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Kurzversion_Masterarbeit

  1. 1. 1 Abteilung Gartenbau Department für Nutzpflanzenwissenschaften Universität für Bodenkultur Wien Masterarbeit Städtische Großprojekte und Pflanzenverwendung Planung und Erhaltung von Staudenbepflanzungen an zwei Beispielen in Wien und Malmö betreut von: Univ.-Prof. Dr. hab. Mag.-Ing. Anna Keutgen Ass.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. nat. techn. Sabine Plenk verfasst von: Bsc. Fruzsina Stefán Erzsébet Wien, März 2016.
  2. 2. 2 VORWORT Diese Masterarbeit ist ein fördernder Beitrag zur Kenntnisnahme der mehrjährigen Pflanzen in öffentlichen und privaten Räumen und behandelt vor allem die Planung, Pflege und Nachhaltigkeit derartiger Anlagen. Die vorliegende Arbeit, von der ich hoffe, dass sie in der grünen Stadtplanung Verwendung finden wird, ist an LandschaftsarchitektInnen bzw. an -planerInnen gerichtet. Im Zuge dieser Masterarbeit konnte ich mein persönliches Interesse an nachhaltigen Bepflanzungen mit Stauden verfolgen, das mich zur Landschaftsarchitektur, zur Ausbildung in Wien und auch zu einem Praktikum in Alnarp (Schweden) geführt hat. Während meines Aufenthaltes in Alnarp bestand die Möglichkeit, mit den MitarbeiterInnen des Instituts für Landschaftsarchitektur inspirierende Diskussionen zu führen. Die Forschungsarbeit von Lisa Diedrich bezüglich ortsspezifischer Designansätze war für mich von besonderem Interesse und in einem hohen Maβe motivierend, um mich verstärkt in diesen Bereich zu vertiefen und die komplexen räumlichen und zeitlichen Besonderheiten verschiedener Standorte bzw. Parallelen und Unterschiede der Großprojekte besser zu verstehen. Als Praktikantin der SLU Alnarp hat mir die Zusammenstellung des Berichtes „Symposium: Beyond Best Practice – Appreciating Site-specific Qualities“ einen vollkommen neuen Ein- und Überblick gegeben, den ich im Rahmen der Analysen und Antworten der Fragestellungen als sehr hilfreich empfunden habe. In diesem internationalen Vergleich war es ausschlaggebend, die gewählten Standorte mit ihren jeweiligen Gegebenheiten, spezifischen Umgebungen und eigenen „Spielregeln“ bei den Planungsprozessen, insbesondere in sozialen Räumen, sowie nachträglichen Effekten kennenzulernen. Eva Kristensson, Dozentin an der SLU Alnarp, besuchte in einem jährlichen Ausflug mit StudentInnen die Wohnbereiche in Lund und Malmö, und neben Gärten unter anderem auch Kajplats 01. So entstand für mich die Möglichkeit, an der Exkursion teilzunehmen und mit ihr persönlich über die speziellen Probleme bei Kajplats 01 zu diskutieren. Während des Aufenthalts in Alnarp war es ebenfalls möglich, mit Eva Gustavsson, Lehrerin am Institut für Landschaftsarchitektur, SLU, in Kontakt zu treten und über Staudenverwendung in städtischen Projekten zu diskutieren. Sie gab mir die Empfehlung, das Hauptaugenmerk meiner Masterarbeit, anstatt nur auf forschungsbasierende Statistik, auf den Kontakt mit den PlanerInnen zu legen. „Die Statistiken über die Entwicklung von Stauden sind besonders dann sinnvoll, wenn sie von Menschen, die bereits gute Kenntnisse gewonnen haben, interpretiert werden“ (GUSTAVSSON, 2014, persönliche Mitteilung). Ein großes Dankeschön gilt Sabine Plenk für die Betreuung und Ermöglichung der Themenstellung sowie für die vielen hilfreichen Gespräche; ein weiteres Dankeschön auch für die Verpflichtung, die sie dadurch für mich eingegangen ist, und für die unermüdliche Unterstützung während des Entstehungsprozesses dieser Arbeit. Mein besonderer Dank gilt meiner Betreuerin Lisa Diedrich während meines Praktikums in Alnarp (Schweden), wo sie mir durch anregende Diskussionen und konstruktive Kritik weitergeholfen hat. Der Kontakt mit ihr hat mich positiv und nachhaltig beeinflusst. Ein großer Dank gebührt allen meinen Interview- und GesprächspartnerInnen, die ihre kostbare Zeit geopfert haben, um mir einen Einblick in ihre Arbeit zu gewähren. Die geführten Gespräche ermöglichten mir eine realitätsnahe Betrachtung und dienten als Basis für einen großen Teil meiner Arbeit. An dieser Stelle bedanke ich mich auch bei: Eva Gustavsson, Eva Kristensson, Laura Spinadel, Johan Paju, Jörg Obenaus und Stefan Schmidt. Meiner Familie gilt ein herzliches Dankeschön für die Unterstützung während der gesamten Studienzeit wie auch während der Zeit, die ich mit dem Verfassen der vorliegenden Masterarbeit
  3. 3. 3 zugebracht habe. Danke auch an FreundInnen und StudienkollegInnen. Ganz besonderer Dank gilt meinen KorrektorInnen: Anna Stöger, Chiara Stubenvoll, Claudia Andreas, Laura Jacobi, Julia Frank, Michael Löbmann, Sonja Kraus und meinem Freund: Martin Vysoký. 1 EINLEITUNG In dieser Masterarbeit wird ein großmaßstäbliches Stadtparkprojekt in Österreich mit einem ähnlichen Projekt in Schweden hinsichtlich Funktionalität, Nachhaltigkeit und Entwicklung dialektisch verglichen. Die Arbeit erörtert Möglichkeiten und Probleme der Staudenverwendung im großen Maßstab und soll im weiteren Sinne zum Wissen über die längerfristige Entwicklung ihrer Funktionalität beitragen. Erfolg und Misserfolg bei der Verwendung von Stauden im öffentlichen und privaten Raum hängen im Wesentlichen von der langfristigen Planung ab, die sowohl Pflegemaßnahmen, Budget und die Nutzung der Anlage berücksichtigen muss (PETERSON, 2013, 9). Nach diesen Gesichtspunkten wurden Staudenpflanzungen zweier Projekte auf ihre lokale Eignung und Vielseitigkeit hin untersucht und verglichen. Im Fokus steht die Pflanzenzusammensetzung in Hinsicht auf ästhetische Aspekte, eine nachhaltige Wertsetzung durch die Pflanzenauswahl, die Wahrnehmung der NutzerInnen sowie finanzielle und praktische Aspekte der Pflege. Um Unterschiede in der Planung und Entwicklung der Projekte zu vergleichen, wurden vor allem der Prozess der Projektentwicklung und -durchführung untersucht sowie Schlüsselpersonen dieser Prozesse interviewt. Anhand der Hintergrundgeschichte der Projekte, dem aktuellen Status der Bepflanzungen und dem Vergleich zwischen den beiden Projekten wurde ein theoretischer Rahmen erarbeitet, der Faktoren für den Erfolg und die Organisation langfristig nachhaltiger Staudenpflanzungen im öffentlichen und privaten Raum erläutert. Im vergangenen Jahrzehnt wurden Stauden im öffentlichen und auch privaten Raum immer häufiger verwendet, um Parks, Plätze und Gärten zu schmücken (KLETZL, 2001, 1). Die zunehmend wichtige Funktion von Stauden für das städtische Landschaftsbild und ihre Popularität führen zu neuen Herausforderungen in der Planung solcher Projekte. Dementsprechend ist es notwendig, die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten besser darzustellen und Planung und Nachhaltigkeit von Staudenpflanzungen zu analysieren. In diesem Sinne soll diese Arbeit als Anreiz zu weiteren Diskussionen über die Verwendung von Stauden und Gräsern sowie als Inspirations- und Ideenquelle für zukünftige Planungen dienen. 1.1 Wissensstand Freiräume in der Stadt sind Orte der Freizeit, Erholung und Naturbegegnung. Maßgeblich prägen sie nicht nur das Stadtbild, sondern auch die Lebensqualität. Die zunehmende Verwendung von Stauden in Parks und Gärten, aber auch auf Plätzen führt zu einer Veränderung des österreichischen/europäischen Stadtbildes. Diese Veränderung kann neue Problemsituationen schaffen. An vielen Orten gibt es fehlerhafte Bepflanzungen, was zu einem Verlust an Erholungswert und finanziellen Ressourcen führt. Das Wissen über die Erstellung nachhaltiger, mehrjähriger Bepflanzungen ist unzureichend und die derzeit vorhandene Fachliteratur diesbezüglich ist sehr begrenzt. Während viele Quellen die Standortansprüche von Stauden beschreiben, bleibt die Frage offen, wie man mit der vierten Dimension, der Zeit, umgehen soll. Großteils beschränkt sich die Literatur im weitesten Sinne auf die Entwicklung der Einzelpflanze, während der Gesamtkomplex „Pflanzung“ eher im Hintergrund steht: „Das grundlegende Verständnis syndynamischer Zusammenhänge fehlt sehr häufig“ (MOLZ, 2007, 1).
  4. 4. 4 Wie Travis Beck in seinem Buch „Principles of Ecological Design“ (2013) zeigt, basiert ein landschaftliches Ökosystem auf einem selbstorganisierten Muster. Dieses Muster wird in unserer gestalteten Landschaft imitiert. Um jedoch zeitliche Veränderungen in die Gestaltung miteinzubeziehen und zielgerichtet lenken zu können, sind Grundkenntnisse der Ökologie unabdingbar. Dennoch sind die ökologischen Prozesse sehr komplex und weder eine durchdachte Planung noch eine sachgemäße Projektausführung und Pflege lassen uns die zeitliche Entwicklung von Grünanlagen absolut beherrschen. „Jeder Pflanzung haftet so ein Rest von Unsicherheit über das endgültige Ergebnis an. Das mag für manche Menschen beunruhigend sein – für die meisten wird es aber wohl eher zur Faszination dieses Themas beitragen“ (KÜHN, 2011, 50). Aut-Ökologie als Forschung (GRIME, 1979; ELLENBERG 1988. In: KÖPPLER, HITCHMOUGH, 2015, 82) kann auch auf gestaltete Pflanzengruppen angewandt werden, wie es beispielsweise an der Abteilung für Landschaft, Sheffield Universität, (HITCHMOUGH, DE LA FLEUR 2006, 387–388) oder an der Technischen Universität in Berlin (KÜHN 2006) praktisch dargestellt wurde. Die Eingliederung höher entwickelter, ökologischer Grundlagenkenntnisse ist auf jeden Fall erforderlich für die Planung nachhaltiger Pflanzungen (EISENHARDT et.al. 1995, 223). Der Förderung ökologischer und dynamischer Prozesse der Stauden – als Basis einer dynamischen und sich selbst erhaltenden Landschaft – soll mehr Bedeutung beigemessen werden (DUNNETT und HITCHMOUGH, 2011). Die Arbeit von Piet Oudolf im Lurie Park in Chicago und der New York High-Line sind gute Beispiele für Staudenpflanzungen, da Pflanzen nach Funktion und bestimmten visuellen Kriterien ausgewählt wurden. Außerdem spiegeln die Projekte Elemente der regionalen natürlichen Umwelt wider (OUDOLF; KINGSBURY, 2013b, 73–74). Der große Anteil einheimischer Arten im Bepflanzungskonzept zeigt, dass sich auch regionale Floren gestalterisch gut eignen können bzw. dass die anteilige Verwendung von einheimischen Pflanzen sehr viel zur Signatur eines Projektes beitragen kann. Diese Debatte über geeignete Auswahlkriterien von Pflanzenarten ist sehr komplex und oft sehr ortsspezifisch (OUDOLF; KINGSBURY, 2013b, 73–74): neben biologischen Faktoren spielen auch soziale Aspekte eine wichtige Rolle, wie z. B. die örtliche Kultur. Generell sind Stadtlandschaften jedoch „Mosaike“ und was „richtig“ an einem Ort ist, kann „falsch“ an einem anderen Ort sein (DUNNETT, HITCHMOUGH, 2011, 20). In Nordeuropa ist es zurzeit Mode, Pflanzungen artenreicher zu gestalten und das Gesamtbild und manchmal auch die strukturelle und räumliche Organisation wild vorkommender Pflanzungsgesellschaften zu imitieren (KÜHN, 2011, 244). Im Fokus steht bei diesem Trend jedoch vor allem die Ästhetik und diese bietet nur wenig Garantie, dass Pflanzungen langfristig beständiger sind als z. B. Monokulturen. Piet Oudolf nennt die Staudenkonzepte, bei denen nur spektakuläre Arten in bestehende Staudenkonzepte integriert werden und auf die Etablierung der Pflanzengesellschaft verzichtet wird, „sophisticated prarie“, „die nur den Anschein einer Natürlichkeit erwecken will“ (KÜHN, 2011, 273). Ein Vorteil der naturalistischen Design-Form ist allerdings, dass sich Pflanzungen auf der Gemeinschaftsebene mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst regulieren. Dies gilt zumindest unter der Voraussetzung, dass ein aut-ökologisches Verständnis im Design-Prozess mit einbezogen wurde. Nach DUNNETT und HITCHMOUGH (2011, 36) sind hauptsächlich drei Faktoren für den Infrastrukturtyp einer Pflanzung in einem gegebenen Stadtgebiet ausschlaggebend: 1. Der entsprechende Stil soll der Verfügbarkeit von Ressourcen für das Management (wie z. B. Management-Budget und das „Know-how“ der PflegearbeiterInnen) gerecht werden. 2. Der kulturelle Kontext bestimmt den Grad der öffentlichen Akzeptanz der Vegetation.
