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"Integration" als falsches Konzept

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Mark Terkessidis, Jahrgang 1966 ist ein Journalist, Autor und Migrationsforscher. Seine Themenschwerpunkte sind Jugend- und Popkultur, Migration und Rassismus. Mitbegründerdes „Institute for Studies in Visual Culture” (ISVC) in Köln.

Weitere Infos in der lesenswerten Zeitschrift "hinterland" unter: http://www.hinterland-magazin.de/index.php

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"Integration" als falsches Konzept

  1. 1. Deutsche Architektur Auf den folgenden Seiten haben wir Zeichnungen von Michaela Melián aus dem Band „Föhrenwald” (siehe Seite 63) mit Fotos eines verlassenen Lagers in der Emma-Ihrer-Straße, München, von Marina Ginal kontrastiert. So unterschiedlich die städtebaulichen Ideen hinter den Architekturen sind - in Föhrenwald die lagertaugliche Arbeiter-Mustersiedlung, in der Emma- Ihrer-Straße die institutionalisierte Desintegration im temporären Bau der Baracke - so bedrückend identisch doch die Wirkung der Fluchten in Zeichnung und Fotos.
  2. 2. In der Bundesrepublik Deutschland hat sich der Begriff „Integration” zu einem regelrechten Fetisch entwickelt. Die Bezeichnung bedarf keinerlei Legitimation: Integra- tion ist ein Generalziel der gesellschaftlichen Entwick- lung; wer von Integration spricht, der will auf alle Fälle etwas Gutes, und Integration ist etwas, dass „wir” alle begehren. Wer nicht für Integration ist, der wird vom herrschenden Diskurs gnadenlos als „Multikulti-Träumer” gebrandmarkt, als gefährlicher Träumer, denn „Multikul- ti”, soviel scheint ebenfalls festzustehen, führt notwendig zum Zerfall der Gesellschaft. Nun ist die Prominenz des Begriffes Integration eigent- lich erstaunlich, denn letztlich handelt es sich um eine Renaissance - die Bezeichnung war schon einmal, in den 1970er Jahren, als Allheilmittel für soziale Probleme im Gespräch. Heute ist allerdings völlig unklar, was mit der Bezeichnung Integration gemeint ist. Ein Blick auf die Homepage der „Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration” in Berlin zeigt, dass an keiner Stelle eine genaue Definition geliefert wird. Die Vorstellungen schwanken zwischen „Leitkultur” und „Diversity”, wobei es sich um diametral entgegenge- setzte Konzepte handelt, und auch der sogenannte „Nationale Integrationsplan” ist kaum mehr als ein Bün- del von sehr unterschiedlichen Anregungen und „Selbst- verpflichtungen” ohne inhaltliche Klammer.1 Die Unbestimmtheit des Begriffs Tatsächlich versteht offenbar jeder etwas anderes unter Integration. „Zuwanderinnen und Zuwanderern soll eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen, politi- schen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben in Deutschland ermöglicht werden. Im Mittelpunkt aller Bemühungen zur Integration steht daher der Gedanke der Chancengleichheit.”, heißt es auf der Homepage des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge2 . Dagegen definiert der Minister für Integration des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, den Begriff eher kulturell: „Integration bedeutet, das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen in diesem Land friedlich zu ermöglichen. Jeder erhält seine eigene Kultur - aber auf einer gemeinsamen Wertebasis. Grundlage einer solchen gemeinsamen Leitkultur ist die Verfassung. [...] Integra- tion bedeutet, die unterschiedlichen Kulturen nebenein- ander und miteinander leben zu lassen und den Aus- tausch zu fördern. Interkulturelle Begegnung lässt keine Ghettos zu und ist auch keine Assimilation.”3 Ein