ATLASDIE WELT BEWEGT: DAS MAGAZIN VON GEBRÜDER WEISS AUSGABE 04
Tradition
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Zirkel junger Frauen vorb...
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junge, Steuermann und Matrose auf Postschiffen,
Walfängern und Lastfra...
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Ob Orient Express, Glacier Express oder Transsib,
ob Tren a las Nubes in Argentinien, Rocky Moun-
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Niemand sei eine Insel, schrieb einst John Donne
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Die Welt bewegt:
RAINER GROOTHUIS
10 Gestern in Marienbad
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Die Kolonnaden, auf das Schönste wiederhergerichtet,
im Spiegel der Trinkhalle.
Gestern in Marienbad
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Lasst mich allein am Fels, in Moor und Moos;
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Eine der vielen sanierten
Fassaden erzählt vom
Glanz der frühen Jahre:
das »Grandhotel Pacifik«.
GESTERN IN MARIENBAD 13
REPORTAGE: Rainer Groothuis
Welt flanierten durch Kurpark, Straßen und auf den nahen
Waldwegen, tu...
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Die »Golden Twenties« begannen und brachten auch für
Marienbad für wenige Jahre langsame Erholung,...
KÄSE FÜR BERLIN 15
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hin. Auch das einst erste Haus am Platz, ...
18 GESTERN IN MARIENBAD
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Rainer Groothuis, geboren 1959 in Emden/Ost-
friesland, ist Gesellschafter der Kommunikations-
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REVOLUTION
Zur Geschichte
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24 DIE WUNDERKISTEN-REVOLUTION
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DIE WUNDERKISTEN-REVOLUTION 25
Beulen und Risse werden im Container-Depot
dokumentiert und repariert.
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auf den Ozeanen, Schienen und Straßen dieser Erde unter-
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Bauchgefühl
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Instinkt und Verstand
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VOM GLÜCK ZU REISEN 29
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30 LIEBER NACH BAUCHGEFÜHL
Führungsetagen der Niederlassungen
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Gebrüder Weiss sehr ...
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Mann ab. Man kann sich als Mutter
nicht allein...
32 LIEBER NACH BAUCHGEFÜHL
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LIEBER NACH BAUCHGEFÜHL 33
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Argentinien, Bolivien, Paraguay
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TRADITION AUF WANDERSCHAFT 45
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nicht bei sich tragen, sind Handy o...
46 TRADITION AUF WANDERSCHAFT
ich wollte etwas von der Welt sehen«, sagt Malte Simon heute.
Deshalb tippelte er nach Thail...
TRADITION AUF WANDERSCHAFT 47
KLEINES WALZLEXIKON
Bannkreis. 50-Kilometer-Radius um den Heimatort, den Wander-
gesellen fü...
48 TRADITION AUF WANDERSCHAFT
Jessica Schober arbeitet als freie Journalistin in München. Sie
schreibt für Magazine und Ze...
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Viel
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HARALD MARTENSTEIN
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die Platz für fast alles lässt
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  1. 1. ATLASDIE WELT BEWEGT: DAS MAGAZIN VON GEBRÜDER WEISS AUSGABE 04 Tradition RAINER GROOTHUIS Gestern in Marienbad HEIDI SENGER-WEISS Lieber nach Bauchgefühl WLADA KOLOSOWA »Nirgendwo schläft man besser« HARALD MARTENSTEIN Viel los im Zwischenraum RÜDIGER SAFRANSKI Wider die Konvention Außerdem: Wunderkisten, Wasserstraßen, Wanderschaft
  2. 2. Als Flugbegleiterinnen ganz offiziell noch Stewar- dessen hießen, war der Beruf einem exklusiven Zirkel junger Frauen vorbehalten. In der Stewar- dessenschule der Lufthansa stand 1955 auf dem LehrplanfolgerichtignebenBenimmund Erste- Hilfe-Regeln auch das anmutige Gehen auf hohen Absätzen. In eleganten Kostümen flogen die schlanken und perfekt frisierten Damen durch die Welt und bedienten über den Wolken die wenigen, die sich das Fliegen Mitte des letzten Jahrhun- derts leisten konnten. Heute ist das Bordpersonal kaum noch für Glamour, sondern in erster Linie für die Sicherheit zuständig. Und dazu sind Männer und Frauen gleichermaßen geeignet. »Gerade noch war ich eine durchschnittliche 22-Jährige aus der Londoner Vorstadt, und im nächsten Moment schon lebte ich ein Glamourleben, reiste kostenlos um die Welt und war umgeben von Royals und Prominenten.« Betty Riegel
  3. 3. Herman Melville muss es wissen: Er hat als Schiffs- junge, Steuermann und Matrose auf Postschiffen, Walfängern und Lastfrachtern die Meere befahren. Melville desertierte aufgrund unhaltbarer Bedingun- gen an Bord, verbrachte einige Wochen in Gefangen- schaft auf einer Südseeinsel, rebellierte mit Mann- schaftskameraden gegen die Schiffsführung, wurde letztendlich Schriftsteller und kehrte doch im Alter als Zollinspektor an den Hafen zurück. Es sind wohl nicht zuletzt die vielen Stunden auf den unendlichen Meeren, die einen Charakter fürs Leben prägen. Die Verbindung, die Matrosen seit jeher mit der See eingehen, ist darum eine besondere. Und noch immer zieht es junge Männer auf Schiffen hinaus in die Welt, obwohl schon längst nicht mehr in jedem Hafen ein Mädchen wartet. »Das Leben ist eine Reise, die heimwärts führt.« Herman Melville
  4. 4. 4 ATLAS
  5. 5. Ob Orient Express, Glacier Express oder Transsib, ob Tren a las Nubes in Argentinien, Rocky Moun- taineer in den USA oder Royal Scotsman in Schott- land: In allen Erdteilen gibt es Züge mit klingenden Namen, viele von ihnen gelten unter Reisenden als legendär. Aber was dem einen ein komfortables Verkehrsmittel ist, ist dem anderen ein Arbeitsplatz. Im Idealfall sind Zugbegleiter mit Geduld und Menschenkenntnis ausgestattet und können nicht nur Fahrkarten kontrollieren, sondern darüber hinaus gelassen mit den Wünschen der Reisenden umgehen. Vermutlich hilft dabei, dass sich vor dem Fenster beständig die Kulisse verändert, während der Arbeitsalltag im Zug doch meist derselbe bleibt. – Einblicke in und Ausblicke aus der Transsibirischen Eisenbahn finden Sie übrigens auf Seite 56.  »Ich kenne nur die Bahnhöfe, aber die kenne ich gut.« Polina Konowalowa
  6. 6. Jagtar Singh stammt aus Punjab in Indien und machte sich 1992 zu einer Europareise ­auf. In Österreich hat er sich auf Anhieb so wohlgefühlt, dass er bis heute ­geblieben ist. MitseinerLebensfreude ­begleitetSinghals Chauffeur und Frächter schon seit 15 Jahren seine ­Kol­legen bei GW in ­Maria Lanzendorf. Und nach der Arbeit chauffiert er gut gelaunt seine sieben Kinder.
  7. 7. Niemand sei eine Insel, schrieb einst John Donne und hat recht: Der Mensch ­verortet sich nicht nur geografisch, sondern auch in ­einem histo­rischen Zusammenhang. Er bewegt sich in ­einem Feld von Überlieferungen und Erzählungen, die der ­Anregung und der Bereicherung dienen ­können. Was Marienbad aus seinem Erbe macht, ­erfahren Sie in unserer Titelreportage. Wie kontinuierliche ­An­passungen den Sprung in die Gegenwart ermög­­ lichen, zeigen die Artikel über Standard­container und über die größte Modelleisenbahn der Welt. Und ­bisweilen bleibt, wie bei der Tradition der Walz, aus gutem Grunde fast alles beim Alten. Dass es aber auch ­be­freiend sein kann, mit Übereinkünften zu ­brechenundneueWegezugehen,lesenSieimgro­ßen Interview mit Rüdiger Safranski über Goethe. – ­Bewahren, ­modernisieren oder überwinden: Was wir aus dem Schatz unserer Traditionen machen, liegt an uns, ­immer wieder neu. Herzlich, Gebrüder Weiss
  8. 8. GESCHONT Die Schifffahrt verantwortet am Treibhausgas- Ausstoß der EU einen Anteil von: 4% GEZOGEN Die Cable Cars in San Francisco wurden 1873 in Betrieb genommen. Noch Heute bewegen 4 Motoren die Seile mit einer konstanten Geschwindigkeit von: IN DIE HÖHE II Der Elevador de Santa Justa in Lissabon wurde 1902 errichtet und verbindet zwei unter- schiedlich hoch gelegene Stadtviertel. Er ist genauso hoch wie das Blumenrad im Wiener Prater und misst: 45 m IN DIE HÖHE I Auf dem Bürgenstock in der Schweiz zieht der Hammetschwand-Lift seine Fahrgäste in die Höhe. Er wurde 1905 gebaut und ist fast so hoch wie der Kölner Dom: 152,8 m GEMESSEN Verschiffung von Panamakanal-Tonnen (2,8 Kubikmeter) im Geschäftsjahr 2013/2014: 326,8 Mio. Quelle: Handelsblatt Quelle: PricewaterhouseCoopers GEFLOGEN Laut World Air Cargo Forecast steigt der Luftfracht- verkehr in den nächsten 20 Jahren jährlich um: 4,7% Quelle: Österreichische VerkehrszeitungQuelle: dpaQuelle: EU-Kommission WELTWEIT UNTERWEGS Die fünf größten Reedereien der Welt nach Anzahl der Schiffe: APM Maersk, Kopenhagen MSC, Genf CMA CGM, Marseilles Evergreen, Taipeh Hapag Lloyd, Hamburg 197 186 447 497 605 5 GEHANDELT Die wichtigsten Handelswege 2013 nach transportiertem Warenwert in Milliarden Dollar: BELIEBT Eine Ausbildung in der Logistik wird für den Nachwuchs immer attraktiver. Auf den ersten fünf Plätzen stehen nach der Menge der abgeschlossenen Ausbildungsverträge folgende Berufe: 1.Fachkraft für Lagerlogistik 2.Fachlagerist 4. Berufskraftfahrer 5. Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen 3. Kaufmann für Spedition und Logistik- dienstleistungen 15,3 km/h GELIEFERT Die Tonnage in der Luftfracht belief sich 2014 bei GW auf: 49.500 t 131.000 TEU VERLADEN Im Jahr 2013 hat der nach wie vor größte Seehafen der Welt in Shanghai 33,6 Mio. TEU umgeschlagen. Für diese Gesamtmenge müsste ein vollbeladenes Schiff der Klasse »MSC Oscar« den Hafen 1.748 Mal anlaufen, das sind etwa 4,7 Ladungen dieses Schiffstyps pro Tag. Per Seefracht hat GW 2014 verschifft: China Deutschland Frankreich Japan Südkorea • • •••• •••••••••••••••••••••••••••••••••••• • 491 279 225 237 200 USA ••••• • •••••••••••••••••• • •••••• ••
  9. 9. Die Welt bewegt: RAINER GROOTHUIS 10 Gestern in Marienbad 20 Schön ist, was tschechisch ist et cetera ANDREAS BERNARD 20 Der ungekannte Reiz der oberen Stockwerke 22 Nachgelesen 23 Die Wunderkisten- Revolution HEIDI SENGER-WEISS 27 Lieber nach Bauchgefühl FLORIAN AIGNER 34 Vergessen Sie’s! RÜDIGER SAFRANSKI 37 Wider die Konvention JESSICA SCHOBER 44 Die Walz – Tradition auf Wanderschaft 48 Auf der Wortwalz – Reporterin unterwegs HARALD MARTENSTEIN 49 Viel los im Zwischenraum DAS FAMILIENGEWINNSPIEL 50 Schöne Traditionen TILL HEIN 52 Matterhorn ahoi! 55 Auf den Spuren der Geschichte WLADA KOLOSOWA 56 »Nirgendwo schläft man besser« 60 Wie die Feste fallen 64 Universum in der Nussschale 70 Die Welt orange 72 Impressum
  10. 10. Die Kolonnaden, auf das Schönste wiederhergerichtet, im Spiegel der Trinkhalle.
  11. 11. Gestern in Marienbad Verlasst mich hier, getreue Weggenossen! Lasst mich allein am Fels, in Moor und Moos; Nur immer zu! euch ist die Welt erschlossen, Die Erde weit, der Himmel hehr und groß; Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt, Naturgeheimnis werde nachgestammelt. Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren, Der ich noch erst den Göttern Liebling war; Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren, So reich an Gütern, reicher an Gefahr; Sie drängten mich zum gabeseligen Munde, Sie trennen mich – und richten mich zugrunde. auszug aus johann wolfgang von goethes »marienbader elegie«, september 1823
  12. 12. Eine der vielen sanierten Fassaden erzählt vom Glanz der frühen Jahre: das »Grandhotel Pacifik«.
