Gespaltene DemokratiePolitische Partizipationund Demokratiezufriedenheitvor der Bundestagswahl 2013Thomas Petersen, Domini...
3Gespaltene DemokratiePolitische Partizipationund Demokratiezufriedenheitvor der Bundestagswahl 2013Thomas Petersen, Domin...
Inhalt4InhaltVerzeichnis der Abbildungen und TabellenVorwortIm Fokus: Die gespaltene DemokratieWeil Angehörige einkommens-...
5Inhalt66686970AnhangÜber die StudieÜber die AutorenImpressum
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7Verzeichnis der Abbildungen und TabellenTabelle 16:	 Wählen im Bekanntenkreis – Altersgruppen 44Tabelle 17:	 Wählen im Be...
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Der Unterschied in der Wahlbeteiligung zwischen den sozialen Schichten hat spätestens seit Endeder 1990er Jahre deutlich z...
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161. Der Mythos von der Demokratieverdrossenheit1. Der Mythos von der Demokratieverdrossenheit	Der Unterschied in der Wahl...
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181. Der Mythos von der Demokratieverdrossenheit10	Heribert Prantl: Warum Wähler und Parteien im Lagerdenken verharren. In...
191. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitDie Zufriedenheit mit der Demokratie korrespondiert auch mit einer positiv...
201. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitAllerdings zeigt sich auch, dass die Angehörigen der untersten sozialen Sc...
211. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitAuf die Frage „Wie sehen Sie das: Sind die wirtschaftlichen Verhältnisse i...
221. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitGerechtigkeit abnimmt. Der Gedanke, dass es im Bereich der sozialen Gerech...
231. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitDie Antworten auf die Frage, ob jeder Mensch seines Glückes Schmied sei, z...
242. Geringes Politikinteresse der Jüngeren2. Geringes Politikinteresse der JüngerenEine der Kategorien, die besondere Auf...
252. Geringes Politikinteresse der JüngerenUnter den vielen in dieser Studie untersuchten möglichen Einflussgrößen auf die...
262. Geringes Politikinteresse der JüngerenDennoch: Insgesamt betrachtet ist das politische Interesse in der gesamten Bevö...
272. Geringes Politikinteresse der JüngerenIn den repräsentativen Bevölkerungsumfragen des Instituts für Demoskopie Allens...
282. Geringes Politikinteresse der JüngerenDas Interesse an Politik ist stets auch von der jeweiligen politischen und gese...
292. Geringes Politikinteresse der JüngerenDas bedeutet, dass wir derzeit in Deutschland wahrscheinlich ein Niveau des pol...
302. Geringes Politikinteresse der Jüngerenist es nicht gewagt anzunehmen, dass in den kommenden Jahrzehnten die Wahlbetei...
312. Geringes Politikinteresse der JüngerenWährend sich wie dargestellt (Bezug auf Abbildung 12) das Interesse der Bevölke...
322. Geringes Politikinteresse der Jüngerendie unterschiedlichen Trendverläufe, dass eine weitere Variable im Spiel sein m...
332. Geringes Politikinteresse der JüngerenDie gegenwärtig sinkende Wahlbeteiligung lässt sich jedenfalls mit einer genere...
342. Geringes Politikinteresse der JüngerenTatsächlich spielen die Begründungen, die auf Verärgerung über die politische P...
352. Geringes Politikinteresse der JüngerenBesonders interessant an den Antworten auf diese Frage ist aber weniger die Ran...
363. Wählen ist nicht mehr Bürgerpflicht3. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtDie Teilnahme an der Wahl wird in der öffent...
373. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtSchaut man sich genauer an, welche gesellschaftlichen Gruppen das Wählen besonders...
383. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtTabelle 12: Bürgerpflichten nach sozialer SchichtQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-U...
393. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtGanz besonders deutlich sind die Unterschiede bei der gefühlten Wahlpflicht, wenn ...
403. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtDer Gang zur Wahl, so wichtig er im abstrakten Prinzip meist genommen wird, hat im...
413. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtBemerkenswert ist, dass die Veränderung des Antwortverhaltens bei dieser Frage in ...
423. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtAbbildung 19: Das Gefühl, man müsse wählen gehen, hat in allen Generationen abgeno...
434. Die Bedeutung des persönlichen Lebensumfeldes4. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesMan könnte meinen, dass ...
444. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesBetrachtet man etwas genauer, welche Menschen es sind, die glauben, dass...
454. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesDie Antworten der Befragten auf diese Frage fallen deutlich unterschiedl...
464. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesOb diese Menschen sich nicht an der Wahl beteiligen, weil sie sozial ben...
474. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesObwohl in der Öffentlichkeit ein Meinungsklima des „Wählen-gehen-müssens...
484. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesAngesichts der oben beschriebenen Unterschiede zwischen den Generationen...
Studie zum Wahlverhalten: Gespaltene Demokratie
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Studie zum Wahlverhalten: Gespaltene Demokratie

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Die Wahlbeteiligung in Deutschland wird auf lange Sicht weiter sinken. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Demoskopie Allensbach verabschieden sich vor allem einkommensschwache und bildungsferne Teile der Bevölkerung zunehmend aus der aktiven Teilhabe an Demokratie. Wahlenthaltung geschieht jedoch weniger aus Frust oder Protest, denn in ihrer Langzeitbeobachtung fanden die Wahlforscher Erstaunliches heraus: Nicht nur werden die Deutschen Jahr für Jahr zufriedener mit der Demokratie und dem politischen System in ihrem Land, sie finden auch, dass die Parteien sich heute deutlicher unterscheiden als vor zehn Jahren. Stärkste Ursache für Wahlmüdigkeit ist vielmehr Gleichgültigkeit – je geringer der Sozialstatus und je größer das politische Desinteresse im Freundeskreis, desto weniger wahrscheinlich wird der Gang zur Wahlurne.

Bis Mitte der 80er Jahre gaben noch rund 90 Prozent aller Wahlberechtigten bei Bundestagswahlen ihre Stimme ab. Erst danach brach die Wahlbeteiligung ein, bis zum historischen Tiefstand von knapp über 70 Prozent bei der vergangenen Wahl. Dieser Rückgang ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass immer mehr Einkommensschwache und Bildungsferne am Wahlsonntag zuhause bleiben. Aktuell sagen 68 Prozent aus der oberen Schicht, dass sie bei der Bundestagswahl in jedem Fall wählen werden. In der unteren Schicht sind es dagegen nur 31 Prozent. „Wir haben keinen Politik- oder gar Demokratieverdruss. Wir erleben aber eine zunehmend sozial gespaltene Demokratie“, so Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Die Studie zeigt: Ob jemand wählen geht, hängt erheblich davon ab, wo er wohnt, welche Freunde er hat und ob in seiner Familie über Politik gesprochen wurde. „Nichts motiviert so stark, wählen zu gehen, wie ein politisch interessiertes Umfeld“, sagte Jörg Dräger. Wer Freunde hat, die wählen gehen, geht selber mit einer Wahrscheinlichkeit von 77 Prozent bestimmt zur Bundestagswahl. Wessen Umfeld jedoch nur zur Minderheit wählen geht, hat nur eine Wahrscheinlichkeit von 19 Prozent, sicher an der Wahl teilzunehmen.

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  1. 1. Gespaltene DemokratiePolitische Partizipationund Demokratiezufriedenheitvor der Bundestagswahl 2013Thomas Petersen, Dominik Hierlemann, Robert B. Vehrkamp, Christopher Wratil
  2. 2. 3Gespaltene DemokratiePolitische Partizipationund Demokratiezufriedenheitvor der Bundestagswahl 2013Thomas Petersen, Dominik Hierlemann, Robert B. Vehrkamp, Christopher WratilEine gemeinsame Studie von:
  3. 3. Inhalt4InhaltVerzeichnis der Abbildungen und TabellenVorwortIm Fokus: Die gespaltene DemokratieWeil Angehörige einkommens- und bildungsschwacher Schichten immer weniger wählengehen, steigt die politische Ungleichheit in Deutschland. Der Trend einer sozial gespalte-nen Demokratie verfestigt sich, auch im Bundestagswahljahr 2013.1. Der Mythos von der Demokratieverdrossenheit Die Deutschen sind, in Ost und West, zufriedener mit ihrer Demokratie als nochvor einigen Jahren. Sie sehen durchaus Unterschiede zwischen den Parteien. Einegefühlte wachsende soziale Ungleichheit übersetzt sich nicht in Demokratieverdruss.2. Geringes Politikinteresse der Jüngeren Das Interesse der Deutschen an Politik erodiert nicht. Doch schon heute ist absehbar,dass die jüngere Generation auch in Zukunft die Politik weniger spannend findet –und Wahlen eher fernbleibt als frühere Generationen.3. Wählen ist nicht mehr Bürgerpflicht Für die jüngere Generation ist der Gang zur Wahlurne nicht mehr zwingend. Siefindet dafür viel Verständnis im persönlichen Umfeld. Die Zeiten, in denen Wählenals Bürgerpflicht erscheint, sind jedenfalls vorbei.4. Die Bedeutung des persönlichen Lebensumfeldes Ob jemand wählen geht oder nicht, hängt erheblich davon ob, wo man wohnt, welcheFreunde man hat und ob in der Familie über Politik gesprochen wird. Im privatenUmfeld treffen Nichtwähler auf viel Verständnis.5. Determinanten der Wahlabsicht für die Bundestagswahl 2013 Schon heute zeigen sich mögliche Gründe für den Wahlgang als auch das Fern­bleibenbei der Bundestagswahl: Sozioökonomische und soziokulturelle Faktoren sowie Werteund Einstellungen sind gleichermaßen wichtig.6. Die Soziale Kluft auch bei neuen Beteiligungsformen Die Jüngeren sind verstärkt im Internet politisch aktiv. Doch gerade die neuen Betei-ligungsformen sprechen vor allem die gebildete Mittelschicht an. Das führt zu einerweiteren Verschärfung der politischen Ungleichheit in Deutschland. 6810172436435057
  4. 4. 5Inhalt66686970AnhangÜber die StudieÜber die AutorenImpressum