genauerer Blick auf diese und andere Formulierun- gen zeigt allerdings, dass sich hartnäckig eine Vorstel- lung hält, nach der die Verfassung so etwas ist wie „unsere Werteordnung” (Laschet)4 , in die sich die Ein- wanderer einzugliedern haben. Und zwar individuell. Wann die Integration abgeschlossen ist, das bestimmt der Staat bzw. die einheimische Gesellschaft im Grunde je nach Gusto. So sind etwa nach dem Ansteigen der Ein- bürgerungszahlen nach der Reform des Staatsangehörig- keitsrechtes im beginnenden neuen Jahrtausend die Hür- den immer höher gelegt worden. Die Voraussetzungen für eine Einbürgerung waren trotz des Anfang der 1990er Jahre bereits eingeführten Rechtsanspruchs schon immer erheblich - Nachweise über gezahlte Rentenbeiträge, genügenden Wohnraum und ausreichende Einkünfte gehörten ebenso dazu wie etwa eine Regelanfrage beim Verfassungsschutz über das politische Betragen. Doch in jüngster Zeit wird vor allem im Bereich der Deutsch- kenntnisse ein so erhebliches Niveau erwartet, dass die Einbürgerungszahlen stark zurückgegangen sind. Dazu kamen Debatten über „Einbürgerungstests” in Baden- Württemberg und Hessen 2006. Die Diskussionen und die Leitfäden haben kaum einen anderen Nutzen, als den Migranten das Gefühl zu geben, dass „Integration” unmöglich ist: Sobald sie die Hürden nehmen können, werden sie höher gelegt. Die fatale Macht des Unbestimmten Dass der Begriff Integration schwer zu fassen ist, bedeu- tet nicht, dass er nicht erhebliche Wirksamkeit entfaltet. Wie weiter unten noch ausgeführt wird, erscheint Inte- gration im Alltagsverständnis vor allem als Forderung an die Einwanderer, sich an die „deutschen Lebensverhält- nisse” anzupassen. Letzteres Konzept tauchte schon in den ersten „Einbürgerungsrichtlinien” von 1977 auf. Jener Text definierte Integration als individuelle Leistung der Einwanderer.5 Erst nach dem vollständigen Erbringen dieser Leistung wurde schließlich die Staatsangehörigkeit verliehen. Nun hat sich seither einiges geändert, doch im 19 i n t e g r a t i o n Das Haus umbauen Der nebulöse Widergänger Integration hilft nicht einmal mehr den Deutschen. Es ist also an der Zeit, neue Sichtweisen für eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln.Von Mark Terkessidis Illustration:MichaelaMelián,Foto:MarinaGinal
  3. 3. herrschenden Diskurs ist das damals niedergelegte Ver- ständnis oftmals erhalten geblieben. Jedenfalls entspricht dem unentwegten Reden über Integration keineswegs ein überprüfbares, staatliches Programm zur Erreichung eines konkreten Zieles. Der ganze Komplex der Einwan- derungspolitik in der Bundesrepublik war stets ein durchaus chaotisches Bündel unterschiedlicher und zum Teil auch widersprüchlicher Maßnahmen. In der Folge soll der Begriff Integration einer Kritik unterzogen werden. Zudem möchte ich die Blickrichtung umkehren und auch die Bemühungen der Migranten zur „Selbsteingliederung” beschreiben. Tatsächlich haben die Einwanderer selbst erhebliche Leistungen erbracht, um in der deutschen Gesellschaft anzukommen. Die staatli- che Rhetorik und Politik der Integration hat sich dage- gen - so die These - in den meisten Fällen nicht als Hilfe, sondern eher als Hemmschuh erwiesen, ein von einheimischer Seite definierter Maßstab, dessen Inhalt ständig verschoben und damit letztlich gar nicht erreicht werden kann. Integration als Allheilmittel In den 1970er Jahren wurde die Bezeichnung Integration nicht nur in Bezug auf Migration verwendet, sondern galt als Allheilmittel gegen Marginalisierung. Gruppen am Rande der Gesellschaft sollten eingebunden werden in das Gesamtsystem. Dabei wurde ein Abstand voraus- gesetzt, eine „Unterentwicklung”, die durch geeignete materielle Hilfs- und Ausgleichsmaßnahmen überwunden oder zumindest verringert werden sollte. Als sozialtech- nisches Ziel galt die Erhaltung des sozialen Friedens. Die damalige Integrationsidee hatte zwei Voraussetzungen. Zum einen gab es als Zielvorgabe die Norm des mittel- ständischen, männlichen, heterosexuellen und einheimi- schen Subjektes. An dieser Norm wurde der besagte Abstand der jeweiligen marginalisierten Gruppe gemes- sen. Die andere Voraussetzung war der in die Wirtschaft intervenierende Staat. Nun sind beide Prämissen seitdem erheblich ins Wanken gekommen. Bereits in den 1970er Jahren wurde der Gedanke der Norm heftig theoretisch kritisiert. Unterdes- sen jedoch ist diese Norm auch real unter Druck geraten - auch wenn Deutschland der Entwicklung hinterher- hinkt, hat selbst hier der demographische Wandel dafür gesorgt, dass in den Eliten immer mehr Frauen, Homose- xuelle oder Personen mit Migrationshintergrund zu fin- den sind. So hat sich die „Norm” verändert. Zudem erlebt man seit Mitte der 1970er Jahre eine zunehmende Hinwendung zum Credo des Neoliberalismus. Das lautet: Der Staat solle sich aus der Wirtschaft zurückziehen, denn dessen Aufgabe sei nicht die Wohlfahrt der Allge- meinheit; das soziale Umverteilen müsse aufhören. Wie aber soll Integration ohne diese Voraussetzungen funk- tionieren? Ökonomische Integration Zudem muss man Marios Nikolinakos beipflichten, der 1973 einen gewichtigen Einwand gegen den Begriff Inte- gration erhob. Falsch sei es, schrieb er, „von einer anzu- strebenden Integration bzw. Eingliederung der Gastarbei- ter (zu) sprechen, zumal die Gastarbeiter schon wirt- schaftlich und sozial objektiv in der deutschen Wirtschaft integriert sind, nämlich als Hilfsarbeiter und als eine soziale Schicht, die die Funktion des Proletariats und Subproletariats des 19. Jahrhunderts erfüllen muss.”6 Man mag letztere Bemerkung ein wenig polemisch finden, aber es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Arbeitsmigranten bei ihrer Ankunft auf dem Arbeitmarkt zumeist nur Zutritt zum Segment der unqualifizierten und unsicheren Arbeit hatten. Die Einbeziehung auf dem deutschen Arbeitsmarkt war also bereits eine spezifische Form der Ausgrenzung. Nun ist die Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt nur selten Thema von realen Integra- tionsmaßnahmen geworden, und in der heutigen Debat- te spielt das Ökonomische als zentrales Moment der systemischen Inklusion keine Rolle mehr. Das ist erstaunlich, denn die wirtschaftlichen Rahmendaten haben sich für die Einwanderer verschlechtert. Für soge- nannte Ausländer ist in Nordrhein-Westfalen in den letz- ten 15 Jahren das Risiko, arbeitslos zu werden, etwa dreimal so hoch geworden wie für die Einheimischen. Ungleiche Voraussetzungen Als einzige Korrekturmaßnahme in dieser Hinsicht erscheint in diesen Tagen die Bildungspolitik. Das ist im Sinne des Neoliberalismus durchaus konsequent: Für eine entfesselte Konkurrenz sollen zumindest alle Perso- nen gleich ausgerüstet sein. Allerdings haben seit dem ersten „PISA”-Schock 2000 eine ganze Reihe von Unter- suchungen gezeigt, dass die Benachteiligung von Kin- dern mit Migrationshintergrund so massiv wie in kaum einem anderen Einwanderungsland ist. Tatsächlich haben andere Einwanderungsländer Schulreformen hinter sich, welche die reale Vielfalt der Hintergründe, Eintrittsbedin- gungen und Voraussetzungen von Kindern im alltäg- lichen Funktionieren der Institution berücksichtigt. In Deutschland jedoch wird auf die Probleme des Schul- systems gemeinhin anders reagiert. Zunächst wird das schlechte Abschneiden den Migranten selbst angelastet. Franz Hamburger schreibt, dass es eine nicht-öffentliche, ethnozentristische Auslegung von PISA gebe: „Die weit verbreitete Überlegung, wie ‚Deutschland’ abschneiden 20 i n t e g r a t i o n
