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7. Jahrgang
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Der Datenverkehr im verschlüsselten
Internet boomt – trotz rabiater
Strafverfolgung. Eine Expedition auf die dunkle
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Durch die Verwendung eines eigenen CMS (Content-Management-System)
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Form-Solutions: intelligente Formulare
DIE MENSCHENKENNER
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Inhalt: Heike Kottmann, München
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Steampunker Jake von Slatt aus den USA
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Neue Arbeitswelt
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Big Data, Cloud-Computing, Mobile sowie
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ineinander und wirken gleichermaßen auf
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»Integrated Industry – Join the Network!«
steht dafür, dass die wesentlichen Her-
ausforderungen von Industrie 4.0 – wie
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  1. 1. D A S I T- M A G A Z I N V O N F E R C H A U E N G I N E E R I N G <atFERCHAU #14> <06> <DEEP WEB > Abtauchen in den dunklen Seiten des Webs <18> CYBERCOPS // Wie Digitalforensiker ermitteln <30> DIAMANTEN AUS DER MIKROWELLE // Der Stoff für neue Prozessoren
  2. 2. <02>
  3. 3. impressum ihr weg zu uns atFERCHAU Ausgabe 01 | 2015 Auflage: 22.000 7. Jahrgang Das richtige Timing Liebe Leserinnen, liebe Leser, heutzutage ist keine Branche mehr vor dem Einfluss der IT »sicher«. Die Digitalisierung sorgt für Disruption, das haben beispielsweise die Taxifahrer durch die App »Uber« zu spüren bekommen. IT-gestützte Veränderungen dringen von Jahr zu Jahr tiefer in Produktion, Produkte und Dienstleistungen etablierter Firmen ein: Antriebsstränge übertragen Informationen an das Smartphone des Fahrers, Gasturbinen werden aus einem anderen Kontinent heraus überwacht, und Maschinen passen sich selbständig an Änderungen im Produktionsablauf an. Viele Experten sprechen von »Industrie 4.0«, der vierten industriellen Revolution, die kaum jemanden kaltlässt. Das Schlagwort sei allenfalls geeignet, um Handlungs- druck aufzubauen und Geld für Investitionen lockerzumachen, warnen Kritiker. Schließ- lich arbeite die Industrie schon seit Jahren vernetzt und digital – alter Wein in neuen Schläuchen, Evolution statt Revolution. Andere wiederum argumentieren, dass hinter Industrie 4.0 mehr stehe als ein informationstechnisches Update – die Entwicklung führe uns direkt von einer produktzentrierten in eine serviceorientierte Wirtschaft mit neuen Chancen und Geschäftsmodellen. Wir wollen Sie mit einer Gegenüberstellung von »Revolution und Evolution« im Heft dabei unterstützen, die eigene Meinung auf den Prüfstand zu stellen. Klar ist in jedem Fall: IT ist und bleibt ein Zugpferd. Einer Studie des Branchenverbands BITKOM zufolge sind in der Branche 953.000 Menschen beschäftigt, so viele wie nie zuvor. Damit ist sie der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber in Deutschland, knapp hinter dem Maschinenbau. FERCHAU trägt dem Trend und der Nachfrage Rechnung: 2017 haben wir mindestens 1.700 IT-Experten im Team. Auch für unsere Kunden setzt die Digitalisierung in erster Linie neue Investitionen voraus, die ein wirtschaftliches Risiko darstellen. Abwarten ist hingegen riskant, da die Gefahr droht, von neuen Konkurrenten überholt und an den Rand gedrängt zu werden. Entscheidend ist der beste Zeitpunkt, um das Thema Industrie 4.0 anzupacken. Mit erfahrenen Fachkräften von FERCHAU gelingt es, sich rechtzeitig für den passenden Moment der Digitalisierung zu wappnen – bei überschaubaren Investitionen und Risiken. Gutes Timing ist immer eine Frage des unternehmerischen Geschicks, und es gibt keine App, die uns diese Arbeit abnimmt. Viel Spaß bei der Lektüre wünscht Ihnen HERAUSGEBER FERCHAU Engineering GmbH Steinmüllerallee 2 51643 Gummersbach Fon +49 2261 3006-0 Fax +49 2261 3006-99 info@ferchau.de ferchau.de CHEFREDAKTION (V. I. S. D. P.) Martina Gebhardt REDAKTIONSTEAM Dirk Cornelius Wibke Kötter Kerstin Kraft Patrick Mytanz Dietmar Schönherr Christoph Sedlmeir GESTALTUNG Matthias Müller Fon +49 211 63559150 grafish.de REDAKTION EXTERN Bernd Seidel&Friends Fon +49 89 890683620 seidelfriends.de DRUCK Gronenberg Druck & Medien 51674 Wiehl Fon +49 2261 9683-0 <03>< e d i t o r i a l >
  4. 4. 18 30 D A S I T- M A G A Z I N V O N F E R C H A U E N G I N E E R I N G <atFERCHAU #14> 06 CEBIT 2015: WILLKOMMEN IN DER D!CONOMY »Digitale Transformation« lautet das Motto der CeBIT 2015. FERCHAU nimmt Kunden, Bewerber und Mitarbeiter mit auf den Weg in die digitale Welt. 34 < vo ice s > GOLDENES ZEITALTER FÜR INGENIEURE Warum die Stunde der Innovation häufig nachts schlägt, erläutert Innovations- philosoph und Ex-IBM-Distinguished Engineer Gunter Dueck im Gespräch. 24 < in s ide / e ve n t s > GEWINNSPIEL HMI 2015: KARRIERE UND PERSPEKTIVEN Die vernetzte Industrie ist Leitthema der Hannover Messe Industrie 2015. Mechanik, IT und Vernetzung ver- schmelzen. Welche Job-Skills benötigt werden, erleben Sie bei FERCHAU. 34 35 < n umbers> < projects> < cover> DAS DUNKLE WEB IN ZAHLEN Was auf der Schattenseite des Internets los ist. TECHNIK FÜR POWER- VOLLE WEBSITES Bei Smarthouse entwickelt FERCHAU Internet-Anwendungen nach Maß. DIE MENSCHENKENNER Wer Formulare, Apps und Portale gestaltet, sollte viel von menschlichem Verhalten verstehen. Bei Form-Solutions in Karlsruhe ist das ein Grundprinzip. DARK WEB UND BITCOINS Der Handel auf anonymen Marktplätzen im verschlüsselten Internet boomt – trotz rabiater Strafverfolgung. 05 06 10 13 <branche n ge f l üs t e r > WAS IST DRAN AN DER VIERTEN INDUSTRIELLEN REVOLUTION? Industrie 4.0: Für die einen ist es das nächste große Ding. Für die anderen ein Marketing- Buzzword. Eine Gegenüberstellung. 20 SHERLOCK CYBERCOP Wenn Straftaten auf Computern oder im Internet begangen werden, ist das ein Fall für Digitalforensiker. VOM VERTEILER ZUR COMMUNITY Die Kommunikation in Unternehmen kann nur schwer mit aktuellen Anforderungen mithalten. Sind soziale Netze die Alternative? 18 22 MASCHINEN MIT SEELE Steampunk ist Retro und Moderne in einem – eine alternative Mischung aus Hightech und Dampfmaschine. HÄRTE 10 IM RECHNER An der Uni Duisburg-Essen wird an dem passenden Prozessormaterial geforscht: Diamanten. DIGITALE NOMADEN Moderne Tools machen das Arbeiten von überall zu jeder Zeit möglich. 27 30 32 BAUM DER ERKENNTNIS Wie hoch ist dein Nerd-Faktor? 16 < i n d e x ><04>
  5. 5. DIE DATENMENGEDES DEEPWEBSOLLETWA 400-BIS550-MALGRÖSSER SEIN ALS DIE DES SURFACE-WEB. 1 Quellen: torproject.org, Wikipedia, thehiddenwiki.org, bitcoin.de 1A20KV36Y1616Z987BL162368795Z DIEIDENTITÄTEINESGESCHÄFTSPARTNERSISTAUFHIDDENMARKETSNICHTZUERMITTELN,MANSIEHTNURADRESSEN, DIE AUS 27–34 ALPHANUMERISCHEN ZEICHEN BESTEHEN UND MIT 1 ODER 3 BEGINNEN: AUFDEMHIDDENMARKETSILKROADGABESBISZU USERTÄGLICH. DAS WAR 2013. MAN KANN DAVON AUSGEHEN,DASSESHEUTEMEHRSIND. 60.000 WELTWEITAKZEPTIERENMEHRALS 75.000FIRMEN BITCOINS. VOR EINEM JAHR WAREN ES NOCH 8.000. 1 Nach einer Studie der Firma BrightPlanet. Da BrightPlanet mit DQM2 eine kommerzielle Suchhilfe anbietet, ist die (möglicherweise überschätzte) Größenangabe mit Vorsicht zu genießen. WEBSEITEN AUS DEM DEEP WEB HABEN DURCHSCHNITTLICH ALS WEBSEITEN AUS DEM SURFACE-WEB. MEHR ZUGRIFFE PRO MONAT50% <05>< n u m b e r s >
  6. 6. Der Datenverkehr im verschlüsselten Internet boomt – trotz rabiater Strafverfolgung. Eine Expedition auf die dunkle Seite des Netzes. < c o v e r ><06>
  7. 7.  D  as FBI ließ sich nicht lumpen. Mitte No- vember 2014 fuhren etliche Einsatzwa- gen vor dem Haus des 26-Jährigen in San Francisco vor. Dutzende Polizisten schlichen sich an, stürmten die Wohnung. Während die einen den Verdächtigen überwältigten und zu Boden drückten, rannten die anderen zu seinem Computer – in Angst, dieser könnte nicht mehr entsperrt werden, sobald er geschlossen wäre. Das war es dann mit »Defcon«. Das ist der Nom de Guerre von Blake B. Wahrscheinlich war er der Betreiber des geheimen Netz- Handelsplatzes Silk Road 2.0. 150.000 User tummelten sich da, jeden Tag gingen mehrere Tausend Deals über den Tisch: Dinge wie alte Computerprogramme, Comic-Samm- lungen oder IT-Krempel, Dinge aus der rechtlichen Grau- zone wie Radarfallenwarner oder Geräte zum Abhören von Polizeifunk. Aber eben auch alles, was man etwa auf Ama- zon nicht kaufen kann, weil es illegal ist. An jeder Transaktion verdiente der Administrator Blake B. mit. Wie viel, wird im Prozess geklärt werden. B. ist eines dieser typisch kalifornischen Gewächse: groß gewor- den im Internet und blitzgescheit. Zuletzt arbeitete er bei dem Raumfahrtunternehmen SpaceX. Typisch kalifornisch auch seine Konsumgewohnheiten: B. kaufte sich ein Elek- troauto der Marke Tesla – und leistete die 70.000 Dollar An- zahlung in der elektronischen Internetwährung Bitcoin. B. wusste, dass der Staat einen Marktplatz, der nicht zu überwachen ist, nicht dulden kann und wird. Jahrelang agierte er vorsichtig, verwischte seine Spuren, so gut es ging. Doch irgendwann wurde er nachlässig. Er ahnte nicht, dass der Kapuzenpulli-Typ, der genauso locker- kalifornisch daherkam wie er und ihm die Mitarbeit an ↘ <07>< c o v e r >
