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Margaret Atwood
Die Fähigkeit, Neue Lebens-
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denken dabei an kuschelige Kaninchen.
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  1. 1. 16 3·2014 Margaret Atwood Die Fähigkeit, Neue Lebens- formen zu erschaffen In ihrer „MaddAddam“-Trilogie lässt Margaret Atwood die Zivilisation, wie wir sie kennen, untergehen und entwirft eine fluoreszierende Zukunft. Bücher sprach mit der kanadischen Schriftstellerin über Algen und Kaninchen, die Gefahren des geschriebenen Wortes und die Chancen sozialer Netzwerke. von Elisabeth Dietz E in grünlich glühendes Kaninchen huscht vor- bei, auf der Flucht vor einer Luxkatze. Ein Wakunk versteckt sich zwischen den Rippen eines Toten. In der Ferne heult ein Hunolf. Besser, ihm nicht zu nahe zu kommen, das Schwanzwedeln sieht nur freundlich aus, bis er einem die Zähne in die Kehle schlägt. Große graurosa Schweine schnüf- feln nach Schnecken und Mangos. Ihr Blick wirkt seltsam intelligent. In ihren Köpfen wächst mensch- liches Neokortex-Gewebe, die Körper sind prall von menschlichenNierenundLebern,dieniemandmehr ernten konnte. Ungefähr hier, ungefähr jetzt spielt Margaret Atwoods „MaddAddam“-Trilogie. Zeit, mit hohler Stimme zu rufen: „Willkommen … in der Zukunft!“ „In einerZukunft“, sagt Margaret Atwood. „Es ist nur eine mögliche Zukunft.“ Wir sitzen im Café der British Library in London. Die Men- schen um uns herum sind zahlreich und leben- dig. Die Autorin von „Der blinde Mörder“, „Der Report der Magd“ und zwölf anderen Romanen sowie Sachbüchern, Gedichtbänden, Erzählun- gen, Essays und Kritiken lehnt mit dem Ellbogen auf dem Tisch und rührt in ihrem Kaffee. Ihre Stimme klingt tief und monoton, sie spricht in einfachen Worten, weil sie komplizierte nicht nötig hat. „Meine Ausgangsthese ist: Die Mensch- heit hat eine Büchse der Pandora geöffnet – die Fähigkeit, neue Lebensformen zu erschaffen.“ In der Welt, in der die „MaddAddam“-Protago- nisten aufwachsen, ist die Gentechnik ein wich- tiger Wirtschaftszweig. Organschweine dienen als Ersatzteillager, ZinnenSpiegen produzieren extrem reißfestes Garn für kugelsichere Westen. „Alle Lebewesen in ,MaddAddam‘ sind theore- tisch möglich“, erklärt die Autorin. Ihr Vater war Entomologe, und beinahe hätte sie Biologie studiert wie ihr Bruder. Ihr Freundeskreis ist reich an Experten. Mäuse, Katzen, Kaninchen und Schafe, die dank Quallen-DNA im Dunkeln leuchten, sind längst Realität. „Und an den Chi- ckieNobs wird gearbeitet.“ ChickieNobs sind kopflose Huhn-Objekte, denen nur Keulen, Flü- gel und Brüste wachsen. „Sie haben kein Gehirn, also werden sie nicht traurig.“ „Warum fühle ich mich von der Vorstellung abgestoßen, obwohl industrielle Hühnermast viel abstoßender ist?“, frage ich. „Weil wir noch immer an der Vorstellung von Old MacDonalds’s Farm hängen. Wir haben nur intellektuell begriffen, was industrielle Tierhal- tung ist. Natürlich könnten Sie Ihr Huhn vom Bio-Bauernhof holen. Dann würden Sie immer noch ein Tier essen, aber das ist okay. Es würde Sie auch essen.“ Wenn sie etwas Dunkles sagt, lächelt sie. „Wir hatten mal Hühner. Sie mögen Hotdogs.“AtwoodundihrPartnerGraemeGibson sind Mitglieder der kanadischen Grünen. „Die meisten Leute, die ,die Umwelt schützen‘ möch- ten, begreifen sich selbst nicht als Teil dieser Umwelt. Sie denken dabei an kuschelige Kanin- chen. Ich denke an Algen. Die sind nicht nied- lich, aber wenn sie sterben, sterben wir.“ „Die meisten Leute, die ,die Umwelt schützen‘ möchten, Ich denke an Algen. Die sind Foto:JeanMalek
  2. 2. 173·2014 Erzählungen Romane denken dabei an kuschelige Kaninchen. nicht niedlich, aber wenn sie sterben, sterben wir.“
