Peter Hänni
Boarding Time
Kriminalroman
Cosmos Verlag
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© 2014 by Cosmos Verlag, CH-3074 Muri bei Bern
Lektorat: Roland Schärer
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dicht an ihnen dran, dass er den leichten Zigarren- und
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Kriminalroman

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Boarding Time - Peter Hänni

  1. 1. Peter Hänni Boarding Time Kriminalroman Cosmos Verlag
  2. 2. Peter Hänni Boarding Time Kriminalroman Cosmos Verlag
  3. 3. 5 Alle Rechte vorbehalten © 2014 by Cosmos Verlag, CH-3074 Muri bei Bern Lektorat: Roland Schärer Umschlag: Stephan Bundi, Boll Satz und Druck: Schlaefli & Maurer AG, Interlaken Einband: Schumacher AG, Schmitten ISBN 978-3-305-00432-4 www.cosmosverlag.ch 1 Die Eingangshalle sah aus wie die Talstation einer moder- nen Bergseilbahn. Doch das konnte Anele nicht wissen, denn er hatte noch nie eine Bergseilbahn gesehen. Und ob- schon er sein ganzes junges Leben im Umkreis einer Tages- reise verbracht hatte, hatte er auch die Cango Caves, die Höhlen hier am Fuss der südafrikanischen Swartberge, noch nie gesehen. Sein Blick streifte den Ticketschalter, den angrenzenden Souvenirshop, die Bar und das Restaurant zu seiner Rech- ten. Informative Plakate und farbige Tafeln schmückten die Wände der Halle und bereiteten die Besucher auf das vor, was sie im Inneren des Berges erwartete. Doch Aneles In- teresse galt nur der Touristengruppe, die lärmend und la- chend die lange Rampe zum Höhleneingang emportrottete. Als die zwanzig bis fünfundzwanzig Personen oben anka- men und aus seinem Blickfeld verschwanden, hastete er zum Ticketschalter. Die Kassiererin, schwarzhäutig wie er und schätzungsweise in seinem Alter, warf einen demonst- rativen Blick auf die Wanduhr, dann schaute sie missbilli- gend zu ihm hoch. «Wenn du noch reinwillst, musst du dich beeilen. Die letzte Führung beginnt Punkt 15 Uhr.» Anele griff in die linke Jackentasche und holte wortlos ein paar zerknitterte Geldscheine hervor. «Neunundsechzig», raunzte die Kassiererin. Er zählte den Betrag ab, schob die Scheine über den Tre- sen und zupfte ihr das Ticket aus der Hand. Dann lief er durch die Halle und hetzte die Rampe hoch. Er holte die Gruppe just in dem Moment ein, als die beiden letzten Per- sonen in der Höhle verschwanden. Kaum war auch er drin- nen, wurde das Tor hinter ihm geschlossen und es wurde schlagartig finster. Finster und totenstill. Anele, von der
  4. 4. 6 7 kurzen Aufholjagd noch ein wenig ausser Atem, hörte nur das dumpfe Pochen in seinem Schädel. Augenblicke später wurde die Beleuchtung eingeschaltet und mit dem Auffla- ckern des Lichts hob ein ehrfürchtiges Raunen an, in wel- ches – ohne zu wollen – auch er einstimmte. Was er sah, war gigantisch und so atemberaubend, dass er augenblicklich vergass, weshalb er eigentlich hier war. «Wie in einer Kathedrale», hauchte die weisshaarige Frau vor ihm. Kathedralen mussten etwas Besonderes sein! Denn was Anele sah, war eine riesige Kaverne mit Wänden aus bizar- ren Gesteinsformationen, die – durch farbiges Scheinwerfer- licht effektvoll ausgeleuchtet – wie märchenhafte Verzierun- genanmuteten.DasGewölbewarübersätvonherab­hängenden Steinzapfen in verschiedenster Form und Grösse, und spie- gelverkehrt dazu erhoben sich ähnliche Formationen aus dem Boden. An manchen Stellen verschmolzen herabhängende mit emporwachsenden Zapfen, bildeten so Steinsäulen, die das Gewölbe zu tragen schienen. Ein faszinierender Anblick, dem er sich nicht entziehen konnte. Er schnupperte kurz in der Luft. Ob in Kathedralen auch dieser Fledermausgeruch hing? «Würden Sie mir jetzt folgen, Ladies and Gentlemen.» Die Aufforderung erhallte in sonorem Bass, mit feierlich gedehnten Worten. «Und bitte achten Sie auf die Stufen!» Die Gruppe setzte sich zögerlich in Bewegung und stieg langsam die lange, schmale Treppe hinab. Wenige Meter weiter vorn konnte Anele drei der fünf Kerle erkennen, de- nen er seine Aufmerksamkeit zu widmen hatte. Die beiden anderen waren in dem Gedränge nicht auszumachen. Als der Pulk das Ende der Treppe und damit den Grund der Höhle erreichte, begannen die Menschen auseinanderzu- driften wie eine sanft angestossene Gruppe von Billardku- geln. Gleichsam in Trance verteilten sie sich im Raum, mit staunend nach oben gerichteten Augen und offenen Mün- dern. Einige brachten ihre Fotoapparate in Anschlag und bald begannen Blitzlichter zu zucken. Anele stieg die Treppe nicht ganz hinunter, auf der fünft- letzten Stufe blieb er stehen. Von hier aus hatte er einen guten Überblick. Er sah die drei Typen, die auf der Treppe vor ihm gegangen waren, Augenblicke später entdeckte er auch die zwei anderen, die ihn noch mehr interessierten. Sie waren gerade im Begriff, ihre schweren Motorradjacken auszuziehen. «Gut», dachte Anele, und liess sie nicht mehr aus den Augen. «Ohne