  13. 13. GESTERN IN MARIENBAD 13 REPORTAGE: Rainer Groothuis Welt flanierten durch Kurpark, Straßen und auf den nahen Waldwegen, tuschelten sich bei Kurkonzerten die Neuigkeiten über diesen und jenen, das und dies in die klatschoffenen Ohren. Ein Kururlaub in Marienbad war Statussymbol für den Geld- und Geistesadel Europas, man wollte sehen und ge- sehen werden. Marienbad, tschechisch: Mariánské Lázně, wurde 1808 offi- ziell zum Kurort erklärt, der Kurbetrieb 1815 aufgenommen. Es erlebte in rund 100 Jahren die rasante Entwicklung von einer Ansammlung von auf trockengelegten Mooren stehen- den Häusern zu einem der gefragtesten Kurbäder der Welt – »die glückliche Fabelprinzessin«, wie der Literat Jan Neruda es nannte, erwachte und erblühte. 1872 kam die Eisenbahn und verband den Ort mit Karlsbad und Prag, 1893 zählte man 16.000 Gäste, 1897 kurte der englische König Edward VII. das erste Mal, war begeistert und wirkte als Magnet: 1904 kamen schon 25.000 Gäste. Die Zahl stieg – unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg – auf 41.000 im Jahr 1929, den bisherigen Höhepunkt der Zählung. Währenddessen drehte sich draußen die Welt: Der Unter- gang der »Titanic« gab dem unbeirrten Zukunftsoptimismus der Belle Époque 1912 einen ersten Stoß, der 1. August 1914 versetzte den zweiten, die Gräuel des Ersten Weltkriegs setz- ten den Schlusspunkt einer Epoche, die lustvoll einer Kultur des Unbeschwerten frönen wollte. Die Kaiserreiche waren 1918 am Ende, neue Staaten und Demokratien wurden gegründet. Auch die k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn zerfiel, am 28. Oktober 1918 wurde die Tschechoslowakei gegründet. »Marienbad: berühmter Badeort in der böh- mischen Bezirkshauptmannschaft Tepl (…) besteht aus sauberen, geschmackvoll erbauten Häusern, welche von Gärten, Blumengruppen und wohlgepflegten Rasenflächen umgeben sind.« MEYERS KONVERSATIONSLEXIKON, 1877 S chaut man am frühen Morgen, wenn alles noch ruhiger und verträumter ist als ohnehin, auf den großen Kur- park, das Zentrum der Stadt, kann man sie sehen und hören, die Damen und Herren der Goldenen Jahre. Die Frauen in fast bodenlangen Kleidern, nie ohne Handtäschchen, die Herren in Ausgehanzügen mit Gehstöcken – Menschen unter modischen Hüten, wie sie sich ergehen, flanierend, plaudernd, flirtend, tuschelnd, einander zugewandt. Ihr Gemurmel er- füllt den Park, das Kurorchester spielt Walzer, Die Moldau von Smetana, zu späterer Stunde vielleicht eine Nocturne, man speist zu Abend, geht ins Casino – gleichwohl früh zu Bett, denn es ist Kur und ihr Schatten nicht immer lang. Das nächt- liche Leben blüht eher im Verborgenen, im Privaten, in der Pension, im Hotel. Goethe weinte hier 1823, nachdem die 55 Jahre jüngere Ulrike von Levetzow den Heiratsantrag des schwärme- rischen 72-jährigen Geheimrats abgelehnt hatte – »keine Lieb- schaft war es nicht«, schrieb später die unverheiratet Ge- bliebene. Goethe dichtete danach, wohl mit der Energie des Verzweifelten, den Faust zu Ende und schenkte der Welt eines der schönsten Liebeskummer-Gedichte, die Marien- bader Elegie, und verabschiedete »die Liebe« aus seinem Leben. Chopin trauerte 1836 um Maria Wodzińska, deren Eltern sie dem tuberkulösen Musiker nicht anvertrauen wollten. »Marienbad – die gemütlichste und modernste Stadt auf dem Kontinent. So schön, wie man sich nur wünschen kann …«, schwärmte Mark Twain 1891 auf seinem Bummel durch Euro- pa, Isadora Duncan tanzte 1902 im Stadttheater. Kafka suchte im Sommer 1916 im Kurpark wieder Wege zu Felice Bauer, 1923 spielte Albert Schweitzer öffentlich Klavier. In Marien- bads mondänen Zeiten der Belle Époque gaben sie sich die vergoldeten Klinken der Hotels in die Hand: Kaiser, Könige, Herzöge, Adlige aller Grade, Schriftsteller, Wissenschaftler, Berühmte, Berüchtigte, Scharlatane und Schöne aus vieler »Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.« OSCAR WILDE
  14. 14. 14 GESTERN IN MARIENBAD Die »Golden Twenties« begannen und brachten auch für Marienbad für wenige Jahre langsame Erholung, die aber mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus zu Ende ging. Bereits im August 1933 wurde hier der deutsch-jüdische Phi- losoph Theodor Lessing von Nazis ermordet, und mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Nazi-Deutschland im August ’38 gehörte Böhmen fortan zum »Protektorat Böhmen und Mähren«. In der Reichspogromnacht im November ’38 wurde auch in Marienbad die große Synagoge niedergebrannt, flohen die jüdischen Bürger die Stadt, und mit ihnen so manche der ge- fährdeten Tschechen. Im Krieg war Marienbad Lazarettstadt und blieb von Zerstörungen weitgehend verschont. Nach der Befreiung durch die Amerikaner und die anschlie- ßende Übergabe an die Rote Armee wurde das Land wie u. a. Ungarn und Polen zum »Bruderstaat« der Sowjetunion. 1946 wurden die Hotels und Kureinrichtungen verstaatlicht, viele von ihnen durch den tschechoslowakischen Gewerk- schaftsbund übernommen. Aber die neuen Gärtner rissen viele Blumen aus: Ständige Auslastung bei ausbleibenden Investitionen in Erhalt und Sanierung der Einrichtungen führ- ten auch in Marienbad zu katastrophalen ökonomischen und ökologischen Zuständen. Die westliche Welt hatte sich in die Globalisierung hinein- entwickelt, als der Eiserne Vorhang sich 1989/90 endlich hob – die Staaten des ehemaligen RGW* wurden in sie hinein- gerissen, in Privatisierung und Renditeorientierung. Vieles, was vorher über den Staat oder entsprechende Organisationen (wie Gewerkschaften, Kulturbünde usw.) verwaltet worden war, war auch in Marienbad nicht zu privatisieren. Noch heute TSCHECHIEN Die Republik Tschechien wurde 1993 nach Teilung der Tschechoslowakei gegründet und setzt sich aus den historischen Ländern Böhmen (Čechy), Mähren (Morava) und Tschechisch-Schlesien (Slezsko) zusammen. Seit 2004 ist Tschechien Mitglied der EU. DICHTE 134 Einw. / km2 STAATSFORM Parlamentarische Republik LANDESHAUPTSTADT Prag FLÄCHE 78.866 km2 EINWOHNERZAHL 10.521.600 *RGW = »Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe«. Mitglieder des RGW waren die Sowjetunion und ihre west- und südwesteuropäischen Nachbarstaaten, gern »Bruderstaaten« genannt, die von der UdSSR auch als Puffer gegen die Natostaaten betrachtet wurden. Doch nicht alles fand neue Besitzer und Investoren, besonders der Verfall des ehemaligen »Hotel Weimar« grämt viele Marienbader; gegenüber das Römische Bad im »Nové Lázně«. ÖSTERREICH SLOWAKEIDEUTSCHLAND Brünn PragMarienbad Karlsbad POLEN
  15. 15. KÄSE FÜR BERLIN 15
  16. 16. 16 GESTERN IN MARIENBAD lungern schönste Bauten aus den mondänen Zeiten vor sich hin. Auch das einst erste Haus am Platz, das Palais Klebels- berg – in dem Goethe wohnte und King Edward VII., das spätere Hotel Weimar, nach der Verstaatlichung umbenannt in »Kavkaz« (Kaukasus) –, ist eine Ruine vergangenen Glan- zes. Traurig und ein wenig trotzig hofft es auf den Prinzen, der es wach küsst und in seine Rettung investiert. Marienbad ist eine Legende des mondänen Kurens geblieben, jener Kombination aus »herrlichem Quartier, freundlichen Wirten, guter internationaler Gesellschaft, hübschen Mäd- chen, Musikliebhabern, angenehmer Abendunterhaltung, köstlichem Essen, neuen bedeutenden Bekanntschaften und wiedergefundenen alten, leichter Atmosphäre«, wie Goethe gesagt haben soll. Bei gesund machender Bewegung und ent- sprechender Trinkkur, versteht sich. Trinken, also Heilwasser trinken, spielt in Marienbad – wie auch in Karlsbad und Franzensbad – noch heute eine große Rolle, sprudeln hier doch rund einhundert Quellen, von denen man sieben in der Trinkhalle kosten kann. Kurgäste und Einwohner strömen herein, füllen ihre Kurbecher und Flaschen mit der ihnen zugeordneten flüssigen Heilkraft – sei es gegen allergische Erkrankungen, Osteoporose, Erkrankun- gen von Magen und Darm, der Nieren und der Harnwege, bei Stoffwechselstörungen oder Atemwegserkrankungen – und trinken sie in kleinen, spitzen Schlucken. Auch für Mineral- bäder und Inhalationen werden die Quellwasser genutzt und sollen, hier und da, Wunder wirken. Die schöne Pegaea, Nymphe, Tochter des Zeus, Hüterin der Heilquellen, ist übrigens die Patronin des neu gestalteten Kur- trinkbechers »La Fontaine«. Aus ihm trinkt, wer auf sich hält. Nicht nur die Tradition der besonderen Oblaten wird fortgeführt – in der Trink- halle nimmt man, wie ehe- dem, das heilende Wasser der Quellen zu sich.
  17. 17. 18 GESTERN IN MARIENBAD »Pomalu – immer schön langsam, lautet das Credo der Tsche- chen, denen Gemütlichkeit über alles geht«, meint der Reise- führer. Doch die wirtschaftliche Dynamik widerlegt diese Beschreibung einer »Volksseele«: Die Tschechische Republik hat sich, nachdem die Slowakei 1993 abgetrennt und souverän wurde, zu einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften des ehemaligen RGW-Raums entwickelt. Die tschechische Wirtschaft war ohnehin vor dem Zweiten Weltkrieg eine der stärksten in Europa. Ihre traditionellen Industriezweige Eisen, Stahl, Kohle, Maschinenbau, Glas, Porzellan, Textil, Holz, Papier, Zellstoff und Bier sorgten für Prosperität. Die traditonelle Fertigung von Glas und Porzellan spielt heute keine Rolle mehr – dafür spricht der Erfolg von Skoda umso lauter. Diese Dynamik spiegelt sich auch im Erfolg von Gebrüder Weiss. Aus den kleinen Anfängen zu Beginn der 90er Jahre wurde ein Netz von heute neun Niederlassungen, im Sommer 2015 wird in Brünn eine neue Ausbaustufe mit rund 33.000 Quadratmetern in Betrieb genommen: Es entsteht »ein hoch- modernes Logistiklager, nach TAPA-Sicherheitskriterien erbaut, ausgestattet mit einem Ortungssystem, mit dem wir die Warenströme noch effizienter verfolgen können«, sagt, stolz auf das Erreichte, Harald Prohaska, Landesleiter von GW Tschechien. Einer der Hauptkunden ist international ein David, natio- nal ein Goliath: Mall.cz ist in Tschechien deutlicher Markt- führer im Online-Versandhandel, sein Wachstum lag 2014 bei 35%. Mall.cz bietet rund 77.000 Produkte, und GW liefert an die Mall-Kunden in Tschechien, der Slowakei und Ungarn innerhalb von nur 24 Stunden. GW Tschechien besorgte 2015 rund 1,3 Millionen Sendungen – Perspektive Wachstum. Das Wachstum in Tschechien soll auch 2014 über dem EU-Durchschnitt liegen, 71 % der Filialleiter österreichischer Unternehmen rechnen mit weiteren Umsatzsteigerungen: Optimismus und Tatkraft treiben die tschechische Wirtschaft an, die besser durch die Finanzkrise kam als manch andere. Es gibt die Marienbader Elegie, das seit 1960 jährlich statt- findende Chopin-Festival, Alain Resnais’ Film Letztes Jahr in Marienbad, 1961 im Kurpark gedreht – aber an die Tradition des mondänen Kurbads konnte nicht angeknüpft werden. Die Reichen und Schönen dieser Welt suchen sich heute ande- re Ziele. Doch kommen bescheidenere Kurgäste aus Russland, der Ukraine, aus Moldawien, Deutschland, Österreich und Tschechen selbst in wachsender Zahl. Längst gibt es neben der einheimischen Küche mit Liwanzen, böhmischem Rauch- fleisch, Schweinebraten mit Knödeln, Palatschinken auch Döner, Pommes frites, Espresso. Und aus den Lautsprechern, die an einigen Geschäften der Hauptstraße Hlavní hängen, säuseln schmeichelnd die Hits des Weltpop. Vieles aus Jugendstil und Neo-Renaissance wurde von russi- schen, deutschen, internationalen Investoren gekauft und aufwendig saniert. Die Stahlkonstruktion der 1888/89 ge- bauten Kolonnaden beeindruckt ebenso wie die Wiederher- stellung des »Grandhotel Pacifik« oder des »Nové Lázně«, des 5-Sterne-Hotels mit original römischem Bad von 1896. Die Musik des vom Architekten Pavel Mikšík geschaffenen Spring- brunnens »Singende Fontäne« schallt nach genauem Zeit- gitter – mittwochmorgens um 7 Uhr gibt sie beispielsweise den »Architektonische Perle. Die Stadt im Park und der Park in der Stadt. Schatzkammer der Heilquellen. Die Stadt, wo berühmte Könige, Adelige, Künstler und Wissenschaftler ihren Aufenthalt genossen haben.« AUFTAKT DER OFFIZIELLEN MARIENBAD- INTERNETSEITE 2015
  18. 18. Rainer Groothuis, geboren 1959 in Emden/Ost- friesland, ist Gesellschafter der Kommunikations- agentur Groothuis. www.groothuis.de Gefangenenchor aus Verdis Nabucco, samstags um 21 Uhr Spiel mir das Lied vom Tod von Ennio Morricone, donnerstags um 12 Tschaikowskys Konzert Nr. 1 b-moll, op. 23. Anna und Jiri, mit denen ich im »Classic Café« ins Ge- spräch komme, studieren beide in Prag, besuchen ihre Eltern in Marienbad. Arbeit für sie werde es hier nicht geben, schade sei es, dass ihre Heimatstadt bislang kein Konzept gefunden habe, das zukunftsträchtig und mehr sei als die Hoffnung auf das weitere Wachstum des Tourismus. »Der Bädertourismus überaltert – Marienbad muss wieder ein kulturelles Zentrum werden, so wie es das früher war, denn auf Kultur ist Marienbad gegründet«, sagt auch der erst 29-jährige parteilose Bürgermeister Vojtěch Franta, der im November 2014 auf der Liste der tschechischen Piraten- partei stand und mit 21 % der Wählerstimmen Bürgermeister wurde. Doch wie früher kann man sich mit dem Fiakerl fahren lassen, und dem Kutscher zuhören, der ungefragt, aber gerne in wundervollem deutsch-tschechischem Singsang vom Alten und Neuen erzählt. Wandert man dann über den Goethova cesta (Goethe-Wanderweg) und schaut auf die Stadt, be- kommt man nicht nur einen Eindruck von ihrer mondänen Vergangenheit – sie liegt ein wenig in der Luft. Und bildet mit Grandezza und Talmi, Morbidem, Geschichte und Kurreizen eine besondere Atmosphäre, eine eigene, sehr ruhige Stim- mung, die einlädt wiederzukommen. Links: Goethe und Ulrike von Levetzow grüßen von ihrem Sockel, während der Fahrer der Kutsche auf neue Gäste wartet; oben: Tradition und Gegenwart, Goethe und »Reality Future«.