  8. 8. Silk Road 2.0 anbot, in Wirklichkeit ein Lockvogel des FBI war. Noch am Tag seiner Verhaftung wurde Blake B. dem Haftrichter vorgeführt. Für die ihm vorgeworfenen Vergehen kann er lebenslänglich ins Gefängnis kom- men. Experten rechnen damit, dass die Staatsanwälte alles daransetzen wer- den, dieses Strafmaß auszuschöpfen. Denn nichts ließ die Verfolgungsbehör- den in den letzten Jahren so blöd ausse- hen wie die wild wuchernden Schwarz- märkte im Darknet. DAS SCHATTENREICH Das »Darknet« oder auch »Deep Web« ist das, wovor sich alle fürchten, denen das Internet in seiner Unübersichtlichkeit so- wieso schon suspekt ist. Dabei wird der Begriff unsauber gebraucht. Deshalb eine kleine Einführung: Suchmaschinen wie Google können nur einen kleinen Teil des Internets durchstöbern – Schätzungen zufolge zwischen einem Viertel und einem Fünftel. Beim Rest handelt es sich um Seiten, zu denen man nur unter be- stimmten Voraussetzungen Zugang hat. Zum Beispiel solche, die nicht mit einem Index versehen sind – dann finden nur jene diese Seiten, die deren genaue Adressen kennen. Dabei handelt es sich meist um unspektakuläre Datenbanken. Eine Stufe geheimer sind die ver- schlüsselten oder zugangsbeschränk- ten Seiten – etwa die riesigen Daten- sätze von Unternehmen oder von Orga- nisationen wie der NASA. Aber auch Google speichert seine geheimen Algo- rithmen im Netz, so gut geschützt, dass selbst Meisterhacker sich daran die Zähne ausbeißen. Im Fokus der Aufmerksamkeit vie- ler Ermittlungsbehörden ist der Teil des Internets, den man über den soge- nannten Tor-Browser betreten kann: Von jedermann leicht zu installieren, zerlegt er die Netz-Kommunikation in viele kleine Pakete und schickt diese über etliche Knotenpunkte um die Welt – was anscheinend nicht zu überwachen ist. Das Web im Tor-Modus hat mit den bunten und freundlichen Seiten, an die wir uns gewöhnt haben, nichts zu tun: Es sieht aus und ist so langsam wie Yahoo im Jahre 1995. Google hilft hier nicht weiter, auch gibt es statt griffiger URLs kryptische Adresszeilen. Tor macht kei- nen Spaß, man surft nicht einfach so herum. Man muss genau wissen, was man möchte und wo man es bekommt. Das Tor-Netzwerk ist so etwas wie ein Internet im Flüstermodus, wo sich verschiedene Arten von Nutzern finden lassen. Zum Beispiel all jene, die tatsäch- lich verfolgt werden und darum nicht of- fen kommunizieren können. Hochgradig verschlüsselte Mailprogramme wie »Bitmessage« sind alles andere als be- quem zu bedienen – sind aber auch nicht abhörbar. Dissidenten in Syrien, Iran und China verständigen sich darüber, das »Independent Media Center« will kritische Berichterstattung zur aktuel- len Politik zur Verfügung stellen. Über »Secure Drop« können Journalisten mit ihren Informanten sicher in Kontakt tre- ten. Die wohl wichtigste Seite dieser Art ist »WikiLeaks«, die ebenfalls über das Tor-Netzwerk angesteuert werden kann. Die Seiten mit den meisten Aufrufen sind Filesharing-Pages, auf denen Daten ge- tauscht werden, legale wie illegale. Und dann sind da noch die gehei- men Marktplätze. Um im Deep Web zu shoppen, braucht man Bitcoins. Die Netzwährung erlaubt einen weitge- hend anonymisierten Zahlungsverkehr. Das Geld wechselt von einer digitalen Geldbörse, einem Wallet, in die andere, und es ist so gut wie unmöglich, die- sen Geldbörsen Personen zuzuordnen. Ein netzbasierter Markt, bei dem ver- botene Güter gehandelt werden oder die Handeltreibenden nicht erkannt werden wollen, entstand deshalb, weil alle Marktteilnehmer sicher sein konn- ten, nicht über Kreditkartennummern identifiziert zu werden. Der erste Black Market im Darknet war Silk Road 1.0, das im Jahr 2011 online ging. Innerhalb weniger Monate schossen die User- Zahlen in die Zehntausende. Aktuell scheinen Bitcoins jedoch nicht nur für anonyme Geschäfte inter- essant zu sein. Gerade die günstigen Transaktionskosten und die Geschwin- digkeit machen das Zahlungsmittel für Einzelhändler immer interessanter. Bekannte Akzeptanzstellen, deren Zahl rapide steigt, sind unter anderem das Reiseportal Expedia oder Wikipedia, auch Ebay denkt über Bitcoins als zu- lässiges Zahlungsmittel nach. RADIKALE MARKTWIRTSCHAFT Nun könnte man denken, den Marktbe- treibern im Darknet ginge es nur ums Geld. Das ist sicher auch der Fall – und doch steckt mehr dahinter. Die Vorden- ker des Darknets, beispielsweise der Silk-Road-1.0-Betreiber Ross Ulbricht, verstehen sich als libertär, als radikale Marktwirtschaftler. Sie beziehen sich Zentrales Element ist die tiefe Skepsis gegenüber dem abhörenden, bevormundenden, besteuernden, verbietenden, aber auch umsorgenden Staat. < c o v e r ><08>
  9. 9. etwa auf den Ökonomen Murray Rothbard, einen Vertreter der radikal- liberalen »Österreichischen Schule der Nationalökonomie«. Er war, wie viele andere Ökonomen, der Ansicht, dass der Staat Menschen nicht einschränken dürfe. Und dass zu ihrer Freiheit eben auch das Recht gehöre, Handel zu trei- ben, mit wem und mit welchen Gütern sie wollten – solange dabei kein Dritter geschädigt werde. Zentrales Element ist die tiefe Skep- sis gegenüber dem abhörenden, bevor- mundenden, besteuernden, verbieten- den, aber auch umsorgenden Staat. Demgegenüber setzen die Vertreter des Darknets auf die spontane, quasi natürliche Handelsgemeinschaft, auf den kleinen Markt, der nur von Angebot und Nachfrage geregelt wird und nicht von staatlich sanktionierten Größen wie Zöllen, Geldmengen oder Leitzinsen ge- prägt ist. Hier ist schwer zu unterschei- den, wo und wann gesunde Skepsis in krankhafte Paranoia, freies Denken in fahrlässige Geheimnistuerei umschlägt. THE EMPIRE STRIKES BACK Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass dieser Staat mit allen Mitteln gegen die Hidden Marketplaces und deren Architekten und Betreiber vor- geht. So forderten die demokratischen US-Senatoren Charles Schumer und Joe Manchin die Verfolgungsbehörden schon vor Jahren auf, Silk Road zu schließen und auch gleich die Bitcoins zu verbie- ten – was geneigte Richter sicher getan hätten, wenn es denn technisch möglich gewesen wäre. Wie vorher Blake B., ging auch Ross Ulbricht im letzten Fe- bruar dem FBI ins Netz, ebenfalls über einen Lockvogel. Das alles erklärt, wieso die Betreiber von Darknet-Märkten so gar nicht er- picht darauf sind, ans Licht der Öffent- lichkeit zu treten. Einer, der sich selbst Mr. Peace nennt, wagt es trotzdem. Er meldet sich mit einer Mail-Adresse, die aus etwa 30 Ziffern und Zahlen besteht. »Schauen Sie sich meine E-Mail an. Die habe ich extra für Sie entworfen. Es ist sinnlos, mir Fragen nach meiner Person zu stellen.« Der Anonymus ist einer der Initiatoren des »Outlaw Market«, des einzigen Markts, der auf Deutsch be- trieben wird. Ob er damit reich wird, verrät er nicht, ihm gehe es vor allem um Politik. Wofür Outlaw steht: »Eigen- verantwortung, freie Marktwirtschaft, Aufklärung. Wir sind frei und lassen uns von niemandem was sagen!« Alle Arten von Geschäften dürfen über Outlaw laufen. Die Seite ist be- dacht auf äußerste Transparenz – soweit das unter anonymen Marktteilnehmern möglich ist. Käufer und Verkäufer haben die Möglichkeit, sich zu bewerten, Admi- nistratoren schlichten in Streitfällen. KATZ UND MAUS Die Schwarzmärkte machen das Katz- und-Maus-Spiel im Netz deutlich. Es stehen sich zwei technisch hochge- rüstete Seiten gegenüber – wobei die Marktbetreiber, kalifornische Hacker und Digital Natives wie Ross Ulbricht und Blake B., bisher immer die Nase vor- ne hatten. Das könnte sich ändern. Der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara verkündete angesichts der Verhaftung von Blake B. stolz: »Wir werden sooft es notwendig ist zurückkommen, um diese schädlichen kriminellen Online-Basare abzuschalten. Wir werden nicht müde.« Auch gibt es in der Szene schon länger Gerüchte, dass das Tor-Netz gehackt sein könnte. Das FBI hält sich dazu be- deckt. Anonymus lässt sich davon nicht beeindrucken: »90 Prozent der polizei- lichen Erfolge kommen daher, dass sie einen schnappen und der singt dann. Bei Outlaw kann das nicht passieren. Die Administratoren kommunizieren ausnahmslos verschlüsselt miteinan- der und kennen sich nicht. Alles andere wäre unprofessionell.« Noch erinnert die Darknet-Szene an das mythologische Ungetüm Hydra: Für jeden Kopf, der abgeschlagen wird, wachsen mehrere Häupter nach. Woran das liegt? Zu viele Leute haben von der verbotenen Frucht gekostet. Die Nach- frage nach Hidden Marketplaces wird nicht verschwinden. Und damit auch nicht das Angebot. Das ist das Gesetz des Markts. // BITCOIN Auf Hidden Markets zahlt man mit der Internet-Währung Bitcoin. Die Netz- währung wird zunehmend auch von knapp 6.000 legalen Stellen akzep- tiert – vom Online-Händler bis hin zu Coffee-Shops (Stand: 11/2014). Das Geld wechselt von einem Wallet, einer digitalen Geldbörse, in ein anderes, was in der Regel innerhalb von fünf Minuten geschieht. Die Identität des Geschäftspartners ist dabei nicht zu ermitteln, man sieht nur Adressen, die aus 27 – 34 alphanumerischen Zeichen bestehen und mit 1 oder 3 beginnen. TOR-BROWSER Der Tor-Browser erlaubt anonymes Surfen. Der Name steht für »The Onion Routing« – was daher rührt, dass die Kommunikation in kleine Teile zerlegt wird, die dann, wie in Zwiebelschichten, einzeln verschickt und am Ziel wieder zusammengesetzt werden. Im Tor-Modus kommt man ins Dark oder Deep Web. DEEP-WEB-SUCHMASCHINEN  » WorldWideScience » DeepDyve » ScienceResearch » Biznar » DuckDuckGo Zu viele Leute haben von der verbotenen Frucht gekostet. <09>< c o v e r >
  10. 10. Smarthouse: Technologie für powervolle Websites WEBENTWICKLUNG FÜR DIE FINANZBRANCHE NACH MASS Experte für datenbasierte Funktionen: Diplominformatiker Stefan Geiger, IT-Consultant von FERCHAU Karlsruhe < p r o j e c t s ><10>
  11. 11. Durch die Verwendung eines eigenen CMS (Content-Management-System) ist die Smarthouse Media GmbH in der Lage, Webauftritte und -applikationen auch mit umfangreichen Wertpapierinformationen sehr schnell und professionell umzusetzen. Diplominformatiker Stefan Geiger, IT-Consultant von FERCHAU Karlsruhe, erläutert, wie Kunden und Entwickler von dem innovativen Ansatz profitieren. 1991 stellte Tim Berners-Lee, Erfinder des WWW, seine erste Website online. Was sind, mehr als 20 Jahre nach der Erfindung, die Herausforderungen bei der Entwick- lung von Webanwendungen? Zu den Kunden von Smarthouse ge- hören größtenteils international agierende Banken, Online-Broker, Medien-Portale, Fondsgesellschaften und Finanzdienst- leister. Hier in Karlsruhe entstehen sehr kundenspezifische Websites und Finanz- applikationen, auf die zum Teil 50 Millio- nen User pro Monat zugreifen. Die großen Herausforderungen liegen also in drei Be- reichen: zunächst einmal Anwendungen zu entwickeln, welche die Belange der Kunden exakt erfüllen, die hochperfor- mant, rund um die Uhr verfügbar und dar- über hinaus sicher sind. Zweitens müssen wir in der Lage sein, die Vorgaben der Kun- den innerhalb kürzester Zeit umzusetzen und ihnen eine Anwendung an die Hand zu geben, die sie selbst gut pflegen können. Der dritte Bereich ist die zentrale Verwal- tung aller statischen und dynamischen In- formationen des Kunden zur internen und externen Weitergabe über alle Medien. Für die Webentwicklung haben sich eine Reihe von Content-Management-Systemen etabliert. Vielen Unternehmen reichen diese »Lösungen von der Stange«. Reicht das auch Banken? Für eine Vielzahl von Homepages und Anwendungen mag das genügen. Smart- house geht allerdings einen Schritt weiter und bietet eine außergewöhnliche, inno- vative Architektur eines Enterprise-Con- tent-Management-Systems (ECMS) an, das quasi zwei Systeme in einem vereint und damit den Spagat zwischen individu- eller Lösung und Standardkomponenten meistert. Können Sie das bitte genauer erklären? Das Framework ist hoch skalierbar, für große Nutzerzahlen ausgelegt und läuft auf eigenen Serverlandschaften. Es umfasst Mehrsprachigkeit und stellt eine Vielzahl von Importschnittstellen bereit, die Kunden später selber ändern können. Die Interfaces sind nötig, um unterneh- mensinterne Daten zu importieren, etwa Derivate oder andere Finanzprodukte, um eigene Video- oder