Der Social-Media-Rausch

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Die New Economy unseres Jahrzehnts heißt Facebook-Revolution. Wie zu Zeiten der Dotcom-Blase versuchen selbst ernannte Social-Media-Propheten uns einzureden, dass Marketing und Unternehmenskommunikation komplett neu erfunden werden müssen. Aber die aktuell angesagte "Interaktion auf Augenhöhe" ist in Wahrheit nichts anders als das klassische Einmaleins der Kundenbeziehungen. Jeder auch nur halbwegs clevere Dorfmetzger weiß es auch ohne Marketing-Keynote und Internet-Guru: Mit dem Kunden reden heißt, ihn zu gewinnen. Social-Media-Plattformen erweitern den Kommunikationsradius – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nur wer die neuen Tools und Technologien mit gesundem Menschenverstand einsetzt, kann von ihnen profitieren. Dieses Buch liefert eine schonungslose Analyse der Grenzen, Risiken und Chancen des Social Web.

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Der Social-Media-Rausch

  1. 1. Helmut van Rinsum • Frank Zimmer Der Rausch Wie der Hype und seine Propheten vom Wesentlichen ablenkenLe se pr ob e BusinessVillage
  2. 2. Expertenwissen auf einen Klick … Gratis Download: MiniBooks – Wissen in Rekordzeit MiniBooks sind Zusammenfassungen ausgewählter BusinessVillage Bücher aus der Edition PRAXIS.WISSEN. Komprimiertes Know-how renommierter Experten – für das kleine Wissens-Update zwischendurch. Wählen Sie aus mehr als zehn MiniBooks aus den Bereichen: Erfolg & Karriere, Vertrieb & Verkaufen, Marketing und PR.  www.BusinessVillage.de/Gratis BusinessVillage Update your Knowledge! Verlag für die Wirtschaft
  3. 3. Helmut van Rinsum, Frank Zimmer Der Social-Media-RauschWie der Hype und seine Propheten vom Wesentlichen ablenken BusinessVillage Update your Knowledge!
  4. 4. ImpressumHelmut van Rinsum, Frank ZimmerDer Social-Media-RauschWie der Hype und seine Propheten vom Wesentlichen ablenken1. Auflage 2011© BusinessVillage GmbH, GöttingenBestellnummernISBN 978-3-86980-141-4 (Buch)ISBN 978-3-86980-142-1 (PDF)ISBN 978-3-86980-151-3 (Epub)Direktbezug unter www.businessvillage.de/bl/865Bezugs- und VerlagsanschriftBusinessVillage GmbHReinhäuser Landstraße 2237083 GöttingenTelefon: +49 (0)5 51 20 99-1 00Fax: +49 (0)5 51 20 99-1 05E-Mail: info@businessvillage.deWeb: www.businessvillage.deCoverillustrationJens GrübnerAutorenfotos:Achim Kraus/w&vDruck und BindungAalexx Buchproduktion GmbH, GroßburgwedelCopyrightvermerkDas Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertungaußerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlagesunzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigung, Übersetzung, Mikrover-filmung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle in diesemBuch enthaltenen Angaben, Ergebnisse usw. wurden von dem Autor nach bestem Wissenerstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie des Verlages. Er übernimmtdeshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten. DieWiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werkberechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namenim Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wärenund daher von jedermann benutzt werden dürfen.
