Wer bewegt die Selbsthilfe: Vereinnahmung, Ökonomisierung, Privatisierung

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Wer bewegt die Selbsthilfe? Vereinnahmung, Ökonomisierung, Privatisierung” der irischen Soziologin Orla O’Donovan ist der dritte Teil unserer Reihe Alternativen, in der bereits Ein anderes Rezept von Anne Rochon Ford und Eine alte Geschichte über die amerikanische Brustkrebsaktivistin Rose Kushner erschienen ist. Auch in dieser Arbeit geht es um Trends in Gesundheitsorganisationen und Selbsthilfe und ihre gesellschaftlichen Ausrichtungen. Wir danken Orla O’Donovan für die freundliche Genehmigung für die Übersetzung und Bereitstellung auf dieser Webseite und Uta Wagenmann für die Übersetzung ins Deutsche.

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Wer bewegt die Selbsthilfe: Vereinnahmung, Ökonomisierung, Privatisierung

  1. 1. Wer bewegt die Selbsthilfe?Vereinnahmung, Ökonomisierung, PrivatisierungOrla O’DonovanBerlin 2011
  2. 2. Wer bewegt die Selbsthilfe? Reihe Alternativen 3 … selbstschutz - vernetzung – info … www.bcaction.de/pdf/alternativen3.pdf 2
  3. 3. Wer bewegt die Selbsthilfe?InhaltVorwort 5Teil IOrla O’Donovan 7Astroturf zwischen den Graswurzeln: Ist es Zeit zum Aussortieren?Begriffliche Überlegungen zu den Implikationen des Pharmasponsorings vonGesundheitsorganisationenTeil IIOrla O’Donovan 39Die pharmazeutische Industrie und ihre VerfahrensweisenIndustrielle Kolonisierung der Gesundheitsbewegung? Irische Gesundheitsorganisationenund ihre Verbindungen mit PharmakonzernenAnhang 67Verpflichtende Richtlinie zur Beschaffung von Mitteln durch unterstützendeOrganisationenÜbersetzung der „Sponsoren-Richtlinie“ (Drittmittelrichtlinie) von Breast Cancer Action 3
  4. 4. Wer bewegt die Selbsthilfe? 4
  5. 5. Wer bewegt die Selbsthilfe?VorwortThemen wie „Pharmasponsoring“ und „Interes- die freundliche Genehmigung, ihre Arbeit zusenkonflikte“ im Zusammenhang mit unserer Ge- übersetzen und in deutscher Sprache verfügbarsundheitsversorgung und der Privatisierung von zu machen. Besonders danken wir Uta Wagen-Gesundheitsorganisationen und Selbsthilfe wer- mann für die sorgsame Übersetzung aus demden seit einigen Jahren in allen europäischen Englischen.Ländern diskutiert. Wir möchten mit dieserÜbersetzung die Arbeiten der irischen Soziologin Orla ODonovan ist seit 1995 Dozentin am Uni-Orla O’Donovan, die bereits länger bei uns versity College Cork in der Abteilung für Ange-schlummern, endlich auch unseren LeserInnen wandte Sozialwissenschaften. Davor arbeitete sieaus Selbsthilfe, Frauengesundheitsorganisatio- u.a. an der National University of Ireland innen und Frauengesundheitspolitik sowie allen Galway. Ihre Forschungsarbeiten und Lehre um-anderen Interessierten besser zugänglich ma- fassen Gesundheitspolitik und Medizin, Patien-chen. „Wer bewegt die Selbsthilfe“ ist Teil unse- tenorganisationen und soziale Gesund-rer „Reihe Alternativen“, in der bereits „Ein an- heitsbewegungen, kulturelle und wirtschaftlichederes Rezept“ von Anne Rochon Ford und Macht der globalisierten Pharmaindustrie, öf-„Eine alte Geschichte?“ über die amerikanische fentliche Kontroversen zu Wissenschaft undBrustkrebsaktivistin der ersten Stunde, Rose Technologie sowie Feminismus und StrategienKushner, erschienen sind. des Widerstands.An dieser Stelle danken wir Orla O’Donovan für 5
  6. 6. Wer bewegt die Selbsthilfe?Ein großer Teil ihrer Arbeiten konzentriert sich in deutscher Sprache bisher nur wenigeauf die Aktionen und Arbeiten von PatientInnen- Arbeiten dazu erhältlich bzw. frei zugänglich. Wirorganisationen und GesundheitsaktivistInnen, hoffen, mit diesem Beitrag Informationen ganzdie zur Erzeugung von Wissen, Normen und Er- im Sinne auch von Orla ODonovan bereitzu-wartungen in Bezug auf Gesundheit und Gesund- stellen, die dafür plädiert, dass Forschung nichtheitswesen beitragen. Orla O’Donovan arbeitet allein wissenschaftlichen, sondern auch aktivisti-mit im Projekt „European Patient Organizations schen Anliegen dienen sollte.in Knowledge Society” (EPOKS, EuropäischePatientenorganisationen in der Wissensgesell- Gudrun Kemper, Beate Schmidtschaft), das von der Europäischen Kommissionüber das 7. EU-Forschungsrahmenprogrammfinanziert wird. EPOKS wird koordiniert von derEcole Nationale Supérieure des Mines, Paris.Orla O’Donovan unterrichtet in Ausbildungsgän-gen für den Bachelor of Social Science in PublicHealth und Gesundheitsförderung, im Master-lehrgang Public Health und im Doktoranden-lehrgang Sozialwissenschaften. Sie betreutaußerdem Post Graduate-Lehrgänge und Doktor-arbeiten.Uta Wagenmann ist ebenfalls Soziologin. Siearbeitet als Autorin, Journalistin, Dozentin undRedakteurin und ist im Gen-ethischen Netzwerkengagiert. Sie beschäftigt sich mit Medizin undBiopolitik, ihre Arbeitsgebiete sind unter ande-rem die Forschungspolitik in den so genanntenLebenswissenschaften, Forschungsansätze undKrankheitsbilder in Biobanken oder das Verhält-nis von Patientenorganisationen zur Forschung.Die geklammerten Literaturhinweise, die im Ori-ginal zum Teil im Text genannt werden, sind, umdie Lesbarkeit nicht zusätzlich zu erschweren, inden Übersetzungen mit weiteren Hinweisen undggf. Anmerkungen in den Fußnoten am Seiten-ende zu finden.Obwohl der schwierige Themenkomplex für einGesundheitswesen fundamental wichtig ist, sind 6
  7. 7. Wer bewegt die Selbsthilfe? Astroturf zwischen den Graswurzeln: Ist es Zeit zum Aussortieren? Begriffliche Überlegungen zu den Implikationen des Pharmasponsorings von Gesundheitsorganisationen Orla O’Donovan o.odonovan@ucc.ie Department of Applied Social Studies University College Cork, Irland 7
  8. 8. Wer bewegt die Selbsthilfe? 8
  9. 9. Wer bewegt die Selbsthilfe? Orla O’Donovan: Time to weed out the astroturf from the grassroots? Conceptualizing the implications of pharmaceutical industry funding of health advocacy organizations Paper presented at Concepts of the Third Sector: The European Debate, ISTR/EMES Conference, Paris, 27-29 April 2005 9
  10. 10. Wer bewegt die Selbsthilfe? 10
  11. 11. Wer bewegt die Selbsthilfe?Einführung en Kategorie der „Astroturf-Organisationen“4 beeinflusst.Die soziologische Analyse von Gesundheitsorga-nisationen findet häufig vor dem Hintergrund Der Begriff „Astroturf-Organisation“ ist mittler-von Theorien sozialer Bewegung und jüngeren weile zentral im normativen Vokabular derKonzepten der Öffentlichkeit statt. Diese For- (hauptsächlich nordamerikanischen) Aktivistenschung tendiert dazu, sich auf radikale Organisa- der Anti-Konzern-Bewegung5, zu denen auch dietionen zu fokussieren und sie als ‘Organisationen Kritiker der globalisierten pharmazeutischen In-sozialer Bewegungen’ oder ‘Gegenöffentlichkeit’ dustrie gehören. Diese Kritiker stehen auf demzu konzeptualisieren, die die Dominanz kapitalis- Standpunkt, dass die Industrie mit ihren Versu-tischer biomedizinischer Gesundheitsdiskurse in chen, den pharmakozentrischen Diskurs einer-Frage stellen. Studien analysieren zum Beispiel seits zum eigentlichen, hegemonialen Gesund-bestimmte Gruppen von Menschen mit psychi- heitsdiskurs zu machen – und dabei von sichschen Erkrankungen als Organisationen sozialer selbst andererseits das Bild eines wohltätigenBewegung und als ‘praktizierte Utopie’, die dafür Partners in der Gesundheitsversorgung zu ver-kämpfen, die Hegemonie der Psychiatrie zu ent- breiten –, eine Schlüsselstrategie verfolgt. Diesemachten und die Wahrnehmung, das Denken, Schlüsselstrategie bestehe darin, ihre bisherigedas Handeln und das Sprechen im Hinblick auf Feindseligkeit gegenüber Patientengruppen –psychische Gesundheit zu verändern.1 Ganz ähn- und Gesundheitsorganisationen grundsätzlich –lich werden einige AIDS-Organisationen als sozi- aufzugeben und ihre Existenz als Gelegenheit an-ale Bewegungen analysiert, die Alternativen zum statt als Bedrohung zu betrachten.6 Zu dieserSeuchendiskurs entwickelt haben und als Gegen- Strategie gehöre nicht nur die Pflege enger Bezie-öffentlichkeit mit dem Staat interagieren.2 hungen mit Patientenorganisationen durch ‚selbstlose’ Spenden, sondern auch die direkteJüngere Forschungen, die sich auf die zuneh- Gründung solcher Organisationen.mende Tendenz der globalisierten pharmazeuti-schen Industrie richten, enge Beziehungen mitPatientengruppen zu pflegen - insbesondere auf 4 Auch im deutschsprachigen Raum wird mittlerweile derdem Gebiet von Brustkrebs -, lenken größere Begriff „Astroturfing“ (s.a. Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Astroturfing) benutzt. Astroturf,Aufmerksamkeit auf Organisationen, die zur In- dt. Kunstrasen, meint hier künstliche Interessenvertretungs-tensivierung der Dominanz kapitalistischer Bio- bzw. Basisorganisationen. Als „Astroturf“ bezeichnetes syn- thetisches Gras wurde 1965 durch den Bau des AstroDomemedizin beitragen.3 Diese Forschungen haben in Houston (USA) bekannt, der damals größten Sportein-erneute Versuche angestoßen, zwischen verschie- richtung der Welt. Er wird im anglo-amerikanischen Sprach- gebrauch verwendet als Gegenpol zum englischen Wort fürdenen Typen von Gesundheitsorganisationen zu „Basisbewegung“, den „grassroots movements“ (wörtlich:unterscheiden und sie haben auch die folgenden „Graswurzelbewegungen“), und bedeutet soviel wie „vor- gebliche“ bzw. „künstliche Basisbewegung“.Überlegungen zu der kürzlich konstruierten, neu- 5 Im Original: „anti-corporate movement”; wörtlich übersetzt und auch so verwendet: Anti-Konzern-Bewegung. Eine deutschsprachige Entsprechung ist auch “Anti-Privatisie- rungs-Bewegung”, deren AktivistInnen sich in Europa häufi-1 Crossley 1999; Crossley and Crossley 2001. ger auch in den Reihen der Globalisierungskritiker (wie z.B.2 Gamson 1989; Brouwer 2001. Attac) finden.3 Klawiter 1999, Pezzullo 2003, Blackstone 2004. 6 Lofgren 2004. 11
