Schreiben in anderer Sprache

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Dossier zum Thema Sprache und Fremd sein. Mit Beiträgen von Yoko Tawada u.a.

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Schreiben in anderer Sprache

  1. 1. © Ives Noir © Deuticke/Margit Magul © Maja Haderlap
  2. 2. Exophonie. 2 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. Diese Broschüre dokumentiert das am 23.20.2010 in der Philosophischen Fakultät der Universität Ljubljana stattge- fundene Symposium „Exophonie. Schreiben in anderen Sprachen/Eksofonija. Pisanje y drugih jezikih“, eine Kooperation vom Goethe-Institut Ljubljana, dem Österreichischen Kulturforum Ljubljana und der Philosophische Fakultät der Universität Ljubljana. Inhalt Zur Exophonie Johann Georg Lughofer: Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. Eine Einordnung. Yoko Tawada: Der Zug und die Zunge Maja Haderlap: Meine Sprache Julya Rabinowich: Zur Exophonie Literarische Beiträge Yoko Tawada: Von der Muttersprache zur Sprachmutter Musik der Buchstaben Die Zweischalige Maja Haderlap: Pesmi - Gedichte - Poems Julya Rabinowich: Abgebissen, nicht abgerissen Die Hunde von Ostia Diskurs Diskussionen beim Symposium in Auszügen Debatte in der slowenischen Tageszeitung Delo Biographien der BeiträgerInnen 3 7 9 13 15 16 17 19 20 22 24 28 31 Impressum: © Goethe-Institut Ljubljana, © Österreichisches Kulturforum © AutorInnen © Fotos Matjaž Rebolj Grafik, LayOut und Umschlag: Grafik&Design Peter Swoboda März 2011 Diese Broschüre wird kostenlos abgegeben. ISBN 879-3-9503072-0-7 (Die Hervorhebungen in grüner Farbe stammen allesamt vom Herausgeber.)
  3. 3. Noch nie haben sich bei einer mir bekannten Kultur- veranstaltung alle Fragen im Vorfeld dermaßen auf eine konzentriert, und zwar auf die folgende: Was bedeutet eigentlich Exophonie? Niemand braucht ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ihr oder ihm der Ausdruck unbekannt ist. Der Begriff verdient wahrhaftig eine Erklärung, denn er scheint bei einem letzten Zugriff im Februar 2011 nicht einmal in Wikipedia, der so schnell reagierenden und flexiblen Enzyklopädie unserer Zeit, auf. Um Sie nicht ganz im Unklaren zu lassen, haben wir den Untertitel „Schreiben in anderen Sprachen“ gewählt. Exophonie meint nämlich das Phänomen, wenn Schriftstellerinnen und Schriftsteller nicht in ihrer Erst- bzw. Muttersprache schreiben. Inwieweit dabei eine eigene Kategorie entsteht, wird diskutiert. Christine Ivanovic definiert „exophon“ darüber hinausgehend damit, „dass der Autor, indem er eine andere Sprache adaptiert, zugleich die Distanz zu der Literaturgemeinschaft, innerhalb derer er sich mit ihr bewegt, zum Ausdruck zu bringen versucht. Exophone Texte sind durch Sekundarität im Verhältnis zwischen Sprache und Sprecher bestimmt, was in der Schreibweise selbst bewusst gemacht wird; sie artikulieren ein anderes Sprechen, und zwar – in Analogie zum Konzept der Mehrstimmigkeit (Polyphonie) nach Bachtin – das Heraustreten der Stimme (phoné) aus der Schrift.“1 Unmittelbarer formuliert Yoko Tawada einen ähnlichen Gedanken:„WodieSpracheeinenKnickmacht,beginntdas Schreiben.“2 Ihre Doktormutter Sigrid Weigel unterstreicht diesbezüglich ebenso: „Wohl nur dort, wo die Brüche und Widersprüche, die aus dem Schreiben zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen entstehen, zum Ausdruck gebracht und nicht durch proklamierte Eindeutig- keiten unsichtbar gemacht und geglättet werden, eröffnen sich literarische Perspektiven aus der Position der Minorität oder der Migration – die, so ist zu hoffen, auch in Zukunft als Bedingung der Möglichkeit zu schreiben anerkannt sein wird: Perspektiven einer ,kleinen Literatur’, die nicht aus der realen Möglichkeit, sondern aus dem Bewusstsein der Unmöglichkeit zu schreiben erwächst“.3 Der Begriff „Exophonie“ kam erstmals durch eine 2002 vom Goethe-Institut in Dakar in Verbindung mit dem Berliner Zentrum für Literaturforschung veranstalteten Tagung in die Sphären der Germanistik. Dabei nahmen übrigens schon Yoko Tawada, Maja Haderlap und Hendrik Kloninger teil. Yoko Tawada verwendet den Begriff nun selbst für ihre Poetik im Japanischen und nannte eines ihrer letzten japanischen Bücher Ekusofoni, eine Sammlung von Reisebildern aus aller Welt. Die im Senegal vorgestellten Beiträge wurden gemeinsam mit denen eines Berliner Colloquiums 2005 im Sammelband Exophonie. Anders-Sprachigkeit (in) der Literatur publiziert.4 Die Bezeichnung „Exophonie“ stammt eigentlich aus der Ortsnamenkunde und klassifiziert fremdsprachige Ortsbezeichnungen. In den neunziger Jahren tauchte sie in kulturwissenschaftlichen Debatten um anglo- und frankophone afrikanische Autorinnen auf, was auch den Hintergrund der Konferenz in Dakar darstellte. Seit etwa dreißig Jahren wird eine solche Literatur auch in deutschsprachigen Ländern von Kulturjournalismus, Wissenschaft und Kulturpolitik wahrgenommen, erheblich später als in Frankreich, England und Nordamerika. Wenn man sich mit dieser Literatur in deutscher Sprache, einer Literatur von SchriftstellerInnen, deren Erstsprache eben nicht das Deutsche ist, beschäftigt, stößt man in regelmäßigen Abständen auf die für die deutschsprachige Geisteswissenschaft so typischen Anführungszeichen des schlechten Gewissens. Zwischen diesen Anführungszeichen findet man heute noch den Ausdruck „Migrations-“ oder „Migrantenliteratur“, nur noch vergangene Terminologie zitierend die Begriffe „Ausländerliteratur“ oder „Gastarbeite rliteratur“.5 In der und um die Robert-Bosch-Stiftung, die mit ihrem Adelbert-von-Chamisso-Preis diese Schriftstellerinnen in hohem Maße fördert und ihnen Öffentlichkeit bietet, wird der Ausdruck „Chamisso-Literatur“ gern gebraucht, eine – aufgrund seiner Einseitigkeit und seiner Nähe zu einer Institution – kaum weitergetragene Wortwahl. Zumeist verwendetwerdenheutedieKategorisierungvonLiteratInnen „mit Migrationshintergrund“, vorsichtigere Definitionen sprechen von „Neuer Weltliteratur“,6 „Literaturen ohne Johann Georg Lughofer Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. Eine Einordnung Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 3
  4. 4. festen Wohnsitz“,7 „inter-“ oder „transkulturelle Literatur“, eine ebenso kontroverse Terminologie, weil dabei zumeist die Möglichkeit einer nicht inter- oder transkulturellen Literatur oder Literaturen mit festem Wohnsitz mitgedacht wird.8 Eine allzu einfache – natürlich sehr journalistische – Auflösung bietet ein aktueller Spiegelartikel zum Thema: „Fremdenliteratur? Puh. Migrantenliteratur? Klingt nach schmutzigem Bündel auf dem Buckel. Einwandererliteratur? Klingt doch nach Goethe-Institut-Herablassung. Am besten, man spricht einfach von sehr guten deutschen Romanen?“9 Die meisten der erwähnten Begriffe schließen nämlich eine problematische Klarheit ein, was es bedeutet, deutsch oder deutschsprachig zu sein. Sie setzen in verschiedene Weise voneinander abgegrenzte Kultur- bzw. Sprach- blöcke voraus und stehen einer heute durchwegs anerkannten Hybridität von Kulturen und Sprachen oder einer Transkulturalität eher hilflos gegenüber. Die bei diesen Begriffen anklingenden Vorstellungen von Nationalliteraturen sind wohl nicht mehr der aktuellen Kulturszene angemessen und waren es nie. Eine ethnische und sprachliche Einheitlichkeit kannte die deutsche Literatur nie. Menschliche Gesellschaften stellten und stellen nie Monokulturen dar. Exophonie ist damit keineswegs ein neuartiges Phänomen. Internationale literarische Größen wie Joseph Conrad, Vladimir Nabokov, Samuel Beckett und Milan Kundera schrieben ihre Werke in ihren Zweitsprachen Eng- lisch bzw. Französisch. Auch in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur gibt es zentrale Gestalten wie Adelbert von Chamisso, Milo Dor und Elias Canetti, den Nobelpreisträger 1981, die nicht Deutsch als Erstsprache erlernten.10 Bedeutende KünstlerInnen aus dem Elsass und anderen Grenzregionen wie René Schickele, Yvan Goll und Hans Arp verfassten Texte in französischer wie in deutscher Sprache. Strömungen wie der Dadaismus oder später die Konkrete Poesie übersprangen spielerisch Sprachgrenzen. Deutsche Schriftsteller verfassten ebenso bedeutende Werke in anderen Sprachen. Rainer Maria Rilke fehlte zwar in seiner durch Lou Andreas-Salomé beeinflussten Begeisterung für Russland die sprachliche Sicherheit, um seinen russischen Gedichten die gewollte Qualität zu verleihen, doch dies gelang ihm mit seinen französischen Gedichten am Ende seines Lebens, das er auch im Wallis verbrachte. Im Exil entschieden sich deutsche Autoren wie Arthur Koestler, Carl Zuckmayer oder Klaus Mann auf Englisch zu schreiben. Ein einzigartiger Fall ist darüber hinaus noch Stefan George, der auf seiner Suche nach der formalen Perfektion in der Poesie in verschiedenen der neun von ihm erlernten Sprachen dichtete – sowie auch in zwei von ihm erfundenen.11 Diese bekannten Vorzeigenamen mögen Ausnahmen sein, doch wenn man an Zeiten vor dem europäischen Siegeszug des Nationalismus denkt, wird es sogar mancherort umgekehrt eine Seltenheit, in seiner Muttersprache zu schreiben. Benedict Anderson erinnert in seinem Standardwerk zur Konstruktion der Nationen Imagined Communities daran, dass im mittelalterlichen Westeuropa Lateinisch die einzige Unterrichtssprache war, bis 1500 77% aller Bücher in dieser Sprache gedruckt waren, die selbstverständlich niemand mehr als Muttersprache erlernte. Im Jahre 1501 waren z. B. nur acht der 88 in Paris gedruckten Bände nicht lateinisch.12 NichtnurimMittelalter,nochinderRenaissancesprachen und schrieben gebildete Westeuropäer selbst-verständlich lateinisch. Mittelalterliche Gedichte wechseln die Sprache zwischen den Zeilen oder sogar innerhalb eines Verses. Lateinische Morphologie und Syntax wurde ebenso über anderssprachige Wörter gelegt. Sprachlich hybride Textformen schienen Normalität. Nicht der Geburtsort eines Dichters musste unbedingt seine Sprachverwendung bestimmen, sondern dies tat ebenso die angestrebte Textsorte. Norditalienische Troubadoure zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert schufen lyrische Poesie auf Provenzalisch, epische Poesie auf Französisch und Rechtstexte auf Italienisch.13 Der Tiroler Minnesänger Oswald von Wolkenstein verwendete sogar sechs Sprachen in einem Text, wird damit aber meist als simpler Angeber rezipiert. Selbst Intellektuelle, die für die Etablierung der deutschen Schriftsprache zentral waren, schrieben und sprachen lateinisch. Einer dieser bilingualen Deutschen war aus- gerechnet Martin Luther, der mit seinen Kollegen in einer deutsch-lateinischen Mischsprache diskutierte, was in seinen Tischreden auch aufgezeichnet wurde.14 Selbst der entschlossene Verteidiger der deutschen Sprache und Poesie Philip von Zesen, ein Sprachpurist, der mit Neologismen den deutschen Wortschatz erweitern und Fremdwörter dadurch verhindern wollte, veröffentlichte über zwanzig Gedichte auf Niederländisch und mehrere auf Französisch. Im 17. Jahrhundert avancierte Französisch zur Sprache der Gebildeten. In einer Vielzahl deutscher Literatur wird die Kenntnis dieser Sprache vorausgesetzt und so unterschiedliche spätere Texte wie die von Bertha von Suttner oder Klaus Mann sind ohne diese nicht zur Gänze zu verstehen. Im Jahr der Buch-Welthauptstadt Ljubljana, im Jahr 2010, stehen wir in trans- oder postnationalen Diskurs- zusammenhängen, welche uns eine Rückbesinnung auf die Normalität des exophonen Schreibens erlauben. Inwieweit diese Literatur aber zur Selbstverständlichkeit geworden ist, mögen auch Indikatoren zeigen wie die Reaktion deutschsprachiger AutorInnen in ihren literarischen Exophonie. 4 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  5. 