  5. 5. InhaltÜber die Autoren .......................................................................5Vorwort ...................................................................................7Einleitung: Social Media, Hype und Herrlichkeit.............................9Die Annemarie-Krise oder Warum Social Media ein alter Hut ist ..... 15Umstürze durch das Web: die Mär von denFacebook-Revolutionen ............................................................ 21„Es war einmal…“ oder: Der Mittelständler, der keinFacebook-Held sein will ............................................................ 27Weltmachtsphantasien im Web: “Wenn Facebook ein Land wäre“ ... 31Abgrenzung durch Geburt: „Digital Natives“ und was wirklichdahinter steckt ....................................................................... 35Social Media für Insider: Fachchinesisch und Geheimsprache ......... 41Generation Babyface: Wie Teenager plötzlich das Marketingbestimmen ............................................................................. 47Ein Streifzug durch die Social-Media-Industrie: SM alsBeschäftigungsprogramm für Agenturen .................................... 55Die Seeding-Branche erfindet sich selbst oder: Die dunkleSeite von Social Media ............................................................. 61Social Media als Beruf: Vom Blogger zum SM-Fachwirt .................. 67Wem es schadet: Unternehmen im Social Media Strudel ................ 77 Fall 1: Wie Pril die Facebook-Community verärgerte .................. 78 Fall 2. Diskussionen um die Arbeitsbedingungen in Agenturen .... 83 3
  6. 6. Fall 3: Teldafax oder auf Facebook in die Pleite ......................... 87 Fall 4: Nestlé oder das grüne Gewissen ................................... 92Wer sich blamiert: Die peinlichen Trittbrettfahrer oderFremdschämen im Web ............................................................. 97 Der Trumpf-Tropf ................................................................ 98 Der Spion ......................................................................... 99 Der Kommentator............................................................... 99 Der Dater........................................................................ 100 Der Anarcho .................................................................... 100 Der Sammler ................................................................... 101 Der Ernsthafte................................................................. 101 Der Poser........................................................................ 102 Der Banalo...................................................................... 102Wie man sich im Social Web die Karriere ruinieren kann.............. 103Mit Social Media ins persönliche Abseits: KonstantinNeven DuMont .......................................................................117Lasst uns langweilig sein oder: Was Social Media wirklich bringt .. 125 Die besten Beispiele für erfolgreiches Social Media ohne Tam Ta und Trallala ................................................................. 128 Fall 1: Grohe oder wie Duscharmaturen plötzlich sexy werden ... 129 Fall 2: Die Bahn oder Service ohne Verspätung ...................... 132 Fall 3: Immobilenscout24 - Social Web braucht keine Agentur ... 135 Fall 4: DM Drogeriemärkte - Wohlfühl-Faktor im Social Web....... 139Vorsicht Blender! Wie Sie sich vor Scharlatanen schützen ............ 143Checklisten und nützliche Tipps und Thesen .............................. 149 Sechs mal zu kurz gedacht ................................................. 150 10 Tipps für die Einführung von Social Media in Unternehmen ... 154 Abgehakt! Die Social Media Checkliste .................................. 158 10 Thesen zur Zukunft von Social Media ................................ 1604
  7. 7. Über die Autoren