  5. 5. 5 3. Relative Wichtigkeit des Naturschutzes (entweder durch Gebietsausweisung oder durch BenutzerInnen) (DUNNETT und HITCHMOUGH, 2011, 35). Durch eine Analyse der Problematik des nachhaltigen Grünflächenmanagements nach diesen Faktoren wird ein Beitrag zur ökologisch informierten Annäherung an Landschaftsplanung und dessen Management in den Städten zur sozialen Nachhaltigkeit geleistet. 1.2 Ziele der Forschungsarbeit Diese Masterarbeit soll zum besseren Verständnis des Themas „Planung und Erhaltung von großflächigen Staudenbepflanzungen im öffentlichen und privaten Freiraum“ beitragen. Anhand zweier populärer Beispiele für Staudenverwendung in Wien (Österreich) und Malmö (Schweden) werden die gestalterischen Möglichkeiten sowie die erforderlichen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Stauden in Freiräumen diskutiert. Anschließend werden Anregungen für die praktischen Umsetzungen gegeben, um den Leitbildcharakter der Ergebnisse für die zukünftige Planung darzustellen. Für LandschaftsarchitektInnen sind Referenzobjekte sehr wichtig, um in der Realität erfolgreich arbeiten zu können (PETERSON, 2013, 10). Deshalb gilt das Forschungsinteresse auch der Darstellung der Prozesshaftigkeit. Wie fügen die Projekte sich in den urbanen Gartenkontext ein? Hier wird ein spezieller Blick auf urbanes Gärtnern als Phänomen – parallele Entwicklung der gärtnerischen Natur, Stadtlandschaft, Organisation und Effekte – gerichtet. Das Thema der nachhaltigen Gartengestaltung soll hier wissenschaftlich untersucht werden. Außerdem werden positive und negative Erfahrungen aus realen Projekten dargestellt. Die grundlegenden Ziele dieser Masterarbeit sind eine wissenschaftliche Annäherung an das Thema der nachhaltigen Gartengestaltung. Das Hauptziel war, die Faktoren zu identifizieren, die beim Umgang mit Stauden in den Projekten entscheidend für das Ergebnis sind (PETERSON, 2013, 5). 1.3 Forschungsfragen Im Folgenden werden die wichtigsten Fragestellungen aus den Themenbereichen zusammengefasst, die in der Arbeit behandelt werden.  Welche Faktoren sind wichtig für den Erfolg langfristig nachhaltiger Staudenpflanzungen im öffentlichen und privaten Raum?  Wie kann die Projektorganisation, vom Entwurf über Gestaltung bis zur Pflege, das Ergebnis von Projekten beeinflussen und welche Rolle spielen dabei die teilnehmenden Parteien? Die Forschungsfragen wurden für die detaillierte Analyse in Unterfragen unterteilt (GRIMM-PRETNER, 2014).  Was ist für eine großflächige Planung besonders wichtig und welche Faktoren führen zum Erfolg?  Welche Faktoren sollten bei der Auswahl von Arten bzw. bei der konzeptuellen Zusammenstellung im Vordergrund stehen?  Welche Gestaltungskonzepte sind erfolgreich?  Was ist erforderlich, um die Vegetation im jahreszeitlichen Verlauf und über längere Zeit hinweg vital und ansprechend zu halten?  Welche Probleme treten auf und wie können sie vor Ort gelöst werden?  Wie fügen sich die Großprojekte in den städtischen Lebensalltag ein? Wie können Großprojekte optimiert werden?
  6. 6. 6 2 MATERIAL UND METHODEN Die Arbeit untersucht zwei großmaßstäbliche Projekte: den privaten Freiraum und Garten von Kajplats 01 in Bo01 – als Teil des Projekts Västra Hamnen (auf Deutsch: Westhafen) – in Malmö und den öffentlichen Freiraum am Campus der Wirtschaftsuniversität in Wien. Beide Projekte befinden sich im suburbanen Raum der Städte Wien und Malmö. Die Projekte umfassen sehr abwechslungsreiche und unterschiedliche Standorte und Situationen, besonders im Hinblick auf ihre Größe und ihre städtische Hierarchie. Als neue Siedlungsgebiete verfügen sie über soziokulturellen Reichtum. In dieser Arbeit wird Augenmerk auf die Bedeutung und die Besonderheiten dieser Orte und ihre spezifischen Gestaltungsansätze gelegt. FORSCHUNGSDESIGN Methodenauswahl: Diese Masterarbeit ist eine Fallstudie1 von zwei städtischen, großmaßstäblichen Projekten, die anhand der gewählten, aktuellen Gestaltungsbeispiele – wobei Stauden als unterstützende und wichtige Elemente verwendet wurden – durch Recherche und Analyse der Planung, Ausführung und Pflege deren realen Kontext und Prozess zeigen. Durch die vergleichende Analyse können Muster entstehen. Solche Erfahrungen haben auch Relevanz in der Landschaftsarchitektur. In der vorliegenden Analyse war es besonders wichtig, die kulturellen Aspekte unterschiedlicher Länder zu berücksichtigen und die Gestaltung mit Stauden in den großmaßstäblichen Projekten mit Fokus auf die Identität der Projekte zu betrachten. Die Planung von mehrjährigen Bepflanzungen erfordert vielfältiges Wissen, das vor allem auf bisherige Erfahrungen im Hinblick auf die jeweilige Situation basiert. Praxisnahes Wissen wird am besten durch Beispiele und langjährige Erfahrung erworben. Donald Schön drückt dies in seinen Theorien folgendermaßen aus: Organisatorisches Lernen beginnt, „wenn Einzelne in einer Organisation eine problematische Situation erleben und sie im Namen der Organisation untersuchen“ (ARGYRIS; SCHÖN, 1999. In: ENGEL, SAUSELE-BAYER, 2014, 60). „Repertoire-building research“ (SCHÖN, 2006) ist sehr wichtig, um neue Erkenntnisse von fertigen Anlagen zu gewinnen, besonders in diesem speziellen Bereich der Staudenverwendung in der Landschaftsarchitektur. Die Definition grundsätzlicher Begriffe und die Zusammenfassung der theoretischen Kenntnisse über die Gestaltung mit Stauden und ortsbezogene Ansätze bildet die Grundlage, um den praktischen Verlauf der Planungsbeispiele zu verstehen. Im Fokus der Analyse stehen die Einflussfaktoren, die sich auf Planung und Realisierung, Aufrechterhaltung und das Grünraummanagement der zwei Projekte ausgewirkt haben. Des Weiteren wurden auch die Bepflanzungstypen, das Erscheinungsbild der Bepflanzungen und die Akzeptanz durch die Bevölkerung untersucht. An aktuellen Beispielen werden Gestaltungsprozesse der Landschaftsarchitektur dargestellt. Die Analyse der Projekte beinhaltet die Planungsprozesse, die Partizipation der BenutzerInnen in diesen, die Rolle von LandschaftsarchitektInnen in Bezug auf die Entwicklung, sowie Werte, Strukturen und das Potential von Staudenpflanzungen. Die verschiedenen Phasen der einzelnen Projekte werden vom Projektbeginn über die Realisierung bis hin zur Pflege untersucht und verglichen. Die Erfahrungen 1 Stadtplanung und Design-Fallstudien sind die Bewertungen der Kontexte, Prozesse, Produkte und Ergebnisse, die den Berufsstand durch Inspiration und Bewertung fördern sollen. Schließlich identifizieren sie Misserfolge und qualifizierte Erfolge, zeigen mögliche Revisionen auf und schlagen vor, wie Erfolge auf andere Kontexte übertragen werden können (AUSTIN, o. J., 34).
  7. 7. 7 der Projektbeteiligten, die Kommunikation zwischen den teilnehmenden Parteien sowie die Wahrnehmung der BenutzerInnen der Anlagen spielen dabei eine grundlegende Rolle. Analysemethoden: Ausgehend von der Erkenntnis, dass die ausgewählten Projekte Ergebnisse von zahlreichen Entscheidungen und sozialen Interaktionen sind, wurden raumwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Analysemethoden angewandt. Die einzelnen Analyseergebnisse fließen in die Darstellungen der Fallstudien ein und bilden neben den Literaturanalysen eine essentielle Basis für deren Operationalisierung (GRIMM-PRETNER, WÜCK, et al. 2009, 10). Die folgenden Punkte zeigen die einzelnen Methoden zur Datengewinnung und die Erarbeitung der Kriterien zur Analyse der Untersuchungsbeispiele aller Bearbeitungsphasen sowie die Schritte zur Durchführung der Ortsanalysen, die als Basis für diese Ausarbeitung und Bewertungen dienen:  Literaturrecherche  Gespräche mit ExpertInnen, Befragung der BenutzerInnen  Begehung, Beobachtung, Skizzen, Fotodokumentation  Analyse und Bewertung der Fallbeispiele Den praktischen Teil der Arbeit bilden die Aufnahmen und Analysen der zwei Beispiele aus freiraumplanerischer Sicht. Nach einer kurzen Vorstellung der Städte werden die zwei ausgewählten Planungsgebiete und Fallbeispiele vorgestellt und die Gestaltungsprinzipien erörtert. Die verwendeten Projekte werden als Basis für eine Übersicht über die aktuellen Tendenzen und Planungsstrategien für Flächenpflanzungen verwendet. Es werden Möglichkeiten erörtert, wie erfolgreich mit Stauden gearbeitet werden kann, und es werden weitere Impulse zur nachhaltigen Bepflanzungen gegeben. Während des Masterstudiums in Wien und des Forschungsaufenthaltes von Dezember 2014 bis Juni 2015 in Alnarp, Schweden, war es mir möglich, mich vor Ort mit der Freiraumgestaltung und der Pflanzenverwendung im städtischen Kontext zu beschäftigen. Die Beschreibungen ausgewählter Anlagen anhand von Texten, Fotos und Skizzen geben Einblick in die vielseitige Parklandschaft der Städte. Wichtige Aspekte sind dabei, neben dem ästhetischen Erscheinungsbild, auch ökologische Werte. Die wichtigsten Daten und Ergebnisse der eigenen Beobachtungen werden in zwei Tabellen zusammengefasst (Tab. 1, Tab. 2). Für die zwei Tabellen wurde die gleiche Struktur gewählt, um eine einfache Übersicht über beide Projekte zu gewährleisten. Als Grundlage der Analyse in Bezug auf die sozialen Aspekte der Pflanzenauswahl und -gestaltung der Projekte werden folgende relevanten Themen herangezogen: Öffentliche Wahrnehmung der ökologischen Pflanzungen, Akzeptanz von Staudenbepflanzungen durch die Bevölkerung mit den positiven Einflussfaktoren für ein ästhetisches Erscheinungsbild von Staudenbepflanzungen, Akzeptanz der Innenhöfe und physikalische räumliche Qualitäten. Umfrage und Interviews: Als sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden werden Leitfadeninterviews und Meinungsbefragungen auf Basis von Literaturrecherche und Freiraumanalysemethoden durchgeführt. Die erhaltenen Informationen von PlanerInnen, PflegemanagerInnen und BenutzerInnen sind ein ausschlaggebender Teil der Analyse. Da mit den Interviews ähnliche Forschungsgegenstände untersucht wurden, wurde für diesen Teil ein einheitlicher Frageleitfaden in englischer und deutscher Sprache eingesetzt. Unter Berücksichtigung der Forschungsziele der vorliegenden Arbeit wurde einerseits das leitfadengestützte ExpertInneninterview gewählt. Als Instrument der Datenerhebung wurden teilstandardisierte Fragebögen mit einheitlich formulierten Fragen und einheitlicher Anordnung in deutscher und englischer Sprache verwendet. In der Arbeit werden Personen befragt, die ein spezielles Wissen