  19. 19. 20 ET CETERA Fahrstühle und Hotels Der ungekannte Reiz der oberen StockwerkeEin kleines Volk geht eigene Wege Anders als in allen anderen Ländern, die mit lateinischen Buchstaben schreiben, ist in Tschechien nicht der Internet- riese Google Marktführer bei den Such- maschinendiensten, sondern der lokale Anbieter Seznam.cz. Seznam.cz wurde 1996 gegründet, mit dem Ziel, die im Internet verfüg- baren Informationen für die Tschechen übersichtlich zugänglich zu machen. Damit Suchanfragen der Komplexität der tschechischen Sprache gerecht wer- den, arbeitet Seznam.cz eng mit Sprach- wissenschaftlern an tschechischen Universitäten zusammen. Zudem bietet die Firma ihren Kunden einen kosten- losen E-Mail-Service, ein Streaming- portal, verschiedene Nachrichten- und Informationsdienste und neuerdings auch interaktive (Rad-)Wanderkarten. Um überall nah am Kunden zu sein, betreibt Seznam.cz. im ganzen Land ins- gesamt 14 Filialen, Google dagegen nur eine einzige Niederlassung in Prag. Eine ähnliche Strategie verfolgt auch Mall.cz, ein Online-Versandhandel, Kunde von GW Tschechien, dessen Er- folg den internationalen Handelsriesen Amazon bislang davon abgehalten hat, den tschechischen Markt zu erobern. Damit Mall.cz Marktführer bleibt, set- zen die Unternehmer aus Prag genau wie Seznam.cz vor allem auf Regiona- lität und Kundenzufriedenheit: Bis 14 Uhr im Netz bestellte Waren können bereits ab 16 Uhr in einer der vielen Filia- len persönlich abgeholt werden. Der Kontakt am Serviceschalter schafft Ver- trauen, Liefergebühren und das Warten auf den Paketboten entfallen. »Schön ist, was tschechisch ist«, sagt ein Sprichwort – und behält hier offenbar recht. Schön ist, was tschechisch ist H otels waren im späten 19. Jahr- hundert die ersten mehrge- schossigen Bauten, in denen der Fahrstuhl obligatorisch wurde. Die besten Häuser warben damit, dass sie ihren Gästen schon mit dieser Bequem- lichkeit dienen konnten, und die enge, mobile Kabine, in der sich Fluktuation und Hermetik, Intimität und Anony- mität auf so reizvolle wie manchmal auch beklemmende Weise verbanden, wurde rasch zum Mittelpunkt des Hotellebens. (Vor einigen Jahren hat der Film Lost in Translation diese Kon- stellation noch einmal gewürdigt; die Annäherung der beiden Hauptfiguren im »Park Hyatt« von Tokio ist ganz um den Fahrstuhl herum inszeniert, vom ersten Blickkontakt in der vollbesetzten Kabine bis zum Abschied vor der Auf- zugslobby im Erdgeschoss.) Grandhotels gehören heute zu den letzten Orten, an denen zuweilen noch Liftboys den Dienst verrichten – aller- dings nur zu repräsentativen Zwecken, denn die Druckknöpfe zu den Etagen könnte auch jedes Kind bedienen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein, als die Fahrstühle noch mit Seilen, Hebeln oder Kurbeln gesteuert wurden, war das anders. Die Profession des Fahrstuhl- TEXT: Andreas Bernard E 1 2 3 4 5
  20. 20. ET CETERA 21 führers musste in langer Ausbildung er- lernt werden, mit Prüfungen und Lehr- büchern. Welche Gestaltungsmöglich- keiten diesem Berufsstand damals aber noch gegeben waren, zeigt anschaulich die Geschichte des berühmtesten Lift- wärters der deutschen Literatur: Tho- mas Manns Romanheld Felix Krull ist einer der letzten Virtuosen unter den Fahrstuhlführern. Von Beginn an geht es ihm um die vollendete Beherrschung der mit elektrischer Hebelsteuerung funktionierenden Kabine. Der Fahr- stuhl, sagt er, »will mit Liebe gehand- habt sein. Ich werde nicht ruhen, bis ich nicht die kleinste Stufe mehr zwischen Kabinenboden und Stockwerk mache.« Im Verlauf des Romans zeigt sich dann, wohin Chauffeurskünste einen Lift- boy um 1900 führen können; Krull ver- dankt ihnen die lukrative Affäre mit Mme. Houpflé, die zum wichtigen Mark- stein seiner Karriere als Hochstapler wird. Seine Souveränität als Fahrstuhl- führer hat aber einen historischen In- dex. Bereits kurze Zeit nach der Mitte der 1890er Jahre angesiedelten Roman- episode wäre sie nicht mehr möglich. Der Druckknopf und neue automatisier- te Steuerungsweisen beenden die Herr- schaft des Liftwärters über die techni- sche Apparatur; ob die Kabine sich mög- lichst sanft durch die Stockwerke be- wegt, ob die Schwelle beim Abstellen an den Etagen größer oder kleiner ausfällt, hat mit dem Feingefühl der mensch- lichen Hand fortan nichts mehr zu tun. Der Fahrstuhl, diese magische Kabi- ne, hat aber auch einen weitreichenden Einfluss auf die räumliche und architek- tonische Ordnung von Hotels (und allen anderen mehrgeschossigen Gebäuden, in denen er installiert ist). Denn das Transportmittel führt zu einer Umkehr ihrer vertikalen Struktur. In den Grand- hotels des 19. und frühen 20. Jahrhun- derts fallen Qualität und Status der Zim- mer und ihrer Bewohner in dem Maß, in dem die Etagenzahl steigt, bis hin zu den kargen Kammern des Personals Andreas Bernard, geboren 1969 in München, ist Profes- sor für Kulturwissenschaften an der Leuphana-Universität Lüneburg und Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Im Fischer- Verlag erschien 2006 sein Buch Die Geschichte des Fahrstuhls. Über einen beweglichen Ort der Moderne. direkt unter dem Dach.In Joseph Roths Roman Hotel Savoy von 1924 heißt es noch über diese vertikale Ordnung: »Was oben stand, lag unten, begraben in luftigen Gräbern, und die Gräber schichteten sich auf den behaglichen Zimmern der Satten, die unten saßen, in Ruhe und Wohligkeit.« Zweifellos hängt der schlechte Leumund der hohen Stockwerke mit ihrer beschwerlichen Zugänglichkeit über endlose Treppen zusammen. Der Fahrstuhl befreit die oberen Geschosse von diesem Stigma und verleiht ihnen einen ungekannten Reiz. Gleichzeitig korrigiert er eine bis ins 20. Jahrhundert hinein anhaltende symbolische Disharmonie: dass die Stufenleiter der Architektur zu der des sozialen Lebens im Gegenssatz steht. Im Laufe des 20. Jahrhunderts ver- schwinden jene »hoch Begrabenen« des Hotellebens. Mit der Etablierung des Fahrstuhls lässt sich die Gesell- schaftspyramide nun ebenso im Aufbau mehrstöckiger Gebäude getreu abbil- den. Diese Wandlung ist auch der Gestaltung der Zimmerpreise klar zu entnehmen. In den Baedeker-Reise- führern des späten 19. Jahrhunderts ist das Verhältnis noch klar; in einer Aus- gabe von 1883 heißt es über die Preise in Berliner Luxushotels: »in den oberen Stockwerken und nach dem Hofe hinaus 2–2½ Mark, Parterre und erster Stock 4–7 Mark«. Etwa dreißig Jahre danach beginnt sich das Bild umzukehren, erst in den vielgeschossigen Hotels in New York und anderen Großstädten der USA, ein wenig später dann in den europäi- schen Metropolen. Die Bel-Etage als gla- mouröses Zentrum der Gebäude ver- schwindet; an seine Stelle tritt das Pent- house im obersten Stock, das seitdem in der kollektiven Vorstellungskraft als luxuriöseste Form des Wohnens in viel- stöckigen Häusern verankert ist. Wie unumstößlich seine soziale und kulturelle Strahlkraft bis heute ist, zeigt in einer besonders pointierten Variante der Spielfilm Pretty Woman. Der von Richard Gere gespielte Geschäftsmann Edward nimmt in diesem Film zum ersten Mal die Prostituierte Vivian (Julia Roberts) mit in sein Hotel in Beverly Hills, in dem er wie gewöhnlich das Penthouse bewohnt. Vivian tritt sofort auf die großzügige Terrasse hinaus, wo sie folgendes Gespräch beginnt: »Wow, tolle Aussicht! Ich wette, von hier aus kann man sogar das Meer sehen.« Edward: »Das glaub ich Ihnen. Ich war noch nie auf der Terrasse.« – »Wieso gehen Sie denn nicht raus?« – »Ich hab extreme Höhenangst.« – »Haben Sie? Und wieso wohnen Sie dann in einem Penthouse?« – »Weil ich’s so gewohnt bin. Ich hab vergeblich nach einem Pent- house im ersten Stock gesucht.« Der Fahrstuhl ist jene Apparatur in der Geschichte des Hotels, die einen sol- chen Dialog möglich gemacht hat.
  21. 21. 22 NACHGELESEN Nachgelesen Istanbuls Brücken Im ATLAS I berichteten wir von der Galata-Brücke, Istanbuls »schwimmendem Boulevard« über das Goldene Horn. Seit- dem diese Brücke über die Bosporus-Bucht 1856 in Betrieb genommen wurde, ist die Stadt stetig gewachsen. Mittlerweile gibt es zwei Brücken, die weiter nördlich über den Bosporus führen, die dritte befindet sich im Bau. Die Yavuz-Sultan- Selim-Brücke, eine kombinierte Hänge- und Schrägseilbrücke, wird die Meerenge ganz im Norden auf 1,5 km queren und eine Eisenbahnstrecke sowie eine 8-spurige Autobahn überführen. Eröffnung ist voraussichtlich im Oktober 2015. Die »fünfte Art des Transports« Der Hyperloop, den der Entwickler Elon Musk (PayPal, Tesla, Space X) vor eineinhalb Jahren vorstellte und über den wir im ATLAS II berichtet haben, ist vielleicht schon bald Realität: Das Start-up Hyperloop Transportation Technologies arbeitet mit über 100 führenden Ingenieuren und Designern auf Hoch- touren an der Umsetzung von Musks Idee. Ein zweites Start- up, finanziert von Wirtschaftsmanagern, hat schon konkrete Pläne für eine Hyperloop-Teststrecke zwischen dem Hafen von Los Angeles und Las Vegas entwickelt. The future is now. Empfehlungen Wieder möchten wir Ihnen einige Bücher unserer Autoren ans Herz legen: Rüdiger Safranski hat eine ausführliche Bio- grafie über den großen Dichter geschrieben: Goethe – Kunst- werk des Lebens. Unsere Autorinnen Jessica Schober und Wlada Kolosowa haben an dem Band Russland – Menschen und Orte in einem fast unbekannten Land mitgearbeitet. JESSICA SCHOBER WLADA KOLOSOWA RUSSLAND MENSCHEN UND ORTE IN EINEM FAST UNBEKANNTEN LAND Corso RÜDIGER SAFRANSKI GOETHE KUNSTWERK DES LEBENS Hanser Verlag Gewinner Die Sieger des Familiengewinnspiels unserer Leidenschaft- Ausgabe stehen fest! Madelaine und Robert aus Rumänien dürfen sich über einen ferngesteuerten GW-Truck freuen. Einen Sonderpreis bekamen die Kinder der Spielgruppe »Rappelkiste Kirchfeld« in Österreich, die sich alle einen Orden gebastelt haben – nach Ansicht der Erzieherin Christine Schäfler übrigens hochverdient: »Es sind ganz besondere Kinder!« Die Spielgruppe war einen Tag zu Gast bei Gebrüder Weiss. Wir gratulieren herzlich und drücken allen Teil- nehmern des Gewinnspiels in diesem Heft die Daumen. Sie finden es auf Seite 50. JESSICA SCHOBER WLADA KOLOSOWA RÜDIGER SAFRANSKI GOETHE Die Sieger des Familiengewinnspiels unserer Leidenschaft
  22. 22. RADSPORT 23 DIE WUNDERKISTEN- REVOLUTION Zur Geschichte des Frachtcontainers
  23. 23. 24 DIE WUNDERKISTEN-REVOLUTION M alcom McLean, der 1956 mit der »IdealX« den ers- ten Containerfrachter auf Reisen schickte,  konnte nicht ahnen, welche Auswirkungen das auf die Weltwirtschaft haben würde. Heute gehört das Bild von schein- bar unendlich weit reichenden Container-Depots im Hafen von Rotterdam, Singapur oder Hamburg fest zum Alltag in der Logistik. Die Idee, Waren in Umbehältern zu transportieren, war Mitte des letzten Jahrhunderts allerdings keineswegs neu. Sie konnte sich nur lange nicht gegen die Gepflogenheiten in der Seefahrt durchsetzen. Die Entwicklung neuer Kräne, typen- gleicher Lastwagen und Container erschien viel zu aufwendig. Als Malcolm McLean wieder einmal mit seinem Fuhrunter- nehmen im Hafen auf die Löschung von Ware wartete, ent- schloss er sich, das nun endlich zu ändern und das Frachtgut in Blechkisten zu packen, die viel schneller verladen werden konnten als einzelne Säcke oder Paletten. Kurzerhand ver- kaufte er sein Fuhrunternehmen und erwarb eine Reederei. Zunächst wollte außer ihm niemand an die Rentabilität und die Vorteile der Containerwirtschaft glauben – zu groß waren die Vorbehalte gegen die neumodischen »Schachtelschiffe« und die Sorge um Arbeitsplätze in den Häfen. Die ersten Jahre fuhr McLean mit seinen Containerschiffen daher nur an der US-Küste entlang. Doch nachdem er erfolgreich die US-Streit- kräfte in Vietnam versorgt hatte, erkannten selbst die größ- ten Pessimisten die Vorteile dieser Art von Warentransport. TEXT: Imke Borchers FOTOS: Jakob Börner »McLean beförderte mit seinem ersten Containerschiff in den 1950ern gerade mal 58 Container, heute gibt es Frachter, die über 19.000 laden.« In den 1960er Jahren wurden die auf dem Land und zu Wasser transportierbaren, stabilen Boxen nach ISO-Standard normiert, und der Container eroberte die Seehäfen. Ein gän- giger 20-Fuß-Container wiegt 2,4 Tonnen und kann das Zehn- fache an Gewicht aufnehmen – dabei ist er achtfach in die Höhe stapelbar. McLean beförderte mit seinem ersten Con- tainerschiff in den 1950ern gerade mal 58 Container, heute gibt es Frachter, die über 19.000 laden. Die »CSCL Globe« der Reederei China Shipping, das derzeit längste Container-
  24. 24. DIE WUNDERKISTEN-REVOLUTION 25 Beulen und Risse werden im Container-Depot dokumentiert und repariert. MASSE 20-FUSS-CONTAINER L: 6,095m, B: 2,352m, H: 2,393m Kapazität: 33,2m³ Gewicht: 21.740 / 28.230 kg Lebenserwartung: ca.12–13 Jahre TEU=Twenty-foot Equivalent Unit Über 30 Millionen 20-Fuß-Container und über 15 Millionen 40-Fuß- Container sind weltweit im Umlauf. KURIOSE FUNDE NACH CONTAINER-HAVARIE 29.000 gelbe Plastikenten, 1992 in einem Container über Bord gespült. 61.000 Nike-Turnschuhe, 1990 in schwerem Sturm im Container von Bord geweht. 5 Millionen Lego-Komponenten, 1997 im Container bei Sturm über Bord gegangen. schiff, ist 400 m lang und etwa 58,6 m breit, kann aber maxi- mal 19.000 TEU (20-Fuß-Standardcontainer) transportieren. Das sind 224 weniger als die »MSC Oscar« der Mediterranean Shipping Company. Diese Baureihe, von der derzeit drei Schiffe existieren, ist 395,4 m lang und 59 m breit und momen- tan Spitzenreiter in Sachen Transportkapazität. Auch wenn heute alle Transport- und Hebeeinrichtungen weltweit auf die Standardmaße abgestimmt sind und für die rasche Umladung der ca. 15 Millionen Container sorgen, die
  25. 25. 26 ATLAS Kühlcontainer in der Waschanlage. auf den Ozeanen, Schienen und Straßen dieser Erde unter- wegs sind: Auf die riesigen Containerschiffe muss sich die maritime Wirtschaft erst einstellen. Beispielsweise können den Panamakanal nur Schiffe mit bis zu 8.000 Containern queren; noch in diesem Jahr soll er daher erweitert werden. Und auch so mancher Hafen sieht sich durch die großen Mengen an Ladungen herausgefordert. Bisweilen können die Container gar nicht so schnell weitertransportiert werden, wie sie vom Schiff kommen. In der Folge staut sich die Ware in den Häfen und fehlt an anderer Stelle. Trotz ihrer enormen Stabilität sind die Container aber keineswegs unkaputtbar. Zudem gehen infolge von Havarien jährlich schätzungsweise 10.000 Container über Bord, die dann herrenlos in den Weltmeeren umhertreiben. Diejenigen, die ihren Bestimmungsort erreicht haben und nicht sofort wieder befüllt und aufs Schiff geladen werden, machen in ei- nem Depot- und Reparaturbetrieb Station.Hier wird zunächst die Anamnese aufgenommen: Auf einer Skizze vermerkt ein Mitarbeiter – wie bei einer Autovermietung – den Zustand Imke Borchers, geboren 1982, ist Literaturwissenschaftlerin und Redakteurin des ATLAS. des Containers, etwa Beschädigungen der Wände durch unvorsichtiges Rangieren oder durch starken Seegang. Diese Schäden werden dann von Schlossern oder Tischlern beho- ben. Und natürlich wollen die Boxen nach einer langen Reise auch gereinigt und von unangenehmen Gerüchen befreit werden, die beispielsweise Tierfelle hinterlassen können. Von Zeit zu Zeit ist auch ein neuer Anstrich nötig. Das wird heute aus Kostengründen nur noch in Asien gemacht – hier haben sich dank der Containerrevolution die weltweit größ- ten Seehäfen gebildet.