Bilddateien und exter- ne Informationsquellen wie Börsenticker zu integrieren. Versuchen Sie das mal mit einem System von der Stange. Was genau verstehen Sie unter zwei Systemen in einem? Man kann sich das wie ein CMS inner- halb eines CMS vorstellen. Ein »großes«, das außen herum läuft, und ein integrier- tes für die definierten Controls. Basis für diese Entkopplung ist die Technolo- gie »Model View Controller System« (MVCS) von Microsoft, welche die Mög- lichkeit bietet, innerhalb eines Frame- works unterschiedliche Datenschichten zu abstrahieren. Smarthouse hat damit die Entwicklung der Frontend-Controls vollständig von der Entwicklung der Per- formance des Systems und der Hinter- grund-Funktionen entzerrt. Worin bestehen die Vorteile dieser Architektur? Vorteile hat das für uns Entwickler und für den Kunden gleichermaßen. Wir können Projekte binnen kurzer Projekt- laufzeiten umsetzen. Als Frontend-Ent- wickler muss ich mich dank der Trennung um serverseitige Themen wie Lastver- teilung und Performance-Management nicht kümmern. Die Abstraktion der Da- ten ist in der Datenbank gekapselt, wo- durch ein Modell entsteht, das die Daten auf der Website nur abbildet. Für das Frontend ergibt sich der Vorteil, eigene User-Controls nach User-Vorgaben an- zufertigen. Auch der Kunde profitiert von der Architektur: Er kann beispielsweise seine Inhalte per Drag and drop beliebig auf seinen Seiten platzieren. Was genau ist Ihre Aufgabe bei Smarthouse? Ich bin in ein Team eingebunden, das eine Webapplikation für das Derivatege- schäft einer italienischen Großbank ent- wickelt. Meine Arbeit ist sehr abwechs- lungsreich, das kommt mir als Generalist entgegen. In der ersten Phase des Pro- jekts stand die Entwicklung der auf der Website sichtbaren Controls im Vorder- grund. Damit erhält der Kunde bereits vor dem Going-live der Website einen ↘ <11>< p r o j e c t s >
  12. 12. Tim Berners-Lee gilt als Vater des World Wide Web. Am 12. März 1989 schlug er seinem Arbeitgeber, dem Schweizer Forschungszentrum CERN, ein Projekt vor, das auf dem Prinzip des Hypertexts beruhte und den weltweiten Austausch sowie die Aktualisierung von Informationen zwischen Wissenschaftlern vereinfachen sollte. HTML war geboren. 1993 wurde das Internet für die Öffentlichkeit freigegeben. Die Zahl der Websites weltweit beläuft sich auf rund eine Milliarde (Stand: Ende 2014). Laut Angaben des Info-Portals Statista laufen 37 Prozent der Websites auf dem Apache Server, gefolgt von IIS von Microsoft (33 Prozent), Nginx mit 15 Prozent und GWS von Google mit rund zwei Prozent. Der Rest verteilt sich auf eine Vielzahl anderer Server-Typen. Die erste Website: bit.ly/19uEIk0 GESCHICHTE DER WEBENTWICKLUNG über smarthouse Die Smarthouse Media GmbH ist ein weltweit tätiger, führender Full-Service-Anbieter für Online-Finanzapplikationen. Das Unterneh- men aus Karlsruhe ist ein Tochterunternehmen der Axel Springer SE und vereint Kompetenzen in Beratung, Kreation und Technologie – es unterstützt seine Kunden bei Provider- und Datenmanagement sowie bei Konzeption, Gestaltung, Erstellung,Weiterentwicklung und Hosting innovativer Online-Lösungen. // smarthouse.de mehr informationen RALF BRAUN Senior Account Manager IT FERCHAU Karlsruhe karlsruhe@ferchau.de ferchau.de/go/karlsruhe Visual Studio 2013, SQL Server 2010, AngularJS, HTML, CSS methoden und tools ersten Eindruck, wie sich die Site »an- fühlt«. Inzwischen arbeite ich hauptsäch- lich an datenbasierten Funktionen, etwa dem Export der Daten in Excel oder der Filterung der Daten nach verschiedenen Kriterien auf der Website. Sie sprachen eingangs innovative Tech- nologien an, die Smarthouse einsetzt – welche sind das? Neben der ausgefeilten Architektur sind das beispielsweise JavaScript-ba- sierte Frameworks wie »AngularJS«, ein Open-Source-Framework von Google, mit dem man in HTML und JavaScript Webanwendungen erstellen kann. Dar- über erfolgt ebenfalls die asynchrone Datenanbindung. Der Vorteil: Wenn der User einen Button drückt, wird nichts neu geladen, sondern direkt vom Ser- ver angefordert. Die Seite wird neu ge- filtert, um Postbacks zu vermeiden, und die Produktlisten lassen sich perfor- mant anbinden, so dass sie zur Laufzeit ständig aktuell ist. Ganz grundsätzlich gefällt mir bei Smarthouse, dass keine Technologien und Tools ausgeschlossen werden, nur weil sie neu sind. Das ist für mich Innovation pur. Sie arbeiten in einem Team, das über meh- rere Standorte in Deutschland verteilt ist. Wie organisieren Sie die Zusammenarbeit? Wir nutzen die ganze Bandbreite der Kooperationsmöglichkeiten: von persön- lichen Meetings mit dem Team in Karls- ruhe über Videokonferenzen bis hin zu Telefonbesprechungen vom Homeoffice aus. Unsere Projektvorgehensweise ist eine Mischung aus der agilen, iterativen Methodik Scrum und dem linearen Was- serfallmodell. Diese Mischung aus in- tensivem Dialog bei Scrum und der Mög- lichkeit, sich ganz in Ruhe in Themen zu vertiefen, ist aus meiner Sicht ideal. Herr Geiger, vielen Dank für das Gespräch. // »Innovation pur ist, wenn man keine Techno- logien und Tools ausschließt, nur weil sie neu sind«, Diplominformatiker Stefan Geiger, IT-Consultant von FERCHAU Karlsruhe 1993 2014 Freigabe des Internets für die Öffentlichkeit Zahl der Websites weltweit: rund eine Milliarde 1989 Tim Berners-Lee entwickelte HTML <html> < p r o j e c t s ><12>
  13. 13. Form-Solutions: intelligente Formulare DIE MENSCHENKENNER Wer Formulare, Apps und Portale für knapp 81 Millionen Anwender entwickelt, sollte vor allem viel von menschlichem Verhalten verstehen. Bei Form-Solutions in Karlsruhe ist das das Grundprinzip, um behördliche Kundenformulare und Hosting-Lösungen anzubieten. Daniel Putsch: Diplominformatiker mit den Schwerpunkten »Kognitive Systeme« und »Anthropomatik« <13>< p r o j e c t s >
  14. 14.  H  aben Sie vor kurzem ein Auto angemeldet oder stillgelegt? Möchten Sie heiraten oder wollen Sie sich gerade scheiden lassen? Sind Sie inner- halb der letzten Jahre umgezogen? Zahlen Sie Steuern? Wenn Sie auch nur eine der Fragen mit »Ja« beantworten, sollten Sie jetzt weiterlesen. Denn mit hoher Wahr- scheinlichkeit haben Sie Formulare oder Anträge ausgefüllt, die fast jeden be- hördlichen Akt begleiten. Heute geht das schon vielfach recht bequem per Internet- Zugang oder via App. Über 3.300 Formulare und Apps nebst Online-Assistenten hat Form-Solutions e. K. mittlerweile entwickelt. Die Karlsru- her Softwareschmiede hat ein E-Govern- ment-Framework auf dem Markt etabliert, das über 1.700 behördliche Kunden einset- zen. Außer dass Online-PDF-Formulare und intelligente HTML-Ausfüllassistenten mit umfangreichen Funktionen für ein bür- gerorientiertes Antragsmanagement be- reitgestellt werden, stehen den Behörden zahlreiche Schnittstellen zur Verfügung. So können elektronische Formulare auch direkt bezahlt und digital unterschrieben werden. Der Vorteil: Eingereichte Daten lassen sich direkt an das entsprechende Fachverfahren innerhalb der Verwaltung übermitteln und dort verarbeiten. NunhatbehördlicherPapierkriegnicht unbedingt den Ruf, benutzerfreundlich zu sein. »Von der Wiege bis zur Bahre: For- mulare, Formulare!«, unkt der Volksmund. Die größten Hürden: Form und Formulie- rungen. Was muss ich ausfüllen, was der Sachbearbeiter oder Berater? Wozu sind diese unterschiedlichen Kästen und Num- mern da? Habe ich alles richtig gemacht? Form-Solutions tritt mit seinen Lö- sungen den Gegenbeweis an und greift dazu auf Kenntnisse über das Verhalten von Menschen zurück. Ein Gebiet, auf dem Diplominformatiker Daniel Putsch zu Hause ist. Der 29-jährige IT-Consultant von FERCHAU Karlsruhe verstärkt das Entwicklerteam von Form-Solutions und bringt durch seine Studienschwerpunkte »Kognitive Systeme« und »Anthropoma- tik« ideale Voraussetzungen mit. »Anthropomatik« ist ein von Karlsruher Professoren entwickeltes Kunstwort, das sich aus »Anthropologie« (die Wissenschaft vom Menschen) und »Mathematik« zusam- mensetzt. Wie kann man Systeme, An- wendungen oder Prozesse so gestalten, dass sie für den Menschen einen Vorteil bringen? »Was ist dabei Aufgabe des Men- schen, was die Aufgabe der Maschine, und wie kombiniert man beides so, dass ein Optimum für die Bedienung heraus- kommt?«, lautet die Fragestellung von Daniel Putsch. Das Ziel dieser Wissen- schaft ist gleichzeitig seine Aufgabe. Formulare, die auf diese Art entste- hen, sind aktuell und für den Bürger so aufbereitet, dass nur die für ihn relevanten Felder angezeigt werden. Den Rest macht »die Maschine«, schmunzelt Putsch. Oder der Sachbearbeiter in der Behörde. Schon bei der Menüführung achtet das Team darauf, dass nur wenige Eingaben nötig sind beziehungsweise zusammengehö- rige in einem Schritt erfolgen. Beamten- deutsch übersetzen, hilfreiche Beispiele und Zusatzinformationen einblenden sind weitere Gestaltungsmerkmale. Im Tagesgeschäft von Daniel Putsch »ist Vielfalt angesagt«. Das reicht von Absprachen mit dem Vertrieb über die Unterstützung des Content-Bereichs, um neue Regeln für die Formularassistenten in Java zu entwickeln, bis hin zur Gestal- tung von Schnittstellen mit abschließen- den Tests. »Formulare müssen perma- nent aktualisiert werden, und sie sind vielfältig«, führt IT-Experte Putsch aus. Gesetzliche Rahmenbedingungen sind dabei ein Treiber. Anforderungen, die der Vertrieb von den behördlichen Kunden mitbringt, ein weiterer. »Gemeinden ha- ben ihre eigenen Abläufe und bieten bei- spielsweise je nach Region oder Formu- lar unterschiedliche Bezahlverfahren an. Die müssen integriert werden«. Putsch und seine Kollegen analysieren die Work- flows und legen fest, welche Teile der bestehenden Lösungen zu ergänzen oder neu zu entwickeln sind. Mit »Metaform« hat Form-Solutions ferner eine Lösung im Portfolio, mit der sich Gemeinden Formu- lare selbst gestalten können. Im 21. Jahrhundert ist auch der Fort- schritt in puncto E-Government eine Trieb- feder für Projekte: So entstand bei den Karlsruhern im Herbst des vergangenen Jahres ein eigenes Portal »i-Kfz«, worüber Fahrzeughalter seit Januar 2015 ihr Fahr- zeug via Internet stilllegen können. »Unser Team erstellte die komplexe Anwendung in- klusive der medienbruchfreien Anbindung an das Kraftfahrt-Bundesamt«, beschreibt Putsch. Bürger authentifizieren sich mit ihrem neuen Personalausweis, dessen »Was ist Aufgabe des Menschen, was die Aufgabe der Maschine, und wie kombiniert man beides so, dass ein Optimum für die Bedienung herauskommt?« Antizipiert das Verhalten der Nutzer und entwickelt menschengerechte Systeme: Daniel Putsch, IT-Consultant von FERCHAU < p r o j e c t s ><14>