  12. 12. Wer bewegt die Selbsthilfe?Mit dem Begriff „Astroturf-Organisation“ sind Studie und einer Präsentation von ErgebnissenGruppierungen gemeint, die durch Unternehmen einer Befragung von 109 Organisationen, diegegründet und/oder gänzlich von ihnen finan- 2004/2005 durchgeführt wurde. Die Feldarbeitziert werden. Ihre Kritiker behaupten, sie würden für die primär qualitativen Dimensionen der Stu-ein falsches Bild des öffentlichen Interesses ver- die, die aus vier Fallstudien von Gesundheitsor-breiten und den schädlichen Einfluss der phar- ganisationen besteht, befindet sich in einem frü-mazeutischen Industrie auf die nationale und in- hen Stadium. Zum zweiten gehe ich näher auf dieternationale Gesundheitspolitik verstärken. Eine Unterscheidung zwischen Astroturf- und authen-dieser Kritikerinnen des von Konzernen domi- tischen Graswurzel-Organisationen und ihrenierten Diskurses über Brustkrebs erklärt die Evokation durch Konzernkritiker und Wissen-Strategie folgendermaßen: „Einer ihrer bevorzug- schaftler ein. Drittens untersuche ich, wie Er-ten Werbegags besteht darin, das ins Leben zu kenntnisse aus der Theorie der Öffentlichkeit he-rufen, was wir als ‚Astroturf-Organisation’ be- rangezogen werden können, um zum einen diezeichnen. Sie gründen falsche Selbsthilfegrup- Kritik des Pharmasponsorings von Gesundheits-pen,7 und diese Scheinorganisationen sind dann organisationen zu vertiefen, die im Begriff „Ast-ihr Sprachrohr in der Öffentlichkeit. Das haben roturf“ aufscheint, und zum anderen, um die Be-sie oft gemacht ... mittels dieser Gruppen erzäh- griffe „Astroturf“- und „authentische“ Basis-len sie ihre Lügen.“8 Wiederholt wurde daher ge- organisationen sowohl als analytische wie alsfordert, diese Astroturf- von den authentischen empirische Kategorien zu hinterfragen. DarüberGraswurzel-Organisationen zu trennen oder sie hinaus diskutiere ich, inwiefern Studien zur Öf-zumindest zu ‚outen’, insbesondere im Zusam- fentlichkeit Untersuchungsansätze im Bereichmenhang mit ihrer Lobbyarbeit und ihren Reprä- der Gesundheitsorganisationen bieten.sentationsansprüchen. Alles in allem unterstreicht diese Diskussion dieIm vorliegenden Text untersuche ich den Dua- Bedeutung von Versuchen, die Prozesse, mitlismus von „Astroturf“- und den ihnen gegenüber denen die Privatisierung von Öffentlichkeit durchgestellten „authentischen“ Basisorganisationen Unternehmen stattfindet, offen zu legen undbei der Unterscheidung verschiedener Typen von ihnen zu widerstehen. Allerdings meine ich, dassGesundheitsorganisationen kritisch. Insbesonde- wir uns dabei vor einem strengen Gut/Böse-re interessiert mich der Nutzen dieser Kategorien Dualismus wie etwa dem von „Astroturf“- undin Bezug auf eine Studie, an der ich zurzeit arbei- „authentischen“ Basisorganisationen in Acht neh-te und in der ich die Interaktionen zwischen iri- men müssen. So wie die Öffentlichkeit ein Idealschen Gesundheitsorganisationen und der phar- ist, sind es auch Graswurzel-Organisationen. Diemazeutischen Industrie betrachte. Vereinnahmung durch Unternehmen ist eine von vielen Formen, mit denen die Fähigkeit zivilge-Ich beginne mit einem kurzen Überblick über die sellschaftlicher Organisationen eingeschränkt wird, die Stimme Marginalisierter zu artikulieren.7 Im Original „grassroots groups“. Eine passende Überset- Ebenso kann die fehlende Berücksichtigung deszung gibt es dafür nicht, aber „Selbsthilfegruppen“ oder idealtypischen Charakters des Begriffs „Astroturf-„Patientengruppen“ sind Entsprechungen im Deutschen.8 Pezzullo 2003, S.360. Organisation“ dazu führen, dass wir die häufig 12
  13. 13. Wer bewegt die Selbsthilfe?gegensätzliche Natur von Organisationen über- sationen in Irland.10 Einige Kommentatoren wei-sehen, die sowohl konservative wie auch anti- sen darauf hin, dass sich in Irland seit den 1970erhegemoniale Dimensionen haben können. Jahren Selbsthilfegruppen für Menschen mit spe- ziellen gesundheitlichen Einschränkungen entfal-Indem unser Verständnis von Gesundheitsorga- tet haben, und meinen, dass dies den globalennisationen auf diese Weise hinterfragt wird, fin- Aufstieg von – demokratisierenden – Verbrau-den wir uns allerdings auch vor eine Herausfor- cherbewegungen widerspiegelt.11 Im Licht derderung gestellt, die die Spannungen zwischen Diskussionen über das „Astrotruf-Prinzip“ – mitwissenschaftlichen Anliegen und solchen von denen ich erstmals durch mein Engagement beiAktivisten deutlich macht. Die Berücksichtigung Health Action International Europe, dann aberder genannten Nuancen und Komplexitäten kann auch durch meine direkte Beteiligung und For-Bemühungen untergraben, der Privatisierung der schung zu weiteren Organisationen in BerührungÖffentlichkeit zu widerstehen, weil die „Benen- kam – entstand bei mir schnell das Gefühl, dassnung des Feindes“ schwieriger wird.9 eine solch euphorische Begrüßung des Wachs- tums ziviler Zusammenschlüsse der Mäßigung bedarf.12Die Studie zu Obwohl es eine seit langem etablierte TraditionGesundheitsorganisationen in Irland von Verbandsaktivitäten in Irland gibt, die einige oppositionelle Organisationen einschließt, ist dieIn den vergangenen zehn Jahren haben in Irland beherrschende Kultur in irischen zivilgesell-bestimmte Gesundheitsorganisationen eine schaftlichen Zusammenschlüssen konservativ.13Schlüsselrolle bei der Entstehung öffentlicher In der irischen Frauenbewegung beispielsweiseDebatten zur Gesundheitsversorgung gespielt. überwog der liberale ‘mainstream’-Feminis-Auseinandersetzungen - wie etwa die mit der In- mus.14 Ganz ähnlich ist es mit vielen kommuna-fektion von Patienten durch kontaminiertes Blut len Organisationen auf dem Land, deren Ideolo-des staatlichen Bluttransfusionsdienstes - haben gien durch einen kommunitären Populismus unddazu beigetragen, den verheimlichenden und hie- die Leugnung von Klassengegensätzen gekenn-rarchischen Charakter des irischen Gesundheits- zeichnet sind.15 Die politische Kultur Irlands wirdsystems und die iatrogenen (Krankheit produzie- als intolerant gegenüber anderen Meinungenrenden) Konsequenzen bestimmter bio- charakterisiert, was eine schwache Öffentlichkeitmedizinischer Praktiken und Diskurse offen zu zur Folge hat.16 Der Aufstieg des Nationalismuslegen. Eine Reihe von Organisationen hat und die damit verbundenen Mythen über ge-wesentlichen Anteil daran gehabt, diese Kontro- meinsame Interessen des irischen Volkes, dieversen in die Öffentlichkeit zu bringen. 10 Spray 1998, Speed 2002.Obwohl einzelne Patientenorganisationen Gegen- 11 Condell 1998.stand von Analysen waren, wissen wir wenig über 12 O’Donovan 2000; O’Donovan and Ward 1999. 13 Donnelly-Cox, Donoghue and Hayes 2001.den allgemeinen Charakter von Patientenorgani- 14 Galligan 1998. 15 Varley and Curtin 2002.9 Starr 2000. 16 O’Carroll 2002. 13
  14. 14. Wer bewegt die Selbsthilfe?nach der 1922 erreichten teilweisen Unabhängig- Organisationen geht, die unterschiedliche ideolo-keit von Großbritannien aufblühten, haben zu gische Orientierungen widerspiegeln. Das viertedieser Verarmung öffentlicher Debatten beigetra- Ziel der Studie besteht darin, das Pharmaspon-gen. soring von Gesundheitsorganisationen in Irland zu untersuchen und dessen Ausmaß und FormenIn den letzten Jahrzehnten interagieren zivilge- zu beleuchten. Zusätzlich zu der Befragung undsellschaftliche Organisationen zunehmend im den Fallstudien von GesundheitsorganisationenKontext unternehmerischer Modelle ‘sozialer umfasst dies eine Befragung irischer pharmazeu-Partnerschaft’ mit dem Staat. Einige Kommenta- tischer Unternehmen.toren meinen, dass diese partnerschaftlich er-scheinenden Interaktionen zwischen Staat undZivilgesellschaft das Aufkommen einer neuenForm der partizipatorischen Demokratie verkör- Die Befragung irischer Gesundheits-pern; andere behaupten, sie hielten den Mythos organisationendes Konsenses aufrecht und würden die Möglich-keiten eines lebendigen öffentlichen Dialogs un- Im Jahr 2004 stellte ich eine Datenbank mit In-tergraben.17 Unsere Studie versucht deshalb, em- formationen über 191 Gesundheitsorganisationenpirisch zu untersuchen, in welchem Ausmaß sich zusammen. Im Dezember 2004 wurde ein 26-aus der angeblich wachsenden Anzahl von Pati- seitiger Fragebogen per Post – und, wo möglich,entenorganisationen in Irland auf eine Pluralisie- auch per eMail – verschickt, der Informationenrung des Gesundheitsdiskurses und auf lebendige über den Hintergrund, die Größenordnung undÖffentlichkeiten, in denen dominante Gesund- die Aktivitäten (inklusive der Beziehungen zurheitsdiskurse umstritten sind, schließen lässt. pharmazeutischen Industrie) abfragte. Follow- up-Telefonanrufe folgten, und eine kleine AnzahlDie Studie hat vier Ziele. Erstens wollen wir von Fragebogen (fünf) wurde durch Telefoninter-einen analytischen Rahmen entwickeln, in dem views vervollständigt. Von 24 Organisationenirische Gesundheitsorganisationen verortet und kamen Antworten, die darauf hinwiesen, dass dieverstanden werden können. Der vorliegende Text Organisation nicht mehr arbeitete oder wegenbezieht sich hauptsächlich auf diesen Aspekt der eines Namenswechsels in der Datenbank doppeltStudie. Eine zweite Dimension der Untersuchung vorkam. Die Anzahl der Organisationen in derist die Befragung von Gesundheitsorganisatio- Datenbank wurde so auf 167 reduziert. Insgesamtnen, deren Zweck darin besteht, Daten über die wurden 109 vollständige Fragebogen zurückge-Hintergründe, Aktivitäten, Größenordnungen schickt, das entspricht einem Rücklauf von 65und Interaktionen mit der pharmazeutischen Prozent.Industrie der Organisationen zu erhalten. DieseBefragung ist darüber hinaus Grundlage für den Die Daten der Befragung stützen die Annahme,dritten Strang der Studie, in dem es um die Aus- dass es in den vergangenen Jahrzehnten einearbeitung vertiefter Fallstudien einer Anzahl von Blüte von Verbandsgründungen auf dem Gebiet der Patientenvertretung gegeben hat. Nur 18 Pro- zent der befragten Organisationen wurden vor17 Meade and O’Donovan 2002. 14