  8. 8. 8 bezüglich der Forschungsfragen aufweisen beziehungsweise hauptverantwortlich für jeweils eines der Projekte waren. Um qualitative Daten zu den Projekten und den Untersuchungsgegenständen zu erhalten, wurden Anfang 2015 und Anfang 2016 die PlanerInnen beider Projekte und die Führungskraft des Grünraummanagements in Wien interviewt. Die Interviews dienen dem Informationsgewinn über das Grünraummanagement oder den Planungsprozess des jeweiligen Projekts. In dem Interview werden sowohl Fakt- als auch Meinungsfragen gestellt. Die Befragungen der BenutzerInnen in Wien wurden durch Fragebögen vor Ort und eine Onlinerecherche durchgeführt. Die Meinungsforschung der BenutzerInnen schloss neben sachlichen Inhalten auch die Evaluierung ihrer Reaktion mit ein, um eine vollständigeres Bild vom Erfolg der Projekte zu bekommen. Deshalb wurden Umfragen mehrmals während des Jahres mit verschiedenen BenutzerInnen durchgeführt, um die aktuelle Situation der Projekte und Bepflanzungen im Verlauf der Jahreszeiten zu beschreiben. Für die Meinungsbefragung der AnwohnerInnen vom Kajplats 01 in Malmö wurden nur wenige Freiwillige gefunden. Es wurde deshalb die Untersuchung von PassantInnen des Privatgarden von ANDERSSON (2008) ausgewertet, um einen Überblick über die Meinungen der BenutzerInnen des Freiraums zu bekommen. Die durch die Interviews und Umfragen gewonnenen Informationen wurden zur weiteren Analyse nach „Auswertung durch die qualitative Inhaltsanalyse“ aufbereitet. Das Grundkonzept der qualitativen Inhaltsanalyse nach MAYRING besteht darin, „Texte systematisch [zu] analysieren, indem sie das Material schrittweise mit theoriegeleitet am Material entwickelten Kategoriensystemen bearbeitet“ (MAYRING 2002, 114). Die gesammelten Daten werden im Hinblick auf die Forschungsfragen verarbeitet. 3 ERGEBNISSE: ANALYSE DER FALLSTUDIEN Die zwei großmaßstäblichen Projekte aus zwei europäischen Städten wurden von verschiedenen Akteuren initiiert. Sie verfügen über unterschiedliche Planungs- und Laufzeit. Beide Projekte können räumlich der Kategorie „single-site urban projects“ (LECROART; PALISSE, 2007, 10) zugeordnet werden und beziehen sich auf Gebiete, die hohes Potential geboten haben und bereits abgeschlossen sind. Es geht um relativ neue Siedlungsgebiete mit neuen Funktionen, deren Realisation neue Arbeitsmethoden benötigte. Die Gestaltung dieser neuen Siedlungsgebiete und deren nachhaltige, dynamische Bepflanzungen spielen eine wachsende Rolle in der Landschaftsarchitektur. 3.1 Freiraum von Kajplats 01 (Bo01 in Västra Hamnen), Malmö Die ökologische Bauausstellung Bo01 hatte folgendes Ziel: „an internationally leading example of environmental adaptation of a densely built urban area“, und sollte somit ein Demonstrationsprojekt für andere Länder sein. Als Areal mit gemischter Nutzung in Malmö wurde es auf der Grundlage eines innovativen Planungsverfahrens und basierend auf folgenden Bedingungen errichtet: Eine sehr umfassende Definition des Nachhaltigkeitsbegriffs benötigte neue Ansätze in der Zusammenarbeit der StadtentwicklerInnen, PlanerInnen und DesignerInnen. Die Projektergebnisse schließen herausragende Ästhetik in den Plan, die einzelnen Elemente die Räume mit ein. Die sozialen Interaktionen in der Stadt, in der Nachbarschaft und in Blockwaagen zu steigern, zählt ebenso zu den Ergebnissen. Gleicherweise wurden durchgängig neueste ökologische Standards angewendet wie z. B. durchgängige Dachbegrünung und das Auffangen und Filtern des Regenwassers. Eine umfassende Planung von Energie, Wasser und Abfallsystemen führte zu signifikanten Verbesserungen, vor allem in der Energieproduktion (100% aus erneuerbaren Quellen) und Abfallwirtschaft. Maßnahmen, wie z. B. toxische Böden auf der Brachfläche zu ersetzen, wurden mit dem Konzept für ein Regenwassersystem gekoppelt (AUSTIN, o. J., 1). Bei den Innenhöfen wurden Landschaftsarchitekten
  9. 9. 9 an der Gestaltung beteiligt. Sie mussten ein Grünraumverhältnis (auf Schwedisch „grönytefaktor“) erreichen, das von der Stadt Malmö und der Bo01 gemeinsam entwickelt wurde. Diese wurden für die Innenhöfe verwendet, um die biologische Vielfalt der Region zu verbessern (THE CITY OF MALMÖ, 2012, 24–25). Das Västra-Hamnen-Projekt in Malmö hat gezeigt, dass die Transformation einer Brachfläche in einen Stadtbezirk neue Instrumente erfordert:  Der kreative Dialog verbindet öffentliche AdministratorInnen, EntwicklerInnen, ArchitektInnen und BürgerInnen. Ein gemeinsamer Austausch von Informationen und Erfahrungen konzentriert sich auf soziale, wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit sowie auf hohe architektonische Qualität, um neue Lösungen zu ermitteln und die Produktionskosten zu senken. Nachhaltige Stadtentwicklung soll ein kostengünstiger Standard werden.  Bo01 – ökologisch nachhaltige Energieversorgung: Das klimaneutrale Stadtquartier Bo01 wird vollständig mit lokalen, erneuerbaren Energien versorgt, auf der Basis von Windkraft, Solarwärme und Biogas, das durch lokale Abfallwirtschaft produziert wird.  Bedürfnisse der zukünftigen BewohnerInnen: Es wurden bestimmte Vereinbarungen unter der „Creative Dialogue“ und direkte Auswirkungen auf die Bedürfnisse der Menschen in Bezug auf ihr zukünftiges Wohnumfeld getroffen.  Öffentlicher Raum für alle: Der öffentliche Raum wird als die Lebensader und Ort der Begegnung des neuen Stadtquartiers verstanden und wird von allen Bürgern der Stadt Malmö genutzt (STADT WIEN, 2012). Die Wohnsiedlung Kajplats 01 wurde in Zusammenarbeit zwischen NOD Landschaftsarchitekten und Wingårdh Architekten zur Wohnausstellung Bo01 Housing Expo in Malmö 2001 entworfen mit der treibenden Kraft hinter der Planung, ein Leitbildprojekt zu sein (NANFELDT, 2008) (siehe Tab. 1). Die Nähe des Meeres diente besonders als Inspiration bei der Planung (WINGÅRDHS, 2001). Freiraum von KAJPLATS 01 Daten Fertigstellung 2001 Projektadresse Hus 203 C Kajplats 01 Sundspromenaden 23–27 und Salongsgatan 28+30 SE-211 16 Malmö Preise 1. Preis, SAR’s Housing Award 2001 Gestaltet von NOD – Natur Orientiertes Design Verwaltung MKB Fastighets AB Interviewte Johan Paju, Landschaftsarchitekt von Paju Architektur und Landschaft Besitzformen Eigentum (Privat), Gemietet Funktion/Freiraumkategorie Privatgarten Leitbilder Bo01 Internationale Wohnausstellung 2001: etwas Eigenes zu schaffen, Landschaftsarchitektur als wichtigen Projektteil
  10. 10. 10 Bürgerbeteiligung „Kreativer Dialog“ (Bedürfnissen der zukünftigen BewohnerInnen), ökologisch nachhaltige Energieversorgung und „Öffentlicher Raum für alle“ Idee/Kreativität der PlanerInnen Landschaft, „Strand-Lebensraum“ als Leitbild, Prozesshaftigkeit, Selbstregulierung, Ausstellungselemente Landschaftstyp Orginal: 8 unterschiedliche Gartenzimmer als Microtopographien Pflanzplan, -konzept Biotopgarten, Naturnähe, Dynamik, Teil der natürlichen Sukzession. Die Pflanzengestaltung soll gemäß einem lebendigen Biotop erfolgen. Pflanzenauswahl Als Teil eines Biotops/in ihrem Lebensraum, heimische Pflanzen: Wildpflanzenarten, salztolerante, trockene Wiesenpflanzen Pflegezustand Extensives Pflegekonzept, behandelt als Ruderalgebiet  neues Design: intensiv Probleme NOD und MKB – unterschiedliche Sichtweisen bezüglich Management, fehlende Funktionen des traditionelles Gartens BenutzerInnen/Akzeptanz Die BewohnerInnen wünschten sich eher einen traditionellen Hausgarten Tab. 1: Projektdaten des Freiraums Kajplats 01 und Ergebnisse der eigenen Beobachtungen (Eigene Darstellung) Die vier jungen Landschaftsarchitekten im Planungsbüro NOD wollten von Beginn an am Projekt beteiligt sein und mit landschaftlichem Interesse den Projektablauf der konzeptionellen Architektur zusammen weiterdenken. Johan sagte, dass er sehr daran interessiert sei, Landschaftsökologie und Pflanzengesellschaften kennenzulernen und die lokalen Landschaften zu verstehen. Dies sieht er als eine zentrale Quelle der Inspiration an, sowohl für die Strategie als auch für die Denkweise bei der Gestaltung. Pflanzen, Dynamik und natürliche Prozesse waren deshalb Teile der Komposition. Der Komplex besteht aus drei verschiedenen künstlichen Landschaften: „Strand“ (Abb. 2), „Garten“ und „Biotronen“ (Abb. 1). Bei der Realisierung wurden Gartenzimmer als Microtopographien geschaffen: die Abb. 1: Die ursprüngliche Illustration Plan Kajplats 01 in Bo01 von NOD (Dieses Dokument darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung von Anders Marsen kopiert werden)
  11. 11. 11 Staudenpflanzungen und Ausstellungselemente waren Teil des „Strand-Lebensraums“. Die Auswahl der Pflanzen erfolgte beim Kajplats 01 hauptsächlich nach ökologischen Kriterien, wobei die PlanerInnen zum ursprünglichen Konzept lokale Arten ausgewählt haben. Mit der Streuung der Korngröße und Nährstoff- und Feuchterückhaltevermögen wurden der Vegetation unterschiedliche Bedingungen in den verschiedenen Teilen des Parks gegeben. Aber nach der Realisierung wurde die spezielle Pflanzenzusammenstellung nicht mehr fachgerecht gepflegt. Während des Projektes bestand ein ständiger Dialog mit dem Besteller MKB, der für die künftige Pflege verantwortlich war. NOD hat einen Pflegeplan für alle Teile der Wohnanlage festgelegt. Das Dokument war mit Beispielbildern illustriert, es wurde aber nicht vom Pflegepersonal verwendet. Die beiden Versuchsteile („Biotronen“ und „Giardino Secreto“) brachten viele Probleme. Obwohl NOD ein sehr ökonomisches Management der Anlage vorgeschrieben hat, wurde der „Strand“ Gartenteil weitgehend als „Ruderalgebiet“ behandelt bzw. aufgrund der Abnutzung gab es Trampelpfade. Johan traf sich nach einem Jahr der Entwicklung der Wohnanlage mit MKB, um sich mit ihnen zu beraten, da die Anlage sich immer mehr von seinem beabsichtigten Aussehen entfernte. Das Treffen war im Interesse der Wohnungsbaugesellschaft und mit deren Einverständnis. Sie waren einverstanden, dass ein Teil der derzeitigen Situation soll gleich bleiben wie die ursprüngliche Idee von Johan Paju, rund um den Gartenraum herum mit Spalierbirnen. Paju berichtete auch, dass MKB einige neue Pflanzen vorschlug, die nicht zum Geschmack der NOD gehörten. Auf diese Weise gab es einige Unstimmigkeiten darüber, in welche Richtung die Entwicklung des Parks gehen sollte. In dieser Abb. 2: Grundlageplan der Siedlung Kajplats 01 und der Gartenteil „Strand“ mit dem ersten Design (GUSTAVSON, 2015) Abb. 3: Der neue Plan wurde von Johan Paju für den Teil des ehemaligen „Strand-Lebensraums“ am Kajplats 01, Malmö, erstellt (PAJU, 2013: In: PETERSON, 2013).