  5. 5. Verzeichnis der Abbildungen und TabellenAbbildung 1: Die Wahlbeteiligung von Geringverdienern sinkt stetig 11Abbildung 2: Bundestagswahl 2013: Große Unterschiede zwischen den sozialen 12Schichten bei WahlwahrscheinlichkeitAbbildung 3: Orientierung am Umfeld – Freunde die wählen, motivieren zur 14StimmabgabeAbbildung 4: Sozialisation im Elternhaus – Gespräche über Politik wirken nach 14Abbildung 5: Wählen als Bürgerpflicht – Wer sich verpflichtet fühlt, wird bestimmt 15wählenAbbildung 6: Zufriedenheit mit der Demokratie 16Abbildung 7: Zufriedenheit mit der Demokratie – Ost- und Westdeutschland 17Abbildung 8: Sind die Parteien alle gleich? 18Tabelle 1: Nur ein Viertel sagt, politisches Engagement sei sinnlos 19Tabelle 2: Keine überdurchschnittliche Resignation bei der jungen Generation 19Tabelle 3: In der Unterschicht sagt fast jeder Zweite „Es bringt nichts, sich 20politisch zu engagieren“Abbildung 9: Wachsendes Gefühl von Ungerechtigkeit 21Abbildung 10: Soziale Gerechtigkeit 22Abbildung 11: Sinkendes Vertrauen in die Kraft des Einzelnen 23Tabelle 4: Politisches Interesse und Wahlbeteiligung 24Abbildung 12: Politikinteresse 25Abbildung 13: Wahlbeteiligung nach Alter 26Tabelle 5: Politikinteresse – Kohortenanalyse 1969-2013 27Tabelle 6: Kohortenanalyse: Indexwerte 29Tabelle 7: Absicht, wählen zu gehen – Altersgruppen 30Tabelle 8: Zuwanderer wählen seltener 31Abbildung 14: Interesse an der Bundestagswahl 32Tabelle 9: Interesse an der Bundestagswahl – Altersgruppen 32Tabelle 10: Interesse an der Bundestagswahl nach sozialer Schicht 33Abbildung 15: Begründungen für geringes Politikinteresse 34Abbildung 16: Ausgewählte Begründungen für geringes Interesse an Politik im Trend 35Abbildung 17: Bürgerpflichten 37Tabelle 11: Bürgerpflichten – Altersgruppen 38Tabelle 12: Bürgerpflichten nach sozialer Schicht 38Tabelle 13: Wählen als Bürgerpflicht – eine Frage des Umfeldes 39Abbildung 18: Der Ausflug am Wahltag 41Abbildung 19: Das Gefühl, man müsse wählen gehen, hat in allen Generationen 42abgenommenTabelle 14: Der Ausflug – soziale Schicht 42Tabelle 15: Gehen die Freunde wählen? 43Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen6
  6. 6. 7Verzeichnis der Abbildungen und TabellenTabelle 16: Wählen im Bekanntenkreis – Altersgruppen 44Tabelle 17: Wählen im Bekanntenkreis – soziale Schicht 45Tabelle 18: Wählen in der Nachbarschaft 46Tabelle 19: Wahlbeteiligung und das Verhalten der Bezugsgruppen 47Tabelle 20: Verständnis fürs Nichtwählen 48Tabelle 21: Vor allem Junge glauben, ihr Umfeld habe Verständnis, wenn sie nicht 49wählenTabelle 22: Absicht, wählen zu gehen – Schulbildung 51Tabelle 23: Übersicht über Ergebnisse der logistischen Regressionsanalyse 52Abbildung 20: Untere Schicht mit geringer Wahlabsicht – selbst wenn man für ihr 53soziales Umfeld und ihre Werte kontrolliertAbbildung 21: Sowohl hohe Zufriedenheit als auch Unzufriedenheit mit der Demokratie 55erhöhen die Wahlabsicht und ihre Werte kontrolliertAbbildung 22: Politische Aktivitäten 58Abbildung 23: Wählen und andere politische Aktivitäten 59Abbildung 24: Online- und Offline-Aktivitäten – Altersgruppen 60Abbildung 25: Alternative politische Aktivitäten nach sozialer Schicht 61Tabelle 24: Übersicht über Ergebnisse der Negativen Binomial-Regressionsanalyse 62Abbildung 26: Jüngere sind aktiver in alternativer Partizipation – vorrangig im Internet 63Abbildung 27: Bildung ermöglicht politische Partizipation – vor allem für Abiturienten 64und StudierteTabelle 25: Übersicht über Regressionsanalysen aus Kapitel 5 und 6 67
  7. 7. 8VorwortDie Weiterentwicklung unseres demokratischen Systems ist schon immer ein Kernanliegen derBertelsmann Stiftung. In den letzten Jahren haben wir uns dabei vor allem darauf konzentriert,Wege zu entwickeln und zu erproben, über die sich Bürger direkt, themenorientiert und ganzkonkret in politische Diskussionen und Entscheidungen einbringen können. Egal ob beim Bür-gerdialog in der Kommune, beim ganztägigen Bürgerkompass auf Landesebene oder beim mehr-wöchigen Bürgerforum mit dem Bundespräsidenten: Mit unseren Formaten wollen wir neuesInteresse für Politik wecken und gerade diejenigen zur aktiven Teilhabe motivieren, die sich ausdem politischen Diskurs zurückgezogen haben.Wer aber sind die Bürger, die sich nicht mehr am politischen Leben beteiligen? Was sind diewichtigsten Gründe und Einflussfaktoren dafür, dass immer weniger Menschen am Wahlsonntagihre Stimme abgeben? Und wie nehmen die Deutschen das politische System und seine Parteienim Jahr der Bundestagswahl 2013 insgesamt wahr?Der Blick in die Statistik ist eindeutig: Lag die Wahlbeteiligung im Bund bis Mitte der 80er Jahrenoch regelmäßig bei rund 90 Prozent, ist diese seither auf einen historischen Tiefstand von geradeeinmal knapp über 70 Prozent (2009) gesunken. Das ist ohne Frage eine besorgniserregende,wenngleich nicht unmittelbar gefährliche Entwicklung. Im europäischen und internationalen Ver-gleich ist die Wahlbeteiligung in Deutschland immer noch überdurchschnittlich. Bedenklich wirddie Entwicklung erst, wenn vor allem bestimmte gesellschaftliche Gruppen oder soziale Schichtendem Urnengang fern bleiben. Genau diesen Trend belegt jedoch die vorliegende Studie der Ber-telsmann Stiftung und des Instituts für Demoskopie Allensbach. Ob jemand wählen geht, hängtdemnach erheblich davon ab, wo er wohnt, welche Freunde er hat und ob in seiner Familie überPolitik gesprochen wurde. Zudem bleiben immer mehr Einkommensschwache und Bildungsferneam Wahlsonntag zu Hause. So geben aktuell 68 Prozent aus der oberen Sozialschicht an, dass siebei der Bundestagswahl im September auf jeden Fall ihre Stimme abgeben werden. In der unterenSchicht sagen dies dagegen nur 31 Prozent. All das zeigt: Wir erleben eine zunehmend sozialgespaltene Demokratie.Dazu kommt, dass das freie Wahlrecht heute deutlich weniger als staatsbürgerliche Pflicht verstan-den wird als dies noch in den 80er Jahren der Fall war. Das gilt – wie diese Studie belegt – ganzbesonders für die jüngeren Generationen, wo die Nicht-Wahl inzwischen breite gesellschaftlicheAkzeptanz erfährt. Zwar steigt mit zunehmendem Alter das Interesse an Politik; ist aber die Politi-sierung einer Erstwähler-Generation niedrig, ist das bei späteren Wahlen kaum noch aufzuholen.Insofern müssen wir uns wohl auf langfristig weiter sinkende Wahlbeteiligungen einstellen.Es gibt aber auch Positives zu vermelden: Die Studie zeigt nämlich auch, dass wir es in Deutsch-land nicht mit einer generellen Demokratieverdrossenheit zu tun haben. Im Gegenteil: Währendder Urnengang für die Deutschen an Bedeutung verliert, wächst die allgemeine Zufriedenheit mitVorwort
  8. 8. 9Vorwortder Demokratie und dem politischem System. Im Gegenzug sinkt der Anteil der Unzufriedenenauf einen neuen Tiefstwert: Lediglich elf Prozent der Bundesbürger geben an, mit der Demokra-tie unzufrieden zu sein. Vor zehn Jahren sagten das noch nahezu drei Mal so viele. Und nochein Ergebnis mag auf den ersten Blick überraschen: Entgegen der landläufigen Meinung erkennteine wachsende Mehrheit von mittlerweile knapp zwei Dritteln der Bürger durchaus große Unter-schiede zwischen den im Bundestag vertretenen Parteien. Nur noch ein knappes Viertel ist aktuellder Meinung, diese seien im Grunde nicht unterscheidbar – gerade mit Blick auf die anstehendenWahlkämpfe und das dort typische Bemühen um politische Zuspitzung ein interessantes Resultat.Welche Schlüsse ziehen wie aus all diesen Erkenntnissen für unser Ziel, die repräsentative Demo-kratie durch mehr politische Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen zu stärken? Auf eine Kurzformelgebracht: Aktivierung und Erklärung statt Polarisierung. Denn ganz wesentlich wird es sein,Strategien zu entwickeln, die Jüngere und sozial schwächere Menschen wieder mehr für Politikbegeistern. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich ganze Stadtteile von der politischen Teilhabeabkoppeln. Wenn Politik am Küchentisch kein Thema mehr ist, muss politische Sozialisation mehrals zuvor in der Schule stattfinden. Mit dem Schülerhaushalt hat die Bertelsmann Stiftung hier einerstes Instrument entwickelt, das Kinder schon früh in einen politischen Entscheidungsprozesseinbindet und so für dauerhafte Beteiligung motivieren soll.Ausgehend von dieser Auftaktstudie werden wir weitere Herausforderungen für die Zukunft derDemokratie in Deutschland analysieren. Wie wirkt sich Bürgerbeteiligung auf das bestehende poli-tische System aus? Wie gestalten wir unsere Politik generationengerecht? Wie sieht die Zukunftunserer Parlamente aus? Und wie müssen sich Parteien verändern, damit sie ihre zentrale politi-sche Rolle weiter wahrnehmen können? Das sind die Leitfragen, die uns im Laufe des kommendenJahres beschäftigen werden.Dr. Jörg Dräger,Mitglied des Vorstandsder Bertelsmann StiftungProf. Dr. Robert Vehrkamp,Direktor des ProgrammsZukunft der Demokratie
  9. 9. 10Im Fokus: Die Gespaltene DemokratieSeit Anfang der 1970er Jahre ist in fast allen entwickelten westlichen Demokratien ein – zum Teildrastischer – Rückgang der Wahlbeteiligung zu beobachten, so auch in Deutschland.1Die höchsteWahlbeteiligung bei Bundestagswahlen hatte es 1972 mit 91,1 Prozent gegeben. Seitdem sankendie Werte, wenn auch zunächst noch vergleichsweise moderat, so dass bei der Bundestagswahl1987 noch immerhin 84,3 Prozent aller Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben. 1990 lag dann dieWahlbeteiligung bei nur noch 77,8 Prozent und damit zum ersten Mal seit 1949 unter einem Wertvon 80 Prozent. Bei der vergangenen Bundestagswahl im Jahr 2009 erreichte die Wahlbeteiligungschließlich mit nur noch 70,8 Prozent einen neuen historischen Tiefststand.Spätestens seit Ende der 1980er Jahre zeigte sich diese abnehmende Wahlbeteiligung dann auchbei Landtagswahlen. Auch wenn die Wahlbeteiligung bei Landtagswahlen traditionell meist etwasniedriger liegt als bei Bundestagswahlen, hatten sich bis dahin dennoch meist etwa drei Viertelder Wahlberechtigten in den Bundesländern beteiligt. Mittlerweile liegen die Beteiligungsquotenbei Landtagswahlen meistens unter 60 Prozent.Parallel dazu begannen Politikwissenschaftler, Soziologen und Umfrageforscher in den 1990erJahren verstärkt, sich der Analyse der Nichtwähler zuzuwenden. Rasch stellte sich heraus, dassdie anfängliche und bis heute in der öffentlichen Diskussion weit verbreitete These vom anschwel-lenden Protestpotenzial politisch Enttäuschter nicht zu halten war. Elisabeth Noelle-Neumannwies bereits im Frühjahr 1994 darauf hin, dass es nicht in erster Linie verärgerte Bürger waren, dieauf die Teilnahme an der Wahl verzichteten, sondern eher unpolitische Menschen. „Nichtwähler“schrieb sie, „sind beispielsweise junge Leute, die sich für Politik noch wenig interessieren und fürdie Wählen noch nicht staatsbürgerliche Pflicht und Gewohnheit ist (...). Sie stammen auch meistaus den untersten sozialen Schichten. Für die heroische, protestierende ‚Nichtwähler-Partei‘ bleibtda wenig übrig.“2Damit waren bereits die Schlüsselbegriffe eingeführt, die auch im vorliegenden Untersuchungsbe-richt eine Rolle spielen werden: Die eigene politische Sozialisation in der Familie und im Freun-deskreis, Wählen als staatsbürgerliche Pflicht und das Phänomen, dass es vor allem die unterensozialen Schichten sind, die sich bei der Wahl enthalten.Im Fokus: Die Gespaltene Demokratie1 Entsprechende Daten lassen sich in der Voter Turnout Database des International Institute for Democracy and Electoral Assistance abrufen (www.idea.int/vt/).2 Elisabeth Noelle-Neumann: Der Mythos vom Nichtwähler. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. März 1994: S. 5.Weil Angehörige einkommens- und bildungsschwacher Schichten immer weniger wählengehen, steigt die politische Ungleichheit in Deutschland. Der Trend einer sozial gespalte-nen Demokratie verfestigt sich, auch im Bundestagswahljahr 2013.