  15. 15. Wer bewegt die Selbsthilfe?1970 gegründet. Die Daten deuten auch darauf nen oder für Bildungszwecke zur Verfügung ge-hin, dass irische Gesundheitsorganisationen sich stellt worden seien. Andere Zwecke, für diein ihrer Geschichte, ihrer Größenordnung, ihren Pharma-Gelder flossen, waren die EntwicklungRessourcen und ihren Aktivitäten stark unter- und der Betrieb von Internetseiten, die Publikati-scheiden. Ein für die vorliegende Diskussion on von Newslettern, die Teilnahme an oder diezentrales Ergebnis der Befragung: 42 Prozent der Ausrichtung von Konferenzen und für die medi-Organisationen, die geantwortet haben, gaben an, zinische Forschung. Zusätzlich zum Ausfüllen dervon der pharmazeutischen Industrie gefördert zu Fragebogen wurden die Organisationen darumwerden. Bei formalisierteren Organisationen (mit gebeten, Kopien ihrer Jahresberichte und anderedem rechtlichen Status einer GmbH18 oder mit Publikationen wie etwa Newsletter oder Patien-dem Status der Steuerbefreiung wegen Gemein- ten-Informationsbroschüren zu schicken undnützigkeit) war ein pharmazeutisches Sponsoring Details zu ihrem Internetauftritt zu nennen (82deutlich wahrscheinlicher als bei informellen Prozent hatten Websites). Genaue InformationenOrganisationen, wie etwa an andere nationale über Mittel der pharmazeutischen Industrie fin-oder internationale Organisationen angeschlos- den sich in den Publikationen der Organisationensene Gruppierungen. generell nicht. Ein Drittel der befragten Organi- sationen (33 Prozent) berichtete, dass sie keineDass 65 Prozent der Organisationen an internati- Jahresabschlüsse veröffentlichen. Unter ihnenonale Organisationen angeschlossen waren, waren Organisationen mit beträchtlichen Bud-macht noch einmal deutlich, dass die Analyse gets, die Mittel von der pharmazeutischendieser Art von kollektiver Aktion allein im natio- Industrie erhielten.nalen Kontext unangemessen ist. Während dasPharmasponsoring in Organisationen, die bezahl- Diese Ergebnisse gleichen denen von Studien derte Mitarbeiter und ein Büro unterhalten, wahr- Beziehungen zwischen Patientenorganisationenscheinlicher ist - mit Ausnahme von Organisatio- und der Pharmaindustrie in anderen europäi-nen mit sehr begrenzten Finanzen (das heißt ei- schen Ländern. Eine 2003 durchgeführte Befra-nem Jahresbudget von weniger als 1.000 Euro) -, gung von 85 finnischen Patientenorganisationenhaben sowohl Organisationen mit bescheidenen kam zu dem Ergebnis, dass die Pharmaindustriewie solche mit beträchtlichen Jahresbudgets Gel- für ähnliche Zwecke Mittel bereitstellte, obwohlder von der pharmazeutischen Industrie erhalten. der Anteil der Empfänger von Industriesponso- ring unter den Patientenorganisationen mit 71Eine Reihe von Organisationen antwortete auf Prozent dort größer war als in der irischen Stu-die Frage nach dem Zweck, zu dem die Mittel die.19 In einer Befragung von 123 britischen Ver-bereitgestellt wurden, es handele sich um eine braucherorganisationen im Gesundheitsbereich„allgemeine Spende“, eine „zweckungebunde Fi- im Jahre 1999 gaben über 60 Prozent an, in Kon-nanzierung“ oder eine „bedingungslose Spende“. takt mit der pharmazeutischen Industrie zu ste-Allerdings war die häufigste Antwort auf diese hen. Dieser Kontakt sei auf Themen wie die Er-Frage, dass die Mittel für Öffentlichkeitskampag- höhung der öffentlichen Aufmerksamkeit und auf18 In Irland: Limited Company. 19 Toiviainen, Viorenkoski and Hemminki 2004. 15
  16. 16. Wer bewegt die Selbsthilfe?das Sponsoring von Publikationen, Treffen und denen Partnerschaftsinitiativen teil, begann aberKonferenzen gerichtet.20 Eine andere im Rahmen 1987 als von Freiwilligen betriebener Ad-hoc-einer vergleichenden Analyse von britischen und Zusammenschluss von Gruppen HIV-Positiver.US-amerikanischen Zusammenschlüssen durch-geführte Befragung von 220 Patientenorganisati- Cuidu - The Irish Childbirth Trust [eine Organi-onen in Großbritannien kam unter anderem zu sation, die werdende und junge Eltern unter-dem Schluss, dass US-amerikanische Patienten- stützt] wurde ebenfalls ausgewählt, weil die Or-zusammenschlüsse in Bezug auf Angestellte, ganisation angab, dass sie das Sponsoring durchBüroraum und allgemeine Finanzen zumeist bes- Hersteller von Babynahrung ablehnt. Obwohl dieser ausgestattet sind. Darin zeigt der Autor Wood Babynahrungsindustrie sich von der pharmazeu-unter Verweis auf das, was er die ‘Kolonisierung’ tischen Industrie unterscheidet, wählten wir dievon Patientenzusammenschlüssen nennt, aller- Organisation nichtsdestotrotz aus, und zwardings, dass die hauptsächlichen Kolonisatoren nicht nur wegen der Ablehnung des Industrie-forschungsorientierte Ärzte und Pharmaunter- sponsorings aus bestimmten Quellen, sondernnehmen waren.21 auch, weil es eine lange bestehende Organisation ist, die vollständig von Freiwilligen betriebenIm Rahmen der Befragung wurden aber nicht nur wird. Sie reflektiert damit einen atypischen orga-Daten generiert, mit denen Gesundheitsorganisa- nisatorischen Weg im irischen Kontext: 72 Pro-tionen in Irland allgemein porträtiert werden zent der befragten Organisationen unterhält be-können. Die gesammelten Angaben wurden zu- zahlte Mitarbeiter.sammen mit den Dokumentationen der Organi-sationen darüber hinaus dazu genutzt, für eine Die dritte ausgewählte Organisation ist AWARE,vertiefte Fallstudien-Analyse vier Organisationen eine Organisation für psychische Gesundheit, dieauszuwählen, die unterschiedliche Orientierun- dafür arbeitet, „die Depression zu besiegen“. Siegen widerspiegeln. Zwei Organisationen wurden gab an, für ihre jährliche landesweite ‚Woche derausgewählt, deren Antworten vermuten ließen, Depression’22 Mittel der pharmazeutischen In-im Widerspruch zu der von Bruce Woods ange- dustrie erhalten zu haben. Außerdem erhielt ihresprochenen Art der Kolonisierung durch Konzer- Schwesterorganisation in Nordirland 2004 einene zu stehen. Eine der beiden ist die AIDS-Allianz von zehn von GlaxoSmithKline (GSK) an briti-Dublin (Dublin AIDS Alliance, DAA), die auf die sche Gesundheitseinrichtungen vergebenen Aus-Frage nach einer Finanzierung durch die phar- zeichnungen. GSK steht im Zentrum einer Kon-mazeutische Industrie wie folgt antwortete: „DAA troverse zum Medikament Seroxat und es wurdevertritt eine Politik, die die Annahme von Mitteln entschieden, dass es von Interesse ist, die Ansich-der pharmazeutischen Industrie aufgrund von ten der Organisation in dieser Auseinanderset-deren Vorgehen bei der Verteilung und den Kos- zung zu erkunden.ten von HIV/AIDS-Medikamenten in Entwick-lungsländern nicht erlaubt.“ DAA beschäftigt Die vierte Organisation ist die Irische Plattformheute neun Angestellte und nimmt an verschie- für Patientenorganisationen, Wissenschaft und20 Baggott, Allsop and Jones 2004. 22 Im Original „depression awareness week“, also „Woche21 Wood 2000, S.17. der Aufmerksamkeit für Depression“. 16
  17. 17. Wer bewegt die Selbsthilfe?Industrie (Irish Platform for Patients’ Organi- Kapitalisten stehend betrachtet wurden.23 Diesezations, Science and Industry, IPPOSI). Diese jüngste Welle des Bewegungsaktivismus ist alsDachorganisation ist nach dem Vorbild der Zusammenführung von ‘alten’ und ‘neuen’ sozia-Europäischen Plattform für Patientenorganisati- len Bewegungen bezeichnet worden, als eineonen gestaltet, der sie auch angehört. Sie tritt für Wiedervereinigung der Politik der Umverteilungeine enge Zusammenarbeit zwischen Patienten- mit der Politik der Anerkennung.24organisationen und der pharmazeutischen Indu-strie ein. Im organisationseigenen Informations- Wenn die Bewegung auch heterogen ist undmaterial wird IPPOSI als „Koalition zwischen unterschiedliche Auffassungen darüber bestehen,Patienten, Wissenschaft und Industrie“ beschrie- gegen was sie sich richtet, so werden jedenfallsben, die darauf gerichtet ist, „die zur Förderung (globale) Konzerne als Feind angesehen.25 Sieder frühen Entwicklung von Therapien in ganz werden als inhärent antidemokratische Organisa-Europa notwendigen gesetzlichen und verwal- tionen verstanden, die nicht nur bereit dazu sind,tungsrechtlichen Verfahren zu verbessern.