  15. 15. Lesegerätanbindung er mitentwickelt hat. Bequem bezahlen lässt sich über die inte- griertenBezahlverfahrenS-Internetkasse, ELBe, PayPal oder andere nach Absprache. »Ein schlankes Formular, um mit we- nigen Schritten zum Ziel zu kommen« lautet der Anspruch von Form-Solutions. Um dem gerecht zu werden, nimmt An- thropomatiker Putsch immer auch die per- sönliche Perspektive ein: »Ich antizipiere das Verhalten der Nutzer, versuche es zu verstehen und entwickle gemeinsam mit meinen Kollegen schlüssige Konzepte.« Bei knapp 81 Millionen Anwendern sicher ein Job mit Zukunft. // weitblick IT im E-Government Bund, Länder und Kommunen gaben laut Branchenverband BITKOM 2013 rund 20 Milliarden Euro für IT aus. Mit Abstand am meisten Geld zahlt die öffentliche Hand für IT-Dienstleistungen, also für Beratung, Implementierung und Service: rund 9,4 Milliarden Euro. Die öffentliche Verwaltung steht für rund ein Fünftel des Business-Marktes in der ITK-Branche. Was ist Anthropomatik? Ziel dieses Forschungsgebiets ist die Erforschung und Entwicklung menschen- gerechter Systeme mit Mitteln der Informatik. Voraussetzung dafür ist ein grundlegendes Verständnis des Men- schen, seiner Anatomie, seiner Motorik, seiner Wahrnehmung und Informations- verarbeitung sowie seines Verhaltens. Entwicklungs-/Scriptsprache: Java, JavaScript, PHP, HTML/CSS Tools: Eclipse (Entwicklungsumgebung), Git (Sourcecodeverwaltung), Gradle (Build-Management-Automatisierungs- Tool), Jenkins (kontinuierliche Integration in Softwareprojekten), Agilefant (agiles Projekt- und Produktmanagement zur Pflege von Anforderungen/Bugs), JBoss AS 7 (Applikationsserver) Datenbanken: MySQL (relationale Datenbank), MongoDB (dokumentenbasierte Datenbank) Frameworks: JUnit, Spring Framework, Wicket, Thymeleaf Entwicklungsmethodik: Scrum (agiler Softwareentwicklungs- prozess) methoden und tools Form-Solutions e. K. wurde im Jahr 2000 von Matthias Eisenblätter gegründet und hat seinen Sitz in Karlsruhe. Das Unternehmen bietet über 1.700 Kunden in Deutschland ein E-Government-Framework, mit dem sich das Formular-Management optimieren lässt. // form-solutions.de über form-solutions mehr informationen KERSTIN KRAFT Business Manager IT FERCHAU Karlsruhe ferchau.de/go/karlsruhe karlsruhe@ferchau.de <15>< p r o j e c t s >
  16. 16. Baum der Erkenntnis BIN ICH EIN NERD? ARBEITEST DU OFT VON UNTERWEGS? WO MACHST DU DIR NOTIZEN? Ja Ja Ja Ja JaNein Nein Nein Nein Ja Nein Nein Nein BIST DU IM BESITZ EINES SOLAR- LADEGERÄTS? TABLET WIE OFT IST DEIN AKKU LEER? NOTIZBUCH HANDINNENFLÄCHE STÄNDIG NIE TÜFTELST DU HEIMLICH AM NEUEN NAPSTER/ FACEBOOK/WINDOWS? WUNDERST DU DICH MANCHMAL, WER DIESER JAY PECK AUF DEINEN FOTOS IST? RUFEN FREUNDE DICH AN, WENN SIE EIN PROBLEM MIT »COMPUTERN« HABEN? KENNST DU DIE TELEFONNUMMER DES PIZZALIEFERANTEN AUSWENDIG? Dein Nerd-Faktor ist gleich null! DU HAST EIN PROBLEM MIT DER FIREWALL. WAS MACHST DU? 2 112 WÄHLEN NEUSTART BIST DU ETWA SOFTWAREENTWICKLER? SEI BITTE EHRLICH! WAS IST DAS? HAST DU KENNTNISSE IN C, C++ UND LINUX? Dein Nerd-Faktor ist gleich null! < b r a n c h e n g e f l ü s t e r ><16>
  17. 17. Inhalt: Heike Kottmann, München Wie alt ist dein Smartphone? 1–12 MONATE Ja Ja Ja Ja Nein Ja Nein Nein Nein ÄLTER ALS EIN JAHR ÄLTER ALS DREI JAHRE? GEHST DU DAMIT INS INTERNET? WIE VIELE APPS NUTZT DU IM ALLTAG? Du bist kein Nerd. Du siehst bloß so aus!Glück- wunsch! Du bist ein echter Nerd! WAS MACHST DU AM WOCHENENDE LIEBER? TV ZAPPEN FREUNDE TREFFEN COUNTER-STRIKE ZOCKEN 20 267 TRAGT IHR T-SHIRTS MIT SPRÜCHEN, DIE KEINER AUSSER EUCH VERSTEHT? HAST DU EIN FAIBLE FÜR SCIENCE-FICTION? WELCHE IST DEINE LIEBLINGSSENDUNG? BREAKING BAD THE SIMPSONS INFORMATIKBWL KLAR! GAME OF THRONES WAS HAST DU STUDIERT? TRÄGST DU EINE BRILLE MIT DICKEM RAHMEN? < b r a n c h e n g e f l ü s t e r > <17>
  18. 18. Erhielt 2014 den Sächsischen Lehrpreis: Prof. Dr. Dirk Labudde, Forensiker und Bio-Informatiker Datendiebstahl und illegale Geldtransfers – Cybercrime ist ein weites Feld. Wenn Straftaten auf Computern oder im Internet begangen werden, ist das ein Fall für Digitalforensiker. Inzwischen gibt es auch Studiengänge für das Berufsbild. WIE DIGITAL- FORENSIKER ERMITTELN Die Cybercops < b r a n c h e n g e f l ü s t e r ><18>
  19. 19.  I m September 2014 war die Klatschpresse in heller Aufregung: Celebritys waren massenweise private Fotos gestohlen und diese waren sekundenschnell im Netz verbreitet worden – doch eigentlich kann so etwas jedem passieren, der einen Cloud- Service nutzt. Im Januar 2014 wurde bekannt, dass Millionen E-Mail-Adressen samt Passwörtern gestohlen wurden – wer hat heute keine E-Mail mehr? In solchen Fällen werden Digitalforensiker gebraucht. Diese Kriminologen sind auf den Tatort Cyberspace spezialisiert, sie arbeiten bei der Polizei, der Steuerfahndung oder bei Zollbehörden. Sie verfol- gen jene Spuren bis zur Quelle, die ein Verbrechen auf digi- talen Geräten oder im Internet hinterlässt. Und sie sichern mögliche Beweismittel so, dass sie gerichtstauglich sind. Im Beispiel der entwendeten Fotos: Digitalforensiker prüfen, ob es in dem Cloud-Dienst eine Lücke gab, und sie können anhand von störenden Pixeln – dem Bildrauschen – feststellen, ob die geleakten Aufnahmen überhaupt echt sind. Wo lohnt sich die Suche? Helmut Sauro, Senior Consultant bei der Datenrettungsfir- ma Kroll Ontrack in Böblingen, und seine Kollegen im forensi- schen Labor haben es oft mit dem Verdacht auf Datendiebstahl in Unternehmen zu tun. Die Computer-Fachmänner bestimmen dann zunächst, wo sich die Suche nach Indizien lohnt – auf bestimmten Laptops, Servern oder Festplatten. Danach gilt es, alle dort liegenden Daten zu kopieren. Bit für Bit. Auch die nicht aktiv belegten Bereiche einer Festplatte, denn »dort schwirren teilweise überschriebene oder gelöschte Daten umher«, sagt Sauro. Die Original-Festplatte kann nach erfolgreicher Kopie am Ort verbleiben. Bei der Datensicherung wird jeder Schritt samt techni- schen Details protokolliert, um eine lückenlose Beweiskette zu gewährleisten. »Denn wenn ein >rauchender Colt< gefunden wird – eine relevante E-Mail zum Beispiel –, muss man schlüssig zeigen können, wer zu welchem Zeitpunkt vor Ort war und die Arbeit durchgeführt hat«, sagt Sauro. Über die forensische Kopie wird zudem ein digitaler Fingerabdruck gelegt, damit die Daten nicht nachträglich manipuliert werden können. Das Ergebnis der forensischen Analyse erhält der Auftraggeber. Wühlen im digitalen Müll Manchmal kommt es auch vor, dass Computer-Forensiker verdeckt arbeiten und nachts ausrücken, etwa dann, wenn ein mutmaßlicher Täter noch für das Unternehmen arbeitet. Das kann eine Herausforderung sein, denn viele Mitarbeiter haben Laptops. »Uns ist es schon passiert, dass wir vor Ort waren, und es war kein Rechner da«, sagt Sauro. Die Computer-Forensiker wissen, was ein Computer so alles über seine Nutzer verrät: Auf der forensischen Kopie prüfen sie dieDateizugriffe;sieuntersuchendenBrowser-Verlauf;siesehen in den Log-Files nach, ob und wann externe Geräte wie etwa ein USB-Stick angeschlossen wurden. Besondere Aufmerksamkeit schenken die Forensiker dabei dem nicht vom Betriebssystem verwalteten Bereich einer Festplatte. Sauro vergleicht ihn mit einer Tonne im Hof: Solange die Müllabfuhr noch nicht da war, lässt sich im Abfall nach Beweisstücken suchen. »Einiges ist bestimmt bereits angefault oder gar zersetzt, und dann wird es schwierig«, sagt er, »doch auch Fragmente können auf etwas hindeuten. Wir erstellen dann eine Indizienkette, um noch Nach- weise zu führen.« Computer-Forensiker sind darauf spezialisiert, gelöschte Daten wiederherzustellen. Denn die werden nicht vollständig beseitigt. Außer sie werden professionell überschrieben. »Aber wenn ich eine Festplatte professionell überschreibe, ist das ja schon ein Indiz, dass ich etwas verbergen will«, sagt Sauro. Verlorene Daten zurückholen Mittlerweile werden Computer-Forensiker auch umfassend ausgebildet. »Es geht den Tätern nicht mehr nur um Materiel- les – sie wollen an Ihre Identität«, sagt Prof. Dr. Dirk Labudde, der den Bachelor-Studiengang Allgemeine und Digitale Foren- sik verantwortet. Auch das Bundeskriminalamt hebt in seinem jüngsten Cybercrime-Bericht den Identitätsdiebstahl hervor. In Mittweida stehen deshalb Hacking, soziale Netzwerke, Video- analyse und die digitale Gesichtsrekonstruktion auf dem Lehr- plan – die Studenten üben praxisnah anhand von Aufgaben wie »Prüfen Sie die Echtheit dieses Fotos« oder »Stellen Sie fest, ob die Person auf diesen zwei Pässen dieselbe ist«. Außerdem helfen die wissenschaftlichen Mitarbeiter in Mitt- weida dabei, echte Fälle zu lösen. »Wir haben hier zwei Terabyte an zu untersuchenden Daten vorliegen«, sagt Labudde. Gerade bear- beiten sie ein Handy, das im Zusammenhang mit einem Verdacht auf Drogenhandel beschlagnahmt wurde. Rund 40.000 SMS haben die Forensiker schon automatisch ausgewertet – etwa 30 davon halten sie für beweiskräftig. Der Studiengang orientiert sich am Locard‘schen Prinzip. Es besagt, dass jeder Täter unweigerlich eine Spur hinterlässt – auch auf einem Rechner, auch im Netz. Ein rechtsfreier Raum ist der Cyberspace also keines- wegs. Selbst wenn sich ein Nutzer seinen Rechner mit Malware infiziert, die ihm eine Straftat unterjubeln will, gibt es immer noch die Möglichkeit, anhand des Browser-Verlaufs festzustel- len, wann der Trojaner eingedrungen ist. Selbst ein gelöschter Verlauf lässt sich wieder rekonstruieren – außer er wurde schon etliche Male überschrieben. Das ist eine Gemeinsamkeit, die die digitalen Verbrechen mit denen in der analogen Welt haben, sagt Labudde: »Je länger eine Straftat zurückliegt, desto schwieriger wird die Beweisführung.« // WARUM DIGITALFORENSIKER BEVORZUGT IM »MÜLLEIMER« WÜHLEN. Interview mit Helmut Sauro von der Datenrettungsfirma Kroll Ontrack. ferchau.de/read/it151a web-special <19>< b r a n c h e n g e f l ü s t e r >