5. Werken – wie Sten Nadolny Selim oder Die Gabe des Redens und Martin Mosebachs Die Türkin. Wir befinden uns damit also in der leicht paradoxen Lage, ein Symposion zu veranstalten zu einem Thema, einer Kategorie, zu der wir befinden, dass sie in Wirklichkeit nicht hervorgehoben werden muss und als normal empfunden werden sollte. Wir wollen uns gemeinsam mit der Mehrzahl der Schreibenden gegen eine Schubladisierung verwehren, Feridun Zaimoglu spricht gar von einer „Mülltrennung“, auf die er verzichten will.15 Bei den meisten Etiketten für exophone Literatur schwingt wohl eine gewisse Missachtung mit: die Vorstellung von Dilettanten mit einem Hang zum Autobiographischen und zur sozialkritischen Beschreibung von Integrationspro- blemen wird nahe gelegt. Doch das Label ist hartnäckig: bei keiner Besprechung oder Abhandlung, in keinem Klappentext der Bücher wird heute auf eine entsprechende Erwähnung verzichtet, wenn die Autorin oder der Autor außerhalb der deutschsprachigen Welt geboren wurde. Ebenso ist die „exophone“ Literatur mittlerweile stark institutionalisiert, wobei erste Bemühungen in diese Richtung durchaus von den Schreibenden selbst initiiert wurden, nämlich mit der Gründung des PoLiKunst-Vereins, des Polynationalen Literatur- und Kunstvereins, 1980 durch Franco Biondi, Gino Chiellino und Rafik Schami und andere, und die Schaffung des Publikationsforums Reihe Südwind, vor 1983 Südwind gastarbeiterdeutsch genannt. Der Romanist und Sprachwissenschafter Harald Weinrich, Gründer des Instituts für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität München, aus dessen Preisausschreiben und Anthologien der Chamisso-Preis hervorging, setzte sich 1983 in seiner essentiellen Rede Um eine deutsche Literatur von aussen bittend für die exophone Literatur ein, aus dem ein Satz gebetsmühlenartig rezitiert wird: „Deutschland ist ein Land, aus Sprache und Geschichte gemacht, und alle Personen, die von der deutschen Sprache einen solchen Gebrauch machen, dass sie diese Geschichte weiterschreiben, sind unsere natürlichen Landsleute, sie mögen von innen kommen oder von außen“16 In einem Interview 1999 fügt er hinzu: „Die deutsche Literatur ist nämlich eine viel zu ernsthafte Angelegenheit, als daß man sie nur den Deutschen allein überlassen sollte.“17 Hier mag ein positiver Exotismus sowie eine allzu klare Festlegung und Idee von der „deutschen Literatur“ mitschwingen. Auch Walter Schmitz, Direktor des Mitteleuropa- ZentrumsderTechnischenUniversitätDresden,derzurZeit ein Handbuch mit dem Arbeitstitel Migrationsliteratur im deutschsprachigen Raum seit 1945 zusammenstellt, dessen Erscheinen für dieses Jahr geplant ist, verteidigt die Perspektive auf eine Gruppe: „Nicht zuletzt dank dem Engagement der Robert Bosch Stiftung hat sich ein Wir-Gefühl entwickelt, das diese Autorinnen und Autoren trotz vielfältiger Unterschiede der Herkunftsländer, der jeweiligen biografischen Erfahungshorizonte, der ästhetischen Strategien, der politischen Positionierung schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in einem stabilen Kommunikationszusammenhang hält.“18 Über den seit 1985 existierenden Chamisso-Preis und die weiter reichende Förderung durch die Robert Bosch Stiftung hinaus trägt die im Jahr 2000 an der TU Dresden eingerichtete Chamisso-Poetikdozentur zu einer auch möglichen Identi-tätsschaffung bei. Die insti- tutionalisierenden Seiten halten verständlicherweise an dieser Kategorie fest. Der Sekretär des Chamisso-Preises Klaus Hübner betont 2009: „Doch selbst wenn viele Zeitgenossen es nicht wahrnehmen und die meisten Au- toren es nicht gerne hören: Ihre Werke sind nach wie vor etwas Besonderes, etwas, das sich von der Literatur genuin deutscher,österreichischerunddeutschschweizerAutoren inmanchemunterscheidet.“–undfragtweiter:„Wasmacht dieses Besondere aus? Wo kommt diese Literatur her?“19 Dieses Spannungsfeld zwischen einer nun zentral wahr- genommenen Literaturströmung im deutschsprachigen Raum und der Problematik einer Etikettierung war eines der Themen, welche wir mit unseren drei interessanten Gästen im Symposion diskutieren konn- ten und hier dokumentieren.Die große Vielfalt der exophonen Literatur und damit die Schwierigkeit, sie in einer Kategorie zu subsumieren, zeigen sich schon eindrucksvoll in der Verschiedenheit der drei in diesem Bändchen versammelten Schriftstellerinnen. Yoko Tawada studierte Literaturwissenschaft in Tokyo und Hamburg, wo sie bei Sigrid Weigel promovierte. Sie veröffentliche je an die 20 Bücher in deutscher wie in japanischer Sprache. Inwieweit sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit in literaturwissenschaftlichen Diskursen gerückt ist, konnte man beim Warschauer Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik 2010 sehen, wo kein anderer Autorenname so oft in den Referattiteln auftauchte wie Yoko Tawada. Weiters erschien dieses Jahr der eindrucksvolle Sammelband Yoko Tawada. Poetik der Transformation.20 Die Autorin erhielt viele Preise in Japan und Deutschland, darunter den Adelbert-von- Chamisso-Preis 1996 und die Goethe-Medaille 2005. Maja Haderlap musste nicht immigrieren, um sich mit ihrer Erstsprache in einem Land mit einer anderen dominierenden Sprache zu finden. In Bad Eisenkappel in Kärnten geboren lernte sie erst in der Schule Deutsch. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften und der Deutschen Philologie samt Promotion arbeitete sie als Dramaturgie- und Produktionsassistentin in Triest und in Ljubljana, als Redakteurin und Herausgeberin Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 5
  6. 6. der Kärntner slowenischen Literaturzeitschrift mladje sowie als Chefdramaturgin am Stadttheater Klagenfurt. Seit 1989 ist sie Lehrbeauftragte am Institut für Kultur,- Literatur- und Musikwissenschaft der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. In dieser Stadt lebt sie auch als freie Autorin. Maja Haderlap schreibt Prosa, Essays und Lyrik in slowenischer und deutscher Sprache und übersetzt aus dem Slowenischen ins Deutsche. Ganz anders wiederum ist die Biographie von Julya Rabinowich, die ohne ihr Mitwissen als Kind mit ihren Eltern der Sowjetunion entflohen ist und ihre gesamte Schulkarriere in Österreich absolviert hat. Nach Studien an der Dolmetschuniversität und der Universität für Angewandte Kunst Wien lebt sie als freie Malerin und Schriftstellerin in Wien. Daneben arbeitet sie mit Flüchtlingen im Rahmen von Pychotherapiesitzungen. Sie veröffentlichte in mehreren Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen. Eine größere Zahl von Theaterstücken wurde an Theatern wie das Wiener Volkstheater und Schauspielhaus aufgeführt. Ihr Debutroman Spaltkopf brachte ihr mehrere Preise und Stipendien. Die Sekundärbearbeitung zu Texten „exphoner“ Autor- Innen in Literaturkritik und Wissenschaft ist ausufernd. Sigrid Weigel stellt schon 1992 die Frage, „ob mit dieser und der von den Sprechern der Migrantenliteratur ent- falteten Geschäftigkeit ihrer Entwicklung nicht ein Bären- dienst erwiesen wird, da die Literatur selbst unter dem Berg ,über’-Texte zu verschwinden droht.“21 Wir wollen dieser Gefahr entgegenwirken und die Texte sowie die Schriftstellerinnen selber zu Wort kommen lassen. Wir haben unsere drei Autorinnen um Statements gebeten, mit einigen Fragestellungen; die Fragen waren betonter Weise keineswegs als „abzubeantwortender“ Fragekatalog zuverstehen,sondernalsmöglicheAusgangspunktefürden Beginn des Symposions sowie für dieses dokumentierende Heftchen: Inwieweit finden Sie sich und Ihre Arbeit in Kategorien wie „exophon“ oder „interkulturelle Literatur“ wieder? Ist Ihnen die heutige Diskussion des Themas in diesem Rahmen wichtig und angenehm? Was bedeutet das Schreiben für Sie, für Ihre Identität und für Ihre Gefühle und Ihr Denken hinsichtlich Orte, Menschen, Literaturen und Kulturen? Was bedeutet inter- kulturelle Literatur für Sie? Inwieweit bietet das Schreiben jenseits einer Erstsprache Vorteile und Nachteile? In welchen (sprachlichen, publi- kationstechnischen oder kulturpolitischen) Bereichen fühlen Sie sich in einer anderen Position als nicht-mehr- sprachige AutorInnen? Diese Statements bilden den Anfang der Broschüre, worauf Texte der Autorinnen, Diskussionsbeiträge aus dem Symposium und Auszüge aus den Debatten in den slowenischen Medien folgen. Möge diese Broschüre eine Einführung in das Werk der so interessanten Schrift- stellerinnen sowie eine Diskussion zu den essentiellen Fragestellungen der Exophonie bieten. 1 Ivanovic, Chrisine: Exophonie und Kulturanalyse. Tawadas Transformationen Benjamins. In: Christine Ivanovic: Yoko Tawada. Poetik der Transformation. Beiträge zum Gesamtwerk. Tübingen 2010, S. 172. 2 Tawada, Yoko: Überseezungen. Tübingen 2006, S. 113. 3 Weigel, Sigrid: Literatur der Fremde – Literatur in der Fremde. In: Klaus Briegleb und Sigrid Weigel: Gegenwartsliteratur seit 1968. München 1992, S. 228. Diese Bezugnahme auf Gilles Deleuze und Kafkas Worte zur Literatur der Pragerdeutschen Juden wurde oft weiterverwendet. 4 Aarndt, Susanne, Dirk Naguschewski und Robert Stockhammer (Hg.): Exophonie. Anders-Sprachigkeit (in) der Literatur. Berlin 2007. 5 Dies spiegelt auch wieder, dass die Zahl der AutorInnen die mit einer Arbeitsmigration in deutschsprachige Länder gekommen sind, eher gering war. 6 Sturm-Trigonakis führt diese Kategorie ein, die sie nicht deckungsgleich mit „Migrationsliteratur“ sieht, sie definiert zwei Hauptkriterien: „Formal müssen die Texte in irgendeiner Form zwei- oder mehrsprachig sein, inhaltlich müssen globalisierte Verhältnisse, also das Oszillieren zwischen Transnationalismus und Regionalismus in Personal, Setting und Zeit verarbeitet worden sein.“ Sturm- Trigonakis, Elke: Die Neue Weltliteratur. Vom Nutzen (noch) einer literaturwisse nschaftlichen Kategorie. In: ide.informationen zur deutschdidaktik. Zeitschrift für den Deutschunterricht in Wissenschaft und Schule. 1/2010, S. 29 – 38, hier S. 29. 7 Ette, Ottmar: Über die Brücke Unter den Linden. Emine Sevgi Özdamar, Yoko Tawada und die translingaule Fortschreibung deutschsprachiger Literatur. In: Aarndt/Naguschewski/Stockhammer: Exophonie, S. 169. 8 Šlibar benennt sogar eine siebenfache Fremdheit in der Literatur allgemein. Vgl. Šlibar, Neva: Die siebenfache Fremdheit der Literatur als Grundlage eines Referenzrahmens literarischer Kompetenzen (für den DaF-Literaturunterricht). In: Estudios Philologicos Alemanes. 17, S. 325-337. 9 Diez, Georg und Claudia Voigt: Tochtersprache. In: Der Spiegel. 40/2010, S. 157. 10 „Ich bin nur ein Gast in der deutschen Sprache. Deutsch ist eine späte und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache. Sie ist deshalb die Sprache meiner literarischen Prosa geworden, weil sie für immer von einer Aura der Fremdheit umgeben geblieben ist, so dass in ihr die Worte mit einer besonderen Art von Leidenschaft geladen sind.“ Zit. nach: Von Saalfeld, Lerke: Schluss mit dem Schubladen-Denken. In: Chamisso. Viele Kulturen – eine Sprache. Hg. von der Robert Bosch Stiftung. Juni – August 2009, S. 27. 11 Eine seiner kreirte Sprache basierte auf der spanischen Sprache, die zweite war mythisch – in diese soll er angeblich die Odysee übersetzt haben. Die Aufzeichnungen zu den Sprachen soll George kurz vor seinem Tod zerstört haben, damit sie Philologen nicht rekonstruieren können. Vgl. Forster, Leonard: The Poet‘s Tongues: Multilingualism in Literature. Cambridge 1970, S. 57. Übrigens haben mehrere Autoren private Sprachen erfunden. Sogar J. R. R. Tolkiens The Lord of the Rings und die darin befindlichen Kreaturen – Elfen, Zwerge und Hobbits – sind erst nach ihren Sprachen entstanden! 12 Febvre, Lucien und Henri-Jean Martin: The Coming of the Book, S. 248ff. - nach Anderson, Benedcit: Imagined Communities. London, New York 1991, S. 18. 13 H. J. Chaytor: From Scrpit to Print. Cambridge 1945, chapter III, Language and Nationality - nach Forster: Tongues, S. 16. 14 Forster: Tongues, S. 10. 