  12. 12. 12 Situation argumentierte Johan, dass die Anlage die ursprüngliche Idee behalten sollte. Eine Lösung wurde dann auf halbem Weg getroffen. Die Neugestaltung: Mit Zustimmung der NOD wurde ein neues Design entwickelt, wobei der Arbeitsteil des Gartens, wo zuvor die Strand-Idee gewachsen war, nun mit Kalksteinfelsen und Knötericharten geplant wurde (Abb. 3). Mit dem neuen Vorschlag wurde die aktuelle „Strandoberfläche“ mithilfe höherer Pflanzen in mehrere Räume aufgeteilt. Neue Elemente wurden in Form von kreisförmigen Vegetationsflächen hinzugefügt. Eichen- und Magnolienarten erhielten einen Untergrund aus Efeu- und Tulpenarten (Abb. 5). Abnehmbare Sitzgelegenheiten wurden auch nach dem Vorschlag der BewohnerInnen in die Einrichtung aufgenommen. Die von den BewohnerInnen und MKB aufgestellten Bänke und die verschiedenen persönlichen Gegenstände unterschieden sich sehr davon, was Johan ästhetisch fand. Trotzdem meinte er, dass die BewohnerInnen selbst entscheiden sollten, was sie möchten. Das Gleiche gilt für die Zukunft der Wohnanlage und die Wiederaufrüstung: die MKB hat das letzte Wort. Auswirkungen und Erfahrungen: Die Wohnausstellung 2001 in Malmö war in vielerlei Hinsicht ein einzigartiges Projekt. „Alles ging sehr schnell und es wurden ziemliche Extreme erstellt“, sagte Johan. Es gab viele Faktoren, die untersucht werden sollten. Grünflächen und Aufbauzeiten bedeuteten, dass es ein komplexes Projekt war und dass eine temporäre Ausstellung involviert war. „Housing Exhibition“ war eine exklusive Veranstaltung, um eine Neugründung von ArchitektInnen herbeizuführen, und eine Gelegenheit, Grenzen zu überschreiten. Es folgte eine Diskussion über die Nachhaltigkeit und die Zukunft des Hausgartens. Als die Wohnanlage bereit für die Ausstellung war, empfanden ihn alle als wunderbar und andersartig. Es war schriftlich nie darüber gesprochen worden, dass dies ein traditioneller Hausgarten werden würde. „Dies war ein spezieller Ort, den man in sehr vielen verschiedenen Arten verwendete und der sich ständig veränderte“ (PAJU, 2012). Johan (2013) erwähnte die Mooswand (Abb. 4) als den am meisten geschätzten Teil der Ausstellung. Er beschreibt, wie BesucherInnen begeistert waren und die Moose fotografierten, von denen später sehr oft als Thema der Ausstellung gesprochen wurde. Diese speziellen Elemente (Moosmischung für Objektträger, U-Träger mit Moosmischung) existieren heute nicht mehr. „Wir vertrauten auf unsere Technologie für diese spezielle Moosgeschichte. Jetzt im Nachhinein kann man sagen, dass das sehr optimistisch war. Im Laufe der Jahre haben wie aus den fadenscheinigen Gründen in allen Punkten besonders viel gelernt“ (PAJU, 2012). Abb. 5: Skizzen vom ehemaligen „Strand“-Gartenteil (12.03.2015)
  13. 13. 13 3.2 Der Freiraum am Campus WU, Wien Laura P. Spinadel und ihr Team von BUSarchitektur kreierten eines der wichtigsten Beispiele für die Stadtplanung in Wien in den letzten Jahrzehnten. Es kann als ein Leuchtturm-Projekt für Wien angesehen werden (AUSTRIAN CULTURAL FORUM, 2015). Als Grundlage der Entwicklung dient der sogenannte ökologische Urbanismus, welcher das wesentliche Ziel hat, eine aktive Rolle in der Optimierung der Umweltqualität zu erlangen (siehe Tab. 2) (BOA, 2013, 13). Die Vorstellung des Verhaltens von Studierenden, Lehrenden und AnrainerInnen, sowie der Wunsch, ihre Bedürfnisse zu antizipieren, bildeten einen Ausgangpunkt der Planung. Diese führten zur Hauptidee des Parks (BOECKL, 2014, 31). Freiraum von CAMPUS WU Daten Fertigstellung 2013 Projektadresse Welthandelplatz 1 Wirtschaftsuniversität Wien AT-1020 Wien Preise Preis der Stadt Wien in der Kategorie Architektur (für Verdienste rund um die Masterplanung des neuen Campus WU), November 2015 für „BUSarchitektur“: CICA Award in der Kategorie Städtebau für den Campus WU, 2015 Gestaltet von BUSarchitektur, BOA Büro für offensive Aleatorik Verwaltung GRÜNWERT Garten- und Landschaftsbau GmbH Interviewte Laura Spinadel, Stefan Schmidt, Jörg Obenaus Eigentum Öffentlich, Wirtschaftsuniversität Funktion/Freiraumkategorie Universitätscampus, Wohn- und Lebensviertel Leitbilder Bewährtes städtisches Role-Models mit vergleichbarem Maßstab (z. B. Museumsquartier in Wien) Bürgerbeteiligung Workshops, Kommunikationsplattform, Interaktion, Info Point Idee/Kreativität der PlanerInnen aktive Bildungslandschaft, ökologischer Urbanismus, offene Utopie Landschaftstyp Produktion einer neuen synthetischen Natur mit Grünzonen: Monokultur der typologischen und räumlichen Klassifikation Pflanzplan, -konzept Gruppenpflanzungen, Misch- und Monopflanzungen, Farbschema für einzelne Bereiche – jahreszeitliche Veränderungen Pflanzenauswahl Farbkonzepte, künstlerische Ansprüche, standortgerecht Pflegezustand Extensives Pflegekonzept Probleme Fehlende Bauaufsicht bei der Bepflanzung und Begleitung der Pflege
  14. 14. 14 BenutzerInnen/Akzeptanz Positive Rückmeldungen, aber mehr naturnahe, bunte Bepflanzung gewünscht Tab. 2: Projektdaten des Freiraums „neuer Campus WU“ und Ergebnisse der eigenen Beobachtungen (Eigene Darstellung) Während der Entwurfs- und Konstruktionsphase entwickelte BUS gemeinsam mit seiner für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Partnerfirma BOA kritische interaktive Kommunikationsstrategien, die es zukünftigen NutzerInnen und BürgerInnen ermöglichte, sich mit dem Designprozess vertraut zu machen und sich zu engagieren. Dies inkludierte eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien im Mai 2009, die die Genealogie des Masterplans zeigte, den Info Point am Bauplatz (mittlerweile wieder aufgebaut) mit Ausstellung und geführten Touren von 2010-2013, Interviews und eine Webcam, Dokumentation der Projektentwicklung, ein Brandlingkonzept durch die Beschilderung der Baustelle, die Installation „count-down“ auf dem gegenwärtigen Campus WU zur Bereitstellung einer Kommunikationsplattform für Studierende und Universitätspersonal, und die Entwicklung einer umfassenden Webseite zusammen mit einem breiten Angebot externer Aktivitäten und Events wie etwa Symposien, Lesungen und Videos (BOA, 2013, 62–64). Städtebauliche Funktion – „Freiraum als Generator von Urbanität“: Vom städtebaulichen Maßstab bis zur Organisation der Studienzonen hat BUSarchitektur den Ansatz verfolgt, Sequenzen zu bilden, die Panoramen und Horizonte schaffen und Identität stiften. BUSarchitektur ging von Umriss und Größe des Grundstücks aus und überlagerte es mit bewährten städtischen Role-Models mit vergleichbarem Maßstab (z. B. dem Museumsquartier und der Strecke zwischen Stephansdom und Donaukanal.) (Abb. 6) (BOECKL, 2014, 30–31). Der Raum des Uni Campus ist eine Einheit und dient als einer versteckten Restfläche in der Stadtstruktur zwischen Prater und Messegelände. Mit ausreichenden Freiräumen lässt sich das Konzept „einer aktiven Bildungslandschaft“ entwickeln. Abb. 6: Städtebauliche Aspekte, Freiraumkonzept (BUSARCHITEKTUR & BOA, 2008)
  15. 15. 15 „Der Campus ist öffentlich zugänglich, und daher ein wichtiger Teil der Stadtgestaltung. Zahlreiche rundherum angeordnete Gebäude lassen eine Universitätsstadt entstehen, die auch Nicht- Studierenden offensteht (bspw. Gastronomie). Es wurde besondere Aufmerksamkeit darauf gelegt, Synergien zum Umfeld aufzubauen“ (BOA, 2013, 198). Der Campus ist grundsätzlich Fußgängerzone. Die Platzsequenz besteht aus sechs Plätzen. Alle Plätze auf dem Campus haben eine eigene Ausstattung und ein besonderes Merkmal. Campus WU: „Museum für Pflanzenverwendung“: die Außenanlage umfasst gigantische Ausmaße. „Ein paar Zahlen: Verbaute Grünflächen: ca. 35.000 m²; gepflanzte Stauden und Ziergräser: 82.000 Stück; Blumenzwiebeln: 10.000 Stück.“ Traditionell gab es Bauverzug bei den Vorgewerken, welche der Gärtner aufzuholen hatte. Die ersten Gräser, Stauden, Bäume wurden im April 2013 auf ihren neuen Standort gepflanzt und im Mai erschienen auch die ersten Blüten. Die gestaltete Vegetation des Campus WU Wien beruht auf zwei unterschiedlichen Prinzipien (BUSarchitektur & BOA, 2015): Der Ginkgohain und der Grüne Rand, das Netz und die chromatischen Familien. Die Begrünungsformen bestehen neben Bäumen aus Staudenflächen, Ziergräsern, Rasenflächen und extensiven Dachbegrünungen. Abb. 7: Skizze von den blühenden Stauden der Beete mit im Hintergrund mit dem Department- und Verwaltungsgebäude (Sommer 2015)
  16. 16. 16 Die Staudenbepflanzungen basieren auf statischen Verwendungs- und Pflegekonzepten. Als Bepflanzungstypen finden sich überwiegend grob strukturierte Pflanzungen, Mono- und Mosaikpflanzungen, aber auch Mischpflanzungen. Bandartige Staudenpflanzungen, deren Struktur und Blühaspekte sich jahreszeitlich im Kontext von wechselseitiger Beziehung und Identität der Familien wandeln, beziehen den Maßstab und die Modulation des Raums in starke Gartenbilder ein und erleichtern die Orientierung im Campus. Bei der Pflanzenverwendung der chromatischen Familien wurden unterschiedliche Gestaltungsaspekte angewendet. Beispielsweise das Prinzip Überlagerte Bänder – Wandernde Bilder, das Prinzip Aspektbildung – Struktur und das Prinzip Überraschung (siehe Abb. 8). Drifts2 von ausdrucksstarken Gräsern wie Miscanthus oder Panicum-Arten übernehmen vegetabile Leitfunktionen entlang des Netzes der Freiräume. Sie treten gegen Ende des Jahres, wenn die Hochblüte des Sommers vorüber ist, immer stärker in Erscheinung und wirken auch im Winter strukturbildend. (SCHMIDT, 2013. In: BOA, 2013). 2 Drift (Bedeutungsübersicht): a: durch den Wind erzeugte Strömung an der Meeresoberfläche,. Synonym: Strömung. http://www.duden.de/rechtschreibung/Drift (29.03.2016). Siehe mehr: Anhang 7.1.3.1 Einartige Pflanzung („Monokultur“) Abb. 9: „Verborgene Schätze“ als Mischpflanzungen (BOA; Landschaftsarchitektur Batik Schmidt, 2011) Abb. 8: Bepflanzungskonzepte (2011, BOA; Landschaftsarchitektur Batik Schmidt)
  17. 17. 17 Besonders auf die jeweiligen Situationen abgestimmte Beete mit Struktur-, Farb- und Duftaspekten wurden als „verborgene Schätze“ in die Mischpflanzungen eingearbeitet oder als Teil des Arrangements der Familien in diese Bereiche integriert (Abb. 9). Sie wurden als vielfältige Pflanzenkompositionen entworfen und stehen im Kontrast zur kräftigen, flächenhaften Pflanzenverwendung (BOA, 2013, 212). „Auf dem Campus wurde keine Erde im herkömmlichen Sinn verwendet“ (BOA, 2013, 214). Es wurden hauptsächlich Pflanzen aus dem Bereich F1 oder GR1 verwendet und in ein Splittsubstrat (spezielle, sandreiche Substratmischung) gepflanzt (SCHMIDT, 2016). Das Substrat hat die Aufgabe, das Unkrautaufkommen und die Austrocknung des Bodens zu verhindern. Erscheinungsbild der Bepflanzungen: Um die Analyse dieser abwechslungsreichen Bepflanzung in einem Rahmen zu halten, habe ich zwei Teilbereiche am Freiraum des neuen WU Campus ausgewählt, deren Strukturen detaillierter beschrieben werden (Abb. 10, 11, 12). Aktuelles Grünraummanagement: Erhaltungsaufwand: „Der Auftrag beinhaltet eine komplette Jahrespflege (Jan – Dez), im Februar werden die Gräser und teilw. die Stauden und die Bäume geschnitten, danach werden laufend Unkrautgänge absolviert, d. h. eine Mitarbeiterin ist permanent an der WU aktiv und wird laufend von Kollegen unterstützt (In Summe ca. 2 Personen über das Jahr gerechnet.“ Die fachliche Qualifikation der Pflegekräfte ist eine klassische Gärtnerausbildung. Die Abb. 10: Aufnahmen der Bepflanzung im Winter 2014 Abb. 11: März 2015 Abb. 12: Juni 2015