  8. 8. Helmut van Rinsum und Frank Zimmer gehören seit vielen Jahren zur Redaktion von W&V, einem der größten Marketing-Fachmagazine in Europa. Helmut van Rinsum ist dort stellvertretender Chef- redakteur, Frank Zimmer Redaktionsleiter von W&V Online. Kontakt: Helmut von Rinsum: helmut.van_rinsum@wuv.de Frank Zimmer: frank.zimmer@wuv.de6
  9. 9. Vorwort
  10. 10. Um Sie gleich am Anfang zu enttäuschen: Dieses Buch ist kei-ne Abrechnung mit Social Media. Es zeigt aber die Grenzenund Risiken des Social Web. Denn zurzeit versuchen uns vieleselbst ernannte Social-Media-Experten einzureden, dass Mar-keting und Unternehmenskommunikation komplett neu er-funden werden müssen. Wieder einmal. Aber in Wahrheit istder digitale Dialog in den sozialen Netzwerken nichts andersals das klassische Einmaleins der Kundenbeziehung. Nur werdie neuen Tools und Technologien mit gesundem Menschen-verstand einsetzt, kann von ihnen profitieren. Wir würden unsfreuen, wenn unser Buch zu einem besonneneren Umgang mitSocial Web beiträgt.München im August 2011Helmut van Rinsum und Frank Zimmer8
  11. 11. Einleitung:Social Media, Hype undHerrlichkeit
  12. 12. Erinnern Sie sich noch an die Dotcom-Blase zur Jahrtausend-wende? Damals wurden Internet-Unternehmen zu Fantasie-preisen gehandelt, obwohl sie nicht viel mehr als eine virtuelleGeschäftsidee zu bieten hatten. Eine Idee, die in der allgemeinherrschenden euphorischen Stimmung auf ihren eigentlichenBestand hin nicht weiter hinterfragt wurde. Die Folgen sindGeschichte: Zahlreiche Firmen verglühten am Web-Himmel,hinterließen insolvente Möchtegern-Manager und verkaterteInvestoren. Die meisten der Unternehmen hatten sich im all-gemeinen Web-Rausch künstlich aufgeplustert und am Endekeine echten Werte zu bieten. Es hagelte Pleiten.Ein wenig erinnern die damaligen Jahre an den derzeit gras-sierenden Social-Media-Rausch. Der Hype um die sozialenNetzwerke hat innerhalb weniger Monate bei Personen undUnternehmen eine Art Goldrausch ausgelöst. Viele stürzensich nahezu blindlings in das Social-Web-Abenteuer, ohne sichvorher ausreichend Gedanken zu machen, was sie dort eigent-lich wollen. Im Vergleich zur Dotcom-Blase um die Jahrtau-send-Wende ist das finanzielle Risiko allerdings gering. Dochdie Planlosigkeit, mit der dort agiert wird, die Bereitschaft,jede Innovation weitgehend kritiklos zu begrüßen, ist dem da-maligen Verhalten nicht unähnlich.Dabei können Social-Media-Tools, wenn sie fachkundig undumsichtig eingesetzt werden, Marken und Unternehmen in deröffentlichen Wahrnehmung nach vorne katapultieren. Sie kön-nen aber auch, wenn auf ihnen stümperhaft agiert wird, dasImage eines Unternehmens, einer Marke oder die der eigenenPerson empfindlich ramponieren. Denn auf sozialen Netzwer-ken kann jeder mitmachen, jeder kann nahezu unkontrolliertseine Meinung kundtun. Firmen können so ganz schnell unge-wollt ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Plötzlich sind sie einer10
  13. 13. Lawine an Vorwürfen ausgesetzt und müssen ohnmächtigzusehen, wie sie von weitgehend anonym agierenden Selbst-darstellern angegriffen werden. Was die Sache prekär macht:Auch Dutzende von Dementis nützen nur wenig. Suchmaschi-nen werden auch nach Jahren noch den Shitstorm aus denvirtuellen Weiten des Webs an die Oberfläche spülen.Den unkontrollierbaren Meinungsströmen stehen natürlichviele faszinierende Seiten von Social Media gegenüber, dasmacht die Netzwerke so verlockend. Noch nie war die Kommu-nikation mit Kunden so schnell und so unmittelbar möglichwie zu Facebook- und Twitter-Zeiten. Nie konnte man direk-ter mit potenziellen Käufern in Kontakt kommen, nie wardas Feedback schneller. Medien wie TV, Zeitungen oder Radiowirken da seltsam unbeweglich, gestrig und vor allem teuer.Denn eine Präsenz auf Facebook kostet ein Unternehmen ersteinmal gar nichts. Und: Nach einer Untersuchung des Bran-chenverbandes Bitkom vom April 