  26. 26. ATLAS 27 Lieber nach Bauchgefühl Heidi Senger-Weiss über Verwurzelung und Offenheit, Instinkt und Verstand
  27. 27. 28 LIEBER NACH BAUCHGEFÜHL  G ebrüder Weiss gilt als das älteste Transportunter- nehmen der Welt. Macht Sie diese Tradition persönlich stolz? Natürlich. Es ist sehr ungewöhnlich, dass eine Generation nach der anderen in die Fußstapfen ihrer Vorgänger getreten ist und mit demselben Thema berufliche Erfüllung gefunden hat. Und wir sind nicht nur der Branche, sondern auch der Gegend verbunden: In 500 Jahren Unternehmensgeschichte hat sich der Stammsitz nur um 30 km ver- lagert. Wir haben in dieser Region unsere Kraft entwickelt und sind hier verwurzelt, zugleich aber offen nach außen. Als Sie 1968 gemeinsam mit Ihrem Mann die operative Führung dieses Unternehmens übernommen haben, war das eine Zäsur. Zum ersten Mal stand eine Frau an der Spitze dieses sehr traditionsreichen Unternehmens, und das zu einer Zeit, als Frauen selbst für die Eröffnung eines Bank- kontos noch das Einverständnis des Ehemannes brauchten. Das mit dem Bankkonto hat mich weni- ger gestört, aber ich brauchte sogar das INTERVIEW: Frank Haas KLEINE FIRMENCHRONIK Einverständnis des Ehemanns, damit meine Kinder, die ich geboren habe, in meinen Pass eingetragen werden. So war die damalige Situation. Und hätte ich einen Bruder gehabt, wäre mein Leben anders verlaufen. Aber ich war das einzige Kind meines Vaters und der letzte Namensträger. Einen anderen Gesellschafter, der das Unternehmen als offene Handelsgesellschaft hätte führen können, gab es auch nicht. Und dann hat man es halt versucht mit diesem jungen Mädchen von 27 Jahren. Wie wurde das bei den Mitarbeitern aufgenommen? Hat man Ihnen das zugetraut? Die Mitarbeiter waren froh und dank- bar, dass ich diese Aufgabe übernom- men habe, denn sonst wäre das Unter- nehmen an irgendeinen Konzern verkauft worden. Sie haben mich von Beginn an immer unterstützt, auch wenn ich nicht immer für voll genom- men wurde. Ist ja klar: Ich hatte keiner- lei Erfahrung. Mein Vater ist mit 66 Jah- ren gestorben, und die verdienstvolle Führungsmannschaft von Gebrüder Weiss war so zwischen 63 und 70 Jahre alt, als mein Mann und ich begonnen haben. Wir haben als Erstes einen Gene- rationenwechsel durchgeführt, und innerhalb von drei Jahren bestanden die
  28. 28. VOM GLÜCK ZU REISEN 29 Der Mailänder Bote, den die Familien Spehler und Vis (Weiss) im Auftrag der Stadt Lindau in Fußach betreiben, etabliert sich durch den Ausbau des alten Weges durch die Via-Mala- Schlucht. Johann Kasimir Weiss, Mai- länder Bote, wird Kompagnon in der Faktorei in Fußach, die für Zwischenlagerungen und die Kontrolle der Botendienste zuständig war. Johann Wolfgang von Goethe nimmt auf dem Rückweg einer Italienreise die Dienste des Mailänder Boten in Anspruch. Josef Weiss, im Alleinbesitz der Faktorei, führt die Geschäfte mit seinen Halbbrüdern unter neuem Namen weiter: Spedition Gebrüder Weiss. 1474 1781 1788 1823 Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung der ersten Speditionsanlage in Ungarn im Frühjahr 1990.
  29. 29. 30 LIEBER NACH BAUCHGEFÜHL Führungsetagen der Niederlassungen aus lauter 40- bis 45-Jährigen. Das hat Gebrüder Weiss sehr gutgetan (lacht). Was hat Ihnen die Sicherheit gegeben, solche rigorosen Entscheidungen treffen zu können? Es war einfach notwendig. Und jeder hat verstanden, dass jemand, wenn er 68 oder 70 ist, die Niederlassungs- leitung in jüngere Hände legen sollte. Natürlich war nicht jeder happy darüber, aber im Wesentlichen haben wir bei der älteren Führungsmannschaft keinen großen Widerstand gefunden, auch weil wir uns dabei immer fair verhalten haben. Der Innovationsschub war gerade zu diesem Zeitpunkt wichtig, zum Beispiel der Aufbau direkter inter- nationaler Lkw-Verkehre. Inwiefern hat sich Ihre Art der Führung von der Ihres Vaters unter- schieden? Ich würde sagen: vollkommen. Ich bin Ende 1965 ins Unternehmen gekom- men, zwei Jahre vor seinem Tod, und ich weiß, dass er damals schon müde und abgekämpft war. Er hat die Allein- verantwortung für das Unternehmen im Jahr 1921 im Alter von nur 19 Jahren übernommen. Das war eine wahnsinnig schwierige Zeit, und er hat das großartig gemacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als wir fast kein Kapital mehr hatten, hat er dann nochmals alles wieder aufge- baut. Wir konnten eine starke Basis mit einem Niederlassungsnetz über fast ganz Österreich übernehmen. Aber er wäre nicht noch ein weiteres Mal neu durchgestartet. Hatten Sie andere Vorbilder oder moderne Theorien, an denen Sie sich orientiert haben? Ich würde eher sagen, es war Instinkt und der Versuch, es so gut wie möglich zu machen. Ich habe zwar Welthandel studiert, aber diese ganzen Manage- menttheorien, die waren damals noch sehr vage. Es hat halt jeder seine Stär- ken und seine Schwächen. Ich behaupte, meine Stärke lag in der Motivation von Mitarbeitern. Ich konnte gut mit Men- schen umgehen und sie für dieses Un- ternehmen gewinnen. Wir hatten dem- entsprechend wenig Fluktuation und viele begeisterte Mitarbeiter. Dagegen habe ich mir nie eingebildet, der bessere »Spediteur« zu sein. Die Leute, die die Spedition von der Pike auf gelernt haben, die waren alle viel besser, und das habe ich auch akzeptiert. Ich habe andere Dinge gemacht. Und ich hatte in meinem Mann einen tollen Partner, mit dem ich mich sehr gut ergänzt habe. Gemeinsam haben wir meistens die richtigen Entscheidungen getrof- fen. Alleine hätte ich das nicht ge- schafft. War diese berufliche Partnerschaft für Ihr Privatleben manchmal auch belastend? Jeder von uns hat sein Ressort gehabt, für das er hauptverantwortlich war. Sowohl in der Firma als auch zu Hause. Und wir haben uns gegenseitig ver- treten, wenn einer ausgefallen ist. Ich Mit der Eröffnung der Bahnlinie von Lindau nach Bludenz wird der Firmensitz von Fußach nach Bregenz verlegt. Erste Expansionsphase: Filialen in Wien, Triest und Görz – aber auch in Venedig und Genua sowie im deutschen Lindau und in der Schweiz in Buchs, St. Margrethen und Romanshorn werden gegründet. Ferdinand Weiss übernimmt in Zeiten der Weltwirtschaftskrise die Geschäftsführung und baut das Unternehmen aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg muss GW neu beginnen: mit Versorgungstransporten für die Bevölkerung (Liebesgaben) und die Industrie (Marshallplanhilfe). 1872 bis 1914 1921 1945
  30. 30. habe ja in den ersten Jahren drei Kinder geboren, also hing viel von meinem Mann ab. Man kann sich als Mutter nicht alleine um die Familie kümmern, wenn man gleichzeitig ein Unterneh- men führt. Wir haben uns also immer gegenseitig gebraucht und gegenseitig respektiert. Mussten Sie nie Regeln für die Tren- nung von Beruflichem und Privatem aufstellen? Wir haben uns bemüht, in Anwesenheit der Kinder vor allem eines nicht zu tun: die Probleme der Firma besprechen. Führungskräfte beschäftigen sich wenig mit den Dingen, die gut gehen. Die nimmt man mit Freude zur Kenntnis und hakt sie ab. Dagegen beschäftigt Expansionsphase in Österreich und erste Westeuropaverkehre. Heidegunde und Paul Senger- Weiss übernehmen die Führung des Unternehmens. Nach 113 Jahren wird die Zentrale von Bregenz in das nahe gelegene Lauterach verlegt. Gebrüder Weiss expandiert in die benachbarten mittel- und osteuropäischen Länder. Gleichzeitig wird in Shanghai die erste Niederlassung in Fernost gegründet. ab 1950 1968 1985 1989 man sich permanent mit Problemen: »Da ist mir wieder der Kunde oder ein Partner abhandengekommen, dort hat mich die Konkurrenz unterboten, und jener Mitarbeiter hat gekündigt.« Und dann wundern sie sich, wenn die nächste Generation sagt: »Nein, also den Laden will ich nicht über- nehmen.« Was würde Ihr Vater wohl sagen, wenn er heute noch mal für einen Tag hierherkäme und sehen würde, was inzwischen alles passiert ist? Na, wenn er das neue Headquarter hier sehen könnte, würde er sich sehr wun- dern … Ich nehme an, er würde sich wie Sie an den grünen Möbeln stören, oder? (Lacht.) Zum Beispiel. Das Orange haben wir ja ihm zu verdanken. Das war damals eine absolute Innovation, sonst waren alle Lkw mausgrau oder schwarz. Mein Vater war der Erste, der den Mut hatte, Lkw farbig anzu- malen. Im Januar 1962 feiert Ferdinand Weiss mit Tochter Heidi, Frau Gertrude und leitenden Mitarbeitern seinen 60. Geburtstag.
  31. 31. 32 LIEBER NACH BAUCHGEFÜHL Weiss-Röhlig erweitert die Überseepräsenz um Singapur und Hongkong. In Kroatien wird eine Landesorganisation gegründet. Durch Beteiligun- gen an Speditionen in Rumäni- en und Bulgarien dehnt sich Gebrüder Weiss auf die Alpen- Donau-Region aus. Die Überseepräsenz von Weiss- Röhlig wird nach Nordamerika und Dubai erweitert. Gebrüder Weiss ist nun auch operativ in Serbien-Montenegro tätig. Heidi und Paul Senger-Weiss wechseln in den Aufsichtsrat. Wolfgang Niessner als Vor- standsvorsitzender und Peter Kloiber stehen gemeinsam mit Wolfram und Heinz Senger- Weiss an der Spitze des Unter- nehmensvorstands. Durch Firmenübernahmen baut GW die Air & Sea-Aktivitäten weiter aus. Mit Markteintritt in Bosnien-Herzegowina und Mazedonien stärkt GW sein Netzwerk in der Balkanregion. Weiss-Röhlig eröffnet Büros in Thailand und Japan. 2000/2001 2003/2004 2005 2008/2009 Aber war das nicht anfangs ein Ver- sehen? Das war ja die Rostschutzfarbe. Ja, das war die Rostschutzfarbe auf einem Lkw, der noch nicht fertig war, aber eingesetzt werden musste. Als mein Vater den gesehen hat, hat er gesagt: »Super, den sieht man ja von der Ferne schon! Diese Farbe nehmen wir für unsere Lkw.« Damit es nicht gar so krass ist, hat man zunächst die grauen Planen beibehalten und es später mit blauen Planen versucht. Aber der Lkw war immer orange. Ja, das würde ihn sicher freuen, dass wir ansonsten nach wie vor das Orange hochhalten. Gibt es umgekehrt ein Ereignis in der Firmengeschichte, bei dem Sie gerne dabei gewesen wären? Ja, da gibt es sicherlich eine ganze Reihe, beispielsweise das Jahr 1781, als mein Vorfahre Johann Kasimir Weiss eingeladen worden ist, sich an der Fußacher Faktorei zu beteiligen, einer Vorgängerfirma der Spedition. Der Bruder des Faktoreibesitzers hatte mit einem anderen Investment Konkurs gemacht, und es wurde wohl Kapital gebraucht. So war unsere Familie dann bereits mit 50 Prozent beteiligt. Der älteste Sohn, Josef Weiss, hat dann geschickt geheiratet und wurde der Schwiegersohn seines Partners. Auf diese Art und Weise sind dann 100 Pro- zent bei der Familie Weiss gelandet. Das war sicher eine spannende Zeit. Und was würde die heutige Frau Senger-Weiss der Frau Senger-Weiss von 1968 raten? Ehrlich gesagt: Ich hab damals gesund- heitlich gelitten. Die Verantwortung, die da über mich hereingebrochen ist, ging ein bisschen über meine Kräfte. Der Heidi Weiss von damals würde ich deshalb zu etwas mehr Gelassenheit raten. Und auch zu der Bereitschaft, anzuerkennen, dass man Fehler machen darf. Das Wichtige ist nur, dass die Summe der Fehler deutlich kleiner ist als die Summe der richtigen Entschei- dungen. Aber wenn man so neu an- fängt, dann hat man eine wahnsinnige Angst davor, Fehler zu machen. Und das belastet. Haben Sie bei Ihren Entscheidungen eher auf Ihren Kopf oder eher auf Ihren Bauch vertraut? Ich bin eine Frau. Und Frauen sind stark emotional orientiert. Wenn ich gegen mein Gefühl entschieden habe, dann war das meistens falsch. Aber es gibt natürlich Menschen, die ihre Entschei- dungen rein rational treffen. Das Kerngeschäft Ihrer Ahnen, der Botendienst zwischen Lindau und Mailand, war sehr strapaziös und gefährlich. Hat sich daraus ein Ver- haltenskodex entwickelt? Mit Sicherheit. Unsere heutigen Werte leiten sich direkt daraus ab. Zum Bei- Heidegunde Senger-Weiss wurde am 20. 05.1941 in Wien geboren. Nach Volksschule und Realgymnasium in Bregenz studierte sie an der Wiener Hochschule für Welthandel. Nach einem Speditionspraktikum in der Schweiz, in Holland und in den USA stieg sie 1965 bei Gebrüder Weiss in Wien als Assistentin des Niederlassungsleiters ein. 1968 übernahm sie gemeinsam mit Paul Senger-Weiss die Gesamtverantwortung für Gebrüder Weiss mit 1.000 Mitarbeitern in Österreich und einer Niederlassung in Hamburg. 1969 traten beide die Ge- schäftsleitung an. Geburt der Kinder Wolfram (1971), Elisabeth (1972) und Heinz (1974). 2005 wechselte Heidi Senger-Weiss in den Aufsichtsrat und ist derzeit Aufsichtsratsvorsitzende. Die Söhne Wolfram und Heinz sind in den Vorstand nachgerückt.