  18. 18. 18 benötigten Pflegezeiten für die betreffenden Flächen betragen im Schnitt ca. 2–3 Arbeitsstunden pro m2 (OBENAUS, 2016). Organisierung des Managements: „Ein Techniker ist Ansprechpartner für die Gärtnerin vor Ort und der WU-Verwaltung, auch die Gärtnerin hält laufend Kontakt zur Verwaltung.“ Herr OBENAUS fügt hinzu, dass sich die Zusammensetzung der Bepflanzung, seitdem sie gepflegt wird, teilweise geändert hat, da an bestimmten Standorten Pflanzen ausgefallen sind und diese durch andere ersetzt wurden. Die betreuten Bepflanzungen sind in unterschiedliche Pflegeklassen eingeteilt, weil die Staudenflächen deutlich öfters bearbeitet werden müssen als die Ziergräser, auch hinsichtlich Dünger sowie Unkraut (OBENAUS, 2016). Die Blumenbeete sind in Stufe Eins und Zwei der Skala von SCHMIDT (2005) einzuordnen: Es gibt eine regelmäßige Minimumpflege wie die Bekämpfung von Unkraut sowie ein- bis zweimal jährliche Grundpflege wie z. B. Rückschnittsmaßnahmen. Die Pflegemaßnahmen bestehen vor allem im Eindämmen sich stark ausbreitender Pflanzenarten sowie dem Entfernen unerwünschter Pflanzen. Dennoch sind alle Pflegeintensitäten an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten im Freiraum zu finden. 4 ZUSAMMENFASSUNG UND ANALYSE DER ERGEBNISSE Freiraum-, Bepflanzungs- und Pflegekonzepte im großen Maßstab: Mit dem neuen Campus ist der WU nicht nur ein international beachteter architektonischer Entwurf gelungen, sondern deren Campus steht auch für die Einbettung in ein lebendiges Wohn- und Lebensviertel, in dem die WU auf den Dialog mit ihrer Umgebung setzt und einen bedeutenden Beitrag zur Stadtentwicklung leistet (HACKER, 20143 ). Das Projekt war eine Reaktion auf sehr unterschiedliche Anforderungen vonseiten der NutzerInnen in einem ganzheitlichen Ansatz mit Kreativität sowie stark analytisch konzeptionellem Denken. Auschlaggebend für den Erfolg des Campus WU waren das Planungssystem und die intensive Kommunikation zwischen den AuftrageberInnen und den Architekturbüros, wodurch die Prozesse und Rahmenbedingungen für beide Parteien klar nachvollziehbar waren (BOECKL, 2014, 152). Laut Laura Spinadel (2015) ist bei der Schaffung einer nachhaltigen Staudenbepflanzung im großen Maßstab Folgendes von besonderer Wichtigkeit: „Demut gegenüber der Natur. Und zwar von allen Beteiligten.“ Außerdem: „Richtige Auswahl der Pflanzen.“ Am Beispiel des Projekts Kajplats 01 in Malmö zeigte sich auch, dass ein modernes Projekt im großen Maßstab spezifische, integrative Methoden erfordert: z. B. der „kreative Dialog“ und ein „öffentlicher Raum für alle“, um die Bedürfnisse der zukünftigen BewohnerInnen zu berücksichtigen und eine ökologisch nachhaltige Energieversorgung zu gewährleisten. Bestehende ökologisch wertvolle Flächen blieben als Grünflächen erhalten; damit wurde ein Beitrag zur Biodiversität gewährleistet. Trotzdem war der Planungsverlauf von Kajplats 01 mit seinen speziellen, konzeptionellen Prozessabläufen und nachträglichen Maβnahmen zur Freiraumplanung sehr komplex. Schwierigkeiten der großflächigen Staudenplanung: Johan Paju (2015) sieht es als ein generelles Problem, wenn man Pflanzen als „einzelne Pflanzen“ und nicht als Teil eines Biotops oder in ihrem Lebensraum nutzen will. „They will be a part of the ground and find its own specific areas to grow where they are most suitable. The wear and tear of feet is a part of the process“ (PAJU, 2015). Die 3 https://www.wu.ac.at/fileadmin/wu/h/structure/about/publications/Magazin/wu_magazin_0214.pdf (10.02.2016)
  19. 19. 19 Staudenpflanzungen können sich auf dieser Art und Weise räumlich und funktional in das gesamte Freiraumkonzept eingliedern. Laura Spinadel (2015) betont andere Probleme: „Die Realisierung von anspruchsvoller Freiraumplanung braucht spezielles „know how“ bei den AuftraggeberInnen, der Projektsteuerung, der örtlichen Bauaufsicht, den Firmen und ArbeiterInnen anderer Bereiche etc., welches selten auf einer Baustelle vorhanden ist.“ Beim neuen Campus WU z. B. „gab es kein Budget für den Freiraum, als wir beauftragt wurden. Das Budget mussten wir uns mit guten Ideen erkämpfen. (…)“ Die Begrenzung der Pflanzenauswahl nach Pflegeaspekten „war ein Punkt, der von uns bei der Planung immer wieder angesprochen wurde, aber ohne befriedigende Antwort blieb. Durch das Substrat konnten wir ohne Wurzelunkräuter beginnen. Wir hatten ein Pflegehandbuch geschrieben, das allerdings nur sehr globale Leitlinien vorgab. Wir hatten eine erweiterte Anwuchspflege und Entwicklungspflege ausgeschrieben, sodass die Firma, die die Pflanzung gemacht hatte auch für die Pflege der ersten Jahre verantwortlich war“ (SCHMIDT, 2015). „Als Handicap erwies sich, dass wir nicht mit der örtlichen Bauaufsicht beauftragt waren, sodass bei der Pflanzung keine Fachaufsicht vorhanden war, sondern lediglich die Bauingenieure, die den gesamten Bau überwachten. Die Auftraggeber waren hier nicht bereit, eine entsprechende Beauftragung zu machen. Die Folge war, dass die Pflanzung der Stauden bis in den Juli durchgeführt wurde und die Standorte oft durch Lagerungen oder Verdichtungen des Untergrunds oder durch Chemikalien belastet waren. Eine Tatsache, die sich jetzt bei der Pflege an bestimmten Standorten dramatisch bemerkbar macht. Hier ist das Problem, dass die Bauherren einfach überhaupt keine Erfahrung mit Garten und Landschaftsbau hatten und wir nicht genug überzeugen konnten.“ Rückblickend meint Stefan Schmidt (2015) dazu: „Keinesfalls ohne Bauaufsicht und Begleitung der Pflege (...) Ich würde ein ausführliches Pflegehandbuch schreiben. Allerdings müssen diese Leistungen bezahlt werden.“ Gestaltungsaspekte, Erfahrungen mit der Pflanzenauswahl und -verwendung: Beim Campus WU sollte der Universitätspark als Teil der Bildungslandschaft gestaltet sein und den Freiraum zwischen „den Pavillons“ dominieren. Folglich waren bei der Freiraumplanung und Pflanzengestaltung die Anforderungen der NutzerInnen besonders wichtig, um Multifunktionalität, klare Aufenthaltsqualität und übersichtliche, begehbare Räume zu schaffen. „Die Pflanzen waren genauso wie die Materialien, das Licht, das Wasser, die Möblierung etc. Elemente, die den Freiraum zu definieren hatten“, meint Laura Spinadel (2015). Laura Spinadel leistete laut Schmidt (2015) als Schlüsselperson einen zusätzlichen Beitrag zum Projekt: „Ohne die Begeisterung von Laura Spinadel hätte das Projekt nie funktioniert.“ Auf der konkreten fachlichen Ebene unterstützte Philipp Schönfeld von der LWG Veitshöchheim das Projekt. „Er ist maßgeblich für Staudenmischpflanzungen wie dem ‚Silbersommer‘ verantwortlich und ein profunder Pflanzenkenner.“ Schmidt ist außerdem der Meinung, dass es für die Schaffung einer nachhaltigen Staudenbepflanzung wichtig ist, Pflege und Substratvorbereitung auch Teil der kreativen Arbeit zu integrieren. Den Fokus soll man nie nur auf die einzelnen Bereiche richten, sondern das Gesamtbild im großen Maßstab sollte im Vordergrund stehen. Die PflanzplanerInnen des Campus WU orientierten sich im Prinzip an der Höhenschichtung, wie sie auch bei Mischpflanzungen verwendet wird. „Für den Rand des Campus wurde eine Blockpflanzung aus Gräsern gewählt, die von einer Kragen4 pflanzung aus niedrigen Stauden begleitet wird, die das 4 Kragen = den Hals einfassendes Teil der Kleidung / der anders gefärbte Teil des Halses eines Tiers (https://de.wiktionary.org/wiki/Kragen, 21.02.2016)
  20. 20. 20 Eindringen von Unkräutern verhindern soll“ (SCHMIDT, 2016). Es wurden monochrome Felder gestaltet, die unbekannt erscheinen, aber vielschichtig erlebbar sind (Abb. 13). Wie in der Philosophie der Lehre sind Perspektivenwechsel und Neugierde die tragenden Themen bei der Wahrnehmung der Natur und natürlich das unerwartete mit exotischen Solitären, die dann immer wieder aufpoppen und blühen (SPINADEL, 2015). Des Weiteren waren eine standortgerechte Wahl, wenig Pflegeaufwand und Kostenminimierung wichtige Absichten. Die „Auswahl von einheimischen Pflanzen war kein Aspekt und wir wollten auch keine invasiven Pflanzen“ (SCHMIDT, 2015). Zusammenfassend waren die ästhetischen Aspekte – Textur und Flächen zu schaffen – mehr auschlaggebend bei der Auswahl, welche von den Grünplanern LandschaftsArchitektur in Abstimmung mit BUSarchitektur & BOA getroffen wurde. „Die Idee war, dass alle Pflanzen sich selbst regulieren werden, da wir mit Landschafts-Lebensräumen (Biotopen) arbeiteten“ – erklärte Johan Paju (2011). „Giardino Secreto“ mit der Platane und einer Sammlung von schwedischen, giftigen Pflanzen bzw. die Biotronen waren als spezielle Teile der Wohnausstellung gepflanzt worden (PAJU, 2011). Das Ziel der Gestaltung dieser Elemente war, etwas Außergewöhnliches bzw. Ökologisches zu schaffen, damit Überraschung bei den BetrachterInnen erzeugt wird. Die „Anpassung an die lokalen Gegebenheiten“ und die Voraussetzung, „in Biotopen zu denken“, sind für ihn die wichtigsten Aspekte bei der Schaffung und Pflege einer nachhaltigen Staudenbepflanzung. Beim runden Platz („Kulturgarten“), der über traditionelle Funktionen verfügt, war die Situation anders. Bei den Gestaltungsaspekten dieses Gartenteils waren Ästhetik und die Anforderungen der BenutzerInnen – im Gegenteil zum „Strand“ – von Bedeutung. Probleme des Pflegemanagements: Laut Johan Paju hatten die PlanerInnen von Kajplats 01 keine spezielle Erwartung an das Pflegemanagement. Die Pflanzengestaltung sollte einem lebendigen Biotop gleichen. „We did a micro topography and let different plants start in concentrations.“ Er betont, dass die Erwartung an einen Garten eine wichtige Voraussetzung ist, wenn es um dessen Pflege geht. In diesem Zusammenhang hält er fest, dass beim Projekt Kajplats 01 MKB und NOD nicht die gleiche Sichtweise von einem Garten hatten. „Es war uns wichtig, der Herausforderung 24/7 und 365 Tage im Jahr gewachsen zu sein“, so Laura Spinadel (2015). Somit musste beim Campus WU ein Naturkonzept entwickelt werden, bei dem „sowohl die kurze Zeit des Tages als auch die lange Zeit des Jahres als Regisseur für die Entdeckung neuen Inputs beachtet wird.“ Wie bereits erwähnt, war es ebenfalls ein Aspekt für die Pflege, die Betriebskosten besonders niedrig zu halten, was die Pflanzenauswahl im gewissen Sinne begrenzte. Deshalb war – anstatt der Investitionskosten – die Wartung der springende Punkt. Nach Laura Spinadel (2015) sollen die Firmen und ArbeiterInnen anderer Gewerke auf der Baustelle gut synchronisiert sein. „Die Wartung lebendiger Organismen braucht ein sensibles Facility Management, das sich bewusst ist, dass man nicht alles digital lösen kann (…)“ Die Pflege wurde beim Campus WU ursprünglich nach ÖNORM (Anwuchspflege für 3 Jahre) von der zuständigen Firma erfüllt, aber es gab standortgerechte Probleme; dazu sind noch Probleme mit dem fachgerechten Management hinzugekommen (SCHMIDT, 2015). „Eine Stelle kann jahrelang nur in Stufe Abb. 131: Monokultur mit Rudbeckia-Arten nach der Blütezeit. Aufnahme vom Herbst 2015 (24.9.2015)
  21. 21. 21 1 gehören, bis vielleicht einmal dort durchgegriffen, alles zerlegt und neu gestaltet wird“ (GAMERITH, 2011. In: THALHAMMER, 2012, 131). Was den Pflegezustand angeht, ist SCHMIDT (2016) am meisten mit dem Gräserrand zufrieden. Außerdem sagt er: „Einige Staudenflächen, die wenig Artenvielfalt und eine eher strenge ‚Herdenpflanzung' aufweisen, haben sich ebenfalls gut entwickelt (…) Am wenigsten bin ich mit der Pflege jener Flächen zufrieden, die komplexere Strukturen aufweisen. Die Pflegefirma ist mit der Unterscheidung von Stauden und Unkräutern überfordert und entfernt Gepflanztes, belässt dafür ‚schöne' Unkräuter (…) Ein weiterer wichtiger Punkt ist die mangelhafte Vorbereitung des Untergrunds. Wir hatten Totalausfälle wegen der völligen Verdichtung des Unterbodens. Auch die Steuerung der Bewässerung muss unbedingt in der Hand der pflegenden Gärtner liegen und nicht bei der Haustechnik.“ SCHMIDT zufolge ist die Bepflanzung derzeit mangelhaft, da viele Pflanzen ausgefallen sind. Manche Pflanzen wurden zu spät gepflanzt und wegen der Zeitverzüge des Hochbaus zu teilweise extrem ungünstigen Zeiten. Stefan Schmidt verfügt über alle nötigen Vorkenntnisse und Voraussetzungen für Staudenverwendung im großen Maßstab und weiß, welche Pflegemaßnahmen für eine nachhaltige Pflanzengestaltung erforderlich sind. „Darüber hinaus kennen wir die Richtwerte der GALK für die Pflege von Grünflächen. Wir haben enge Kontakte zu vielen Forschungsanstalten in Deutschland und der Schweiz, sodass wir über Pflegetechniken und über Pflegezyklen für Staudenmischpflanzungen sehr gut Bescheid wissen. Das Dilemma ist, dass wir als Planungsbüro eben, wie oben erwähnt, keine Beauftragung für örtliche Aufsicht oder Begleitung des Pflegeprozesses bekommen hatten (und ehrlich gesagt nicht geahnt hatten, dass auch bei der mit der Pflege beauftragten Fachfirma so geringe Kenntnisse über die Pflege vorhanden waren – man müsste daher wohl eher gewaltig in die Ausbildung investieren)“ (SCHMIDT, 2016). Die GrünplanerInnen des Freiraums am Campus WU haben intensiv versucht, diejenigen, die den WU Park übernehmen werden, in den Prozess zu integrieren. Leider – wie sehr oft heutzutage – sind diejenigen, die bauen, nicht unbedingt diejenigen, die warten. Laura Spinadel (2015) meint dazu: „Wir sind mitten im Lernprozess mit unseren Auftraggebern, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die Ausstrahlung des Campus WU sehr dabei helfen wird, den Uni Garten würdig zu pflegen“ (…) Allerdings sind lebendige Organismen nicht wie Fassaden zu warten und ‚leider‘ ist es völlig natürlich, dass Kinder oder Jugendliche sich gerne auf Wiesen legen oder zwischen den Gräsern Verstecken spielen. Das kann und sollte man nicht kontrollieren wollen. Aber wir leben in einer Stadt, wo man eben nicht auf der Straße spielen darf und wo es die Regel geworden ist, dass vieles im öffentlichen Raum eigentlich verboten ist“ (SPINADEL, 2015). Wie können Großprojekte optimiert werden, wie fügen sie sich in den städtischen Lebensalltag ein? Die Gestaltung dieser neuen Siedlungsgebiete und deren nachhaltige, dynamische Bepflanzungen spielen zweifellos eine wachsende Rolle in der Landschaftsarchitektur sowie im Alltag der ausgewählten Städte. Die Wohnausstellung Bo01 in Malmö war eine exklusive Veranstaltung bzw. eine Gelegenheit für die ArchitektInnen, einmal die Grenzen zu überschreiten und an besonders komplexen Projekten zu arbeiten. Dass Kajplats 01 – als der erste Biotop-Garten in Schweden – entworfen wurde, ist nun schon fast 15 Jahre her. Damals wurde selten über die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie gesprochen. Die Situation war damals eine völlig andere und die Mehrheit der Ressourcen wurde meistens ganz unbewusst eingesetzt. Durch die involvierten temporären Ausstellungen blieb auch noch später eine Diskussion in Bo01 über die Nachhaltigkeit und die Zukunft des Hausgartens bestehen, unter anderem bei Kajplats 01.