2011 sind inzwischen 96 Pro-zent aller Internetnutzer zwischen 14 und 29 Jahren Mitgliedin einem sozialen Netzwerk. Alle sind schon da. Da darf maneigentlich nicht fehlen.Social Media - Hype oder Herrlichkeit? Ein hochgekochtes The-ma? Eines, von dem viele Kommunikatoren eigentlich hoff-nungslos überfordert sind? Jedes zweite Unternehmen setztbereits Social-Media-Marketing ein, ergab die Befragung „Onli-ne Marketing Trends 2011“ von Absolit Consulting (Befragung:Dezember 2010). Aber nur 40 Prozent betreiben Monitoring,verfolgen also die Kommentare über das eigene Unternehmen.Sie agieren sozusagen im luftleeren Raum. Jedes zehnte Unter-nehmen sei im Social Web unterwegs, ohne zu wissen, worum 11
  14. 14. es dabei geht, so der Kommentar des Studienautors TorstenSchwarz. „Dieser blinde Aktionismus ist wie fahren ohne Füh-rerschein.“Die Studienergebnisse decken sich mit anderen Ergebnissen.Der „Social Media Trend Monitor“, der im Mai 2011 von derdpa-Tochter news aktuell und Faktenkontor veröffentlichtwurde, ergab, dass sich nur jede vierte Pressestelle für denUmgang mit Social Media gut oder sehr gut gerüstet sieht.Nur jeder zehnte Pressesprecher hielt sich in dem Bereich füreinen Profi. Jeder vierte sagt, Social Media sei ein „notwendi-ges Übel“.Nur: Mitmachen will jeder. Keiner will oder kann sich demRausch entziehen. Wenn schon die größten Unternehmen desLandes wie beispielsweise BMW die Parole ausgeben, so vieleFans wie möglich auf Facebook zu generieren, will man auchals kleiner Markenartikler nicht abseitsstehen und betritt tap-fer die Social-Web-Bühne. Wenn es erklärtes strategisches Zielvieler Marken ist, ein Viertel bis ein Drittel ihres Kommunika-tionsetats in digitale Medien und eben auch soziale Netzwerkezu pumpen, kann das so falsch nicht sein. Zahlreiche renom-mierte Werber geben hier den Takt vor. In einem Interview mitder Fachzeitschrift „werben und verkaufen“ im Juli 2011 wiesbeispielsweise David Jones, der internationale Chef des Weber-konzerns Havas, die Richtung vor: Man wolle die innovativsteHolding werden. Wobei innovativ mit digital gleich zu setzenist. „Die Kunden sollen uns als Digitalfirma sehen. Nahe bei denFoursquares und Facebooks der Welt.“ Das also ist die Zukunftder Werbung.12
  15. 15. Liegt die Zukunft der Kommunikation wirklich in sozialenNetzwerken? Viel spricht dafür. Aber viel spricht auch dafür,aus dem Hype ein wenig die Luft zu lassen. Die Euphorie einwenig zu dämpfen und Platz zu machen für einen distanziertenBlick. Es ist höchste Zeit, einige Thesen kritisch zu hinterfra-gen. Denn es gibt viele Behauptungen, die den Social-Media-Hype befeuern, weil sie einfach so hingenommen aber nichtüberprüft werden. Und vielleicht gar nicht wahr sind. Das istdann doch irgendwie so wie damals zur Jahrtausendwende, alsvieles beklatscht, aber nie gegengecheckt wurde. Es ist alsoüberfällig, einer irreführenden Legendenbildung einige Anti-thesen entgegenzusetzen. 13
  16. 16. Die Annemarie-Krise oder warumSocial Media ein alter Hut ist
  17. 17. In meinem Heimatdorf im Sauerland gab es in den 70er Jahrenzwei Metzgereien: Weber und Halbe. Um korrekt zu sein: Esgibt es sie noch heute. Halbe hatte zwei strategische Vorteile:Die Lage direkt an der Hauptstraße und mehrere Parkplätze di-rekt vor der Ladentür. Eigentlich gab es sogar noch einen drit-ten Punkt pro Halbe: Die Metzgerei, die von einer mittelaltenDame mit Dutt geführt wurde, verfügte über einen Schnell-imbiss mit der nach meinem damaligen Dafürhalten bestenCurrywurst im Regierungsbezirk Arnsberg. Trotzdem war nichtHalbe der Marktführer, sondern Weber.Der Grund dafür hieß Annemarie, trug eine rotblonde Kurzhaar-frisur, hatte Sommersprossen und galt im Dorf als die unum-strittene Autorität in Sachen Aufschnitt und Sonntagsbraten.Was Annemarie empfahl, war für die Hausfrauen Gesetz. DennAnnemarie hatte recht. Niemand konnte