  4. 4. würde, wenn die Kinder mit Migrationshintergrund ‚her- ausgerechnet’ würden, ist ein zentrales Deutungsmus- ter”.7 In diese Kerbe schlug auch FAZ-Kommentator Jür- gen Kaube, der nach der PISA-Studie 2005 meinte, dass es darum gehe, „sich der Tatsache zu stellen, dass Tür- ken in Deutschland als größte Problemgruppe im Durch- schnitt weniger bildungsfreundlich erzogen werden”.8 Die meisten Bundesländer verfahren nach dem Prinzip: Nicht die Schule wird reformiert, sondern die Migranten. Das Konzept Integration geht letztlich weiterhin von einer „deutschen” Norm aus. Nun weiß man aus der pädagogischen Forschung, dass es keineswegs „integra- tiv” wirkt, wenn man bei Personen ausschließlich Defizi- te diagnostiziert und nicht auch deren Können und Ent- wicklungsmöglichkeiten, und sie dann in Sonderklassen verfrachtet, um das Defizit auszugleichen. Alle Erfahrun- gen aus benachbarten Einwanderungsländern zeigen, dass beispielsweise der Spracherwerb in den ersten Schuljahren konsequent in den Regelunterricht eingebaut werden sollte. Zudem gelten die „Defizite” der Migrantenkinder gewöhnlich als Produkt eines kulturellen Unterschieds. Bereits in den 1970er Jahren bezeichneten deutsche For- scher etwa die türkische Familie als dysfunktional - das angeblich dort herrschende patriarchale Prinzip sei unge- eignet für das Leben im Einwanderungsland.9 Seit dem Jahrtausendwechsel haben solche Auffassungen eine Renaissance erlebt. Inzwischen gilt allerdings der Islam als primäres Hindernis für die Integration. „Kronzeugin- nen” mit Migrationshintergrund wie Necla Kelek bezeich- nen den Islam als „Kulturmuster”, welches „das Handeln muslimischer Migranten in Deutschland bis in den letz- ten Winkel ihres Alltags” formt. So werde ein Wertesy- stem begründet, das „mit den Werten und Normen der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht viel gemein” habe.10 Es erscheint dann logisch, dass der Bildungsmiss- erfolg kein Ergebnis von Diskriminierung ist - verant- wortlich ist eben das rückständige „Kulturmuster”. Selbstintegration als migrantische Alltagspraxis Während der herrschende Begriff der Integration offen- bar eher kontraproduktiv wirkt und ständig den Unter- schied zwischen „uns” und „ihnen” herausstreicht, gibt es selbstverständlich eine Alltagspraxis der Migranten, eine Praxis, die man möglicherweise mit dem Begriff Selbst- eingliederung umschreiben könnte. Diese Eingliederung betrifft oftmals nicht das große Ganze, den Nationalstaat, „Deutschland”, sondern vielmehr den lokalen Lebenszu- sammenhang. Wie etwa die Untersuchung „Die multikul- turelle Stadt” (2001) gezeigt hat11 , führt die Heterogenität des urbanen Lebens keineswegs - wie in der Bundesre- 21 Illustration: Michaela Melián, Foto: Marina Ginal
  5. 5. publik oftmals unterstellt - zur „Desintegration”, sondern eher zu kommoden Formen städtischen Nebeneinanders. Der lokale Zusammenhang ist für viele Einwanderer auch deswegen relevant, weil er als inklusiv verstanden wird. So hört man oft Aussprüche wie: „Ich bin Kölner, aber kein Deutscher”. Diese Selbsteingliederung kann vielfältige Formen annehmen. Wenn man davon ausgeht, dass Mobilität, Eigenverantwortung und Flexibilität heutzutage zentrale gesellschaftliche Werte darstellen, dann besitzt ein großer Teil der Migranten in dieser Hinsicht besondere Qualifi- kation. Während man in Deutschland gern das Schicksal der sogenannten zweiten Generation