  3. 3. 18 3·2014 Erzählungen Romane Bioterroristen Gottesgärtner In der „MaddAddam“-Trilogie befindet sich nicht nur das Ökosystem in einem gefährlichen Ungleichgewicht. Die Regierung ist machtlos gegen die Großkonzerne, private Sicherheits- firmen ersetzen die Polizei. Jenseits der streng bewachten Firmenkomplexe und ummauerten Ghettos der Vermögenden lebt eine große, chaoti- sche Unterschicht. Die Bioterroristen der Madd­ Addam-Gruppe setzen teerfressende Bakterien auf Autobahnen aus. Die Gottesgärtner bauen Gemüse auf Slum-Dächern an und verehren Dian Fossey und Al Gore als Heilige. Und dann ist da Crake, ein junger Wissenschaftler, der eine neue Menschheit konstruiert. Die Craker sind darauf ausgelegt, keine Besitz- tümer zu akkumulieren, weder zu führen noch zu folgen, keine Kriege anzufangen. Sie haben UV- resistente Haut, körpereigenes Insektenschutz- mittel und ein so geringes Aggressionspotenzial, dass sie nicht einmal Witze machen. Sie verdauen unbehandeltes Pflanzenmaterial, indem sie wie Kaninchen ihren eigenen Kot essen. Wenn sich jemand verletzt, beschnurren sie ihn. „Meine Biologen fanden das unrealistisch. Aber die Wis- senschaft hat mich bestätigt. Katzen schnurren, um sich zu beruhigen, es senkt den Blutdruck. Mittlerweile wird empfohlen, sich bei Migräne eine schnurrende Katze auf den Kopf zu setzen.“ Atwood grinst. „Sie verraten aber nicht, wie man sie dazu bringt, dort zu bleiben.“ Die Craker paaren sich saisonal. Wenn sich die Geschlechtsorgane einer Frau blau färben, pflü- cken die Männer Blumen. Sie singen und tan- zen, indem sie ihre erigierten blauen Penisse syn- chron hin- und herschwingen. Die Frau wählt vier Männer aus und zieht sich mit ihnen zurück. Die Erregung der Abgewiesenen klingt sofort ab. Eifersuchtistobsolet,Liebesverzweiflungentsteht nicht mehr. Die Spanne zwischen dem Entste- hen eines Bedürfnisses und seiner Erfüllung ist kürzer noch als in Huxleys „Schöne neue Welt“. Im ersten Band der Trilogie, „Oryx und Crake“, treffen wir auf Jimmy, den letzten Menschen. Eine Pandemie hat den größten Teil der Menschheit in etwas verwandelt, das aussieht wie Himbeer- mousse. Einzig die Craker haben überlebt. Jimmy, halbwahnsinnig vor Schmerz und Wundbrand, ist ihr Beschützer. Und, wider Willen, ihr Pro- phet. Im zweiten Band, „Das Jahr der Flut“, fol- gen wir der jungen Ren und der Gottesgärtnerin Toby durch die Plebslande und den Untergrund in eine verlassene Schönheitsfarm, hinter deren Mauern sie die Seuche überstehen. Im dritten Margaret Atwood: Die Geschichte von Zeb Übersetzt von Monika Schmalz Berlin Verlag, 480 Seiten, 22,90 Euro, als E-Book erhältlich Margaret Atwood wurde 1939 in Ottawa geboren. Sie wuchs unter Naturwissenschaftlern auf und studierte Englisch, Philosophie und Französisch in Toronto und Harvard. Sie lehrte als Literaturwissenschaftlerin an verschiedenen Universitäten. Einige ihrer Sachbücher zur kanadischen Literatur, so Survival: A Thematic Guide to Canadian Literature, sind Standardwerke. Für ihren Roman Der blinde Mörder (2000) erhielt sie den Man Booker Prize. Außerdem wurde sie mit dem kanadischen Giller Prize und zuletzt mit dem Prinz-von-Asturien- Preis ausgezeichnet. Margaret Atwood lebt mit ihrer Familie in Toronto. BÜCHER verlost drei Bücher von „Die Geschichte von Zeb“ (Berlin Verlag). Teilnahmebedingungen auf S. 3. Viel Glück! „Eine meiner Voraussagen: Man wird wieder Briefe schreiben. Auf Papier.“ Band führt die Autorin die beiden Handlungs- stränge zusammen – durch den Hacker Zeb, der sich durch die Schichten des komplexen Plots bewegt wie über verborgene Pfade im Internet. In „Die Geschichte von Zeb“ lebt Toby mit einigen überlebenden Gottesgärtnern und Madd­ AddamitenaufeinerLichtung,dieeinmaleinPark war. Sie beschützen die Craker, denn durch das verfallende San Francisco streifen andere Über- lebende, mehrfache Sieger im Painball, einem Schwerverbrecher-Gladiatorenkampf auf Leben undTod,freivonEmpathieundschwerbewaffnet. DieCrakerstellenFragen.UndTobyerzählt.Vor den Augen des Lesers entsteht aus den Lebensge- schichten von Crake und Zeb und Toby, aus Nach- richten und Notlügen eine Mythologie. Anders als von Crake geplant, sind die Craker durch- aus zu symbolischem Denken fähig. Als eines der Kinder lernt, seinen Namen zu schreiben, erschrickt Toby. „Und was kommt danach? Vor- schriften, Dogmen, Gesetze? Das Testament des Crake? […] Habe ich sie für immer verdorben?