“ in nicht-demokratischen Ländern zu operieren, sondern auch demokratische Prozesse und Insti-Die Fallstudien-Analyse dieser Organisationen tutionen so zu manipulieren, dass sie ihrenwird hoffentlich Licht auf die Faktoren werfen, kommerziellen Interessen dienen.die zu differenzierteren Interpretationen desIndustriesponsorings und dem unterschiedlichen Insbesondere im Kontext staatlicher RegulierungUmgang damit geführt haben. Wie aus der fol- der pharmazeutischen Industrie in den USA undgenden Diskussion ersichtlich wird, legen die Großbritannien ist empirisch gezeigt worden,Diskurse der Konzern-Kritiker nahe, die ersten dass private kommerzielle Interessen sich gegen-beiden Organisationen als „authentische“ Basis- über öffentlichen Interessen der Gesundheitsver-organisationen zu verstehen, während die letzte- sorgung durchsetzen; dass sie den Vorrang erhal-ren beiden sich nach dieser Lesart in der für ten, gilt als Beweis für eine „Vereinnahmung derkünstliche Gruppen typischen Gefahr befinden, Regulierung“.26 Marcia Angell, frühere Chefre-von Unternehmen kolonisiert zu werden. dakteurin des New England Journal of Medicine, meint, dass die US-amerikanische Regulierungs- behörde (Food and Drug Administration, FDA) im vergangenen Jahrzehnt zunehmend von derDer Dualismus von Astroturf und pharmazeutischen Industrie vereinnahmt wur-Graswurzel de.27 Dabei wurde die FDA einst als Paradebei- spiel einer starken staatlichen RegulierungDie am stärksten wahrgenommenen Äußerungen betrachtet.der gegen Ende des 20. Jahrhunderts aufgekom-menen Anti-Konzern-Bewegung waren die Pro- Dieser Prozess der Eroberung, in deren Verlaufteste gegen Institutionen wie die Welthandelsor-ganisation und den Internationalen Währungs- 23 Sklair 2002. 24 Crossley 2003.fonds, die als im Dienste der Interessen globaler 25 Starr 2000. 26 Abraham 1995.Unternehmen und der transnationalen Klasse der 27 Angell 2005. 17
  18. 18. Wer bewegt die Selbsthilfe?Regulierungsbehörden sich die Perspektive der- Organisationen in den USA auf, so etwa die wohl-jenigen Industrien zu eigen machen, die sie tätig klingende Alliance to keep America wor-angeblich regulieren, ist dem Prozess verwandt, king (etwa: Allianz für den Erhalt von Arbeits-den der Begriff ‚Astroturf’ nahe legt: Er bezieht plätzen in Amerika), den American Council onsich auf Gruppen, die von der pharmazeutischen Science and Health (Amerikanischer Rat für Wis-Industrie in ähnlicher Form vereinnahmt werden senschaft und Gesundheit) und das Institute forund die auf eine Art operieren, die die Interessen Justice (Institut für Gerechtigkeit).30der Industrie unterstützt. In einer in PR Watch veröffentlichten RezensionVeröffentlichungen des US-amerikanischen Zent- von Sharon Beder’s Buch Global Spin: The Cor-rums für Medien und Demokratie (Center for porate Assault on Environmentalism31 von 1998Media and Democracy) liefern ein gutes Beispiel wird die Autorin dafür gelobt, Licht auf das Drei-für den Gebrauch des Dualismus von Astroturf- gespann zu werfen, das das 20. Jahrhundert ge-und authentischer Basisbewegung in Diskursen formt habe: Das Wachstum der Demokratie, dasder nordamerikanischen Anti-Konzern-Bewe- Anwachsen privater Macht und die Zunahme vongung. Das Zentrum kündigt sich selbst als „eine unternehmerischer Werbung als Mittel, privateNon-Profit-Organisation“ an, die „durch die Un- Macht vor der Demokratie zu schützen. Dieterstützung von Medien, die von, durch und für Gründung von künstlichen Interessenvertretun-Menschen gemacht werden – das heißt wirklich gen32 wird von Beder als eine relativ jungeinformativ und weitgehend partizipativ – und Unternehmenstaktik benannt, die dazu diene,durch die Beseitigung von Hindernissen und demokratische Institutionen und Prozesse zuVerwerfungen der modernen Informationsland- untergraben, die Konzerninteressen bedrohen.schaft, die durch regierungs- oder unterneh- Sie gibt detaillierte Beschreibungen einer Reihemensdominierte, hierarchische Medien entstan- antidemokratischer Taktiken, die vom Privatsek-den sind, für die Stärkung der Demokratie arbei- tor angewendet werden und zu denen auch dietet“. Dem geschäftsführenden Direktor des Zent- Einrichtung solcher „Frontgruppen“ gehört. Derrums zufolge ist „Interessenvertretung28 zu einem Rezensent stellt diesen Gruppen „echte Bürger-hierarchischen,29 privaten Unternehmen gewor- initiativen“ und „echte soziale Bewegung(en)“den“ und es gebe kaum noch „eine echte politi- gegenüber und argumentiert, dass Aufmerksam-sche Interessenvertretung“. Das Astroturf- keit gegenüber solchen Taktiken notwendig sei,Prinzip als Taktik, so wird argumentiert, ersetze um zu verstehen, „wie öffentliche Meinung unddie Unterwanderung und ordne „Angebote von Politik in modernen Gesellschaften geformt undKonzernen an Interessenvertretungen dem Weg miteinander verflochten sind“.33 Beder unter-des Geldes, der Macht und des Zugangs zum poli- streicht in dem rezensierten Buch die Rolle, dietischen System unter“. PR Watch, der Newsletter PR-Firmen beim Ersinnen und Umsetzen derdes Zentrums für Medien und Demokratie, listet Astroturf-Taktik gespielt haben. Während voneine Reihe von unter falscher Flagge segelnden 30 Alle Zitate und Angaben siehe Savage 1995, S.9 31 Etwa: Die globale Spirale: Der Anschlag der Konzerne auf28Im Original „grassroots politics“ die Umweltschutzbewegung.29Im Original: „top-down“, das heißt „von oben nach unten 32 Im Original „Astroturfism“regiert“. 33 Rampton 1998. 18
  19. 19. Wer bewegt die Selbsthilfe?ihnen in den 1980er Jahren so gut wie nichts zu Zeitschriften zu finden. In einem Artikel inhören war, entwickelten sie sich in den USA Ende E Magazine, herausgegeben von der US-Umwelt-der 1990er Jahre zu einer 800 Millionen Dollar- organisation Earth Action Network, berichtetIndustrie. Beder stellt fest, dass einige PR- David Helvarg, dass die Taktik des AufbausFirmen sich als Kommunikationsexperten für die künstlicher Basisorganisationen ihre UrsprüngeÖffentlichkeitsarbeit von Basisorganisationen auf in den ‘greenwashing’ genannten Aktivitäten vondas ‘Coalition Building’ spezialisieren, das heißt US-Unternehmen hat.36 Diese seit den 1970erauf die Sammlung einer großen Anzahl Jahren zu beobachtenden Aktivitäten wurden vonzivilgesellschaftlicher Organisationen zur Unter- dem Anliegen getrieben, die Kritik der Umwelt-stützung privater Lobbyarbeit34. Beder bringt das bewegung abzuwehren, und bedeuten, dassBeispiel von Bonner & Associates, zu deren Kun- Unternehmen durch große Investitionen in dieden die Association of International Auto Manu- Öffentlichkeitsarbeit ökologisches Bewusstsein infacturers (Verband der Internationalen Autoher- ihr Image integrieren,37 statt den eigentlichensteller) gehört. Die Firma „bewerkstelligte es, ei- Betrieb umweltfreundlicher zu gestalten. Ein Bei-nige große zivilgesellschaftliche Gruppen, die spiel einer solchen Gruppe sind die Concernedkeinerlei finanzielles Interesse an der Sache hat- Alaskans for Resources and the Environmentten, dazu zu bringen, gegen Änderungen des Ge- (Besorgte Einwohner von Alaska für Ressourcensetzes [für saubere Luft] Lobbyarbeit zu machen. und Umwelt). Die Gruppe wurde mit finanziellerDie Änderungen hätten Autohersteller dazu ver- Unterstützung der Holzindustrie gegründet, umpflichtet, energieeffizientere Autos zu bauen“. für eine Erweiterung der klar umrissenen Abhol-Laut Beder versetzen solche Gruppen „Unter- zungsgebiete in einem Nationalpark in Alaska zunehmen in die Lage, an öffentlichen Debatten kämpfen. Laut Helvarg „wurde diese Taktik zuund Regierungsanhörungen unter dem Deck- einem Muster für andere Industrien, die mit an-mantel der gesellschaftlichen Bedeutung teilzu- deren Problemen kämpfen“. Ganz ähnlich ent-nehmen“, und stellen private Interessen so dar, larvt ein Artikel in einer 1997er Ausgabe von Mo-als würden sie mit einem „höheren öffentlichen ther Jones die „Global Climate Coalition“ als einInteresse“ übereinstimmen.35 Beispiel für die Mobilisierung von „künstlichen Graswurzel-Truppen an der Basis“, die Lobbyar-Beispiele für die Demaskierung von Astroturf- beit gegen den in Kyoto verhandelten Vertrag zurGruppen sind in vielen anderen ähnlichen US- Bekämpfung des Klimawandels machten.3834 Anmerkung d. Hg. zur Situation in Deutschland: Genaudies ist beispielsweise im Zusammenhang mit Brustkrebs, In dieser Art von Literatur werden die Akteure inzum Beispiel bei der „Koalition Brustkrebs“ etwa ab dem den angeblich pseudo-öffentlichen Organisatio-Jahr 2000, passiert. Selbsthilfegruppen, die teilweise selbstbereits industriell gesponsert wurden, erhielten von Konzer- nen häufig so dargestellt, als seien sie naiv, wür-nen beiseite gestellte Expertinnen, Gelder usw. mit dem den hinters Licht geführt und unwissentlich dieZiel, weit reichende Veränderungen der medizinischen Ver-sorgung von Brustkrebs in Deutschland - wie Etablierung Verzerrung der öffentlichen Meinung und Debat-des Mammographie-Screenings, Einrichtungen von Brust-zentren, in denen Patientinnen vermehrt in klinische Studieneingeschrieben werden etc. - zu erreichen. Quelle: Koalition 36 Helvarg 1996.Brustkrebs: Brustkrebs - Frauen in Deutschland auf dem 37 Im Original: „greening corporations image“’, also wörtlichWeg nach Europa. 1. Aufl., März 2002. „das Firmenimage begrünen“.35 Beder 1998, S.3. 38 Hammond 1997. 19