beklagt, die orien- tierungslos „zwischen allen Stühlen” leben muss, zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass viele Jugendliche sich sehr gut in mehreren Sprachen, mehreren kulturellen Kontexten zurechtfinden und somit eher „auf allen Stüh- len”12 sitzen können. Tatsächlich sind nach einer über 40-jährigen Einwande- rungsgeschichte selbst die immer wieder als Beispiel für „Parallelgesellschaften” angeführten „Männercafés” keine eindeutigen Orte mehr. So hat der Autor Imran Ayata festgehalten, dass er sich dorthin verzieht, weil er hier eben nicht ununterbrochen als „Türke” identifiziert wird.13 So kann, was von außen nach der schlimmsten Homogenität aussieht, erstaunlicherweise innen ein Raum der Individualisierung sein. Vorschläge an die Adresse der Politik Das Konzept Integration ist, wie gesagt, erheblich ange- staubt - ein Wiedergänger aus einem vergangenen Jahr- zehnt. Tatsächlich wäre es für die Bundesrepublik deut- lich besser, die Behörden würden sich an den Aktivitäten der Migranten orientieren und den Versuch unterneh- men, die positiven Beispiele fortzuentwickeln. Auf kom- munaler Ebene geschieht das in letzter Zeit durchaus häufiger. Die großen Konzepte wie Integration kursieren dagegen auf der Ebene des Bundes und der Länder und in der Medienlandschaft - dort bleibt die Lage vor Ort oft ziemlich abstrakt. Die Anerkennung der „Selbsteingliede- rung” wäre aber auch bei diesen Institutionen wichtig, denn sie leisten gewissermaßen die symbolische Selbst- vergewisserung der Gesellschaft. Besonders relevant für die deutsche Gesellschaft ist die Verbesserung der Partizipationsmöglichkeiten. In letzter Zeit hat es eine Renaissance der Debatte über das kom- munale Wahlrecht für sogenannte Drittstaatsangehörige gegeben, weil auf kommunalem Level mittlerweile das Problem auftritt, dass bis zu 30 Prozent der Bewohner nicht wählen dürfen, was die Legitimität kommunalen 22 Mark Terkessidis Jahrgang 1966 ist ein Journalist, Autor und Migrationsfor- scher. Seine Themen- schwerpunkte sind Jugend- und Popkul- tur, Migration und Rassismus. Mitbe- gründer des „Institu- te for Studies in Visual Culture” (ISVC) in Köln Illustration: Michaela Melián, Foto: Marina Ginal
  6. 6. Handelns in Frage stellt. Insofern darf der Zugang zu bestimmten Rechten nicht am Ende eines nebulösen Integrationsprozesses stehen. Wenn Partizipation das Ziel wäre, dann muss allen die- sen Menschen ein niedrigschwelliges Angebot gemacht werden. Das betrifft zunächst die Regelung des Aufent- haltes. Diese sollte in der Kommune für sämtliche Perso- nen unproblematisch sein, die sich dort aufhalten - seien sie nun legal oder illegal eingereist. An das leicht zu erwerbende Aufenthaltstatut sollten wiederum bestimmte Rechte gekoppelt sein, die keine permanente Anwesen- heit nötig machen. In einigen Kommunen gibt es öffent- lich tagende „lokale Räte”, die auch für den Nahbereich relevante Beschlüsse fassen dürfen. Prinzipiell kann sich jeder beteiligen. Solche Formen der Einbeziehung machen Mehrfachbindungen möglich und schaffen For- men der Eingliederung, die ohne die Vorstellung von „Integrationsnormen” auskommen. Diese Art der Teilha- be könnte man das „Recht auf einen Ort” nennen. Die Utopie der Diversity Solche Partizipationsformen sollten ergänzt werden durch die Anwendung der Idee der „Diversity”, die de facto der deutschen Vorstellung von Integration diametral entgegengesetzt ist. Einer der eloquentesten Vertreter des „Diversity”-Ansatzes ist der USA-amerikanische Organisa- tionsberater Roosevelt Thomas. In seinem auch auf Deutsch erschienenen Buch „Management of Diversity” erzählt er zu Beginn