  32. 32. LIEBER NACH BAUCHGEFÜHL 33 Das Air & Sea-Netzwerk in Südamerika wird um die Länder Argentinien, Bolivien, Paraguay und Uruguay erweitert. Gründung eines Joint Ventures in Tiflis (Georgien). Ausbau der Präsenz in Süddeutschland und Aufnahme des operativen Geschäfts am Standort Monte- negro. 2011 2012 spiel die Risikobereitschaft. Mein Mann und ich sind im Oktober über die Schlüsselstelle der Mailänder Boten- route gewandert, von Thusis bis hinun- ter nach Isola. Dazwischen liegen drei Schluchten, die Via Mala, die Roffla- schlucht und das Cardinell. Und der 2.100 Meter hohe Splügenpass. Wir haben das in drei Tagen geschafft, der Mailänder Bote hat dafür nur zweiein- halb Tage gebraucht. Dabei hatten wir nichts zu tragen, wir hatten keine Maul- esel zu führen, wir hatten wunderbares Wetter. Damals war das ein enormes Risiko und eine große Verantwortung: Die Boten mussten hohe Kautionen leisten, sie hatten die volle Verantwor- tung für ihre Waren. Wenn der Maulesel ausgerutscht und die Ladung in die Schlucht gefallen ist, dann sind sie oft hinuntergeklettert und haben versucht, das wieder heraufzuholen. Außerdem mussten sie auch Sprachen können, Schwyzerdütsch, Italienisch, sie muss- ten die Zollbestimmungen kennen, mussten geschickt sein und wissen, wie man abgefertigt wird. All das sind Dinge, mit denen wir auch heute noch konfrontiert sind. Und trotz dieser Herausforderungen ist es bereits Ihren Vorfahren gelun- gen, die Erben jeweils zur Nachfolge zu bewegen. Was hat die Leute damals motiviert? Der Beruf war doch auch toll! Der Bote kommt hinunter nach Mailand, der kommt in eine total andere Welt, aus diesem kleinen Dorf Fußach direkt in eine Weltstadt! Vielleicht bringt er Orangen mit, oder Seidenstoffe, er hört und sieht, was sich im Mittelmeerraum tut. Dann kehrt er zurück und erzählt am Stammtisch davon. Das ist doch hundertmal interessanter, als wenn ich meinen Bauernhof bewirtschafte und höchstens einmal eine Kuh ein neues Kalb bekommt. Nichts gegen einen Bauernhof, aber Bote zu sein war ein sehr spannender Beruf. Und diese Be- geisterung für den Beruf der Mobilität hat sich fortgesetzt, die Nachkommen waren zunächst als Gehilfen dabei, später als Stellvertreter, und schließlich waren sie selbst verantwortlich. Das heißt, im Grunde war das Ge- werbe immer auch ein großes Aben- teuer? Ein Abenteuer auch, ja. Vor allem liegt unserer Familie aber die Freude an der Mobilität im Blut. Und dafür bedarf es auch einer Offenheit gegenüber anderen Kulturen. Bodenständigkeit ist gut, aber ein Fuhrwerker, der sich Mobilität auf seine Fahnen geschrieben hat, der muss zugleich weltoffen sein gegenüber anderen Einflüssen, anderen Kulturen, die er dann nach Hause mitbringt und dort erzählt: »Horch einmal, ich hab was Tolles erlebt!« Wo man bereit ist, andere zu respektieren, und nicht im- mer nur meint, dass man selber das Allerbeste tut, entstehen positive neue Impulse. Aber das hat jetzt wieder nichts mit Tradition zu tun. Eigentlich schon. Das Gefühl einer Verortung ist mir jedenfalls sehr wichtig. Zu wissen, wo gehöre ich hin, was ist meine Heimat. Und dann kann ich auch weltoffen und innovativ sein. Schauen Sie sich die großen und erfolgreichen Familienun- ternehmen in Vorarlberg an, die haben alle beides: Die sind am Ort verwurzelt, und gleichzeitig sind sie überall in der Welt aktiv. Und das ist eine Gabe, die wir auch bei Gebrüder Weiss immer gehabt haben und hoffentlich auch in Zukunft immer haben werden: dass wir uns auf unsere Wurzeln besinnen und gleichzeitig die Bereitschaft haben, neue Wege zu gehen. Natürlich darf kein Experiment so risikoreich sein, dass das Unternehmen als Ganzes gefährdet wird. Aber wir sollten mutig bleiben und offen für Neues. Auch wenn nicht sicher ist, dass jedes Experiment gelingt. | FH Mit Heinz, Elisabeth und Wolfram in der Via-Mala-Schlucht – eine der gefährlichsten Passagen, die der Mailänder Bote zurück- legen musste. Übernahme des Transportunter- nehmens Far Freight, Ausdeh- nung des Wirkungskreises weiter Richtung Zentralasien. Gebrüder Weiss ist mit 150 Standorten in 27 Ländern vertreten. Rund 6.000 Mitarbeiter tragen zum Erfolg des Unterneh- mens bei. 2013 2015
  33. 33. 34 ATLAS S olomon Shereshevsky war verzweifelt. Er konnte sich problemlos lange Zahlenreihen merken und sie sogar Jahre später noch wiedergeben, doch er konnte nicht vergessen. Sosehr er es sich auch wünschte, es gelang ihm nicht, die nutzlosen Daten wieder aus seinem Gedächtnis zu vertreiben. Er schrieb die Zahlen sogar auf Papier, um sie zu verbrennen und auf diese Weise loszuwerden. Doch auch wenn die Zettel zu Asche zerfielen – die Zahlen blieben in seinem Gedächtnis eingebrannt. Während das Erinnern für Shereshevsky, einen russischen Journalisten der 1920er Jahre, etwas ganz Selbstverständliches (und gleichzeitig Belastendes) war, gibt es Menschen, deren Gedächtnis dahinschwindet, die durch degenerative Erkran- kungen oder durch Unfälle ihre Erinnerung verloren haben. Für die Angehörigen ist das meist sehr bitter – denn ohne Ge- dächtnis ist ein Mensch nicht mehr der, der er war. Was wäre Paris ohne den Eiffelturm und frisch gebackene Baguettes? Was wäre Wien ohne Kaffeehäuser und klassische Musik? Und was wäre Tante Ulrike ohne die Geschichten, die sie erzählt, und den Hefekuchen, den sie jeden Sonntag bäckt? Egal ob wir über die Gesellschaft, über den Charakter einer Stadt oder über bestimmte Personen nachdenken – Identität hat immer mit Tradition, mit Erinnerung, mit Gedächtnis zu tun. Das kollektive Gedächtnis bringt Traditionen hervor, die eine Gesellschaft formen. Und wir selbst definieren uns durch das, woran wir uns erinnern, durch das, was wir lieber wieder vergessen, und durch das, was wir gerne wiederholen. Ohne Tradition, Erinnerung und Vergangen- heitsbewusstsein wären wir nicht wir selbst. Doch auch das Vergessen ist eine wichtige Leistung unseres Gehirns. ESSAY: Florian Aigner ILLUSTRATIONEN: MareikeEngelke Vergessen Sie’s!
  34. 34. Ein besonders bemerkenswertes Beispiel dafür, wie Ge- dächtnisverlust das Leben durcheinanderwirbeln kann, ist die Geschichte von Clive Wearing. Er war ein erfolgreicher briti- scher Musikwissenschaftler und Dirigent, er leitete einen Chor, in dem auch seine Frau Deborah sang. Doch 1985 wurde er plötzlich von einem Virus befallen, das Teile seines Gehirns zerstörte. Beschädigt wurde insbesondere der Hippocampus, eine Hirnstruktur an der Schläfe, die entscheidend daran beteiligt ist, zwischen Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis zu vermitteln. Wearing kann seither weder alte Erinnerungen abrufen noch neue Informationen im Langzeitgedächtnis abspeichern. Für ihn gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft, ständig hat er das Gefühl, gerade eben aufgewacht zu sein. Er erklärt seinem Pflegepersonal, er sei nun zum ers- ten Mal endlich wieder bei Bewusstsein und könne wieder klar denken – und Minuten später erzählt er genau dasselbe wieder. Doch ganz verschwunden ist seine Erinnerung nicht. Zwar weiß er nicht, wo er ist, und er kann sich nicht an die Namen seiner Kinder erinnern, doch er sehnt sich nach seiner Frau, wenn sie nicht da ist, und umarmt sie innig, wenn sie ins Zimmer kommt – egal ob er sie monatelang nicht gesehen hat oder ob sie nur mal eben ein paar Minuten draußen war. Auch seine musikalischen Fähigkeiten sind zumindest teilweise geblieben. Seine Finger finden sich immer noch am Klavier zurecht, die Musik gibt ihm die zeitliche Struktur zurück, die sein Gehirn verloren hat. Die Wissenschaft hat schon viel darüber gelernt, wie es unserem Gehirn gelingt, Informationen abzuspeichern und zu behalten – nicht zuletzt durch Untersuchungen an Ge- dächtniskünstlern und Menschen mit Gedächtnisstörungen. Doch völlig verstanden sind die Mechanismen des mensch- lichen Erinnerungsvermögens noch immer nicht. Fest steht, dass die Verschaltungen zwischen unseren Nervenzellen, die sich ständig verändern, eine entscheidende Rolle spielen. Die Neuronen in unserem Gehirn werden aktiv und können ein elektrisches Signal an viele andere Nerven- zellen weiterleiten, mit denen sie verbunden sind. Ein Gedan- ke ist nichts anderes als ein wohlgetaktetes elektrisches Auf- blitzen einer bestimmten Gruppe von Nervenzellen. Wenn Zellen oft gemeinsam aktiv sind, dann kann sich dadurch die Verbindung zwischen ihnen verstärken. Damit wird es einfacher, durch eine elektrische Aktivität der einen Zelle auch die andere Zelle zu aktivieren. So entstehen festere Verbindungen zwischen Zellen – und letztlich auch Gedan- kenverbindungen, Assoziationen, neu erlernte Fähigkeiten. Es gibt keine zentrale Nervenzelle, die den anderen befiehlt, was sie speichern sollen. Das Gedächtnis liegt in einem neuronalen Netz, im komplizierten System der unzähligen Verschaltungen und Verbindungen zwischen den einzelnen Zellen. Dass beim Einspeichern neuer Sinneseindrücke ins Lang- zeitgedächtnis bestimmte Hirnareale im Schläfenlappen eine Schlüsselrolle spielen, weiß man von Patienten wie Clive Wearing. Bestimmte Verletzungen dieser Areale führen zu Gedächtnisproblemen. Ob aber auch umgekehrt ein beson- ders gutes Gedächtnis eine biologische Ursache im Gehirn haben muss, ist nicht ganz geklärt. Gedächtniskünstler, die sich bei internationalen Wettbewerben Zahlenkolonnen einprägen oder die genaue Reihenfolge zufällig gemischter Kartendecks auswendig lernen, arbeiten mit Techniken, die jeder von uns lernen kann. Ein außergewöhnlich gebautes Gehirn ist dafür nicht nötig. Unser Gehirn ist normalerweise ziemlich schlecht darin, sich trockene, langweilige Daten zu merken. Spannende, »Völlig verstanden sind die Mechanis- men des menschlichen Erinne- rungsvermögens noch immer nicht.« VERGESSEN SIE’S 35
  35. 35. 36 VERGESSEN SIE’S bunte, emotionale Geschichten allerdings kann es hervor- ragend abspeichern. Man muss also eine Methode finden, trockene Gedächtnisinhalte in etwas umzuwandeln, womit das Gehirn gut arbeiten kann. Wenn man etwa jeder Spiel- karte eine bekannte Person zuordnet und sich dann eine Ge- schichte ausdenkt, in der all diese Personen in der richtigen Reihenfolge vorkommen, wird es plötzlich viel einfacher, sich das Kartendeck einzuprägen. Ganz Ähnliches dürfte auch im Kopf des russischen Ge- dächtniskünstlers Solomon Shereshevsky vorgegangen sein, der nicht vergessen konnte. Shereshevsky war Synästhet, bei ihm waren unterschiedliche Sinneseindrücke eng verknüpft. Ein Synästhet kann beispielsweise beim Hören eines Tons auch eine Farbe wahrnehmen, oder eine Berührung kann gleichzeitig eine Geschmackswahrnehmung hervorrufen. Die Zahl Eins war für Shereshevky ein stolzer, gut gebauter Mann, die Zahl zwei eine übermütige Frau. Solche Assoziationen musste er sich nicht erarbeiten, sein Gehirn brachte sie ganz automatisch hervor. Zu beneiden war Shereshevsky allerdings nicht. Er fühlte sich von der vielen Information überwältigt und konnte zwi- schen wichtigen und unwichtigen Dingen nicht unterscheiden. Mit metaphorischer Sprache konnte er nicht umgehen, Poesie war für ihn unverständlich. Gerne wäre er seinen Erinnerungs- ballast wieder losgeworden – doch man kann nicht aktiv und bewusst vergessen, so wie man aktiv und bewusst etwas aus- wendig lernt. Auch die Amerikanerin Jill Price empfindet ihr Gedächtnis eher als Last. Sie kann Jahrzehnte ihres Lebens lückenlos wiedergeben und weiß genau, was sie an welchem Tag ge- macht hat. Sie berichtet, dass Gefühle und Stimmungen beim Erinnern wieder in der ursprünglichen Stärke zurückkehren, und beklagt, dass sie dadurch unerfreuliche Ereignisse nie wieder loswerden kann, auch wenn sie eigentlich schon längst keine Rolle mehr spielen sollten. Wenngleich wir uns oft über unser schlechtes Gedächtnis ärgern – das Vergessen ist eine wichtige Fähigkeit. Erst indem »Unser Gedächtnis und alles, was wir gelernt und abgespeichert haben, macht uns zu der Person, die wir sind.« wir manches behalten und anderes vergessen, legen wir für uns fest, was wichtig ist und was nicht. Unser Gedächtnis und alles, was wir gelernt und abgespeichert haben, macht uns zu der Person, die wir sind. Um das Leben erfolgreich bewältigen zu können, brauchen wir allerdings unbedingt auch die Fähig- keit zur Veränderung. Wir müssen Neues dazulernen und Altes vergessen. Vielleicht verhält es sich mit dem kollektiven Gedächtnis, mit unseren sozialen Konventionen, unseren Bräuchen und Traditionen ganz ähnlich. Wie unsere Erinnerungen in einem Netz aus verbundenen Nervenzellen wohnen, leben Traditio- nen in einem Netz aus miteinander verbundenen Menschen. Ohne Erinnerung an das Vergangene weiß man nicht, wer man ist. Doch es gehört auch zum Leben, Neues hinzuzufügen, unwichtig Gewordenes zu verwerfen, Altes zu verbessern. Die wichtigste aller Traditionen ist die ständige Veränderung. Florian Aigner wurde 1979 geboren. Er ist pro- movierter Quantenphysiker und arbeitet als Wissenschaftserklärer in Wien. Neben journalisti- scher Arbeit widmet er seine Zeit dem Einsatz für wissenschaftlich-rationales Denken und gegen esoterischen Aberglauben.