  20. 20. A  ls Lead Advisor des Analystenhauses Experton Group bin ich davon über- zeugt, dass Industrie 4.0 extrem wichtig ist für die deutsche Wirtschaft im globalen Wettbewerb und dass ICT (Information & Communication Techno- logy) dazu wertvolle Bausteine liefert. Eine Untersuchung der Experton Group bei mehr als 360 Unternehmen stützt diese These. Der wichtigste Grund: Industrie 4.0 ist primär ein wettbewerbsdifferenzie- render Business-Trend, der die Erfolge deutscher und westeuropäischer Unter- nehmen sicherstellen und ausbauen kann. Deutsche Unternehmen gewinnen und halten Kunden in Zukunft nicht (nur) durch herausragende Qualität, Innova- tion oder gar Preisvorteile, sondern vor allem durch Alleinstellungsmerkmale bei kundenorientierter Produktion und immer mehr durch Serviceinnovatio- nen. Dabei werden dann anstelle von »Produkten mit ergänzenden Services« zunehmend »Services auf Basis von Produkten« erfolgreich vermarktet. Spezifische Gründe, die für Industrie 4.0 sprechen: Die hohe Wettbewerbsstärke Als international führende Industrie- nation mit enormem Potential auf dem Gebiet der »Embedded Systems« kann Deutschland den Wandel zu Industrie 4.0 auf der Produktionsseite aktiv voran- bringen und begleiten. Die stärkere Vernetzung von Produkten und Maschi- nen fördert die Effizienz der in Deutsch- land produzierenden Unternehmen und festigt den Erfolg weltweit. Die flexible Fertigung Zeitnahe Reaktionen auf sich immer schneller verändernde Produktionsbe- dingungen erfordern Produktionsprozes- se, die einfach und standortübergreifend optimiert werden können. Industrie 4.0 kann das leisten. Eine stark individualisierte Produktion Mit Hilfe von Industrie 4.0 ist die schnelle Reaktion auf sich kurzfristig ändernde, individuelle kundenspezifische Anforde- rungen und Wünsche möglich. Dadurch kann sogar die Produktion von Einzelstü- cken und Kleinstmengen rentabel werden. Innovative Geschäftsmodelle Die intelligenten Objekte sammeln viel- fältige Daten. Auf deren Basis lassen sich innovative Services und Angebote entwi- ckeln. Es entstehen so Anknüpfungspunk- te für neue Geschäftsmodelle und Dienst- leistungen. Neue Arbeitsmodelle Prozess- und Arbeitsabläufe lassen sich genau auf die Möglichkeiten der Beleg- schaft abstimmen. Zugleich lässt sich Arbeit damit künftig auch in der Industrie flexibler gestalten. Das Wort Work-Life- Balance erhält dadurch eine völlig neue Bedeutung. Aus meiner Sicht kommen wir mit Industrie 4.0 an einen Punkt, an dem die ICT die Industriegesellschaft massiv weiterentwickelt. Anders als bei der dritten industriellen Revolution und zu Zeiten des Computer-integrated Manu- facturing (CIM) sind die Basistechnolo- gien (Netze, CPU-Performance, Mobile Devices, Storage, …) jetzt so weit, dass der Einsatz wirtschaftlich sinnvoll wird. Einen nachhaltigen Wettbewerbsvor- teil gegenüber den sehr schnell »lernen- den« Industrien in China oder Indien kann man nur erzielen, wenn man einige Dinge »komplett anders« macht. Dazu gehört auch eine Refokussierung von dem Produkt selbst hin zu »produktbezoge- nen Services« (Beispiele: Kompressoren, Automobile, Landwirtschaft, Logistik). Die Ausrichtung einer kompletten Firma auf das Produkt unter Einbeziehung bislang ausgegrenzter Bereiche in Verbindung mit der Business-IT sowie die Konver- genz aus intelligenter und vernetzter Produktion mit neuen Services sind dabei das »revolutionäre« Element. Zögern und Zaudern ist angesichts des Standes der Technik, der Chancen, aber auch des Wett- bewerbsdrucks nicht angesagt. // Kommentar von Andreas Zilch, Lead Advisor und Vorstand Experton Group AG Revolution »Der wichtigste ICT- Trend in Deutschland« INDUST < b r a n c h e n g e f l ü s t e r ><20>
  21. 21. I   n d u s t r i e 4.0 bedeu- tet Umwäl- zung und Fortschritt. Keine Frage, dass sich die Wirtschaft in den kommen- den Jahren verändert. Durch die Digitalisierung werden iso- lierte Produktionsmittel zu einem »intelligenten« Verbund verknüpft, bei dem das Ergebnis größer werden soll als die Summe seiner Teile. Für die Produktion heißt das: Anlagen steuern sich selbst, und Werkstücke wissen, wohin sie transportiert und wozu sie weiterverarbeitet werden. Die Produkti- on soll flexibler werden, ohne ihre Effi- zienz einzubüßen. Und künftig steht der Service im Mittelpunkt, das Produkt ist nur noch Mittel zum Zweck. Statt von einer Revolution spreche ich allerdings bei Industrie 4.0 lieber von einer Evolution, denn die deutsche Wirtschaft hat die Grundlage für den Wandel in den vergangenen Jahren stetig ausgebaut. In der klassischen Automatisierung sprach man von SPS und Leittechnik – in der neuen Welt Industrie 4.0 verschmelzen die klassi- sche IT, die Automatisierungstechnik und die Fertigungstechnik! Transponder und Automatisierung gibt es schon sehr lange – aber die Komplexität der Auto- matisierung ändert sich. Was mir beim Thema Industrie 4.0 oft zu kurz kommt, sind die Mitarbeiter. Es reicht nicht aus, Maschinen zu vernet- zen, um eine intelligente und automa- tisierte Produktion zu bekommen. Es reicht nicht aus, eine Software program- mieren zu lassen, damit der Laden die nächsten Jahre läuft. Es reicht nicht aus, auf Services zu setzen und zu hoffen, dass die Kunden das Produkt selbst weiterentwickeln. Wir brauchen künftig Ingenieure, Entwickler und Techniker, die über den Tellerrand hinausschauen können. Wir brauchen Netzwerkexper- ten, Softwareentwickler, Datenbankarchi- tekten, Data-Warehouse-Spezialisten, Big-Data-Analysten, Elektrotechniker, Automatisierungsexperten und Ferti- gungstechniker, die gemeinsam eine Idee zu einer erfolgreichen Innovation veredeln. »Industrie 4.0 bedeutet nicht, den Menschen abzuschaffen«, heißt es beim Branchenverband BITKOM. Viel- mehr würden künftig Facharbeiter und Ingenieure mit höheren Qualifikatio- nen gebraucht, diese müssten stärker systemisch denken. Das unterschreibe ich. Die Natur zeigt eindrucksvoll die Kraft der Evolution: Es ist keine sinnvol- le Strategie für einen Fisch, an Land zu springen, wenn er darauf nicht vorbe- reitet ist. Jeder Unternehmer braucht daher eine digitale Vision, die ihn die kommenden Jahre begleitet. Er muss verstehen, welche Gefahren und Poten- tiale die Veränderung mit sich bringt, um rechtzeitig zu reagieren. Er muss bereit sein, Vorurteile abzulegen und sich neuen Ansätzen zu öffnen. Er muss Chancen ergreifen, die sich aus den disruptiven Veränderungen ergeben. Andernfalls wird ihn die digitale Welle vom Markt spülen – egal, ob Revolution oder Evolution. // »Kleine Schritte statt großer Sprünge« Kommentar von Markus Präßl, Vertriebsleiter Nord-West FERCHAU Engineering GmbH Evolution RIE 4.0 <21>< b r a n c h e n g e f l ü s t e r >
  22. 22. KOMMUNIKATIONS- KULTUR IST KOPFSACHE Social Enterprise 2.0 – vom Verteiler zur Community Die traditionelle Kommunikation in Unternehmen kann nur schwer mit aktuellen Anforderungen mithalten, E-Mail und Telefon ziehen enge Grenzen beim Informationsaustausch. Soziale Vernetzung erweitert den Horizont, doch der Wandel in den Köpfen kostet viel Zeit und Mühe. < b r a n c h e n g e f l ü s t e r ><22>
  23. 23.  W ir schreiben das Jahr 2010. Für das Kommunikationsmittel E-Mail läuten die Totenglöckchen: zu viel Spam, zu viel sinnlose Information, zu viele Viren, zu unflexibel. Der kanadische Autor Don Tapscott prägte den Begriff der »Wikino- mics« – neue Formen der Collaboration wie freiwillige Zusam- menarbeit, Offenheit, eine Kultur des Teilens sowie globales Handeln machten die Wirtschaft der Zukunft aus. Dies lasse sich nur mit sozialen Netzen erreichen, in denen die Men- schen selbstbestimmt zusammenarbeiten. Allerdings tun sich viele Unternehmen schwer, den kultu- rellen Wandel von der asynchronen E-Mail hin zum (inter-) aktiveren Facebook für Unternehmen einzuleiten – auch wenn es einige illustre Beispiele wie Continental oder die Otto Group sowie Argumente dafür gibt: effiziente Abläufe, kurze Prozes- se, moderne IT-Lösungen. Immerhin nutzen 59 Prozent der IT-Unternehmen Social Media sowohl für die interne als auch für die externe Kommunikation, so der Branchenverband BITKOM. Dabei ist das »Social Enterprise« nur zu einem kleinen Teil eine Frage der Technik und der rechtlichen Rahmenbedingungen. »Sie müssen die Holschuld bei Informationen stärker in die Kommunikationskultur einbinden«, berichtet Winfried Holz, CEO des IT-Dienstleisters Atos Deutschland. Umdenken sei gefordert und Mitarbeiter müssten lernen, sich Informationen aktiv zu besorgen, statt wie bislang auf einen Hinweis im Post- fach zu warten: »Das ist der entscheidende mentale Schritt in Richtung Enterprise 2.0.« Atos hat in den vergangenen Jahren versucht, zumindest die interne Kommunikation weitgehend frei von E-Mails zu gestalten. Ende 2013 war der Umstieg vollzogen – nach langen Jahren des Lernens. Ein internes soziales Netz- werk, Instant Messaging und Dokumenten-Management bilden nun die Säulen des kollaborativen Arbeitens. Je nach Aufgabe kommen Funktionen einer anderen Säule zum Zuge. Aus dem Push-Prinzip der E-Mail, bei dem Informationen in die Postfä- cher gedrückt werden, muss der Mitarbeiter lernen, sich die für ihn relevanten Informationen zu besorgen (Pull-Prinzip). Das ist nicht nur effizienter, sondern fördert auch eine neue Kommunikationskultur, in der alle Mitarbeiter besser vernetzt sind – transparent und persönlich. Auch Lydia Zillmann hat den Wandel begleitet, als Projekt- leiterin für die Einführung einer Social-Enterprise-Software bei der Leipziger Unternehmensberatung Contas KG. »Nach einer strategischen Neuausrichtung wirkte die interne digitale Kom- munikation plötzlich wie ein Flaschenhals«, erinnert sich Zill- mann. »E-Mails haben unsere Arbeitsprozesse aufgehalten und für eine Flut nicht immer relevanter Informationen zum falschen Zeitpunkt gesorgt.« Dokumentenzentriert, eindimensional und unübersichtlich: »Mit der heutigen Realität eines Unterneh- mens, das seine Arbeit in Projekten mit virtuellen und mobilen Teams leistet, ließ sich das nicht mehr vereinen.« Zudem sollte das Wissen der Mitarbeiter aufbereitet werden, damit alle Kolle- gen daran partizipieren können. Contas startete mit einer Analyse der Geschäftsprozes- se, fasste ein Team aus Pilotanwendern zusammen und peilte strategische Ziele an: »Neben der Ausrichtung auf den gesamt- deutschen Markt waren Mobilität und die personenunabhängige Entwicklung des Wissens für uns wichtig«, sagt Zillmann. Ging es in der traditionellen elektronischen Collaboration in erster Linie um Erreichbarkeit, Kommunikation und Dokumentenver- waltung, greift Social Business weiter: Neben der Darstellung der eigenen Identität stehen hier das Beziehungsmanagement und das Informationsmanagement im Fokus. Heute bloggen die Berater des Unternehmens in ihrer eigenen Vertriebs-Community darüber, wie der Kundentermin gelaufen ist, was der Kunde benötigt und welche Schritte anstehen. Team-Mitglieder fragen gezielt nach und diskutie- ren offene Punkte. In einem projektbezogenen Forum lassen sich weiterführende Informationen der Kollegen zum Thema abfragen, zusätzliche fachspezifische Hinweise stammen aus einem Wiki. »Die Kundenstory und der Kontext stehen im Blog, das Forum ist für die Diskussion, und im Wiki sammelt sich das extrahierte Wissen«, erläutert Zillmann ihr Informations- netzwerk, in dem die Kommunikation im Gegensatz zur E-Mail nicht mehr »eindimensional« ist. Und Mitarbeiter konnten ihre Impulse und Erfahrungen nach der Pilotphase gezielt einbrin- gen – »Learning by Doing«. Klar ist: Der Weg zum Social Enterprise wird kein Sprint. Barrieren traten vor allem bei der Anwendung der Software auf, da alte Verhaltensmuster aufgebrochen und neue Vorgehens- weisen trainiert werden mussten, sagt Zillmann: »Die Einfüh- rung einer Social Software funktioniert nur, wenn die Mitarbei- ter das System gerne anwenden und auch den Nutzen spüren.« Vorbild sind die sozialen Netzwerke wie Facebook – in der priva- ten Kommunikation ist die E-Mail ohnehin auf dem absteigenden Ast, wie eine BITKOM-Studie gezeigt hat. // Forciert Kommunikationskultur, in der alle Mitarbeiter besser vernetzt sind: Winfried Holz, CEO des IT-Dienstleisters Atos Deutschland (links) Der Weg zum Social Enterprise wird kein Sprint: Lydia Zillmann, Projektleiterin bei der Leipziger Unternehmensberatung Contas KG (rechts) mehr informationen BITKOM-Untersuchung zur E-Mail-Nutzung bit.ly/1DuDYXd Zero-E-Mail bei Atos: das Projekt bit.ly/1pXxGJn Enterprise 2.0: Fallstudien e20cases.org Umdenken sei gefordert und Mitarbeiter müssten lernen, sich Informationen aktiv zu besorgen, statt wie bislang auf einen Hinweis im Postfach zu warten. <23>< b r a n c h e n g e f l ü s t e r >