  22. 22. 22 Johan Paju hob vor allem die Biotronen hervor, als den am meisten geschätzten Teil der Ausstellung, wobei mit der Natur als Gestaltungselement gearbeitet wurde. Seiner Meinung nach solle man zunächst nur die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Besonderheiten der Natur nutzen. Erst dann ist es wichtig, mit der Zugabe von gestalterischen Komponenten diese sozusagen zu „verschönern“. NOD hat mit ihrem speziellen Design und ihrer Architektur Reaktionen aus der ganzen Welt hervorgerufen. Paju betont, dass das Ziel dabei war, die Landschaftsarchitektur insgesamt als wichtiges Element im Projekt zu markieren, und betrachtet das Ergebnis in dieser Hinsicht als erfolgreich. Der Freiraum des neuen Campus war sozusagen eine erfolgreiche Reaktion auf sehr unterschiedliche Anforderungen der NutzerInnen: „Der Masterplan (…) von BUSarchitektur ist in seinem Wesenszug sowohl komplex als auch evolutionär. Er verkörpert eine multivalente Beziehung von Maßstäben, konzeptuellen Prinzipien, architektonischen Terrains und operativen Methoden. Der Masterplan funktioniert einerseits als großmaßstäbliches architektonisches Konzept für den gesamten Campus und beinhaltet andererseits mehrfache Strategien, die als Katalysatoren und Kontrollinstanzen den generativen Entwicklungsprozess und die Evolution fördern. Der Masterplan agiert als interaktives Instrument und abstrakte Maschine, ein lebendiger Körper, der, schlussendlich, das Subjekt seiner eigenen materiellen Evolution ist.“5 Über die Reaktionen auf die fertige Anlage sagte Spinadel: „Die Realität übertrifft immer jede Fantasie bei unseren Werken. Ich bin sehr glücklich, so viele Menschen mit diesem privatisierten öffentlichen Raum angesprochen zu haben. Ich gebe mir aber 5 Jahre nach der Eröffnung, bis ich Ihnen sagen kann, ob wir erfolgreich waren.“ 5 DISKUSSION Anhand der zwei Fallstudien wurde gezeigt, dass die Realisierung von Großprojekten sehr komplex ist und dass Projekte individuell zu betrachten sind. Generell sind Probleme und Defizite im späten Projektverlauf insbesondere auf Fehler in der Projektorganisation zurückzuführen: Kooperation der Arbeitsbereiche, fachgerechte – standort- und funktionsgerechte – Auswahl bzw. Verwendung von Pflanzenarten, Pflege von Grünflächen, soziale und kulturelle Anforderungen. 5.1 Impulse zur nachhaltigen Aufwertung der städtischen Freiflächen mit Stauden und Gräsern Der Einsatz von Stauden bringt zweifellos ökonomische, ökologische und ästhetische Vorteile mit sich. Besonders in der Kombination mit modernen Bebauungsstrukturen – der Bo01 Wohnsiedlung und des Campus WU – können naturnahe Bepflanzungen als Teil von Freiräumen in der zeitgemäßen Staudenverwendung eine wichtige Rolle spielen. Daneben ist es notwendig, Ästhetik für jeden zu gewährleisten, um die Akzeptanz für nachhaltige Pflanzenverwendung zu erhöhen. Ökonomische nachhaltige Entwicklung erfolgte bei den Projekten hauptsächlich durch Energieversorgungskonzepte, Recycling von Produkten und zum Teil einheimischen Pflanzenmaterials der Baumschulen. Bei Bo01 wurden die neusten ökologischen Standards angewendet: Durchgängige Dachbegrünung und das Auffangen und Filtern des Regenwassers, umfassende Planung für Energie, Wasser und Abfallsysteme führte zu signifikanten Verbesserungen, vor allem in der Energieproduktion und 5 Ila Berman / Mona El Khafif, Universitätsprofessorinnen der Architektur (27.12.2015)
  23. 23. 23 Abfallwirtschaft. Maßnahmen wurden mit dem Konzept für ein Regenwassersystem gekoppelt (AUSTIN, o. J., 1). Des Weiteren hat die Verwendung von sogenannten Grünpunkten für die Innenhöfe einen wesentlichen Beitrag geleistet, um die biologische Vielfalt der Region zu verbessern. Beim neuen Campus WU wurde das Augenmerk auf die Entwicklung einer nahezu verlustfreien Energieform gelegt, die dann durch eine dezentrale Versorgung auch erreicht wurde (BOA, 2013, 23). Die zur Nachhaltigkeit gehörende Forschung wird gleichzeitig auch in die Lehre integriert. Die neue WU gilt bereits jetzt als Vorzeigeprojekt und strebt für alle Baufelder ÖGNI6 -Zertifizierungen an.7 Zur Gestaltung einer langfristig nachhaltigen Staudenbepflanzung sind bei der Auswahl der Arten viele praktische Aspekte zu berücksichtigen. Wie DUNNETT und HITCHMOUGH (2011) betonen, sind „die Eignung für die Umwelt“ und die speziellen Schlüsselmerkmale der Pflanzen aus biologischer Sicht wahrscheinlich ein besseres Maß für die anzunehmende Nachhaltigkeit von Pflanzungen in einer geplanten Umwelt als beispielsweise der Ursprung der Arten. Diese Attribute sind jedoch an jeder gestalteten Landschaft unterschiedlich, denn „Stadtlandschaften sind wie Mosaike“. Aus diesem Grund war es von besonderer Wichtigkeit, die zwei Beispielprojekte in ihrem jeweiligen Kontext zu prüfen. Die ausgewählten Projekte bieten eine Möglichkeit, die spezielle Pflege sowie Nachhaltigkeitsaspekte und die städtischen, kulturellen Kontexte von Staudenpflanzungen zu studieren, um einen Vergleich mit der heutigen Literatur zu gewährleisten. Am Freiraum des Campus WU sind aufgrund der ästhetischen Aspekte und der künstlerischen Zusammenstellung der Beete viele nicht-einheimische Pflanzen vertreten; in begrenztem Ausmaß sind jedoch auch einheimische Arten zu finden. Bei der Pflanzenzusammenstellung war die Auswahl der einheimischen Pflanzen kein Kriterium (SCHMIDT, 2015). Die Verwendung von Mischformen von einheimischen und exotischen Pflanzen trägt in diesem Fall dazu bei, ökologische und ästhetische Ansprüche zu vereinen. Wie bereits erläutert wurde, soll die Förderung des ökologischen Prozesses als Basis einer „dynamischen und sich selbst erhaltenden Landschaft“ (DUNNETT, HITCHMOUGH, 2011, 20) größere Bedeutung erlangen, anstatt einer starren Konzentration auf einheimische / nicht einheimische Arten bei der Pflanzenauswahl, wie heutzutage üblich. Dies ist genau das, was auch Johan Paju am Beispiel von Kajplats 01 betont. Indem er die Pflanzen als Teil eines Biotops in ihrem natürlichen Kontext oder Lebensraum nutzt, werden sie ein Teil der natürlichen Sukzession in dem Gebiet. In der planerischen Praxis müssen Design und Ökologie kreativ integriert werden. Wenn man Staudenpflanzungen auf diese Art und Weise räumlichund funktional in das gesamte Freiraumkonzept eingliedert, unterstützen sie die architektonischen Elemente des Projektes. Ökologie und Ästhetik sind also gleichermaßen gewährleistet. Wichtig ist aber auch, dass während der Planung die spätere Nutzung der Bepflanzung und das Ziel der Pflanzengestaltung berücksichtigt werden (PETERSON, 2013, 71). NOD hat mit ihrer Wertschätzung im Kajplats 01 – mit dem Design und der Architektur – Reaktionen aus der ganzen Welt hervorgerufen. Durch die Ausstellung – die nicht im Einklang mit den Bildern aus einem Gartenmagazin war – wurden ihnen von erfahrenen LandschaftsarchitektInnen viele Fragen gestellt. Die Idee, nachhaltige Systeme im großen wie auch im kleinen Maßstab als Teil der Bo01 6 Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft 7 https://www.wu.ac.at/sustainabilitycenter/overview/research/ (30.03.2016)
  24. 24. 24 Wohnausstellung zu schaffen, war absolut einzigartig. Das Beispiel von Kajplats 01 zeigt, dass die anteilige Verwendung von einheimischen Pflanzen sehr viel zur Signatur eines Projektes beitragen kann. Deshalb sollte beim Campus WU ein stärkerer Fokus auf dem Erhalt bzw. der Förderung von Biodiversität und der Zulassung von Dynamik in Bepflanzungen liegen. Die Schlüsselmerkmale für die Nachhaltigkeit der Pflanzen nach HITCHMOUGH (2011) und der Grad der Eignung für die Umwelt (DUNNETT; HITCHMOUGH, 2011, 20) sollen bei diesem Projekt – in Hinblick auf ortsspezifische Faktoren (OUDOLF; KINGSBURY, 2013b, 73–74) – eine stärkere Gewichtung bekommen. Diese Faktoren entsprechen dem Beitrag von OUDOLF und KINGSBURY (2013b, 73) zur Diskussion der Anwendung von einheimischen und exotischen Pflanzenarten. Somit können die Bepflanzungen eine positive Rolle in der menschlichen Wahrnehmung der gestalteten Landschaften spielen, den Charakter eines bestimmten Ortes widerspiegeln und einen Beitrag für die soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit leisten. Die Auswahl der Pflanzen erfolgte beim Kajplats 01 hauptsächlich nach den oben genannten ökologischen Kriterien. Die PlanerInnen haben als Komponente des originalen Konzeptes lokale Arten ausgewählt, um einen Teil natürlicher Sukzession in diesem Areal herzustellen. Dem entsprechen die Aussagen von Cassian Schmidt, denen zufolge Pflanzen nach Standortansprüchen ausgewählt werden sollen, sowie die ökologischen Gesichtspunkte – ein pflanzensoziologisches Modell nach Strategietypen – von GRIME (1988). Im Gegensatz dazu haben die erfahrenen PflanzenplanerInnen des Campus WU Sorten auf Basis von bereits zuverlässigen Stauden in Wien in die mehrjährige Pflanzenliste aufgenommen. Wie KÖPPLER und HITCHMOUGH (2015, 82) hervorheben, sollen, um die Pflanzengesellschaften verstehen zu können, erst die einzelnen Komponenten verstanden werden. Um bessere Antworten auf Gestaltungsfragen mit Pflanzen zu bekommen, ist es nötig, über fundierte Grundlagenkenntnisse zu verfügen. Die Anwendung von weiteren Aut-Ökologie-Ansätzen wäre deshalb auch für die gewählten Beispiele äußerst fruchtbar und würde ein tiefes Verständnis für die Pflanzen bieten. Mit der Betonung der spezifischen Toleranzen und Verhaltensweisen ist es möglich vorherzusagen, welche Arten sich ausbreiten können, mit welchen spezifischen Belastungen sie in gestalteten Landschaften „umgehen“ können und mit welchen Arten längerfristig gestaltet werden kann (HITCHMOUGH, DE LA FLEUR 2006, 387–388; KÜHN, 2006). Zusammenfassend ist das ökologische und gärtnerische Denken in Zukunft mit einem aut-ökologischen Ansatz abzustimmen. 5.2 Pflegemanagement als Gestaltungsmittel verstanden Im Folgenden werden die Interviews und Befragungen beweisen, dass die Realität anders als die Theorie ist und es einen Mangel an Wissen innerhalb des Berufsstandes gibt. Wissen rund um Pflanzenmaterial ist aber eine Notwendigkeit, die unbedingt erhalten werden soll. Falsch verstandene Pflege ist ein wesentlicher Grund für fehlerhafte Staudenbepflanzungen und den Misserfolg der nachhaltigen Bepflanzungen im öffentlichen Raum. Sehr entscheidend sind deshalb die Umsetzung neuer Pflegestandards und die Qualität der Pflege sowie die Voraussetzungen der Pflegekräfte. Dementsprechend betont SCHMIDT (2013): „Gute Pflanzenkenntnisse, Sensibilität für ökologische Prozesse und Aufgeschlossenheit gegenüber Veränderungen in der Pflegemethodik sollten zukünftig mehr Gewicht haben. Nur wenn die Pflege die ästhetischen, ökologischen und funktionalen