  36. 36. ATLAS 37 J ohann Wolfgang von Goethe ist der wohl prominenteste Kunde in der langen Firmengeschichte von Gebrüder Weiss. Rüdiger Safranski hat mit seiner Biografie Goethe. Das Kunstwerk des Lebens nicht nur die Rei- sen des Dichters, sondern die gesamte Bandbreite seiner Interessen und Tätigkeiten beleuchtet und zeigt, wie der Dichter sein Leben zum Kunst- werk veredelte. Als Goethe 1788 von einer Italienreise zurückkehrte, hat er sich in Mailand dem Lindauer Boten angeschlossen, der ihn über die Alpen führte. Auf diese Weise wurde Goethe Teil der Firmenidentität von Gebrüder Weiss. Kann man Goethe generell als mobi- len Menschen bezeichnen? Ja, auf jeden Fall. Goethe ist gerne gereist, und er ist viel gereist, weit über 10.000 Kilometer. Gemessen an der Ein Gespräch mit RÜDIGER SAFRANSKI über Goethes Welterfahrungen diesseits und jenseits der Konvention Teil 1: Von Weimar in die Welt Bewegungsform seiner Zeit war er ein Vielreisender. Seltsamerweise konnte er in den wackligen Kutschen und auf den schlechten Wegen beim Fahren lesen. Und nicht nur das, er konnte unterwegs sogar schreiben. Die Marienbader Elegien zum Beispiel hat er noch in der Kutsche entworfen, als er von Marien- bad zurück nach Weimar aufbrach. Was hat ihn seinerzeit an Italien so interessiert? Italien war damals in Deutschland besonders für die Bildungsschicht das gelobte Land der Kunst – wegen der Malerei, wegen des berühmten süd- lichen Lichtes, aber auch der, wie man dachte, lockeren Sitten wegen. Außer- dem war Italien das Land der Antike. Und unter den Gebildeten in Deutsch- land gab es eine große Ehrfurcht vor der antiken Kunst, der antiken Tragödie und den antiken Philosophen. Es kam INTERVIEW: Frank Haas Rüdiger Safranski wurde 1945 geboren und studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte. Bekannt wurde Safranski durch seine Biografien über Arthur Schopenhauer und Martin Heidegger. Im Januar 2002 übernahm er zusammen mit Peter Sloterdijk die Moderation des Philosophischen Quar- tetts im ZDF. Rüdiger Safranski ist als einer der profiliertesten deutschen Denker Mit- glied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und des Pen-Clubs Deutsch- land. Wider die Konvention
  37. 37. 38 WIDER DIE KONVENTION aber noch etwas Persönliches hinzu: Sein Vater war in Italien gewesen und hatte auch ein Buch geschrieben, einen braven Reisebericht. Und dem kleinen Goethe, der alles sah, was der Vater aus Italien mitgebracht hatte, war schon früh klar, dass er auch dorthin musste. Er wollte zum Vater aufholen und gewis- sermaßen auf Augenhöhe mit ihm sein. Es gibt sogar ein recht bekanntes Buch von Kurt Eissler, einem Psychoanaly- tiker und Freud-Schüler, der für dieses Motiv noch eine zusätzliche Begrün- dung gefunden hat: Er behauptete, dass Goethe, indem er den Vater in Italien »eingeholt« hat, überhaupt erst sexuell potent geworden sei. Aber das ist eine Spekulation, und ich halte nicht viel davon. Ich erwähne das nur, weil die ganzen Überlegungen, warum Goethe nach Italien gefahren ist, mitunter sehr skurrile Blüten getrieben haben. Die Reise nach Italien als Erfüllung eines lang gehegten Traums? Auch. Goethe entscheidet sich zudem für diese Reise in einer Krisensituation. Als er 1786 aufbrach, war er in Weimar bereits hoch aufgestiegen, ein hoher Beamter, direkt neben dem Herzog. In diese Geschäfte war er sehr einge- spannt, und er hatte Angst, seine poe- tische Ader könnte austrocknen. Er fährt also auch nach Italien, um sich als Künstler wiederzufinden. Wenn Sie so wollen, ist das eine wirklich existen- zielle Reise, mit der er die Frage be- antworten will: »Bin ich noch ein Autor, oder bin ich ein ehemaliger Autor?« Er nimmt einen Riesenstapel von Manu- skripten in der Kutsche mit, um in Italien ordentlich zu schreiben und all seine angefangenen Werke endlich zu Ende zu bringen. Insofern ist es nicht einfach nur eine Vergnügungsreise, nicht einfach nur eine Reise zur Kunst, sondern auch eine Reise, um heraus- zubekommen, ob er noch ein Autor ist, der mit seinen Werken fertig wird. Eigentlich ein sehr moderner Ge- danke: ein Sabbatical gewissermaßen. Und der Herzog hat sich sogar auf volle Lohnfortzahlung in Italien fest- legen lassen, obwohl er von den Reise- plänen nicht begeistert war. Goethe Johann Wolfgang von Goethe 28.08.1749 Goethe wird in Frankfurt geboren. 1765–1771 Studium der Rechts- wissenschaften in Leipzig und Straßburg 1773 Mit der Veröffentlichung des Dramas Götz von Berlichingen erreicht Goethe erstmals nationale Bekanntheit. 1774 Die Leiden des jungen Werther machen den jungen Autor europaweit berühmt. ab 1775 Staatsrat in Weimar 1786 –1788 Reise nach Italien 1788 Goethe lernt Christiane Vulpius kennen. 1794 Beginn der engen Freundschaft zu Schiller 1795/96 Wilhelm Meisters Lehrjahre. Roman 1806 Hochzeit mit Christiane Vulpius 1808 Faust. Eine Tragödie. Drama 1810 Zur Farbenlehre. Wissenschaft- liche Abhandlung 1816 Tod von Christiane Vulpius. 1819 West-östlicher Divan. Gedichtzyklus 1823 Reise nach Marienbad. Auf dem Rückweg schreibt der alte Goethe die berühmte Marienbader Elegie. 22. 03.1832 Goethe stirbt in Weimar.
  38. 38. WIDER DIE KONVENTION 39 aber bleibt erst weitaus länger als ursprünglich vereinbart und will dann nach seiner Rückkehr auch noch eine Gehaltserhöhung. Lässt sich daraus ablesen, wie wichtig er am Hof in Wei- mar war? Goethe geht hier durchaus ein beträcht- liches Risiko ein. Er setzt so gut wie keinen in Kenntnis von seinen Plänen, noch nicht mal seine damalige Ge- liebte, die Frau von Stein. Dem Herzog sagt er im allerletzten Moment, dass er Urlaub braucht und in Richtung Süden fahren möchte. Mehr nicht. Und der Herzog gewährt ihm Urlaub. Goethe fährt inkognito nach Italien, damit er nicht zurückgerufen werden kann, und will auf jeden Fall erst mal nach Rom. Von dort schreibt er dem Herzog und bittet darum, ihn nicht fallen zu lassen, auch auf die Gefahr hin, dass der Her- zog sagen könnte: »So haben wir nicht gewettet.« Aber Goethe hat viel Glück gehabt im Leben, und hier eben auch. Denn wie reagiert der Herzog? Erst ärgert er sich. Aber Goethe hat vor seiner Abreise für eine Vertretung gesorgt, und dieser Kollege, Christian Gottlob von Voigt, macht die Arbeit vortrefflich – als Amtsmensch ist Goethe nämlich gut, aber nicht unersetzlich. Das sieht auch der Herzog. Und er merkt, dass Goethe für ihn nicht nur als Amtsmensch wichtig ist, sondern als Persönlichkeit, als Freund. Und so kommt es bei der Rückkehr nach 18, 19 Monaten zur Halbierung der Pflichten und Verdoppelung des Gehalts. Goethe hat sich in der Zwischenzeit neu er- finden können und ist im Übrigen auch wieder davon überzeugt, dass er doch ein Autor ist und nicht nur ein Geheim- rat. Einige seiner Werke, die bis dahin nur als Fragmente existierten, hat er bei dieser Reise fertiggestellt. Er hat sich verliebt und erotisch auch sonst sicher noch so einiges erlebt, er hat eine wun- derbare Landschaft gesehen, er hat die Antike kennengelernt und viele Künst- ler. Kurzum, seine Wünsche waren erfüllt. Es wirkt so, als sei Goethe als Mensch ein Leben lang seiner ersten Italien- reise treu geblieben. Hätte danach nicht ein neuer Traum an die Stelle Italiens treten können? Ja, er hat lange davon gezehrt, danach aber immer wieder neue Reisen unter- nommen. Er ist nie nur in seinem klei- nen Weimar geblieben, es zog ihn im- mer hinaus. Er kam aber auch immer gerne wieder zurück. Weil er sich immer wieder diese Ausbrüche erlaubt hat, war Weimar nie zu eng. Es war eine Lebens- technik Goethes, Gegensätze in eine Balance zu bringen. Die Sesshaftigkeit und die Mobilität. Bloß nicht nur mobil, bloß nicht nur sesshaft, immer ein Wechsel. Dabei darf man nicht verges- sen, dass das Reisen damals beschwer- lich war. Diese Beschwerlichkeit hat »Es zog ihn immer hinaus. Er kam aber auch immer gerne wieder zurück.« Bis kurz vor seinem Tod besuchte und pflegte Goethe sein Gartenhaus im Park an der Ilm.
  39. 39. 40 WIDER DIE KONVENTION Goethe bis ins hohe Alter auf sich ge- nommen, er ist 1824 immerhin noch nach Marienbad gereist. Da war er schon 75, für die damalige Zeit war das uralt. Weimar war auch damals schon alles andere als eine Weltstadt. Welchen an- deren Lebensmittelpunkt hätte Goethe sich vorstellen können? Mehrmals hat ihn seine Heimatstadt Frankfurt angezogen, und mehrmals hat er das letztlich ausgeschlagen. Die Frankfurter wollten ihn natürlich sehr gerne zum Ratsherrn in ihrer schönen Stadt machen. Aber Goethe wollte nicht auf diese Weise in die eigene Vergan- genheit zurückkehren. Eine andere Stadt, die er sehr schätzte, war Leipzig, als junger Mensch hatte er dort studiert. Eine prachtvolle, damals relativ junge Stadt, aufstrebend, Mittelpunkt der intellektuellen Szene, große Buchmesse. Das war schon sehr attraktiv. Und als er in Italien war, ging ihm durch den Kopf, in Rom zu bleiben. Dass er doch immer wieder nach Weimar zurückgekehrt ist, wunderte ihn selber. Aber er hat es eben vorgezogen, in einer kleinen Residenz das absolute Zentralgestirn zu sein. Und dennoch hat man ihm dort nicht verziehen, dass er sich mit der nicht standesgemäßen Christiane Vulpius eingelassen hat. Er musste vorüber- gehend sogar vor die Tore der Stadt ziehen. Warum hat er sich das gefallen lassen? Es wäre standesgemäß gewesen, dass der Geheimrat sich diese Frau als Mä- tresse hält. Aber dass er mit ihr einen Hausstand gründete, das war, gemessen an den damaligen Normen bei Hofe und im Bürgertum, absolut skandalös! Und ich finde es beeindruckend, wie Goethe sich nicht davon hat abbringen lassen. Er hat es einfach in Kauf ge- nommen, aus dem gemieteten Haus am Frauenplan ausquartiert zu werden. Der Herzog sagte wahrscheinlich sinngemäß: »Ich habe eigentlich nichts dagegen, aber wir können das mit meinen ganzen Hofschranzen nicht machen, die sind auf hundertachtzig, das geht nicht. Also raus ins Gartenhaus.« War ja auch ein schönes Haus, aber eben nicht so zentral. Danach kamen die Feldzüge von 1792, wo er den Herzog in der Allianz gegen das revolutionäre Frankreich be- gleitet und richtig ins Kriegsgetümmel hineingerät. Als Schlachtenbummler, aber doch an vorderster Front und in gefährlichen Situationen. Dafür ist ihm der Herzog so dankbar, dass er ihm das Haus am Frauenplan zum Geschenk macht. Vor aller Augen zieht er also mit seiner Christiane wieder dort ein, mitten im Zentrum. Bis er sie dann ganz offi- ziell heiratet, vergehen aber noch mal etwas mehr als zehn Jahre. Als Ehepaar sind sie dennoch nie im Mittelpunkt der Weimarer Gesell- schaft angekommen. Christiane Vul- pius blieb immer ein wenig außen vor. Goethe hat Christiane Vulpius vor aller Augen geliebt, aber bei Hofe war sie nicht dabei. Diese Lebensform hat er nur für sich selbst durchgesetzt. Aus dem Briefwechsel zwischen den beiden geht aber hervor, dass sie damit kein Problem hatte. Erstens liebte sie ihren Goethe, und zum Zweiten war sie erfüllt von dem, was er ihr alles gegeben hat. Und umgekehrt war sie auch für Goethe ein Glücksfall. Er fand bei ihr, was er gesucht hatte. Sie war genau der Typ, für den er sich entscheiden konnte – lebensklug, vital, hübsch, erotisch, anhänglich. Wenn man die Briefe liest, hat man den Eindruck, das war ein recht glückliches Paar, jeder hatte da so seinen Part. Und doch hat Goethe sich manchmal geärgert, zum Beispiel in der Freundschaft mit Schiller … … der ja selbst eine Adelige geheiratet hat … … und von dem er erwartet hat, dass er sich der Christiane etwas mehr an- nimmt. Schiller verhielt sich da aber sehr konventionell. Der nahm die Chris- tiane kaum wahr und blieb sehr steif und zurückhaltend. Das hat Goethe nicht gefallen. Er hätte sich mehr Offensivität »Er hat es eben vorgezogen, in einer kleinen Residenz das absolute Zentralgestirn zu sein.«
  40. 40. VENEDIG FLORENZ NEAPEL PALERMO BOLOGNA MAILAND   Trento Bozen Torbole Malcesine Vicenza Padua Ferrara Loiano Giredo Siena Civita Castellana Perugia Terni Velletri Fondi Alcano Castelvetrano Sciacca Caltanissetta Catania Taormina Messina Modena Parma Piacenza Cento Verona ROM Goethes erste Italienreise.