  10. 10. Der Unterschied in der Wahlbeteiligung zwischen den sozialen Schichten hat spätestens seit Endeder 1990er Jahre deutlich zugenommen. So kamen unter anderem in jüngerer Zeit sowohl dasWissenschaftszentrum Berlin (WZB) als auch die Otto-Brenner-Stiftung, beide im Wesentlichenauf der Grundlage der regelmäßig durchgeführten „Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozi-alwissenschaften“ (ALLBUS), zu dem Schluss, dass die soziale Selektivität bei der Beteiligungan politischen Prozessen, vor allem der Wahlbeteiligung, zunimmt.3Armin Schäfer vom KölnerMax-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung sieht durch die sozial selektiv sinkende Wahlbe-teiligung, „das Versprechen der Demokratie, alle Interessen gleich zu berücksichtigen“ gefährdet.4In den Daten des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt sich die gleiche Tendenz: Im Wahljahr 1998gaben in einer Allensbacher Repräsentativumfrage unmittelbar nach dem Wahltermin 98 Prozent derBefragten aus der obersten Einkommensschicht an, sie hätten sich an der vorangegangenen Bundes-tagswahl beteiligt.5 Unter den Befragten aus der untersten Einkommensschicht waren es 90 Prozent.2009 war der Anteil derjenigen, die sagten, sie wären zur Wahl gegangen, bei der obersten Einkom-mensschicht nur geringfügig auf 95 Prozent gesunken, bei der untersten Einkommensschicht jedochauf 76 Prozent. In nur einem Jahrzehnt hatte sich der Abstand zwischen den beiden Gruppen von 8 auf19 Prozentpunkte vergrößert, im Vergleich zu 1972 sogar von 5 auf 19 Prozentpunkte (Abbildung 1).Im Fokus: Die Gespaltene Demokratie3 Wolfgang Merkel, Alexander Petring: Politische Partizipation und demokratische Inklusion. In: Tobias Mörschel, Christian Krell (Hrsg.): Demokratiein Deutschland. Zustand – Herausforderungen – Perspektiven. Wiesbaden: Springer VS 2012: S. 93–119. Sebastian Bödeker: Soziale Ungleichheit undpolitische Partizipation in Deutschland. OBS-Arbeitspapier Nr. 1. Frankfurt: Otto Brenner Stiftung 2012.4 Armin Schäfer: Die Folgen sozialer Ungleichheit für die Demokratie in Westeuropa. In: Zeitschrift für Vergleichende Politische Wissenschaft. 2010/4: S.131–1565 Es ist zu beachten, dass in Nachwahlbefragungen die Wahlbeteiligung regelmäßig höher liegt als die tatsächlich realisierte Wahlbeteiligung, da einzelneBefragte aus gefühltem sozialem Druck angeben, sie hätten gewählt.Abbildung 1: Die Wahlbeteiligung von Geringverdienern sinkt stetigQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen.Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland,Wahlberechtigte (bis 1991: Westdeutschland).92Unterste Einkommensschicht(ca. unterste 20 Prozent)2009199882Frage: „Haben Sie bei der Bundestagswahl am (...) gewählt, oder sind Sie nicht zur Wahl gegangen?“Antwort: „Ja, ich habe gewählt.“200519839081769996989596Oberste Einkommensschicht(ca. oberste 20 Prozent)2002197297Differenz 1972:5 ProzentpunkteDifferenz 2009:19 Prozentpunkte9111
  11. 11. 12Im Prinzip das gleiche Muster zeigt sich, wenn man statt der Einkommensgruppen die Schulbil-dung oder die sozioökonomische Schichtzugehörigkeit der Befragten betrachtet.6Während sich– nach eigenen Angaben – die Wahlbeteiligung der Bürger mit Abitur oder Studienabschluss inden letzten Jahrzehnten kaum verringert hat, ist sie bei den Befragten mit Hauptschulabschlussoder Mittlerer Reife deutlich rückläufig.Dieser Trend einer sozial zunehmend gespaltenen Demokratie in Deutschland scheint sich auchim Wahljahr 2013 zu verfestigen (Abbildung 2).Im Fokus: Die Gespaltene DemokratieAbbildung 2: Bundestagswahl 2013: Große Unterschiede zwischen den sozialen Schichtenbei WahlwahrscheinlichkeitQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 6064 und 11006.Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie am 22. September zur Bundestagswahl gehen?“Bestimmt zur Wahl gehen:unterste 20 Prozent Einkommensschichtoberste 20 Prozent Einkommensschicht4971EINKOMMENbis Hauptschulabschlussmit Hochschulreife/Studium5068BILDUNGuntere Schichtobere Mittelschicht/ Oberschicht3168SOZIALESCHICHT6 Die Befragten ordneten sich selbst einer sozialen Schicht zu. Zur Auswahl standen „untere Schicht“, „untere Mittelschicht“, „obere Mittelschicht“,„Oberschicht“.Wenige Monate vor der Bundestagswahl 2013 sagen 68 Prozent der Wahlberechtigten mit Abiturund/oder Studium von sich selbst, dass sie bestimmt zur Wahl gehen werden, während dies nur50 Prozent der Menschen mit Volksschul- oder Hauptschulabschluss sowie Menschen ohne Schul-abschluss sagen. Noch größer ist die Kluft zwischen den Einkommensklassen: Während in der
  12. 12. 13Im Fokus: Die Gespaltene Demokratieobersten Einkommensklasse 71 Prozent bestimmt zur Wahl gehen, liegt der Wert in der unterstenEinkommensklasse bei lediglich 49 Prozent. Am eklatantesten zeigt sich die soziale Spaltung inder Wahlabsicht zur Bundestagswahl 2013 jedoch zwischen den sozialen Schichten: Während dieWahlberechtigten der oberen Mittel- und Oberschicht zu 68 Prozent schon jetzt die Absicht hegen,bestimmt zur Wahl zu gehen, sagen dies aus der unteren Schicht nur 31 Prozent, eine Differenzalso in Höhe von 37 Prozentpunkten.Nach der vorliegenden Datenlage kann somit kein Zweifel daran bestehen, dass die Teilnahme ampolitischen Geschehen vor allem bei den unteren sozialen Schichten rückläufig ist. Menschen miteinem geringeren Bildungshintergrund, weniger Einkommen und insgesamt geringerem Sozial-status gehen weitaus weniger zur Wahl als dies Menschen mit höherer Bildung und besserem Ein-kommen tun. Dabei sind Wahlen – und zuvorderst Bundestagswahlen – das im demoskopischenSinne immer noch repräsentativste Partizipationsinstrument. Schaut man auf andere und insbe-sondere neue alternative Partizipationsformen, so überträgt sich hier die von der Bevölkerungwahrgenommene soziale Kluft noch weitaus stärker ins politische System.Zumindest für die Bundestagswahlen seit 1998 ergibt sich daraus das Bild einer zunehmend sozialgespaltenen Demokratie in Deutschland. Der Rückgang der Wahlbeteiligung ist spätestens seitEnde der 1990er Jahre vor allem darauf zurückzuführen, dass sich die einkommens- und bildungs-schwachen Schichten der Bevölkerung immer weniger an den Wahlen beteiligen. Dieser Trendscheint sich auch für die anstehende Bundestagswahl 2013 zu verfestigen.Die soziale Spaltung unserer Demokratie lässt sich zum Teil auf das soziokulturelle Umfeld unddie Werte und Einstellungen unterer sozialer Schichten zurückführen. So bewegen sich Menschenaus der unteren Schicht eher in Freundeskreisen, in denen nur eine Minderheit wählen geht, siewurden weniger im Elternhaus politisch sozialisiert als der Durchschnittsbürger und sie fühlenweniger, dass Wählen als Bürgerpflicht aufzufassen sei.7Alle drei Faktoren erweisen sich jedoch auch unabhängig von der sozialen Schicht als hoch rele-vant für die Absicht, bestimmt bei der Bundestagswahl 2013 zu wählen. So geht ein nach ver-schiedenen Merkmalen durchschnittlicher Wahlberechtigter mit einer Wahrscheinlichkeit von 77Prozent „bestimmt zur Bundestagswahl“, wenn er annimmt, dass auch in seinem Freundeskreisdie meisten an der Wahl teilnehmen.8 Hingegen sinkt diese Wahrscheinlichkeit auf lediglich 19Prozent, wenn ein Wahlberechtigter annimmt, dass auch in seinem Freundeskreis die meisten ihrStimmrecht ungenutzt lassen und sich nicht an der Wahl beteiligen.7 Für die Unterschiede zum Freundeskreis: siehe Tabelle 17, S. 45. Für die Unterschiede zum Wählen als Bürgerpflicht: siehe Tabelle 12, S. 38. Zu denUnterschieden in der politischen Sozialisation im Elternhaus: 29 Prozent in der oberen Mittel- und Oberschicht sprachen/sprechen im Elternhaus oftoder sehr oft über Politik, jedoch nur 14 Prozent in der unteren Schicht.8 Die genannten vorhergesagten Wahrscheinlichkeiten entstammen der Regressionsanalyse in Kapitel 5.
  13. 13. 14Im Fokus: Die Gespaltene DemokratieAbbildung 3: Orientierung am Umfeld – Freunde die wählen, motivieren zur StimmabgabeQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in Prozent. Methode: vorhergesagte Wahrscheinlichkeiten aus logistischer RegressionBasis: Bundesrepublik Deutschland,Wahlberechtigte.Anteil der Freunde, die wählen gehendie meisten775219Konfidenzintervalle (95 %)etwa die Hälfte nur eine MinderheitWahrscheinlichkeit,„bestimmt zurBundestagswahl 2013zu gehen“0102030405060708090100Abbildung 4: Sozialisation im Elternhaus – Gespräche über Politik wirken nachQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Basis: Bundesrepublik Deutschland,Wahlberechtigte.Wurde/wird im Elternhaus über Politik gesprochensehr oft917955oft ab und zu kaum, gar nicht010203040506070809010059Angaben in Prozent. Methode: vorhergesagte Wahrscheinlichkeiten aus logistischer RegressionKonfidenzintervalle (95 %)Wahrscheinlichkeit,„bestimmt zurBundestagswahl 2013zu gehen“
  14. 14. 15Fast ebenso stark differenziert die individuelle Wahlwahrscheinlichkeit mit der im eigenen Eltern-haus erfahrenen politischen Sozialisation. Wurde im Elternhaus sehr oft über Politik gesprochen,liegt die Wahrscheinlichkeit der eigenen Wahlbeteiligung bei 91 Prozent. Wurde im Elternhauskaum oder gar nicht über Politik gesprochen, sinkt die Wahlwahrscheinlichkeit auf 55 Prozent.Auch das Empfinden des eigenen Wahlrechts als eine demokratische Bürgerpflicht erweist sichals eine wichtige Determinante der individuellen Wahlabsicht. Sieht ein durchschnittlicher wahl-berechtigter Bürger sein Wahlrecht als demokratische Pflicht eines guten Bürgers an, liegt dieWahrscheinlichkeit seiner Stimmabgabe bei 74 Prozent, während sie auf lediglich 39 Prozentsinkt, wenn das gleiche Individuum die Auffassung vertritt, dass es nicht zu den Pflichten einesguten Bürgers gehöre, sein Wahlrecht auch tatsächlich auszuüben.Zusammenfassend bestätigen auch die individuellen Wahlwahrscheinlichkeiten den Gesamtbe-fund einer zunehmend sozial gespaltenen Demokratie in Deutschland, in der sich die Wahlbeteili-gung nach sozioökonomischen und soziokulturellen Faktoren zunehmend ungleich entwickelt. Dieeinkommens- und bildungsschwachen Schichten beteiligen sich zunehmend weniger an Wahlen,eine Entwicklung, die sich durch soziokulturelle Einstellungsfaktoren sowie familiäre und sonstigeUmfeldfaktoren der politischen Sozialisation noch zu verstärken scheint. Die vorliegenden Datenstützen wenige Monate vor der Bundestagswahl die Vermutung, dass sich diese soziale Spaltungder Demokratie in Deutschland auch bei der anstehenden Bundestagswahl 2013 zeigen wird.Im Fokus: Die Gespaltene DemokratieAbbildung 5: Wählen als Bürgerpflicht – Wer sich verpflichtet fühlt, wird bestimmt wählenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Basis: Bundesrepublik Deutschland,Wahlberechtigte.Ist Wählen gehen eine Bürgerpflicht?Ja7439Nein0102030405060708090100Angaben in Prozent. Methode: vorhergesagte Wahrscheinlichkeiten aus logistischer RegressionKonfidenzintervalle (95 %)Wahrscheinlichkeit,„bestimmt zurBundestagswahl 2013zu gehen“
  15. 15. 161. Der Mythos von der Demokratieverdrossenheit1. Der Mythos von der Demokratieverdrossenheit Der Unterschied in der Wahlbeteiligung zwischen den sozialen Schichten hat spätestens seit Endeder 1990er Jahre deutlich zugenommen. Woran liegt das? Und welche Auswirkungen hat derRückzug von Teilen der Gesellschaft auf das Bild der Demokratie als Ganzes? Schaut man sich dieTrendentwicklung bei Fragen zur Zufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland in den letztenzwei Jahrzehnten an, dann stellt man fest, dass trotz der vielfach beschriebenen wiederkehrendenWellen von Parteienverdrossenheit eine grundsätzliche Abwendung vom politischen System nichtzu erkennen ist.Eher zeigt sich das Gegenteil. Der Anteil derjenigen, die sagen, sie seien mit der Demokratie inder Bundesrepublik Deutschland einigermaßen zufrieden oder sogar sehr zufrieden, ist in denJahren seit 2003 von 67 Prozent auf 83 Prozent gestiegen. Die Zahl derer, die sich ausdrücklichunzufrieden äußern, hat sich von 29 auf elf Prozent um fast zwei Drittel verringert (allerdingsschwanken die Anteile recht stark, Abbildung 6).Abbildung 6: Zufriedenheit mit der DemokratieQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 5180, 7097, 10033, 10049 und 11006.Angaben in Prozent / an 100 fehlende Prozent: „Weiß nicht“ oder keine AngabeBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.„sehr zufrieden“2013Frage: „Wie zufrieden sind Sie im Allgemeinen mit der Demokratie in der Bundesrepublik und unserem ganzenpolitischen System?“„einigermaßen zufrieden“„nicht zufrieden“2003 2006 2009 20102956655967672413201111 1018815Die Deutschen sind, in Ost und West, zufrieden mit ihrer Demokratie. Sie sehen durch-aus Unterschiede zwischen den Parteien. Eine gefühlte wachsende soziale Ungleichheitübersetzt sich nicht in Demokratieverdruss.
  16. 16. 171. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitDabei sind die Unterschiede zwischen den Jüngeren und Älteren gering. Quer durch alle Alters-gruppen sind stets weniger als 13 Prozent unzufrieden mit der Demokratie. Die hohen Zufrieden-heitswerte mit der Demokratie und dem politischen System in Deutschland insgesamt ziehen sichdurch alle Bevölkerungsschichten. Jedoch ist der Anteil von Unzufriedenen mit 20 Prozent in derunteren sozialen Schicht mehr als dreimal so hoch ist wie in den obersten sozialen Schichten.In den neuen Bundesländern ist die Zufriedenheit mit der Demokratie besonders stark angestie-gen, so dass sich in diesem Punkt der Abstand zwischen Ost- und Westdeutschland mehr alshalbiert hat (Abbildung 7) – ein Befund, der sich gut in eine Vielzahl von Umfrageergebnissenaus der jüngeren Zeit einreiht. Diese zeigen, dass die weltanschaulichen und atmosphärischenKonflikte zwischen West- und Ostdeutschen, die das öffentliche Klima in den 1990er Jahren starkprägten, inzwischen in rascher Auflösung begriffen sind.9Abbildung 7: Zufriedenheit mit der Demokratie – Ost- und WestdeutschlandQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 5180, 7097, 10033, 10049 und 11006.Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Westdeutschland2013Frage: „Wie zufrieden sind Sie im Allgemeinen mit der Demokratie in der Bundesrepublik und unserem ganzenpolitischen System?“OstdeutschlandEs sind „sehr zufrieden“ oder „einigermaßen zufrieden“2003 2006 2009 2010477287748479456755749 Institut für Demoskopie Allensbach: Die gegenseitige Wahrnehmung Ost- und Westdeutscher und das Image ostdeutscher Hochschulen bei Abituri-enten, Studenten und Absolventen aus Westdeutschland. Ergebnisse einer Grundlagenstudie im Auftrag der Hochschulinitiative Neue Bundesländer.Allensbacher Archiv, IfD-Bericht Nr. 7834, 2013.