  24. 24. Bild: CommonLense.de < v o i c e s ><24>
  25. 25. Wie hält man es 25 Jahre als autistischer Mathematikprofessor bei IBM im Management aus, Herr Dueck? Schüchtern war ich – sehr. Damit ist es eine Last. Zu Beginn habe ich in den Meetings wie beim Tennis hin und her geschaut und mich über die andere Streitkultur gewundert. Ich musste mich oft zu einem »Darf ich auch mal etwas sagen?« aufraffen. Sie waren zu höflich für die Rolle eines Industriemanagers? Nein, zu introvertiert. Ich hatte Furcht, andere zu verletzen. Die Extrovertierten sind viel robuster. Die Introvertierten, wie ich einer bin oder war, haben einen ganz anderen Benimm-Code als die Extrover- tierten. Introvertierte unter sich grüßen nur mit Blicken oder Kopfnicken. Gerade noch so zart angedeutet, dass es einen nicht aus den Gedanken wirft. Oder aus den Träumen. Lautet eine Ihrer Thesen deshalb: »Die Stunde einer Innovation schlägt immer nachts, weil die meisten Unternehmen dann schlafen«? Ach, die echten guten Ideen hat man eben nicht gerade nachts, aber irgendwo, wo der Geist ganz frei ist und schweifen kann. Das kann bei der Gartenarbeit sein, auf langen Rolltreppen im Flug- hafen, beim Warten neben Umkleideka- binen. Mein wichtiges Ergebnis in der Mathematik ist mir am Samstag unter der Dusche eingefallen. Mein Doktor- vater grübelte schon jahrelang über etwas, hatte mir gerade wieder einmal eine mögliche Lösung beim Kaffee erklärt – ich ging Freitag heim und hatte am nächsten Morgen vor dem Brötchen- holen plötzlich eine vollständig neue Lösung im Kopf. So etwas fällt einem nicht im Büro ein. Innovationen sind also nicht planbar? Erfindungen? Nein. Innovationen? Auch nicht wirklich. Viele denken, dass ei- ne Erfindung schon die halbe Miete wäre. Ist sie nicht. Wenn das kreative Neue auf die alte Welt der Formen und Abläufe, die bekannten Methoden und planbaren Geschäftsprozesse trifft, wo es ordent- lich und perfekt sein muss, kommt es zu kaum vorhersehbaren Konflikten. Unter- nehmen, die langfristig erfolgreich sein wollen, müssen aber ihre Geschäftsmo- delle immer wieder neu in Frage stellen, überdenken und auch unangenehme Ent- scheidungen fällen. Was wäre denn eine unangenehme Entscheidung? Unternehmen schrecken fast immer vor Selbstkannibalisierung zurück, also vor einem Neugeschäft, welches ihr gu- tes altes Business verdrängt. Verlage und E-Books, Glühlampen und LEDs, so etwas. Da LEDs ja lebenslang in der Lampe verbaut sind, muss sich ein Leuchtmittelhersteller (»Ingenieur«) auch Künstler zulegen, das ist eine Revolution für die Psyche einer Firma, die auch schwerfällt. Der Widerstand gegen sol- che großen Veränderungen ist gewaltig, so dass Unternehmen dadurch eine Art Immunsystem gegen Störungen auf- gebaut haben – und das Kreative und Innovative ist eben fast immer eine solche Störung. Deshalb sollten Innova- toren nicht überrascht sein, wenn sie mit Neuem fast vorhersagbar im Unter- nehmen auf Granit beißen. Innovatoren müssten sich mehr mit der Komplexität des Bestehenden befassen. Was verstehen Sie darunter? Die Infrastrukturen wandeln sich heute sehr stark, es geht nicht allein um »andere Produkte«. Auch die Arbeitswelt wird komplexer, das wird ja überall ↘ DEUTSCHLANDS INGENIEUREN STEHT EIN GOLDENES ZEITALTER BEVOR Von Duschern, Träumern und Innovatoren »Die Stunde einer Innovation schlägt immer nachts, weil die meisten Unternehmen dann schlafen.« »Wir werden nicht zu professionellen Persönlichkeiten entwickelt und werden nicht auf das Komplexe vorbereitet.« Zwei kühne Thesen aus dem Repertoire des Innovationsphilosophen und Ex-IBM-Distinguished-Engineer Gunter Dueck, der im Gespräch mit <atFERCHAU> seine Weltansichten erklärt. <25>< v o i c e s >
  26. 26. gefühlt und beklagt, weil das Einfache schon per Computer erledigt ist oder wird. Wir gehen nicht immer gleich zum Arzt ... … oder wenn es zu spät ist. Ich weiß, manchmal sollte man bes- ser gleich zum Arzt oder Anwalt gehen. Aber faktisch tun wir das nicht, wir gehen erst hin, wenn es für uns selbst zu komplex geworden ist, und dann wollen wir natürlich sofort den Superexperten. Da das so ist, steigen die Anforderungen an jeden Experten. Mittelmäßig geht nicht mehr gut. Wer also nicht so gut in seinem Job ist, wird zunehmend Schwierigkeiten haben. Das meine ich mit Komplexität: Wenn die Routinefälle wegfallen, bleiben nur noch die Zweifelsfälle für die echten Professionals. Wie bereitet man sich auf Komplexität vor? Das müsste bereits in der Schule beginnen. Aber in den Lehrplänen für Mathematik zum Beispiel steckt immer noch der alte Geist, alle Welt solle Physik studieren oder Ingenieur werden: Das ist Mathematik für Minderheiten, denn nicht jeder muss Integral- oder Differential- rechnung beherrschen. Ein BWLer braucht keinen Sinus, Ärzte und Juristen sowieso nicht. Diesen antiken Lehrstoff muss man doch in Frage stellen dürfen, wenn man die Lehrpläne der Zukunft anpassen will. Was sollte ganz oben auf dem Lehrplan stehen? Es geht eben nicht mehr nur um die Hirnkapazität(»IntelligenceQuotient«),son- dern auch um den Umgang mit Menschen (»Emotional Quotient«). Der ganze Mensch ist gefordert. Dazu kommen Erfolgswille, Führungsqualitäten und Durchsetzungs- stärke, die mehr die »Biologie des Kör- pers« betreffen. Marketing, Werbung, Verkaufen, Kunst oder Medien verlangen die Fähigkeit, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken; Wissenschaft, Entwicklung und Innovation leben von umtriebiger Neugier und unternehmender Veränderungsfreu- de. Heute arbeiten wir eher nur mit dem »Verstandesteil« des Menschen und sind noch weit von dessen »Gesamtnutzung« entfernt. Was zeichnet professionelle Persönlichkeiten aus? Typen wie der leider zu früh verstor- bene Steve Jobs sind professionelle Men- schen, die Gefühl, Geist, Herz und Ästhe- tik in einem Paket liefern können. Es geht aber nicht darum, Apples Produkte zu ko- pieren, sondern sich vielmehr mit deren Erschaffensweise, dem »Hervorragen- den« auseinanderzusetzen. In vielen Un- ternehmen wird heute mit den falschen Vokabeln gesprochen wie: »mal den Kun- den befragen« oder »Feedback einho- len«. Alles nur Floskeln. Nach wie vor torpediert die Marketing-Doktrin »Wir müssen schnell an den Markt und Geld verdienen!« jegliche Innovationsfreude. Man muss halt lange ein Gefühl dafür entwickeln, was das Vortreffliche eines Produkts oder einer Dienstleistung ist. Gewinnen wird der, der es in gewisser Weise schön macht. Und das sind immer dieselben: Google, Amazon, Apple etc. Und der Rest der Welt bleibt auf der Strecke? Nein, da bin ich nicht ganz so negativ eingestellt, Stichwort: Industrie 4.0. Dafür sind die deutschen Ingenieure prädesti- niert und offenherzig. Ich kann mir vorstel- len, dass Deutschland vor einem goldenen Zeitalter steht, weil das Internet jetzt in einer Form gebraucht wird, zu der der Deutsche Lust hat. Die heimlichen Welt- meister in speziellen Branchen können plötzlich groß aufspielen. Ich verspüre bei vielen Engineering-Firmen einen Aufbruch indieInformatik.DiesebeidenSeitenhaben zwar immer noch Berührungsängste, aber es fehlt letztlich nur noch das gemeinsame Betriebssystem. In diesen Bereichen sind die Deutschen wahnsinnig innovativ; da ist noch eine Menge zu erwarten. Die Marke »Made in Germany« zieht wieder? Ja, das glaube ich. Die USA sind eine Consumer-Nation, deren gesamtes Brutto- sozialprodukt vom Konsum abhängt. In Deutschland ist es der Maschinenbau. Jedes Land hat sein spezielles Fachgebiet, in dem es gut ist. Wir Deutschen mögen kein Talent für so etwas wie »Google« haben, aber eben für Industrie 4.0 allemal. In diesem Sinne verlangt die kommende Zeit ganz heftig nach etwas, was in unseren Genen steckt und auch nur sehr schwer zu kopieren ist. Wir haben halt kein Google erfunden, na und? Dennoch wünschte ich mir, dass auch deutsche Unternehmen so groß, weitsichtig und strategisch vorgin- gen, wie wir es bei Google sehen können. Die nächsten großen Innovationen kommen von Google? Genau. Die bauen gerade einen Pa- ketdienst nach, testen den bestimmt bald mit Selbstfahrautos und Paketübergabe- robotern. Google ist außerdem am Fahr- dienst »Uber« beteiligt. Ist doch klar, worauf diese Strategie hinausläuft: Uber wird bald mit selbstfahrenden Taxis betrieben. Solche Megaprojekte wünsche ich mir auch von deutschen Unterneh- men. Also, deutsche Ingenieure, ab ins Bad zur Innovationsdusche! Vielen Dank für das Gespräch. // »Ach, die echten guten Ideen hat man eben nicht gerade nachts, aber irgendwo, wo der Geist ganz frei ist und schweifen kann.« Gunter Dueck, Jahrgang 1951, war nach seiner Habilitation 1981 fünf Jahre Pro- fessor für Mathematik an der Universität Bielefeld. 1987 wechselte er an das wissen- schaftliche Zentrum der IBM in Heidelberg. Dort gründete er unter anderem eine große Arbeitsgruppe zur Lösung industrieller Op- timierungsprobleme und war maßgeblich am Aufbau des Data-Warehouse-Service- Geschäfts der IBM Deutschland beteiligt. Seit August 2011 ist er als weltanschaulich- philosophischer Redner und Autor im aktiven Unruhestand. über gunter dueck omnisophie.com link < v o i c e s ><26>
  27. 27. »Steampunk« nennt sich die gesellschaftliche Bewegung, deren Mitglieder eine alternative Welt bevölkern: Es geht um Dampf, um Maschinen und um eine Haltung, die Auswüchse der modernen Gestaltung ablehnt. Steampunk entwirft eine Welt, in der »Phantasie« nicht mit »F« geschrieben wird. <27>< b r a n c h e n g e f l ü s t e r >