  20. 20. Wer bewegt die Selbsthilfe?te ermöglichen. Das wird beispielsweise in dieser werden kann, gibt es viele Beispiele für Aufklä-Begriffsdefinition offensichtlich: Eine Astroturf- rungsarbeiten darüber, wie die pharmazeutischeOrganisation sei die „direkte Herstellung öffentli- Industrie in die Kultivierung von Astroturf- odercher Unterstützung für eine bestimmte Sichtwei- Schein-Patientenorganisationen verwickelt ist.se, bei der entweder einheitlich agierende Akti- Unter der Überschrift „Astroturf-Gruppen ver-visten rekrutiert werden oder Instrumente der schaffen der Pharmaindustrie noch mehr Ein-Täuschung genutzt werden, um sie zu rekrutie- fluss“ berichtete 2002 ein Artikel des Center forren“.39 In einem Kommentar zur Mobilisierung Media and Democracy (Zentrum für Medien undvon Gruppen, die die Privatisierung des sozialen Demokratie) über Millionen-Dollar-Werbekam-Sicherungssystems in den USA unterstützen, pagnen im Fernsehen durch industriegefördertemeint Jason Pramas, nationales Vorstandsmit- Gruppen, die sich gegen eine Kostensenkung beiglied der Gray Panthers (Graue Panther), diese verschreibungspflichtigen Medikamenten aus-Gruppen seien „Astroturf-Organisationen im Stil sprechen.41sozialer Bewegungen, die hauptsächlich auf demPapier existieren“.40 Aber, so sagt er weiter, auch Die United Seniors Association (Verband der„wirklich fortschrittliche Gruppen“ würden „in Vereinten Senioren) ist eine derjenigen Organisa-eine von Unternehmen diktierte Agenda mit ent- tionen, die sich gegen gesetzliche Maßnahmensprechenden Eckpunkten der Debatte hinein ge- zur Senkung von Arzneimittelpreisen wenden. Insogen“. Diese Gruppen akzeptierten finanzielle ihrem neuesten Buch Hope or Hype: The Obses-Förderung im Austausch für eine Teilnahme an sion with Medical Advances and the High Cost ofeiner laut Pramas unwahren und von Unterneh- False Promises (Hoffnung oder Hype: Fort-men gesteuerten „nationalen Diskussion“ die da- schrittsbesessenheit in der Medizin und dierauf abzielt, die US-amerikanische Öffentlichkeit hohen Kosten falscher Versprechungen) vondavon zu überzeugen, dass das soziale Siche- 2005 untersuchen die Autoren Richard Deyo andrungssystem sich in einer Krise befindet und ab- Donald Patrick auch die Annahme von Pharma-gebaut werden muss. Mit Blick auf die anhalten- Geldern durch die United Seniors Association fürde Unterfinanzierung dieser Gruppen meint eine 2002 ausgestrahlte Fernsehwerbung. SiePramas, dass die Annahme der Finanzmittel ver- machte sich für die Republikanische Partei undständlich ist, dass aber diese Gruppen damit dazu für von der Industrie unterstützte Vorschläge ei-überlistet werden, eine Agenda zu unterstützen, ner Medikamentenvergünstigung für Medicare42gegen die sie eigentlich sind. stark. Trotz anfänglicher Zurückweisung der Behauptung, die Kampagne werde vom Verband der amerikanischen Arzneimittelforscher undDie Kultivierung des Kunstrasens -hersteller (Pharmaceutical Research and Manu-durch die pharmazeutische Industrie facturers of America; PhRMA) bezahlt, kam spä- ter heraus, dass die Kampagne mit einem millio-In der Literatur, die im weitesten Sinne als kon-zernkritisch im Gesundheitsbereich bezeichnet 41 „Astroturf groups give drug industry even more clout“ http://www.prwatch.org/node/158439 Savage 1995, S.10. 42 Medicare ist ein US-amerikanisches Gesundheitsfürsor-40 Pramas 1998, S.8. geprogramm der Regierung für Bürger über 65. 20
  21. 21. Wer bewegt die Selbsthilfe?nenschweren „unbegrenzten Bildungszuschuss“ einen Artikel, der ebenfalls auf dem Dualismusder PhRMA unterstützt wurde. der Astroturf- und der authentischen Basisorga- nisationen aufbaut.45 Der Artikel unter der Über-Deyo und Patrick meinen, dass manche Patien- schrift „Who represents the people? Industry in-tenorganisationen nur im Gewand einer Selbst- fluence and organized advocacy“ („Wer repräsen-hilfeorganisation daherkommen, während andere tiert das Volk? Der Einfluss der Industrie und dieGruppierungen, die als Basisorganisationen organisierte Interessenvertretung“) outeteigentlich allgemeinere Interessen und Ziele ver- einige Organisationen von Krebspatienten in denfolgen, durch die Akzeptanz großzügiger Indust- USA, die beträchtliche Mittel durch die pharma-riespenden zum Wendehals werden. Indem sie zeutische Industrie erhalten und angeblichdas erleichtern, was in Industriekreisen unter der Industrieinteressen und nicht die Interessen vonBezeichnung „passion branding“ und „cause re- Patienten vertreten. Organisationen wie Cancerlated marketing“43 firmiert, ermöglichen sie die Leadership Council und C-Change wird zur Lastverdeckte Verfolgung von Unternehmensinteres- gelegt, der Krebsprävention keinerlei Aufmerk-sen. samkeit zu schenken, aber für Veränderungen zu arbeiten, die den industriellen Interessen derObwohl sie die wichtigen Errungenschaften eini- Profitmaximierung dienen – etwa für den leichte-ger Gesundheitsorganisationen anerkennen, ren Zugang zu Anti-Krebs-Medikamenten oderstimmen Deyo und Patrick darin überein, dass die Beschleunigung von Zulassungsverfahren fürverschiedene dieser Organisationen – insbeson- neue Arzneimitteltherapien. Breast Cancerdere, aber nicht ausschließlich die industriege- Action setzt sich selbst ab von diesen durch dieförderten – zu etwas beitragen, das sie das „tech- Industrie korrumpierten Organisationen undnokonsumtive“ Denken nennen.44 Dieses Denken erklärt, dass es durchaus möglich sei, die For-sieht Gesundheit in erster Linie durch innovative schungsagenda bei Brustkrebs so umzustellen,medizinische Technologien voran gebracht und dass das Leben von Frauen vor dem Profit ran-befördert ein Vertrauen in teure neue Behand- giert. BCA positioniert sich selbst als eine authen-lungen, die – so die Kritik von Deyo und Patrick tische Basisbewegung: „Breast Cancer Action gibt– häufig wenig effektiv und manchmal gefährlich von Brustkrebs betroffenen Menschen eine Stim-sind. me und will Veränderungen anstoßen und errei- chen, die nötig sind, um die Epidemie Brustkrebs zu stoppen“.46 Außerdem erklärt BCA ihre kollek-Eine kürzlich erschienene Ausgabe des Newslet- tive oppositionelle Identität, die die kapitalisti-ters der in den USA gegründeten internationalen schen biomedizinischen Brustkrebs-OrthodoxienOrganisation Breast Cancer Action (BCA) enthält anfechtet. Die Organisation versammele die „bösen Mädchen“ der Brustkrebsbewegung.4743 Beides Fachbegriffe aus der Werbebranche; „passionbranding“ bedeutet etwa „ein Produkt mit Leidenschaft ver- Eigentlich meinen sie damit natürlich, dass siebinden zur „Marke“ machen oder markieren“ (branding, die die guten Mädchen der Brustkrebsbewegung sindMarkenentwicklung, der Begriff wurde auch abgeleitet vondem Brandmarken, als Eigentum kenntlich machen von Tie-ren), „cause related marketing“ kann mit „zweckorientierter 45 Sprague Zones 2004.Vermarktung“ übersetzt werden. 46 Breast Cancer Action 2004, S.3.44 Deyo und Patrick 2005, S.151. 47 Im Original „The Bad Girls of Breast Cancer”. 21
  22. 22. Wer bewegt die Selbsthilfe?und die Mitglieder in den Astroturf-Gruppen die dem Hersteller eines Medikamentes zur Primär-bösen. behandlung von Hepatitis C. Angell zitiert den Präsidenten des Hastings Centers, eines Bio-Marcia Angell, eine führende Kritikerin der phar- ethik-Think-Tanks, der sagt: „Es ist ethisch prob-mazeutischen Industrie, stellt heraus, dass die lematisch, wenn eine Firma Körperschaften krei-Bereitstellung von Mitteln durch die pharmazeu- ert und dann versucht, sie als authentische undtische Industrie für Verbraucherinformationen spontane Basisorganisationen auszugeben.“50ganz einfach eine besondere Form des Marke- Damit finden wir auch in Angells Arbeit die ver-tings darstellt. Einige Kommentatoren sind für breitete Unterscheidung zwischen Astroturf- unddie Annahme von Leitlinien durch Organisatio- authentischen Gesundheitsorganisationen undnen der Interessenvertretung. Dies würde „die die Annahme, dass Akteure in OrganisationenTransparenz in den Organisationen sicherstellen der Interessenvertretung getäuscht werden oderund eine Gewähr dafür bieten, dass die Organisa- sich falschen Hoffnungen hingeben.tionen die Kontrolle über ihre Aktivitäten behal-ten“.48 Angell argumentiert hingegen, dass solche Kritische Kommentare zur Finanzierung von Ge-Leitlinien, die Informations- von Marketingakti- sundheitsorganisationen durch die pharmazeuti-vitäten unterscheiden, nutzlos sind. Ähnlich wie sche Industrie sind nicht auf die USA begrenzt.andere, weiter oben erwähnte AutorInnen geht Die Ursprünge der britischen Organisationsie davon aus, dass viele Patientenorganisationen Action for Access (Aktion für Zugang), einer Or-„Briefkastenunternehmen der Pharmaindust- ganisation, die 1999 von Biogen ins Leben geru-rie“49 sind. Bezüglich der Akteure in den Gruppen fen wurde, um über Lobbyarbeit den staatlichender Interessenvertretung, die Partnerschaften mit Gesundheitsdienst (National Health Service,der Industrie bereitwillig eingehen und deren NHS) zur Bereitstellung von Interferon Beta fürGeldmittel annehmen, sagt sie: „Menschen, die Menschen mit multipler Sklerose zu bewegen,an einer bestimmten Erkrankung leiden, glauben, wurden offen gelegt. Ebenso entlarvt wurden dieein Netz der Unterstützung gefunden zu haben, Ursprünge von Impotence Australia, einer vondas der öffentlichen Aufmerksamkeit gegenüber Pfizer und anderen pharmazeutischen Unter-der Krankheit verpflichtet ist. Dabei ist das für nehmen finanzierten Gruppe, mit dem Ziel, Vi-Pharmaunternehmen in Wirklichkeit eine Form, agra und ähnliche Medikamente bekannt zu ma-für ihre Medikamente zu werben. Manchen Leu- chen.51 Die engen Verbindungen zwischen eini-ten ist nicht einmal klar, dass hinter ihrer Orga- gen globalen Patientenorganisationen wie demnisation eine Pharmafirma steht; andere glauben, Internationalen Verband International Alliancedie Unternehmen wollten lediglich zu Informati- of Patients’ Organizations (IAPO) oder dem Glo-on und Bildung der Menschen beitragen.“ Als balen Zusammenschluss der Interessenvertre-Beispiel verweist sie auf die Hepatitis C- tungen zu psychischer Gesundheit Europa (Glo-Koalition, die wie eine Basisbewegung erscheint, bal Alliance of Mental Illness Advocacy Europe,finanziell aber von Schering-Plough abhängt, GAMIAN) und der Industrie wurden ebenfalls48Wilson 1999, S.772.49Eigentlich: „fronts”, das heißt soviel wie “Strohmann” / 50 Angell 2004, S.151 f.“Aushängeschild” / “Fassade”. 51 Herxheimer 2003; Lofgren 2004. 22