  17. 17. 181. Der Mythos von der Demokratieverdrossenheit10 Heribert Prantl: Warum Wähler und Parteien im Lagerdenken verharren. In: sueddeutsche.de vom 22. Januar 2013, www.sueddeutsche.de/politik/schwarz-gelb-und-rot-gruen-warum-waehler-und-parteien-im-lagerdenken-verharren-1.1580394Eine zweite Entwicklung erscheint überraschend und widerspricht einem vielfach wiederkehrendenMotiv in der öffentlichen Debatte über Politik. Die Parteien, so ist seit vielen Jahren zu vernehmen,unterschieden sich nicht mehr. Sie näherten sich mehr und mehr in ihren inhaltlichen Positionen ein-ander an, Unterscheidungs- und Konturierungsmerkmale verschwänden. Tatsächlich sind, wie Heri-bert Prantl schreibt, „politische Blöcke mit scharf getrennter Programmatik“ verschwunden.10 Fürden Wähler, so die zugrundeliegende Annahme, würde ein Wahlgang aufgrund der Austauschbarkeitder Parteien zunehmend unattraktiv und auch die Demokratie insgesamt habe darunter zu leiden.Die Zahlen sprechen hingegen eine andere Sprache. Auf die Frage „Glauben Sie, dass es zwischenden einzelnen Parteien im Bundestag große Unterschiede gibt, oder sind die Parteien im Grundegenommen alle gleich?“ antworteten im Jahr 1991, also noch vor Aufkommen der öffentlichenDiskussion um die Parteienverdrossenheit, 61 Prozent der vom Allensbacher Institut befragtenBürger, sie sähen das nicht so, es gebe durchaus Unterschiede zwischen den Parteien. Nur 31Prozent meinten, die Parteien seien doch eigentlich alle gleich. In den seither vergangenen 22 Jah-ren ist der Anteil derer, die die Parteien für austauschbar halten, nicht etwa gewachsen, wie manangesichts des Tenors der öffentlichen Diskussion der letzten Jahre vielleicht vermuten könnte,sondern erkennbar zurückgegangen. Heute halten noch 24 Prozent die Parteien für austauschbar,immerhin sieben Prozentpunkte weniger als 1991 (Abbildung 8).Abbildung 8: Sind die Parteien alle gleich?Quelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 5055, 6064 und 11006.Angaben in Prozent / an 100 fehlende Prozent: Unentschieden, keine AngabeBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.2013Frage: „Glauben Sie, dass es zwischen den einzelnen Parteien im Bundestag große Unterschiede gibt, oder sind dieParteien im Grunde genommen alle gleich?“Sind im Grunde alle gleichGibt Unterschiede1991 1998316161296524
  18. 18. 191. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitDie Zufriedenheit mit der Demokratie korrespondiert auch mit einer positiven Einschätzung vonpolitischem Engagement. Nur eine Minderheit von 27 Prozent der Bevölkerung stimmt der Aus-sage zu, es bringe nichts, sich politisch zu engagieren, da könne man als Bürger ohnehin nichtsausrichten. Eine überwältigende Mehrheit von 60 Prozent der Befragten widerspricht der Aussage(Tabelle 1), und auch die junge Generation, die sich deutlich weniger an Wahlen beteiligt als dieältere – ein Punkt, auf den im weiteren Verlauf noch ausführlicher eingegangen wird –, zeigt sichnicht resignierter als die älteren Altersgruppen (Tabelle 2).Tabelle 1: Nur ein Viertel sagt, politisches Engagement sei sinnlosQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn jemand sagt: Es bringt nichts, sich politisch zu engagieren. Da kann man als Bürger ohnehin nichtsausrichten. Würden Sie dem zustimmen, oder sehen Sie das nicht so?“ZustimmenSehe das nicht soKeine Angabe2760131001.5482662121001.122BevölkerunginsgesamtWest-deutschland295417100426Ost-deutschlandn =Tabelle 2: Keine überdurchschnittliche Resignation bei der jungen GenerationQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn jemand sagt: Es bringt nichts, sich politisch zu engagieren. Da kann man als Bürger ohnehin nichtsausrichten. Würden Sie dem zustimmen, oder sehen Sie das nicht so?“ZustimmenSehe das nicht soKeine Angabe29571410027926571710033916 bis 29Jahren30 bis 44Jahren26641010041445 bis 59Jahrenn =27601310051660 Jahrenund älterBefragte im Alter von –
  19. 19. 201. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitAllerdings zeigt sich auch, dass die Angehörigen der untersten sozialen Schicht erheblich häufigerals der Durchschnitt der Bevölkerung der Aussage „Es bringt nichts, sich politisch zu engagieren.Da kann man als Bürger ohnehin nichts ausrichten“ zustimmen. Sie sagen mit einer relativenMehrheit von 45 Prozent, diese Aussage treffe auch ihre eigene Meinung – fast dreimal so vielewie in den oberen sozialen Schichten (Tabelle 3). Im Prinzip die gleichen Antwortmuster zeigensich auch bei den Reaktionen auf die Aussage „Im Prinzip ist es doch egal, welche Partei ich wähle.Meine Stimme ist doch ohnehin nicht wichtig“.Tabelle 3: In der Unterschicht sagt fast jeder Zweite „Es bringt nichts, sich politisch zu engagieren“Quelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn jemand sagt: Es bringt nichts, sich politisch zu engagieren. Da kann man als Bürger ohnehin nichtsausrichten. Würden Sie dem zustimmen, oder sehen Sie das nicht so?“ZustimmenSehe das nicht soKeine Angabe453520100106315713100800untere SchichtSoziale Schicht untere Mittelschicht187012100557obere Mittelschicht/Oberschichtn =Die Deutschen sind alles in allem zufrieden mit ihrer Demokratie. Egal ob Jung oder Alt, das poli-tische System in Deutschland findet breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Menschen mit einemgeringeren Bildungshintergrund und niedrigem Sozialstatus stimmen ebenso wie Menschen mithöherem Bildungshintergrund und größerem Einkommen in ihrer breiten Mehrheit mit dieserEinschätzung überein. Gleichwohl gibt es in dieser Frage Unterschiede zwischen den Gesell-schafts- und Bildungsschichten. Generell gilt: Je niedriger die soziale Schicht, desto größer derAnteil derjenigen, die sich mit dem Zustand der Demokratie in Deutschland unzufrieden zeigen.Woher kommt die hohe Demokratiezufriedenheit? Hängt sie mit der, gerade im europäischen Ver-gleich, guten wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands zusammen? In unserem Fall erscheintdurchaus die landläufig geteilte Position von Interesse, dass eine gewisse Zufriedenheit der Bevöl-kerung mit den wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen eher förderlich als hinderlich für einestabile Demokratie ist. Aus diesem Grund haben wir in dieser Studie nicht nur nach politischenEinstellungen und Einschätzungen gefragt, sondern auch die soziale und wirtschaftliche Situationdes Landes in den Blick genommen.
  20. 20. 211. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitAuf die Frage „Wie sehen Sie das: Sind die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland – ichmeine, was die Menschen besitzen und was sie verdienen – im Großen und Ganzen gerecht odernicht gerecht?“ antwortete in den Anfangsjahren der Bundesrepublik Deutschland stets eineknappe relative Mehrheit, die Verhältnisse seien gerecht. Etwas mehr als ein Drittel entschiedsich für die Antwort „Nicht gerecht“.Noch im Jahr 1995 zeigte sich die Bevölkerung in dieser Frage gespalten. 39 Prozent, die die Ver-hältnisse als gerecht einstuften, standen 43 Prozent gegenüber, die sie als nicht gerecht bezeich-neten. Seitdem ist jedoch die Zahl derjenigen, die die wirtschaftlichen Verhältnisse als ungerechtempfinden, kontinuierlich und geradezu dramatisch gewachsen. Heute bezeichnen 68 Prozent derDeutschen die Besitz- und Einkommensverteilung im Land als ungerecht. Nur noch 18 Prozentwidersprechen (Abbildung 9).Folgerichtig vertritt auch eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung die Ansicht, die sozialeGerechtigkeit im Land habe abgenommen, und auch hier ist in den letzten Jahrzehnten eine sehrdeutliche Zunahme zu verzeichnen. Während im Jahr 1987 noch 39 Prozent der Befragten aufdie Frage „Hat die soziale Gerechtigkeit bei uns in den letzten drei, vier Jahren zugenommen,abgenommen, oder ist sie gleich geblieben?“ antworteten, sie habe abgenommen, stieg der Anteilin den darauffolgenden Jahrzehnten auf bis zu 71 Prozent. Heute liegt er mit 60 Prozent etwasunter dem Niveau der Jahre 2005 und 2010, die Mehrheitsverhältnisse sind dennoch eindeutig.Man kann es beinahe als Konsens in der öffentlichen Meinung beschreiben, dass die sozialeAbbildung 9: Wachsendes Gefühl von UngerechtigkeitQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 1092, 2052, 3112, 3064, 6017, 6087, 7076, 10048 und 11006.Angaben in Prozent / an 100 fehlende Prozent: Unentschieden, keine AngabeBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre (1964 bis 1979:Westdeutschland).Gerecht2013Frage: „Wie sehen Sie das: Sind die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland – ich meine, was die Menschenbesitzen und was sie verdienen – im Großen und Ganzen gerecht oder nicht gerecht?Nicht gerecht1964 1969 1975 1979 1995 2000 2005 2009434246503539212718685852474336363738
  21. 21. 221. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitGerechtigkeit abnimmt. Der Gedanke, dass es im Bereich der sozialen Gerechtigkeit in Deutschlandin den letzten Jahren vielleicht Fortschritte gegeben haben könnte, kommt praktisch nicht auf. Ihnäußern seit zwei Jahrzehnten stets weniger als zehn Prozent der Bevölkerung (Abbildung 10).Abbildung 10: Soziale Gerechtigkeit125 7 83 4607171565539Quelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 1092, 2052, 3112, 3064, 6017, 6087, 7076, 10048 und 11006.Angaben in Prozent / an 100 fehlende Prozent: „Gleich geblieben“ oder unentschiedenBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre (1964 bis 1979:Westdeutschland).Zugenommen2013Frage: „Was meinen Sie: Hat die soziale Gerechtigkeit bei uns in den letzten drei, vier Jahren zugenommen,abgenommen oder ist sie gleich geblieben?“Abgenommen1987 1995 2000 2005 2010In die gleiche Richtung deuten trotz zwischenzeitlich größerer Schwankungen auch die Antworten aufeine weitere Trendfrage, die vor allem bei Grundlagenuntersuchungen zum gesellschaftlichen Wertder Freiheit von großer Bedeutung ist.11 Sie lautet: „Zwei Männer12 unterhalten sich über das Leben.Der Erste sagt: ‚Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer sich heute wirklich anstrengt, der kann es auchzu etwas bringen.‘ Der Zweite sagt: ‚Tatsächlich ist es so, dass die einen oben sind, und die anderensind unten und kommen bei den heutigen Verhältnissen auch nicht hoch, so sehr sie sich auch anstren-gen.‘ Was würden Sie persönlich sagen: Wer von beiden hat eher recht, der Erste oder der Zweite?“Die Frage ist hier deswegen von Interesse, weil sie einen Indikator dafür bietet, in welchem Maßedie Bevölkerung sich den Begrenzungen ihrer materiellen Lebensumstände wehrlos ausgesetztund damit letztlich hilflos fühlt. Denn genau die Annahme, eine wachsende Frustration ange-sichts der eigenen unbefriedigenden sozialen Lage und mangelnder Partizipationsmöglichkeiten,ist oft der Kern der These der sozialen Ursachen wachsender Wahlenthaltung. Mehr noch: DieFrage einer möglichen Politik- oder Demokratieverdrossenheit scheint in der öffentlichen Debatteuntrennbar mit der Wahrnehmung der sozialen Situation in Deutschland verbunden.11 Vgl. hierzu: Thomas Petersen: Die Einstellung der Deutschen zum Wert der Freiheit. In: Ulrike Ackermann (Hrsg.): Freiheitsindex Deutschland 2011.Frankfurt: Humainties Online 2012: S. 17-56. Dort S. 33–35.12 Bei weiblichen Befragten heißt es: „Zwei Frauen...“
  22. 22. 231. Der Mythos von der DemokratieverdrossenheitDie Antworten auf die Frage, ob jeder Mensch seines Glückes Schmied sei, zeigt über lange Sichtgesehen einen durchaus klaren Trendverlauf. Die Zahl derjenigen Befragten, die der Ansicht sind,jeder Mensch sei seines Glückes Schmied, schwankte zwar in den letzten Jahren erheblich, dochalles in allem hat er vor allem in jüngerer Zeit deutlich abgenommen. Daher überwiegt in der aktu-ellen Befragung zum ersten Mal in Deutschland insgesamt der Anteil derjenigen, die die These,jeder sei seines Glückes Schmied, zurückweisen und stattdessen sagen, wer sich am unteren Endeder Gesellschaft befinde, habe keine Chancen, aufzusteigen (Abbildung 11).Es kann nicht die Aufgabe der vorliegenden Untersuchung sein, die Ursache für diese veränderteWahrnehmung der sozialen Verhältnisse in Deutschland im Detail zu ergründen. Entscheidendist, dass die soziale Lage im Land von der Bevölkerung als zunehmend ungerecht empfundenwird, dass der Glaube an die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs schwindet, und es sich dabeinicht um marginale, son¬dern um massive Veränderungen der Einschätzungen handelt. Umsoerstaunlicher: Diese fundamentale Unzufriedenheit der Menschen überträgt sich nicht auf ihreDemokratiewahrnehmung und -zufriedenheit. Die Deutschen sind nicht dank der wirtschaftlichenund sozialen Lage im Land zufrieden mit der Demokratie. Eher das Gegenteil ist der Fall: Sie sindtrotz der wahrgenommenen Ungleichheiten bereit, dem politischen System in Deutschland undseiner Demokratie großes Vertrauen entgegenzubringen. Eine wachsende soziale Unzufriedenheitüber die sozialen Verhältnisse hat derzeit nicht das Potenzial, die positive Grundeinstellung derDeutschen gegenüber der Demokratie grundsätzlich zu ändern.Abbildung 11: Sinkendes Vertrauen in die Kraft des EinzelnenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 082, 1082, 3018, 3082, 4045, 6028, 7017, 7065, 10063 und 11006.Angaben in Prozent / an 100 fehlende Prozent: UnentschiedenBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre (1955 bis 1985:Westdeutschland).„Jeder ist seines Glückes Schmied“20131996 2002 2005 2010Frage: „Zwei Männer/Frauen unterhalten sich über das Leben. Der/die Erste sagt: Jeder ist seines Glückes Schmied.Wer sichheute wirklich anstrengt, der kann es auch zu etwas bringen. Der/die Zweite sagt: Tatsächlich ist es so, dass die einenoben sind, und die anderen sind unten und kommen bei den heutigen Verhältnissen auch nicht hoch, so sehr sie sichauch anstrengen. Was würden Sie persönlich sagen:Wer von beiden hat eher recht – der/die Erste oder der/die Zweite?“„Die einen sind oben, die anderen unten“1955 1963 1975 1980 1985625362 6147494352483842363831402923272535
  23. 23. 242. Geringes Politikinteresse der Jüngeren2. Geringes Politikinteresse der JüngerenEine der Kategorien, die besondere Aufmerksamkeit verdient, wenn es darum geht, die Motive derWahlbeteiligung zu untersuchen, ist das Interesse an Politik. Ob sich jemand für Politik interes-siert oder nicht, ist von einer Vielzahl von Faktoren abhängig, die auch mit der Wahlbeteiligungverknüpft sind. Das Interesse an Politik ist damit kein von den anderen Einflussfaktoren derWahlbeteiligung losgelöstes Kriterium, sondern ein Faktor von vielen in dem komplexen Geflechtder sich gegenseitig beeinflussenden Motivationen. Es kann allerdings kaum bestritten werden,dass es sich um eine wesentliche Kategorie handelt. Die Feststellung, dass sich Menschen, diesich für Politik interessieren, auch mit größerer Wahrscheinlichkeit an Wahlen beteiligen, ist eineBanalität. Der Zusammenhang ist jedoch so außerordentlich stark, dass er dennoch Aufmerksam-keit verdient. In der vorliegenden Untersuchung wurden die wahlberechtigten Befragten gebe-ten anzugeben, wie wahrscheinlich es ist, dass sie bei der kommenden Bundestagswahl am 22.September 2013 zur Wahl gehen. Von den politisch Interessierten sagten 76 Prozent, dass sie imSeptember „bestimmt“ zur Wahl gehen werden, unter denjenigen, die sich „nicht besonders“ oder„gar nicht“ politisch interessiert zeigten, machten nur 36 Prozent die gleiche Angabe (Tabelle 4).Tabelle 4: Politisches Interesse und WahlbeteiligungQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in Prozent / x = weniger als 0,5 ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn Wahlen stattfinden, geben viele Leute ihre Stimme ab, andere kommen nicht dazu, ihre Stimmeabzugeben, oder nehmen aus anderen Gründen nicht an der Wahl teil. Sagen Sie mir bitte, wie wahrscheinliches ist, dass Sie am 22. September zur Bundestagswahl gehen.Werden Sie ...„bestimmt zur Wahl gehen“„wahrscheinlich zur Wahl gehen“„vielleicht zur Wahl gehen“Weiß nicht,keine Angabe762121x100819politisch interessiert sind363319102100669nicht besonders oder gar nichtpolitisch interessiert sindn =Wahlberechtigte,die …„wahrscheinlich/bestimmt nicht zur Wahl gehen“Das Interesse der Deutschen an Politik erodiert nicht. Doch schon heute ist absehbar,dass die jüngere Generation auch in Zukunft die Politik weniger spannend findet – undWahlen eher fernbleibt als frühere Generationen.