  41. 41. 42 WIDER DIE KONVENTION Frank Haas wurde 1977 geboren und studierte Geschichte und Philosophie. Er ist verantwortlich für die Unternehmenskommunika- tion bei Gebrüder Weiss und Chefredakteur des ATLAS. gewünscht. Die Integration von Chris- tiane in seine Welt klappte nicht son- derlich gut. Aber was gut klappte, war die Ehe selbst und die Beziehung, die die beiden untereinander hatten. In Weimar hat diese Mesalliance sogar eine besondere kulturelle Entwick- lung angestoßen. Johanna Schopen- hauer zum Beispiel, die Mutter des Philosophen, hat ihren eigenen Salon gegründet und war damit nicht zuletzt deshalb erfolgreich, weil sie Chris- tiane Vulpius neben Goethe mit ein- geladen hat … Sie sagte: »Wenn Goethe sich dieser Frau hingibt, dann kann ich ihr doch wohl auch eine Tasse Tee spendieren.« Und lud sie ein. Blieb das eine Ausnahme – oder kann man allmählich einen generellen Wandel der Wertehaltung feststellen? Na ja, es gab vor allem einfach auch einen Gewöhnungseffekt. Außerdem war die Christiane eine sprudelnde, hochvitale Frau, die suchte sich ihren eigenen Kreis, voller Schauspieler und anderer interessanter Menschen – man könnte darüber spekulieren, ob sie Goethe immer treu geblieben ist. Das war keine Frau, die zu Hause rumsaß und wartete. Nein, die war gesellig, präsent und wollte nicht immer nur dem Goethe nachzockeln. Die hatte ihre eigenen Leute, trank auch ordentlich und tanzte gerne. Die brauchen wir nicht rückwirkend erlösen, die hat selber schon nach dem Rechten geschaut. War das Weimar dieser Zeit auch des- halb ein gutes Biotop für Goethe, weil es zwar kulturell attraktiv, zugleich aber überschaubar war und damit einen idealen Rahmen für ein maß- volles Leben bot? Maß und Form sind sehr wichtig, ja. Ohne Maß geht es nicht, Wildwuchs war Goethe verhasst. Und zu viel Maß lässt verkümmern. Er suchte fortwährend nach Anregungen – aber bitte nie zu viel! Eine große Stadt wie Berlin oder auch Paris, wo Napoleon ihm den roten Teppich ausgerollt hätte, wäre ihm viel zu unruhig gewesen, zu hysterisch. Und Weimar war zwar klein, aber keinesfalls hinterwäldlerisch. Goethe sorgte dafür, dass da kulturell einiges geschah, aber immer so, dass er es noch im Griff haben konnte. Er wollte sich nicht überschwem- men lassen und die Dinge immer in der Balance halten. Er wusste genau, manch- mal fällt ihm beim Schreiben etwas ein – und manchmal nicht.Wenn er mit einer Sache nicht weiterkam, dann ließ er sie für eine Weile liegen, um nur nichts zu erzwingen, nicht zu verkrampfen. Er ließ die Dinge lieber kommen. Mal arbeitete er ein bisschen am Faust, mal pflegte er seine Gesteinssammlung, und dann nahm er seine Naturforschun- gen wieder auf oder seine Ministerge- schäfte. Ständig versuchte er, alles so zu arrangieren, dass jedes gut funktionie- ren kann. Und abends, wenn man seine Sache gemacht hatte, kam die Erholung und man ging ins Theater. Dieser Rhythmus hat ihm ein Höchstmaß an Lebendigkeit ermöglicht. Denn Goethe war nicht nur ein Macher, er war auch ein großer Lasser. Freuen Sie sich mit uns auf die kommen- de Ausgabe des ATLAS und den zweiten Teil dieses Gesprächs. Christiane Vulpius mit dem gemeinsamen Sohn August nach einer Zeichnung von Goethe.
  42. 42. ATLAS 43 W enn derzeit Briefe mit dem Mailänder  Boten verschickt werden, bedeutet das  nicht, dass sie wie vor 500 Jahren mit dem Pferd unterwegs sind. Auch nicht, dass sie per Schiff über den Bodensee transportiert werden oder mit dem Säumerzug abenteuerlich über die Alpen kraxeln. Die Postanstalten aus der Schweiz, Liechtenstein, Österreich und Deutschland gedenken mit einer ge- meinsamen Aktion des Mai­länder Boten, der je nach Blickwinkel auch als Lindauer oder Fußacher Bote bezeichnet wird: Vier Sonderbriefmarken zeigen vier verschiedene Motive zum historischen Kurierdienst zwischen Lindau und Mailand, aus dem Gebrüder Weiss hervorgegangen ist. Der Mailänder Bote ist wieder unterwegs Vier Sonderbriefmarken zur Frühgeschichte von Gebrüder Weiss
  43. 43. 44 ATLAS S eit Jahrhunderten gehen Wandergesellen auf Tippelei. Für mindestens drei Jahre und einen Tag ziehen sie los, um sich in ihrem Handwerk weiterzubilden. In Kluft, mit Hut und Wanderstab mögen sie manchem aus der Zeit gefallen scheinen – und doch halten sie so die Tradition der Walz am Leben. Sie sind selten und doch kaum zu übersehen: Die weiten Schlaghosen, der Hut und der Stenz, ein in sich gedrehter Wanderstab, das sind die Insignien der Reisenden. Auf die Walz zu gehen bedeutet jedoch viel mehr, als sich eine Kluft anzulegen. Die alte Tradition steht für Freiheitsgeist und die Sehnsucht, aufzubrechen. Neues dazuzulernen in Hand- werk, Beruf und Leben. Und reisend die Welt zu entdecken. Kein Wunder, dass diese Idee aus dem Mittelalter bis heute junge Menschen fasziniert. Als die ersten Gesellen loszogen, war es oft große Not, die sie auf die Straße trieb. Nicht bloß Abenteuerlust. Wer seinen Meister machen wollte, musste auf Wanderschaft gehen. Im Laufe des 14. Jahrhunderts entwickelte sich das zu einem fes- ten Bestandteil des Handwerkerlebens. Schächte wurden gegründet, die ersten Gesellenbruderschaften. Später kamen weitere Gewerke hinzu. Nicht nur Zimmermänner gehen auf Reisen, auch Bäcker, Schneider und Buchbinderinnen. Seit einigen Jahrzehnten sind auch Frauen auf der Straße. Die Walz wandelte sich stets und blieb in ihrem Kern doch gleich. Die Tradition ist haltbar. Wie in einer Frischebox überdauerte sie selbst Repressionen. Zu Zeiten des Naziregimes wanderte das Gesellenleben in den Untergrund. Einer der vielen Grün- de, warum Gesellen heute streng ihre Geheimnisse hüten. Heute ist das Leben der rund 500 Reisenden und etwa 50 Frauen auf Wanderschaft – so schätzen Gesellen die Zahlen – ein anderes. Das erkennt man schon daran, dass mancher TEXT: Jessica Schober FOTOS: Chiara Dazi Die Walz – Tradition auf Wanderschaft
  44. 44. TRADITION AUF WANDERSCHAFT 45 Wanderbursche einen Facebook-Account hat. Was sie jedoch nicht bei sich tragen, sind Handy oder Laptop. Weiterhin gilt die Regel: Kein Geld für Übernachtungen oder Reisen ausge- ben. Das Mittel der Wahl ist das Trampen. Also Daumen raus und vertrauen haben in die Straße. So steht auch Hanna Anderer heute am Autobahnzubringer. Seit die 24-jährige Schreinerin vor acht Monaten ihren Hei- matort bei Karlsruhe verlassen hat, hat sie ihren Nachnamen abgelegt. Genannt wird sie nun nur noch: Hanna fremde frei- reisende Schreinerin. So steht es in ihrem Wanderbuch, einem dicken grauen Einband, in dem sie Arbeitszeugnisse und Stadtsiegel von den Orten sammelt, in denen sie schon war. Von der Ostsee bis auf die Zugspitze ist sie gereist. Zu Fuß oder per Autostopp. Schlupp. Schlupp. Schlupp. So hört es sich an, wenn Hanna in ihrer braunen Cordhose mit 80-Zentimeter-Schlag vorwärts geht. Mit jedem festen Tritt schwingt der Saum über ihre ledernen Wanderstiefel. Mal singt sie ein Lied: »Heute hier, morgen dort.« Der Klassiker. »Wenn man die alten Liedtexte aus unseren Büchern singt, dann schwingt in jeder Strophe mit, wie die Wanderschaft früher einmal war, als es noch Kut- schen gab und keine Autos«, sagt Hanna. Geschultert trägt sie ein Bündel mit dem Nötigsten. Char- lottenburger wird das Reisegepäck genannt, das mit bedruck- ten Tüchern den Schlafsack, das Werkzeug und Wechsel- wäsche verschnürt. Ein Schlafhemd, zwei Stauden, mehr hat Hanna nicht dabei. Ein Reiseradio ist ihr einziger Luxus. Die rotblonden Haare schiebt sie unter den Hut. Unter der Krem- pe funkeln zwei unternehmungslustige blaue Augen hervor. »Wenn ich auf Reisen bin, lasse ich mich einfach vom Wind treiben«, sagt sie. Hält ein Auto am Straßenrand an, steigt sie ein. Manchmal hat sie unterwegs schon die Wochentage ver- gessen. »Es kommt, wie es kommt. Wir sind Sonntagskinder. Wir leben in den Tag hinein und vertrauen darauf, dass alles klappt.« Als gelernte Schreinerin hat Hanna unterwegs auch in einer Zimmerei gearbeitet. Hat gelernt, wie man Dachbalken zuschneidet. Und sie hat gelernt, das Heimweh zu verlernen. »Tradition kann auch bedeuten, dass man Weihnachten eben nicht mit der Familie feiert«, sagt Hanna. Statt bei Geschwis- tern und Eltern verbrachte sie die Feiertage mit anderen Wandergesellen. Denn sie alle dürfen sich nicht in ihrem Bannkreis aufhalten, der sich 50 Kilometer um ihren jeweiligen Heimatort zieht. Manche Gesellen, so erzählt Hanna, hätten gar »Bannkreisträume«. Sie wachten nachts schweißgebadet auf, weil sie dachten, in der Tabuzone gelandet zu sein. Sachte Erneuerung: Seit einigen Jahrzehnten gehen auch Frauen auf die Walz. »Die Walz wandelte sich stets und blieb in ihrem Kern doch gleich. Die Tradition ist haltbar.«
  45. 45. 46 TRADITION AUF WANDERSCHAFT ich wollte etwas von der Welt sehen«, sagt Malte Simon heute. Deshalb tippelte er nach Thailand, Italien und in die Schweiz. Im englischen York wurden seine Steinmetzkünste gerühmt. »Steine werden dort ganz anders bearbeitet, mit einem feinen Zahneisen.« Mehr als bei jedem Praktikum habe er auf Wanderschaft gelernt, sagt der Norddeutsche. »Dafür zieht man die strengen Regeln gern durch.« Die Walz ist für Malte Simon mehr als eine berufliche Weiterbildung. Sie ist Herzensbildung. Offener und selbstsicherer sei er durch seine Wanderjahre geworden. »Man muss sich auch an schlechten Tagen selber hochraffen, da hilft einem keine Mutti«, sagt er lachend. Seinen Oberarm ziert tatsächlich ein »Mutti«-Tattoo. Wer Kluft trägt, fällt auf. Manchmal sei es lästig, ständig darauf angesprochen zu werden, meint Malte Simon. »Aber wenn du zu Hause bist, vermisst du es.« Ein reisender Zimmer- Zurück in seinen Bannkreis darf Malte Simon inzwischen. Der 27-jährige Steinmetz war von 2009 bis 2013 auf der Walz. Aber die Tippelei lässt ihn noch lange nicht los. Inzwischen lebt er in Freiburg als einheimischer Wandergeselle. Dass er Mitglied im Schacht der rechtschaffenen Fremden Maurer und Steinhauer ist, erkennt man an seiner schwarzen Kra- watte. »Ehrbarkeit« wird das Stück Stoff genannt, das Malte dreieinhalb Jahre lang um den Hals gebunden trug. Heute hängt sie im Schrank, aber noch immer zieht er gerne einmal im Monat zum Gesellentreffen seine hellgraue Kluft und das blaue Jackett an. »Ein Wandergeselle heiratet und stirbt in Kluft«, sagt Malte Simon. Ihm ist es ernst mit der Tradition. Nach seiner Lehre in einem kleinen norddeutschen Be- trieb wollte er mehr über Natursteinrestauration lernen. »Und Das Ohrloch für den traditionellen Ohrring wird mit einem Nagel gestochen.