die unterdessen in vielen Publika- tionen reproduzierte Geschichte von der Giraffe und dem Elefanten.14 Sehr verkürzt handelt sie von der Einla- dung eines Elefanten in das Haus einer Giraffe. Dieses Haus ist den Bedürfnissen der Giraffe vollends ange- passt, was bereits bei der Ankunft des Elefanten zu Pro- blemen führt: Er, das gedrungene, schwere, breite Tier, kann nicht durch die hohe und schmale Tür eintreten. Die Giraffe nutzt die Möglichkeit, die Tür zu verbreitern. Doch die Malheurs des Elefanten nehmen kein Ende: Die Treppenstufen brechen ein, er sorgt für Risse in der Wand. Schließlich empfiehlt die Giraffe dem Gast ein Schlankheitsprogramm: Fitness-Studio und Ballettunter- richt. Der Elefant jedoch definiert das Problem anders: „Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher, ob ein für eine Giraffe entworfenes Haus je für einen Elefanten passen wird, außer es würden einige tiefgreifende Umbaumaß- nahmen vorgenommen”.15 Entsprechend bietet „Diversity” eine neue Sichtweise an: Nicht die Minderheiten haben Defizite und sind reform- bedürftig, sondern angesichts der vielfältigen Zusammen- setzung der Bevölkerung muss das „Haus”, in dem diese Menschen leben, umgebaut werden. Es geht darum, den geteilten Raum kreativ neu zu erfinden. Insofern darf „Diversity” auch nicht als notwendiges Übel betrachtet werden, sondern als eine begrüßenswerte Gestaltungs- aufgabe. Tatsächlich könnte „Diversity” eine ganz neue Definition des Gemeinwesens mit sich bringen. Denn im Gegensatz zum traditionellen Modell des Nationalstaates, der sich auf die geteilte Geschichte beruft, verweist „Diversity” auf das Zusammenleben in einer geteilten Zukunft.< 23 i n t e g r a t i o n 1 Vgl. www.bundesregie- rung.de/Webs/Breg/DE/ Bundesregierung/Beauf- tragtefuerIntegration/ beauftragte-fuer-integra- tion.html, letzter Zugriff 15.02.2008. 2 Vgl. www.bamf.de/cln _011/nn_442456/DE/Inte- gration/integration- node.html?__nnn=true, letzter Zugriff 21.02.2008. 3 „Integration ist jetzt Kernaufgabe”, Interview mit Armin Laschet (CDU), NRW-Minister für Genera- tionen, Familie, Frauen und Integration, http://www.caritas- nrw.de/cgi-bin/showcon- tent.asp?ThemaID=649, letzter Zugriff 21.02.2008. 4 ebd. 5 Vgl. Einbürgerungs- richtlinien vom 15. Dezember 1977. In: Deut- sches Ausländerrecht, 1993, München, S. 167- 181. 6 Nikolinakos, Marios (1973): Politische Ökono- mie der Gastarbeiterfrage. Migration und Kapita- lismus. Reinbek bei Ham- burg, S. 13. 7 Hamburger, Franz (2005): Der Kampf um Bildung und Erfolg. In: Hamburger, F., Badawia, T. und Hummrich, M. (Hg.): Migration und Bildung, Wiesbaden. 8 Kaube, Jürgen (16.5.2005): Das Migra- tionsdesaster, in: Frank- furter Allgemeine Zeitung. 9 Vgl. Terkessidis, Mark (2004): Die Banalität des Rassismus. Migranten zweiter Generation ent- wickeln eine neue Per- spektive, Bielefeld (Trans- cript), S. 149ff. 10 Kelek, Necla (2005): Die fremde Braut, Köln, S.235. 11 Bikow,Wolf-Dietrich et al. (2001): Die multi- kulturelle Stadt, Von der Selbstverständlichkeit im städtischen Alltag, Opladen. 12 Vgl. Otyakmaz, Berrin Özlem (1995): Auf allen Stühlen. Das Selbstver- ständnis junger türki- scher Migrantinnen in Deutschland, Köln. 13 Vgl. Ayata, Imran (1998): Sabri Abis Män- nercafé: Über einen Ort, der mir gefällt. In: Mayer, Ruth & Terkessidis, Mark (Hg.): Globalkolorit. Mul- tikulturalismus und Populärkultur, St. Andrä- Wörden, S. 41-56. 14 Vgl. Thomas, Roosevelt (2001): Management of Diversity. Neue Personalstrategien für Unternehmen - Wie passen Giraffe und Elefant in ein Haus?. Wiesbaden, S.25ff. 15 Ebd.: 26f.

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