  24. 24. 252. Geringes Politikinteresse der JüngerenUnter den vielen in dieser Studie untersuchten möglichen Einflussgrößen auf die Wahlbeteiligunggibt es nur eine weitere, nämlich das Wahlverhalten des persönlichen Umfeldes (siehe fünftesKapitel), die noch stärker „differenziert“, bei der sich also die Angehörigen der verschiedenenVergleichsgruppen noch stärker in ihrer Wahlabsicht voneinander unterscheiden.Deswegen ist es als bemerkenswert festzuhalten, dass das generelle politische Interesse der Bevöl-kerung, anders als die Wahlbeteiligung, in den letzten Jahrzehnten nicht zurückgegangen ist. DerAnteil derjenigen, die auf die Frage „Interessieren Sie sich für Politik?“ mit „Ja“ antwortet, stiegim Verlauf der 1960er Jahre deutlich von etwa einem Drittel der Westdeutschen bis auf rund dieHälfte der Bevölkerung. Im Jahr 1983 wurde zum ersten Mal die 50-Prozent-Marke überschritten.Seitdem haben sich die Werte auf diesem Niveau gehalten (Abbildung 12).Abbildung 12: PolitikinteresseQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen, zuletzt 11006.Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre (1961 bis 1987:Westdeutschland).2013200219981983 200919871973 2005199419901977 1980196919651961Frage: „Interessieren Sie sich für Politik?“Antwort: „Ja!“483148 47 495348454935435048 4853Von einer generellen Erosion des Politikinteresses ist auf den ersten Blick nichts zu erkennen.Allerdings sagen junge Befragte unter 30 Jahren nur zu 34 Prozent, dass sie sich für Politik inter-essieren, während dies auf 53 Prozent der Gesamtbevölkerung zutrifft. Menschen mit Volks- oderHauptschulabschluss interessieren sich deutlich weniger für Politik als Befragte mit Abitur odereinem abgeschlossenen Hochschulstudium (47 zu 61 Prozent).
  25. 25. 262. Geringes Politikinteresse der JüngerenDennoch: Insgesamt betrachtet ist das politische Interesse in der gesamten Bevölkerung in denletzten vier Jahrzehnten stabil geblieben. Gleichwohl gibt es aber Gründe dafür anzunehmen,dass es in den kommenden Jahrzehnten rückläufig sein wird. Das hat allerdings nichts mit derviel diskutierten Politikverdrossenheit zu tun. Stattdessen gibt es deutliche Hinweise darauf, dassPolitikinteresse auch etwas mit einer generationenspezifischen Prägung zu tun hat.Wie bereits angesprochen, zeigt sich die junge Generation heute deutlich weniger stark an Poli-tik interessiert als die ältere – eine relativ neue Entwicklung. Vor vier Jahrzehnten war es nochumgekehrt. Damals waren es die 60-jährigen und älteren Befragten, die das geringste Interessean Politik zeigten. Dasselbe lässt sich übrigens auch bei der Wahlbeteiligung konstatieren: Bei derBundestagswahl 1969 war die Wahlbeteiligung unter den 60-Jährigen und Älteren noch geringerals bei allen anderen Altersgruppen. Heute sind die Älteren die verlässlichsten Wähler (Abbildung13).Abbildung 13: Wahlbeteiligung nach AlterQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen.Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland,Wahlberechtigte (1957 bis 1987:Westdeutschland).60-Jährige und Ältere30- bis 44-Jährige20091983 1994Frage: „Haben Sie bei der Bundestagswahl am (...) gewählt, oder sind Sie nicht zur Wahl gegangen?“Antwort: „Ja, ich habe gewählt.“45- bis 59-Jährige20021972Unter-30-Jährige90929096928595929693909197968682 80959395Die hinter dieser Entwicklung liegenden Strukturen lassen sich mithilfe einer sogenannten„Kohorten-Analyse“ sichtbar machen. Eine Kohorten-Analyse ist eine im Prinzip simple Auswer-tung, bei der man das Verhalten einer bestimmten Generation über Jahrzehnte hinweg verfolgt. Imvorliegenden Fall wurde das Wahljahr 1969 als Startpunkt verwendet, weil seitdem die Frage nachdem Politikinteresse regelmäßig und auch in den meisten Wahljahren gestellt wurde.
  26. 26. 272. Geringes Politikinteresse der JüngerenIn den repräsentativen Bevölkerungsumfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach werdendie Befragten aus pragmatischen Gründen in vier Gruppen unterteilt, von denen die unterste 14,und die beiden mittleren jeweils 15 Jahrgänge umfassen. Verfolgt man das Antwortverhalten die-ser Altersgruppen in Abständen von jeweils 15 Jahren, kann man die betreffenden Generationenin ihrem Lebenslauf gleichsam begleiten: Diejenigen, die im Jahr 1969 der Gruppe der 16- bis29-Jährigen angehörten, waren vierzehn Jahre später, im Wahljahr 1983, 30 bis 44 Jahre alt, undweitere 15 Jahre später, 1998, 45 bis 59 Jahre alt. Heute, wiederum 14 Jahre danach, gehörensie fast vollständig zur Gruppe der 60-Jährigen und Älteren. Wenn man also die Messzeitpunkterichtig setzt, kann man die Unter-30-Jährigen von einem Zeitpunkt mit den 30- bis 44-Jährigeneineinhalb Jahrzehnte später vergleichen, denn es handelt sich dabei um die gleichen Personen(wenn natürlich auch nicht um dieselben Befragten).Tabelle 5 zeigt das Ergebnis einer solchen Kohorten-Analyse in Bezug auf die Frage nach dem Poli-tikinteresse. Die Tabelle ist, anders als normale Prozenttabellen, diagonal zu lesen, wie die Stricheim Zahlenblock andeuten. Man erkennt zunächst, dass das Interesse an Politik bei den meistenMenschen im Laufe des Lebens zunimmt. Diejenigen, die im Jahr 1969 16 bis 29 Jahre alt waren,sagten damals zu 41 Prozent, sie interessierten sich für Politik. 1983 war der Anteil auf 57 Prozentangestiegen, heute liegt er bei derselben Alterskohorte bei 64 Prozent. Das gleiche Grundmusterist auch bei den 15 und 30 Jahre jüngeren Befragten zu beobachten.Tabelle 5: Politikinteresse – Kohortenanalyse 1969-2013Quelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 2052, 4022, 6055 und 11006.Angaben in ProzentpunktenBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre (1969 und 1983:Westdeutschland).Frage: „Interessieren Sie sich für Politik?Antwort: „Ja”41414332475758531969 198329475351199835485664201316- bis 29-Jährige30- bis 44-Jährige45- bis 59-Jährige60-Jährige und Ältere
  27. 27. 282. Geringes Politikinteresse der JüngerenDas Interesse an Politik ist stets auch von der jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Situa-tion zu einem bestimmten Zeitpunkt abhängig. So ist es sicherlich kein Zufall, dass 1990, also imJahr der deutschen Einheit, der Anteil derjenigen, die sich an Politik interessiert zeigten, besondersgroß war. Um den Einfluss der Generationenprägung auf das Politikinteresse zu verdeutlichen, istes also sinnvoll, konjunkturell bedingte Schwankungen herauszurechnen. Dies kann durch eineIndizierung der Ergebnisse, wie in Tabelle 6 dargestellt, geschehen. Hier wurde für jedes Jahr derProzentsatz derer, die sich für Politik interessierten, bei der Generation, in der dies die meistenvon sich sagen, mit hundert festgelegt. Die Antworten aller anderen Altersgruppen wurden hierzuin Beziehung gesetzt.Wenn also heute der Indexwert bei den 60-jährigen und älteren Befragten 100, bei den Unter-30-Jährigen dagegen 55 beträgt, dann bedeutet das, dass das politische Interesse bei der jungenGeneration nur etwas mehr als halb so groß ist wie bei der älteren Generation – unabhängigdavon, wie hoch das Gesamtniveau des politischen Interesses derzeit ist.Tabelle 6 zeigt, dass die Kohorte derjenigen, die 1969 unter 30 Jahre alt waren, in all ihren Lebens-phasen ein außerordentlich großes Interesse an Politik zeigte. Sie begann vor 44 Jahren mit einemIndexwert von 95, war also damals fast ebenso stark an Politik interessiert wie die damaligeAltersgruppe der 45- bis 59-Jährigen, die das größte Interesse zeigte und damit den Indexwert 100zugewiesen bekam. 14 Jahre später wies diese Alterskohorte den Wert 98 auf; 1998 und 2013 istsie die Gruppe, die das größte politische Interesse zeigt.Ähnliche Werte finden sich auch bei denen, die 1969 der Gruppe der 30- bis 44-Jährigen angehör-ten. Die etwas Jüngeren dagegen, die 1983 unter 30 Jahre alt waren, starteten ihre Entwicklungbereits von einem deutlich niedrigeren Niveau: Ihr Indexwert betrug damals 81. In den folgen-den Jahrzehnten wuchs zwar das politische Interesse dieser Generation, erreichte aber nicht dasNiveau derjenigen, die 15 oder 30 Jahre älter sind. Das Gleiche ist noch ausgeprägter bei denjeni-gen zu beobachten, die 1998 unter 30 Jahre alt waren. 