  23. 23. Wer bewegt die Selbsthilfe?gezeigt.52 Die IAPO wurde von einem Konsortium Kritisch gegenüber der Tendenz der Europäi-von Pharmaunternehmen namens Pharmaceuti- schen Kommission (insbesondere von deren Un-cal Partners for Better Healthcare (Pharmazeu- ternehmensabteilung), sich vor allem mit ausge-tische Partner für eine bessere Gesundheitsver- prägt industriegestützten Patientenorganisatio-sorgung) gegründet, das den als Stiftung in den nen zu beraten, identifizieren Medawar und Har-Niederlanden registrierten Patientenverband don einen speziellen Akteur im Bereich Patien-auch finanziert. Bristol-Myers Squibb gründete tenorganisationen, der Industrieinteressen in derGAMIAN; die Verbindung zwischen beiden wur- DTCA-Debatte unterstützt hat. Rodney Elgie,de mittlerweile allerdings aufgelöst. früherer Präsident von GAMIAN und Schatz- meister der IAPO, wird als Akteur in Patienten-Die genannten Kommentatoren, von denen viele organisationen herausgestellt, der den industriel-Health Action International (HAI) Europe ange- len „Schlachtplan“ für die Förderung von DTCAhören, sehen diese internationalen Organisatio- in Europa ermöglicht. Medawar und Hardon lie-nen kritisch, weil sie im Prozess der Politikgestal- fern ein kurzes biografisches Profil von Elgie undtung in der EU zu einem falschen Bild von Pati- machen unter anderem auf Unregelmäßigkeitenenteninteressen beitragen. Die IAPO etwa spricht in Verwaltung und Finanzen der Depression Alli-laut HAI Europe bei der Lobbyarbeit in der Welt- ance (Depressionsallianz) aufmerksam, einer Pa-gesundheitsorganisation „für die Industrie“.53 Als tientenorganisation, in der Elgie über viele JahreBeispiel der falschen Interessenvertretung wird geschäftsführender Direktor war. Elgie tritt hierdie fortdauernde Debatte über Direct-to-Consu- als Antiheld in Erscheinung, der das Problem desmer-Advertising (Direktwerbung für verschrei- Astroturf-Prinzips verkörpert.54bungspflichtige Medikamente beim Endverbrau-cher, DTCA) in Europa genannt; sowohl IAPO als Auch in Irland wird die Förderung von Gesund-auch GAMIAN unterstützen die Bemühungen der heitsorganisationen durch die pharmazeutischeIndustrie, das EU-weite Verbot von DTCA aus Industrie kritisch diskutiert. Jüngstes Beispiel istdem Weg zu räumen. Die beiden Mitglieder von die Diskussion auf der irischen Indymedia-HAI Europe, Charles Medawar und Anita Har- Website über eine Industrie-Finanzierung vondon, stimmen darin überein, dass der Kampf vie- AWARE, einer Organisation für psychische Ge-ler Patientenorganisationen ums Überleben sie sundheit.55 In dieser Diskussion wird eine Mei-Angeboten der Industrie gegenüber öffnet. Orga- nungsverschiedenheit deutlich, die Erklärungennisationen, die die Aufhebung des DTCA- aus den Reihen der Konzernkritiker zum ThemaVerbotes unterstützen, haben nicht nur die Chan- auch generell auszeichnet. Einige Diskussions-ce einer finanziellen Förderung, sondern auch teilnehmer meinen, die Annahme von Gelderneiner größeren medialen Aufmerksamkeit für aus der Pharmaindustrie werde AWARE korrum-ihre Aktivitäten, was sie wiederum in die Lage pieren, während andere versichern, es ginge nichtversetzt, mehr Mitglieder zu gewinnen. um die Industriefinanzierung an sich, sondern um die fehlende Transparenz bezüglich dieser52 Herxheimer 2003; Medawar and Hardon 2004; Health 54Medawar und Hardon 2004.Action International 2005. 55Indymedia ist ein Nachrichtenportal der Bewegung euro-53 HAI Europe 2005, S.1. päischer Globalisierungs- und Konzernkritiker. 23
  24. 24. Wer bewegt die Selbsthilfe?Gelder. Die letztere, moderate Position zeigt sich aber als Marionetten58 beschrieben, die für diezum Beispiel in den Texten des australischen Industrie sprechen und von Unternehmen kon-Wissenschaftlers Hans Lofgren, der meint, dass trollierte Scheindebatten legitimieren. Einige Kri-Verbindungen zwischen Gesundheitsorganisatio- tiker des Astroturf-Prinzips fordern mehr Trans-nen und der pharmazeutischen Industrie nicht parenz bei Spenden von Unternehmen an zivilge-notwendigerweise ungeeignet sind. Es müsse für sellschaftliche Organisationen. Andere gehenVerbraucher und die allgemeine Öffentlichkeit weiter und meinen, dass durch die private Förde-aber möglich sein, deren Ausmaß und Art ohne rung von Organisationen wie etwa Patienten-weiteres nachzuvollziehen.56 Im Gegensatz dazu gruppen unvermeidlich deren Berechtigung aufswird von Health Action International eine härtere Spiel gesetzt wird, für den Personenkreis zu spre-Position eingenommen: Obwohl auch HAI mehr chen, dessen Vertretung sie für sich beanspru-Transparenz bei Industriespenden an Patienten- chen.organisationen fordert, wird im Grundsatzpapierder Nichtregierungsorganisation zum Thema Dieser Überblick über die diskursive Konstrukti-festgestellt: „HAI Europe glaubt, dass die Kosten on des Begriffs der Astroturf-Organisation infür die Annahme von Mitteln der pharmazeuti- Texten der konzernkritischen Bewegung wirftschen Industrie – das wirkliche oder angenom- eine Reihe theoretischer, methodologischer undmene Risiko, zu Handlungen in Übereinstim- empirischer Fragen auf. Kann das Phänomen dermung mit der Agenda der Unternehmen bewegt Astroturf-Gruppen mit dem Verweis auf Theorienzu werden – die Vorteile des erhaltenen Geldes weitergehender sozialer Veränderungen erklärtüberwiegen.“57 werden, die die Gegenwart kennzeichnen? Wie unterscheiden wir die verzerrte von der nicht ver-Zusammenfassend kann man sagen, dass das zerrten öffentlichen Meinung? Auf welcherdualistische Denken, das Astroturf- von authenti- Grundlage können wir über die Repräsentativitätschen Basisorganisationen unterscheidet, in den von Organisationen der InteressenvertretungDiskursen der konzernkritischen Bewegung weit beziehungsweise die Authentizität ihrer ‚Stimme’verbreitet ist. Das Astroturf-Prinzip, also die befinden? Liefert das Argument, viele AktivistenKolonisierung beziehungsweise Vereinnahmung aus solchen Zusammenschlüssen seien getäuschtzivilgesellschaftlicher Organisationen durch Un- oder korrumpiert worden, eine angemesseneternehmen, wird als eine relativ neue, aber tücki- Erklärung für die Art und Weise, in der sich dassche Taktik angesehen, die die für eine wirklich Vordringen von Konzernen in die Zivilgesell-demokratische Politikberatung notwendigen Be- schaft in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat?dingungen weiter untergräbt. Akteure aus Astro- Wie können die unterschiedlichen organisatori-turf-Organisationen werden in der Regel entwe- schen Umsetzungen der Idee der Interessenver-der als willige oder als unwissende, in jedem Fall tretung erklärt werden, insbesondere die unter- schiedlichen Haltungen von Organisationen gegenüber der Finanzierung durch Konzerne? 58 Im Original „ventriloquists’ mannequins”, das wären wört-56 Lofgren 2004, S.236. lich übersetzt etwa “Vorführpuppen / Mannequins von57 HAI Europe 2005, S.2. Bauchrednern”. 24
  25. 25. Wer bewegt die Selbsthilfe?Welche Implikationen hat die Unterscheidung schaft, in der der Staat nur einen von mehrerenzwischen Astroturf- und authentischen Basis- Schauplätzen der Politik darstellt.organisationen für die Forschung zu Gesund-heitsorganisationen? Ist dieser Dualismus empi- Demokratie wird als etwas verstanden, das mehrrisch haltbar? Diese Fragen auch nur ansatzweise ist als eine Regierungsform. Demokratische Pro-zu betrachten, ist im vorliegenden Text nicht zesse finden danach zwar in parlamentarischenmachbar. Allerdings werde ich jetzt diskutieren, Arenen statt, aber auch und vor allem in denwie Studien zum öffentlichen Raum dazu beitra- informellen Netzwerken der Öffentlichkeit. Fürgen können, mit der Entwirrung dieser Fragen zu Habermas hat die ideale Öffentlichkeit dreibeginnen. Eigenschaften: Alle Bürger haben Zugang zu ihr, alle Bürger debattieren in Offenheit, und sie dis- kutieren über Themen von allgemeinem Interes- se.61 Der Begriff der Öffentlichkeit bezieht sichGesundheitsorganisationen und also auf offen zugängliche Zusammenkünfte vonStudien zur Öffentlichkeit Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Erfahrungen und Ansichten. Sie ist eine Arena,Das Konzept der Öffentlichkeit ist allgemein ver- die sich von Staat, Markt und freien Zusammen-bunden mit den Arbeiten von Jürgen Habermas schlüssen unterscheidet. Während das Wählenund seiner Theorie der deliberativen Demokra- im liberalen Demokratiemodell der zentrale poli-tie.59 Habermas fordert eine Rückkehr zur tische Akt ist, besteht er im Habermas’schen nor-ursprünglichen Bedeutung des Begriffs Demokra- mativen Ideal der deliberativen Demokratie intie „im Sinne der Institutionalisierung eines all- der Teilnahme an der uneingeschränkten diskur-gemeinen Gebrauchs der Vernunft, ausgeführt siven Interaktion.durch autonome Staatsbürger“.60 Während