“ „Hat sie?“, frage ich die Autorin. „Ich weiß es nicht!“ Sie seufzt. „Einer der Nachteile des Schreibens ist, dass ein Text, ins- besondere ein heiliger Text, einen beschränkt.“ „AuchheiligeTextesindmanipulierbar“,wende ich ein. Zebs Vater ist der oberste Priester der Church of PetrOleum, die das Streben nach Reich- tum durch Ausbeutung predigt – und sich dabei auf Matthäus 16, 18 beruft. „Aber obwohl sie verändert werden“, sagt Atwood, „glauben die Gläubigen, dass die Schrif- ten unverändert sind.“ Twitter ist wie eine Party 1989 stellte Atwood in Berlin die Verfilmung ihres Romans „Der Report der Magd“ vor. „Die West- berliner Zuschauer stellten Fragen zu künstleri- schen Entscheidungen und waren davon über- zeugt, dass so etwas in Amerika nie passieren könnte.“ Sie schüttelt den Kopf. „Die Ostberli- ner waren nach den Vorstellungen immer sehr still. ‚Das war unser Leben‘, sagten sie. Natürlich meinten sie nicht die Uniformen und den religiö- sen Fundamentalismus, sondern, dass man nicht offen reden konnte.“ Die Autorin ist Mitglied des P.E.N. und eine von 562 Autoren und Autorin- nen, die die Petition „Die Demokratie verteidi- gen im digitalen Zeitalter“ unterschrieben haben. Gefordert wird eine internationale Konvention der digitalen Rechte. Seit Dezember haben sich für diese Forderung weltweit nur 202 124 Unter- stützer gefunden. Warum so wenige? „Sobald man Foto:JeanMalek
  4. 4. 193·2014 diese Petition unterschreibt, ist man auf jemandes Radar. Ich glaube, viele Menschen unterstützen die Sache, möchten aber die Regierung nicht im Nacken haben. Erinnern Sie sich, was nach dem Arabischen Frühling in Ägypten passiert ist? Die Demonstranten hatten sich über SMS und sozi- ale Medien verabredet. Also konnte die Regie- rung alle Beteiligten identifizieren.“ Sie lächelt listig. „Eine meiner Voraussagen: Man wird wie- der Briefe schreiben. Auf Papier.“ „Auch Briefe kann man öffnen.“ „Kann man. Aber dazu müsste sie jemand abfan- gen, mit Wasserdampf öffnen, lesen, kopieren, wieder zukleben und in die Post geben.“ „Das würde Arbeitsplätze schaffen.“ „Aber es wäre auch sehr teuer. Viel aufwendiger als eine kontinuierliche Internetüberwachung. Die wird von ein paar Programmen erledigt.“ Atwoods eigene Netz-Existenz ist recht öffent- lich. Um ihren Facebook-Account kümmert sich ihr Verlag, aber Twitter hat es ihr angetan. „Wie viel Zeit verbringen Sie auf Twitter?“ „Nicht sehr viel. Es ist, als hätte man eine eigene kleine Radiostation. Ich bin etwa zehn Minuten am Tag auf Sendung. Man könnte sagen, ich lade Gäste ein und spreche mit Anrufern.“ „Sie haben 427 000 Follower. Was machen Sie richtig?“ „Twitter ist wie eine Party. Würden Sie zu einer Party gehen, deren Gastgeber die ganze Zeit über sich selbst spricht? Würden Sie nicht. Aber wenn er Ihnen erzählt, wie großartig dieser Mensch dort drüben ist, würden Sie ihm zuhören. Twit- ter ist ein gutes Medium, um zu sagen ,Das ist ein gutes Buch, ich habe es wirklich genossen‘, aber ein schlechtes, um zu sagen ,Lesen Sie mein Buch!‘“ Atwood hat Alice Munro in einem Google+ Hangout interviewt, ein Ask Me Anything auf Reddit veranstaltet und zuletzt im Wechsel mit der jungen britischen Schriftstellerin Naomi Alderman einen Zombie-Roman auf wattpad veröffentlicht. „Warum“, frage ich, „sind apo- kalyptische Szenarien und Zombie-Geschichten wohl gerade so beliebt?“ „Vampire sind aristokratisch, Werwölfe wild. Zombies haben scheinbar nicht viel zu bieten. Aber einen Vorteil hat es, Zombie zu sein: Man lebt im Augenblick. Zombies haben keine Sorgen.“ „Und Sie?“, frage ich, während wir unsere Sachen zusammenpacken. „Was wären Sie am liebsten, Vampir, Werwolf oder Zombie?“ Margaret Atwood wiegt den Kopf hin und her. „Kann ich ein Hobbit sein?“

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