  28. 28. 292. Geringes Politikinteresse der JüngerenDas bedeutet, dass wir derzeit in Deutschland wahrscheinlich ein Niveau des politischen Inter-esses – und damit zumindest potenziell mittelbar auch der politischen Partizipation – erreichthaben, das in den kommenden Jahrzehnten kaum zu halten sein wird. Die Gegenwart und auchdie vergangenen drei Jahrzehnte sind und waren von Generationen geprägt, die außerordentlichstark politisch orientiert waren. Es handelt sich um die Generation derer, die das Dritte Reich alsKinder, die Gründerjahre der Bundesrepublik als junge Leute erlebten, sowie um ihre Kinder,die als protestierende „68er-Generation“ in die Zeitgeschichte eingingen. Diese stark politisiertenGenerationen nähern sich ganz allmälich dem Ende ihres Lebenszyklus. Ihre Kinder und Enkelsind offensichtlich weitaus weniger stark auf politische Fragen konzentriert.Man kann diese Entwicklung, je nach eigener politischer Prägung und eigenem Demokratieideal,begrüßen oder bedauern. Doch es ist wichtig, sie zur Kenntnis zu nehmen, denn sie bedeutetauch, dass eine sinkende Wahlbeteiligung und sinkende sonstige politische Partizipation nichtzwangsläufig etwas mit sinkender Demokratiezufriedenheit zu tun haben müssen. Zumal dieGeneration der heute unter 45-Jährigen ja nicht weniger zufrieden mit der Demokratie ist als dieälteren Bürger. Die außerordentlich starke politische Aktivität, die sich in der BundesrepublikDeutschland in den letzten Jahrzehnten unter anderem auch in einer im internationalen Vergleichbemerkenswert hohen Wahlbeteiligung niederschlug, ist offensichtlich zu einem erheblichen Teildas Kennzeichen einer spezifischen Generation. Das heißt auch, dass Vergleiche heutiger Wahlbe-teiligungen mit denen der 1970er und 1980er Jahre in die Irre führen. Angesichts dieser BefundeTabelle 6: Kohortenanalyse: IndexwerteQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 2052, 4022, 6055 und 11006.Angaben in Indexwerten: Ergebnis der Altersgruppe mit dem größten Politikinteresse = 100Basis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre (1969 und 1983:Westdeutschland).Frage: „Interessieren Sie sich für Politik?Antwort: „Ja”9595100748198100911969 19835589100961998557588100201316- bis 29-Jährige30- bis 44-Jährige45- bis 59-Jährige60-Jährige und Ältere
  29. 29. 302. Geringes Politikinteresse der Jüngerenist es nicht gewagt anzunehmen, dass in den kommenden Jahrzehnten die Wahlbeteiligung inDeutschland weiter sinken wird – ohne dass die Zufriedenheit mit dem demokratischen System invergleichbarer Weise zurückgehen wird.Tabelle 7: Absicht, wählen zu gehen – AltersgruppenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in Prozent der WahlberechtigtenBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn Wahlen stattfinden, geben viele Leute ihre Stimme ab, andere kommen nicht dazu, ihre Stimmeabzugeben, oder nehmen aus anderen Gründen nicht an der Wahl teil. Sagen Sie mir bitte, wie wahrscheinlich esist, dass Sie am 22. September zur Bundestagswahl gehen.Werden Sie ...“„bestimmt zur Wahl gehen“„wahrscheinlich zur Wahl gehen“„vielleicht zur Wahl gehen“Weiß nicht,keine Angabe3835198x10023157299411003336025105x1004126422752100512n =„wahrscheinlich/bestimmt nicht zur Wahl gehen“16 bis 29Jahren30 bis 44Jahren45 bis 59Jahren60 Jahrenund älterBefragte im Alter von –Ein zweiter Aspekt spricht für eine weiter zurückgehende Wahlbeteiligung. Aufschlussreich ist,dass die Wahlabsicht unter den Deutschen mit Migrationshintergrund geringer ist als unter denen,die deutsche Vorfahren haben. Letztere wollen zu 58 Prozent „bestimmt“ an der Wahl teilnehmen,Erstere zu 44 Prozent (Tabelle 8). Man kann darüber spekulieren, ob sich hier in der Hauptsacheeine Rolle spielt, dass der Anteil der Einwanderer und ihrer Familien an der Gesamtbevölkerungin den unteren sozialen Schichten größer ist als in den oberen, oder ob sich hier nicht ein gewisserkultureller Faktor niederschlägt.Es erscheint durchaus möglich, dass jemand, der in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in derwählen gehen eine Selbstverständlichkeit für praktisch jeden Bürger war, auch für sich selbstdie Beteiligung an einer Wahl als selbstverständlich ansieht, während dies vielen Menschen, dieselbst bzw. deren Familien aus einem anderen Land eingewandert sind, als weniger zwingenderscheinen könnte. Würde diese Vermutung sich in ausführlicheren Untersuchungen bestätigen,so könnte man auch aus diesem Grund für die nähere Zukunft mit weiter sinkenden Wahlbeteili-gungen rechnen, weil der Anteil der Deutschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevöl-kerung zunehmen wird.
  30. 30. 312. Geringes Politikinteresse der JüngerenWährend sich wie dargestellt (Bezug auf Abbildung 12) das Interesse der Bevölkerung an Politikbisher nicht verringert hat, zeigen die Antworten auf eine Frage, bei der ausdrücklich nach demInteresse an Bundestagswahlen gefragt wird, ein ganz anderes Bild: 1983 sagten noch 49 Prozentder Deutschen, dass sie sich für die damals anstehende Bundestagswahl interessierten, heutegeben noch etwas mehr als die Hälfte, 26 Prozent, diese Antwort (Abbildung 14).Es ist offensichtlich, dass sich das Interesse an Politik allgemein und das spezifische Interessean Bundestagswahlen auseinanderbewegen. Damit ist auch klar, dass die eben beschriebenengenera-tionsspezifischen Verhaltensmuster bei weitem nicht ausreichen, um die zurückgehendeWahlbeteiligung zu erklären, zumal die Folgen der unterschiedlichen politischen Prägung derGenerationen vermutlich erst in den kommenden Jahrzehnten deutlich sichtbar werden.Anscheinend werden bBei den Fragen nach dem politischen Interesse allgemein und dem Inter-esse an den Bundestagswahlen zwei verschiedene Arten des Interesses sichtbar. Auf den erstenBlick könnte man meinen, dass beides eng miteinander zusammenhängt. Tatsächlich ergeben sichin der Detailanalyse der Frage nach dem Interesse an Bundestagswahlen ähnliche Strukturen wiebei der Frage nach dem allgemeinen Politikinteresse. So zeigen sich auch hier die Jungen deutlichweniger stark interessiert als die Älteren (Tabelle 9) unddie unterste soziale Schicht ist deutlichweniger stark interessiert als die oberen Schichten, wenn der Unterschied auch etwas wenigerstark ist wie bei vielen anderen Fragen zur politischen Partizipation (Tabelle 10). Dennoch zeigenTabelle 8: Zuwanderer wählen seltenerQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn Wahlen stattfinden, geben viele Leute ihre Stimme ab, andere kommen nicht dazu, ihre Stimmeabzugeben, oder nehmen aus anderen Gründen nicht an der Wahl teil. Sagen Sie mir bitte, wie wahrscheinlich esist, dass Sie am 22. September zur Bundestagswahl gehen.Werden Sie ...“„bestimmt zur Wahl gehen“„wahrscheinlich zur Wahl gehen“„vielleicht zur Wahl gehen“Weiß nicht,keine AngabeWahlberechtigte4437145x100104mit Migrations-hintergrund582610511001.384ohne Migrations-hintergrundn =„wahrscheinlich/bestimmt nicht zur Wahl gehen“
  31. 31. 322. Geringes Politikinteresse der Jüngerendie unterschiedlichen Trendverläufe, dass eine weitere Variable im Spiel sein muss. Interessantist dabei insbesondere die Frage, inwieweit sich in den letzten Jahrzehnten gesellschaftliche Werteund Normen in einer Art und Weise verändert haben, die das Wahlverhalten beeinflussen könnten.Abbildung 14: Interesse an der BundestagswahlQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen, zuletzt 11006.Aug.1969Okt.1972Aug.1976Aug./Sept.1980Jan.1983Nov.1986Aug.1990Feb./März1994Mai/Juni1998Feb.2002Juli2005Juli2009März/April2013Angaben in Prozent / an 100 fehlende Prozent: „Normal interessiert“ oder keine AngabeBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre (1969 bis 1990:Westdeutschland).Stark interessiertFrage: „Würden Sie sagen, dass Sie an der kommenden Bundestagswahl stark interessiert sind, normal oder weniger?Weniger interessiert423153494434 2840261712171422151113104135321738182015Tabelle 9: Interesse an der Bundestagswahl – AltersgruppenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Würden Sie sagen, dass Sie an der kommenden Bundestagswahl stark interessiert sind, normal oder wenigerinteressiert?“Stark interessiertNormalWeniger interessiert15533210027924601610033916 bis 29Jahren30 bis 44Jahren26611310041445 bis 59Jahrenn =34551110051660 Jahrenund älterBefragte im Alter von –
  32. 32. 332. Geringes Politikinteresse der JüngerenDie gegenwärtig sinkende Wahlbeteiligung lässt sich jedenfalls mit einer generell wachsendenUnlust der Bevölkerung, sich mit Politik zu befassen, nicht erklären.Fragt man diejenigen, die angeben, sich „nicht besonders“ oder „gar nicht“ für Politik zu interessie-ren, warum sie dieses Thema nicht so sehr beschäftigt, erhält man sehr aufschlussreiche Antwor-ten. Generell ist zu solchen Warum-Fragen zu sagen, dass sie erfahrungsgemäß keine verlässlichenInformationen über die tatsächlichen Handlungsmotive der Bevölkerung erbringen. Man erhält eherAufschluss über die verbreitetsten Rechtfertigungs- und Selbstrechtfertigungsmuster, denn in vielenFällen sind die tatsächlichen Motivationsstrukturen den Befragten selbst nicht oder nur teilweisebewusst. Hinzu kommt das Bestreben, Dritten, und damit auch den Interviewern gegenüber, einemöglichst gute Figur zu machen.13Zwar sind – zum Glück für die Umfrageforschung – Fälle, in denen die Befragten bewusst dieUnwahrheit sagen, sehr selten.14 Doch gerade bei Themen, bei denen sich die Befragten unter Druckfühlen könnten, weil sie mit ihrem Verhalten oder ihren Einstellungen gegen allgemein akzeptiertesoziale Normen verstoßen, kann die direkte Warum-Frage zu erheblich verzerrten Antworten führen.Doch diese Problematik spielt hier eine untergeordnete Rolle. Da es sich bei der oft angenommenenAbwendung der Bürger von der Politik infolge sozialer Frustration um einen demonstrativen Akthandelt, mit dem der Bürger seinem Ärger öffentlich Ausdruck geben will, müssten Verweise aufden Verdruss über das politische oder soziale System des Landes auch bei den Rechtfertigungen derpolitisch Desinteressierten eine zentrale Rolle einnehmen, wenn diese These zutreffen soll.Tabelle 10: Interesse an der Bundestagswahl nach sozialer SchichtQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Würden Sie sagen, dass Sie an der kommenden Bundestagswahl stark interessiert sind, normal oder wenigerinteressiert?“Stark interessiertNormalWeniger interessiert105535100106246017100800untere SchichtSoziale Schicht untere Mittelschicht345511100557obere Mittelschicht/Oberschichtn =13 Vgl. hierzu Elisabeth Noelle-Neumann, Thomas Petersen: Alle, nicht jeder. Einführung in die Methoden der Demoskopie. Berlin: Springer 2005: S. 492–494.14 Ebenda: S. 86–89.
  33. 33. 342. Geringes Politikinteresse der JüngerenTatsächlich spielen die Begründungen, die auf Verärgerung über die politische Praxis hinweisen,bei den Antworten derjenigen, die sagen, dass sie sich weniger oder gar nicht für Politik interes-sieren, eine nicht geringe, wenn auch keine dominierende Rolle. An erster Stelle der am häufigstengenannten Gründe für das Desinteresse an Politik steht, genannt von 61 Prozent der Befragten, dieAussage „ich finde es oft schwer nachvollziehbar, was in der Politik geschieht“. An zweiter Stellefolgt dann, genannt von 54 Prozent, mit „in der Politik wird zu viel getrickst und getäuscht, dasist mir zu viel Show“ ein Punkt, den man als Zeichen der Unzufriedenheit mit dem politischenBetrieb deuten kann. Die klassischen Argumentationsmuster, die man in den Diskussionen umPolitikverdrossenheit findet, „ich habe das Gefühl, ohnehin nichts ausrichten, keinen Einflussnehmen zu können“ und „ich bin von der Politik, den Politikern enttäuscht“, finden sich, genanntvon 45 bzw. 38 Prozent der an Politik wenig oder gar nicht Interessierten, auf den Positionen 4und 5 der Rangliste (Abbildung 15).Abbildung 15: Begründungen für geringes PolitikinteresseQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland; Personen ab 16 Jahre, die sich nicht besonders oder gar nicht für Politik interessieren.Frage an alle, die sich nicht besonders oder gar nicht für Politik interessieren: „Warum interessieren Sie sichnicht oder nicht so sehr für Politik? Was von der Liste würden Sie nennen?“ (Listenvorlage)Ich finde es oft schwer nachvollziehbar, was in der Politik geschieht.In der Politik wird zu viel getrickst und getäuscht, das ist mir zu viel Show.Ich habe andere Interessen. Mir sind private oder berufliche Dingewichtiger.Ich habe das Gefühl, ohnehin nichts ausrichten, keinen Einfluss nehmenzu können.Ich bin von der Politik, den Politikern enttäuscht.Ich finde diese ganzen politischen Streitereien abstoßend.Ich habe das Gefühl, dass meine eigenen Interessen von der Politik so gutwie gar nicht wahrgenommen werden.Mir fehlt die Zeit, mich mit Politik zu beschäftigen.Ich habe das Gefühl, dass sich Politik nicht für die Bürger interessiert,also interessiere ich mich auch nicht für Politik.Politik ist mir zu abgehoben.Ich finde Politik langweilig.Die Lage in Deutschland ist so verfahren, damit möchte ich mich liebergar nicht beschäftigen.Man wählt doch Politiker, damit sie die politischen Entscheidungen treffen.Da braucht man sich nicht selber um Politik zu kümmern.61544645383529292520201513
  34. 34. 352. Geringes Politikinteresse der JüngerenBesonders interessant an den Antworten auf diese Frage ist aber weniger die Rangliste der amhäufigsten genannten Begründungen als die Entwicklung im Zeitverlauf. Die Frage nach demGrund dafür, dass man sich nicht für Politik interessiert, ist zum ersten Mal im Jahr 2007 gestelltworden, so dass zwar keine sehr lange, aber immerhin eine mehrjährige Trendreihe vorliegt,die zumindest vorsichtige Schlüsse über die Entwicklungen in jüngster Zeit zulässt. Abbildung16 zeigt die Trendentwicklung bei vier wichtigen Argumenten, von denen drei als Indikator fürPolitikverdrossenheit gedeutet werden können, nämlich „ich habe das Gefühl, ohnehin nichts aus-richten, keinen Einfluss nehmen zu können“, „ich habe das Gefühl, dass meine eigenen Interessenvon der Politik so gut wie gar nicht wahrgenommen werden“ und „die Lage in Deutschland ist soverfahren, damit möchte ich mich lieber gar nicht beschäftigen“.Abbildung 16: Ausgewählte Begründungen für geringes Interesse an Politik im TrendQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 10002, 10042, 10077 und 11006.Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland; Personen ab 16 Jahre, die sich nicht besonders oder gar nicht für Politik interessieren.Ich habe das Gefühl,ohnehin nichts ausrichten,keinen Einfluss nehmenzu können.20132009 2011Frage an alle, die sich nicht besonders oder gar nicht für Politik interessieren:„Warum interessieren Sie sich nicht oder nicht so sehr für Politik? Was von der Liste würden Sie nennen?“(Listenvorlage) – Auszug aus den Angaben –Ich habe das Gefühl, dassmeine eigenen Interessenvon der Politik so gut wiegar nicht wahrgenommenwerden.2007Ich finde es oft schwernachvollziehbar, was inder Politik geschieht.203444372921 23 157067724552 616554Die Lage in Deutschland istso verfahren, damit möchteich mich lieber gar nichtbeschäftigen.Alle diese Argumente werden heute von deutlich geringeren Anteilen der politisch weniger odergar nicht Interessierten als Grund für ihr mangelndes Interesse genannt als vor sechs Jahren.Besonders stark ist dabei der Rückgang bei der Aussage „ich habe das Gefühl, ohnehin nichtsausrichten, keinen Einfluss nehmen zu können“. Sie wurde im Jahr 2007 noch von 70 Prozent deran Politik wenig oder gar nicht interessierten Befragten genannt, heute sind es noch 45 Prozent.Gestiegen ist dagegen die Zahl derjenigen, die finden, es sei oft schwer nachvollziehbar, was inder Politik geschieht. Man erkennt, dass die Politik für die Bürger in den letzten Jahren schwererdurchschaubar geworden ist. Doch das Gefühl, vom politischen Betrieb ausgegrenzt zu werden,das ja als Grund für die zunehmende Wahlenthaltung angenommen wird, hat eher abgenommen.