15 Zitiert nach: Von Saalfeld, Lerke: Schluss mit dem Schubladen-Denken. In: Chamisso. Viele Kulturen – eine Sprache. Hg. von der Robert Bosch Stiftung. Juni – August 2009, S. 27. 16 Weinrich, Harald: Um eine deutsche Literatur von außen bittend. Zit. nach: letzter Zugriff am 16.11.2010, http://www.fbk-bw.de/index.php?id=4_0. 17 Professor Dr. Harald Weinrich Literatur- und Sprachwissenschafter im Gespräch mit Stephan Pauly. In: letzter Zugriff am 16.11.2010, http://www.br-online.de/download/pdf/alpha/w/weinreich.pdf. 18 Zit. nach: Chamisso – wohin? Rückblick auf ein Symposium in Marbach. In: Chamisso. Viele Kulturen – eine Sprache. Hg. von der Robert Bosch Stiftung. März 2010, S. 18. 19 Hübner, Klaus: Chamisso- Literatur? Chamisso-Literatur! In: Chamisso. Viele Kulturen – eine Sprache. Hg. von der Robert Bosch Stiftung. März - Mai 2009, S. 22. 20 Ivanovic: Yoko Tawada. 21 Weigel: Gegenwartsliteratur, S. 216. Anmerkungen Exophonie. 6 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  7. 7. 1 Ich bin in einem Land geboren und aufgewachsen, in dem die Züge keine Ländergrenzen überschreiten können. Auf einer Insel glaubt man irrtümlicherweise, das Ende der eigenen Welt sei durch das Salzwasser bestimmt. In Wirklichkeit hat das Wasser mehrere Eigenschaften. Es trennt und verbindet. Im Mittelalter galt es wegen der launischen Strömung als lebensgefährlich, das Meer zwischen China und Japan zu überqueren. In meiner Kindheit kam uns das Nachbarland China weiter entfernt vor als Europa. Der Grund für die Unerreichbarkeit Chinas lag aber nicht an den gewaltigen Wellen, sondern an der Haltung der japanischen Politiker, die nicht zugeben wollten, dass die rote Sonne auf der japanischen Nationalflagge in Wirklichkeit ein Blutfleck ist. Die alte chinesische Literatur war in Japan ein Pflichtfach. Die Gegenwart der Volksrepublik blieb mir fern, während mir die chinesischen Texte, die schon 1300, zum Teil 2500 Jahre alt waren, immer vertrauter wurden. Die Politik trennte zwei Länder voneinander, während die Literatur und die Schriftzeichen sie miteinander verbanden. Viel später, erst in den Achtzigern, hatte ich das Glück, mit dem Nachtzug durch China zu reisen. Ich hörte flüsternde Stimmen von Männern im Gang meines Nachtzuges. Ich hörte Frauen auf dem Bahnsteig laut reden, mit ihren Männern schimpfen und ihre Kinder rufen. Ich hörte die Ideogramme zum ersten Mal als chinesische Musik. Yoko Tawada Der Zug und die Zunge 2 In den Neunzigern, als ich noch in Hamburg lebte, nahm ich oft einen Nachtzug von Hamburg-Altona, um eineandereeuropäischeStadtzubesuchen.Diebeleuchtete Abfahrttafel im nächtlichen Bahnhof zeigte mir die Ortsnamen, die wie eine Versprechung erschienen. Paris, Amsterdam, Kopenhagen, Rom: Es war mein Jugendtraum gewesen, einen Zug zu nehmen, um eine Sprachgrenze zu überschreiten. Ich weiß nicht, wie viel Sprachgrenzen ich schon als Zugpassagier überschritten habe. Mit einem Flugzeug hätte ich natürlich schneller mehrere Sprachen überfliegen können. Aber mir war die Kontinuität der Erde wichtig, auf der unterschiedliche Sprachen Haut an Haut leben. Die dänische Sprache klang aber aus einer magischen Ferne, obwohl Dänemark von Hamburg aus so nah lag. Sie strahlte eine helle Melancholie aus und die stille Kraft eines sanften Regens. Seitdem ich in Berlin wohne, wundere ich mich oft darüber, wie oft ich den Warschawa-Express vorbeifahren sehe. Es kann nicht sein, dass er so oft fährt, wie ich ihn sehe. Ich weiß, was der Express mir sagen will. Seine Schiene will mich zur Sprache von Bruno Schulz und Roman Polanski bringen. Aber ich kann dieses Jahr nicht nach Osten fahren, denn mein Blick ist im Moment nach Westen gerichtet, nach Paris. Ich hatte früher die Gewohnheit, den Weltatlas arabisch zu lesen: von rechts nach links. Ich bin am rechten Ende, in Fernost, geboren, kam durch die Berührung mit Chinesisch, Russisch und Polnisch ins Deutsche. Vielleicht ist das der Grund, warum ich glaube, dass ich mich in Richtung Französisch bewegen muss. Es gibt unzählige faszinierende Sprachen in diesem kleinen Fleck auf der Welt, den man Europa nennt. Wie traurig, dass meine Gehirnzellen durch den Versuch, Deutsch zu lernen, schon verbraucht sind. Sonst könnte ich entlang der Reiseroute weitere Sprachen lernen. Bei der nächsten Runde möchte ich eine südliche Route durch Vietnamesisch, Hindi, Persisch, Türkisch und viele andere Sprachen nehmen. Ich möchte eines Tages aufhören, immer in eine Richtung zu reisen und stattdessen spiralförmig in Indien oder in Afrika herumreisen und zahlreiche weitere Sprachen trinken, ohne sie aufzuzählen. Bis auf wenige Ausnahmen kann ein Mensch in einem Leben nicht so viele Sprachen lernen. Wichtig ist nicht, viele Sprachen zu lernen, sondern das Ohr offen zu halten. 3 Wenn der Zug vor einer Grenze stehenbleibt, entsteht ein Zeitraum, in dem noch nichts passiert. Ich blicke auf den dunklen Bahnsteig, warte auf Menschenstimmen, wie eine Theaterbesucherin vor dem Beginn der Aufführung. Noch befinde ich mich vor einer Grenze. Ich kann keine Grenze hinter mir lassen. Man fragt mich oft, warum ich Japan verlassen habe. Ich habe kein Land verlassen. Keine Grenze liegt hinter mir. Denn die Grenze Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 7
  8. 8. ist eine Tür, die man öffnet, um das Vergessene zugänglich zu machen. Ich wache auf, schließe die Tür des Traums zu, und der Nachtzug fährt in den Sonnenaufgang hinein. Aus dem Wort «Zukunft» höre ich das Wort «Zug» heraus. 4 In jedem Nachtzug befand ich mich in einer beson- deren Klanginstallation mit Maschinengeräuschen und Menschenstimmen. Der Zug sammelte weitere Klänge, in- dem er durch Industriegebiete, Agrarlandschaften, Wälder, Dörfer und Städte fuhr. Ich liebte es, am frühen Morgen vom Klang einer Sprache erweckt zu werden. Wenn der Zug im Nordbahnhof in Paris einfuhr, strömte durch das Nachtzugfenster die kühle Morgenluft mit einer neuen Sprachmelodie herein. Mein Herz schlug vor Erwartung, Sehnsucht und Angst schneller. Die Entfernung bekam in dem Moment eine andere Qualität als das, was man im Geographieunterricht gelernt zu haben glaubt. Ich kann leicht herausfinden, wie viel Kilometer Paris von Tokio entfernt ist. Ich kann auch herausfinden, wie schnell ein Nachtzug oder ein TGV fährt. Ich weiß sogar, wann und wo ungefähr eine Baustelle die ICEs zu einer Verspätung bringt und mit wie viel Brötchen und Schokolade die Passagiere für ihre Geduld belohnt werden. Diese Information reicht nicht aus, um die Entfernung zu einer Sprache zu messen. Denn es geht hier um den Lernprozess eines Individuums, der einen Teil des Lebens kostet oder besser: ausmacht. 5 Als ich meiner französischen Freundin sagte, dass die deutsche Sprache der französischen sehr ähnlich sei, war sie überrascht. Sie sagte, sie verstehe kein Wort in Deutschland, also Deutsch sei genau so fremd wie Türkisch. Man kenne jeden Buchstaben des Alphabets, verstehe jedoch kein einziges Wort. Das sei in Italien oder in Spanien niemals der Fall. Ich war überrascht. In meinem Kopf gab es eine linguistische Weltkarte, auf der alle indoeuropäischen Sprachen in einer Farbe koloriert sind. Türkisch hat deutlich eine andere Farbe. Für einen japanischen Studenten fällt es leichter, Französisch zu lernen, wenn er schon etwas Deutsch oder Russisch gelernt hat. Denn man kann in den Grammatiken der europäischen Sprachen mit den gemeinsamen Kategorien operieren: die Präposition, das Genus der Substantive, der Relativsatz, Singular und Plural. All das gibt es nicht im Japanischen. Es gibt noch viele weitere Ähnlichkeiten, die selbst einem Laienlinguisten sofort auffallen. 6 Ein Ort ist die Summe aller Geräusche der Gegenwart. In einem Bus oder in einer Straßenbahn in Berlin höre ich gleichzeitig mehrere Sprachen. Das erinnert mich an jenen Proberaum in unserer Schule. Die Orchesterprobe hat noch nicht angefangen. Alle, die schon da sind, geben Töne von sich, aber noch ist es kein gemeinsames Spiel. Drei Klarinetten kichern zusammen, während eine Trompete hustet. Eine Flöte lässt eine romantische Melodie auf einen Marsch gleiten, den der Bassist spielt, um sich kurz aufzuwärmen. Ich höre gern der Disharmonie zu, die die Gegenwart bestimmt. Mich interessiert nicht, ob der Tag des Konzertes kommt oder nicht. Die Gegenwart befindet sich für mich immer einen Tag vor der Generalprobe. Ich habe keine utopische Vorstellung von Europa. Mich begeistert einfach die Gegenwart der europäischen Städte mit Menschen, die in sich mehrere Sprachen tragen und die Orte, an denen gleichzeitig mehrere Sprachen – gebrochen oder ungebrochen – gesprochen werden. Umgekehrt kann dort jede Sprache ihre Grenze überschreiten, um kurz einen Liter Milch zu holen. 7 Einmal nahm ich an einem großen internationalen Literaturfestival in Kanada teil. Alle Lesungen wurden auf Englisch gehalten, und ich war eingeschüchtert, weil die anderen Teilnehmer ohne Mühe Englisch sprachen. Kein Wunder. Sie stammten aus Kanada, den USA, England, Irland, Schottland, Australien, Neuseeland und Indien. Es war eine große Ehre und ein Wunder oder vielleicht ein glücklichesMissverständnis,dasssiemicheingeladenhatten. Außer mir gab es nur zwei Autoren, die als Erwachsene mühsam Englisch gelernt hatten und diese Sprache im Alltag nicht benutzten. Englischsprachige Länder sind gut auf dem Globus verteilt, so dass der Veranstalter ohne Hemmung ein englischsprachiges Festival als internationales Festival bezeichnen konnte. Das Wort «international» zeigt auf den Austausch zwischen den Nationen und nicht zwischen den Sprachen. Insofern kann man nicht den Veranstalter kritisieren. Einmal wurde ich zu einem internationalen Literaturfesti- val in Trondheim eingeladen. Dort sprachen die Dänen Dänisch, die Schweden und die Finnen Schwedisch und die Norweger Norwegisch. Zumindest vermute ich das, denn alle sprachen frei und unbekümmert miteinander germanische Sprachen, die sich durch feine, farbenreiche Differenzen von einander unterschieden. Im Frühjahr dieses Jahres sprach ich mit einem ameri- kanischen Mediävist von der Harvard University. Er hatte gerade auf einem großen Kongress in Europa einen Vortrag gehalten. Nicht nur aus europäischen Ländern, sondern auch aus Asien und Afrika kamen Wissenschaftler, aber man durfte nur Englisch benutzen. Der Mediävist, der selber mehrere europäische Sprachen spricht, sagte, es sei für ihn interessant gewesen zu erfahren, dass der Turm zu Babel gerade bei der Einsprachigkeit entstehen kann. Denn er verstand kaum jemanden dort und alle glaubten, sie würden Englisch sprechen. Es gibt oft internationale Tagungen, auf denen nur Englisch gesprochen wird. Nach der Beendung des Kalten Krieges glauben noch mehr Leute, dass jeder Mensch auf dem Globus Englisch verstehen muss. In Wirklichkeit passiert nicht selten, dass die Teilnehmer einer Tagung vieles in vielen Vorträgen und Gesprächen nicht verstehen. Jede Exophonie. 8 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  9. 