  46. 46. TRADITION AUF WANDERSCHAFT 47 KLEINES WALZLEXIKON Bannkreis. 50-Kilometer-Radius um den Heimatort, den Wander- gesellen für drei Jahre und einen Tag nicht betreten dürfen. Ehrbarkeit. Krawatte, die durch ihre Farbe die Zugehörigkeit zum Schacht anzeigt. Kluft. Traditionelle Kleidung, bestehend aus Schlaghose, Weste, Jackett. Dazu tragen Wandergesellen ein Staudenhemd, einen Hut und den Stenz. Schacht. Sechs Schächte, zum Beispiel die Freien Vogtländer Deutschlands oder die Rolandsbrüder, sind auf der Straße zu treffen. Außerdem gibt es die freireisenden Wandergesellen, die sich keinem Schacht zuschreiben und keine Ehrbarkeit einbinden. Stenz. Wanderstock aus Holz, der von einer Schlingpflanze, typi- scherweise dem Geißblatt, umrankt ist und dadurch seine spiral- förmige Form erhält. Unter Wandergesellen heißt es: »Einen Stenz findest du nicht, der Stenz findet dich.« mann aus Nordrhein-Westfalen erzählt von einem Spruch, den ihm sein Reisekamerad mitgegeben habe: »Im ersten Jahr verzaubert dich die Kluft, im zweiten Jahr lernst du, mit der Kluft zu zaubern, und im dritten Jahr verstehst du: Es ist die Kluft, die zaubert.« Jedes Mal, wenn wieder ein Wagen am Straßenrand hält oder ein Passant herüberruft: »Hey, Wandergeselle!«, öffnet sich eine neue Tür. Beim Trampen nehmen die Gesellen Platz auf den Beifahrersitzen der Republik. Jede Mitfahrgelegenheit eine neue Welt. Ein neues Panoptikum. Im Porsche eines Fernsehmoderators jagte Malte Simon durchs Land, später mit dem größten Papierproduzenten des Nordens. Schreinerin Hanna saß neben Lkw-Fahrern und Erotik-Schriftstellerinnen. »Die Walz ist Herzensbildung.« Oft musste sie sagen: »Ja, ich darf wirklich drei Jahre und einen Tag lang nicht nach Hause.« Oft erntete sie Staunen. Und immer wartete das Abenteuer schon an der nächsten Straßenecke. Wie die Walz früher einmal war, was sie heute ist, das ist ständig in Bewegung. Eine Reisegeneration vergeht, und schon gilt ein anderer Schnack auf der Straße, so sagen die Gesellen. Auch Wandergeselle Malte Simon sagt: »Wenn du ein paar Jahre wieder zu Hause bist, kennt keiner auf der Straße mehr deinen Namen. Gewöhnungsbedürftig für einen Steinmetz, der immer etwas Dauerhaftes erschaffen will, mal keine Fußspuren zu hinterlassen.« Schreinerin Hanna hingegen fühlt sich als Teil einer langen Geschichte: »Es ist cool, dass eine Tradition wie die Walz sich so lange hält und lebendig bleibt. Und dass wir heute aus den gleichen Gründen losziehen wie die Wander- gesellen vor 800 Jahren: die Welt sehen, das Handwerk verbessern und als erwachsener Mensch zurückkehren.«
  47. 47. 48 TRADITION AUF WANDERSCHAFT Jessica Schober arbeitet als freie Journalistin in München. Sie schreibt für Magazine und Zeitungen, gibt Seminare und ist als Refe- rentin in der politischen Bildung aktiv. Sie hat Politikwissenschaft, Soziologie und Journalismus studiert und die Deutsche Journalisten- schule besucht. Hier hat Jessica Schober über ihre Reise gebloggt: www.wortwalz.de sich die meisten Menschen wohl kaum vorstellen können. Auch ich wollte auf meiner Wortwalz ursprünglich bloß drei Monate und einen Tag unterwegs sei. Doch die Reise ging weiter. Zum Schluss aber lerne ich das »Tippeln«, wie Wan- dergesellen das Reisen nennen, so schätzen, dass ich das Bleiben tatsächlich ein wenig verlernte. Auf meinen Stationen durch den Lokaljournalismus habe ich in vielen Redaktionen gearbeitet. Tatsächlich klappte das Wortwalz-Prinzip wunderbar: Ich klopfte unangekündigt an die Tür und sprach um Arbeit vor. Irgendwo fand ich Unter- schlupf, arbeitete eine Woche oder zwei in der Redaktion mit und zog dann weiter. Beruflich lernte ich in dieser Zeit viel dazu über Recherchemöglichkeiten, Redaktionssysteme und über den Lokaljournalismus an sich. Doch vor allem mensch- lich beeindruckte mich diese Reise. Wie offen und hilfsbereit sich meine Landsleute zeigten. Und wie wenig man im Leben braucht. Zum Ende meiner Wortwalz zog ich schließlich mehrere Wochen mit einer Schreinerin durch die Gegend. Täglich geschahen absurd schöne Dinge. Eine Frau kam auf uns zuge- rannt und rief: »Brauchen Sie Brot?« Man lud uns zum Essen und zur Übernachtung ein, nahm uns beim Trampen an der Autobahn mit und schenkte uns ein prächtiges Stückchen Walnussholz. Wenn wir dann singend die Landstraße entlang- gingen, war ich froh, mich auf diese Reise begeben zu haben. Ich fühlte mich wie aus der Zeit gefallen. Seitdem denke ich nun an jedem Lagerfeuer, an dem ich sitze, an meine Tage mit den Reisenden. Und ich erinnere mich gern an den Satz, den mir eine Wandergesellin auf der Bäckerwalz mitgab und der wohl auch fürs weitere Leben gelten darf: Walz ist, was du draus machst. Unsere Autorin Jessica Schober hat sich im Sommer 2014 auf Wanderschaft begeben. Sie ging auf »Wortwalz« und besuchte Lokalredaktionen im ganzen Land. Dabei hielt sie sich an die Regeln der traditionellen Walz, verzichtete auf Handy und Laptop. Sie trampte, schlief mal im Wald, mal unter der Brücke, mal bei Kollegen auf der Couch. Auf ihrer Reise begegnete sie immer wieder Wandergesellen, die ihr einen Einblick in ihre Welt gewährten. Loderndes Lagerfeuer, knackende Äste. Wir sitzen im Kreis, ich starre in die Flammen. Es ist ein warmer Sommerabend in der Nähe von Lübeck, und ein langer Arbeitstag auf der Baustelle liegt hinter uns allen. Um mich herum sitzen nur Menschen in Kluft. Sie sprechen ihre eigene Sprache, das Rottwelsch, sie haben ihre eigenen Erkennungszeichen. Ich hingegen sitze hier in meinem blau karierten Hemd und staune. Ich bin zu Gast auf der Sommerbaustelle der frei- reisenden Wandergesellen. Einem Treffen, bei dem sich rund 50 Wandergesellen für ein soziales Projekt engagieren, um sich für die Hilfe aus der Bevölkerung zu bedanken. Dieses Jahr ist es ein Bauspielplatz für schwer erziehbare Kinder, auf dem sie ehrenamtlich arbeiten. Dass ich überhaupt hier sitzen darf, macht mich wundern. Denn ich bin keine Handwerkerin. Ich bin reisende Reporte- rin. Und ich bin »Kuhkopp«, wie Wandergesellen all jene nen- nen, die keine zünftig Reisenden sind. Als Journalistin habe ich mich auf den Weg gemacht, die Welt der Walz kennen- zulernen. Ich reise durch Lokalredaktionen und biete meine Arbeit an, ich will etwas über mein Handwerk lernen. Dass ich diese Reise »Wortwalz« nenne und darüber blogge, finden nicht alle Wandergesellen gut. Sie hüten und pflegen ihre Tra- dition. Und sie verteidigen sie. Schließlich hat nur deshalb der alte Brauch all die Jahrhunderte seit dem Spätmittelalter überlebt, weil ein kleiner Zirkel seine Geheimnisse zu schüt- zen wusste. Und doch erlebe ich hier etwas ganz Besonderes: geselli- ges Beisammensein, Kameradschaft und Freundschaft unter Menschen, die alle heimatlos sind. Für drei Jahre und einen Tag nicht nach Hause zu dürfen ist eine so lange Zeit, wie sie Auf der Wortwalz – Reporterin unterwegs
  48. 48. 49 Viel los im Zwischen- raum HARALD MARTENSTEIN über eine Formulierung, die Platz für fast alles lässt Harald Martenstein ist Autor der Kolumne »Martenstein« im ZEITmagazin und Redakteur beim Berliner Tagesspiegel. Zuletzt ist von ihm Die neuen Leiden des Alten M. erschienen. I ch habe versucht zu recherchieren, welche Länder in ihrer Tourismus- werbung Wert auf die Feststellung legen, dass sie sich »zwischen Tradition und Moderne« befinden. Nach China, der Schweiz, Japan, Äthiopien, Indien, dem Oman, der Mongolei und Sri Lanka habe ich aufgehört zu zählen. Interes- sant ist die Tatsache, dass selbst stark verfeindete Staaten wie Israel und der Iran sich immerhin in der Einschätzung einig sind, dass sie sich beide »zwischen Tradition und Moderne« befinden und dass diese Eigenschaft, obwohl sie kei- neswegs selten ist, eine Attraktion für Touristen darstellt. Irritierend fand ich einen Artikel in der Zeitschrift Focus mit der These, sogar die Arktis sei eine Gegend »zwi- schen Tradition und Moderne«. Da lebt doch kaum jemand. Ganz stark, und deutlich glaubwürdiger als die Arktis, hat sich die Kulturstadt Weimar »zwi- schen Tradition und Moderne« verortet. Das Gleiche gilt, nach Recherchen der Zeitung Die Welt, für die südkoreanische Metropole Seoul und, laut NDR, für Braunschweig. Auf der Website Frank- furt.de wird darauf hingewiesen, dass der Stadttteil Kalbach-Riedberg »zwi- schen Tradition und Moderne« liege. Kalbach-Riedberg ist das Braunschweig von Frankfurt. Nicht nur Orte und Länder, auch Kulturtechniken und Berufe können sich in der dicht besiedelten Zone zwischen Tradition und Moderne ihren Platz su- chen. Bleiben wir in Frankfurt: Laut Frankfurter Neuer Presse ist der Stein- metz ein Beruf zwischen Tradition und Moderne. Ähnliches gilt, nach anderen Quellen, für den Sattler, die Hausärzte und die Frauen in Dubai. Erstaunlicher- weise liegt sogar die relativ junge Kunst- form Poetry Slam »zwischen Tradition und Moderne«, das findet zumindest der Rapper Sulaiman Masomi in einem Buch zu diesem Thema. Kann man den Abstand zwischen Tradition und Moder- ne eigentlich essen, obwohl es, streng genommen, ein Vakuum ist? Ohne wei- teres. Der Hessische Rundfunk strahlte am 21. 11. 2014 einen Fernsehbeitrag mit dem Titel aus: Plätzchen – ein Weih- nachtsgebäck zwischen Tradition und Moderne. Unter dem Aspekt der Geschlechter- gerechtigkeit ist hervorzuheben, dass es zwischen Tradition und Moderne trotz des lebhaften Andrangs genug Platz gibt für beide, Männer und Frauen. Ina Har- der, die Frontfrau der Beueler Weiber- fastnacht, wagt, laut Bonner General- Anzeiger, den »schwierigen Spagat zwi- schen Tradition und Moderne«. Genau das Gleiche tut der Politiker Michael Nötzel, der in Neubrandenburg für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert hat. Der Spagat ist, wie erwähnt, schwie- rig – seine Familie gibt ihm dabei viel Kraft. Es ist nicht verwunderlich, dass auch im Wirtschaftsleben in der Zone zwi- schen Tradition und Moderne ein reges Treiben herrscht. Unternehmen, die nach eigener Einschätzung oder nach Ansicht der Fachpresse zwischen Tradi- tion und Moderne tätig sind, heißen unter anderem Ray-Ban (Brillen), Leica (Kameras) und Gaggenau (Küchen), nicht zu vergessen die Tischlerei Büttner in Hartmannsdorf. Es fällt auf, dass auch diese Firmen dabei in der Regel einen »Spagat« ausführen, obwohl man sich in komplizierten Geschäftsverhandlun- gen weiß Gott bequemere Positionen vorstellen kann. Als Journalist glaube ich übrigens, dass die Formulierung »zwi- schen Tradition und Moderne« den Ze- nit ihrer Originalität mittlerweile über- schritten hat.
  49. 49. 50 FAMILIE S o seltsam es klingen mag: Die längste Zeit auf der Erde hat es uns nicht gegeben. Die meisten Dinge, die passiert sind, haben ohne uns stattgefunden, und wir haben zwar davon gehört, können uns aber nicht daran erinnern. Weil wir es nicht selbst erlebt haben. Vieles, was passiert, wiederholt sich aber, bestimmte Anlässe laufen immer wieder ähnlich ab: Wir feiern den Beginn des neuen Jahrs, wir begehen Geburtstage und Weihnachten auf eine ganz bestimmte Art. Das war schon vor langer Zeit so und wird wohl auch so bleiben. In regelmäßigen Abständen werden die Olympischen Spiele oder Weltmeisterschaften veranstaltet, und selbst im Alltag gibt es Erlebnisse, die wir auf die immer glei- che Art und Weise tun, über Jahre oder Jahrzehnte hin- weg: Oft fangen unsere Tage auf dieselbe Art an, und auch wenn wir ins Bett gehen, ähnelt ein Abend meist dem anderen. Etwas, das immer wiederkehrt, verbindet die Ver- gangenheit mit der Gegenwart und mit der Zukunft. Wir tun Dinge, die bereits unsere Großeltern so getan haben, und begründen Gewohnheiten, die möglicher- weise eines Tages von unseren Kindern oder sogar noch von deren Kindern übernommen werden, wenn wir selbst schon längst wieder von der Erde verschwunden sind. Ist das nicht beruhigend? Was wir übernehmen und weitergeben
  50. 50. FAMILIE 51 DieGewinnerwerdenpostalischoderperE-MailbenachrichtigtunderhaltendieGewinnebisEndeSeptember2015. Leider,liebeKolleginnenundKollegen,istdieTeilnahmevonGebrüder-Weiss-Mitarbeiterinnenund-Mitarbeiternaus rechtlichenGründennichtgestattet.DerRechtswegistausgeschlossen.DieGewinnesindnichtinbarablösbar. Kennst Du einen Menschen, der sehr viel älter ist als Du? Dann unterhaltet Euch einmal darüber, welche Traditionen er oder sie kennt, die Du ebenfalls pflegst – so oder so ähnlich. Sicher hat sich sehr vieles geändert, seit diese Person so jung war wie Du. Aber vielleicht ist einiges auch geblieben, wie es damals schon war. Schicke uns ein Foto, von Dir und jemandem, der sehr viel älter ist als Du, bis zum 31. August 2015 an: redaktion@gw-atlas.com oder in einem Umschlag: Gebrüder Weiss GmbH | Redaktion Atlas Bundesstraße 110 | A-6923 Lauterach, Österreich Wir freuen uns auf viele Bilder. Mit etwas Glück gewinnst Du eins von drei LEGO City Paketen mit Lkw und Gabelstapler. 3× benachrichtigtunderhaltendieGewinnebisEndeSeptember2015. eilnahmevonGebrüder-Weiss-eilnahmevonGebrüder-Weiss-eilnahmevonGebrüderMitarbeiterinnenund-Mitarbeiternaus echtswegistausgeschlossen.DieGewinnesindnichtinbarablösbar. Kennst Du einen Menschen, der sehr viel älter ist als Du? Dann unterhaltet Euch einmal darüber, welche Traditionen 3 DieGewinnerwerdenpostalischoderper Leider,liebe rechtlichenGründennichtgestattet.

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