dasliberale Demokratiemodell auf der Idee des Habermas’ ursprüngliches Konzept von Öffent-Marktes basiert, auf dem Wahlentscheidungen lichkeit ist ausgiebig kritisiert worden, nichtder von Käufern auf einem Marktplatz getroffe- zuletzt von Feministinnen, die geltend machen,nen Auswahl ähneln, ist der Marktkonkurrenz im dass das Modell eine ausschließende und männli-Modell der deliberativen Demokratie der Dialog che Kommunikationskultur voraussetzt. Argu-übergeordnet. Ein weiterer Unterschied besteht mentiert wird, dass das deliberative Modell derdarin, dass das liberale Modell staatszentriert ist, Versammlung, das dem Konzept von Öffentlich-weil der Staat als Zentrum oder Haupt der keit zugrunde liegt, „historisch, gesellschaftlichGesellschaft angesehen wird, das als ihr Hüter und kulturell ein Raum für männliche Körper“fungiert. Das deliberative Modell hingegen ba- gewesen sei, „nicht nur in dem Sinne, dass nursiert auf einer dezentralisierten Sicht der Gesell- Männer aktive Bürger waren, berechtigt dazu, Ämter zu bekleiden und in der Öffentlichkeit auf-59 Das Modell betont die aktive Mitwirkung aller Bürgerinnen zutreten, sondern auch in dem Sinne, dass die in-und Bürger im Sinne einer partizipatorischen Demokratie. stitutionelle bildliche Darstellung früherIhr wesentliches Kennzeichen ist ein öffentlicher Diskursüber alle politischen Themen, der hier als „deliberation“ be-zeichnet wird.60 Habermas 1996, S.23. 61 Asen and Brouwer 2001. 25
  26. 26. Wer bewegt die Selbsthilfe?Demokratietheorien die männliche Form der sichts dieser Entwicklung findet Habermas Hoff-Selbstdarstellung bevorzugte“.62 nung in der Entstehung neuer sozialer Bewegun- gen, die der Verarmung des öffentlichen DialogsTrotz dieser These und vielen anderen kritischen widerstehen und die utopische soziale Verände-Kommentaren ist die Theorie der Öffentlichkeit rungen auf eine Art verfolgen, die die Öffentlich-- wenn auch in veränderter Form - ein Schlüssel- keit belebt und stärkt. Da Habermas über diesekonzept moderner Gesellschaftstheorie. In dieser Themen in den 1980er Jahren schrieb und sichDenktradition ist eine lebendige Öffentlichkeit auf die Probleme des kapitalistischen Wohl-die Grundvoraussetzung einer gesunden Demo- fahrtsstaates bezog, war er in erster Linie mit derkratie. Kolonisierung der Öffentlichkeit durch den Staat befasst. Diese Form der Vereinnahmung wurdeEs gab Versuche, die Analyse von Habermas zu ausführlich in der Literatur zur staatlichen Un-überdenken und mit Hilfe der Arbeiten anderer terstützung von zivilgesellschaftlichen Organisa-Theoretiker neue Sichtweisen auf Öffentlichkeit tionen untersucht und als ‘state building’ (etwa:zu entwickeln.63 Ich werde kurz zwei dieser vielen Staatsaufbau) konzeptualisiert.66Versuche im Hinblick auf die Analyse der Astro-turf-Organisationen diskutieren. Allerdings ist Habermas’ Arbeit auch herangezo- gen worden, um die Kolonisierung durch den Markt theoretisch zu fassen, die aufgrund des Aufstiegs des Neoliberalismus die vorherrschen-Kolonisierung durch Inwertsetzung 64 de Form geworden ist. Nick Crossley analysiert auf der Basis von Habermas’ Theorie der sozialenEin zentrales Thema in Habermas’ Arbeit ist, Bewegungen die Anti-Konzern-Bewegung unddass die Öffentlichkeit in verschiedene Richtun- kommt zu dem Schluss, dass diese Bewegung alsgen gezogen wird; es gibt Kräfte, die sie unter- Antwort auf die ökonomische Kolonisierunggraben, und Kräfte, die sie ankurbeln.65 Haber- gesehen werden kann, die in den letzten Jahrenmas behauptet, dass die untergrabenden Kräfte die staatliche Intervention als wichtigste diedie Oberhand haben, mit dem Ergebnis einer Öffentlichkeit untergrabende Kraft ersetzt hat.„Kolonisierung der Lebenswelt“ durch Staat und Aus dieser Perspektive bringt das SponsoringMarkt, die in der Bürokratisierung und dem zivilgesellschaftlicher Organisationen einen Pro-Warencharakter von immer mehr Aspekten des zess des ‘corporation building’ mit sich, durchgesellschaftlichen Lebens deutlich wird. Diese den diese Organisationen zu Erweiterungen der-Kolonisierung entfernt uns immer weiter von jenigen Unternehmen werden, die sie fördern.seiner idealen Form des offenen Dialogs, weil sie Aus der Perspektive der Anti-Konzern-BewegungKommunikation auf bürokratische Vorgänge und riskieren diese Organisationen, Teile des „Fein-ökonomische Transaktionen reduziere. Ange- des“ zu werden.6762 Benhabib 1996, S.81.63 Asen and Brouwer 2001, Crossley and Roberts 2004. In einem kürzlich erschienen Essay verweist64 Der im Original benutzte Begriff „commodification“ be-zeichnet das Zum-Wirtschaftsgut-Werden und -Machen ei-ner Sache. 66 Collins 2002.65 Roberts and Crossley 2004. 67 Starr 2000. 26
  27. 27. Wer bewegt die Selbsthilfe?Crossley darauf, wie die Arbeit von Pierre Bour- bei jedem Schritt die Standards und Praktikendieu dazu genutzt werden kann, Habermas’ Ana- der Vergangenheit nicht nur aufgegeben, sondernlyse des Prozesses der ökonomischen Kolonisie- auch vergessen werden, und zwar in dem Maße,rung auszuweiten und die Dynamiken zu zeigen, in dem neue (reduzierte) Standards sich etablie-durch die Kommunikation verzerrt wird.68 In ren, die den Charakter der Naturgegebenheit undeiner anderen Arbeit bemerkt Crossley, dass bei Unvermeidbarkeit annehmen – das heißt, sie ver-Bourdieu die relative Autonomie von „Feldern“ wurzeln sich im Habitus.“70 Mit anderen Worten,eine Vorbedingung ist.69 Im Bereich der Medien kommerzielle Zugeständnisse können sehr lang-beispielsweise hängen Journalisten davon ab, sam vonstatten gehen und sich unbemerkt ein-sich die Gunst der Verleger zu erhalten. Die wie- bürgern.derum sind daran interessiert, die Rentabilitätihrer Zeitungen zu maximieren (anstatt von der Mithilfe dieser Überlegungen können die Astro-Vorstellung kritischer Nachfrage motiviert zu turf-Gruppen als eine Form entgegengesetztensein), was die Medien in die Gefahr der Verzer- Widerstands betrachtet werden: Genau die Kräf-rung bringt. Die ökonomische Abhängigkeit von te, die dem Vordringen des ökonomischen Sys-Akteuren verschiedener Bereiche führt unver- tems in die Sphäre der Öffentlichkeit widerstehenmeidbar zu Konzessionen. und die Habermas in den Blick nimmt, ermögli- chen dieses Vordringen. Das Sponsoring von Ge-Dieser Prozess der Zugeständnisse kann langsam sundheitsorganisationen durch pharmazeutischevor sich gehen: „Der kommerzielle Kompromiss, Unternehmen kann in dieser Perspektive alsder als solcher unbemerkt bleibt, erwirbt den Verwandlung der Organisationen in Körperschaf-Anschein des Gewohnheitsmäßigen und Natürli- ten mit Warencharakter, als Inwertsetzung,chen. Die ‚schiefe Ebene’ ist insofern schief, als betrachtet werden. Dabei werden auch ihre Posi- tionen und öffentlichen Äußerungen verzerrt; sie68 Crossley 2004. laufen Gefahr, sich von Beiträgen zu einem brei-69 Crossley (1999, S.649-650) erklärt Bourdieus Begriff des“Feldes” folgendermaßen: “Felder bestehen aus Netzwer- ten öffentlichen Dialog zu ökonomischen Trans-ken gegenseitiger Abhängigkeit, Konkurrenz und Macht aktionen zu wandeln.zwischen bestimmten Individuen und Gruppen. Diese sindum einzelne ‘Güter’ versammelt, die unter ihnen ausge-tauscht werden und die durch sie Wert bekommen. Teil- Auf der Grundlage von Bourdieus Analyse kön-nahme in einem Feld bringt die stillschweigende Akzeptanz nen Astroturf-Organisationen also als Beispieleder willkürlichen Ziele, Werte und Regeln mit sich, die dasFeld beinhaltet, also einen ‘Glauben an das Spiel’ oder illu- der Manipulation des Gesundheitsaktivismussio...“ Anmerkung der Übersetzerin: Laut Wikipedia durch dessen ökonomische Abhängigkeit vom(http://de.wikipedia.org/wiki/Soziales_Feld) umfasst das„soziale Feld“ die Gesamtheit der gesellschaftlichen Inter- Unternehmensbereich betrachtet werden. Seinaktionen und Konstellationen, Felder sind darin u.a. Politik, Ansatz lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Dy-Wirtschaft oder Bildung und Subfelder wie beispielsweisedas Feld der Schule und das der Universität, die sich im namiken der Manipulation, den kaum merkli-Feld der Bildung voneinander abgrenzen. Das “Feld” als chen Prozess, in dem aufgrund kommerziellerzentraler systematisch-theoretischer Begriff bei Pierre Bour-dieu ist dabei das Pendant zum Konzept des Habitus. Zugeständnisse neue Praktiken und DiskurseDanach ist das Feld verdinglichte und der Habitus leibliche aufkommen. Er stimmt uns ein auf die Bedeu-Geschichte. Die jeweiligen Felder sind mit bestimmtenDenk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, alsoeinem Habitus verknüpft, über den Individuen wiederum aufsoziale Felder zurückwirken. 70 Crossley 2004, S.96. 27