sich erinnern, jemalsschlecht von ihr beraten worden zu sein, niemand hatte je-mals Grund, ein als nicht zu fett geordertes Kotelett später inder Küche anders vorzufinden als im Gespräch mit Annemariebeschrieben. Annemarie war aber mehr als eine fachlich unan-greifbare Fleischwaren-Multiplikatorin. Auf ihre unmittelbaresauerländische Art verbreitete sie mehr Frohsinn und guteLaune als der routinierteste Club-Med-Animateur. Dass keinKind unter 21 Jahren ohne ein armdickes Stück Gratis-Fleisch-wurst aus dem Laden ging, versteht sich ohnehin von selbst.Ob Annemarie jemals ernsthaft darüber nachdachte, dass es ingroßen Städten Vegetarier gab? Ich weiß es nicht. Aber einsist klar: Wenn jemals ein Unternehmen absolute Produktquali-tät mit authentischer Kommunikation verbunden hat, dannwar es die Metzgerei Weber. Dabei war Annemarie noch nichteinmal die Inhaberin. Sie lebte zwar seit ihrem 14. Lebens-jahr zwischen den gekachelten Ladenwänden (so schien es16
  18. 18. uns jedenfalls), aber de iure gab es einen Metzgermeister undseine Frau, die innerhalb des Weber-Universums aber eher alseine Art Chairman über dem operativen Geschäft schwebtenund vorzugsweise dann in Erscheinung traten, wenn es darumging, die einzelnen Rechnungsposten mit einem überdimen-sionalen Bleistift auf die Wurstverpackung zu notieren. Abergenau diese Aufgabenverteilung sollte Annemarie beinahezum Verhängnis werden.Das Metzgerehepaar wurde älter und Annemarie nicht. DasMetzgerehepaar hatte einen Sohn und der eine junge Frau; diekommende Generation verlangte ihr Recht – auch von Anne-marie. Am schwierigsten wurde es mit der Juniorchefin, die– auch das ein Kulturbruch – studierte Lehrerin war und sichmit der Kommunikationshoheit der Annemarie nicht abfindenwollte. Es kam, wie es kommen musste. Eines Tages verbreitetesich im Dorf die Nachricht, dass Annemarie gehen sollte (An-nemarie dürfte auch an der Botschaft nicht unbeteiligt gewe-sen sein). Die 80er Jahre waren angebrochen, vielleicht regtesich in Osteuropa schon der Widerstand gegen die kommunis-tische Herrschaft der UdSSR. Aber alles das konnte nicht an-nähernd für soviel Gesprächsstoff sorgen wie die Entmachtungvon Annemarie.Um es kurz zu machen: Seit dieser Zeit weiß man im Dorf, wasBoykott heißt. Die Käuferströme versiegten, sie fanden neueWege – zu den Parklätzen und Currywürsten der Dutt-Metzge-rin Halbe natürlich. Meine eigene Mutter gehörte zu den Spit-zen der Bewegung, auch mein Vater schwor, nie mehr auch nureine Scheibe Cervelatwurst von Weber anzurühren, solange dasUnrecht an Annemarie nicht gerächt sei. Annemarie, so hießes kurz drauf, würde nun in ihr Heimatdorf zurückkehren unddort in einer anderen Metzgerei arbeiten. Das Dorf lag zwar 17
  19. 19. nur sechs Kilometer entfernt, aber für uns alle kam es so un-vorstellbar und so willkürlich vor wie die Deportation in einesibirische Bleimine. Und damit wurde die Metzgerei Weber eine„No-go-Area“.Der – wie man heute sagen würde – „Outplacing Prozess“ vonAnnemarie endete so schnell wie die Umsatzerwartung ihrerJuniorchefs. Annemarie musste bleiben, das wurde selbst derhartleibigen Lehrerin schnell klar. Aber mit ihr weiterhin imselben Laden, zwischen denselben Kacheln? Das würde auchnicht gehen. Also musste die Metzgerei Weber expandieren.Sie eröffnete in der nahegelegenen Kreisstadt eine kleine Fi-liale und Annemarie wurde die Leiterin. Der Shitstorm legtesich, die Kunden kamen zurück. Wenn auch nicht unbedingtin dasselbe Geschäft: Besonders hartnäckige Annemarie-Fansnahmen von nun an mehrere Kilometer Umweg in Kauf, umnur ja nicht von der Juniorchefin im Stammgeschäft bedientzu werden, sondern weiterhin von Annemarie.Muss man wirklich noch erwähnen, dass Annemarie einigeJahre später zur beliebtesten Fleischereifachverkäuferin derKreisstadt gewählt wurde? In der Lokalzeitung stand damals,eines habe die Kunden besonders beeindruckt: Wenn Kinderim Laden vergessen hatten, was sie eigentlich für ihre Muttermitbringen sollten (oder den Einkaufszettel vergessen hatten)und weder Annemaries geduldiges Zureden noch eine Extra-portion Fleischwurst als Gedächtnisstütze halfen, dann riefAnnemarie bei den Eltern an und ließ sich die Bestellung tele-fonisch durchgeben.Für Metro-Kunden mag die Causa Annemarie vielleicht extremklingen (vielleicht ist das Sauerland auch extrem), aber je-der Konsument mit normalen Kundenbindungsgefühlen kennt18