9. Zunge kennt ein anderes Englisch. Das Problem ist aber nicht, dass man Vieles nicht versteht, sondern dass man im Pflichtenglisch keinen Körper findet, an dem der Geist landen kann. Der Zuhörer sieht deshalb geistig abwesend aus. Seine Ohren und sein Herz sind nicht mehr dabei, weil er von der Situation der Einsprachigkeit überfordert ist. 8 Die Menschen, die alles unter Kontrolle halten wollen, haben Angst vor der Sprache, die sie nicht verstehen. Sie entwickeln sogar Hass gegen alles, was sie nicht sofort einordnen können oder womit sie sich nicht identifizieren können. Ein Diktator hat Angst vor Ideen, die in seinem Territorium heimlich wachsen. Jede Idee, die er nicht sofort verstehen kann, ist potenziell gegen ihn gerichtet. Er erlaubt keine Kritik, keine Alternative. Ich rede hier nicht von einem politischen Diktator, den jeder sofort als solchen erkennt, sondern von einem Diktator in jedem Individuum, das in der Demokratie lebt. 9 Wie einsam und stark ein Wort aussieht, wenn es seine Familie, den Satz, verlässt und auf eine Reise geht! Es besucht verschiedene Orte, oder besser gesagt, indem es sich fortbewegt, entstehen neue Ortschaften. Das Wort «Wort» enthält das Wort «Ort», also hat es seinen Ort in sich. Das Wort «Wort» nimmt den Zug namens Eurostar und besucht England. Ich sehe, dass das englische Wort «word» mit dem Wort «Wort» verwandt ist. Das ist eine Brücke, die keine hohe Welle flüchtet. Man hört und sieht die Ähnlichkeit. Ein Linguist sagt zu einem Grafiker, eine optische Ähnlichkeit bedeute nichts. Der Grafiker antwortet: Doch. Manche Dichter stehen auf der Seite des Linguisten, die anderen auf der des Grafikers. Wenn man in das Wort «word» noch ein «o» hinzufügt, entsteht das niederländische Wort «Woord». In diesem Wort kommt zweimal der Buchstabe «o» vor, genau wie im japanischen Wort «kotoba». Mich interessiert nicht nur die Etymologie, sondern auch, wie mir verschiedene Wörter erscheinen.IchbetrachtesiewiedieGesichter,dieichzufällig sehe, wenn ich aus einem Zugfenster herausschaue. Ein Zufall ist kein Sonderfall mehr. Das Großstadtleben besteht aus zufälligen Begegnungen. Eine Zugfahrt beschleunigt und erweitert die Möglichkeit der zufälligen Begegnungen. „Die Sprache ist der Mensch, aber sie ist auch die Welt. Sie ist Geschichte und Biographie: die anderen und ich“ (Octavio Paz) Denke ich über meine Sprache nach, kann ich sie mir nur in Form von übereinander geschichteten Gesteins- ablagerungen vorstellen. Schreibe ich über meine Sprache, glaube ich eine geologische Karte aufschlagen zu müssen, deren Schichten meine unterschiedlichen Sprach- und Lebensabschnitte erkennbar machen. Auf der Suche nach der Erstsprache lege ich Schichten von Zeit, man könnte sagen, von Sandstein, Kalk und Granit bloß, um dorthin zu gelangen, wo sie ist. Sie scheint in einer Luftrinde eingeschlossen und von einem emotionalen Panzer umgeben, der sie am Leben hält. Sie ist voller Gerüche, Ahnungen und Phantasien. Ich nenne sie Großmuttersprache, weil sie von meiner Großmutter, der Mutter meines Vaters gesprochen wurde. Mit ihr habe ich die meiste Zeit meiner Kindheit verbracht. Der Versuch, über diese Sprache zu schreiben, beginnt als mühsame Erinnerungsreise. In einem meiner bislang unveröffentlichten Gedichte heißt es: Maja Haderlap Meine Sprache Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 9
  10. 10. einmal im jahr, wenn lesezeichen aus meinen büchern fallen mit vermerken wie zählfarne registraturnelken, nesselklammern, kehre ich in mein dorf zurück. auf aufgeschlagenen seiten vergilben geschichten, die zu legenden wurden und ihre waffen abgelegt haben, den spott, den aufruhr, den tanzschweiß, der von den schläfen der tänzer tropfte. ich ziehe meinen roten kittel an, stülpe die haare wie einen strauch über den kopf, trage schmutzige socken und stiefel, die einem mann passen könnten. ich rieche das schweinefett in den ungelüfteten küchen, probiere namen aus und ihre schattengeschichten, die einmal losgetreten, poltern wie treibendes holz. am hofeingang bleibe ich stehen, dort habe ich einen stein hingelegt mit einer furche in kalk eingeschlossen, die mich erinnern soll woher ich kam. Die Geschichten, von denen die Rede ist, wurden von Nachbarn erzählt, die meine Großmutter besucht haben. Wir lebten auf einem einschichtigen Bauernhof in Lepena bei Bad Eisenkappel in einer abgeschlossenen Welt. Nachbarn, die zu alt oder zu krank zum Arbeiten waren, besuchten einander und erzählten in immer neuen Anläufen ihre Lebens- und Kriegsgeschichten, die sie nicht losließen. Wenn ich bei meiner Großmutter schlief und wir uns sehr nahe waren, erzählte sie auch vom Frauenkazett, in dem sie mit mehreren Frauen aus dem Ort gewesen war. Ravensbrück war in meiner Vorstellung ein überschaubarer Ort. Ich glaubte mich im Lager auszukennen und Großmutter schien nichts dagegen zu haben. Sie brachte mir bei, wie man sich mit der Zunge am Gaumen bekreuzigt, wenn man verhaftet oder geschlagen wird und welches Gebet man beten muß, damit man wieder lebend nach Hause kommt. Ich lernte von ihr die Geister der Verstorbenen nicht aufzuschrecken, damit sie einen in Ruhe lassen. Sie übte mit mir Beschwörungsformeln für Gräser, Weizenkörner, Wasser und Milch. Ich lief ihr überallhin nach und hatte Angst, daß sie sich einmal in Nichts auflösen könnte. Politischen Auseinandersetzungen gingsieausdemWeg,weilsieMenschen,dieihreErfahrung in Frage stellten, tief kränkten. Sie verließ Lepena nur, um zur Messe, auf Hochzeiten oder auf Begräbnisse zu gehen, ihren Sohn zu besuchen oder zu wallfahrten. Die Muttersprache konnte sich gegen die Großmutter- sprache nur mit Mühe behaupten. Die Sprache der Mutter bestand aus Koseworten, Befehlen und Gebets- formeln. Sie nährte sich aus den kleinen katholischen Erziehungsheftchen, die meine Mutter auf dem Nacht- kästchen stapelte. Sie fühlte sich zu unerfahren, um sich auf ihre Gefühle verlassen zu können. Deshalb las sie viel darüber, wie eine katholische Mutter ihre Kinder zu erziehen hat. Die Muttersprache war nicht nur ein System von Bedeutungen, Begriffen, Definitionen, sie bezog sich auch auf eine höhere Instanz, auf einen unsichtbaren, allwissenden Richter, der über allem stand und allem Bedeutung zumaß. Bis zu meinem Eintritt in die Schule sprach ich nur Slowenisch, genauer gesagt, den slowenischen Dialekt von Lepena und begann erst in der Schule Deutsch zu lernen Es ist heute in Kärnten kaum mehr vorstellbar, in einer mehrheitlich deutsch sprechenden Umgebung einsprachig slowenisch aufzuwachsen. Aber in den Gräben rund um Bad Eisenkappel sprach man in dieser Zeit fast ausschließlich Slowenisch. In unserem Haus gab es weder Fernsehen, noch wurde viel Radio gehört, mit Ausnahme der täglichen zwanzig- minütigen slowenischen Radiosendungen. An Büchern gab es die Jahreskalender des Hermagoras Verlages, Heili- genlegenden und Märtyrergeschichten, die Jahrbücher des Slowenischen Kulturverbandes und einzelne Romane oder Erzählungen, die man mit den jährlichen Buchpaketen der slowenischen Organisationen bekam. Wir bezogen die slowenische Kirchenzeitung, die Wochenzeitung Slovenski vestnik und den Kärntner Bauer. Nichts von dem interessierte mich während meiner Volksschulzeit. Die mündlichen Erzählungen hielten mich weiterhin gefangen. Zu dieser Zeit bekam der Tod ein konkretes Gesicht in den Todesfällen und Todesarten, denenichbegegnete.Jetzt stelltensichbeidenErzählungen meiner Großmutter Grauen und Entsetzen ein. Ich begann die Kriegsgeschichten anders zu verstehen, und glaubte, daß es das Unerklärliche gibt und daß es nichts mit dem Exophonie. 10 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  11. 11. Gott meiner Mutter und seinen Engeln, die das Unsichtbare bevölkerten, zu tun hatte. Dann kam das Erlebnis des Weggehens. Meine Mutter entschied sich gegen den Willen der Großmutter und gegen den Willen meines Vaters, mich in das Bundesgymnasium für Slowenen in Klagenfurt zu geben. Dieser Einschnitt bedeutete, daß ich in einem Schülerheim untergebracht werden mußte. Ich war sehr verunsichert. Die Großmutter hatte den Horizont meiner Kindheitswelt mit Begriffen und Bedeutungen aus einer vergangenen Zeit markiert. Die Welt, wie sie sie zeichnete, war dunkel schillernd und vereinnahmend, aber sie war auch ein Gefängnis, aus dem ich mich hinausträumte. Nach meinem Weggehen wandte sie sich von mir ab. Sie war mit den Veränderungen, die mein neues Leben mit sich brachte, nicht einverstanden. Sie beargwöhnte meine Kleidung. Hosen tragende Mädchen waren ihr ein Ärgernis. Langsam, ganz langsam begannen Begriffe und Gegen- stände, mit denen ich aufgewachsen war, zu verblassen. Ich fing an, die Namen der Gräser und Unkrautgewächse zu verwechseln, ich vergaß die unterschiedlichen Riemen- namen des Pferdegeschirrs. Begriffe und Vokabeln aus der Kindheit begannen zu verdorren, als ob ich sie zum Trocknen ausgebreitet hätte. Ein Teil der Muttersprache zog sich von mir zurück. Ich hatte Angst, mich nicht mehr verständlich machen zu können und legte mir instinktiv neue Sprachmasken zu, hinter denen ich mich versteckt hielt. Das Schriftslowenische war eine davon. Eine andere war, daß ich zunehmend schweigsamer wurde. Die Stimmung im Schülerheim war gedrückt. Es war die Zeit des Ortstafelsturms und die Erzieher rieten uns, vorsichtig zu sein. Ich hatte ohnehin nicht vor, die neue Umgebung zu erkunden. Also zog ich mich zum ersten Mal bewußt zu den Büchern zurück. Im Gymnasium wurde der Unterricht vorwiegend auf Slowenisch gehalten. Die slowenische Sprache wurde uns als etwas präsentiert, das Werte und Bindungen wie Tradition, Zugehörigkeit und Identität bedeutet. In meiner Einsamkeit war ich für diese emotionale Definition von Sprache sehr empfänglich. Gleichzeitig nahm ich natürlich wahr, daß in Kärnten der Wert dieser Sprache stark eingeschränkt war und ihre gesellschaftliche Funktion bestritten wurde. Im Sprachunterricht wurden die slowenischen Errungenschaften in Kunst, Literatur, Religion, Wissenschaft und Technik hervorgehoben. Gleichrangigkeit und Gleichwertigkeit der Sprache wurden in einem Umfeld behauptet, in dem die Bereitschaft, den slowenischen oder zweisprachigen Teil der Identität des Landes zu akzeptieren, gering war. Ein überwiegender Teil der Kärntner Bevölkerung sah im öffentlichen Gebrauch der zweiten Landessprache eine Provokation. Ich fühlte mich damals in der Gruppe aufgehoben, ver- band mein persönliches Geschick mit einem Kollektiv. Wir versuchten das Gefühl von Minderwertigkeit, das uns suggeriert wurde, zu negieren und verteidigten unsere Sprache gegen die rudimentäre Sprache der Verhetzung, die sich in aggressiven und hilflosen Sätzen Luft machte. Meine Politisierung erfolgte über den Kärntner Sprachenstreit. Gleichzeitig entwickelte ich über die Lektüre österreichischer AutorInnen einen Bezug zu meiner zweiten Sprache, die mich aus den Verstrickungen dieses Streits hinausführte. Eine eigene Geschichte waren unsere Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern aus Slowenien. Einmal im Jahr wurde ein Treffen organisiert. Ich stellte mit Staunen fest, daß ich mich in Slowenien fremd fühlte. Unser kärntnerisches Idiom verriet uns sofort als Ausländer. Darüber konnte auch das wohlwollende Interesse, das uns die slowenische Öffentlichkeit entgegenbrachte, nicht hinweg täuschen. Daß der Großteil der Slowenen in einem kommunistischen Land lebte, wurde mir erst nach und nach bewußt. Als Kind verband ich mit Slowenien in erster Linie den See von Bled, den Marienwallfahrtsort Brezje und Marschall Tito. Sveta devica Marija blickte von ihrem Altar so gütig auf uns herab wie der schneidige Marschall kühn von seinen allgegenwärtigen Fotos in den Gasthäusern und Souvenirläden. Dann starb meine Großmutter. Ihr Tod löste mir die Sprache. Ich begann zu schreiben und fand im Formulieren Gleichgewicht und Halt. Ohne viel nachzudenken, schrieb ich auf Slowenisch. Ich wollte diese Sprache auch in Wien behalten, wo ich zu studieren begann. Mit dem Schreiben auf Slowenisch versuchte ich eine Kontinuität zu behaupten, die es in meiner sozialen Realität nicht mehr gab. In Wien hatte ich das Gefühl, daß mir beide Sprachen abhanden kommen und mit den Sprachen auch das Gefühl von Zugehörigkeit. In einem Gedicht aus jener Zeit schrieb ich: nichts bleibt von der illusion der sicherheit, die sich wie eine infektion im gedächtnis ansiedelt und geduldig harrt, der endlose knoten hier, der mir die sprache verschlägt, jahr für jahr fährt der fahrstuhl so in eine zu niedrige halle, und die weinberge draußen rufen den ort zurück. vorläufigkeit hat die wände er- faßt, die andeutungen. ein einziges erschrecken verdeckt den kühnen reiz, daß ich erneut unter den phantomen der heimat und der fremde wähle. die versuche heimisch zu werden enden in Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 11