  35. 35. 363. Wählen ist nicht mehr Bürgerpflicht3. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtDie Teilnahme an der Wahl wird in der öffentlichen Diskussion oft als besonders wichtige Auf-gabe der Bürger in einer Demokratie angesehen. Zwar herrscht in Deutschland keine gesetzlicheWahlpflicht, dennoch wird die Beteiligung an der Wahl offenbar als Verpflichtung für die Bürgereingestuft, als eine Art ungeschriebenes Gesetz. Denn wann immer die Beteiligung an einer Wahlniedrig ist, wird dies als bedenklich, als eine potenzielle Gefährdung der Demokratie gewertet.Der Gedanke, dass es auch das gute Recht eines Bürgers sein kann, sich der Stimme zu enthalten,findet in öffentlichen Auseinandersetzungen zu diesem Thema wenig Resonanz. So kann mandurchaus annehmen, dass ein gewisser Druck der öffentlichen Mei-nung auf den Bürgern lastet,ihr Wahlrecht auch zu nutzen.Dass die Beteiligung an der Wahl von weiten Teilen der Bevölkerung tatsächlich als Bürgerpflichtangesehen wird, zeigt sich an den Antworten auf eine Frage, bei der eine Liste mit verschiedenenVerhaltensweisen vorgelegt wurde, die man als typische Verhaltensweisen verantwortungsbe-wusster Bürger ansehen kann:: „Man kann ja unterschiedlicher Meinung darüber sein, was zuden Pflichten eines guten Bürgers gehört. Wie sehen Sie das: Was gehört Ihrer Meinung nach zuden Pflichten eines guten Bürgers, was sollte ein guter Bürger tun?“ 80 Prozent der Befragtenantworteten daraufhin, ein guter Bürger sollte anderen Menschen helfen, wenn sie bedroht oderbelästigt werden. Dann, bereits an zweiter Stelle der am häufigsten ausgewählten Punkte, folgt„wählen gehen“, noch vor der Aussage „sich immer an das Gesetz halten“ (Abbildung 17).Für die jüngere Generation ist der Gang zur Wahlurne nicht mehr zwingend. Sie findetdafür viel Verständnis im persönlichen Umfeld. Die Zeiten, in denen Wählen als Bürger-pflicht erscheint, sind jedenfalls vorbei.
  36. 36. 373. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtSchaut man sich genauer an, welche gesellschaftlichen Gruppen das Wählen besonders häufigals Bürgerpflicht ansehen und welche nicht ganz so sehr, erkennt man die aus mehreren anderenFragen zum Wahlverhalten bekannten Muster: Unter-30-Jährige empfinden die Wahlbeteiligungetwas weniger als Verpflichtung als Ältere, was gleichermaßen auch für die Beteiligung an derGemeindepolitik und ehrenamtliches Engagement gilt. Nur Demonstrationen halten die Jüngerenetwas mehr für eine Bürgerpflicht als die Angehörigen der älteren Generationen (Tabelle 11).Auch bei den sozialen Schichten zeigt sich die gewohnte Struktur: Die Angehörigen der unterstenSchicht sagen weniger als die Angehörigen der oberen und mittleren Schichten, Wählen sei eineBürgerpflicht (Tabelle 12). Im Prinzip das gleiche Ergebnis erhält man, wenn man statt der sozia-len Schicht das Haushaltseinkommen als Indikator für materiellen Wohlstand betrachtet.Abbildung 17: BürgerpflichtenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Man kann ja ganz unterschiedlicher Meinung darüber sein, was zu den Pflichten eines guten Bürgers gehört.Wie sehen Sie das:Was gehört Ihrer Meinung nach zu den Pflichten eines guten Bürgers, was sollte ein guterBürger tun?“ (Listenvorlage)Anderen helfen, wenn sie bedroht oder belästigt werdenWählen gehenSeinen Nachbarn helfenSich immer an das Gesetz haltenAuf den Umweltschutz achtenSich regelmäßig über das politische Geschehen informierenSich für Entwicklungen in der Gemeinde interessierenDen Schnee vom Gehweg räumenSich ehrenamtlich engagieren, z.B. bei einer sozialen OrganisationSich an Demonstrationen beteiligen, wenn er von einer Sache überzeugt istRegelmäßig das Treppenhaus fegenSich an der Gemeindepolitik beteiligen, z.B. an BürgergesprächenMitglied in einer Kirche sein80737069675046412926181812
  37. 37. 383. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtTabelle 12: Bürgerpflichten nach sozialer SchichtQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Man kann ja ganz unterschiedlicher Meinung darüber sein, was zu den Pflichten eines guten Bürgers gehört.Wie sehen Sie das:Was gehört Ihrer Meinung nach zu den Pflichten eines guten Bürgers, was sollte ein guterBürger tun?“ (Listenvorlage) – Auszug aus den Angaben –Wählen gehenSich ehrenamtlich engagierenSich an Demonstrationen beteiligen552536702426untere SchichtSoziale Schicht untere Mittelschicht823625obere Mittelschicht/OberschichtSich an der Gemeindepolitik beteiligen 201061680020557n =Tabelle 11: Bürgerpflichten – AltersgruppenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Man kann ja ganz unterschiedlicher Meinung darüber sein, was zu den Pflichten eines guten Bürgers gehört.Wie sehen Sie das:Was gehört Ihrer Meinung nach zu den Pflichten eines guten Bürgers, was sollte ein guterBürger tun? (Listenvorlage) – Auszug aus den Angaben –Wählen gehenSich ehrenamtlich engagierenSich an Demonstrationen beteiligenSich an der Gemeindepolitik beteiligen67223371272616 bis 29Jahren30 bis 44Jahren76292845 bis 59Jahren74342110 15 20 22279 339 414n = 51660 Jahrenund älterBefragte im Alter von –
  38. 38. 393. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtGanz besonders deutlich sind die Unterschiede bei der gefühlten Wahlpflicht, wenn man dieBefragten nach ihrem persönlichen Umfeld in verschiedene Gruppen einteilt: Personen, die sagen,dass die meisten ihrer Freunde und Bekannten wählen gehen, sind zu 84 Prozent der Ansicht,Wählen sei eine Bürgerpflicht. Wer dagegen im persönlichen Bekanntenkreis vorwiegend vonMenschen umgeben ist, die nicht wählen, neigt auch selbst deutlich weniger dazu, Wählen als eineselbstverständliche Pflicht anzusehen (Tabelle 13).Dieser Befund ist weniger banal, als er auf den ersten Blick scheinen mag. Die Feststellung, dassjemand, der in einer Umgebung lebt, in der allgemein nicht gewählt wird, auch selbst das Wählenals nicht so besonders wichtig ansieht, ist so plausibel, dass man meinen könnte, sie sei eineSelbstverständlichkeit. Doch das private Umfeld wird bei den Versuchen, die sinkende Wahlbetei-ligung zu erklären, bisher selten als eine mögliche Erklärung in Betracht gezogen.Tabelle 13: Wählen als Bürgerpflicht – eine Frage des UmfeldesQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Man kann ja ganz unterschiedlicher Meinung darüber sein, was zu den Pflichten eines guten Bürgers gehört.Wie sehen Sie das:Was gehört Ihrer Meinung nach zu den Pflichten eines guten Bürgers, was sollte ein guterBürger tun? (Listenvorlage) – Auszug aus den Angaben –Wählen gehenSich ehrenamtlich engagierenSich an Demonstrationen beteiligenSich an der Gemeindepolitik beteiligen843225Die meistengehen zur Wahl21921622828Etwa die Hälftegeht wählen15338n =4423238175Nur eineMinderheit wähltWahlverhalten der Freunde und BekanntenDie Ergebnisse zur Frage, ob Wählen Bürgerpflicht sei, zeigen damit auch, dass man bei der Ein-stellung der Bevölkerung gegenüber Wahlen zwischen öffentlicher und privater Sphäre unter-scheiden muss. In der breiten Öffentlichkeit werden Wahlen als außerordentlich wichtig wahrge-nommen, doch im Alltag rückt der Wahlgang dann anscheinend in vielen Fällen doch etwas mehrals früher in den Hintergrund. Dieser Befund korrespondiert gut mit dem oben beschriebenenErgebnis, dass zwar nicht das Interesse an Politik, wohl aber das Interesse an Bundestagswahlenzurückgegangen ist.
  39. 39. 403. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtDer Gang zur Wahl, so wichtig er im abstrakten Prinzip meist genommen wird, hat im konkre-ten Alltag bei immer mehr Bürgern nicht mehr den Vorrang und die Selbstverständlichkeit wienoch vor einigen Jahrzehnten. Darauf deuten die Antworten auf eine Frage hin, die den Befragteneine konkrete Situation vor Augen führte: Sie wurden vor die Entscheidung gestellt, sich für dieBeteiligung an einer Wahl oder die Fortsetzung einer angenehmen Freizeitbeschäftigung zu ent-scheiden. Die Frage lautete: „Einmal angenommen, Sie machen an einem Sonntag einen Ausflug.Sie haben Spaß, das Wetter ist traumhaft schön, aber die Wahllokale schließen um 18 Uhr. Wasmachen Sie: Beenden Sie den Ausflug, um noch rechtzeitig wählen zu gehen, oder ist Ihnen dasnicht so wichtig?“Der Vorzug dieser Frage besteht in ihrer Alltagsnähe. Niemand wird gedrängt, abstrakte Über-legungen anzustellen oder weltanschauliche Grundsatzbekenntnisse für oder gegen Wahlenabzugeben, sondern die Befragten werden vor eine Entscheidungssituation gestellt, in die jederkommen und in die sich jeder gut hineinversetzen kann. In einer solchen Situation zeigen sichdie tatsächlichen Prioritäten. Wer sich für die Fortsetzung des Ausflugs ent¬scheidet, gibt damitkein politisches Glaubensbekenntnis ab. Er muss weder politikverdrossen noch an Politik desinte-ressiert sein. Er dokumentiert mit seiner Entscheidung nur, dass ihm die Wahlen nicht so wichtigsind, ihretwegen lässt er sich einen schönen Nachmittag nicht verderben.Im Jahr 1998, als diese Frage zum ersten Mal gestellt wurde, sagten 59 Prozent der Befragten, siewürden den Ausflug abbrechen, um noch an der Wahl teilnehmen zu können. 18 Prozent meinten,dafür sei ihnen die Wahl nicht wichtig genug, die verbleibenden 23 Prozent waren unentschie-den oder machten keine Angabe. Heute ist der Anteil derjenigen, die sich für den Abbruch desAusflugs entscheiden würden, auf 46 Prozent gesunken. Die Zahl derer, die ausdrücklich sagen,sie würden wegen der Wahl den Ausflug nicht unterbrechen, liegt bei 30 Prozent (Abbildung 18).Das bedeutet, dass heute nur noch eine Minderheit eindeutig die Wahlbeteiligung dem privatenVergnügen vorzieht. Da es aber immerhin 73 Prozent der Deutschen als Bürgerpflicht ansehen,wählen zu gehen heißt das auch: Es gibt einen nicht unerheblichen Teil von Personen, die sichzwar grundsätzlich zu dieser Pflicht bekennen, sie aber nicht als so zwingend ansehen, dass manihr unter allen Umständen nachkommen müsste. Hier wird eine sich öffnende Schere zwischender öffentlichen und der privaten Moral sichtbar.
