Das ist doch bei uns Menschen ganz ähnlich: Die, die uns gleich beim ersten Treffen begeistern, entpuppen sich vielleicht schon bald als oberflächlich. Und die stillen, eigenartigen offenba- ren ihren ganzen Reichtum vielleicht erst, nachdem wir uns mit ihnen auseinandergesetzt, sie besser kennengelernt haben. Tja, und manchmal macht es einfach «peng!». Das ist dann Liebe auf den ersten Blick, die fürs ganze Leben hält. Also gibt es die richtige Interpretation eines Kunstwerkes gar nicht? Nein, die gibt es nicht. Selbst die Interpretation des Künstlers selbst ist nicht die allein gültige. Wir dürfen dasUrteildesBetrachtersnichtausserAchtlassen,da liegt die eigentliche Erfahrung von Kunst. Manches Die Fondation Beyeler zeigt als erstes Schweizer Museum eine grosse Ausstellung mit Werken des US-Künstlers Jeff Koons. Direktor Sam Keller über Kunst und Karriere, komische Van Goghs und Kunst auf dem Kompost. Text:Gaston Haas; Fotos: Andri Pol «Manchmal macht es einfach ‹peng!› » Zur Person SamKeller,*1966, brachseinStudiumder Kunstgeschichteundder Philosophieab,umbei derArtBaselzujobben. Schonbaldwarer Kommunikationschefder wichtigstenKunstmesse derWelt,dannihr Direktor.Seit2008leitet SamKellerdieFondation Beyeler. Fondation Beyeler – Ernst Beyeler (1921 – 2010) war Galerist, Kunstsamm- ler und Kunstmäzen aus Ba- sel. 1984 gründete er zusam- men mit seiner Frau Hildy die Beyeler-Stiftung, und 1997 wurde die Fondation Beye- ler eröffnet, mit welcher das Paar seine weltberühmte Kunstsammlung permanent der Öffentlichkeit zugänglich macht. Das Museum in Rie- hen BS ist eines der wich- tigsten Häuser für moderne und zeitgenössische Kunst der Schweiz und wurde seit der Eröffnung von mehr als 4 Millionen Menschen besucht. – Die Ausstellung «Jeff Koons» ist noch bis zum 2. Septem- ber zu sehen. fondationbeyeler.ch
  2. 2. 23 6 | 2012 via Interview Sam Keller Erfahren «Kunstgeschichte habe ich nur studiert, weil mir nichts Gescheiteres eingefallen ist.»: Sam Keller hinter der Porzellanskulptur «Michael Jackson and Bubbles» von 1988.
  3. 3. 24 6 | 2012via Erfahren Interview Sam Keller gefällt: schön. Manches gefällt nicht: Und ist viel- leicht auch nicht gut. Und manches ist komplizierter, erfordert Interesse und Auseinandersetzung, fällt ei- nem nicht einfach in den Schoss. Wer in einer länge- renBeziehunglebt,kenntdas(lacht).Esistdochähn- lichwiewennwirimGarteneinneuesGemüseziehen oder ein Rezept zum ersten Mal kochen: Wir können ein Buch lesen, Fernsehsendungen anschauen, uns von Profis beraten lassen – oder wir pflanzen oder kochen einfach mal drauflos und schauen, was dabei rauskommt. Etwa so ist es mit dem Sehen von Kunst. Weretwasoderjemandenverstehenwill,mussetwas Zeit mitbringen. Kunst war in Ihrer Kindheit und Jugend kein Thema. Trotzdem waren Sie schon in jungen Jahren Direktor der weltweit wichtigsten Kunstmesse. Heute leiten Sie eines der bedeu- tendsten und beliebtesten Museen der Schweiz. Eine Karriere aus dem Märchenbuch? Es stimmt, bei uns zu Hause gab es keine Kunst, noch nicht mal Kunstposter hingen an der Wand. Mein Grossvaterhat«buuret»,meinVaterwarMechaniker, meine Mutter Krankenschwester. Deshalb war mein Zugang zur Kunst ein ganz persönlicher. Als Schüler habe ich bei Nachbarn zum ersten Mal Van-Gogh- Reproduktionen gesehen und fand diese «komi- schen» Bilder wahnsinnig spannend. Dann kamen die Schulausflüge in die Museen, später die Skulptu- renausstellungen, die Ernst Beyeler in öffentlichen Parks organisiert hatte. Als Märchen erscheint mein Weg nur im Rückblick; in der Realität war es eine Ab- folgevonzufälligenEreignissen,dieaucheinganzan- deres Resultat hätten zeigen können. Immerhin haben Sie Kunstgeschichte studiert. Kunstgeschichte habe ich nur studiert, weil mir nichts Gescheiteres eingefallen ist. Und abgeschlossen habe ich ja auch nicht. Eine Idee, was ich mit dem Studium anfangen könnte, hatte ich nie. Ich war einfach neugierig. Aber schon bald fehlte mir an der Uni der Zugang zu den Künst- lern meiner Zeit. Und so schaute ich mich um, hatte auch Glück, dass sich immer wieder Möglichkeiten eröffneten. Das einzigKonstanteaufmeinemWegistwohl tatsächlich, dass es nie einen Karrieren- plan gegeben hat. Ausserdem hatte ich viel Glück sowohl mit meiner Arbeit wie mit meiner Familie. Sie gelten als begnadeter Netzwerker. Haben Sie nie Herzklopfen, wenn Sie vor einer grossen Persönlichkeit stehen? Doch doch, das war früher schon so. Und hat auch mit meiner Herkunft zu tun: Als ich schon Direktor der Art Basel war, schickte ich meinen Eltern Vernissage- karten. Tags darauf rief mich meine Mutter an und meinte: «Du, i glaub, das isch