  12. 12. flucht. die uralte klage schreibe ich auf und die vor- stellung der erfahrung von schwäche, als könnte sie sich nicht steigern. das erinnern verkürzt sich zum flüchtigen eindruck und läßt die mikroben erzittern. Nichts war von einer, und sei es auch eingebildeten, Souveränität im Umgang mit den Sprachen übriggeblieben. Ich hatte bis dahin im Bewußtsein geschrieben, daß ich in der Sprache, die ich als Identitätsmerkmal verstanden hatte, aufgehoben bin. Ich war es nicht. Während ich mich bemühte, die Normen des wissenschaftlichen Diskurses zu erlernen, zog sich meine slowenische Sprache in Nischen zurück. Die Wörter deuteten auf nichts mehr, sie bezogen sich nur noch auf Imaginäres: du täuscht geborgenheit vor und entstehst, indem ich mir traurige gedankenflicken ruckweise vom körper reiße. ekel folgt ekel. du metallisches beben der zellen, sprache, mit der ich auf echoloses niemandsland blicke, sprache mit gallenflüssigkeit gefüllt, die mich in ein abstoßendes magnetfeld des schweigens zerrt. selten durchdringt die fülle der sätze schichten des nichts auf dem papier. was bist du, ein blatt papier, auf das ich zwei lange tage für einen zuschauer starre, der lebt, mir aber fremd ist und den es vielleicht gar nicht gibt? welche lust bringt das gedankengewirr in verläßliche form und für wen? nein, anders. Ich suchte verstärkt den Kontakt mit Autorinnen und Autoren in Slowenien. In meinen Texten nahm ich das Gespräch mit der zeitgenössischen slowenischen Literatur auf. Mein zweiter Gedichtband Bajalice (1987) wurde in Slowenien mit viel Aufmerksamkeit bedacht. Ich wurde als zentralslowenische Dichterin wahrgenommen, der plötzlich nicht mehr der allzu vertraute Makel anhaftete, Angehörige einer Minderheit zu sein. Man registrierte mich und meine Texte ohne jeglichen österreichischen Bezug, was mir beschränkend erschien, weil es einen Teil jener Realität ausklammerte, in der ich mich bewegte. In Kärnten andererseits hat man das Buch völlig übersehen. Es erschien keine einzige Besprechung, es gab nur vereinzelte, private Reaktionen. Uns, den slowenisch Schreibenden in Kärnten kommen nicht nur die Rezensenten, sondern auch die Leserinnen und Leser abhanden. Und das ist das größere Problem. So mühelos kann man sich mit meiner Sprache zwischen alle Stühle zu setzen. Das literarische Schreiben verlangt nach Ausschließ- lichkeit, wie auch die Kanonisierung der Literatur von der Zugehörigkeit zu einer Sprache ausgeht. Eine solche Ausschließlichkeit aber kann es für mich nicht geben. Gleich, ob ich mich mit slowenisch Schreibenden oder mit deutsch Schreibenden zusammenfinde, ich habe immer das Gefühl, von der Peripherie zu kommen, nicht zu den Sprachmächtigen zu gehören, die sich souverän in ihren sprachlichen Milieus bewegen, oder vorgeben es zu tun. Ich glaube wie viele andere Autorinnen und Autoren auch, daß Sprache nicht nur Heimat bedeutet, daß sie auch Fremde sein kann, die die Möglichkeit des Verstummens bereithält. Sprache ist ein Raum der Simulation, ein Labor, das einlädt zum Spiel, das Heimat und Fremde aufheben kann. Ich habe begonnen, seit ich wieder in Kärnten lebe, in beiden Sprachen zu schreiben und nicht aus der einen in die andere zu übersetzen. Es gibt kein Gedicht, das ich auf deutsch genauso schreiben würde wie auf slowenisch. Manchmal fallen die Sprachen innerhalb eines Satzes übereinander her, aber meistens gehen sie getrennte Wege, wohnen in zwei verschiedenen Räumen, beobachten einander, sind auf der Lauer, ob sich nicht eine fremde Syntax durch die Hintertür eingeschlichen hat. Jede Sprache ist eingenommen von sich, von ihren eigenen Systemen, Bezügen und Assoziationsräumen, jede versucht zu blenden und aufzutrumpfen. Es gibt Verstehen und Mißverstehen und es gibt mich, die über diese Sprachen das Eigene mit fremden Augen wahrnimmt und das Fremde mit eigenen Augen. Ich schreibe nicht aus dem Sprachüberfluß, sondern aus der Erfahrung des Mangels. Ich spiele nicht mit den Sprachen, dazu fehlt mir die Leichtigkeit. Ich führe den Sprachen Bilder vor, die aus den tieferen Erfahrungs- und Bewußtseinsschichten aufsteigen. Meine beiden Sprachen müssen daran gemessen werden, wie sie diese Bilder sichtbar werden lassen. Der Beitrag ist eine Neufassung von Meine Sprache, in: Klaus Amann, Fabjan Hafner (Hg.): Mein Paradies und andere Orte der Begegnung. Graz: Styria 2003. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Verlags- gruppe Styria GmbH & Co KG. Exophonie. 12 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  13. 13. Inwieweit finden Sie sich und Ihre Arbeit in Kategorien wie „exophon“ oder „interkulturelle Literatur“ wieder? Ist Ihnen die heutige Diskussion des Themas in diesem Rahmen wichtig und angenehm? Was bedeutet das Schreiben für Sie, für Ihre Identität und für Ihre Gefühle und Ihr Denken hinsichtlich Orte, Menschen, Literaturen und Kulturen? Was bedeutet Literatur allgemein und interkulturelle Literatur für Sie? Inwieweit bietet das Schreiben jenseits einer Erst- sprache Vorteile und Nachteile? In welchen (sprach- lichen, publikationstechnischen oder kulturpolitischen) Bereichen fühlen Sie sich in einer anderen Position als nicht-mehrsprachige AutorInnen? Hinsichtlich der Frage, wo ich mich in den Begriffen „exophon“ und „interkulturelle Literatur“ wieder finden würde, hat zu einer gewissen Bestürzung meinerseits geführt, besser gesagt zu einem gewissen vorübergehenden Selbstverlust, da ich auch nach sorgfältigem Suchen – sogar in den ganz dunklen Ecken – mich nicht nur nicht wieder gefunden habe, sondern sogar der Verdacht aufkeimte, ich sei dort niemals verloren gegangen. Julya Rabinowich Zur Exophonie Staub aufgewirbelt habe ich dabei, ja, über Erinnerungen gestolpert, die ich dort vermutet habe wie alte Schlittschuhe auf dem Dachboden unserer ersten Wohnung in Wien, die ich dort liegen liess und niemals mehr abholte, da sie beim Anprobieren bereits schmerzten. Das Gemeinsame zwischen Schlittschuhen und Schreiben ergibt sich unter anderem aus dem Fakt, dass ich nicht glaube, dass beides mir noch passt oder hätte passen können. Als Kind nach Österreich gekommen, war ich natürlich mit dem unvorbereitet einsetzendem Sprachverlust ge- schlagen wie mit einer schweren und ansteckenden Krankheit, die zu vorübergehenden Quarantäne geführt hat. Dieser Schock hat natürlich auch mich geprägt, wie alle Kindheitstraumen prägend sind. Ich würde dem aber nicht mehr Gewicht beimessen als jedem anderen Schock jeder anderen Kindheit: geschrieben habe ich bereits als Kind, und lange, bevor wir Russland verließen, es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich auch Hoheit über das neue Gebiet beanspruchen würde. UndwennwirnunbeizueroberndenGebietensind:natür- lich ist für mich das Schreiben meine Art, mir die Welt ein- zuverleiben, sie mir begreifbar und abschätzbar zu machen, durch eigene Abgründe in die der anderen vorzudringen, zu vermitteln, zu trennen und zu herrschen. Diese Diskussion ist für mich immer ein recht zwei- schneidiges Schwert, da sie natürlich Literatur zu einer be- stimmten Literatur, zu einer Literatur der ursprünglichen Mängel und nachträglichen Bereicherungen prägt, was ich für gefährlich halte, da darüber der Blick auf das, was ist: nämlich das Wort und die Geschichte, verstellt wird und im ungünstigsten Falle etwas wie gewisser Exotismus, diese „Kunst der Wilden“ daraus entstehen könnte – im Forum des standard-online gab es nicht wenige Stimmen, die die Verleihung des Deutschen Buchpreises an „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji für falsch und untragbar hielten, da sie als „Nichteingeborene“ kein Recht auf Preise für deutsche Literatur habe, da sie als Fremde nicht qualifiziert für diese Sprache sei! Literatur bedeutet für mich in erster Linie, meine Gefühle und Gedanken zu einem Sog zu verdichten, der mich in mein Zentrum zieht, erkennen lässt, und der im Idealfall über das Innerste der Geschichte ins Innerste des Lesers führt. Eine geistige Penetration in gewisser Weise, Durchdringung, ein Übergriff. Wie jede Kunst für jeden Kunstschaffenden ist Sprache als Mittel der Umsetzung für mich natürlich auch Heimat und Herausforderung, schmerzlich und selig machend in einem, wie jede Leidenschaft. Meine Herkunft ist mir dabei so hinderlich oder hilfreich wie jede andere Her- kunft jedes anderen Schriftstellers. Sie prägt, sie gibt Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 13
  14. 14. einem ein Päckchen mit auf den Weg, Möglichkeiten und Beschränkungen: das gilt für alle. Sie sehen also, dass ich mich weder mit dem Begriff der Migrationsliteratur leicht anfreunden kann, noch mit deren besonderen Hervorhebung, obwohl ich auch immer wieder versuche, den Standpunkt ihrer Befürworter zu verstehen. Der Begriff „interkulturelle Literatur“ klingt für mich weit besser, umreisst aber immer noch die Wahrnehmung, dass Literaturinterkulturellundnationalseinkann,wasfürmich als Standpunkt nicht in Frage kommt, Literatur ist Literatur oder aber sie hat ihre Aufgabe verfehlt. Die Schublade der „interkulturellen Literatur“ kann natürlich für Anfänger ein Sprungbrett darstellen, das ihnen weiterhelfen KANN, aber eines, das bald verlassen werden sollte, wenn man mit Qualität überzeugen möchte. Ab einem gewissen Level bedeutet „Migrantenliterat“ nichts anderes als: nett, aber leider nicht genug ernst zu nehmen, denn niemand würde Camus oder Kundera als Migrationsliteraten bezeichnen. Warum? Weil sie Literaten sind. Exophonie. 14 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  15. 15. In meinem ersten Jahr in Deutschland schlief ich täglich über neun Stunden, um mich von den vielen Eindrücken zu erholen. Jeder normale Büroalltag war für mich eine Kette rätselhafter Szenen. Wie jede andere, die in einem Büro arbeitet, war ich umgeben von verschiedenem Schreibzeug. lnsofern wirkte meine neue Umgebung auf mich zuerst nicht so fremd: Ein deutscher Bleistift unterschied sich kaum von einem japanischen. Er hieß aber nicht mehr »Enpitsu«, sondern »Bleistift«. Das Wort »Bleistift« machte mir den Eindruck, als hätte ich es jetzt mit einem neuen Gegenstand zu tun. lch hatte ein leichtes Schamgefühl, wenn ich ihn mit dem neuen Namen bezeichnen mußte. Es war vergleichbar mit dem Gefühl, das auf mich zukam, als ich meine verheiratete Bekannte mit ihrem neuen Familiennamen ansprechen mußte. Bald gewöhnte ich mich daran, mit einem Bleistift - und nicht mehr mit einem Enpitsu - zu schreiben. Bis dahin war mir nicht bewußt gewesen, daß die Beziehung zwischen mir und meinem Bleistift eine sprachliche war. Eines Tages hörte ich, wie eine Mitarbeiterin über ihren Bleistift schimpfte: »Der blöde Bleistift! Der spinnt! Der will heutenichtschreiben!