  28. 28.  G latt, gebürstet und genormt? Moderne Geräte – allen voran Tablets und Smart- phones – weisen kaum noch Ecken und Kan- ten auf, ein einziger verbliebener Knopf gilt als das Mantra kontemporären De- signs: Die Form ist austauschbar, und statt der Seele des einzelnen Geräts zählt einzig der Markenname. Kein Wun- der, dass sich auch Widerstand gegen diese Ausprägung der Ästhetik regt: Das Genre des »Steampunk« bietet eine alternative Mischung aus Knöpfen und Rädchen, aus Holz und Messing, aus Elektronik und Mechanik, aus Hightech und Dampfmaschine. Steampunk steht für Mode, Life- style, Literatur, Film und Artefakte, die einer Art »Parallelwelt« entsprungen sein könnten, in der die Stromlinienform noch nicht erfunden war: Kapitän Nemo und Dr. Frankenstein treffen Queen Vic- toria in einem stählernen Zeppelin. Da- mals waren Dampf und Mechanik »State of the Art«, heute sind es Smartphone- Apps. »Retro-Futurismus« lautet der entscheidende Begriff, und der Sprung zurück führt direkt in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie zur Frage: »Wie würde wohl ein dampfbetriebener Computer aussehen?« Zur damaligen Zeit gingen Innovationen nicht von glo- balen Konzernen aus, sondern von Er- findern – das macht Steampunk heute so interessant für Tüftler, Bastler und Indi- vidualisten. Die deutsche Szene umfasst grob geschätzt rund 5.000 Menschen, von denen allerdings nur ein kleiner Teil künstlerisch Hand an die Technik anlegt. Alexander Schlesier ist so ein »Steampunker«, zumindest in seiner Freizeit: Beruflich arbeitet er als CAD-Mo- delleur und Designer für ein Unternehmen aus dem Automotive-Bereich in Ingolstadt. Nebenberuflich ist er Künstler für Steam- punk-Artwork. »Das Genre bietet mir die einzigartige Möglichkeit, meine Phan- tasie auszuleben und meine Kreativität zu materialisieren«, sagt Schlesier, der über Gothic-Festivals auf die Bewegung aufmerksam wurde. In erster Linie gehe es ihm ums Schaffen, Grübeln, Tüfteln und Computer-Arbeitsplatz bestehend aus Tastatur, Bildschirm, Maus, Webcam, Plasma-Röhren, Beleuchtung, einer Nixie-Röhren-Uhr und diversen Gadgets. Handarbeit aus Eisen, Stahl, Holz, Messing, Glas und Leder. < b r a n c h e n g e f l ü s t e r ><28>
  29. 29. Website von Alexander Schlesier steampunker.de Steampunker Jake von Slatt aus den USA steampunkworkshop.com Steampunk meets PC oldtimecomputer.com Online-Magazin zum Thema Steampunk clockworker.de Auf unserer Homepage stellen wir aus- gesuchte Objekte des Steampunk-Künst- lers Alexander Schlesier im Detail vor. ferchau.de/read/it151b web-special mehr informationen ums Lösen von technischen oder gestal- terischen Problemen. »Bauen hat für mich etwas Meditatives, und da ich primär keine kommerziellen Interessen verfolge, bin ich völlig frei in meinen Entwürfen.« Gelernt hat er das Handwerk von der Pike auf: »Ich bin ein Kind des Ostens und habe mir Spielsachen selbst gebastelt, war viel draußen und auf Schrottplätzen unterwegs.« Neugier trieb ihn dazu, alles auseinanderzubauen und die Funktions- weise zu ergründen. »Heute versuche ich, mich möglichst mit Dingen zu um- geben, die eine Seele haben, die hand- gefertigt wurden, in denen Liebe und au- thentische Materialien stecken.« In der Haltung steckt auch Kritik an Dingen des modernen Alltags, an der Konsum- und an der Wegwerfgesellschaft. Alles sei austauschbar, sagt Schlesier, und kaum etwas habe mehr einen individuellen Cha- rakter. »Der Gedanke der Reparatur, der Qualitätsanspruch und die Handwerks- kunst gehen verloren, weil der Wert von Ideen, Kreativität und Arbeit schwindet.« In den vergangenen Jahren hat der Steampunk-Künstler Hunderte Geräte gebaut, von der Pistole für Geisterjäger über Zeitmaschinen für das Handgelenk, Sichthilfen und Lampen bis zu einem Computer einschließlich der passenden Maus. Teils handelt es sich um Requisi- ten für Foto- und Filmaufnahmen, teils funktionieren die Geräte tadellos. Eines seiner nächsten größeren Ziele ist ein Steampunk-Auto, für das er auf der Su- che nach Projektpartnern ist. Wer einen einfacheren Start in das Thema bevorzugt und sich nicht am Löt- kolben die Finger verbrennen will, sollte die »LEGO Master Builder Academy« be- suchen. Hier gibt es für 80 Dollar ein Set, mit dem man sich typische Geräte der Steampunk-Ära bauen kann: Dampfflug- zeuge und Zeitmaschinen sind immer ein guter Anfang. Für Alexander Schlesier ist das allerdings ein Paradoxon: »Bei aller Liebe zu LEGO – Kunststoff und uni- forme Steine passen einfach nicht in die Welt von Steampunk.« // Oben links: Voll funktionsfähige Funkmaus, bestehend aus alten Messingteilen. Unten links: USB-Sticks aus aufgesägten CO2-Patronen mit verschie- denen feinmechanischen Elementen und LED-Beleuchtung. Oben rechts: Eine Uhr aus Nixie-Röhren. Die sehen zwar aus wie Steampunk, sind aber aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Unten rechts: Herren-Armbanduhr aus Metall, Messing und altem Leder. Mit mechanischem Handaufzugswerk und abnehmbarer Lupe. Bilder: Alexander Schlesier <29>< b r a n c h e n g e f l ü s t e r >
  30. 30. PROZESSOR AUS DER MIKROWELLE Bringen Diamanten Quantencomputer zum Funkeln? Die nächste IT-Revolution beginnt mit dem Quantencomputer: Er arbeitet schneller und sicherer als bisherige Systeme. Doch welches Material schafft es, die Quantenbits zu speichern und zu verarbeiten? Die Hoffnung liegt auf Diamanten – die man in der Mikrowelle herstellt. < b r a n c h e n g e f l ü s t e r ><30>
  31. 31. E  r ist hart und rein, einfach brillant. Er ist unzer- brechlich und unvergänglich. Er funkelt in allen Farben. Er ist das Symbol für ewige Liebe, ein Stein der Begierde: der Diamant. »Er ist emotio- nal aufgeladen«, sagt der Physiker Nicolas Wöhrl. Auch der nüchterne Wissenschaftler ist dem Edel- stein verfallen. Wöhrl, 40, arbeitet als Materialwissenschaftler am Zen- trum für Nanoenergietechnik der Universität Duisburg-Essen. Er analysiert die Materialien nicht nur, sondern stellt sie auch her. Seit mehr als einem Jahrzehnt widmet er seine For- schungszeit insbesondere dem Diamanten, dem »Weltmeister unter den Materialien«, weil er härter ist als alle anderen, chemisch resistent, biokompatibel und wärmeleitend. Eigenschaften, die einen Physiker schwach werden lassen. Wöhrl kennt seinen Liebling bis aufs kleins- te Nanoteilchen und prophezeit ihm eine glorreiche Zukunft. Der Diamant werde aus der Romantikernische auf die Bühne des Weltgeschehens treten: Er könnte die nächste IT-Revolution bedingen. Sie beginnt mit dem Quan- tencomputer. Das klassische Rechnersystem sei nahezu ausge- reizt. Wöhrl ist überzeugt: Das Moore´sche Gesetz, nach dem sich die Leistung von Computern alle zwei Jahre verdoppelt, stoße etwa im Jahr 2020 an seine Grenzen. Die Informations- technologie muss, um leistungsfähigere Rechner zu entwickeln, neue Wege beschreiten, beispielsweise mit dem Quantencom- puter. Er arbeitet schneller und sicherer als bisherige Systeme. Während Bits, die kleinste Recheneinheit klassischer Computer, nur den Wert 1 oder 0 annehmen, kann ein Quantenbit beides gleichzeitig sein und Werte dazwischen annehmen. Das erhöht die Leistung gigantisch, insbesondere wenn parallele Rechen- schritte nötig sind. Doch die Forscher stehen vor einem Problem: Welches Ma- terial schafft es, die Quantenbits, die Informationseinheiten, zu speichern und zu verarbeiten? Quantenbits erhalten ihre wert- vollen Quantenzustände nur, wenn sie ungestört von äußeren Einflüssen arbeiten; keine Vibration, kein elektromagnetisches Feld, keine Temperaturänderung darf sie stören. Das Arbeiten mit Quantencomputern gelang Forschern bislang nur unter extremen Bedingungen: in Magnetfeldern und bei tiefen Tempe- raturen. Eine Technik, die auf keinen Schreibtisch passt. Deswe- gen sucht man nach Materialien, in denen Quantenbits ebenfalls ihren wertvollen Quantenzustand erhalten können. Die Hoffnung liegt auf Diamanten. »Kristalle sind wie Menschen, erst ihre Fehler machen sie so interessant«, sagt Wöhrl und zitiert damit den britischen Physi- ker Colin Humphreys. Wie Ruß oder Graphit bestehen Diaman- ten aus Kohlenstoffatomen, sie sind gitterförmig angeordnet, nebeneinander und übereinander, was die robusten Eigenschaf- ten bedingt. An manchen Stellen allerdings haben sie Fehler, ein Kohlenstoffatom ist durch ein Stickstoffatom ersetzt, und direkt daneben liegt eine Leerstelle; die Fachwelt nennt das NV-Zentrum, nitrogen-vacancy center. In dieses Vakuum soll die IT-Revolution passen: Hier könnten die Quantenbits ihren ungestörten Raum finden, in dem sie vernünftig arbeiten können. Kaum etwas könnte sie besser schützen als ein Diamant. Aus diesem Grund stellt Wöhrl im Labor Diamanten her. Dem Physiker liegt nicht nur das Forschen, sondern auch das Vermitteln von wissenschaftlichen Inhalten am Herzen; deswegen tritt er regelmäßig auf Science-Slams auf. Jeder könne Diamanten herstellen, sagt er dort scherzhaft. Das Re- zept dafür verrät er ebenfalls: Man nehme eine Mikrowelle, 2,45 Gigahertz, zünde darin ein Plasma und erhalte so eine Temperatur von 800 Grad Celsius. Nun greife man zu einem Staubsauger und befestige den Schlauch an der Mikrowelle, das er- zeuge den nötigen Unterdruck. Man füge Wasserstoff und Methan, dessen Kohlenstoff das Kristallgitter bilden wird, hinzu und lege Diamantschmuck in die Mikrowelle; denn Diamant wächst am besten auf Diamant. Nach einer Zeit zwischen fünf Stunden und fünf Tagen entnehme man den selbstgemachten Edelstein, er ist zwischen einem halben und drei Millimeter hoch. Die Arbeit von Wöhrl und seinem Team läuft im Labor natür- lich professioneller ab, basiert aber auf denselben Zutaten. Wichtig sind nun die Defekte: Hierfür schießt der Wissenschaft- ler mit einer Ionenpistole Stickstoff in die Edelsteinschichten und schiebt sie in einen 700 Grad heißen Ofen. Dort organisieren sich die Atome zu Diamanten mit NV-Zentren, Raum für Quantenbits. Bis der Diamant als Prozessor serienreif ist, wird es aller- dings noch dauern. Die Forscher und Entwickler tüfteln über vielen Fragen, beispielsweise wie sie die Quantenbits in stabilere Zustände und in die richtigen Abstände zueinander bringen. Im Prinzip geht das Konzept aber bereits auf. Im April 2012 testete man den ersten Quantencomputer mit diamond inside: Er rech- nete mit zwei Quantenbits. Wöhrl erwartet, dass es in etwa zehn Jahren die ersten einsatzfähigen Quantencomputer gibt. // »Kristalle sind wie Menschen, erst ihre Fehler machen sie so interessant.« mehr informationen Nicolas Wöhrl auf der re:publica 14 bit.ly/1wCDA7K Science-Slam, westdeutsches Finale 2012 bit.ly/1zIW23a Zentrum für Nanoenergietechnik der Universität Duisburg-Essen bit.ly/1p0Kcgi <31>< b r a n c h e n g e f l ü s t e r >
  32. 32. Neue Arbeitswelt BIETE BÜROPLATZ – SUCHE WLAN AM MEER Neue Arbeitswelt Marcus Meurer mit seiner Freundin Felicia an seinem Arbeitsplatz in Belize < b r a n c h e n g e f l ü s t e r ><32>