Jacke wird es einfacher.» Und wäh- rend er die letzten Stufen hinabstieg, realisierte er, dass auch ihm langsam der Schweiss ausbrach. Dabei war es nicht einmal besonders warm! Nur 18 Grad, wenn man der Anzeige in der Eingangshalle glauben durfte. Aber die Luftfeuchtigkeit war so enorm, dass auch er am liebsten seine Jacke ausgezogen hätte. Doch das ging nicht. Langsam begann er umherzuschlendern und sich den beiden Bikern wie zufällig von hinten zu nähern. Als er sich bis auf zwei Meter an sie herangepirscht hatte, ertönte wie- der der Bass des Höhlenführers. «Bitte treten Sie näher, Ladies and Gentlemen.» Dazu hob er die Arme und winkte die Gruppe heran. Die Besucher folgten seiner Aufforderung und bildeten einen Halbkreis um ihn. «Das hier …», er machte eine ausladende Geste, «… ist die erste und grösste Kammer der Cango Caves, die van Zyl’s Hall. Benannt nach Jacobus van Zyl, einem ortsansäs- sigen Farmer, der sich am 11. Juli 1780 als Erster von dem Eingang dort oben auf den Grund abseilen liess, auf dem Sie jetzt stehen. Einer seiner Hirten hatte die Höhle ent- deckt, als er nach einem verlorenen Vieh suchte.» Anele hatte sich unmittelbar hinter den beiden Bikern postiert. Er war einen halben Kopf grösser als sie und so
  5. 5. 8 9 dicht an ihnen dran, dass er den leichten Zigarren- und Schweissgeruch wahrnahm, den sie verströmten. Der Ge- ruch störte ihn nicht, aber der überreife Pickel, der dem ei- nen im Nacken sass, liess ihn die Nase rümpfen. «Eigentlich muss man sagen: wiederentdeckt», präzisier- te der Höhlenführer mit erhobenem Mahnfinger. «Denn Wandmalereien bezeugen, dass die vordersten Abschnitte dieser Kammer bereits vor 10 000 Jahren von Menschen betreten worden sind.» Anele hörte nur mit einem Ohr zu. Er starrte dorthin, wo der Ausgang war, und versuchte abzuschätzen, wie lange er brauchen würde, um die Höhle fluchtartig zu verlassen. Die dreissig Meter hier in der Kammer, die Treppe, die Rampe, die Eingangshalle, dann runter zum Parkplatz … Eine Mi- nute, wenn er ungehindert durchsprinten konnte. Es könnte klappen! Allerdings war es viel zu hell hier. Und im Gegen- satz zu den beiden schmächtigen Kerlen vor ihm waren ihre drei Kumpels, die etwa zehn Meter entfernt standen, ziem- lich kräftig und machten auch einen einigermas­sen fitten Eindruck. «Entstanden sind die Cango Caves durch saures Wasser, welches vor zwanzig Millionen Jahren durch die Erdober- fläche sickerte, den darunter befindlichen Kalkstein zer- setzte und die so entstehenden Hohlräume zunächst aus­ füllte. Vor vier Millionen Jahren schliesslich brach das angesammelte Wasser an die Erdoberfläche durch und floss ab. Im Zusammenspiel mit der einströmenden Luft und weiterem Sickerwasser begannen sich die riesigen Tropf- steine zu bilden.» Er würde warten müssen, bis sie weiter in das Höhlensys- tem vorgedrungen waren. Der Weg zum Ausgang würde zwar länger, aber vielleicht war es in den anderen Kammern dunkler, sodass er unbemerkt agieren und sich so einen Vorteil verschaffen konnte. «Nach seiner ersten Erkundung schätzte van Zyl die Län- ge dieser Kammer auf fünf Meilen. Die Breite gab er mit drei Meilen an, die Höhe mit einer Meile. Wie Sie sehen, waren seine Angaben nicht sehr exakt, denn tatsächlich ist sie nur neunzig Meter lang und fünfzig breit. Und die Höhe beträgt achtzehn Meter.» «Auch nicht schlecht!», rief einer der Besucher. «In der Tat, Sir. Und wir sollten van Zyl die kleine Über- treibung nachsehen, denn wir dürfen nicht vergessen, dass der Mann damals nur mit einer Kerze in ein unbekanntes, schwarzes Loch gestiegen war. Schauen Sie doch bitte in diese Richtung, Ladies and Gentlemen.» Er zeigte auf eine Stelle unterhalb des Einstiegs zur Höhle. «Dort steht eine kleine Kerzenlampe. Eine, wie van Zyl sie hatte. Ich werde jetzt für einige Minuten die Beleuchtung ausschalten, damit Sie nachempfinden können, unter welch schwierigen Sicht- verhältnissen er damals die Höhle erkunden musste.» Aneles Puls schoss in die Höhe, als hätte er eine Adrena- lininjektion direkt ins Herz gekriegt. Alles in ihm krampfte sich zusammen und seine Hand umklammerte den Metall- griff in der rechten Jackentasche. «Ihre Augen werden einen Augenblick brauchen, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen und das kleine Licht zu erkennen. Bitte verzichten Sie auf Blitzlichtaufnahmen, bis ich die Beleuchtung wieder einschalte.» Während der Führer sich langsam zu der Stelle begab, wo offenbar der Lichtschalter war, trat Anele einen halben Schritt zurück. Er starrte auf den Rücken des Mannes mit dem Pickel, dessen schwarzes T-Shirt ein orangefarbenes Harley-Davidson-Emblem zierte. Nach einem kurzen Blick Richtung Ausgang fixierten seine Augen das «O» im Wort «Davidson» und blieben daran haften. Dann hörte er das metallische Klicken in seiner Jackentasche. Sekunden spä- ter wurde es dunkel.

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