«Jedesmal,wennsieihnanspitzteund versuchte, mit ihm zu schreiben, brach die Bleistiftmine ab. In der japanischen Sprache kann man einen Bleistift nicht auf diese Weise personifizieren. Ein Bleistift kann weder blöd sein noch spinnen. ln Japan habe ich noch nie gehört, daß ein Mensch über seinen Bleistift schimpfte, als wäre er eine Person. Das ist der deutsche Animismus, dachte ich mir. Zuerst war ich nicht sicher, ob die Frau ihre Wut scherzhaft übertrieb oder ob sie wirklich so wütend war, wie sie aussah. Denn es war für mich nicht vorstellbar, so ein starkes Gefühl für einen so kleinen Gegenstand empfinden zu können. Ich bin zum Beispiel noch nie in meinem Leben über mein Schreibzeug wütend geworden. Die Frau schien aber - soweit ich es beurteilen konnte – ihre Worte nicht als Scherz gemeint zu haben. Mit einem ernsthaften Gesicht warf sie den Bleistift in den Papierkorb und nahm einen neuen in die Hand. Der Bleistift, der in ihrem Papierkorb lag, kam mir plötzlich merkwürdig lebendig vor. Das war die deutsche Sprache, die der für mich fremden Beziehung zwischen diesem Bleistift und der Frau zugrunde lag. Der Bleistift hatte in dieser Sprache die Möglichkeit, der Frau Widerstand zu leisten. Die Frau konnte ihrerseits über ihn schimpfen, um ihn wieder in ihre Macht zu bekommen. Ihre Macht bestand darin, daß sie über den Bleistift reden konnte, während der Bleistift stumm war. Vielleicht schimpfte sie über ihn, um sich dieses Macht- verhältnisses zu vergewissern. Denn die Frau war sehr Yoko Tawada: Von der Muttersprache zur Sprachmutter verunsichert in dem Moment, als sie nicht weiterschreiben konnte. Unabhängig davon, ob es an der ständig brech- enden Bleistiftmine liegt oder an der mangelnden Kreativität, wird jeder Mensch verzweifelt, wenn er plötzlich nicht weiterschreiben kann. Er muß dann seine Position als Schreibender wiederherstellen, indem er über sein stummes Schreibzeug schimpft. Leider handelt es sich hier nicht um einen Animismus. Trotzdem kam mir der Bleistift lebendig vor, als die Frau über ihn schimpfte. Außerdem kam er mir männlich vor, weil er der Bleistift hieß. ln der japanischen Sprache sind alle Wörter geschlechtslos. Die Substantive lassen sich zwar - wie das bei den Zahlwörtern sichtbar wird - in verschiedeneGruppenaufteilen,aberdieseGruppenhaben nie das Kriterium des Männlichen oder des Weiblichen: Es gibt zum Beispiel eine Gruppe der flachen Gegenstände oder der länglichen oder der runden. Häuser, Schiffe und Bücher bilden jeweils eigene Gruppen. Es gibt natürlich auch die Gruppe der Menschen: Männer und Frauen gehören zusammen dahin. Grammatikalisch gesehen ist im Japanischen nicht einmal ein Mann männlich. Es machte mir viel Mühe, das grammatische Geschlecht eines deutschen Wortes zu lernen. lch vergaß es sofort, als hätte es gar keine Beziehung zu dem Wort. Einem Muttersprachlichen komme das grammatische Geschlecht wie ein natürlicher Teil eines Wortes vor, stand in einem Sprachlehrbuch. Ich versuchte immer wieder herauszufinden, wie man sich diese Empfindung erwerben könnte. Es gab einen Vergleich, an dem ich mich damals orien- tierte: Wenn ich zum Beispiel eine Menschengestalt sehe, nehme ich als erstes wahr, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Auch bei dem Gedanken, diese Unterscheidung sei für mich vollkommen bedeutungslos, könnte ich keinen Menschen wahrnehmen, ohne sein Geschlecht wenigstens zu beachten. lch sollte wahrscheinlich die Gegenstände genauso wahrnehmen – dachte ich mir damals -, sonst könnte ich mir niemals ihr grammatisches Geschlecht merken. Wenn ich zum Beispiel einen Füller sah, versuchte ich, ihn wirklich als ein männliches Wesen zu spüren und zwar nicht im Kopf, sondern mit meinem Gefühl. Ich nahm ihn in die Hand, starrte ihn lange an, während ich leise vor mich hin wiederholte: männlich, männlich, männlich. Der Zauberspruch brachte mir langsam einen neuen Blick. Das kleine Reich auf dem Schreibtisch wurde nach und nach sexualisiert: der Bleistift, der Kugelschreiber, der Füller - die männlichen Gestalten lagen männlich da und standen wieder männlich auf, wenn ich sie in die Hand nahm. Es gab auch ein weibliches Wesen auf dem Schreibtisch: eine Schreibmaschine. Sie hatte einen großen, breiten tätowierten Körper, auf dem alle Buchstaben des Alphabets Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 15
  16. 16. zu sehen waren. Wenn ich mich vor sie hinsetzte, hatte ich das Gefühl, daß sie mir eine Sprache anbot. Ihr Angebot änderte zwar nichts an der Tatsache, daß Deutsch nicht meine Muttersprache ist, aber dafür bekam ich eine neue Sprachmutter. Diese weibliche Maschine, die mir eine Sprache schenkte, nannte ich Sprachmutter. Ich konnte zwar nur die Zeichen schreiben, die sie bereits in und auf sich trug, das hieß, das Schreiben bedeutete für mich nichts weiter, als sie zu wiederholen, aber dadurch konnte ich von der neuen Sprache adoptiert werden. Es waren natürlich nur Geschäftsbriefe und keine Gedichte, die ich im Büro schrieb. Dennoch spürte ich oft große Freude beim Tippen. Wenn ich ein Zeichen tippte, stand es sofort auf dem Papier, schwarz auf weiß und geheimnisvoll zugleich. Wenn man eine neue Sprachmutter hat, kann man eine zweite Kindheit erleben. In der Kindheit nimmt man die Sprache wörtlich wahr. Dadurch gewinnt jedes Wort sein eigenes Leben, das sich von seiner Bedeutung innerhalb eines Satzes unabhängig macht. Es gibt sogar Wörter, die so lebendig sind, daß sie wie mythische Figuren ihre eigenen Lebensgeschichten entwickeln können. Es gab damals zwei Figuren in der deutschen Sprache, die mir stark auffielen. Sie standen oft mit verdeckten Gesichtern vor meinen Augen. lch wußte nicht genau, was oder wer sie waren, und es war nicht möglich, jemanden danach zu fragen; denn meine deutschen Mitarbeiterinnen schienen sie nicht sehen zu können. Die eine Figur hieß »Gott« und die andere »Es«. Sie zeigten sich immer wieder in verschiedenen Sätzen. Gott kam oft aus dem Mund einer Frau, wenn ein Gefühl ohne Kommentar herauskam: »Oh, mein Gott!«, »Ach du lieber Gott!«, »Gott sei Dank!«, »Um Gottes willen!« Jedesmal, wenn ich einen von diesen Ausdrücken hörte, spürte ich eine große Macht, die mich beherrschen wollte. Um ihren Einfluß zu vermeiden, versuchte ich immer, dieses Wort zu ignorieren. Noch heute kann ich keinen Ausdruck verwenden, in dem das Wort »Gott« vorkommt. Die zweite Figur, die mir damals stark auffiel, war »Es«. Man sagte: »Es regnet«, »Es geht mir nicht gut«, »Es ist kalt.« Im Lehrbuch stand, daß dieses »es« gar nichts bedeute. Dieses Wort fülle nur die grammatische Lücke. Ohne »es« würde nämlich das Subjekt des Satzes fehlen, und das ginge auf keinen Fall, denn das Subjekt müsse sein. Ich sah es aber nicht ein, daß ein Satz ein Subjekt haben mußte. Außerdem glaubte ich nicht, daß das Wort »es« keine Bedeutung hatte. ln dem Moment, in dem man sagt, daß es regnet, entsteht ein Es, das das Wasser vom Himmel gießt. Wenn es einem gut geht, gibt es ein Es, das dazu beigetragen hat. Dennoch schenkte ihm keiner besondere Aufmerksamkeit. Es besaß nicht einmal einen Eigennamen. Aber es arbeitete immer fleißig und wirksam in vielen Bereichen und lebte bescheiden in einer grammatischen Lücke. Was mir im Reich des Schreibzeugs besonders gut gefiel, war der Heftklammerentferner. Sein wunderbarer Name verkörpertemeineSehnsuchtnacheinerfremdenSprache. Dieser kleine Gegenstand, der an einen Schlangenkopf mit vier Fangzähnen erinnerte, war Analphabet, obwohl er zum Schreibzeug gehörte: Im Unterschied zu dem Kugelschreiber oder zu der Schreibmaschine konnte er keinen einzigen Buchstaben schreiben. Er konnte nur Heftklammern entfernen. Aber ich hatte eine Vorliebe für ihn, weil es wie ein Zauber aussah, wenn er die zusammengehefteten Papiere auseinandernahm. In der Muttersprache sind die Worte den Menschen angeheftet, so daß man selten spielerische Freude an der Spracheempfindenkann.DortklammernsichdieGedanken so fest an die Worte, daß weder die ersteren noch die letzteren frei fliegen können. In einer Fremdsprache hat man aber so etwas wie einen Heftklammerentferner: Er entfernt alles, was sich aneinanderheftet und sich festklammert. Aus: Yoko Tawada: Talisman. Tübingen: Konkurs- buch Verlag Claudia Gehrke 1996/2003. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Yoko Tawada. In meinem Postkasten liegt eine Sendung aus Frankreich. Ich öffne sie und finde darin ein Gedicht von Veronique Vassiliou. Ich habe nie Französisch gelernt, insofern ist es nicht verwunderlich, dass ich den Text nicht verstehe. Dennoch scheint es mir seltsam zu sein, dass ich gar nichts verstehe. Dabei kenne ich doch alle Buchstaben, die im Text vorkommen. Ich kann zum Beispiel auch nicht Chinesisch, aber wenn ich das Zeichen für »Mensch« sehe, weiß ich wenigstens, dass dort ein Mensch steht. Und wie sieht ein Mensch in einem französischen Satz aus? Ich erkenne sofort den Buchstaben »d« und verstehe trotzdem nichts. Er bildet genau die Hälfte eines Wortes, aber ich kann nicht einmal ein Viertel der Bedeutung verstehen. Ist es möglich, dass ich von einem Buchstaben, den ich kenne, gar keine lnformation bekomme? Eine Sprache, die man nicht gelernt hat, ist eine durchsichtige Wand. Man kann bis in die Ferne hindurchschauen, weil einem keine Bedeutung im Weg steht. Jedes Wort ist unendlich offen, es kann alles bedeuten. Ich sehe das Wort »du«. Es ist schwierig zu glauben, dass es gar nichts mit dem deutschen Wort »du« zu tun hat. Ein »du«, das man nicht kennt, kann alles bedeuten: ein Getreidesack, eine Anziehpuppe, eine Taube oder eine Tür. Egal, was ich mir darunter vorstelle, die beiden Buchstaben »d« und »u« bleiben so, wie sie sind. Die Musik der Buchstaben Exophonie. 16 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  17. 17. Schriftzeichen interessiert es vielleicht gar nicht, was sie in einem Land bedeuten. In Deutschland bedeuten sie das, in Frankreich jenes. Sie sind Reisende, sie werden unterwegs immer wieder anders verstanden, je nachdem, in welcher Sprache sie übernachten. Ihre Körper bleiben aber dieselben, nämlich ein »d«, ein Halbkreis mit einer erhobenen Hand, und ein »u«, ein leeres Gefäß. Nach dem Wort »du« folgt das Wort »blanc«. Das kommt mir bekannt vor. Stand das Wort nicht auf einem Stift, den ich im Schaufenster eines Schreibwarengeschäftes bewunderte? Aber was kann das Wort bedeuten? Die Markenzeichen werden einem schnell vertraut, man denkt nicht über ihre Bedeutung nach.Ich überspringe ein paar Wörter und finde ein Wort, das mir auch vertraut vorkommt: »bleu«. Es kommt in der Speisekarte eines Fischrestaurants vor. Ich glaube, jetzt weiß ich. Das heißt, ich weiß nichts, aber ich komme auf die Kategorie der Farben. Wie gut, dass die Fremdheit dieser Sprache nicht zu groß ist. Die Wörter sind zwar verschieden, aber die Kategorien sind identisch. Was würde ich tun, wenn es eine Sprache gäbe, in der die Farbe Blau als ein Tastsinn und das Weiß als ein Geruch verstanden werden? Wahrscheinlich könnte ich dann nichts anderes machen, als diese Wörter aufzulisten und die Augen zu schließen. Früher musste ich bei dem deutschen Ausdruck »Ich weiß« immer an die Farbe Weiß denken. »Ich weiß« hieß: »Ich, papierweiß«. Das Ich wird weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, wenn dieses Ich etwas weiß. Ich betrachte den französischen Text weiter. Da sind noch mehr Wörter, die mir auffallen: »horizontale«, »immobiles«. Ich glaube, ich habe die beiden Wörter verstanden. Bei einem kurzen Wort zählt eine äußere Ähnlichkeit nicht. Aber lange Wörter ähneln sich selten zufällig. Also je länger das Wort, desto äußerlicher ist seine Bedeutung. Eine Sprache, die man nicht versteht, liest man äußerlich. Man nimmt ihr Aussehen ernst. Das Gesicht eines französischen Textes sieht runder aus als das eines deutschen. Es fehlen die eckigen Schultern der großen Buchstaben, die im Deutschen jeder Zeile einen architektonischen Charakter geben. Plötzlich taucht aus den runden Wellen der kleinen Buchstaben zweimal das große B auf. Wie zwei Basstöne, die sich kräftig erheben. Zwei Wörter springen in meine Augen. lch verstehe sie zweifellos: »Bach« und »Bartók«. Mit der Direktheit der Eigennamen erreicht mich die Musik, sie ist unübersetzbar aber in diesem Augenblick an dieser Stelle anwesend. Ich weiß, dass ich bald eine Rohübersetzung dieses Textes bekommen werde. Ich bin froh, einige Tage nur mit dem unlesbaren Original gelebt zu haben, und dennoch freue ich mich auf die nächste Sendung, die mir die Bedeutungen liefert. Dann wird die Rohübersetzung wie Rohstoff Energie erzeugen. Vielleicht werde ich eine interlineare Übersetzung bekommen, die mich von der Linearität der Sprache befreit. Wenn ich eines Tages diesen Text übersetze, werde ich eine Musik treffen wollen. Die Musik ist zwar schon da, Bach und Bartók, aber die Musik muss in einer Übersetzung noch einmal erreicht werden, mit einem großen Umweg, mit Hilfe der Wörterbücher, Gespräche und Träume. Durch so einen großen Umweg der Übersetzung werde ich der magischen Unlesbarkeit eines Gedichtes wieder begegnen wollen. Aus: Yoko Tawada: Überseezungen. Tübingen: Konkurs- buch Verlag Claudia Gehrke 2002/2006. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Yoko Tawada. <Das Paar sitzt an einem Tisch, der auf der Straße vor einem kleinen Fischrestaurant steht, und isst Muscheln. Ein Wind aus dem Hafen blättert die Ecken der Tischdecke um, als würde er dort nach Geheimnissen suchen. Meine Beine sind mit einem nassen Seil verschnürt, ich liege am Fuß des Tisches. lch kann nicht alle Muscheln sehen, die auf dem Eisbett im großen silbernen Teller liegen. Die Fußgänger achten nicht auf mich. Wahrscheinlich erinnert mein Körper sie eher an ein Postpaket als an eine Meerjungfrau. Das Paar schlürft, schmatzt und stöhnt. Ab und zu werfen sie mir leere Muschelschalen zu. lch nehme sie vorsichtig in die Finger und stecke sie zwischen meine Haut und das Strohseil. Die Muschelschalen sind fächerartig geöffnet oder in sich selbst gekreiselt. Meine Zunge fühlt sich ausgetrocknet und rau an. „Darf ich ein Glas Wasser trinken?“, frage ich. Das Paar antwortet nicht.> Man merkt sofort, dass die Augen der Hafenstadt Marseille schon seit Jahrhunderten jeden Tag fremde Gesichter gesehen haben. lch fühlte mich hier sofort entspannt, ich war befreit von den skeptischen oder neugierigen Blicken der Bauern, die mich in der Provinz belastet hatten. Bevor ich nach Marseille fuhr, hatte ich mich dort wegen eines Filmprojekts auf einem Bauernhof aufgehalten. Die Bauern lehnten die Fremden ab und gleichzeitig wollten sie die Fremden an sich binden. ln Marseille durfte ich mich davon erholen, ich konnte einfach spazieren gehen und einkaufen, ohne gesehen zu werden. <Das Paar wischt sich gegenseitig die fettverschmierten Münder mit den zerknüllten Servietten ab und bespricht Die Zweischalige Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 17
  18. 18. dabei den Plan für den Abend. Das Paar will jetzt zu dem Sohn fahren. Er habe heute eine wichtige Prüfung bestanden. Ich versuche, höflich klar zu machen, dass ich nicht mitkommen kann. »Ich muss morgen wie immer früh aufstehen und den ganzen Tag im Poesiezentrum arbeiten.« »Ja, ja, das wissen wir schon. Schön ruhig und keine dumme Ausrede!« Das Paar lädt mich in den Gepäckraum seines Autos und fährt los. Im Dunkeln riecht es nach altem Fisch und Maschinenöl. Der Sohn öffnet die Tür, er scheint meine Anwesenheit nicht zu bemerken. Es erleichtert mich zu wissen, dass ich ihm nichts sagen muss. Ich habe keine Funktion bei diesem Besuch, ich will gar nicht dabei sein, aber das Paar braucht mich. Selbst der geliebte Sohn kann meine Position nicht ersetzen. Auf dem Tisch stehen schon drei Weingläser und eine Flasche. Das Paar bindet mich an einem Stuhl fest, damit ich nicht hinunterfalle. Sie trinken Wein und sagen alle zehn Minuten wie überrascht: »Ja, es ist wirklich schön hier.«> Jeden Tag von neun bis sechzehn Uhr saß ich zusammen mit anderen Autoren und Übersetzern in der Bibliothek des Poesiezentrums. Unsere Texte wurden roh und gekocht übersetzt und dann nachgedichtet. Wann im Leben hat man so viel Zeit, über einen Satz, oder manchmal sogar nur über ein Wort, so ausführlich zu diskutieren? Die Stimmen, der Atem, die Körperwärme und auch die Stille, die die Bücher aus den Regalen ausstrahlten, umgaben uns. Mittags aßen wir im Restaurant im Innenhof des Gebäudekomplexes, in dem sich auch das Poesiezentrum befindet. Es war kein luxuriöses Restaurant, eher schlicht und günstig. Wenn die Zungenfreude schon in diesem Restaurant so groß ist, - dachte ich mir - müsste das gastronomische Niveau dieser Stadt sehr hoch sein. In jedem Bissen gab es einen flüssigen Raum, in dem sich etwas Süßes entwickelte. Ich meine nicht einen süßen Geschmack im engeren Sinne, sondern eine Bejahung der Zungenlust. In Hamburg, wo ich wohne, verachtet man alles, was »süß« ist. Dort dürfen Sekt, Wein oder Kaffee keineswegs süß sein, sogar vom Kuchen erwartet man eine gewisse Disziplin, möglichst nicht süß zu sein. Warum haben sie Angst vor dem Süßen? Hat ein süßer Geschmack vielleicht etwas Kindisches, überflüssiges oder Verlogenes? <Das Paar sagt zu mir, ich solle meine Armbeuge ablecken. Der Wind hat eine leicht salzige Schicht auf meine Haut gelegt. Unter dieser Schicht schmeckt das Fleisch süß. lch bin überrascht über diesen Geschmack, der mich an Verfaulung erinnert. Bin ich das wirklich? Ich weiß nicht, wie ich normalerweise schmecke. Die mangelnde Selbstkenntnis. Das Paar klappt mich wie einen Klappstuhl zusammen und sagt, ich solle meine Kniescheiben lecken. Die Haut dort ist weißlich vertrocknet. Durch meine Spucke werden sie wieder feucht und weich. Ich sage: »Es schmeckt süß, oder genauer gesagt,...« Das Paar unterbricht mich: »Nur weiter! Nicht aufhören! Wir haben nicht mehr so viel Zeit.« »Ich habe nicht die Absicht, meine Aufgabe zu vernachlässigen, aber wenn ich rede, kann ich nicht gleichzeitig lecken.« »Nur weiter! Nicht so viel philosophieren!«> Vor dem Beginn des fliegenden Tourismus mussten die Japaner ein Schiff besteigen, um nach Europa zu fahren. Die Seefahrt dauerte selbst nach dem Bau des Suezkanals über einen Monat und Marseille war meistens die erste europäische Stadt, die man betrat. Einige wichtige japanische Schriftsteller schrieben in ihren Büchern über diese Hafenstadt, die für sie den Eingang zu Europa bedeutete. ln meinem Fall war die erste europäische Stadt Moskau. Europa sieht ganz unterschiedlich aus, je nachdem, durch welchen Eingang man hineinkommt. <Das Paar befiehlt mir, in einen Müllhaufen zu krie- chen. Diese Woche streiken die Müllmänner, man sieht mannshohe Haufen an jeder Straßenecke. lch strecke meine Zunge weit heraus und dränge mich durch eine süßliche Masse. Obstschalen, Plastiktüten, leere Flaschen, feuchtes Papier. Die Masse ist durch die Sonne aufgewärmt und süßlich verfault. Meine Haut schmilzt dahin, ich versuche, weiterzukriechen, aber mein halbflüssiges Fleisch kommt nur mit Verzögerung mit. »Mein Körper ist nicht mehr fest. lch habe das Gefühl, dass ich alles werden kann, was ich will, nur nicht eine Menschenfrau.« »Halt den Mund!« ruft das Paar und gibt mir einen Fußtritt.> Als der Autor Toson Shimazaki 1918 nach sieben- unddreißigtägiger Schiffsreise Marseille erreichte, bekam er im Hafen einen Brief von seinem Freund aus Japan. Der Freund wusste, dass der Brief auf dem Landweg durch Sibirien schneller Marseille erreichen würde als das Schiff. So schickte er den Brief genau an dem Tag los, an dem der Schriftsteller abreiste. Ein Wettlauf zwischen dem Brief und dem Körper des Reisenden. Heuzutage würde keiner sich darüber wundern, wenn eine Mitteilung schneller den Zielort erreicht als der Reisende. Wer kann schon schneller fliegen als eine E-Mail? Wie lange braucht aber ein Gedicht, bis es das Ufer einer anderen Sprache erreicht? Die Geschwindigkeit bei einer literarischenÜbersetzungisttrotzdertechnischenEntwick- lung gleich geblieben. In ihrer Langsamkeit berührt sie vergessene Wunden und Lustquellen. <Das Paar schaut zu, wie ich operiert werde. Auf meiner Zunge haben sich ein paar winzige Kreiselschnecken gebildet. Man muss sie abschneiden, sonst kann man nicht mehr sprechen, ohne den Gaumen zu verletzen. Der Arzt fesselt meine Zunge an einen Operationstisch, der so groß ist wie seine Handfläche, und spritzt in die Mitte der Zunge Exophonie. 18 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  19. 19. ein Betäubungsmittel. Sie zuckt zusammen, will sich in die Tiefe meiner Kehle zurückrollen, aber zum Glück kann sie sich nicht bewegen. Der Arzt fasst mit seiner Pinzette die Spitze jedes harten Teilchens, zieht es hoch und schneidet es mit seiner Nagelschere ab. Das schwarze Blut quillt hervor und bedeckt die ganze Zungenfläche. Das Paar sitzt zitternd in der Ecke und sagt plötzlich: Wir lassen dich vernichten, wenn du uns angreifst. Wie kommen sie darauf? Ich habe doch nichts getan. Sie wissen trotzdem, dass ich eines Tages gegen meinen Willen jemanden töten werde. Das Paar sieht klein aus, so klein wie die Pinzette des Arztes. Vielleicht ist es der Effekt der berühmten Zentralperspektive.> DieGesichterinMarseillebesitzenstilleAnzie-hungskraft. Sie wirken wie ein Vorrat, in dem man unendlich viele Anlässe, Anregungen, Anreize, Andeutungen und Anfänge finden kann. Vielleicht ist jedes Gesicht vergleichbar mit einem Hafen, dachte ich mir, als ich abends allein in einem Café am Wasser saß. Und wenn jedes Gesicht eine Art Hafen ist, kann man nicht alles aufzählen, was dort schon angekommen ist, und alles, was dort noch ankommen wird. Aus: Yoko Tawada: Überseezungen. Tübingen: Kon- kursbuch Verlag Claudia Gehrke 2002/2006. Abdruck der Texte mit freundlicher Genehmigung von Yoko Tawada Maja Haderlap Pesmi – Gedichte – Poems vračam rodbini vse tleske z jezikom in petelinovo petje, trnjev log, vračam krvavo srce, pepel stare tete, kose, sekiro, in trinog. vračam žrebičke, glinen vrč, ajdove žgance, citre, trmo in omahovanje. vračam ji hlevski smrad in sladkobni glad po odrešenju. vračam ime brez tolažbe. kje so poslopja kmečkih glavarjev, ki jih je togota krepila in niso verjeli, da se končuje z gozdovi in z utico, z grabljami, s krampom. kdo še veruje v svetništvo jezika, kdo ga sesa poželjivo, jezik, ki več ne branja, ne orje. vračam ji žalost, ki v lase udarja in taboriščni žig, vso zalego mrtvakov, ki z onostranstva pošiljajo medle pozdrave, da jim nasedam in stiskam iz grla labodji spev. vračam naduto deviške pomene, obljubo zvestobe, a jemljem pradavno želenje, besede, se spravim s čudaškim plemenom. Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 19 zurück gebe ich meinen leuten alle zungenschnalzer und hahnenschreie, den dornenwald, zurück das blutende herz, die asche der tante, sensen, axt und melkschemel, zurück die fohlen, den tonkrug, den haidensterz, die zither, den trotz und das zaudern. zurück gebe ich den stallgeruch und das süßliche verlangen nach erlösung. zurück die namen ohne tröstung. wo sind die höfe der stolzen bauern, die zorngenährt nicht glauben wollten, daß es zu ende geht mit den wäldern und hütten, mit rechen und hacke. wer glaubt noch an die heiligkeit der sprache, wer saugt sie gierig auf, sprache, die nicht mehr eggt und nicht pflügt. zurück gebe ich die trauer, die aufs haar schlägt, die lagernummer, die ganze totenbrut, die aus dem jenseits kaum vernehmbare grüße schickt, damit ich ihnen auf den leim gehe und einen schwanengesang herauspresse. zurück die eingebildeten hehren werte und das gelöbnis der treue. ich behalte die uralte sehnsucht, die worte, und versöhne mich mit diesem seltsamen volk. i am giving back to my fellow-villagers all the clicks of the tongue and the cock-crowing, the thorny thicket, i am giving back the bloody heart, the ashes of the old aunt, the scythes, the axe and the three-legged stool. i am giving back the fillies, the clay jug, the buckwheat mush, the zither, the obstinacy, the indecision. i am giving back to them the stink of the stable and the sugary hunger for redemption. i am giving back a first name without comfort. where are the buildings of the farmer chiefs, who were fortified by stubbornness and did not believe that it was all over with the forests and the little hut, with the rakes and the mattocks. who still believes in the sanctity of language, who sucks at it eagerly, the language which neither harrows nor ploughs any more. i am giving back the sorrow which strikes the hair, and the brand from the camps, the rabble of the dead who, from the other side, send faint greetings, so that they trick me and squeeze a swan-song from my throat. i am giving back haughtily virgin meanings, the promise of faithfulness, i am taking the ancient desire, the words, i am coming to terms with this eccentric tribe.