  40. 40. 413. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtBemerkenswert ist, dass die Veränderung des Antwortverhaltens bei dieser Frage in allen Gene-rationen gleichermaßen zu beobachten ist. Zwar sagen Befragte im Alter von unter 30 Jahrendeutlich seltener als ältere Personen, dass sie bereit wären, den Ausflug für die Wahl abzubrechen,doch dieser Unterschied bestand – in gleichem Ausmaß – bereits vor 15 Jahren (Abbildung 19).Hier hat man es also, anders als bei der Frage nach dem politischen Interesse, nicht in erster Liniemit einem Kohorteneffekt, sondern vor allem mit einem veränderten Zeitklima zu tun.Festzuhalten ist auch ein deutlicher statistischer Zusammenhang zwischen der sozialen Schichtund der Entscheidung, den Ausflug abzubrechen: Angehörige der oberen Schichten entscheidensich mehrheitlich dafür, Angehörige der untersten Schicht dagegen (Tabelle 14).Der Freundes- und Bekanntenkreis (das persönliche Umfeld) hat einen erheblichen Einfluss aufdie eigene Einstellung zu Wahlen. Es lohnt sich daher, diesem Aspekt noch etwas mehr Aufmerk-samkeit zu widmen. Abbildung 18: Der Ausflug am WahltagQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 6064, 10040 und 11006.Angaben in Prozent / an 100 fehlende Prozent: Unentschieden, keine AngabeBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.2013Frage: „Einmal angenommen, Sie machen an einem Sonntag, an dem Wahl ist, einen Ausflug. Sie haben viel Spaß,das Wetter ist traumhaft schön, aber die Wahllokale schließen um 18 Uhr.Was machen Sie? Beenden Sie denAusflug, um noch rechtzeitig wählen zu gehen, oder ist Ihnen das nicht so wichtig?Ist mir nicht so wichtigBeende den Ausflug1998 2009183959314630
  41. 41. 423. Wählen ist nicht mehr BürgerpflichtAbbildung 19: Das Gefühl, man müsse wählen gehen, hat in allen Generationen abgenommenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfragen 6064 und 11006Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Einmal angenommen, Sie machen an einem Sonntag, an dem Wahl ist, einen Ausflug. Sie haben viel Spaß,das Wetter ist traumhaft schön, aber die Wahllokale schließen um 18 Uhr.Was machen Sie? Beenden Sie denAusflug, um noch rechtzeitig wählen zu gehen, oder ist Ihnen das nicht so wichtig?Antwort: „Ich beende den Ausflug2013199816-29 Jahre 30-44 JahreAltersgruppen45-59 Jahre 60 Jahre und älter3629504166506957Tabelle 14: Der Ausflug – soziale SchichtQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Einmal angenommen, Sie machen an einem Sonntag, an dem Wahl ist, einen Ausflug. Sie haben viel Spaß, dasWetter ist traumhaft schön, aber die Wahllokale schließen um 18 Uhr.Was machen Sie? Beenden Sie den Ausflug,um noch rechtzeitig wählen zu gehen, oder ist Ihnen das nicht so wichtig?“Beende den AusflugIst mir nicht so wichtigUnentschieden, keine Angabe264925100106413326100800untere SchichtSoziale Schicht untere Mittelschicht582121100557obere Mittelschicht/Oberschichtn =
  42. 42. 434. Die Bedeutung des persönlichen Lebensumfeldes4. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesMan könnte meinen, dass die Frage, ob man sich an der Wahl beteiligt oder nicht, zu den per-sönlichen Entscheidungen gehört, über die viele Menschen nicht sprechen. Doch wie so oft, wenndie Bevölkerung gebeten wird, ihre Einschätzung über Verhaltensweisen und Meinungen in ihremUmfeld oder über das Verhalten von Menschen in hypothetischen Situationen abzugeben, verzichtenauffallend viele Befragte darauf, die wahrscheinlich korrekte Antwort „weiß nicht“ zu geben.Viele Menschen haben eine erstaunlich klare Vorstellung von den Einstellungen anderer, obwohl siediese gar nicht kennen können. Und so sind die Antworten auf die Frage „Wenn Sie an Ihren Freun-des- und Bekanntenkreis denken: Wie ist es da? Gehen die meisten Ihrer Freunde und Bekanntenwählen, oder in etwa die Hälfte, oder ist es nur eine Minderheit, die wählen geht?“ recht eindeutig: 58Prozent der Deutschen insgesamt, 59 Prozent im Westen, 55 Prozent im Osten, meinen, die meistenihrer Freunde und Bekannten gingen zur Wahl, ein knappes Viertel glaubt, dass nur die Hälfte ihrerBekannten wählen geht, dass dies nur sehr wenige tun, meinen immerhin noch 9 Prozent (Tabelle 15).Tabelle 15: Gehen die Freunde wählen?Quelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn Sie an Ihren Freundes- und Bekanntenkreis denken:Wie ist es da? Gehen die meisten Ihrer Freunde undBekannten wählen, oder in etwa die Hälfte, oder ist es nur eine Minderheit, die wählen geht?Die meistenEtwa die HälfteNur eine MinderheitWeiß nicht, keine Angabe58239Bevölkerunginsgesamt1010059229West-deutschland10100552410111001.548 1.122n = 426Ost-deutschlandOb jemand wählen geht oder nicht, hängt erheblich davon ob, wo man wohnt,welche Freunde man hat und ob in der Familie über Politik gesprochen wird. Im privatenUmfeld treffen Nichtwähler auf viel Verständnis.
  43. 43. 444. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesBetrachtet man etwas genauer, welche Menschen es sind, die glauben, dass die meisten ihrerFreunde und Bekannten wählen gehen, so erkennt man zunächst die Strukturen, die man erwar-ten muss, wenn man annimmt, dass das Verhalten des persönlichen Umfeldes mit dem eigenenWahlverhalten verknüpft ist. So sagen nur 34 Prozent der Unter-30-Jährigen, also der Generation,die sich am wenigsten an Wahlen beteiligt, die meisten ihrer Freunde gingen zur Wahl, währendes in den darüber liegenden Altersgruppen jeweils mehr als 60 Prozent sind (Tabelle 16). Auchdie Differenzierung nach sozialer Schicht führt zu dem zu erwartenden Ergebnis, dass die Ange-hörigen der untersten Schicht mit 37 Prozent deutlich seltener als die wohlhabenderen Befragtenglauben, ihre Freunde und Bekannten beteiligten sich an Wahlen (Tabelle 17). Ein möglicher Ein-fluss des persönlichen Lebensumfeldes und die soziale Differenzierung bei der Wahlbeteiligungkönnten miteinander verknüpft sein. Darauf weist das Ergebnis einer ähnlich formulierten Fragehin: „Wenn Sie einmal an Ihre Nach¬barschaft denken: Würden Sie vermuten, die meisten Men-schen, die hier leben, gehen bei der Bundestagswahl wählen, oder in etwa die Hälfte, oder ist esnur eine Minderheit, die wählen geht?“Tabelle 16: Wählen im Bekanntenkreis – AltersgruppenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn Sie an Ihren Freundes- und Bekanntenkreis denken:Wie ist es da? Gehen die meisten Ihrer Freunde undBekannten wählen, oder in etwa die Hälfte, oder ist es nur eine Minderheit, die wählen geht?Die meistenEtwa die HälfteNur eine MinderheitWeiß nicht, keine Angabe3432206123616 bis 29Jahren30 bis 44Jahren6122845 bis 59Jahren6817614 10 9 9100 100 100 100279 339 414n = 51660 Jahrenund älterBefragte im Alter von –
  44. 44. 454. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesDie Antworten der Befragten auf diese Frage fallen deutlich unterschiedlich aus, je nachdem, wosie leben. Diejenigen, die nach Einschätzung der Interviewer in einer „guten“ oder „sehr guten“Wohngegend leben, nehmen deutlich häufiger an, dass die meisten ihrer Nachbarn wählen gehen,als diejenigen, die in einer Umgebung leben, die von den Interviewern als eher „durchschnitt-liche“ oder gar „schlechte“ Wohngegend angesehen wird (Tabelle 18). Das darf natürlich nichtdahingehend interpretiert werden, dass die Wohngegend das Wahlverhalten bestimmt. Es zeigtaber, dass Menschen, die in weniger attraktiven Wohngegenden leben und damit in aller Regelzu den materiell eher Benachteiligten gehören, überdurchschnittlich häufig den Eindruck haben,sie seien von Menschen umgeben, die sich nicht an der Wahl beteiligen, und zwar sowohl impersönlichen Freundeskreis als auch in der Nachbarschaft.Tabelle 17: Wählen im Bekanntenkreis – soziale SchichtQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn Sie an Ihren Freundes- und Bekanntenkreis denken:Wie ist es da? Gehen die meisten Ihrer Freunde undBekannten wählen, oder in etwa die Hälfte, oder ist es nur eine Minderheit, die wählen geht?“Die meistenEtwa die HälfteNur eine Minderheit37192210055259100untere SchichtSoziale Schicht untere Mittelschicht68206100obere Mittelschicht/OberschichtWeiß nicht, keine Angabe 22106108006557n =
  45. 45. 464. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesOb diese Menschen sich nicht an der Wahl beteiligen, weil sie sozial benachteiligt sind, odereher, weil sie von einem Milieu umgeben sind, in dem es weniger als anderswo üblich ist, zuwählen, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Deutlich wird jedoch, dass diese Faktorenoffensichtlich eng miteinander verknüpft sind. Ob man viel verdient oder wenig, hat meist ganzdirekt etwas damit zu tun, in welchem Stadtteil man wohnt. Auch beeinflussen Schulwahl undSchulabschluss die Wahl des Freundeskreises. Nur wenige Menschen brechen aus diesen sozialenZusammenhängen aus.Schaut man jedoch mit statistischen Mitteln darauf, welche wichtigen Variablen für den Gang zurWahl sprechen, so tritt neben die Bildung und die Zugehörigkeit zur sozialen Schicht insbesondereauch das persönliche Umfeld. Es gibt einen starken Zusammenhang von politischem Engagementund der eigenen politischen Sozialisation.56 Prozent der Befragten sind politisch aktiv, wenn zu Hause über Politik gesprochen wurde, nur15 Prozent sind es dagegen, wenn Politik kein Thema am Küchentisch war. Zum anderen sagen 76Prozent derer, die glauben, die meisten ihrer Freunde und Bekannten gingen zur Wahl, von sichselbst, dass sie „bestimmt“ an der Bundestagswahl im Herbst teilnehmen wollen. Von denen, dieannehmen, nur eine Minderheit ihrer Bekannten ginge zur Wahl, haben nur zehn Prozent die festeAbsicht, sich an der kommenden Bundestagswahl zu beteiligen (Tabelle 19).Tabelle 18: Wählen in der NachbarschaftQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn Sie einmal an Ihre Nachbarschaft denken:Würden Sie vermuten, die meisten Menschen, die hier leben,gehen bei der Bundestagswahl wählen, oder in etwa die Hälfte, oder ist es nur eine Minderheit, die wählen geht?“Die meistenEtwa die HälfteNur eine MinderheitWeiß nicht, keine Angabe45326Bevölkerunginsgesamt1710050305(Sehr) guteWohngegend15100313710221001.548 1.140n = 394Durchschnittliche bis sehrschlechte Wohngegend
  46. 46. 474. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesObwohl in der Öffentlichkeit ein Meinungsklima des „Wählen-gehen-müssens“ herrscht unddamit ein potenzieller Rechtfertigungsdruck auf Bürgern lastet, die sich nicht an Wahlen beteili-gen möchten, gibt es im privaten Umfeld der Menschen eine gegenläufige Entwicklung. Die Tole-ranz gegenüber der Wahlenthaltung im privaten Umfeld zumindest einiger Bevölkerungsgruppenscheint eher zuzunehmen.Eine in der vorliegenden Untersuchung gestellte Frage lautete: „Einmal angenommen, Sie würdenIhren Freunden und Bekannten erzählen, dass Sie bei der Bundestagswahl im Herbst nicht wählenwollen. Hätten die meisten Ihrer Freunde und Bekannten wohl Verständnis dafür, oder hätten diemeisten dafür eher kein Verständnis, oder wäre es Ihren Freunden und Bekannten egal, ob Siewählen gehen oder nicht?“ Jeder fünfte Befragte antwortete darauf, seine Freunde hätten wohlVerständnis für seine Entscheidung, 29 Prozent nehmen an, die Freunde hätten kein Verständnisdafür, die Mehrheit meint, es wäre ihren Freunden und Bekannten vermutlich egal (Tabelle 20).Für diese Frage liegen keine Ergebnisse aus früheren Jahren vor, so dass sich nicht sicher feststel-len lässt, ob sich in diesem Punkt in letzter Zeit gesellschaftliche Veränderungen ergeben haben.Es ist jedoch bemerkenswert, dass die jungen Befragten im Alter von unter 30 Jahren wesentlichseltener als Ältere vermuten, ihre Freunde oder Bekannten hätten kein Verständnis dafür, wennsie nicht zur Wahl gingen (Tabelle 21).Tabelle 19: Wahlbeteiligung und das Verhalten der BezugsgruppenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in Prozent / x = weniger als 0,5 ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Wenn Wahlen stattfinden, geben viele Leute ihre Stimme ab, andere kommen nicht dazu, ihre Stimmeabzugeben, oder nehmen aus anderen Gründen nicht an der Wahl teil. Sagen Sie mir bitte, wie wahrscheinliches ist, dass Sie am 22. September zur Bundestagswahl gehen.Werden Sie ...“„bestimmt zur Wahl gehen“„wahrscheinlich zur Wahl gehen“„vielleicht zur Wahl gehen“Weiß nicht,keine Angabe76222xx100819die meisten ihrerFreunde gingenzur Wahl3739186x100669etwa die Hälfteihrer Freundeginge zur Wahl101837296100669nur eine Minderheitihrer Freundeginge zur Wahln =Wahlberechtigte, die sagen, ...„wahrscheinlich/bestimmt nicht zur Wahl gehen“
  47. 47. 484. Die Bedeutung des persönlichen LebensumfeldesAngesichts der oben beschriebenen Unterschiede zwischen den Generationen, was das politischeInteresse angeht, ist es nicht gewagt anzunehmen, dass der Generationenunterschied in den Ant-worten auf diese Frage vor 20 Jahren noch wesentlich geringer gewesen wäre. Es spricht einigesdafür, dass sich in Teilen der jungen Generation ein Klima herausgebildet hat, in dem es ganz nor-mal ist, nicht wählen zu gehen. Der in dieser Hinsicht in der öffentlichen Diskussion aufgebautegesellschaftliche Druck wird zumindest bei den Jungen anscheinend durch das private Umfeldkompensiert.Tabelle 20: Verständnis fürs NichtwählenQuelle:Allensbacher Archiv, IfD-Umfrage 11006 (März/April 2013).Angaben in ProzentBasis: Bundesrepublik Deutschland, Bevölkerung ab 16 Jahre.Frage: „Einmal angenommen, Sie würden Ihren Freunden und Bekannten erzählen, dass Sie bei der Bundestagswahl imHerbst nicht wählen wollen. Hätten die meisten Ihrer Freunde und Bekannten wohl Verständnis dafür, oder hättendie meisten dafür eher kein Verständnis, oder wäre es Ihren Freunden und Bekannten egal, ob Sie wählen gehenoder nicht?Hätten VerständnisHätten kein VerständnisWäre egalUnentschieden, keine Angabe202941Bevölkerunginsgesamt10100213040West-deutschland9100202444121001.548 1.122n = 426Ost-deutschland

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