nüüt für Lüüt wie uns.» Klar, ich habe mich als Junger jahrelang nicht getraut, in die Galerie von Ernst Beye- ler zu gehen. Was passiert, wenn er mich etwas fragt und ich weiss die Antwort nicht? Ausserdem hab ich ja gar kein Geld, um mir etwas zu kaufen. So sahen meine Ängste aus damals.Heuteistdasnatürlich anders, mit der Zeit wurde die Freude grösser als die Angst. Und ich hoffe, dass mein Herz auch künftig noch «poppert», wenn ich etwas aufregendes Neues kennenlerne. Wie lange dauert es von der Idee einer Ausstel- lung bis zur Vernissage? Durchschnittlich zwischen einem und drei Jahren. Manchmal dauerteslänger.Meisterwerkesindschwer zu bekommen. Es braucht viel Beharrlichkeit, um Kunstsammler zu überzeugen, sich temporär von ihren Schätzenzutrennen.DieaktuelleSchauwarnichtganz so kompliziert, weil ich Jeff Koons schon länger kenne. Der Vorschlag zur Ausstellung liegt vielleicht zwei Jah- re zurück; richtig intensiv an der Ausstellung gearbei- tet haben wir etwa ein Jahr lang. Jeff Koons lässt kaum jemanden kalt: Die Bandbreite der Kritik reicht von Hass bis Verehrung. Warum eigentlich? Ach, das ging und geht wohl allen grossen Künstlern so. Wie lange haben die Leute Picasso oder Warhol als Schmierfinken und Scharlatane bezeichnet? Was neu und anders ist, provoziert. Heute ist er einer der ein- flussreichsten Künstler unserer Zeit und der Liebling der Jungen. Bei Koons kommt ein biografisches Ele- ment hinzu. Seine Ehe mit dem politisierenden Porno- star Ilona «Cicciolina» Staller war ein Fest für die Medien und hat die Irritationen verstärkt. Bis heute, mehr als zwanzig Jahre danach, werden die alten Ge- schichten immer wieder aufgewärmt, als habe sich seither nichts getan. Was hat sich denn getan? Kaum jemand weiss doch, dass Koons wichtige Kunstschulen besuchte und erst vollkommen unver- käufliche Kunst machte. Heute ist Koons einer der grössten Verfechter der Idee, dass Kunst für alle da sein, den Menschen Freude und Hoffnung geben soll. Seine Inspiration holt er aus der Populärkultur: Ge- burtstagskuchen, Blumensträusse, Grusskarten und GeschenkesindDinge,diedenMenschenFreudema- Dies oder das Picasso oder Dalí? Picasso Meer oder Berge? Berge Fisch oder Vogel? Vogel Stones oder Beatles? Stones Louvre oder Tate Modern? Tate Modern Auto oder öV? Zu Fuss «Ichhoffe,dassmeinHerzauch künftignoch‹poppert›, wennichetwasaufregendes Neueskennenlerne.»
  4. 4. 25 6 | 2012 via Interview Sam Keller Erfahren chen. Und daraus macht er dann seine handwerklich unglaublich perfekt verarbeiteten Skulpturen und Ge- mälde. Sie thematisieren die grossen Fragen unserer Existenz: Kindheit und Erwachsenwerden, Vertrauen undSelbstvertrauen,LiebeundErotik,Sehnsuchtund Erinnerung, endliches und ewiges Leben. Koons macht Kunstwerke, die mit dem Betrachter kommu- nizieren. Dass das nicht immer ohne Missverständ- nisse funktioniert, liegt auf der Hand. Schauen Sie sich an, wie wir Menschen bisweilen miteinander kommunizieren (lacht laut). Der «Split-Rocker», die riesige Skulptur aus Zehntausenden von Pflanzen im Park der Fonda- tion Beyeler bezaubert durch ihre Blütenpracht. Lassen sich Natur und Kunst wirklich versöhnen? Ja, Koons zelebriert mit dieser lebenden Skulptur das pralle Leben, den verschwenderischen Reichtum der Natur. Elf Meter hoch ist sie, 70 000 Blumen in allen Farbenblühendarin.EinFestdesLebens–undgleich- zeitigeinSpielmitderEndlichkeitdieserPracht.Kunst orientiertsichoftanderNaturundversuchthieretwas Menschliches,Künstlicheshinzuzufügen.DieSkulptur soll ihr Eigenleben führen dürfen. Bis zum Verblühen. Bis zum Ende im Herbst auf dem Kompost. Angenommen, Sie hätten den Eingang zur Kunst- welt nicht gefunden. Was hätten Sie sein wollen? Ich bin viel unterwegs. Und im Ausland fallen mir im- mer wieder die Schulbusse auf, die die Kinder einsam- melnundindenSchulhäu- sern abliefern. Die Fahrer, die Verantwortung tragen für die Kinder. Und sie auf- wachsen sehen über all die Jahre. Das gefällt mir sehr. Vielleicht wäre ich Schul- busfahrer geworden. Oder Gärtner. Gärtner sind ähn- lich wie Museumsdirektoren. Sie wollen, dass ihre Ar- beit – der Garten oder das Museum – schön anzuse- henist.Beidesäen,imkonkretenundimübertragenen Sinn. Und beide sehen das Resultat ihrer Bemühungen womöglich erst Jahre später. Vielleicht geht die Saat auch erst nach einer Generation auf. Dieser Gedanke gefällt mir sehr. n «GärtnersindähnlichwieMuseums- direktoren.Siewollen,dassihre Arbeit–derGartenoderdasMuseum –schönanzusehenist.» Inspiration aus der Populärkultur mit dem Ziel, Freude zu bereiten: Koons’ Red Balloon Dog.

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