  20. 20. preprosteje je, kot misliš. leseni stoli pri moji mizi sicer zastokajo, vendar te nihče ne sili jesti. zajtrkuje se opoldne. včasih se oglasijo tudi sosedje, ki me ne prepoznajo, jeziki mi padajo iz ust, potonejo v kozarcu vode. imajo lep, umeten nasmešek. včasih k nam vpade vojna, tedaj mislimo da moramo kaj reči. za vojaki mečemo odličja, ko odhajajo. za nami se bohoti bršljan. voham čas in slutim da dež prihaja iz lastne dežele. es ist einfacher, als du denkst. die holzstühle an meinem tisch ächzen zwar, aber niemand zwingt dich zu essen. das frühstück wird mittags eingenommen. manchmal kommen auch nachbarn vorbei, die mich nicht erkennen. sprachen fallen aus meinem mund, versinken im wasserglas. sie haben ein schönes, künstliches lächeln. manchmal fällt krieg bei uns ein. wir meinen dann etwas sagen zu müssen. den soldaten werfen wir auszeichnungen nach, wenn sie gehen. hinter uns wuchert efeu. ich wittere zeit und spüre den regen kommen aus dem eigenen land. it is simpler than you think. however, the wooden chairs by my table begin to groan, but nobody is forcing you to eat. breakfast is eaten at noon. sometimes too neighbours come calling who do not recognize me, languages fall out of my mouth, drown in a glass of water. they have a fine, artificial little smile. sometimes war invades us, then we think we have something to say. we throw decorations after the soldiers as they are going away. behind us the ivy grows lush. i smell the time and have a foreboding that rain is coming from my own country. Aus: Maja Haderlap: Gedichte – Pesmi – Poems. Celovec/Klagenfurt: Drava 1989. Abdruck der Gedichte mit freundlicher Genehmigung des Drava-Verlags im nachbarhaus ist ein kommen und gehen, mich aber hält der spindelbaum von den blicken fern. durch den verwachsenen garten führen nur pfade für katzen, kröten und schnecken. laut schüttelt das meer den gestanksmantel ab. auf meinem schreibtisch üben erdachte personen den fehlenden dialog. ich sitze da, wie am grund einer alten verstörung, presse luft in die gedächtniszellen, um sie lebendig zu halten, gehe abends über die piazza tartini und komme morgens mit frischen melonen vom markt. zweimal die woche schaut frida vorbei. warum heiraten sie nicht, ruft sie aus den sträuchern, immer noch besser, als einsam zu sein. heute wird eine kröte die warzen verlieren, weil ich sie küsse, sage ich. da möcht` ich trauzeugin sein, liebe dichterin. wieder fällt eine tür ins schloß. piran Exophonie. 20 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  21. 21. Galliges Grün überall: Wasser, Himmel, Küstenstreifen, farblich darauf abgestimmt: ich, die sich recht cool findet. lch mache eine Reise. Ich befinde mich an Bord einer Fähre, die soeben Irland Richtung Schottland verlässt. Ich bin schwanger und glaube fest, dass ich draufgängerisch aussehe. Ich mache wieder einmal einen Sprung, mein Spiel ist das Tempelhüpfen von Land zu Land. Daneben treten wäre unklug: dann scheidet man aus. Der Rest der Mitspieler sitzt noch im Out: Sie sind in Russland und warten auf ihre Ausreise nach Israel, einige ahnen zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von ihrem Glück, andere wissen nicht, dass sie auch diesem Zielland einmal den Rücken kehren werden: ab nach Hause, husch, husch ins Körbchen. Im Out ist es langweilig. Man schaut zu und kommen- tiert die Bewegungen des Spielers, der gerade dran ist. Das lenkt ihn ab und bereitet mehr Abwechslung. Mein Vater ist raus, und ich bin an der Reihe. Ich mache also eine Reise. Ich bin eigentlich nie angekommen, weder bei meiner ersten noch nach der zweiten. Die Reise nimmt kein Ende und der Urlaub ist lang. Ich werde mich weigern, die Reisespesen zu begleichen. Abgebissen wirkt der Küstenstreifen, man kann die Schichten seines Fleisches gut erkennen. Abgebissen fühle ich mich auch, denn das Land, aus dem ich kam, hängt nicht an mir und ich nicht an ihm. Keine Fasern verbinden mich mehr damit. Diese Reise wird mich in Folge nach Schottland, Holland, Wien und durch die Geburt meiner Tochter führen. Zwischen Glasgow und Amsterdam spüre ich, wie mein Kind die ersten Schritte in meinem Bauch setzt. Es versetzt mich in Panik. Auch meine Tochter hat bereits eine Reise angetreten. So sind wir beide unterwegs. Lektion 1 Wer jetzt verrückt wird, wird es lange bleiben. Wird lesen, wandern, lange Briefe schreiben. Ich sitze mit meinen Eltern, meiner Großmutter Ada und meiner Puppe im Flugzeug. Alle Beteiligten sind erstarrt (im Stand-by-Modus). Die Mozartkugel in meiner Hand schmilzt, aber das bunte Papier erscheint mir zu wertvoll, Julya Rabinowich Abgebissen, nicht abgerissen Lektion 3 Sprung. Satz. Schnitt. um es aufzureißen, ich habe so etwas noch nie gesehen. Ich bin überzeugt von der Richtungsangabe meiner Eltern: wir befinden uns auf einer Urlaubsfahrt Richtung Litauen. Kurz vor der Landung entstehen darüber Meinungsversch iedenheiten: ein anderes Kind ist nicht von der fixen ldee abzubringen, dass wir nach Wien fliegen. Ich soll Unrecht behalten. Das Klo ist ein Palast und die Kaugummiautomaten Versprechen einer neuen schönen Welt. Wir leben zu viert in einem Hotelzirnmer, das sich in einem Bordell zu befinden scheint. Ich habe deswegen Einzelhaft und darf nicht hinaus. Mein Vater und ich bekommen einen Nervenzusam- menbruch, weil er mir im Laufe eines einzigen Abends drei Jahre Kommunismussozialisation austreiben will und ich es nicht fassen kann, dass Lenin, der Freund aller Kinder, dessen Anstecker noch immer an meinem Kleid prangt (im Reisefieber untergegangen) ein Arschloch sein soll. Was mein Vater nicht schafft, bewirkt der Anblick einer Barbiepuppe. In fünf Minuten. Ich bin vom Westen überzeugt. Ich soll es lange bleiben. Jahre später noch kann ich mich kaum daran erinnern, nicht hier geboren worden zu sein. Ich bin bereit, ein besseres Deutsch zu sprechen als meine Klassenkollegen. Ich bin bereit, freiwillig in den katholischen Religionsunterricht zu gehen, während die türkischen Kinder früher heimgehen können. Ich bin bereit, Gebete, deren Worte mir anfangs nicht klar sind, nachzuäffen. Später werden es andere Dogmen sein. Ich bin bereit, für den Rückhalt in einer Gruppe – so sie nicht zu groß ist – Teufels Großmutter aufzusuchen, und sei es nur LSD-bezogen. Ich bin bereit, das Doppelte meiner Einnahmen für eigenwillige Kleidung auszugeben, um mich anschließend in meiner Arbeit von quälenden Geldsorgen stören zu lassen. Das Anrüchige einer kleinen Immigrantin ist nicht mal mit Chanel abzuwaschen. Ein Verlust ist sofort – instant – wieder gut zu machen. Die Leere darf nicht einen wahrnehmbaren Moment lang aufklaffen. Ich kaufe ein, als mein Vater stirbt. Ich kaufe ein, als ich mich von meinem ersten Freund trenne. Lektion 2 Reisende soll man nicht aufhalten. Mein Vater tritt eine finale Reise an und hinterlässt mir als Mitbringsel lähmende Angst vor Ausflügen aller Art. Ich mutiere kurzfristig zu einer Gemischtwarenhandlung sämtlicher Neurosen: Ich habe Flugangst, Platzangst, Angst vor Tunneln, Zügen, Beziehungskisten und dem Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 21
  22. 22. Tod. Meines Bewegungsradius beraubt, beginne ich, mir eigene Spiralen zurechtzulegen: Ich bin oft krank. Ich schreibe. Ich führe endlos komplizierte Liebschaften. Ihre Wege sind so verschlungen wie die, die mir versagt sind. Die Welt ist rund. Wenn man einmal losgeht, kann man nicht mehr innehalten. Schon hat es einen über den Rand und weiter gezogen. Als Stehaufmännchen schreitet man voran. Es gibt kaum eine Neigung, die einen zum Erliegen bringen würde. Sehnsucht kommt auf nach der schönen alten Zeit mitihrenSchildkrötenundElefanten,diedieWeltenscheibe stützten! So einfach wäre es gewesen: einmal angepirscht, darüber gelugt und heimgegangen. Aber unsereins sitzt im Karussell, obwohl schon dem Erbrechen nahe. Ich bin unterwegs zu mir mit Drogen, Analyse, Arbeitsan- fällen. Ich bin ein bulimisches Perpetuum Mobile, schubweise geplagt von Einverleibenwollen und Nichtbehalten-kön- nen. Kurzum: ich habe mich angepasst. Die Welt ist rund. Lektion 4 fast forword Ich stehe auf einem Bergvorsprung und sehe in die Tiefe: zu meinen Füßen schlängelt sich die Rhône. Links ist Frankreich, rechts der Abgrund. Der Wind ist warm, erster Anflug des Frühlings überall. Die Wasser meines Flusses sind träge. Gelb und gallig wälzen sie sich dahin. Wenn ich die Wahl zwischen zwei Stühlen habe, nehme ich das Nagelbrett. Ich bin müde. Ich bin nicht daheim. Ich bin angekommen. Aus: Julya Rabinowich: spaltkopf (c) Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2009. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Paul Zsolnay Verlags. Wenn ich die Augen schließe, hineintauche in die rote Dunkelheit dahinter, sehe ich sie als unreife Schatten herumstreunen. Kleine, große, halbfertige Umrisse im Dämmerlicht des Morgens oder in meinem Dämmerlicht der Erinnerung, so unscharf und ungreifbar wie ihre Körper, verstreut über die Müllhalden der römischen Vorstadt. Die Hunde von Ostia Vielleicht höre ich sie sogar mehr als ich sie sehe. Ich kann das Rascheln des weggeworfenen Papiers unter ihren suchenden Schnauzen hören, das Knistern der Plastikstücke, über die ihre Pfoten scharren. Ich kann ihren stoßweisen Atem hören, der in der ungewohnten italienischen Hitze schneller und schneller wird, auch aus Verzweiflung und der ungeheuren Anstrengung, die daraus erwächst, wenn man vergeblich und hartnäckig einen Weg zurück sucht. Einen unmöglichen Weg zu einem Ort, der nicht mehr ist, jenseits des Raums und der Zeit, unerreichbar verschwommen in der Vergangenheit, und wenn mich bei dieser Erkenntnis die erste Welle der Trauer erreicht, zaghaft zunächst, sanft anwachsend, verstehe ich den Ausdruck seiner Augen, als er mir schaudernd von ihnen berichtet,vondenHundenvonOstia,dieeigentlichwirsind. Hunde jüdischer Emigranten, Reinrassige und wild Gemischte, mitgebracht aus Russland. Sie reisen mit ihren Herren über Wien bis nach Italien. Sie sind Teil großer Familien, die sich von vielem trennen mussten, aber auf ihre Gesellschaft nicht verzichten konnten. Sie sind Lebensbegleiter derer, die den Weg auf eigene Faust wagen. Beim Verlassen der Sowjetunion verwirkten ihre Besitzer alte Rechte. Die Tiere wurden, wie viele andere Habseligkeiten oder Kunstgegenstände auch, Eigentum des kommunistischen Staates und mussten freigekauft werden. Der Besitz war aber nicht das Einzige, das man beim Verlassen des Landes aufgab. Üblicherweise wurde einem auch der Pass abgenommen, da man mit dem Verrat an der Idee nicht länger Mitglied des Vereins sein durfte. Wie bei einem Golem, dessen Lebenskraft durch das Zeichen bewehrte Pergament, das in seinen Mund geschoben wird, gespeistist,zerfieldamitdiealte,offizielleIdentitätzueinem Häufchen Staub. Mutlose Heimkehrwillige biwakieren am goldenen Gartenzaun der sowjetischen Botschaft im Schnee, in der vagen Hoffnung, eine Rückreisemöglichkeit zu ergattern, so wie die Lehmriesen gezwungen sind, nach Entfernung des Papiers zu ihrem Herrn zurückzukehren. Ohne die magischen Schriftzeichen und Siegel, bar jeder Rechtslage und Ansprüche segeln nun Hund und Herr ihrer ungewissen Zukunft entgegen. Die nächste GrenzüberschreitungbringtetwasKlarheitindieUnordnung: Der Hund bekommt ebenso wie seine Gefolgschaft seine Staatenlosen-Papiere ausgestellt, wird Teil eines Flüchtlingsklumpens und in einem dafür vorgesehenen Quartier untergebracht. In Wien lagern noch alle gemein- sam in Quarantäne. Da fällt mir ein, dass ich selbst bereits einmal in Ostia gewesen bin, in der grauen Gischt des Novembermeeres am Strand herumlief und kalte harte Ballen getrockneten Seetangs zwischen meinen Fingern zerrieb, der wie Exophonie. 22 Literarisches Schreiben in anderen Sprachen.
  23. 23. Stroh vom Wind davongetragen wurde. Ich liebte sie, diese eigentlich trostlose Gegend, mit verstreuten kleinen Bungalows, baufällig, elend, farblos wie dieser verhangene Morgen, den ich mit Anastasija, meiner verwirrten Cousine teilte. So gestaltet sich unser Abschied für die nächsten 13 Jahre. Ihre Familie ist der meinen gefolgt und hat dabei die ausgetretenen Trampelpfade nach Wien verlassen. Im Handumdrehen waren sie von Leningrad – das seinerseits später im Handumdrehen zu St. Petersburg mutierte – bis ins große, ehemals römische Reich gespült worden, wo sie nun im feuchten Wind Ostias an den russischen Herbst dachten, der sie bereits mit Schnee und Eis versorgt hätte. Wir wiederum sind hierher gekommen, um sie nach Amerika zu verabschieden. Wir bleiben an der ersten Wasserscheide zurück. Meine Augen, bis dahin nach hinten, nach Russland gewandt, bekommen einen neuen Blickwinkel hinzu: es ist für alle weit, aber für manche noch weiter. Verwinkelt ist es auch zwischen uns Kindern. Wir schlafen zusammen am Sofa und schweigen tagsüber. Wir sehen uns nicht an, während ihr langes schwarzes Haar in mein Gesicht weht. Wir scharren im italienischen Sand, im Versuch, Halt zu finden. Ich bin weit gereist und erfahren. Meine beiden Cousinen Ninotschka und Lenotschka habe ich bereits in Russland abgeschrieben und ich werde mich nicht scheuen, auch diese hier zu opfern. Die schöne Primaballerina, deren tägliche Streckübungen sie vor Schmerzen in Armen und Beinen bewahren sollen, gedrillt und in Form gezwungen in den russischen Kaderschmieden, ist mir immer noch Anlass von Neid. Dieses perfekte Schneewittchen ist mir von zartem Kleinkindalter an ein Ärgernis, umso mehr, als ich den vernichtenden Blick ihres Vaters zu oft auf mir ruhen spüre. Wieder huschen sie vorbei, die Hunde. Sie wühlen und suchen, sie graben und scharren, sie haben keine Wahl, sie wollen leben. Die Attraktiveren von ihnen, die mit Stammbaum, werden mit großer Wahrscheinlichkeit von Römern, die mitbekommen haben, wo sie zurückgelassen werden, aussortiert und abgeholt. Ganze Gruppen pilgern jedes Wochenende, wenn der Abtransport der Immigranten eingeteilt ist, in die Vorstadt hinaus. Ich bin eine Promenadenmischung. Meine tanzende Cousine wird mit Baryshnikov auftreten und ich inmitten einer versoffenen Punkhorde auf der Pilgramgasse landen. Die nächste Teiletappe der Reise ist Italien. Hier warten die Visa-Antragsteller auf ihre Bescheide. Von hier gibt es nur zwei Destinationen: nach Israel oder nach Amerika. Die Versorgung durch die Hilfs- organisationen ist nicht so lückenlos und straff organisiert wie in Wien. Das zusammengesparte Reisegeld geht spätestens hier zur Neige, und viele Reisende sind gezwungen, auf das nicht Nötigste zu verzichten. Das Nötigste aber ist die Liebe. Um sich nicht von ihren Hunden trennen zu müssen, sind sie, je nach Wartezeit, bereit zu hungern. Diese kann sich aber unberechenbar in die Länge ziehen. Die Vorräte nicht. Haben sie lange genug ausgeharrt, bis sie die Visa bekommen, folgt die nächste Ernüchterung. In jedem Falle nämlich ist das Geld für die Einfuhrgenehmigung der Tiere nach Amerika nicht vorhanden. Die Hunde, mit großer Mühe bis nach Rom gebracht, können unter keinen Umständen mitgenommen werden. Den Verzweifelten bleibt nichts anderes über, als sie in den Vororten auszusetzen, bevor ihr Flug geht. Die Gegend gewinnt so jede Woche einen Schub neuen Lebens. In Scharen strömen die Hunde auf die Mistplätze und in die Hinterhöfe. Sie suchen Futter, sie suchen ihre Herrchen und ihr Zuhause. Sie irren in der Mittagssonne umher, die klare, harte Schatten ihrer Leiber auf den Asphalt wirft, schwarze Umrisse, die in meinem Halbdunkel wiedererstehen, um immer wieder von Neuem in unruhige Bewegung zu geraten. Aus: Julya Rabinowich: spaltkopf (c) Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2009. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Paul Zsolnay Verlags. Exophonie. Literarisches Schreiben in anderen Sprachen. 23

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