  20. 20. ähnliche Beispiele – vor allem, wenn er auf dem Land großgeworden ist, wo zwischen Käufer und Verkäufer traditionellepersönliche Beziehungen bestehen und Kommunikation aufAugenhöhe alles ist. Mehr Social Media als auf dem Dorf gibtes nicht, und es funktioniert seit jeher ganz ohne Facebook,Twitter und sogar ohne Strom.Da überrascht es dann doch, wenn im Mai 2011 eine deutscheIndustrie- und Handelskammer einen neuen Ausbildungsgangzum IHK-geprüften „Social-Media-Manager“ mit folgendenWorten begründet: „Vielen Unternehmen sind die Möglichkei-ten, die sich aus der authentischen Interaktion auf Augenhöhezwischen Unternehmen und Nutzern ergeben, kaum bewusst.“Und: „Die Einrichtung eines Twitter-Kontos ist dabei nur dererste Schritt.“ Liebe IHK Rhein-Sieg, so möchte man den neu-en Social-Media-Aktivisten aus dem Rheinland zurufen, dasstimmt ja alles. Aber sollte es wirklich Unternehmer geben, diezum Dialog mit ihren Kunden einen computergestützten Soci-al-Media-Lehrgang und einen Twitter-Account brauchen, danndürfte ihnen im realen Geschäftsleben ohnehin nicht mehr zuhelfen sein – mit oder ohne IHK-Zertifikat.Wie wenig ein Twitter-Account und die Zahl der Facebook-Fansüber wirtschaftlichen Erfolg aussagen, zeigen übrigens zweiBeispiele aus den USA, dem Mutterland des Social Web. DieRede ist von Google und von Apple. Google hat zwar mehrereMillionen Fans und Follower auf Facebook und Twitter, aber inder Praxis funktioniert die Kommunikation nach dem Prinzipder beiden Einbahnstraßen: Der Konzern gibt bekannt und dergesprächige Teil der Social-Media-Gemeinde nimmt öffentlichzur Kenntnis. So richtig interaktiv ist das nicht, das kann An-nemarie besser. Google-Chairman Eric Schmidt ist im SocialWeb auch nicht viel geselliger: In den Monaten Februar, März, 19
  21. 21. April und Mai 2011 brachte er es auf insgesamt vier Tweets.Und Apple, die womöglich wertvollste Digitalmarke der Welt?Sie ist auf Facebook noch nicht einmal vertreten und begnügtsich auf Twitter damit, neue Apps und kostenpflichtige Musikder konzerneigenen Online-Stores zu bewerben. Was mit Inter-aktion auf Augenhöhe ungefähr so viel zu tun hat wie diejeweils neueste Mettwurst im Schaufenster von Metzger Halbean der Hauptstraße.20
  22. 22. Expertenwissen auf einen Klick … Gratis Download: MiniBooks – Wissen in Rekordzeit MiniBooks sind Zusammenfassungen ausgewählter BusinessVillage Bücher aus der Edition PRAXIS.WISSEN. Komprimiertes Know-how renommierter Experten – für das kleine Wissens-Update zwischendurch. Wählen Sie aus mehr als zehn MiniBooks aus den Bereichen: Erfolg & Karriere, Vertrieb & Verkaufen, Marketing und PR.  www.BusinessVillage.de/Gratis BusinessVillage Update your Knowledge! Verlag für die Wirtschaft
  23. 23. Weitere Bücher für Ihren Erfolg L ER TSEL BES Wolfgang Hünnekens Die Ich-Sender Das Social Media-Prinzip – Twitter, Facebook & Communitys erfolgreich einsetzen 3. Auflage 2011 ISBN 978-3-86980-005-9 Preis: 17,90 € • 18,50 € [A] • 29,90 CHF Art.-Nr. 808 www.BusinessVillage.de/bl/808 oche att er W ch d Abendbl 0 Bu er 01 burg ber 2 Ham Septem . 4./5 Peter Klingenburg, Jens Nebendahl Webolution – (Über-)Leben in der digitalen Welt ISBN 978-3-86980-066-0 Preis: 29,80 € • 31,80 € [A] • 49,80 CHF Art.-Nr. 843 www.BusinessVillage.de/bl/843 www.BusinessVillage.de
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