  33. 33.  W enn Marcus Meurer arbeitet, zieht er am liebsten die Schuhe aus. Der Sand kitzelt dann zwischen den Zehen. »Work is no longer a place! Arbeit ist dort, wo du bist!« heißt ein Motto von Meurer, der gerne bar- fuß am Meer sitzt, um Geld zu verdienen; beispielsweise im Fischerdorf El Nido auf der Insel Palawan im Westen der Philip- pinen oder im Coworking-Camp »The Surf Office« auf Gran Canaria. Alles, was er braucht, sind WLAN und sein MacBook Air. Marcus Meurer ist ein deutscher On- line-Unternehmer und zählt zu einer welt- weit wachsenden Anzahl von Freiberuf- lern, die sich digitale Nomaden nennen: Sie sind Online-Marketer, Webdesigner, Texter, Programmierer oder auch Über- setzer, arbeiten unabhängig von einem bestimmten Ort, organisieren sich mithilfe von Webtools und vermarkten ihre Ideen über soziale Netzwerke. Sie arbeiten je- derzeit und überall – in Internetcafés, an Flughäfen, in Coworking-Spaces, Parks, Appartements, Hostels oder an Stränden. Sie sagen, sie leben ihren Traum – und den von anderen. »Der Lifestyle vereint die Sehnsüchte vieler Menschen: frei und selbstbestimmt zu leben und die tollsten Orte der Welt zu sehen.« Die Zahl der Freiberufler steigt in Deutschland seit Jahren an, besagt eine Studie des Instituts für Freie Berufe Nürnberg. Im Jahr 2014 erreichte sie mit 1,2 Millionen einen neuen Höchststand. Am stärksten wächst die Zahl der Frei- berufler im naturwissenschaftlich-tech- nischen Bereich an. Nicht alle von ihnen werden zu digitalen Nomaden, aber si- cherlich träumen einige davon, Arbeiten und Abenteuer zu verlinken, dank neuer Tools und Technologien. Bis 2030 könnten 30 Prozent der deutschen Arbeitnehmer digital und ortsunabhängig arbeiten, pro- gnostiziert das Institut für Trend- und Zu- kunftsforschung (ITZ) in Heidelberg. »Wir sind mitten in der digitalen Re- volution. Nie waren die Chancen besser, ortsungebunden zu arbeiten«, sagt Meu- rer. Er hat aus diesen Gründen im Früh- jahr 2014 zum ersten Mal die »Digitale Nomaden Konferenz« (DNX) in Berlin ver- anstaltet. Die Tickets waren nach drei Tagen ausverkauft, knapp 200 Besucher kamen. In diesem Jahr geht die DNX in die dritte Runde. Zwei Jahre ist es her, dass Meurer seinen Nine-to-five-Job in einem Büro am Berliner Ku’damm gekündigt hat. Er stieg mit seiner Freundin in einen Flieger nach Bangkok und reiste mit ihr für sechs Mo- nate durch Asien. Sie schrieben den Rei- seblog Travelicia, der für Freunde gedacht war und heute 50.000 Besucher monatlich zählt. Zudem gründeten sie das Unter- nehmen Force M, das Online-Dienstleis- tungen und -Marketing anbietet. Seither passt Meurers Leben in einen Backpack, neun Kilo schwer. Was hip und abenteuerlich klingt, ist vor allem herausfordernd und risi- koreich. Digitale Nomaden verkauften ihren Lebensstil als Heilsversprechen, sagen Kritiker der Szene. Hitzige Debat- ten werden im Netz geführt. Tim Chimoy, Autor von »Handbuch für ortsunabhängiges Arbeiten«, zitiert auf seinem Blog einen Leser: »Vor zwei Mo- naten habe ich meinen Job gekündigt, um auch frei zu sein. Nur leider finde ich jetzt nichts, womit ich Geld verdienen kann.« Chimoy schreibt: »Lass uns über Selbst- ständigkeit sprechen. Über viel Arbeit und Eigenverantwortung. Über die Ein- samkeit unterwegs und die Disziplin, an einem neuen Ort jederzeit voll in deine Arbeit einsteigen zu können.« Er will sei- ne Leser desillusionieren. »Es gibt viele falsche Vorstellungen von unserem Lifestyle«, sagt Meurer; die DNX veranstaltet er auch, um damit aufzuräumen. Wer ortsungebunden und selbständig arbeiten will, brauche Fo- kus und Disziplin, unternehmerisches Geschick und smarte Ideen. Digitale No- maden kämpfen mit anderen Herausfor- derungen als Festangestellte. Nicht jeder hält Flexibilität und Mobilität täglich aus. In einem Interview mit der Industrie- und Handelskammer rät der Wirtschafts- journalist Markus Albers Arbeitgebern dazu, sich auf den flexiblen Arbeitnehmer der Zukunft einzustellen. Das Büro müs- se sich zu einem Ort der freiwilligen Kom- munikation entwickeln, Festangestellte würden zu Freiangestellten, die mobil und flexibel arbeiten. »Unternehmen, die sich darauf einlassen, tun sich beim Recrui- ting qualifizierter Fachkräfte wesentlich leichter. Sonst machen sich die Digital Natives selbständig.« Ist das in großen Unternehmen umsetzbar: die Leute alleine laufen lassen, Kontrolle abgeben? Microsoft macht’s vor: Das Unter- nehmen hat in seinem Münchner Büro die Anwesenheitspflicht abgeschafft, die Mitarbeiter kommen nur noch zu Mee- tings. Eine Idee für viele? Vielleicht ja. 48 Prozent der deutschen Unternehmen sehen einen direkten Zusammenhang zwischen flexiblem Arbeiten und Umsatz- steigerungen, das zeigt eine Studie des Bürodienstleisters Regus. 59 Prozent der Firmen stellten eine höhere Produktivität bei ihren Mitarbeitern fest – dank flexibler Arbeitszeitmodelle. Marcus Meurer ist auf Reisen so pro- duktiv wie nie zuvor, anfangs sei er »beina- he geplatzt vor Tatendrang und Ideen«. Für ihn und viele andere seiner Generation geht es um mehr Freiheit und um Selbstbestim- mung. Oder einfach darum, dass Sand zwischen den Zehen so schön kitzelt. // links »Digitale Nomaden Konferenz« dnx-berlin.de Website von Marcus Meurer marcusmeurer.de Blogeintrag von Tim Chimoy: »Digitale Nomaden – Der Weg zum ultimativen Glück?« bit.ly/1tgPrbN Das ortsunabhängige Arbeiten macht Karriere. Aber wie selbstbestimmt und frei ist das Leben der digitalen Nomaden wirklich? Marcus Meurer Gründer der »Digitalen Nomaden Konferenz« <33>< b r a n c h e n g e f l ü s t e r >
  34. 34. Big Data, Cloud-Computing, Mobile sowie Social und Security greifen immer weiter ineinander und wirken gleichermaßen auf Wirtschaft und Gesellschaft ein. Letzt- endlich sind es das Internet der Dinge und die allumfassende Vernetzung, die die Entwicklung von Geschäftsmodellen, Fer- tigungsprozessen und Produkten unab- lässig vorantreiben – in allen Wirtschafts- zweigen. Industrie 4.0 ist der Megatrend, der Motor für zahlreiche Innovationen. In der Industrie werden Produktions- anlagen immer wandlungsfähiger. Zum Teil können sie sogar schon, dank IT-basierter Programme, eigenmächtig auf Verände- rungen reagieren: Alle beteiligten Kom- ponenten – vom Werkstück über die Ma- schinen bis hin zu den Transportsystemen – sind über ein Netzwerk verbunden und kommunizieren miteinander. Zusammen- arbeit über Bereichsgrenzen und Ingeni- eurdisziplinen hinweg ist daher angesagt. Auf der CeBIT 2015 erfahren Sie, wie unsere IT-Consultants ins Detail gehen. Lernen Sie uns und unsere Projekte ken- nen, die wir bereits heute im Umfeld von Industrie 4.0 realisieren: Beispielswei- se haben wir die Fertigungsstraße ei- nes Automobilzulieferers so umgebaut, dass er auf dieser Linie verschiedene Teile produzieren kann. Dazu haben wir IT, Mechanik und Kommunikationstech- nik miteinander verzahnt. Für die wenigsten ist es »nur« ein Mobil- telefon. Für die meisten ist es das Smart- phone schlechthin. Und für Fans ist es ein Must-have, ein It-Phone, ein Lebens- gefühl. Das iPhone 6. Das schreibt Apple: »Das iPhone 6 ist einfach in allem besser. Länger und breiter, aber deutlich dünner. Leistungsstärker, aber unglaublich ener- gieeffizient. Seine glatte Oberfläche aus Metall schließt nahtlos an unser neues Retina HD Display an.« Und was ist es für Sie? Wenn Sie es gewinnen wollen, dann loggen Sie sich ein unter: ferchau.de/go/it-gewinnspiel und beantworten Sie folgende Frage: Wie viele Online-Formulare nebst On- line-Assistenten hat unser Kunde Form- Solutions mittlerweile entwickelt? Tipp: Aufmerksam die Seite 14 lesen. Einsendeschluss ist der 27.03.2015. Viel Glück! Gewinner des Sonos-Soundsystems der letzten Ausgabe ist: Herr Dr. Paschalis Grammenoudis von der Technip Germany GmbH, Düsseldorf. Herzlichen Glückwunsch! atFERCHAU-Gewinnspiel SMARTPHONE ODER LEBENSGEFÜHL? WILLKOMMEN IN DER D!CONOMY FERCHAU auf der CeBIT 2015 ferchau.de/go/it-gewinnspiel cebit 2015 16.–20.03.2015 Besuchen Sie uns in HALLE 9, STAND G 40 ENTDECKEN SIE DAS UNSICHTBARE Mit den iPads an unseren Augmented- Reality-Stationen SURFEN SIE ZU IHREM TRAUMJOB Auf unseren iPad- Terminals mit topaktuellen Jobangeboten BRINGEN SIE IHRE KARRIERE VORAN Im persönlichen Gespräch mit Jobprofis über Ein- und Aufstiegschancen »Digitale Transformation« lautet das Leitmotto der CeBIT 2015. Der Wandel erfasst alle Lebensbereiche: das Privatleben, den Job, die Fabrikhallen und damit auch Engineering-Prozesse. Wie FERCHAU Engineering seine Kunden, Bewerber und Mitarbeiter auf dem Weg zur Digitalisierung mitnimmt und begleitet, erleben Sie vom 16. bis 20. März 2015 in Halle 9, Stand G 40. UNSER CEBIT- ERLEBNIS-PROGRAMM < i n s i d e / e v e n t s ><34>
  35. 35. »Integrated Industry – Join the Network!« steht dafür, dass die wesentlichen Her- ausforderungen von Industrie 4.0 – wie etwa allgemeingültige Standards für die Machine-to-Machine-Kommunikation, die Frage der Datensicherheit oder die Suche nach dem Geschäftsmodell der Zukunft – nur im Netzwerk zu bewältigen sind. Den daraus resultierenden Technolo- giesprung macht die HMI erlebbar. Digital vernetzte Fertigungsanlagen, innovative Produktionsverfahren und neuartige In- dustrieroboter werden zu sehen sein: Ro- boter mit ausgefeilter Sensorik, die ohne Schutzzaun und Sicherheitsabstand direkt mit dem Menschen zusammenarbeiten. Oder auch IT-gestützte Automationslö- sungen, die sämtliche Organisationsab- läufe einer Fabrik verändern werden. Welchen Einfluss hat die zunehmen- de Digitalisierung auf klassische Engi- neering-Disziplinen, welche Job-Skills sind künftig gefragt und wie kommt man an interessante Projekte und kompetente Experten? Wie verleihen Sie Ihrer Karriere den richtigen Schub? Lieber als Freelan- cer oder lieber in Festanstellung? Antwor- ten bekommen Sie von unseren Enginee- ring-Experten aus sieben Fachbereichen: IT, Anlagenbau, Maschinenbau, Luft- und Raumfahrttechnik, Fahrzeugtechnik, Schiffbau und Meerestechnik sowie Elek- trotechnik. Unsere Augmented Reality App sowie unsere Job App machen die sieben Fachbereiche erlebbar. hannover messe industrie 2015 13.–17.04.2015 Besuchen Sie uns in HALLE 2, STAND C47 UND C40 DAS NETZ IST DIE INDUSTRIE FERCHAU auf der Hannover Messe Industrie 2015 AUGMENTED REALITY APP 2.0 Macht Details unserer 7 Fachbereiche erlebbar JOB-APP-TERMINALS Für die gezielte Suche nach passenden Stellenausschreibungen FREELANCEWALL Interessante Projekt- angebote für Freiberufler Die Hannover Messe Industrie (HMI) widmet sich 2015 dem Thema der vernetzten In- dustrie. Schwerpunkte sind Industrieautomation & IT, Energie & Umwelttechnologien, Antriebs- und Fluidtechnik, industrielle Zulieferung & Produktionstechnologien sowie Forschung und Entwicklung. FERCHAU Engineering schlägt vom 13. bis 17. April 2015 in Halle 2, Stand C 40, unter dem Motto »Karriere und Perspektiven« seinen Stand auf. UNSER HMI- ERLEBNIS-PROGRAMM < i n s i d e / e v e n t s > < 35>

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