  25. 25. 25 Anforderungen berücksichtigt, kann eine erlebnisreiche Staudenvegetation im privaten und öffentlichen Grün dauerhaft und nachhaltig sein.“ Bei fach- und standortgerechter Umsetzung und adäquaten Pflegemaßnahmen benötigen die dynamischen Bepflanzungstypen einen sehr geringen bis mittleren Pflegezeitaufwand (SCHMIDT, 2013). Dementsprechend wurde bei der ursprünglichen Pflanzengestaltung von Kajplats 01 die natürliche Sukzession erzielt. Im Gegensatz dazu benötigen die großmaßstäblichen Staudenflächen am Campus WU auch bei fachgerechter Umsetzung und angemessenen Pflegemaßnahmen einen mittleren bis hohen Pflegezeitaufwand, was auf individuelle Pflegemaßnahmen in kurzen Zeitabständen zurückzuführen ist. Daher zählen sie mehr zu pflegeintensiven Staudenbepflanzungstypen. Der Pflegeaufwand verringert sich jedoch, da die Flächen sehr gut zusammenwachsen (OBENAUS, 2016). Daneben können bei richtiger Planung und Anpassung an den Standort die Pflegeeingriffe und -zeiten erheblich verringert werden. Dieser Aspekt war bei beiden Projekten von Anfang an von großer Bedeutung und hat wesentlich zum Erfolg der langfristig nachhaltigen Staudenpflanzungen beigetragen. Ein Beispiel für die Reduzierung der Pflegearbeiten ist, dass die abgeblühten Pflanzteile erhalten werden können. Beim Freiraum des Campus WU werden deshalb die Gräser und die Bäume im Februar geschnitten, die Stauden hingegen nur teilweise, damit sie mit ihren Blütenständen ansprechend erhalten werden und weiterhin ein Erlebnis der Staudenbeete bleiben. Sie setzen auf vielfältige Weise starke plastische Akzente im Garten. OUDOLF und KINGSBURY (2013a, 17) halten die Struktur aus diesen Gründen als eines der wichtigsten Pflanzeneigenschaften bei der Gestaltung. Falls man natürlich wirkende Pflanzungen gestalten will, die über eine lange Zeit ihre Attraktivität behalten, sollte man „sich darauf konzentrieren, die Pflanzenformen kennenzulernen, und erst in zweiter Linie an Farbe als spannende Zugabe denken.“ Bei der Pflege des Freiraums Campus WU sind die betreuten Frei- und Grünräume in unterschiedliche Pflegestufen eingeteilt. Gemäß dem theoretischen Modell des Verhältnisses der drei Hauptfaktoren (DUNNETT, HITCHMOUGH, 2011, 28–29) zur Wertmaximierung der Bepflanzungen kann man sagen: Die Kombination von Stauden mit Sträuchern ist eine Möglichkeit, um die Pflegeintensität zu reduzieren. Das Beispiel Kajplats 01 gibt einen Hinweis dafür, dass die Planung von naturinspirierten, geplanten Umgebungen heutzutage sehr komplexe Probleme umfasst. Eine Anlage, die ökonomischen Pflegeaufwand benötigt, ist jedenfalls nicht einfach zu pflegen. Bei dieser Art der Bepflanzung ist es wichtig, die richtigen Maßnahmen zur richtigen Zeit zu treffen; zu wissen, welche Arbeit zu tun ist (SCHMIDT, 2015), anstatt viel Zeit zu verschwenden. Dies deckt sich mit den Aussagen von KONINGEN in seinem Artikel „Creative management“ (2004, 256–292). Natürliche Bepflanzungen können auch als pflegeleicht aufgeführt werden, da der Wartungsaufwand weniger häufig wird. Es erfordert jedoch ein gewisses Know-how, um Pflanzen in die richtige Richtung zu führen. Es ist schwierig, genau zu wissen, wie das Szenario in der Wohnsiedlung Kajplats 01 in Malmö tatsächlich war. Wahrscheinlich war es schwierig für die zuständigen PflegemanagerInnen, die Pflanzen und die neuen Kräuter im Garten zu differenzieren. Es ist deshalb riskant, das Management einer ökologischen Bepflanzung mit geringer Wartungsfrequenz und leichtfertig durchgeführtem Pflegeaufwand gleichzusetzen. Es zeigte sich auch, dass es nicht vollständig möglich ist, auf die Pflege zu verzichten. Dies hätte negative Auswirkungen auf die Ästhetik, die Staudengemeinschaft und durch die negativen Reaktionen von BenutzerInnen mittelbar auf die Lebensdauer des Gartens.
  26. 26. 26 5.3 Akzeptanz der Freiräume mit Staudenbepflanzungen Der Planungsverlauf von Kajplats 01 (Abb. 14) war mit seinen speziellen, konzeptionellen Prozessabläufen und nachträglichen Maβnahmen zur Freiraumplanung sehr komplex. Er ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass die Wahrnehmung der NutzerInnen eine entscheidende Rolle bei den Freiraumresistenzen spielen kann. Da im originalen Konzept des Freiraumes sehr geringe Pflegeeingriffe nötig waren, um die Bepflanzung vital zu erhalten, wurden die ökonomischen und ökologischen Aspekte der nachhaltigen Pflanzengestaltung durch die Pflanzenwahl und die Wahl des Pflanzkonzeptes erfüllt. Aber nach der Realisierung war die adäquate Pflege als Teil des Gesamtkonzeptes nicht mehr vollständig gegeben. Da die Pflanzung jedoch keine jahreszeitlichen Höhepunkte hat, kaum eine besondere Farbwirkung aufwies und nur bedingt wahrgenommen wurde, waren die Ansprüche an eine soziale Nachhaltigkeit hier nur bedingt erfüllt. Das schlechte Management sowie der Gegendruck der EinwohnerInnen führten dazu, dass die Wohnsiedlung sich ein neues Design wünschte, was mehr den Anforderungen der BenutzerInnen entspricht. Aufgrund dieser Nachwirkung wurde später die ursprüngliche Gestaltung völlig geändert, es wurden Verbesserungsmöglichkeiten getroffen, um die Attraktivität der Pflanzung von Kajplats 01 zu erhöhen (Abb. 16). Trotzdem kann die Pflege reduziert werden, ohne dass die Ästhetik darunter leidet. Die Pflege von Staudenbeeten durch richtige Planung und den Einsatz von einem Pflegemanagement kann wesentlich verringert werden, wie es z. B. an Präriestaudenmischungen von Cassian Schmidt veranschaulicht wurde. Demzufolge kann eine richtige, gut überlegte, vorausschauende Planung die zukünftige Pflege wesentlich reduzieren. Wie Stefan Schmidt, Pflanzplaner des Campus WU im Interview (2015) betont: das Gesamtbild bezüglich Pflanzplanung und Staudenverwendung in einem großen Maßstab bedeutet, dass Pflege bzw. Substratvorbereitung – als kreativer Teil des Bestandsplans – integriert sein soll. Die intensive Zusammenarbeit von PlanerInnen und Pflegepersonal ist in beiden Fällen ebenfalls von besonderer Wichtigkeit für den dauerhaften Erhalt der Staudenpflanzungen im öffentlichen Raum. Abb. 14: Analyse der Projektorganisation beim Projekt „Kajplats 01“ (Eigene Darstellung mit Adobe Illustrator™)
  27. 27. 27 Wie Eva Kristensson in ihrer umfassenden Diskussion „Gröna kvaliteter och socialt samspel“ (1997, 210) beschreibt, sollten die unterschiedlichen BenutzerInnen immer in die Planung mit einbezogen werden. Nach ihrer Ansicht kann ein kleiner Innenhof wie Kajplats 01 ein perfekter Ort für kurze spontane Meetings sein. Daneben ist es von Vorteil, wenn man den Hof nicht nur betrachten kann, sondern wenn er auch über bestimmte Funktionen verfügt. Des Weiteren ist es hier wichtig, die unterschiedlichen Anforderungen und Bedürfnisse der BenutzerInnen, besonders der aktiven / passiven NutzerInnen des Gartens zu beachten (ANDERSSON, 2008, 5). Kajplats 01 ist ein relativ offener Raum und die Gebäude sind dominant, genauer gesagt fühlt man sich in dem Garten beobachtet. Das liegt daran, dass sich im Garten keine höhere Vegetation befindet, um bestimmte Teilräume zu bilden. Genau dies bezeichnen unter anderem PERSSON und PERSSON (1995) als einen der wichtigsten Eigenschaften der Vegetation in privaten und öffentlichen Freiräumen. Die begrenzte Nutzungsmöglichkeit für BewohnerInnen war ein anderes Problem und kann den Grundlagen der Gestaltung von schwedischen Innenhöfen (Svenska bostadsgårda, 1930–1959) und deren Funktionsbereiche (PERSSON und PERSSON 1995 In: ANDERSSON, 2008, 10) gegenübergestellt werden. Die Ergebnisse der Befragungen bestätigten klar, dass die Leute sich eher einen traditionellen Hof als einen Biotop-Garten wünschen. Wie während der Besichtigungen der neuen mobilen Gartenmöbel jedes Mal ersichtlich wurde, wünschen sie sich mehr Sitzgelegenheiten und mehr Möglichkeiten, um den Garten selbst zu verändern und mitzugestalten. Organisatorisch sollte die originale Bepflanzung besser zur Gliederung des Gartens in einzelne Räume beitragen. In einer Wohnsiedlung mit mehreren Funktionen sollte immer eine gewisse Flexibilität gewährleistet werden. Es ist von besonderer Wichtigkeit, den Anforderungen der BenutzerInnen vor der Planung mehr Beachtung zu schenken. Im Sinne einer sozialen Nachhaltigkeit könnte noch die Ergänzung der Bepflanzung durch Stauden und Bäume mit auffälliger Blühwirkung die Situation wesentlich verbessern. Durch unterschiedliche Laubfarben, Blatttexturen oder auffallende Blütenstände wäre es noch möglich, die Attraktivität des Pflanzenbestands weiter zu erhöhen. Aus ästhetischer Sicht, um Formen- und Strukturvielfalt zu gewährleisten, wäre eine formenreiche Pflanzenauswahl und ein Blick Abb. 16: Prozessanalyse des Projekts „Kajplats 01“ in einem „Loop Diagramm“ (Eigene Darstellung mit Adobe Illustrator™)
  28. 28. 28 auf die Details unterschiedlicher Blattstrukturen empfehlenswert, um Abwechslung im Garten zu bieten. Das gleiche Prinzip gilt auch für die Bepflanzung am Campus WU, wo bei den unterschiedlichen Teilen der Bepflanzung Farbkombinationen mit wenigen Farben verwendet wurden. „Durch den Einsatz weniger Arten wird die Prägnanz der Pflanzung erhalten und eine gewisse Einheitlichkeit der ganzen Fläche ist gegeben“ (LUZ, 2001, 36). Diese Aussage trifft auf die großflächige Bepflanzung des Campus WU zu, da die Wahrnehmung der Bepflanzung im Allgemeinen positiv war. Dennoch haben die Befragten sie als nicht genügend bunt, einfarbig und die Ausstrahlung der Bepflanzung teilweise als „kalt“ empfunden. Des Weiteren gab es einige Bemerkungen zum mangelnden Pflegezustand. Diese Tatsache entspricht den negativen Merkmalen von Monopflanzungen laut OUDOLF, KINGSBURY (2013a, 112–113), da sie nach der Blüte insgesamt „langweilig“ aussehen können. Zusätzlich gab es Probleme bei den rechtzeitigen Eingriffen und Pflegearbeiten, wodurch große Lücken in der Bepflanzung entstanden. Der niedrigere Flächenbedeckungsgrad ist auf die spätere Auspflanzung und dadurch auf Entwicklungsprobleme zurückzuführen. OUDOLF, KINGSBURY (2013a, 113) empfehlen außerdem, den größten Effekt dieser Pflanzflächen in direktem Kontrast zu den artenreichen und komplexen Staudenbeeten zu erzielen. Traditionell würden diesen Zweck auch architektonische und formale Gestaltungselemente erfüllen, wie z. B. Rasenflächen, was beim Campus WU empfehlenswert ist. Aus Sicht der BenutzerInnen wäre es zusätzlich auch von Vorteil, mehr Rasenflächen als Sitzflächen und Liegewiesen zu haben. Die Veränderungen in der Projektorganisation und die Einflussnahme der Akzeptanz / Beteiligung vonseiten der BenutzerInnen ergeben ebenso einen speziellen Projektablauf (Abb. 15). Abb. 15: Analyse der Projektorganisation beim Projekt „Campus WU“ (Eigene Darstellung mit Adobe Illustrator™)