  28. 28. Wer bewegt die Selbsthilfe?tung der politischen Ökonomie von Gesundheits- der Untersuchung der Versuche der Organisati-organisationen, auf die kommerziellen Kompro- on, Menschen mit AIDS im exklusiven Reich me-misse, die sie mit sich bringen kann, und auf die dizinischer Expertise zu repräsentieren, be-Bedeutung der zeitlichen Dimension: auf die Ma- schreibt Brouwer, wie die Organisation zwischennipulationen in den stillschweigenden Überein- einer Arbeit außerhalb und innerhalb konventio-künften, die sich mit der Zeit einstellen können. neller Bahnen politischer Einflussnahme hin und her schwankt.72 Es gibt eine allgemeine Übereinkunft unter Theo-Gegenöffentlichkeiten retikerInnen der Öffentlichkeit, dass ein Charak- teristikum von Gegenöffentlichkeit in der Artiku-Habermas’ Konzeptualisierung der Öffentlichkeit lation von oppositionellen Diskursen besteht.73als einzigartiger Arena des öffentlichen Dialogs Es sind diese widerständigen Diskurse, die sie zuwurde mittlerweile verworfen; stattdessen wird Gegenöffentlichkeiten und zu einer Kraft für dieÖffentlichkeit als Vielfalt einander sich überlap- deliberative, die partizipative Demokratie ma-pender öffentlicher Sphären gesehen, die über die chen. Grundlegend für das Argument einer „Poli-zivile Gesellschaft ausgebreitet sind. Einfluss- tik der Präsenz“, die zuvor zum Schweigenreich in dieser Hinsicht war die Arbeit von Nancy gebrachte Gruppen in die öffentliche DebatteFraser, insbesondere ihre Theorie der „Gegen- integriert, ist die Aussicht auf eine Vervielfälti-öffentlichkeiten“ als „parallele diskursive Arenen, gung der Diskurse durch diese Integration.74in denen Angehörige untergeordneter sozialer Allerdings werden dabei die Begrenzungen iden-Gruppen Gegendiskurse erfinden und zirkulieren titätsbasierter Konzepte von Gegenöffentlichkeitlassen, um widerständige Interpretationen ihrer deutlich, wenn sie auf Gruppen von MenschenIdentitäten, ihrer Interessen und ihrer Bedürfnis- mit einer gemeinsamen Form der Marginalisie-se zu formulieren“.71 Für Fraser haben diese Ge- rung reduziert wird. „Darauf zu beharren, dassgenöffentlichkeiten einen Doppelcharakter: Zum marginalisierte Identitäten per se oppositionelleinen sind sie geschützte Räume des Rückzugs, in sind, heißt, die alltäglichen beziehungsweise andenen marginalisierte Gruppen Themen unter- der Hegemonie beteiligten Aktivitäten diesereinander diskutieren und ihre eigenen oppositio- Menschen zu übersehen.“75nellen Ausdrucksformen entwickeln können, undzum anderen Ausgangsbasen, von denen aus die- Beide Argumente finden sich implizit auch in derse Gruppen Argumente und Protestaktionen ent- oben diskutierten Auseinandersetzung überwickeln, um die breitere öffentliche Debatte zu Astroturf-Gruppen. Der Hauptvorwurf an Basis-beeinflussen. Daniel Brouwers Arbeit gibt ein organisationen, die als künstlich erachtet werden,Beispiel dafür, wie das Konzept der Gegenöffent- ist, dass sie für die Unternehmen sprechen, dielichkeit für die Analyse einer Gesundheitsorgani- sie fördern oder gegründet haben. Astroturf-sation fruchtbar gemacht werden kann, in diesemFall der AIDS Coalition to Unleash Power (ACT 72 Brouwer 2001.UP), die 1987 in New York gegründet wurde. Bei 73 Asen 2000. 74 Phillips 1995.71 Fraser 1992, S.123. 75 Asen and Brouwer 2001, S.8/9. 28
  29. 29. Wer bewegt die Selbsthilfe?Organisationen werden bezichtigt, nur ohnehin Durch zweckbezogenes Marketing78 konkurrierendominante „technokonsumtive“ Gesundheits- Unternehmen miteinander um das Sponsoringdiskurse von Unternehmen wiederzugeben, statt von Gesundheitsorganisationen, wobei sie sichbisher totgeschwiegene oder neu formulierte Dis- die Themen, um die herum diese sich mobilisie-kurse in die öffentliche Debatte zu bringen. Statt ren, „aneignen“. Estée Lauder zum Beispielzur Vervielfältigung der Gesundheitsdiskurse bei unternahm rechtliche Schritte, um sich die aus-Themen wie der DTCA [Direktwerbung für ver- schließlichen Eigentumsrechte an der rosa Brust-schreibungspflichtige Medikamente beim End- krebs-Schleife zu sichern.verbraucher, siehe oben] beizutragen, verstärkenAstroturf-Organisationen deren Homogenität. Die Privatisierung des Brustkrebs-Aktivismus, soOft werden sie als Scheinorganisationen gesehen, King, brachte über die vergangenen zwei Jahr-häufig aber auch als Organisationen verführter zehnte eine Verlagerung der Politik zu Brustkrebsoder irregeleiteter Individuen. Die Identität der zur Brustkrebs-Wohltätigkeit hervor. Unter be-Mitglieder dieser Organisationen als Patienten sonderer Berücksichtigung dessen, was Brust-oder Nutzer von Gesundheitsdienstleistungen krebs-Organisationen über die Krankheit sagen,wird nicht als Hindernis des Astroturf-Prinzips argumentiert King, die Krankheit werde „mitt-gesehen. Daraus folgt, dass im Mittelpunkt einer lerweile im Wesentlichen als eine Sache derkritischen Analyse von Gesundheitsorganisatio- Wohltätigkeit gedacht“ und „hauptsächlich alsnen stehen sollte, was Letztere sagen und wie sie Kampf dargestellt, der auf dem Feld der Wissen-ihr Verständnis von Gesundheit und Gesund- schaft und Medizin stattfindet und stattfindenerhaltung formulieren. soll, finanziert durch verbraucherorientierte Menschenfreundlichkeit und Freiwilligkeit“.79In einer Analyse, die die politischen und kulturel- Eine Konsequenz aus dem Industriesponsoringlen Konsequenzen des Astroturf-Prinzips auf Ba- von Gesundheitsorganisationen besteht laut Kingsis empirischer Forschung untersucht und sich also darin, dass die Gesundheitsprobleme, um diedabei auch auf Theorien der Öffentlichkeit be- herum sie organisiert sind, dazu tendieren, inzieht, zeigt Samantha King detailliert, wie Brust- hegemonialen biomedizinischen Begriffen ge-krebs in den USA zum „wohltätigen Zweck Nr. 1“ dacht zu werden.wird.76 Laut King hat das beträchtliche Sponso-ring von Brustkrebs-Organisationen durch Un- Allerdings sind es nicht nur Vorstellungen vonternehmen zu einer „Privatisierung des Brust- Gesundheit und Krankheit, die im Ergebnis die-krebs-Aktivismus“ und – ganz allgemein – zu ser Privatisierung neu konstruiert werden, son-einer „privatisierten öffentlichen Sphäre“ ge- dern auch von Bürger-Sein.80 Das zweckgebun-führt.77 Obwohl sie sich nicht auf Habermas’ dene Marketing läuft darauf hinaus, dass Autos,Arbeit bezieht, veranschaulicht sie den Prozess Kosmetik und andere Verbrauchsgüter zusam-der Inwertsetzung, den Habermas als eine we- men mit einer speziellen Interpretation dessensentliche antidemokratische Kraft betrachtete. 78 sog. cause related marketing (CRM) . 79 Ebda., S.476. 80 Im Original „citizenship“, das heißt Staatsbürgerlichkeit76 Im Original „hot charity“. bzw. -schaft, vor allem aber auch im ‚zivilgesellschaftlichen’77 King 2004, S.489. Sinne des ‚Bürger-Seins’. 29
  30. 30. Wer bewegt die Selbsthilfe?verkauft werden, was als zivilgesellschaftliche Problematisierung des Dualismus vonVerantwortung gilt. Die Privatisierung der Astroturf- und authentischer Basis-Öffentlichkeit, so King, steigert die Macht von organisationUnternehmen, das als ‚Politik von der Basis’ Gel-tende zu gestalten und zu definieren. Die Gefah- Wie oben gezeigt, können Studien der Öffentlich-ren dieses Machtzuwachses im Kontext des keit herangezogen werden, um die Kritik desBrustkrebs-Aktivismus bestehen darin, dass Dis- Astroturf-Prinzips zu vertiefen. Allerdings ver-kurse mit dem Gewicht auf hohen Geldausgaben weist diese Literatur auf die Begrenzungen desfür riskante Forschung im Kampf gegen die Dualismus von künstlichen und authentischenKrankheit diejenigen Argumentationen ersetzt Basisorganisationen. Ähnliche Unterscheidungenhaben, die auf Maßnahmen wie eine allgemeine können zwar auch in diesen Schriften gefundenGesundheitsversorgung oder einen strengeren werden, so etwa Öffentlichkeit/Gegenöffentlich-Umweltschutz setzen. Der Machtzuwachs der Un- keit oder verzerrte/unverzerrte Kommunikation,ternehmen hat außerdem dazu beigetragen, „von aber sie erweisen sich eher im empirischen denndurch die Öffentlichkeit überprüfbaren Bezie- im theoretischen Gebrauch als problematisch.hungen zwischen Unternehmensgewinnen, priva- Die Idee, es existiere so etwas wie eine authenti-ten Stiftungen und dem Staat abzurücken“.81 Die sche Basisorganisation, die Stimme ihrer Mit-Entfernung von Wut und Meinungsverschieden- glieder ist, wird durch Bourdieus beharrliche Be-heiten aus den öffentlichen Diskursen über hauptung in Frage gestellt, dass der öffentlicheBrustkrebs ist laut King eine weitere Konsequenz Dialog nur unter Berücksichtigung der gesell-der Kolonisierung des Brustkrebs-Aktivismus schaftlichen und historischen Bedingungen ver-durch Unternehmen. standen werden kann, die ihn geformt haben. 83Über die Konsequenzen dieser Privatisierung der In ihrer Arbeit über die Nutzergruppen vonÖffentlichkeit lässt sich auch in Begriffen des Dienstleistungen zur psychischen Gesundheit84Kampfes um Bedeutungen nachdenken.82 Die in Großbritannien wiederholen und illustrierenPrivatisierung steigert die kulturelle Macht von Michele Crossley und Nick Crossley diesen Punkt,Unternehmen zu bestimmen, was mit dem Be- indem sie behaupten, die ‚Patientenstimme’ seigriff Basisorganisation gemeint ist, aber auch ihre immer sozial konstruiert und historisch beson-Fähigkeit, sich selbst als menschenfreundliche ders. Außerdem sei die Kolonisierung durchOrganisationen und Partner im Streben nach bes- Unternehmen nur eine von vielen Formen, mitserer Gesundheit neu zu definieren. Diese Art der denen die Fähigkeit von Interessenvertretungs-Analyse betont das Subtile der antidemokrati- organisationen gefährdet wird, Stimme ihrer Mit-schen Kräfte, die in den mit Astroturf bezeichne- glieder zu sein.85 Andere Formen sind danach dieten Prozessen wirksam sind, und unterstreicht Professionalisierung, die Vereinnahmung durchdie Notwendigkeit, ihnen zu widerstehen. den Staat oder die unvermeidbar begrenzten Sys- teme organisationsinterner Demokratie. Im bes- 83 Crossley 200481 King 2004, S.489 84 Im Original „mental health service users’ groups”.82 Snow and Benford 1992 85 Michele Crossley und Nick Crossley 2001 30

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