  29. 29. 29 Zusammenfassend gesagt ist es sehr ausschlaggebend für die PlanerInnen, auf folgende Fragen antworten zu können: Für welche zukünftigen NutzerInnen wird die Bepflanzung gestaltet, welche Anforderungen haben die BenutzerInnen und was ist das Ziel der Pflanzengestaltung? Auf spezielle soziale und kulturelle Kontexte soll ebenfalls geachtet werden, um das Gesamtbild der Pflanzengestaltung definieren zu können. Es sollten mehrere Leute unterschiedlicher Generationen und Arbeitsfelder eingeladen werden, um ein Design zu entwickeln und um immerwährende Dynamik zu gewährleisten. Abb. 17: Prozessanalyse des Projekts „Campus WU“ in einem „Loop Diagramm“ (Eigene Darstellung mit Adobe Illustrator™)
  30. 30. 30 Ein idealer Prozessablauf stammt von „Closed Loop System“ (Abb. 18): Hier werden Komplexität und Kohärenz gekennzeichnet. Diese Faktoren werden in heutigen, konventionellen Projektprozessen oft vernachlässigt. Es gibt zwei wichtige Hauptprozesse während des Projektes:  Vor der Realisierung ist auf längere Zeit spezielle wissenschaftliche Arbeit zu leisten, bevor es möglich ist, den Designvorschlag vorzubereiten. Diese Forschung soll auch die Bedürfnisse und Merkmale der zukünftigen BenutzerInnen berücksichtigen und hervorheben. Es sind so viele Wiederholungen zu tätigen, bis genügend Informationen zur Verfügung stehen, um die Bedürfnisse, Wünsche und lokalen Werte in den Vorschlag zu integrieren und – in besonderem Hinblick auf die Pflanzengestaltung – als Teil des Projekts zu formulieren. Im nächsten Schritt ist ein Designvorschlag zu unterbreiten, der in geeigneter Form die oben genannten Faktoren – mit der maximalen Fachgröße der PlanerInnen – umfasst. Mit diesem Vorschlag ist auch ein Wartungs- und Pflegeplan als Teil des Gesamtplans zu erstellen.  Die „operativen Einheiten“ integrieren die positiven oder negativen Rückäußerungen, d. h. Akzeptanz und Kommentare der BenutzerInnen zu dem Projekt nach dessen Realisierung. Sie können auf diese Weise z. B. das Pflegemanagement darüber informieren, ob das Projekt besonders funktionsfähig ist. Diese Maßnahmen können die gewünschten Funktionen des Projekts bzw. den Erfolg der Veranstaltungen sicherstellen. Im Endeffekt erzeugen diese Abb. 18: Prozessanalyse des idealen Projektablaufs in einem Loop Diagramm (Eigene Darstellung mit Adobe Illustrator™)
  31. 31. 31 Schritte eine Vielfalt an langfristigen Initiativen. Das Projekt wird von öffentlichem Leben erfüllt und dadurch wird neuerlich das Kreislaufverfahren gestärkt. Das öffentliche Leben (Leute entspannen, Kinder spielen, Konzerte werden organisiert, Gemeinschaftsgärten etc.) bringt Vorteile mit sich und generiert mehrere Events. Die grundlegende Kapazität von operativen Einheiten besteht aus den Anforderungen der BürgerInnen. Später ist es möglich, dass jemand eigene Ideen oder Eigeninitiative in das Projekt mit einbringt. Im kleinen Maßstab sind dies z. B. LehrerInnen der lokalen Schule, die Kinder in das Projekt einbinden, oder im großen Maßstab die Gemeinde, die dort Veranstaltungen organisiert. Der ganze Kreis führt zurück zum Beginn des Projekts, deshalb ist es von besonderer Wichtigkeit, dass das Design auf die Wünsche der Bevölkerung und Bedingungen vor Ort ebenso reagieren soll. Im Idealfall werden auf diesen Verläufen basierend Selbstregenerationsprozesse erzeugt. RESÜMEE Aus den Erfahrungen der vorliegenden Arbeit heraus glaube ich, dass wir als PlanerInnen und LandschaftsarchitektInnen in diesen partizipatorischen Projektabläufen eine wichtige Rolle als Verbindungsstelle zwischen verschiedenen Gruppen spielen, um ein ortsspezifisches, qualitativ hochwertiges Projekt zu erarbeiten. Die Literaturrecherche, Interview- und Befragungsergebnisse und Analyse der Projekte zeigen, dass die Organisation von Projekten im großen Maßstab und der Einsatz von Stauden zweifellos ökonomische, ökologische und ästhetische Vorteile mit sich bringen. Die vielfältigen Gestaltungsaspekte und -möglichkeiten mit Stauden und die unterschiedlichen Projektabläufe in den Fallstudien haben gezeigt, dass die Vision, einen Idealzustand zu erreichen, oft im Widerspruch zur Realität steht. Wichtig ist im Planungsprozess die Partizipation von zukünftigen BenutzerInnen, um auf Werte und Strukturen von Staudenpflanzungen aufmerksam zu machen und die Planung an lokale kulturelle und soziale Bedürfnisse anzupassen. Um spätere Probleme zu vermeiden, ist es ebenfalls sehr wichtig, die dauerhafte Leistungsfähigkeit der Pflanzen, das Budget und das langfristige Management im Voraus zu kennen und in den Gesamtplan zu integrieren. Diese Aussagen können künftig Anregungen und Impulse für die gestalterische Ebene geben. Einige wichtige Faktoren für die Erreichung langfristig nachhaltiger Ergebnisse sind eine übersichtliche Kooperation und Projektorganisation zwischen den beteiligten Personen, ein umfangreiches Wissen über das Pflanzenmaterial und fachgerechte – standort- und funktionsgerechte – Auswahl bzw. Verwendung von Pflanzenarten. Ein zuverlässiges Pflegemanagement ist ebenfalls wichtig, um spätere Probleme zu vermeiden. Die Auswirkungen des Budgets auf die Leistung der Bepflanzungspflege sind ebenfalls maßgeblich. Wenn alle benötigten „Werkzeuge“ zur Verfügung stehen, um den Pflegeaufwand zu erleichtern, ist das natürlich von Vorteil, aber das Vertrauen auf das Management sollte auf keinen Fall zu hoch sein. Vor allem ist es von zentraler Bedeutung, dass eine gute Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Unternehmen besteht. Der Zusammenhang von Design und Management hat sich als besonders wichtig für die Studien in dieser Arbeit herausgestellt. Laut Laura Spinadel „sollte [man] in der Ausbildung von Architekten und Freiraumplanern die Zusammenarbeit mit allen Disziplinen stärken, damit man sich mit mehr Respekt gegenüber der Natur bei der ‚Schöpfung' neuer Räume gemeinsam bewegt.“ Um langfristig nachhaltige
  32. 32. 32 Staudenpflanzungen im öffentlichen Raum zu erhalten und die Qualität der öffentlichen Umgebungen zu verbessern, werden zusätzlich ein umfassendes Fachwissen und die Priorität der richtigen Ressourcen benötigt. Als LandschaftsarchitektInnen müssen wir gute Kenntnisse der örtlichen Gegebenheiten und des Pflanzenmaterials vorweisen. Daneben ist es wichtig, Ideen in einer klaren Weise zu vermitteln. Man sollte sein Engagement auf so vielen Weisen und Stufen verbreiten wie nur möglich und die Kontakte mit anderen Akteuren in diesem Prozess pflegen. Die Verwendung von ökologischen Theorien als kreatives und praktisches Werkzeug ist unbedingt erforderlich zur Gestaltung von Bepflanzungen in städtischen Freiräumen, die langfristig nachhaltig gepflegt werden können. Ökologie soll deshalb in Verbindung mit Design gelehrt werden, um eine engere Zusammenarbeit der LandschaftsarchitektInnen und ÖkologInnen zu gewährleisten. Damit kann eine kreative Integration von Design und Ökologie entwickelt werden (KÖPPLER, HITCHMOUGH, 2015). Für eine Stadt und ihre BewohnerInnen ist es wichtig, neue Geschichten der Stadtteile und Planungsprozesse kennenzulernen und die Möglichkeit zu haben, ihren Beitrag für die Zukunft zu leisten. Infolgedessen wird eine neutrale Plattform für die Mitteilung und den Austausch von Informationen sowie mehr Partizipation benötigt, um neue Stufen von Interaktion zwischen den BenutzerInnen und PlanerInnen zu ermöglichen. Diese offene Diskussion erfordert eine „Freizone“, wo tatsächlich keine der Parteien dominiert. Im Falle des Freiraums am Campus wäre meiner Meinung nach der Platz „Stage WU“ sehr gut geeignet, um gelegentlich unterschiedliche Veranstaltungen mit Bürgerbeteiligung nach Anforderungen der BenutzerInnen zu organisieren, damit das Potenzial des Ortes bei Events als multifunktionale Plattform besser benutzt wird. Aus landschaftsarchitektonischer Sicht denke ich, dass im Bo01 Siedlungsgebiet eine der Optionen für eine ökologisch und sozial nachhaltige Freiraumgestaltung wäre, mehr Gemeinschaftsgartenarbeit in halböffentlichen bzw. privaten Bereichen zu schaffen. Die Öffentlichkeit soll auf jeden Fall bei der Fortsetzung dieser Projekte integriert werden und die richtigen Antworten bezüglich der Zukunftsperspektiven bieten. Wichtige Grundelemente für den erfolgreichen Planungsprozess mit Beteiligung sind: Planung mit Fokus auf Ortsspezifität, reibungslose Zusammenarbeit und Engagement von allen Beteiligten (PlanerInnen, BenutzerInnen, Gemeinde) bzw. ständige Auswertungen. Diese Ergebnisse werden ähnlich auch von LYDON et al. (2015) wiedergegeben. Allerdings werden solche Faktoren in dieser Arbeit als wichtiger Punkt der sozialen Nachhaltigkeit vernachlässigt. Ich glaube, dass die Beteiligungsprozesse in Zukunft in einer breiteren Weise verwendet werden und besonders zu Neuentwicklungen beitragen können, um Identität für „homogene“ Bereiche zu stiften. Identität und Zugehörigkeit sind ein Teil dieser Projekte und sollen sich daher auf besondere Orte oder Themen fokussieren, die für die Beteiligten / Unbeteiligten von Bedeutung sind. Ich glaube, dass dieser Aspekt in Diskussionen meist immer noch fehlt und in der Zukunft mehr hervorgehoben werden sollte. Als PlanerInnen können wir aber Leitlinien und Empfehlungen bieten, um hohe Qualität zu erzielen. Was danach passiert, ist eine interessante Theorie für die Zukunft. Mehrere Verbindungsstellen müssen errichtet werden, um die Kommunikation zwischen den Beteiligten im Prozess zu verbessern. Durch eine Zusammenarbeit der Disziplinen wird es vielleicht möglich sein, die Vision der ArchitektInnen und LandschaftsplanerInnen mit den Wünschen und Anforderungen der BenutzerInnen effizient zu verknüpfen sowie die Pflege und das Management mit der Anpassung an die zeitlichen Veränderungen zu begleiten. Ich glaube, es wird immer wichtiger, die
  33. 33. 33 Gespräche zwischen den AkteurInnen auch später fortzusetzen und die Projekte in diesem Sinne nie wirklich „einfrieren“ zu lassen. Im Idealfall werden Selbstregenerationsprozesse erzeugt, die anhand der vergangenen Prozesse aufgebaut sind. Die Synchronisierung der Arbeitsfelder und die Kooperation der Projekte ist sowohl auf lokaler als auch regionaler Ebene erforderlich, um die Prozesse mit realistischer Beteiligung und mit Vertrauen zu erzeugen. In der Zukunft wird vielleicht eine maximale Bürgerschaftsbeteiligung erreicht, da Ideen von NutzerInnen auch gleichberechtigt Platz im Planungsprozess finden.

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